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Super Santos

Diese Erzählung basiert auf einer wahren Begebenheit. Die Namen der Protagonisten stehen für reale Personen, einige Namen wurden jedoch geändert, weil die Ermittlungen noch nicht abgeschlossen sind oder neue Wahrheiten ans Licht kommen könnten.

Es ist ein ehernes Gesetz. Unumstößlich. Man müsste versuchen, eine mathematische Formel dafür zu finden. Oder wenigstens einen Näherungswert. Eine arithmetische Funktion, eine schwindelerregende logarithmische Gleichung, etwas streng Wissenschaftliches jedenfalls. Ein Kürzel, um die unverbrüchlichen und ewigen Mechanismen zu verstehen, denen der Straßenfußball folgt. Der Fettsack steht im Tor, der schnelle Schlaks ist der Stürmer, der Robuste der Verteidiger, und der ganze Rest spielt im Mittelfeld. Dort kann jeder einen Platz finden: wer nicht gut rennen, aber schießen kann, laufstark, aber kurzatmig, muskulös, aber nicht besonders belastbar ist. Mit anderen Worten: Das Mittelfeld bevölkern diejenigen, die alles nur halb können.

In den letzten Jahren hat sich allerdings einiges verändert. In meiner Kindheit war der Torwart immer der schlechteste Spieler und im Tor zu stehen eine Strafe, eine der schlimmsten Erniedrigungen überhaupt. Im Tor konnte man das Spiel nur aus der Ferne verfolgen und bekam den Ball so schmerzhaft ins Gesicht geschmettert, dass die Prellung wochenlang zu sehen war. Der Torwart war schuld, wenn seine Mannschaft ein Tor kassierte, aber wenn sie eines schoss, blieb er von den Umarmungen ausgeschlossen. Er war weniger ein Spieler als ein mobiler Balljunge. Eine furchtbare Rolle. Oft stellte sich reihum jeder einmal ins Tor, aber wenn sich keiner fand, der sich die Demütigung gefallen ließ, ins Abseits gestellt zu werden – wenn sich also alle Spieler standhaft weigerten –, entschied man sich für das »amerikanische Tor«. Für ein Spiel ohne Torwart. Die beiden Mannschaften traten gegeneinander an und spielten abwechselnd auf ein einziges leeres Tor. Eine Mannschaft verteidigte, die andere griff an, und nach jedem Ball, der ins Tor ging, wurde gewechselt. Ich habe keine Ahnung, warum man diese Art zu spielen »amerikanisch« nennt. Einmal fuhr ich im Auto mit ein paar alkoholisierten Jungs. Wir waren auf dem Heimweg von einer Party, und auf einer unbefestigten Straße rissen sie in voller Fahrt alle vier Türen auf und brüllten »andiamo all’americana«. Eine Pizzeria in Maddaloni hat »Pizza amerikanische Art« im Angebot: Auf einem dreibeinigen Tischaufsatz werden Wagenräder serviert, die mit allem Möglichen belegt sind. Riesige Dinger, maßlos übertrieben, »all’americana« eben. Alles, was befremdlich und verrückt oder einfach nur ungewöhnlich ist – ein Fußballspiel ohne Torwart zum Beispiel, eine Riesenpizza mit allem oder eine Autofahrt, bei der man idiotischerweise einen tödlichen Unfall riskiert, wird als »amerikanisch« bezeichnet.

Mittlerweise wurde die Rolle des Torhüters aufgewertet. Heute ist er ein Champion, er hat schöne Frauen und wird zum Welttorhüter des Jahres gewählt. Auf dem Feld spielt er eine zentrale Rolle und wird nicht einfach nur deshalb ins Tor gestellt, weil er nichts anderes drauf hat. Deswegen entscheiden sich heute viele Jungs dafür, im Tor zu spielen. Der Fettsack der Mannschaft fühlt sich nicht mehr ins Abseits gestellt, sondern dazu auserkoren, die letzte Festung zu verteidigen. In der Altstadt von Neapel stellen sich alle schwarzen Jungs ins Tor, seitdem der AC Mailand einen farbigen brasilianischen Torhüter eingekauft hat: Dida, der nicht gerade ein Champion ist. Ähnlich wie jene Jungs, die aus Argentinien kommen und dank Maradona grenzenloses Vertrauen in ihr fußballerisches Können genießen. Nach der Krise Argentiniens im Jahr 2000, die die Ersparnisse des kleinen und mittleren Bürgertums vernichtet hat, sind viele Argentinier, deren Vorfahren hundert Jahre zuvor vom Golf von Neapel aufgebrochen waren, dorthin zurückgekehrt. Die Enkel dieser Auswanderer haben in den italienischen Botschaften einen Pass zur Rückkehr in das Land ihrer Vorfahren erbettelt, den diese liebend gern zerrissen hätten, und sind in die Viertel zurückgekehrt, aus denen ihre Urgroßväter einst geflüchtet waren. Eine Reise in die umgekehrte Richtung, die sie sich niemals hätten träumen lassen. Die Jungs mit italienischen Nachnamen und lateinamerikanischen Vornamen sind zurückgekehrt, um in den Gassen ihrer Ururgroßväter zu spielen und wie ihre Urgroßväter die Sockel der Statuen mit Eckbällen zu beschießen. Es genügt, dass diese Jungs aus dem Land Maradonas kommen und einen ähnlichen Tonfall haben wie El Pibe de Oro, damit man ihnen auf der Stelle ein ungeheures Charisma und fußballerisches Geschick zuschreibt. Auch wenn sie Flaschen sind, totale Nieten.

Il tocco nennen wir im Süden die Auslosung der Mannschaften zwischen den beiden Kapitänen. Hier kann man seine Menschenkenntnis schulen. Kapitän werden immer die Rabauken und nicht unbedingt die besten Spieler. Das sind sie fast nie. Dafür grätschen sie so brutal in den gegnerischen Spieler rein, dass sie ihm garantiert den Fußknöchel ruinieren. Ihre Kopfstöße zielen direkt auf die Nase des Gegners. Sie spucken mit der Zielsicherheit von Scharfschützen und treffen jedes Mal ins Schwarze, also mitten ins Auge. Und wenn ein Spieler den Ball kaputtgemacht oder unerreichbar über ein Hoftor geschossen hat, lassen sie es ihn büßen. Aber für die Aufstellung der Mannschaften sind keine besonderen Fähigkeiten und kein besonderes Geschick erforderlich. Wer in welche Mannschaft kommt, entscheiden die Finger, die man vor dem Bauch öffnet oder schließt: Ching-Chang-Chong. Reiner Zufall, Glückssache. In der Regel wird als Erstes der Stürmer ausgewählt, ein Spieler mit Talent. Besteht aber der Rest der Mannschaft nur aus Nieten, bedeutet es ein Verdammungsurteil, als Erster ausgewählt worden zu sein, denn dann kann man die Hoffnung auf den Sieg gleich begraben. Und deshalb kommt es häufig vor, dass beim Ausknobeln der aus drei, vier, fünf oder sechs Spielern bestehenden Mannschaften der stärkste Spieler schnell merkt, dass es schlecht für ihn läuft, weil der Kapitän seines Teams die Nieten zieht. In dem Fall bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich auf den Boden zu werfen und loszuheulen. Ohne sich zu schämen. Denn zu weinen ist nur eine Schande, wenn man eine Ohrfeige bekommen hat. Das Schicksal des tocco zu beweinen ist dagegen der einzige Weg, der dazu führen kann, dass die Karten neu gemischt werden und das Fingerschleudern von vorne beginnt. Es ist keine Schande, gegen das Pech aufzubegehren. Oft ändert sich dadurch nichts, aber manchmal werden die Karten tatsächlich neu gemischt und die Mannschaften anders zusammengestellt, nur damit endlich Schluss ist mit dem Geflenne.

Der Ball ist elementar.

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