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Sunny & Einauge

Die Autorin

Marga Rodmann, am 15.08.1968 in Bonn geboren, wohnt heute in Idstein im Taunus.

Sie hat zunächst BWL in Ravensburg und dann Landschaftsarchitektur in Erfurt mit dem Schwerpunkt Landschaftsplanung/Naturschutz studiert.

Nach einer Weiterbildung zur Umweltpädagogin hat sie ehrenamtlich viele Naturexkursionen konzipiert und durchgeführt, unter anderen zum Thema „Wolf“.

Hauptberuflich arbeitet sie seit vielen Jahren in der Beruflichen Rehabilitation für psychisch Kranke. Bisherige Veröffentlichungen von Kurzgeschichten:

„Die alte Elefantendame“ in „Der Taunus lässt büßen“, 2007, Sigrid Böhme Verlag

„Permafrost“ in „Bei Zitat Mord“, 2015, Brücken Verlag

„Der Gänsebraten“ in „Hessisch kriminelle Weihnacht“, 2017, Wellhöfer Verlag

„Die Haare der Frauen“ und „Streit hinter dem Wasser“ in „Mörder, Tote, Kommissare“, 2018, Dostojewskis Erben

Es lockt das andere Ufer

Rio folgt dem Duft des jungen Mädchens. Er hat sie schon oft beobachtet, während sie allein durch die Wälder streifte. Die unendlich wirkenden dunklen Wälder, in denen sie beide aufgewachsen sind. Das Mädchen ist eigenwillig. Sondert sich gern von ihrer Gruppe ab und macht ausgedehnte Streifzüge. Anscheinend will sie sich nicht unterordnen, kann sich aber auch noch nicht dazu durchringen, ganz abzuwandern.

Seit langem zieht sie allein ihre Kreise. Und Rio ist ihr schon oft dabei gefolgt. Ebenso wie heute hält er meist etwas Abstand. Aber er beobachtet sie genau. Grazil und leichtfüßig setzt sie einen Fuß vor den anderen. Ihr Gang ist federnd. Unbeschwert. Ob sie von einem eigenen Rudel träumt? Rio wäre bereit gewesen, es mit ihr zu gründen. Er hat sich ihr sogar schon genähert. Ihr vorgeschlagen, gemeinsam abzuwandern. Sie hat ihn zurückgewiesen. Aber Rio ist geduldig.

Diese graubraune schöne Wölfin ist noch sehr jung und hat noch nicht viel Erfahrung. Jagen kann sie bereits ausgezeichnet. Sie kann bestens für sich allein sorgen. Das ist Rio gleich aufgefallen.

Und sie riecht so gut. Rio hätte ihr überall hin folgen können. Das tut er jetzt auch, während sie ihre Runde ausdehnt und sich immer weiter von ihrem elterlichen Rudel entfernt. Zweimal ist es bereits Nacht geworden, ohne dass sie zum Rudel zurückgekehrt ist. Rio spürt, dass etwas Besonderes in der Luft weht. Etwas ist anders als sonst. Das riecht er. Der Wald riecht anders. Fremder. Die Duftmarken der Rudel fehlen und auch sie riecht anders. Voller Anspannung. Seinen leeren Magen beachtet er nicht. So weit entfernt darf er sie auf keinen Fall verlieren. Die Nase dicht am Boden trabt er weiter und folgt ihrem Duft. Plötzlich taucht der große Fluss vor ihm auf. Dort verliert sich ihre Spur.

Rio zittert leicht und blickt über die Wasseroberfläche, die sich im Wind kräuselt und leise gurgelt. Und dort sieht er sie. Er hat schon öfters davon gehört.

Dass Wölfe, die ihren eigenen Weg suchen, hinübergeschwommen sind. Angeblich ist noch keiner zurückgekommen. Was sie da drüben erleben, darüber erzählen die Alten ganz unterschiedliche Geschichten.

Manche behaupten, da drüben gäbe es unglaublich schmackhafte Reviere. Voller dummer Tiere, die zum Reißen bereitstehen. Es soll früher auch einmal Wolfsland gewesen sein und nun darauf warten, dass sie es wiederentdecken.

Manche allerdings sagen, dort sei eine ganz grauenvolle Gegend. Voller Menschen, die die Wölfe unbedingt umbringen wollen, um sie loszuwerden. Die Menschen dort sollen angeblich viel größer, klüger und gefährlicher sein als die Menschen hier.

In den heimischen Wäldern schießen sie auch. Rio muss auch hier auf der Hut sein. Aber in den dunklen Wäldern sind die Menschen relativ gemütlich und interessieren sich im Allgemeinen nicht so sehr für ihre Nachbarn im Wald.

Nun schwimmt sie also hinüber. Seine Traumwölfin. Auch sie würde nicht mehr zurückkommen. Niemand kommt von drüben zurück. Wenn er ihr jetzt nicht folgt, würde er sie für immer verlieren. Wenn er ihr folgt, würde auch er nicht zurückkommen. Auch er hätte somit sein Rudel verlassen. Er läuft ein paar Schritte hin und her. Unschlüssig. Seine Füße treten die feuchte Erde platt, so dass sich unter ihnen eine Pfütze bildet und die Krallen im Schlamm versinken. Sie ist schon in der Mitte des Flusses. Wird ein wenig von der Strömung abgetrieben. Aber sie hält zielstrebig auf das andere Ufer zu. Sie ist entschlossen. Rio leckt unentschlossen über seine Brust und betrachtet die Schlammkuhle, in der er steht. Er denkt an seine Eltern und an seine jüngeren Geschwister, die noch bei den Eltern leben. Aus seinem Wurf ist er der letzte. Rio schüttelt sich, als wolle er alle Zweifel aus seinem Fell schleudern. Dann springt er ins Wasser und schwimmt.

Mit strampelnden Füßen und auf dem Wasser liegenden Schwanz steuert er auf die Mitte des Flusses zu. Den Blick auf sie gerichtet. Und auf das andere Ufer.

Rio strampelt und strampelt. Fest davon überzeugt, sie auf der anderen Seite erobern zu können. Es ist anstrengend. Der Fluss ist breiter, als er vermutet hat. Es erscheint ihm wie eine Ewigkeit, bis das andere Ufer tatsächlich größer wird und er alle Details der Böschung erkennen kann.

Sie hat er doch noch aus den Augen verloren. Sie muss drüben angekommen und an der Uferböschung emporgeklettert sein, als ihn ein Wirbel erwischt und er sich ganz auf das Wasser konzentriert hat. Außerdem muss er aufpassen, dass er nicht zu weit abgetrieben wird, damit er drüben ihre Fährte wieder aufnehmen kann. Sie würde sicherlich nicht auf ihn warten. So sind Frauen leider nicht. Er muss ihr so lange hinterherrennen, bis sie ihn erhört.

Endlich, nach einer endlos scheinenden Zeit, hat er es geschafft. Seine strampelnden Beine berühren etwas und seine Pfoten ertasten den schlammigen Untergrund. Kurz darauf kann er stehen – wenn auch nur mühsam, da er immer wieder in dem weichen Boden einsinkt. Aber er hat das andere Ufer erreicht. Er hechelt laut und zieht sich die steile Böschung hinauf. Die lockeren Steine, gemischt mit Schlamm und Erde, rutschen unter ihm weg und ziehen ihn immer wieder nach unten. Schließlich bekommt er mit den Pfoten ein paar Wurzeln zu fassen und schafft es auf den ebenen, grasbewachsenen Boden oberhalb der Böschung.

Rio schüttelt sich kräftig, so dass tausende von Wassertropfen in alle Richtungen aus seinem Fell springen. Daraufhin bleibt er reglos stehen. Seine Nase in die Luft gereckt, versucht er, alle Düfte, die er wahrnimmt, einzuordnen. Die meisten davon, wie Erde, Pilze oder Wildschwein, sind ihm bekannt. Ihrer ist nicht dabei. Sie muss an einer anderen Stelle aus dem Wasser gekommen sein. Doch wo? Weiter oben oder weiter unten?

Rio dreht sich um und blickt auf die Böschung und auf das alte Ufer. Das, von dem er gekommen ist. Er erkennt die Stelle, an der er losgeschwommen ist. Sie ist schräg gegenüber. Rio betrachtet den Fluss und die darauf treibenden Hölzer eine Weile. Dann ist er sich sicher, dass es ihn weniger stark abgetrieben hat als sie, da er größer und kräftiger ist. Also wendet er sich flussabwärts, die Nase dicht am Boden.

Es gibt viele interessante Gerüche, von denen er sich normalerweise liebend gern hätte ablenken lassen. Doch jetzt gibt es etwas Wichtigeres. Hier in diesem unbekannten Gebiet will er ihre Fährte so schnell wie möglich wieder aufnehmen. Nicht zu viel Fremdes zwischen sich und seine Traumwölfin kommen lassen.

Da. Endlich. Ganz schwach riecht Rio sie. Hier in der Nähe muss ihre Spur sein. Wie wild rennt er hin und her und versucht, die richtige Stelle zu finden, an der der Duft am stärksten ist. Rio schnuppert immer hastiger umher und wedelt immer heftiger mit dem Schwanz. Er fühlt sich seinem Ziel ganz nah. Kann es kaum erwarten, loszurennen.

Als er ein lautes Knallen hört, schreckt er zusammen. Er kennt dieses unangenehme Geräusch. Es kommt von den Menschen mit ihren Knallstöcken. Auch wenn er so etwas noch nie gesehen hat, gehört hat er so einen Knall auch im dunklen Wald schon oft. Sollten die Erzählungen stimmen, von den besonders bösen Menschen in diesem Land? Ein erneuter Knall. Diesmal näher. Es tut seinen Ohren weh. Rio hört auf zu denken und rennt riechlings davon. Er achtet nicht mehr auf die Spur seiner auserkorenen Wölfin. Er läuft einfach hinein in den Wald. Irgendwo, mitten im dichtesten Dickicht, hält er inne und hechelt lautlos vor sich hin.

Bewegungslos steht er da und lauscht. Er hört nichts. Zumindest nichts, was in einem Wald nicht immer zu hören ist. Dafür riecht er etwas Wunderbares. Es riecht nach Wolf. Enttäuscht erschnuppert er allerdings, dass es nicht ihr Duft ist. Auch wenn es eindeutig ein Wolf ist.

Langsam schleicht er in die Richtung, aus der ihm der wohltuende Duft entgegen strömt. Mit jedem Schritt wird er intensiver. Doch dann mischt sich ein unguter Geruch hinzu. Der Gestank nach Menschen. Und etwas Weiteres, das nicht in die Welt des Waldes gehört, das Rio aber nicht einordnen kann. Es riecht zwar ganz anders, aber ebenso unangenehm, wie der Mensch.

Vorsichtig schleicht er weiter. Nun gefällt ihm auch der Wolfsgeruch nicht mehr. Denn es riecht nach totem Wolf. Sein Herz poltert unter seinem Fell. In dem Moment ist er heilfroh, dass es nicht ihr Geruch ist. Er schleicht noch näher heran. Und nun kann er das Gerochene auch sehen. Der Wolf liegt am Boden, ein blutiges Rinnsal fließt an seiner Flanke entlang in den Waldboden. Ein Mann, blattfarben eingehüllt, steht daneben. Er sieht unbeholfen aus.

Sein Gesichtsausdruck und der Knallstock in seiner Hand machen allerdings einen anderen Eindruck. Beides kommt Rio böse und bedrohlich vor.

Und von dem Knallstock geht dieser unangenehme Geruch aus, den er zuvor noch nicht zuordnen konnte. Jetzt wird Rio diesen nicht mehr vergessen.

Rio weiß nicht, was er tun soll. Er verharrt in seinem Versteck, in der Hoffnung, nicht entdeckt zu werden. Sonst würde er sicherlich auch getötet werden. Das hat er bereits von seinen Eltern gelernt. Doch er erinnert sich auch daran, dass Menschen nicht riechen können. Oder zumindest nur sehr sehr schlecht. Auch hören können sie nicht gut. Also legt Rio sich flach auf den Boden und wartet.

Der Mensch fummelt an sich herum und hebt anschließend den männlichen Jährling, der noch nicht sehr schwer ist, auf seine Schulter und stapft mit donnernden Schritten davon. Rio folgt ihm mit den Augen, soweit es ohne große Bewegungen möglich ist.

Wie laut dieser Mensch doch ist. Und wie unbeholfen er wirkt. Kaum zu glauben, dass er trotzdem so gefährlich sein kann. Aber ohne seinen lauten Knallstock wäre er das wohl nicht.

Dann könnte man ihn leicht erlegen. Aber was dann? Als Nahrung würde er sich nicht eignen. Menschen stinken so fürchterlich, dass Rio schon bei dem Gedanken, ein Stück Fleisch aus einem von ihnen herauszureißen, schlecht wird.

Mittlerweile ist dieser Mensch aus seiner Nähe verschwunden. Auch der Geruch nimmt mehr und mehr ab. Und der Freude darüber, dass es nicht sie war, die der Mensch da weggeschleppt hat, folgt Traurigkeit, weil er ihre Spur verloren hat. Er sollte wieder zurück zum Fluss, damit er ihre Fährte erneut aufnehmen kann. Zwischenzeitlich ist sie vielleicht schon unendlich weit entfernt. Schließlich hat sie kein Rudel in der Nähe. Kein Territorium, in das sie zurückkehren würde und Niemanden, auf den sie Rücksicht nehmen muss.

Sie ist auf der Durchreise. Auf der Suche nach einer neuen Heimat. Wie sie machen es viele Wölfe. Wenn sie den Drang verspüren, eine eigene Familie zu gründen, verlassen sie ihr Rudel. Denn ihre Eltern würden es ihnen nicht erlauben, in ihrem Territorium eine eigene Familie zu gründen. Das dürfen nur sie, die Leitwölfe.

Wer sonst noch einen Partner und Kinder haben möchte, muss gehen und sich ein eigenes Revier suchen.

Daher gehen auch einige hierher. In das unbekannte Land auf der anderen Seite des Flusses. Denn hier gibt es anscheinend noch nicht viele Rudel oder kaum Rudel mehr und somit auch genügend Platz, um mit Niemandem um ein Territorium kämpfen zu müssen. Im Gebiet seiner alten Heimat gibt es zwar auch nicht viele Rudel und noch genügend Platz. Aber dennoch mussten sie des Öfteren um die leckerste Beute streiten, da es davon nicht immer genügend gab.

Im Moment beschäftigt sich Rio allerdings nicht damit. Er hat noch nicht nach großer Beute Ausschau gehalten. Der Schreck, ausgelöst von dem lauten Knall und dem toten Wolf, sitzt ihm immer noch in den Knochen. Außerdem ist er ja auf der Suche nach seiner Auserwählten. Und das ist ihm im Moment wichtiger als Beute.

Rio hebt die Nase in die Luft und schnuppert. Es riecht nach den Düften des Waldes. Harmlose Bäume und Sträucher, Pilze und viele Tiere verteilen ihre Gerüche. Mäuse, Rehe, Hirsche und Wildschweine nimmt Rio wahr. Die müssen natürlich nicht alle in der Nähe sein, um gerochen zu werden. Rio hat schließlich eine Wolfsnase und die ist sehr fein und kann Gerüche auch noch wahrnehmen, wenn die dazugehörigen Tiere schon längst woanders sind. Und er kann stärkere Gerüche, wie die von Wildschweinen oder Menschen, über weite Strecken erschnuppern, wenn er aufmerksam ist. Als Welpe musste er das erst trainieren und war manchmal überrascht über die Fähigkeiten der Alttiere. Jetzt ist Rio eher erstaunt darüber, dass er über all das nachdenkt, obwohl es mittlerweile so normal für ihn ist. Jeder Wolf kann das, wenn er noch nicht zu alt geworden ist. Hier sind die Gerüche zwar ähnlich wie in seiner alten Heimat, aber doch anders. Rio muss sich erst wieder eine neue Geruchskarte in seinem Kopf erstellen.

Es dämmert bereits. Rio weiß nicht so recht, was er machen soll. Hätte er ihren Duft in die Nase bekommen, wäre er auch die ganze Nacht durchgelaufen. Nur um sie wieder zu finden. Wölfe sind gerne in der Nacht unterwegs. Doch er riecht nichts von ihr. So sehr er sich auch anstrengt und die Nase in die Luft hält. Da er nicht ewig so stehen bleiben kann, überlegt er, wohin er sich wenden soll, wenn er ihre Spur nicht wiederfindet. Wenn er in die falsche Richtung laufen würde, würde er sich noch weiter von ihr entfernen. Dann würde er sie vielleicht niemals wiederfinden.

Nein. So etwas darf er nicht denken. Er muss sie wiederfinden. Er fühlt sich, als hinge sein Leben davon ab.

Sein Magen meldet sich, als er ein Rascheln im Gebüsch neben sich hört. Das lenkt ihn ab. Er konzentriert sich darauf. Es riecht nach Maus. Einem kleinen Häppchen. Immerhin. Mit angespannten Muskeln und gesenktem Kopf fixiert er das Gebüsch. Als die Maus ihre Nase hervorstreckt, springt er ruckartig vor und schnappt nach ihrem Kopf.

Die Maus wirkt so überrascht, dass sie nicht einmal mehr versucht, wegzurennen. Rio fasst noch einmal nach und mit einem kleinen Rülpser ist sie auch schon in seinem Bauch verschwunden.

Da Rio immer noch nicht weiß, welche Richtung er einschlagen soll, drängt er sich in das Gebüsch, aus dem die Maus gekommen ist. Er rollt sich zu zusammen, schließt die Augen und döst vor sich hin. Vielleicht bringt die Nacht eine neue Idee. Eine neue Möglichkeit, die ihm weiterhelfen kann.

Zunächst träumt er von Mäusen, die um ihn herum wuseln. Dann träumt er von seiner Traumwölfin und davon, dass sie sich bald wiedersehen werden.

Mit neuer Zuversicht wacht er auf, als die Schwärze der Nacht um ihn herum in sanftes Grau übergeht und die Konturen der Umgebung deutlicher werden lässt.

Aus einem Impuls heraus, den die Nacht ihm zugeflüstert hat, wendet er sich in die entgegengesetzte Richtung des aufgehenden Lichtballs.

Die Richtung, die ihn weiter weg von seiner alten Heimat bringt und weiter weg vom großen Fluss. Immer wieder bleibt er stehen und schnuppert in die Luft. Immer wieder riecht er dasselbe. Reh, Hirsch, Maus und Wildschwein. Und er nimmt den typischen Duft des Waldes wahr, der aus einer Mischung von Erde, Pilzen und Pflanzen besteht. Darüber hinaus riecht er nichts. Kein ungewöhnlicher Geruch. Und schon gar keinen nach Wolf, abgesehen von seinem eigenen.

Er ist schon lange unterwegs, als er auf eine Lichtung hinaustritt. Dort legt er sich nieder, bettet seine Schnauze auf seine Vorderpfoten und klopft mit seinem Schwanz auf den Boden. Er wird wieder traurig. Die Zuversicht des Morgens beginnt hinter dem Horizont zu versinken, wie die Sonne, die bereits lange Schatten um ihn herum entstehen lässt. Nochmal schnuppert er in die Luft und saugt diese lange und ausgiebig ein. Da ist etwas. Ein wunderbarer Duft. Rio springt auf und wedelt kräftig mit seinem Schwanz.

Erneut hat sich ein vertrauter Geruch zwischen all die anderen gemischt. Der Geruch nach Wolf. Rios Herz schlägt wild an sein Fell. Es ist ihr Duft. Sie muss in der Nähe sein. Zum Glück gibt es diesmal keinen Knall und es riecht nach gesunder lebendiger Wölfin. Rio stürzt dem Duft entgegen. Er springt über Wurzeln, schlängelt sich um zahlreiche Bäume herum und ab und zu drängt er sich mitten durchs Gebüsch. Der Duft wird stärker. Berauscht ihn regelrecht, als wäre er auf der Jagd.

Da ist sie. Schlank und grazil steht sie da und blickt in seine Richtung. Hat sie ihn schon länger bemerkt? Erwartet sie ihn etwa?

Jedenfalls blickt sie reglos in seine Richtung, bis er direkt vor ihr ist. Sie stehen sich gegenüber. Schnauze an Schnauze. Beschnuppern sich vorsichtig. Die Flanken angespannt. Auch sie scheint froh darüber zu sein, ihn zu sehen. Er ist sich allerdings nicht sicher, ob sie sich einfach über ein vertrautes Wesen aus ihrer Heimat freut oder ob da mehr ist.

Die Jahreszeit ist günstig. Nicht mehr lange, und die Tage würden kürzer werden und die Nächte kälter. In dieser Zeit werden die Wölfinnen anhänglicher. Freuen sich mehr über die Annäherungsversuche der Männer und schließen Freundschaften, die ein Leben lang halten. Vielleicht würde auch er jetzt die Chance seines Lebens bekommen.

Sie heißt Lea. Und sie ist tatsächlich froh, dass er ihr gefolgt ist. Sie hat sich immer wieder heimlich nach ihm umgesehen und in der letzten Nacht hat sie extra lange Pause gemacht, um auf ihn zu warten. Abgewiesen hat sie ihn zuvor nur, weil sie bereits den Entschluss gefasst hatte, über den Fluss zu schwimmen. Dadurch ist ihr in dem Moment nicht nach einer Bindung zumute gewesen. Sie wollte nicht riskieren, dass er versuchen würde, sie von ihrer Idee abzuhalten. Da er aber mit hinübergekommen ist, möchte sie ihren weiteren Weg nun mit ihm zusammen gehen.

Rio ist außer sich vor Freude, als er das hört. Er tollt um sie herum wie ein kleiner Welpe, beißt sie freundschaftlich in Hals und Ohren und fängt an zu heulen. Sie stimmt mit ein in das Geheul. Es klingt gut. Sie gehören nun zusammen.

Nach diesem Ritual ziehen sie weiter. Weiter weg vom großen Fluss und weiter lichtwärts. Durch den Wald, über einige Wiesen und über Bäche. Als es richtig dunkel geworden ist, schleichen sie an menschlichen Behausungen vorbei und überqueren die grauen Bänder, auf denen sich die Menschen gerne bewegen. Oft haben sie die Rennhilfen beobachtet, mit denen sie unterwegs sind. Darin sind sie schnell. Ansonsten bewegen sie sich eher wie ein altersschwacher Hirsch.

Hinter dem langen Streifen aus Behausungen, den sie ganz vorsichtig durchqueren, tauchen sie wieder ein in die angenehmere Landschaft. Bald fällt ihnen auf, dass sie in ein großes Gebiet gelangt sind, in dem es kaum menschliche Behausungen zu geben scheint. Die Umgebung wechselt sich ab zwischen hellen Wäldern, Wiesen und kahlen sandigen Bereichen.

Der Boden ist weich, überall gibt es Möglichkeiten, sich zu verstecken und es riecht nach Wild. Dem Duft nach zu urteilen, laufen Rehe und Hirsche hier in Massen herum. Auch Wildschweine scheint es viele zu geben. Und die Wiesen und Sandflächen bieten ein ideales Gelände für Kleinbeute wie Mäuse und Kaninchen, die ein guter Happen für zwischendurch sind.

Ab und zu schnappen sie sich eines der Mäuschen auf ihrem Weg in eine neue Zukunft. Da sie auf der Durchreise sind, ist es das Einfachste. Die können sie einfach im Ganzen verschlingen. Rio überschlägt sich vor Freude, endlich den Weg gemeinsam mit Lea fortzusetzen, anstatt ihr immerzu hinterher rennen zu müssen.

Nachdem sie lange und weit gelaufen sind, bleibt Lea unvermittelt stehen und knufft ihn in den Hals. Sie will nicht länger auf der Durchreise sein, vermittelt sie Rio. Sie will ankommen. Rio versteht das. Ihm geht es genauso. Daher beschließen sie, eine Weile in dem Gebiet zu verweilen, in dem sie gerade sind. Irgendwie gefällt es ihnen sogar recht gut.

Auch wenn der Wald nicht so dicht und dunkel ist, wie sie es aus ihrer alten Heimat kennen und lieben.

Sie haben genug von Mäusen. Rio will endlich seine erste große Jagd starten. Er will eine richtige Herausforderung. Ein Blick auf Lea verrät ihm, dass es ihr genauso geht. Er will erneut diesen wunderbaren Rausch erleben, den er aus seinem alten Rudel kennt. Er liebt das.

Wieder blickt er zu Lea hinüber, die neben ihm durch den lichten Birkenwald trabt. Sie hat bereits Witterung aufgenommen. Auch er nimmt den verheißungsvollen Duft wahr. Es riecht nach einer Hirschherde, in der sich eine alte Hirschkuh befindet. Genau das Richtige zum Jagen. Rio beschleunigt seine Schritte. Gemeinsam folgen sie dem verlockenden Duft und gelangen an eine Lichtung.

Dort sehen sie die ausgewählte Beute, inmitten der anderen Hirsche, die sie bereits erschnuppert haben. Sie stehen verteilt auf der Wiese und grasen. Dennoch sind sie nicht weit voneinander entfernt.

Die alte Kuh, die sie ins Visier genommen haben, steht mitten drin. Als sie ein paar Schritte weiter geht, und mit ihrer Zunge nach einem üppigen Grasbüschel angelt, sieht Rio, dass sie lahmt. Perfekt. Auch Lea ist dies nicht entgangen und sie leckt sich bereits über ihre Schnauze. Mit gespannten Muskeln stehen sie dicht beieinander im Schutz einiger Büsche und betrachten die Bewegungen der Herde. Voller Vorfreude streckt Rio seine Nase in die Luft und leckt Lea über das Gesicht. Sie schubst ihn zur Seite. Ganz konzentriert auf die Herde vor ihnen.

Unter den Tieren ist ein großer Bock mit einem weit verzweigten Kopfgeäst, der mit gerecktem Hals in ihre Richtung schaut. Dabei kann er ihn und Lea noch nicht bemerkt haben. Sie sind im Dickicht verborgen und die wehende Luft kommt ihnen entgegen. Der Bock wendet sich bald darauf in eine andere Richtung. Wie Rio vermutet hat, ist es nur Täuschung gewesen. Auch das kennt Rio aus seinem alten Rudel. Der Hirschbock hat sie tatsächlich noch nicht bemerkt.

Rio sieht Lea kurz an, um sich mit ihr abzustimmen. Sie werden eins und stürmen los. Währenddessen driften sie auseinander, um aus verschiedenen Winkeln in die Herde zu stoßen. Die Hirsche zucken zusammen und preschen auseinander. Genau wie sie es gehofft haben, können sie die Herde sofort in zwei Gruppen teilen. Auf der Seite der lahmenden Kuh befinden sich noch eine weitere Kuh und der Bock, der zu ahnen scheint, auf wen sie es abgesehen haben. Rio kann durch eine schnelle Wende und eine wirkungsvolle Drohgebärde die zweite Kuh in die Flucht treiben. Sie stürmt dem Rest der Herde entgegen, die nicht weit entfernt nervös hin und her trippelt.

Nun ist neben der lahmen Kuh nur noch der Bock übrig. Rio und Lea brauchen eine neue Strategie. Die Abstimmung zwischen ihnen funktioniert schnell. Sie sind immer noch eine Einheit. Doch der Bock funkt dazwischen. Greift Lea an, so dass Rio ihr zu Hilfe kommt und die Kuh kurz außer Acht lässt. Diese nutzt die Gelegenheit, und rennt an den Rand der Lichtung.

Rio hält den Bock in Schacht, damit Lea sich wieder auf die Kuh konzentrieren kann und diese abfängt, bevor sie im Dickicht verschwunden ist.

Der Bock rennt währenddessen mit gesenktem Kopf auf Rio zu, um ihn mit seinem Kopfgeäst in die Flanke zu treffen. Rio weicht ihm immer wieder geschickt aus, bis der Bock langsamer wird und laut schnaufend stehen bleibt. Rio ärgert sich, dass er ihn von ihrer Beute abhält und schaut, was Lea macht. Sie hat die Alte im Visier. Rio will zu ihr hinzustürmen.

Doch der Bock ist ungewöhnlich hartnäckig und will noch nicht aufgeben. Wären sie mehr als zwei Wölfe, könnten sie den Bock viel eher vertreiben oder so verletzen, dass sie auch ihn erlegen könnten. Zu zweit haben sie nicht so viele Möglichkeiten. Rio ist hin und hergerissen. Als der Bock erneut auf Rio zu rennt, muss er sich nochmal ganz auf diesen einlassen, damit er nicht gerammt wird. Im letzten Moment kann Rio ausweichen und einer Verletzung entgehen. Lea hält inne und sieht zu ihm herüber. Aber nur kurz.

Zu seiner Erleichterung nutzt sie nach einer ersten Schrecksekunde die Zeit, in der der Bock auf Rio fixiert ist, springt die alte Kuh an und verbeißt sich in deren Hals.

Es ist das erste Mal, dass sie beide so eine Jagd durchführen und keine erfahreneren Wölfe an ihrer Seite haben. Das wird Rio gerade besonders bewusst. Dennoch wissen sie beide genau, was sie tun müssen und worauf sie achten müssen. Sie jagen beide ausgesprochen gerne.

Die Kuh blutet bereits. Rio ist ganz betört von dem Geruch, der Erfolg verheißt. Er will sich endlich am Reißen der Kuh beteiligen und setzt gerade zum Sprung an. Doch mittlerweile ist auch der Bock wieder da und läuft mit gesenktem Kopfgeäst auf Lea zu. Rio ändert seine Sprungrichtung und ist rechtzeitig zur Stelle, um den Bock mit einem Biss in den Hintern von Lea abzuhalten.

Das reicht. Endlich gibt er auf. Wie von einer Hornisse gestochen dreht sich dieser verdammt wehrhafte Kerl im Kreis und rennt endlich davon.

Der Bock folgt seiner Herde, die längst von der Lichtung verschwunden ist. Er stellt keine Gefahr mehr dar.

Nun kann sich Rio endlich auf die Kuh konzentrieren und Lea beim Niederreißen der Beute helfen. Lea hängt immer noch am Hals der Kuh und zerrt an ihr herum, indem sie ihren Kopf hin und her schüttelt. Aber die lässt sich nicht so einfach umreißen. Lea ist auch nicht bereit, sie noch einmal loszulassen und entwischen zu lassen. Sie bemerkt gar nicht, dass Rio mittlerweile um sie und die Kuh herumtänzelt, bereit, ins Geschehen einzugreifen.

Lea hat die Kuh nicht gut im Biss. Die Vorderpfoten im Fell verankert, öffnet sie kurz ihre Schnauze und fasst dann nochmal nach. Mit weit geöffnetem Maul beißt sie kräftig zu und reißt ein großes Stück Fell und Fleisch aus dem Hals heraus. Die Kuh brüllt. Ihre Beine knicken ein. Schnell springt Lea ab und rollt sich zur Seite, damit die Kuh nicht auf sie fallen kann. Rio wirbelt um sie und die Kuh herum, unentschlossen, an welcher Stelle er am besten eingreifen kann.

Mit Mühe hält er sich zurück, um Lea den Jagderfolg zu überlassen. Sie springt auf die zusammengekauerte Kuh und versetzt ihr einen weiteren Biss in den Hals. Diesmal durchtrennt sie die große Blutbahn und es beginnt zu spritzen. Das versetzt Rio genauso in Ekstase wie Lea. Er springt hinzu und gemeinsam zerren sie knurrend an der Kuh herum, die gerade ihren letzten Atemzug macht.

Geschafft. Wild tanzen sie um die Kuh, springen über sie und auf sie drauf. Rio hüpft in die Höhe und schnappt in die Luft, als wolle er Schmetterlinge fangen. Dann wieder verbeißt er sich in der Hirschkuh.

Trotz all der Aufregung im Vorfeld ist Rio glücklich über ihre erste gemeinsame Jagd, die schnell und erfolgreich verlaufen ist. Ein wundervolles Gefühl. Rio erinnert sich, dass das oftmals anders war beim Jagen in seinem alten Rudel.

Dort mussten sie sich manchmal viel länger abmühen, bis der abschließende Biss versetzt werden konnte und nicht allzu selten kam es auch vor, dass die Beute entkam. Doch diesmal ist alles bestens verlaufen.

Rio springt erneut auf die Kuh und will ihr den Bauch aufreißen. Er knurrt Lea an, die genau dieselbe Stelle für sich beanspruchen will. Lea knurrt zurück. Sie hat den tödlichen Biss versetzt. Sie glaubt, ihr gehört das Vorrecht. Rio gefällt das nicht. Schließlich hat er Lea erfolgreich verteidigt und dafür gesorgt, dass sie in Ruhe die Kuh erledigen konnte.

Mit gekräuselten Schnauzen und angespannten Muskeln knurren sie sich weiter an und schnappen nach dem Anderen. Keiner kommt so zum Zug. Als sie das merken, hören sie auf und wenden sich ihrer Beute zu. Die Kuh ist groß genug, so dass sie problemlos nebeneinander den Bauch auffetzen können. Bald schon ist Rios Kopf fast vollständig im Kadaver verschwunden. Lea reißt das Fleisch mehr nach außen, um dort daran zu fressen.

Die tote Kuh wird hin und her gerüttelt, trotz ihrer Größe und ihres Gewichtes. Als Rio seiner Lea erneut einen Blick zuwirft, sieht sie ebenso blutverschmiert aus wie er selbst. Aber ihr Gesicht ist wieder ganz glatt. Sie hat sich beruhigt. Rio ebenso. Der große Rausch ist vorbei.

Sie essen sich in Ruhe satt. Rupfen nun verhaltener an der Kuh und schlagen sich die Bäuche voll, als hätten sie ewig nichts mehr gegessen. Die paar Mäuse und Kaninchen in der letzten Woche sind alles andere als sättigend gewesen. Also fressen sie solange, bis ihre Bäuche kugelrund sind und sie sich nur noch behäbig fortbewegen können. Genauso, wie Rio es sich zuvor vorgestellt hat. Wohlig leckt er sich über seine blutrote Schnauze. Eine träge Müdigkeit befällt ihn. Auch Leas Augen sind zu trägen Schlitzen geworden.

Doch eines wollen sie noch tun, bevor sie sich ein schönes Plätzchen zum Ausruhen suchen können. Sie ziehen gemeinsam den angeknabberten Kadaver an den Rand der Lichtung und verstecken ihn zwischen den Büschen.

Lea kratzt mit ihren Vorderpfoten noch ein paar Blätter und kleine Zweige zusammen und schleudert sie darüber. So können sie ihre Beute liegen lassen und sich später erneut bedienen.

Die einzigen, die sich so außer ihnen noch an der Beute vergreifen würden, wären Raben. Doch die hat Rio hier noch nicht gesehen. Vielleicht würden sie noch kommen. Denn Raben halten sich gerne in der Nähe von Wölfen auf.

Ganz in der Nähe finden Rio und Lea ein schönes Plätzchen, an dem sie sich geschützt fühlen. Eine kleine Senke, umgeben von Sträuchern. Lea legt sich im Schatten der Büsche nieder. Rio begibt sich neben sie und rückt ganz nah an Lea heran, um gemeinsam mit ihr zu dösen. Doch das gefällt ihr nicht. Sie rückt wieder ein Stückchen ab. Anscheinend will sie keine solche Nähe. Rio ist verwirrt und fragt sich, ob sie nun ein Paar sind oder nicht.

Lea bemerkt Rios Unsicherheit und wischt sie einfach weg. Was sollten sie denn sonst sein? Sie sind doch zusammen.

Lea will aber nicht so viel Nähe. Sich beschnuppern oder ab und zu beknabbern, das ist Okay. Auch miteinander herumtoben wie Welpen findet sie schön. Alles, was er sonst noch will, gefällt ihr allerdings nicht und das wehrt sie ab. Dabei führt Rio momentan gar nichts weiter im Schilde. Er weiß doch, dass für gewisse Dinge die Zeit noch nicht gekommen ist. Das kennt er schon von seinen Eltern.

Bestimmte Dinge sind erst möglich, wenn die Kälte bereits da ist. Und die ist noch nicht in Sicht. Aber weit kann sie nicht mehr sein. Ab und zu glaubt Rio, sie schon riechen zu können. Die Kälte, die oft auch Schnee bringt. Auf der einen Seite eine entbehrungsreiche Zeit, weil viele Beutetiere sich verstecken. Auf der anderen Seite werden die Frauen dann anders. Sie riechen anders und sie benehmen sich anders. Rio hat noch keine Erfahrungen damit. Aber dennoch freut er sich darauf.

Auch auf den Schnee freut er sich. Alle Wölfe lieben Schnee und toben gern darin herum wie kleine Welpen.

Aber jetzt ist es noch nicht soweit. Lea liegt fast einen Meter von ihm entfernt und blinzelt ihm zu. Sie will sicher gehen, dass er nicht wieder näherkommt. Das hat er verstanden und bleibt dort, wo er ist. Schnell dösen sie beide ein. Rio ist zufrieden. Trotz des Abstands zwischen ihnen. Er hat erreicht, was er will. Er hat sie erobert, die erste erfolgreiche Jagd hinter sich gebracht und kann nun ein eigenes Rudel mit ihr gründen. Vielleicht können sie dies sogar hier tun. Wozu weiterziehen? Hier ist es doch schön.

Am nächsten Tag teilt er ihr seine Idee mit. Sie wackelt unschlüssig mit dem Kopf, ihre Ohren pendeln auf und ab. Doch schließlich willigt sie ein. Der Platz, an dem sie gedöst haben, wird ihr Hauptlager.

Die erlegte Hirschkuh ist ein richtig fetter Brocken und reicht ihnen eine ganze Weile als Nahrung. Rio und Lea haben Zeit, die Umgebung zu erkunden. Er streift viel mit ihr umher. Neugierig. Aber auch um ein Revier abzustecken und zu markieren. Manchmal dreht auch jeder seine eigenen Runden.

Dann kommen sie wieder zusammen und stimmen gemeinsam ein Heulen an. Ihr Heulen, das sie von nun an häufiger ertönen lassen werden.

Als ihr Vorrat aufgebraucht ist, wird es Zeit für die nächste Jagd, damit sie sich neue Nahrung beschaffen können. Rio stupst Lea in die Seite und sie brechen auf zum nächsten Beutezug. Diesmal haben sie allerdings weniger Glück und tun sich viel schwerer als beim ersten Mal. Rio knurrt missmutig, als sie den zweiten Versuch erfolglos abbrechen müssen. Einmal bekommt Lea sogar einen Huf zu spüren und einmal entwischt das bereits verletzte Tier ihnen im letzten Moment. All das steigert Rios Missmut und er lässt ein lautes Grollen hören. Doch Lea bleibt davon unbeirrt und treibt ihn mit einem sanften Biss ins Ohr dazu an, sich auf die nächste Beute – ein kleines Reh – zu konzentrieren.

Das können sie endlich niederstrecken und sich über den Kadaver hermachen. Rio reißt zunächst knurrend die Vorderbeine ab. Nach einem warnenden spitzen Laut von Lea nimmt er sich zusammen und wird ruhiger.

Von dieser kleinen Beute bleibt kaum mehr übrig als Haut und Knochen, die sie gerne anderen Tieren überlassen. Vielleicht kommen ja doch noch ein paar Raben in ihre Nähe. Das Reh ist verschlungen, bevor die Bäuche so kugelrund sind, dass sie nicht mehr laufen können. Dennoch ist es ein guter Fang gewesen. Frisches Fleisch schmeckt einfach am besten. Und trotz der ersten Misserfolge sind sie doch wieder schnell zum Ziel gekommen.

Die Tiere hier scheinen sich leichter überrumpeln zu lassen. Sind solche Jäger wie den Wolf offensichtlich nicht gewöhnt. Sonst jagt hier wohl nur noch der Mensch. Und der geht völlig anders dabei vor. Hat eine gänzlich andere Jagdstrategie als die Wölfe.

Ihre Anwesenheit bleibt nicht unentdeckt. Die Tiere im Wald werden allmählich aufmerksamer und schreckhafter. Sie haben weitergegeben, dass neue Jäger in der Gegend sind. Auch die Menschen haben sie bereits bemerkt.

Mehr als einmal müssen Rio und Lea vor bedrohlichen Menschen fliehen, die mit ihrem Knallstock unterwegs sind. Doch es kommt nicht so oft vor, wie sie befürchtet haben. Dass die Menschen in dieser Region die Wölfe besonders leidenschaftlich und ausdauernd jagen, scheint nicht richtig zu sein.

Ab und zu sehen sie sogar Menschen, die keinen Knallstock bei sich tragen. Diese Menschen stehen einfach nur da und starren vor sich hin. Dann gehen sie wieder. Es ist Rio völlig unbegreiflich, was sie währenddessen machen. Lea vermutet, dass sie sie beobachten. Nur warum, weiß auch sie nicht. Aber ihnen wird schnell klar, dass solche Menschen nicht sonderlich gefährlich sind. Misstrauisch bleiben sie trotzdem. Sicher ist sicher. Dazu gibt es viel zu viele schlimme Geschichten und Überlieferungen über die Menschen. Der Mensch gilt als besonders schlau und heimtückisch. Das wird jedem Wolf schon als Welpen beigebracht. Also muss da wohl auch etwas dran sein.

Es wird kalt. Und mit der ersten richtigen Kälte kommt gleich der erste Schnee. Es hat lange gedauert. Rio hat schon darauf gewartet, da er auf eine Chance hofft, Lea näher zu kommen. Es hat zuvor schon einige kalte Nächte gegeben, die einen weißen Schleier am Morgen hinterlassen haben. Wie unzählige Spinnennetze. Aber Rio hat gleich gespürt, dass es noch nicht soweit war, denn die Kälte war noch zu brüchig.

Jetzt ist es anders. Und jetzt ist sogar auch schon der Schnee da. Rio streckt seine Schnauze in die Luft und genießt den Duft, der in seine Nase strömt.

Er beißt Lea sanft in die Flanke. Sie jault spielerisch auf und haut mit der Vorderpfote nach ihm. Gemeinsam tollen sie im Schnee herum und schnappen nach den Schneeflocken, die noch von den Bäumen fallen. Sie lieben dieses weiße Zeug, in das sie eintauchen können, das sie weich umgibt und das sie zunächst essen und dann trinken können.

Außerdem können sie so leichter jagen, da viele Beutetiere darin schwerer weglaufen können und die Spuren weithin deutlich sichtbar sind. Und Beutereste, die sie nicht gleich verschlingen, können sie wunderbar darin verstecken. Der einzige Nachteil ist, dass es in der Kälte weniger Beute gibt.

Rio und Lea toben tagelang vor sich hin, jagen, fressen und dösen in einer geschützten Mulde unter den Büschen. Wenn es ihnen zu kalt wird, begeben sie sich in eine kleine Höhle unter einem alten Baum genau zwischen ihrem Hauptlager und ihrer Vorratskammer. Dort ist es warm genug, wenn sie dicht zusammenrücken. Lea lässt das mittlerweile zu. Auch sie genießt die Wärme, die dadurch entsteht.

Doch jedes Mal, wenn Rio mehr versucht, weicht sie ihm aus. Sie scheint nicht bereit für eine Familie. Oder sie begreift nicht, was er will. Er erklärt es ihr. Doch auch er kennt sich damit noch nicht so gut aus und findet nicht die richtigen Ausdrücke.

Er bekommt Lea nicht zu fassen. Sie rennt immer wieder weg, ehe er dazu kommt, sie zu bespringen.

Rio verzweifelt allmählich. Er macht lange Streifzüge. Allein. Das gefällt ihr nicht. Also gibt sie seinem Drängen irgendwann doch noch nach. Ein einziges Mal. Das soll ihm genügen, meint sie. Er findet sich damit ab. Vielleicht reicht es ja wirklich.

Aber es reicht nicht. Die Kälte verzieht sich und macht dem ersten zarten Grün an den Bäumen Platz und Lea bleibt so schlank wie eh und je. Ihr Bauch wölbt sich nicht. Sie bekommt keine Welpen. Jetzt erst wird ihr der Zusammenhang wirklich klar. Doch nun ist es zu spät. Die Zeit ist vorbei. Rio knurrt häufig vor sich hin und schnappt in die Luft. Lea beobachtet ihn und knurrt ihrerseits.

Glücklicherweise währt die Unzufriedenheit damit nicht lange. Dann sind sie eben weiterhin zu zweit. Auch so ist das Leben schön in dieser Gegend. Es gibt Niemanden, dem sie sich unterordnen müssen und Niemanden, der ihnen ihr Revier streitig machen will. Sie haben sich und alles andere wird kommen, wenn es kommen soll.

Auch das Frühjahr ist eine schöne Zeit. Rio und Lea unternehmen ausgedehntere Streifzüge. Sie wollen die weitere Umgebung um ihr Revier herum genauer erschnüffeln, um sie besser kennen zu lernen. Schauen, ob nicht doch irgendwo weitere Wölfe leben und sicher gehen, wo die ersten menschlichen Siedlungen beginnen.

Sie entdecken ein paar Wolfsspuren und deren Hinterlassenschaften. Neugierig erschnüffeln sie diese genauer. Es sind nur ältere. Keine frischen. Und den Wölfen selbst begegnen sie auch nicht. Sie sind anscheinend alle weitergezogen oder gestorben. Ist es vielleicht nur unbeschreibliches Glück, dass ihnen noch nichts passiert ist?

Der Gedanke ist Rio zu schwierig. Er schüttelt ihn wieder ab und freut sich, dass Lea bei ihm ist. Er wirft einen Blick auf sie, wie sie neben ihm her trabt. Schlank, ihre wunderschöne graubraune Fellfarbe leuchtet in der Sonne, die durch das Blätterdach dringt, und die schwarzen Flecken in Gesicht und an den Vorderbeinen geben ihr ein markantes besonderes Aussehen. Grazil bewegt sie ihre Beine.

Eine Pfote setzt sie in die Spur, die die vorherige hinterlassen hat. Alles in einer Linie. Kraftsparend und elegant. Rio schnappt in die Luft, als wolle er eine Fliege fangen. Leas schnürender Gang ist perfekt und elegant.

Sie laufen eine Weile über den sandigen Boden, bis die Bäume niedriger und weniger werden. Schließlich stehen sie in der Nähe von einer großen Sandlichtung und haben freien Blick auf einen seltsamen riesigen Bau der Menschen. Sie halten ihre Schnauzen in die Luft. Es riecht nach Menschen. Aber nur ganz schwach. Offensichtlich ist schon länger keiner mehr dort gewesen.

Vorsichtig geht Lea näher heran. Dicht gefolgt von Rio. Der menschliche Bau sieht sehr vielschichtig aus. Zahlreiche eckige Höhlen, die nebeneinander und übereinander gestapelt sind. Sie besitzen zahlreiche Öffnungen, durch die Rio und Lea ins Innere blicken können, als sie sich ganz nah herangewagt haben. Rio sieht wild durcheinander liegende kaputte Dinge der Menschen. Es huscht und wuselt dazwischen. Mäuse und Ratten.

Doch in so einer reichhaltigen Gegend brauchen sie darauf nicht zu achten. Sie können jederzeit bessere Beute machen als solches Kleinwild. Als eine Maus allerdings unvorsichtigerweise direkt vor Rios Pfoten rennt, kann er nicht widerstehen, reißt sein Maul auf und schnappt sie sich. Mit einem gurgelnden Laut ist sie verschwunden, ehe Lea überhaupt etwas gemerkt hat.

Sie umrunden den seltsamen Bau und sehen sich sorgfältig überall um. Lea findet diese Gegend uninteressant und will sie den Ratten und Mäusen überlassen. Außerdem ist der Geruch des Menschen immer noch da. Der Geruch macht sie nervös. Und das gefällt ihr nicht.

Auch Rio macht der Geruch nervös. Aber er ist neugierig und will sich nochmal genauer umsehen. Daher überredet er Lea, dass sie sich alles nochmal ansehen. Also laufen sie wieder näher heran an den Bau. Sie sind intensiv mit Schnuppern beschäftigt, als sie ein lautes röhrendes Geräusch hören, das immer näherkommt. Es klingt ein wenig, wie ein Hirsch in der Brunft, nur unangenehmer.

Es ist eine dieser bunten Rennhilfen der Menschen, die mit einem schrill anhaltenden Ton auf das Gelände kommt und ganz in der Nähe von Rio und Lea stehen bleibt.

Rio und Lea erschrecken und zucken zusammen. Viel schneller, als Rio es Menschen zugetraut hätte, sind zwei männliche Menschen aus dem Auto gesprungen und schreien wild umher. Augenblicklich stürmen Rio und Lea davon. Dabei bemerkt Rio aus den Augenwinkeln, dass einer der beiden einen Knallstock hervorholt und auf sie richtet.

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