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Sunset

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über das Buch
  4. Über den Autor
  5. Titel
  6. Impressum
  7. Zitat
  8. Kapitel 1
  9. Kapitel 2
  10. Kapitel 3
  11. Kapitel 4
  12. Kapitel 5
  13. Kapitel 6
  14. Kapitel 7
  15. Kapitel 8
  16. Kapitel 9
  17. Kapitel 10
  18. Kapitel 11
  19. Kapitel 12
  20. Note
  21. Quellen
  22. Dank

Über das Buch

Feuchtwanger, Brecht und das kalifornische Exil - der Roman einer ungewöhnlichen Freundschaft.   Weltberühmt und wohlhabend, aber argwöhnisch beschattet von den Chargen der McCarthy-Ära, lebt Lion Feuchtwanger 1956 noch immer im kalifornischen Exil - der letzte der großen deutschen Emigranten. Als ihn an einem Augustmorgen die Nachricht vom plötzlichen Tod Bertolt Brechts erreicht, ist er tief erschüttert. Er hatte Brechts Genie entdeckt, hatte ihn gefördert, war ihm eng verbunden gewesen. In stummer Zwiesprache mit dem toten Freund ruft Feuchtwanger die Stationen dieser Freundschaft wach, ihren Beginn im München der Räterepublik, die literarischen Triumphe der Zwanzigerjahre, die Flucht und das Leben im Exil. Aus seinen Erinnerungen kristallisieren sich zugleich die Antriebsfedern des eigenen literarischen Schaffens heraus: die Trauer um die als Säugling verstorbene Tochter, seine Schuldgefühle und sein Ehrgeiz, die Traumata seiner Kindheit - und schließlich die Liebe und die Vergänglichkeit. Am Ende des Tages, als die Sonne im Stillen Ozean versinkt, ist der alte Feuchtwanger sich seiner Stärken und Schwächen hell bewusst und hat eine Bilanz des eigenen Lebens gezogen.

Über den Autor

Klaus Modick, geboren 1951 in Oldenburg, hat über Lion Feuchtwanger promoviert und in vielen seiner Romane das Prekäre des schriftstellerischen Schaffens erzählerisch behandelt. Er war Stipendiat der Villa Massimo und wurde für sein umfangreiches Werk mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Bettina-von-Arnim-Preis und dem Nicolas-Born-Preis. Er lebt in Oldenburg.

Klaus Modick

Sunset

Roman

Gedenkt unsrer mit Nachsicht

Bertolt Brecht: An die Nachgeborenen

— 1 —

Zwischen Himmel und Meer gähnt der Morgennebel, zieht Strand und Uferstraße in seinen silbergrauen Schlund, scheint aber vor den Palmen zurückzuweichen. Die hageren Stämme recken sich wie Wesen aus mythischen Zeiten, archaische Wächter des Landes, die mit scharf gefiederten Lanzen dem Nebel Einhalt gebieten. Die Sonne, ein milchweißer Fleck im Osten erst, wird bald den Vorhang zerreißen, die Fetzen in Dunst auflösen und den Blick freigeben auf die Bühne des Meeres, das unwandelbare Schauspiel von Wasser, Licht und Luft.

Dann wird die Horizontlinie dort liegen, wohin jetzt die Fingerspitzen des Mannes weisen, der, die Arme waagerecht ausgestreckt, das Kreuz durchgedrückt, langsam in die Knie geht und sich aus der Beuge wieder in den Stand hebt. Lautlos beginnt er zu zählen. Nach der zehnten Kniebeuge erhöht er das Tempo, nach der zwanzigsten spürt er die Belastung in Muskulatur und Gelenken, die gegen die Schwerkraft seines Körpers kämpfen, nach der dreißigsten atmet er heftiger wie bei einer Wanderung in dünner Höhenluft. Das ist der Sinn der Übung, und fünfzig Kniebeugen sind sein Pensum. Bei dreiunddreißig spürt er ein dünnes Stechen im Leib. Was ist das? Das hat er noch nie gespürt. Welches Organ sitzt an dieser Stelle? Nieren? Milz? Bei zweiundvierzig sticht es schärfer. Er ignoriert den Schmerz, erreicht schwer atmend die Fünfzig, schüttelt Arme und Beine aus. Bäuchlings legt er sich auf die Schilfmatte, atmet tief und ruhiger. Im Flechtmuster der Matte, ihrer schlichten Kunstfertigkeit, erkennt er etwas Vertrautes. Es hat mit seiner Arbeit zu tun. Es wird ihm wieder einfallen. Er wird die Worte finden.

Er beginnt mit den Liegestützen. Zählt, kämpft gegen die eigene Schwäche, gegen den Sumpf des Alterns, der von Tag zu Tag zäher wird. Und je zäher er an ihm zieht, desto öfter und greller kehrt das Entsetzen zurück, jene Panik des Kindes, das bei einer Wanderung im Sumpf stecken blieb, um Hilfe rief, wimmerte, bettelte, aber nur Spott und Hohn und schadenfrohes Gelächter zur Antwort bekam, während durch die düsteren Bäume des bayerischen Bergwalds, die den Sumpf säumten, schon die nasse Dämmerung sickerte und das Kind, das er war, sich nur aus eigener Kraft befreien konnte. Der Schock war ihm tief in die Knochen gefahren, hat sich im Gedächtnis der Glieder eingenistet und steigt ihm manchmal in schmerzlich scharf belichteten Bildern zu Kopf. Und zwischen den bauchigen, gedrungenen Säulen der Terrassenbalustrade scheint der Nebel schon eine Nuance heller.

Beim neunundzwanzigsten Liegestütz spürt er wieder das Stechen. Ob es zusammenhängt mit der üblen Prostatageschichte, die doch eigentlich als überwunden gilt? Überwunden freilich, wie der Chirurg verlegen grinsend erklärt hat, auf Kosten der sexuellen Potenz. Er zieht eine schmerzliche Grimasse. Zumindest seine Arbeitskraft ist ungebrochen. Oder doch nicht? Etwas fehlt seitdem. Seine Arbeitslust ist immer von Frauen befeuert worden, von ihrer Bewunderung, ihrer hingebungsvollen Begeisterung für sein Werk. Oder wenn nicht fürs Werk, dann immerhin für den Erfolg und den Ruhm. Erfolg und Ruhm haben ihn attraktiv gemacht, ausgerechnet ihn, den hässlichsten und kleinsten Juden Münchens. So hat er sich selbst bezeichnet, als er mit Marta eine der schönsten Frauen der Stadt eroberte. Auch damals war bereits Bewunderung im Spiel, denn wenn er auch hässlich und klein war, so war er zugleich klug, klüger als die meisten. Und bei der Arbeit war er zäh und fleißig, selbstbewusst und kraftvoll, und bei der Liebe war er es auch.

Das ist nun vorbei. Nur die Arbeit ist geblieben, und Ruhm und Erfolg sind immer noch gewachsen. Geblieben ist aber auch Marta, die von der Geliebten zur Gattin und Gefährtin wurde. Er hat ihre körperliche Schönheit bewundert und sehr begehrt, aber nach all den gemeinsamen Jahren nimmt er die körperlichen Reize kaum noch wahr. Er sieht nun einfach den Menschen, die Frau, mit der er lebt, und achtet nicht mehr auf ihre Hände und Augen, Beine und Brüste, als hätte ihr Körper seine Eigenheiten verloren. Das wird ihr ähnlich gehen mit ihm, da hat er keine Illusionen. Aber ihre Liebe hat sich durch alle Stürme bewährt und hat immer noch, vielleicht mehr denn je, Hand und Fuß. Andere Hände und Füße mochten nach wie vor reizend sein, lockten aber nicht mehr.

Bauchmuskulatur, Schultern und Unterarme beginnen zu schmerzen, doch auch dieser Schmerz gehört zum Programm und wird sich bald in entspanntes Behagen auflösen wie Nebel unter der Sonne. Per aspera ad astra. Mit der Arbeit ist es auch so. Ohne die Kärrnerei der Recherchen, die manchmal ein Stochern im Nebel der Möglichkeiten sind, ohne die qualvolle, stammelnde Suche nach treffenden Worten und Sätzen beim Diktat, ohne die Zweifel bei den Korrekturen gibt es nicht das Glücksgefühl des vollendeten Werks, nicht den Gipfeltriumph auf bezwungenem Berg, nicht den süßen Geschmack des Erfolgs, nicht den Beifall der Welt. Und ohne Kniebeugen, Dehnübungen, Liegestütze, Läufe kein gesunder Körper, der klaren Geist beherbergt. Er zählt. Mens sana. Das Stechen. In corpore sano. Lebensweisheit? Oder frommer Wunsch? Als ob in seinem Unterleib Nadeln stecken. Haben die Ärzte ihm etwas verheimlicht?

Der Schmerz versickert, als er sich wieder auf der Matte ausstreckt. Er streicht mit den Händen über die grobe Schilftextur. Die Matte stammt aus Mexiko. Die Matten, auf denen er im Manuskript, das ihn im Arbeitszimmer erwartet, seine alten Hebräer ruhen und lieben, leiden und sterben lässt, dürften kaum anders gewesen sein. Durch die vom Nebel wattierte Morgenstille vernimmt er Stimmen, Gemurmel, Getuschel aus großer Ferne, geisterhaft, aber nicht irrational noch unerklärbar, hat doch eine neue Kraft Einzug ins Denken gehalten, die Zeit als Dimension des Raums. Bei ihrem letzten Treffen hat Einstein ihm mit viel Witz, Lust an der Spekulation und feinem Sinn für literarische Arbeit erklärt, dass die Vergangenheit nicht nur in Büchern, Gegenständen oder in der Erinnerung präsent sei, sondern auch in der Sphäre der Zeit und damit auch im schwer fixierbaren, unendlichen Raum. So gesehen ist es keineswegs ausgeschlossen, dass auf irgendeiner Wellenlänge der Sinnesempfindungen plötzlich aus der Vergangenheit die raue Stimme des Bandenführers Jefta und der Gesang seiner schönen Tochter Ja’ala ertönen. Warum nicht? Wenn man das Licht von Sternen fotografieren kann, von Sternen, die im All längst erloschen, deren Strahlung aber auf der Fotoplatte noch nachweisbar ist, warum soll man dann nicht auch in Geschehnisse vergangener Zeiten eintauchen können? Es hängt nur vom geeigneten Instrument ab. Sein Instrument ist die Einfühlung, das Medium der historische Roman und seine Voraussetzung die gründliche Recherche. So belebt er längst Vergangenes in seiner Imagination, macht Geschichte gegenwärtig. Er denkt an die Nachricht von Einsteins Tod, die ihn vor über einem Jahr erreicht hat, und lächelt schmerzlich. Der Preis des Alterns ist Einsamkeit. Er blinzelt in den Nebel, atmet tief ein und aus, bläst die Glut unter der Asche an.

Durch die offen stehende Terrassentür schrillt die Klingel oben am Tor. Er zuckt zusammen. Wer kann das sein? So früh am Morgen? Der Postbote kommt erst später, Besucher sind nicht angemeldet. Wieder schlägt die Klingel an. Bislang ist ihm nie aufgefallen, dass es ein widerliches Geräusch ist, bohrend, stechend fast wie dieser zuvor nie empfundene Schmerz. Man sollte eine andere Klingel installieren, eine mit freundlichem Ton, der nach Willkommen klingt, nach Heimat oder zumindest nach Zuflucht. Es klingelt ein drittes Mal, anhaltend jetzt, dringlich. Er wird selber öffnen müssen. Er ist allein im Haus. Marta ist gestern nach San Diego gefahren, zu einem Anwalt wegen der endlosen, quälenden Einbürgerungsgeschichte, und wird erst morgen zurückkommen. Und Hilde, die Sekretärin, hat sich eine Woche Urlaub genommen, um irgendeine familiäre Angelegenheit in New York zu regeln.

Er rappelt sich vom Boden auf, spürt schwachen, diffusen Schwindel, durchquert den riesigen Salon, in dem man, wie Alma Mahler-Werfel einmal bemerkt hat, Basketball spielen könnte. Nein, die Werfelsche hat das nicht gesagt, das war gar nicht ihr Humor. Vermutlich hätte sie nicht einmal gewusst, was Basketball ist. Wer hatte es also gesagt? Eisler vielleicht, der notorisch Angeheiterte? Ein kühler Luftzug schwallt durch den Raum. Er fröstelt. Irgendwo im Obergeschoss schlägt eine Tür.

Im Innenhof verblühen die Rosen in müder Üppigkeit. Fast sieht es so aus, als verbluteten sie. Wieder schrillt die Klingel, diesmal schon wie resignierend, doch bedrohlich klingt sie immer. Vielleicht steht da vorm Tor einer von der Einwanderungsbehörde, einer dieser überaus korrekten, unheimlich höflich lächelnden Herren im blauen oder grauen Anzug und eng geschnürter Krawatte, Herren, von denen man nie weiß, wer oder was sie eigentlich sind. Juristen? Bürokratische Sachbearbeiter des INS? FBI-Leute? Agenten der CIA? Er zögert. Vielleicht ist schließlich doch noch ein Kongressbote mit der Vorladung gekommen, vor der er sich seit über einem Jahrzehnt fürchtet? Am Fuß der Treppe, die steil vom Patio zum Tor aufsteigt, hält er inne. Gewiss, Präsident Eisenhower hat den Großinquisitor McCarthy inzwischen kaltgestellt, und scharfe Wadenbeißer wie Stripling sind sogar im Gefängnis gelandet. Aber fanatische Hetzer wie der Senator Nixon kochen immer noch ihr widerliches Süppchen auf der Flamme des Antikommunismus, versuchen ihre Paranoia zur Staatsdoktrin zu machen. Der Bote müsste ihm die Vorladung persönlich aushändigen, müsste ihn in einem archaischen Ritual mit dem Schriftstück berühren. Wenn er jetzt nicht öffnet, wird der Bote morgen wiederkommen. Oder übermorgen. Oder in einem Monat. Diese Gestalten kommen immer wieder. Vor solchen Boten gibt es kein Entkommen, keinen Ausweg, kein Versteck. Nur die Angst wird wachsen und ihm auf den Magen schlagen. Vielleicht ist sogar der merkwürdige, stechende Schmerz dieser Angst geschuldet? Dieser seit Jahren wie ein Krebsgeschwür wuchernden Angst. Sie wird ihn umbringen. Und vielleicht wird auch der letzte Bote eines Tages so kommen, wird sich höflich verbeugen, wenn er das tödliche Schriftstück überreicht. Aber davor fürchtet er sich nicht. Er wird die Nachricht bekommen, und das wird alles sein. Er wird vielleicht aufschauen, etwas zerstreut von der Arbeit und vom Leben, und wird einfach sagen: Ja, ja. Es muss sein. Einen Augenblick, etwas wollte ich noch. Diesen einen Satz noch, dies letzte Wort. Was war es noch gleich? Ach ja, leben. Aber dann ist es zu spät, und er muss gehen.

Er holt tief Luft, atmet den schweren Rosenduft ein. Schwerfällig und zögernd steigt er die Treppe hinauf. Auf der Straße, vorm schmiedeeisernen Gitterwerk des Tors, steht ein Mann in schwarzer, gelb geränderter Uniform, die schwarze Schirmmütze mit dem gelben Schriftzug »Western Union« lässig in den Nacken geschoben. Auf der anderen Straßenseite parkt ein schwarzer Lieferwagen, auf der Tür steht der gleiche Schriftzug. Ach, nur ein Telegramm. Er atmet auf. Oder eine Zahlungsanweisung, ausstehende Honorare. Was sonst? Er lächelt befreit, Geld macht selbstbewusst, unabhängig und frei, öffnet das Tor, erwidert den Gruß und das Kopfnicken des Boten, der ihm einen Umschlag entgegenstreckt.

»Telegramm für Mister, ähm, einen Mister Fu, ähm …«, murmelt der Bote und scheitert beim Versuch, den für Amerikaner rätselhaft-unaussprechlichen Namen über die Lippen zu bringen, bereits an der ersten Silbe.

»Das ist okay«, sagt er nachsichtig, »das bin ich«, nimmt den Umschlag, will, um dem Mann ein Trinkgeld zu geben, eine Münze aus der Hosentasche ziehen – und erschrickt darüber, nur mit Shorts und Turnhemd bekleidet zu sein. Ein kleiner, schüchterner Junge in kurzer Hose mit hoffnungslos leeren Taschen. Und Englisch mangelhaft mit lächerlich bayerischem Akzent. Er spürt, wie die Röte über Stirn und Wangen aufblüht. »Entschuldigung, warten Sie bitte einen Moment«, murmelt er, «ich hole Ihnen schnell ein Trinkgeld.«

Hastig faltet er den Umschlag zusammen, schiebt ihn in die Tasche der Turnhose, läuft treppab, vorbei am Brunnen durch den Patio zurück ins Haus, treppauf in sein Schlafzimmer. Brille, Armbanduhr, Schlüssel und Portemonnaie liegen auf der Kommode. Er setzt sich die Brille auf, greift zur Börse, hastet treppab und treppauf zurück zum Tor, wo der Bote, der sich inzwischen eine Zigarette angesteckt hat, an der Mauer lehnt und Rauch in den sich lichtenden Nebel bläst. Das Münzfach des Portemonnaies ist leer. Natürlich, sie legen die Münzen ja immer in die kleine Schale in der Pantry, um Trink- und Wechselgeld griffbereit zu haben. Ein Dollarschein ist ein hohes, viel zu hohes Trinkgeld. Aber für Kleingeld erneut kehrtmachen und in die Pantry laufen? Das wäre überaus peinlich, und der Bote, der schon einen langen Blick auf die Geldscheine geworfen hat, würde womöglich sein Vorurteil vom Geiz der Reichen bestätigt finden, würde gewiss überall vom jüdischen Geiz des Emigranten in seinem prächtigen Schloss palavern. So beiläufig wie möglich zupft er eine Ein-Dollar-Note aus der Börse und drückt sie dem Boten in die Hand.

Der Mann zuckt zusammen, als habe er ein militärisches Kommando vernommen, zertritt hektisch die halb gerauchte Zigarette, schiebt sich die Schirmmütze aus dem Nacken auf die Stirn und stammelt: »Sir! Danke, Sir! Haben Sie vielen Dank.« Dann geht er, den Schein wie etwas Zerbrechliches in der Hand, mit drei, vier schnellen Schritten zu seinem Lieferwagen, öffnet die Tür und dreht sich noch einmal um. »Und einen schönen Tag!«

Der Hausherr lächelt verknittert hinter dicken Brillengläsern, nickt zerstreut vor sich hin. »Ja, ja, schon gut«, sagt er mit hoher, gequetschter Stimme, »Ihnen auch.«

Er hebt eine Hand zum Gruß und beobachtet, wie der schwarze Wagen langsam bergab Richtung Sunset Boulevard rollt, bis er an der scharfen Linkskurve aus dem Blickfeld verschwindet und die blaugrauen Auspuffgase sich in treibenden Nebelschwaden auflösen. Noch ein paar Sekunden lauscht er dem verebbenden Motorengeräusch. Dann ist es sehr still, und anschwellendes Zikadengeschrei aus den Küstenbergen, über denen der Nebel zäh wie in Zeitlupe zerreißt, lässt die Stille noch tiefer erscheinen.

Er schlendert, gemächlich jetzt und beruhigt, durch Patio und Salon. Ja, Hanns Eisler hatte die Basketballbemerkung gemacht, nach etlichen Drinks, worauf Charlie Chaplin sein Cocktailglas mit beiden Händen so gehalten hatte, als wollte er es in einen imaginären Korb überm Kamin werfen. Die Bewegung war so echt, dass Marta seinen Arm festhielt, um den Wurf zu verhindern. »Endlich fallen Sie mir freiwillig in den Arm, Verehrteste«, sagte Chaplin und lächelte charmant.

Zurück auf der Terrasse, setzt er sich auf die steinerne Bank, faltet den Umschlag auseinander, reißt ihn auf, entnimmt ihm das Telegramm, rückt die Brille zurecht, liest.

»Nein«, sagt er laut in den Nebel hinaus, »aber nein!« Er schüttelt ungläubig, entgeistert den Kopf und hat Mühe, das Zittern seiner Hand zu unterdrücken, als er das Telegramm ein zweites Mal liest, langsam, Zeichen für Zeichen, Wort für Wort, als sei ihm beim ersten Blick etwas Wichtiges entgangen. Ein Widerruf. Eine Einschränkung. Oder ein Trost.

WESTERN UNION

TELEGRAM

AUG 16 PM 2 26

INTL FR=ZP BERLIN VIA WUCABLES 16 1929=

LEION FEUCHTWANGER P C B

520 PASEO MIRAMAR

325 PACIFIC PALISADES(CALIF)=

BERTOLT BRECHT GESTORBEN STOP BITTEN UM IHRE TEILNAHME AM STAATSAKT SONNABEND 18 AUGUST 11 UHR IM THEATER AM SCHIFFBAUERDAMM=

DR HC JOHANNES R BECHER MINISTER FUER KULTUR=

Da ist kein Widerruf, ist kein Trost, nirgends, nicht einmal im Kleingedruckten am unteren Rand. THE COMPANY WILL APPRECIATE SUGGESTIONS FROM ITS PATRONS CONCERNING ITS SERVICE. Merkwürdig nur, dass hier nicht wie üblich sein Nachname, sondern sein Vorname falsch geschrieben ist. Leion. Wer hat diesmal den Fehler gemacht? Ein klassenbewusster Dummkopf, Arbeiter oder Bauer, aus Ostberlin? Oder eine hübsche, naive Miss aus Kalifornien? Bertolt Brecht ist richtig geschrieben. Aber Bertolt Brecht ist jetzt tot. Der war doch noch viel zu jung! Hat manchmal über Herzbeschwerden geklagt, ja, das schon. Hat auch nie Sport getrieben, hat nur davon geschwärmt, von Boxern und Rennfahrern. Hat sich milde amüsiert über seine Freiübungen und die strenge, von Marta verordnete und überwachte Diät. Hat aber immer dunkle Zigarren gequalmt und manchmal von ganz unten heraus gehustet.

Wann war er geboren? 99? Nein, 1898. Dann wäre er jetzt 58. Vierzehn Jahre jünger als er. Aber nicht gesünder. Man hat sich ja oft Sorgen um Brecht gemacht, besonders Marta. Brecht ist wohl auch ein bisschen verliebt in sie gewesen, nicht wahr? So wie alle, fast alle Männer, mit denen sie Umgang hatte. Und Brecht hat fast allen Frauen den Hof gemacht, mit denen er Umgang hatte, wie flüchtig auch immer. Aber Brecht und er sind, ach, waren ja Freunde. Und von den Frauen der Freunde lässt man die Finger, nicht wahr, wenn man die Freundschaft nicht aufs Spiel setzen will.

Sehr gute Freunde sind sie gewesen. Und Partner.

Manchmal ist Brecht ihm wie ein jüngerer Bruder vorgekommen. Und manchmal hat er sogar väterliche Gefühle für ihn gehegt. Das war vielleicht albern? Bei nur vierzehn Jahren Unterschied … Aber gestanden hat er ihm solche Gefühle natürlich nie. Brecht hätte ihn ja ausgelacht. Und schließlich hatte der selber Kinder, Töchter und Söhne und noch das eine oder andere uneheliche Balg dazu, während er selbst keine Kinder hat. Und weil er nie Vater geworden ist, nie wirklich Vater jedenfalls, weiß er im Grunde gar nicht, was väterliche Gefühle sind. Aber vielleicht ist genau das der Grund, warum solche Gefühle ihn manchmal heimsuchen? Heimsuchen, denkt er. Schönes, deutsches Wort. Ein Heim suchen. Merkwürdiges Wort, weil es das Gegenteil sagt. Nicht ein Heim suchen, sondern verfolgt werden. Verfolgte sind immer auf der Suche nach einem Heim. Auch Brecht war immer auf der Suche nach einem Zuhause, obwohl er sich lieber die Zunge abgebissen hätte, als es einzuräumen. So sentimental er sich manchmal fühlen mochte – ein sentimentales Wort ist dem nie über die Lippen gekommen und schon gar nicht aufs Papier. In dem Roman, an dem Feuchtwanger jetzt schreibt und dessen Manuskript oben im Arbeitszimmer auf ihn wartet, geht es auch um einen Vater und eine Tochter, wieder einmal. »Entschuldigen Sie, mein Lieber«, flüstert er, als spräche er zu einem Anwesenden, »ich weiß, wie zuwider Ihnen solche Psychologie ist.« War.

Ach, Brecht! War der denn so krank? Seinen letzten Brief hatte er zwar aus einem Krankenzimmer der Charité geschrieben, wegen einer Virusgrippe, aber da hatte er doch noch recht optimistisch geklungen. Von einer möglichen Inszenierung der Simone in Paris war die Rede. Und er hatte angefragt, wie es um Feuchtwangers Europatrip stünde. Aber so einfach ist das alles nicht. Weder hier noch dort. Weder jetzt noch damals.

Damals zum Beispiel, nach Kriegsende, wurde Feuchtwanger von der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press gedrängt, über den Nürnberger Prozess zu schreiben; nicht als Journalist, Reporter waren zu Dutzenden dort, sondern als weltberühmter Autor und Antifaschist. Er lehnte ab.

»Ich kann so etwas nicht gut«, sagte er.

»Dann machen Sie es, so gut Sie es können«, sagte Brecht. »Sie sind der Einzige von uns, der aufgefordert wird.«

»Sie überschätzen den Prozess«, sagte er, »es wird nicht viel dabei herauskommen.«

Brecht war entschieden anderer Meinung. »Zum ersten Mal in der Geschichte steht eine Regierung wegen ihrer ungeheuerlichen Verbrechen vor Gericht.«

»Ich fürchte, es ist nicht ernst gemeint«, sagte Feuchtwanger leise.

»Gerade deswegen müssen Sie gehen, Feuchtwanger. Damit die Verbrechen dieser Regierung gegen ihr eigenes Volk auch erinnert und nicht zu Sensationsmeldungen in Zeitungen banalisiert werden.«

»Versuchen Sie doch bitte, meine Gründe zu verstehen. Ich stecke tief in meinem neuen Roman. Und außerdem –«

»Sie sind in einer Position«, unterbrach Brecht barsch, »wo man Sie, einzig und allein Sie, nicht etwa Thomas Mann, auffordert, die deutschen Antinazisten zu vertreten, ihnen Stimme zu geben. Sie haben jetzt nicht das Recht, Ihren Roman weiterzuschreiben. Erscheinen Sie auf dem Kampfplatz, auch wenn Sie stottern und schlottern.«

»Ach, ich bitte Sie. Sie wissen, es ist nicht Feigheit.«

»Ich weiß Schlimmeres«, sagte Brecht kühl. »Es ist Bequemlichkeit.«

Brecht hat gut reden gehabt, weil er nichts zu verlieren hatte. Vielleicht ist es aber doch Feigheit gewesen? Und Bequemlichkeit auch? Denn aus dem Land wird man ihn jederzeit hinauslassen, damals wie heute, mit oder ohne Presseausweis der AP. Hinaus lässt man ihn jederzeit, wäre vielleicht sogar froh, wenn er ginge. Die Frage ist nur, ob man ihn auch wieder hereinlässt, solange ihm die amerikanische Staatsangehörigkeit verweigert bleibt. Die Einwanderungsbehörden machen Marta und ihm die Entscheidung leicht, aber das Leben schwer. Vielleicht ist der Wartesaal des Exils, in dem er nun seit einem Vierteljahrhundert sitzt, gar kein Wartesaal, sondern ein lebenslängliches Gefängnis? Ein Käfig, vergoldet vom Glücksversprechen Amerikas, komfortabel möbliert mit Weltruhm und einer Flut von Tantiemen?

Plötzlich versteht er auch die merkwürdige Bemerkung aus Brechts letztem Brief. Über Amselgesang, hatte er da geschrieben, über Amselgesang, der nach ihm käme, könne er sich freuen, und seit geraumer Zeit habe er keine Todesfurcht mehr, da ja nichts einem je fehlen könne, wenn man selber fehle. Aber Brecht wird ihm fehlen. Und auf dem Staatsakt morgen um 11 Uhr wird er fehlen. Wer einem heute ein Telegramm nach Los Angeles schickt, dass man morgen in Ostberlin erwartet werde, der will einen dort gar nicht sehen, der entledigt sich nur einer lästigen Pflicht. Jetzt spendiert Becher, der vom Dichter freiwillig zum Proletarier abgestiegen ist und sich vom Proletarier zum Doktor ehrenhalber und Staatsbürokraten gedienert und intrigiert hat, dem Brecht einen Staatsakt. Jetzt, da er tot ist und für immer das Maul halten wird. Ein Staatsakt ausgerechnet für Brecht, mit dem nie Staat zu machen war, nicht einmal in jener unausgegorenen ostdeutschen Republik, die sich demokratisch nennt.

Und seit wann genau ist Brecht tot und stumm und den Bechers dieser Welt ausgeliefert? Er starrt wieder das Telegramm an. Gestern, am 16. August 1956 um zwei Uhr sechsundzwanzig, ist es eingegangen, vermutlich in Santa Monica. Aber wenn es bereits gestern Nachmittag angekommen ist, warum wird es dann erst heute früh zugestellt? Kalifornische Schlampigkeit, die er mit dem viel zu hohen Trinkgeld auch noch belohnt hat? Oder ist die Zensur, der seine Post jahrelang unterworfen war, die seit einiger Zeit aber abgeschafft zu sein scheint, wie ein schlafender Hund vor diesem bloßen Namen aufgeschreckt? Bertolt Brecht. Gestorben. Staatsbegräbnis. Vor dem muss sich also niemand mehr fürchten. Höchstens noch vor seinem Werk. Ein rotes Schreckgespenst weniger für den sogenannten freien Westen. Allerdings ein Verlust für die Paranoiabrandstifter und Hysterieschürer. Ob von den Inquisitoren in den unauffälligen Anzügen sich überhaupt noch einer an ihn erinnert? Brecht? An den Namen vielleicht, der lässt sich, anders als seiner, leicht merken und noch leichter falsch aussprechen. »Breckt«, flüstert er tonlos. Sagt man hier. Sagte man. Als Brecht in Amerika ankam, kannte ihn niemand außer einer Handvoll Emigranten, und als er wieder abreiste, hatte sich wenig daran geändert. Lief, die Zigarre im Mund, durch Hollywood und ging den Filmleuten damit auf die Nerven, dass er ihnen etwas übers epische Theater vordozierte. Auf äußere Spannung käme es gar nicht an, die verdunkle nur die Botschaft. Die Filmleute lächelten höflich und dachten sich ihren Teil. Hat Charlie Chaplin verehrt und hätte sein letztes Hemd gegeben, um mit Chaplin zusammenarbeiten zu können, aber Chaplin war nie um eine Ausrede verlegen. Man nahm Brecht einfach nicht für voll. Hier hat er keine Spuren hinter sich verwischen müssen, weil er hier keine hinterlassen hat.

Erst als ihm der Mund trocken wird und ihm auffällt, dass er noch nicht gefrühstückt hat, merkt Feuchtwanger, dass er halblaut vor sich hin spricht, fast so, als diktiere er seiner Sekretärin. Zu einem Toten sprechen? Zu einem Geist? Er verstummt, als schäme er sich vor sich selbst. Oder vor dem Toten. Man wird ihn früher oder später um Nachrufe auf Brecht angehen, die er dann diktieren wird, aber sie werden anders gedacht und gesprochen sein als sein halblautes Gestammel jetzt. Sie werden gut geschrieben sein, brillant, man wird sie überall drucken, aber ihnen wird auch etwas fehlen. Vielleicht das Entscheidende. Er weiß, was fehlen wird, kann es aber nicht in Worte fassen, weil es wie in Nebeln unter den Worten schwebt.

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