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Süßes böses Mädchen

1. KAPITEL

“Mutter, du kannst mir doch keinen Mann kaufen!” Brittany Barrington machte ihrem Ärger Luft. Seit Wochen schien ihre Mutter nichts Besseres zu tun zu haben, als ihre berühmte Nase in Brittanys Privatleben zu stecken!

“Aber wenn ich dir einen kaufen könnte, würdest du ihn dann haben wollen?” Völlig unbeeindruckt von Brittanys Worten thronte ihre Mutter auf der Schreibtischecke. Das Bild dieser eleganten Frau hatte in den Siebzigern die Titelblätter von Cosmopolitan und Vogue geziert, und noch heute bewies ihr Äußeres, welch eine vorteilhafte Kombination sich aus guten Genen, gesunder Ernährung und erstklassiger Schönheitschirurgie ergeben konnte.

Doch Samantha Barrington hatte außer ihrem hübschen Gesicht und der grazilen Figur auch jede Menge Intelligenz zu bieten, mit der sie es dann in den Achtzigern geschafft hatte, sich einen Kosmetikkonzern aufzubauen. In ihren klugen grünen Augen las Brittany nichts als gut gemeinte Fürsorge.

Aber Brittany brauchte weder Fürsorge noch Mitleid noch sonst eine Art der Einmischung. Sie wollte einfach nur in Ruhe gelassen werden, damit sie ihr Privatleben wie eine erwachsene Frau von neunundzwanzig Jahren bewältigen konnte. Denn genau das war sie. Ja, sie hatte vor einer Weile die peinlichste Scheidung der letzten zehn Jahre hinter sich gebracht, aber das bedeutete nicht, dass ihre Mutter einfach hier in das Büro der Tochter marschieren und anfangen durfte, deren Leben umzugestalten.

Es war immer das Gleiche: Brittany schaltete sofort auf stur, und ihr Puls begann vor Wut zu rasen.

Ohne jedoch von Brittanys ärgerlichem Gesichtsausdruck auch nur die geringste Notiz zu nehmen, kam Samantha jetzt um den Schreibtisch herum und tippte ein paar Kurzbefehle in die Tastatur des Computers. Die Budgetkalkulation für Brittanys Werbekampagne “Feed The Hungry Children” verschwand vom Bildschirm.

“He, daran habe ich gerade gearbeitet!”, protestierte Brittany, wusste aber, dass es ihr nichts nutzen würde. Ihre Mutter hatte sich wieder einmal etwas in den Kopf gesetzt.

“Du arbeitest immer.”

Die Stimme ihrer Mutter klang tadelnd, und Brittany widersprach sofort. “Das ist nicht wahr! Ich habe auch ein Privatleben.”

“Ein langweiliges, ja.”

Brittany fand ihr Leben überhaupt nicht langweilig. Sie arbeitete, damit sie beschäftigt war, kümmerte sich um ihre wenigen Freunde und arbeitete dann weiter. Und selbst wenn sie beschlossen hätte, Tag für Tag nichts anderes zu tun, als Solitär mit einundfünfzig Karten zu spielen – es war und blieb ihre Angelegenheit, nicht die ihrer Mutter.

Sie erhob sich aus ihrem Bürostuhl, richtete sich zu ihrer vollen Größe von einszweiundsiebzig auf und sagte mit fester Stimme: “Tut mir leid, wenn mein Leben deinen hohen Ansprüchen nicht genügt.”

“Ich will doch nur, dass du glücklich bist.”

Was konnte man dagegen schon sagen? Brittany wäre zwar mit Sicherheit glücklicher gewesen, wenn ihre Mutter sie endlich in Frieden gelassen hätte, aber das behielt sie lieber für sich.

Samantha meinte es immer nur gut. Schon zu ihren Zeiten als liebreizendes Model war ihr Wort Gesetz gewesen. Heute als mächtige Konzernchefin hielt sie das erst recht für selbstverständlich. Doch diesmal hatte sie Pech. Brittany wusste zwar aus Erfahrung, dass ihre Mutter nur immer starrsinniger wurde, je energischer man mit ihr diskutierte, aber sie wusste auch, wie sie sich durchsetzen konnte.

Zu ihrem Glück oder Unglück hatte sie nämlich genau diesen Starrsinn geerbt und bedauerte dabei nur, dass sie nicht auch diese unwahrscheinlich grünen Augen hatte oder wenigstens dieses makellose Gesicht, das eine einzige Liebeserklärung an alle Fotoapparate und Kameras war. Aber nein – Brittany sah ihrem Vater ähnlich. Die ovale Gesichtsform hatte sie zweifellos ihm zu verdanken. Kennengelernt hatte sie ihn leider nie, denn der freiheitsliebende Hippie, der die einzige große Liebe ihrer Mutter gewesen war, war bei einem Motorradunfall gestorben, noch bevor Brittany es damals ans Licht der Welt geschafft hatte.

Sie war ohne ihren Vater aufgewachsen, hatte aber nicht nur die Gesichtsform, sondern auch seine welligen blonden Haare geerbt. Im Vergleich zu der kastanienbraunen Lockenpracht ihrer Mutter war das aber nichts Besonderes, genauso wenig wie die zwar hübschen, aber doch sehr durchschnittlichen haselnussbraunen Augen. Gegen das Smaragdgrün ihrer Mutter hatte sie keine Chance, genauso wenig wie gegen das leuchtende Blau jener Augen, die sie ihren Ex-Mann Devlin gekostet hatten.

Brittany schob das Scheitern ihrer Ehe allerdings nicht auf ihr Aussehen. Devlin war schlicht unfähig, treu zu sein. Doch Brittany hatte geglaubt, sie könne ihn ändern. In ihrer Naivität hatte sie gedacht, sie brauche ihn nur genug zu lieben, damit er nicht fremdging.

Von ihrer Mutter hatte sie gelernt, dass alles möglich wurde, wenn man nur fest genug an sich selbst glaubte und hart genug arbeitete. Bis zu ihrer misslungenen Ehe hatte dieses Prinzip auch wunderbar funktioniert. Brittany war immer eine der besten und beliebtesten Schülerinnen ihrer New Yorker Privat-Highschool gewesen. Es war ihr problemlos gelungen, zum Betriebswirtschaftsstudium an der University of Michigan zugelassen zu werden.

Dann hatte sie in New York eine Traumkarriere hingelegt und war nun Vorsitzende einer Wohltätigkeits-Organisation, die sich um notleidende Kinder in aller Welt kümmerte. Brittany hatte alles gehabt, was sie jemals hatte haben wollen. Bis ihr Devlin vor drei Jahren mit seiner Fremdgeherei das Herz zerfetzt hatte.

Wenn man ihrer Mutter glauben konnte, dann hatte Brittany seitdem immer nur Trübsal geblasen und war nie unter Leute gegangen. Brittany hatte ihre Verabredungen mit Männern und ihre Teilnahme an den meisten gesellschaftlichen Ereignissen lediglich aus Gründen des Selbstschutzes abgesagt. Nicht, dass sie immer noch Angst davor gehabt hätte, Devlin mit seiner neuesten Flamme im Arm zu begegnen. Sie wollte einfach nur vermeiden, noch einmal einen solchen Fehler zu machen.

Die pflaumenfarbenen Fingernägel ihrer Mutter glänzten, als sie mit ihrer Hand durch die Luft wedelte und Brittany beim Nachdenken störte. “Hast du meine letzte E-Mail gelesen?”

“Entschuldige, nein. Ich hatte keine Zeit dafür. Ich habe jetzt ein neues …”

“Hobby? Schatz, das ist wundervoll! Ich wusste doch, der Tanzkurs würde dir Spaß machen, wenn du es nur einfach mal versuchen würdest. Deshalb habe ich dich ja dafür angemeldet. Wie findest du diese Therapie?”

“Ich brauche keine Therapie.”

Der Blick ihrer Mutter ließ sie wissen, dass das Ansichtssache war. Doch Brittany empfand kein schlechtes Gewissen bei der Erinnerung daran, wie sie die Kursunterlagen in den Müll geworfen hatte, genau wie den Gutschein über eine Massage von Milo. Latin-Lover-Typ, sehr dunkel, sehr gut aussehend und ausgesprochen entgegenkommend – dieser Milo war niemand, dessen Händen sie ihren nackten Körper ausliefern würde. Zum Tanzen wiederum brauchte man einen Partner, und nichts wollte sie weniger als einen Kerl, der sie führte!

Man hatte sie genug geführt, und zwar an der Nase herum. “Ich habe mich für Ernährungswissenschaften eingeschrieben.”

“Aber das bedeutet doch noch mehr Arbeit, Liebes”, sagte Samantha, während sie die E-Mail aufrief, die sie ihrer Tochter geschickt hatte. “Was du brauchst, ist ein bisschen Spaß.” Sie klickte mit dem Mauspfeil auf eine der angehängten Dateien und öffnete sie. “Wie wäre es mit dem hier?”

Das Bild eines gut aussehenden Mannes nahm den ganzen Bildschirm ein. Schwarze Mähne, durchdringend blaue Augen und Zahnpastareklame-Lächeln. Außerdem Muskeln, die vermuten ließen, dass er mehr Zeit im Fitnessstudio als irgendwo anders verbrachte.

Was sollte sie mit einem Fantasie-Mann?

Brittany seufzte ungehalten. “Mutter!”

Samantha klickte weiter zum nächsten Bild. Diesmal war es ein blonder Adonis, der nur einen String-Tanga anhatte und aussah, als hätte er bei Schwulen die besten Chancen. Seine Schultern glichen denen eines olympischen Schwimmers, während der flache Bauch, die Hüften und der Hintern nicht den leisesten Fettansatz zeigten.

“Der ist doch irgendwie süß, findest du nicht?” Samantha beobachtete ihre Tochter und wartete auf eine Reaktion.

Brittany weigerte sich schon aus taktischen Gründen zuzustimmen. “Du kannst ihn ja als Model für deine Männerkosmetik-Werbung engagieren.”

“Findest du ihn denn gar nicht attraktiv?”, erkundigte ihre Mutter sich traurig.

Doch von diesem Tonfall ließ Brittany sich schon lange nicht mehr manipulieren. Sie ignorierte die grünen Augen, die ganz unschuldig dreinschauten und es beinahe schafften, ihr ein schlechtes Gewissen zu machen, nur weil sie sich Samanthas Willen nicht fügte. Brittanys Privatleben mochte recht eingeschränkt sein, aber sie hatte eins, und privat sollte es auch bleiben.

Es war schlichtweg peinlich, dass ihre Mutter meinte, ihr einen Mann suchen zu müssen. Und fast so demütigend wie jener Tag, an dem Samantha sie vor der Wohnungstür vorgefunden hatte, weinend und zusammengekrümmt am Boden kauernd, weil sie Devlin gerade mit einer anderen Frau im Schlafzimmer erwischt hatte. Brittany war so geschockt, so verletzt gewesen, dass sie nicht gewusst hatte, was sie tun sollte. Zum Weggehen hatte sie nicht die Kraft gefunden, und zum Bleiben auch nicht. Vorher hatte alles gestimmt in ihrem Leben, nun stimmte nichts mehr.

Weder alle ihre Bemühungen noch ihre aufrichtige Liebe zu Devlin hatten die Ehe retten können. Es reichte nicht aus, wenn nur einer liebte. Die Erkenntnis, dass es zwei Liebende brauchte, um eine Ehe am Leben zu erhalten, war sehr schmerzhaft. Brittany hatte lange Zeit wie in einem Nebel gelebt, bis sie sich nach und nach erholte. Es war eine bittere Lektion gewesen, begreifen zu müssen, dass es nur eine einzige Person gab, die sie wirklich beherrschen konnte – nämlich sich selbst.

Diese Beherrschung kam jetzt ein wenig zum Vorschein, als sie sich zwang, ihre Stimme ruhig und sicher klingen zu lassen, während sie den blonden Adonis auf dem Bildschirm betrachtete. “Ich müsste blind sein, um ihn nicht attraktiv zu finden. Aber ich will mich nicht mit ihm treffen. Und schon gar nicht will ich, dass du ihn mir kaufst.”

“Warum nicht?”

Brittany verschränkte die Arme vor der Brust. “Ein Mann, den man kaufen kann, kann nichts wert sein.”

Samantha schüttelte die sorgfältig arrangierte Unordnung ihrer Locken, die zu erreichen ihr Friseur jedes Mal Stunden brauchte. “Was glaubst denn du, warum Prostitution der älteste Beruf ist?”

Es war typisch für ihre Mutter, eine Frage mit einer Gegenfrage zu beantworten. Aber Brittany gab nicht klein bei. “Ich werde nicht mit dir darüber streiten, Mutter. Außerdem verstehst du anscheinend nicht, worum es mir geht. Ein Mann, der dafür bezahlt wird, mir Gesellschaft zu leisten, interessiert mich nicht. Allein der Gedanke ist schon peinlich.”

“Es wäre dir peinlich, wenn ein Mann sich anstrengt, dir Vergnügen zu bereiten?”

“So meine ich es nicht, und das weißt du auch. Geld bezahlen zu müssen, damit sich jemand mit einem beschäftigt, das ist einfach … erniedrigend.”

“Wirklich? Woher willst du das wissen?” Samantha sprach ruhig, aber mit eiserner Entschlossenheit. “Woher willst du wissen, dass es nicht ein fantastisches Erlebnis wäre? Dass es riesigen Spaß machen würde?”

“Ach, hör auf! Muss ich erst Drogen ausprobieren, um zu wissen, dass sie mir nicht gut tun? Muss ich erst von der Brooklyn Bridge springen, um zu wissen, dass es wehtut, wenn ich unten ankomme?” Brittany drückte auf die Löschtaste und sah zufrieden, wie der blonde Adonis verschwand.

Schade, schade, dass sie ihre Mutter nicht auf die gleiche Weise loswerden konnte. Es gab dringende Arbeit, die Brittany zu erledigen hatte. Sogar das Mittagessen hatte sie deshalb ausfallen lassen, und ihr Magen knurrte zum Gotterbarmen. Außerdem wollte sie lieber nicht wissen, ob ihre Mutter diese Männer tatsächlich kaufen konnte.

Pflaumenfarbene Nägel klapperten auf der Tastatur und löschten die restlichen Bilddateien. “Wenn nur dein Vater noch leben würde …”

“Dann würde ich das Leben nicht immer nur in Schwarz-Weiß sehen”, beendete Brittany den Lieblingsspruch ihrer Mutter. “Aber diesmal irrst du dich.”

“Du weißt ja nicht, was du verpasst. Ein ganzer Monat mit einem Fremden, der dafür bezahlt wird, dich zufriedenzustellen!”

Das klang, als ob ihre Mutter aus Erfahrung sprach. Ihre Augen schimmerten so merkwürdig, und in ihren Worten schwang die Erinnerung an leidenschaftliche Stunden mit. Brittany wollte trotzdem nicht so tief sinken.

Es war gerade erst ein gutes Jahr her, dass ihre Mutter mit dem Bildhauer Jeffrey Payne zusammen gewesen war, der sie dann wegen eines achtzehnjährigen Models sitzen gelassen hatte. Das hatte Samantha tief getroffen. Brittany wusste es, und sie hatte seitdem den Namen dieses Künstlers nie wieder erwähnt. Sie kannte keine Details, aber sie wusste, dass Jeffrey in die Penthouse-Wohnung ihrer Mutter eingezogen war und sie dort mehrere Monate lang gemeinsam gelebt hatten. Doch Brittany wollte weder über das Intimleben ihrer Mutter nachdenken noch über ihr eigenes.

“Ich bin nicht interessiert”, sagte sie.

“Das solltest du aber sein. Wann hast du das letzte Mal mit einem Mann geschlafen?”

“Mutter!” Brittany spürte, wie ihre Wangen heiß wurden.

Obwohl sie die lockere Art kannte, mit der ihre Mutter über Sex sprach, war es ihr doch unmöglich, diese Einstellung zu verstehen oder gar zu teilen. Vermutlich hatten die Sechziger, die Pille und diese ganze Make-love-not-war-Atmosphäre ihre Mutter für immer geprägt. Allerdings war Brittany nicht im Amerika der sechziger Jahre aufgewachsen.

Samantha nahm Brittanys Hand und hielt sie fest. “Fahr mit mir in den Urlaub!”

“Ich habe keine Zeit für Urlaub.”

“Nimm dir die Zeit. Du musst ja nicht mitmachen, wenn du nicht willst.”

“Wobei denn mitmachen? Planst du wieder irgendeine Therapie?” Die Frage war nicht ganz ernst gemeint, denn Brittany hatte das ungute Gefühl, sie wisse ohnehin, wohin die Reise gehen sollte. Nach der Scheidung hatte ihre Mutter sie schon einmal gefragt, ob sie nicht mitkommen wolle an einen Ort nördlich von New York, wo eine Gruppe reicher, mächtiger Frauen ihren Urlaub zu verbringen pflegte.

“Komm mit nach Eden.”

Eden, genau. Es war ein unangenehmer Nachmittag gewesen, als sie diesen Namen zum ersten Mal gehört hatte. Sie hatte gerade erst ihre Scheidungsurkunde und den ganzen dazugehörigen Papierkram bekommen, als ihre Mutter anrief und sie zu überreden versuchte, mit ihr in den Urlaub zu fahren. Samantha hatte genug erzählt, um Brittany ein Bild davon zu vermitteln, was an diesem Ort vor sich ging.

Ihre Mutter hatte zwar nicht direkt zugegeben, Clubmitglied zu sein, aber Brittany nahm dennoch an, dass sie zu der exklusiven Gruppe reicher Frauen gehörte, die eine Ferienanlage in den Catskill Mountains besaß. Es war ein sehr privater Club, deren Mitglieder dazu verpflichtet waren, alles, was dort vor sich ging, vor den Augen der neugierigen Welt verborgen zu halten. Auf dem mehr als zweitausend Hektar großen Territorium herrschten andere Gesetze als außerhalb, und es gab sogar einen eigenen Wachdienst.

Das Geheimnis von Eden lag darin, dass dort Frauen Männer für bestimmte Dienste mieten konnten.

Sie fragte sich, ob Eden vielleicht auch der Grund war, warum ihre Mutter nie geheiratet hatte. Aber vielleicht war Samantha auch immer nur an die Falschen geraten. Aus eher eigennützigen Gründen wünschte sich Brittany von Herzen, ihre Mutter möge endlich einen Mann finden, der sie glücklich machte. Dann hatte sie vielleicht etwas Besseres zu tun, als ihrer Tochter auf die Nerven zu gehen.

Brittany war damals nicht nach Eden mitgekommen, und sie würde es auch diesmal nicht tun. Die Vorstellung, sie könne nur einen Mann bekommen, wenn sie dafür bezahlte, war einfach zu demütigend.

Samantha erreichte zwar sonst immer, was sie sich vorgenommen hatte, aber diesmal würde Brittany nicht nachgeben. Auf gar keinen Fall würde sie mit nach Eden fahren!

“Der Codename ist Eden.”

“Geht es um einen neuen Geheimauftrag, Sir?”, fragte Lieutenant Chad Hunter seinen Vorgesetzten, der diesmal ungewöhnlich lange zögerte, zur Sache zu kommen.

Allerdings war schon dieses Zusammentreffen an sich ungewöhnlich. Ungeplant. Unerwartet. Chad führte ein “Red Squad” genanntes Team aus Mitgliedern eines Sonderkommandos der Navy, sogenannte SEALS, das darauf spezialisiert war, in feindliches Gebiet einzudringen und einzelne Menschen zu retten. Diesbezügliche Einsatzbesprechungen fanden sonst nicht gerade in der Bar eines Sportklubs statt. Auch sein sechswöchiger Landurlaub war nicht abgesagt worden, was jedoch normalerweise der Fall war, wenn die Navy ihn und seinen Spezialtrupp von einer Minute auf die andere in dringender Mission an irgendeinen der Brennpunkte des Weltgeschehens schickte.

Vor drei Tagen erst war er mit seinen Männern aus Hawaii zurückgekehrt, von wo aus sie einen Piloten gerettet hatten, der vor der chinesischen Küste abgeschossen worden war. Vorigen Monat waren sie in die Arktis geeilt, um ein U-Boot zu befreien, das dort festgesessen hatte. Und davor hatten sie UNO-Soldaten gerettet, die in Eritrea in die Wirren eines blutigen Staatsstreichs geraten waren.

Chad war sehr stolz auf sein Team, das jederzeit einsatzbereit war. Bisher hatte er noch keinen Mann verloren. Jede Mission war erfolgreich verlaufen. Die besonders schwierigen Fälle gab die Navy immer an ihn, und stets bereit, seinem Land zu dienen, stellte Chad alle persönlichen Angelegenheiten zurück, sobald es notwendig wurde.

Er hatte schon gepackt und war eigentlich auf dem Weg nach Ohio, um den wohlverdienten Urlaub mit seinen Eltern, seinen sechs Schwestern und deren Familien zu verbringen. Dann hatte er die Nachricht bekommen, dass der Admiral sich mit ihm zum Mittagessen treffen wollte.

Doch die Verzögerung kam ihm nur recht, wenn er ehrlich war. Er würde die Erholung und das Wiedersehen mit seiner Familie zwar genießen, aber auf die Versuche seiner Schwestern, sich in sein Privatleben einzumischen, war er alles andere als erpicht.

Chad nippte an seinem Bier und wartete gespannt darauf, dass Admiral Warren Gates endlich zur Sache kam.

“Es ist keine offizielle Mission”, begann der Admiral schließlich. “Haben Sie bestimmte Pläne für Ihren Urlaub, Lieutenant?”

“Das Übliche, Sir.” Chad nahm sich eine Brezel.

Der Admiral wirkte so unruhig wie ein Rekrut vor dem ersten Fallschirmsprung aus zehntausend Meter Höhe, und das gab Chad ernsthaft zu denken. Er hatte diesen Mann auf der Brücke in aller Ruhe Kommandos geben sehen, während das Schiff schwerstem Flugabwehrfeuer ausgesetzt gewesen war, hatte erlebt, wie er unbewegten Gesichts Männer in den scheinbar sicheren Tod schickte, aber auch, wie raffiniert er Politikern schmeicheln konnte, wenn es galt, mehr Geld aus ihnen herauszuholen. Wenn dieser erfahrene Mann jetzt also ein Problem hatte, mit der Sprache herauszurücken, dann war das ein ziemliches Alarmsignal.

Dennoch behielt Chad seinen beiläufigen Ton bei, als er hinzufügte: “Ich will meine Familie besuchen, Sir.”

Das wettergegerbte Gesicht des Admirals legte sich in winzige Falten, weil er neugierig lächelte. “Gibt es keine Frau, zu der es Sie hinzieht?”

Chad dachte an die Heiratsvermittlerinnen daheim. Es war ja nicht so, dass er Frauen nicht mochte. Er mochte sie sogar sehr. Die Frauen, mit denen er ausging, waren klug, dachten an ihr berufliches Fortkommen und waren genauso wenig auf eine feste Beziehung aus wie er selbst. Gelegentlich, wenn er übers Wochenende frei hatte, traf er sich mit der einen oder anderen, manchmal auch unter der Woche an einem freien Abend, den er in der Stadt verbrachte.

Er wusste, wie wild seine Schwestern darauf waren, ihn wieder unter die Haube zu bringen. Dabei hatte er versucht zu erklären, warum er kein zweites Mal heiraten wollte. Jedenfalls nicht, solange er in der Navy diente. Er liebte seine Arbeit, weil es ihm gefiel, als Anführer seiner Männer Verantwortung zu tragen und immer wieder sein Leben aufs Spiel zu setzen, um das anderer Menschen zu retten.

Vor fünf Jahren hatte er begreifen müssen, dass eine Ehefrau ihren Mann bei sich zu Hause haben wollte, wenigstens abends, oder zumindest wollte, dass er anrief und Bescheid sagte, wann sie ihn zurückerwarten konnte. Aber sein Job gestattete solche Höflichkeit nicht. Ohne jede Kontaktmöglichkeit konnte Chad auf einmal für Stunden, Tage oder gar Wochen verschwunden sein. Es war wohl nicht fair, von einer Frau zu verlangen, sich damit abzufinden. Er hatte wirklich versucht, die Ehe aufrechtzuerhalten, aber irgendwann hatte Roxy einfach aufgegeben und sich von ihm scheiden lassen.

Nie wieder wollte er eine Frau allein lassen, die ihn mit Tränen in den Augen verabschiedete. Eine Frau, die ihn wortlos bat, seinen Beruf aufzugeben und zu Hause zu bleiben. Solche Schuldgefühle wollte er nicht noch einmal ertragen müssen.

“Jede meiner Schwestern hat mindestens eine Kandidatin in petto”, erklärte er. “Und jede dieser Kandidatinnen will mit mir vor den Altar.”

Der Admiral machte ein erstauntes Gesicht. “Das klingt ja nicht gerade begeistert.”

“Sir, ich habe sechs Schwestern.”

Zwei von diesen Schwestern hatte der Admiral schon kennengelernt, weil sie Chad besuchen gekommen waren, damals, als er in Bosnien verwundet worden war. Was für ein Aufriss wegen der kleinen Verletzung an der Schulter! Während der paar Tage im Krankenhaus hatten sie ihn mit selbst gekochten Suppen aufgepäppelt, mit Vitaminen vollgestopft und ihn in Gemüsesäften halb ertränkt, bis er schließlich seine Schwäger angerufen und diese angefleht hatte, sie mögen ihre Frauen wieder nach Hause rufen.

Der Admiral schüttelte den Kopf und lächelte. “Wenn die anderen vier ebenso entschlossen sind wie die zwei, die ich bereits kenne …”

Chad grinste. “Ich kann Ihnen versichern, das sind sie, Sir!”

“Dann verstehe ich Ihr Zögern.” Der Admiral hielt inne. “Es ist ein inoffizieller Gefallen, um den ich Sie bitten will. Ein persönlicher Gefallen.”

Na endlich, dachte Chad. “Was kann ich für Sie tun, Sir? Sie brauchen es nur zu sagen.”

Er würde alles stehen und liegen lassen, um diesem Mann einen Gefallen zu tun. Nicht nur, weil er ihn als Kommandierenden so hoch schätzte, sondern weil Admiral Gates sich so mutig um seine Untergebenen kümmerte. Mehr als einmal hatte er sich mit den höchsten Befehlshabern angelegt, um Chad aus höchster Gefahr retten zu können. Er und sein Red-Squad-Team verdankten es diesem Mann, dass sie überhaupt noch am Leben waren, denn er hatte damals einen Black-Hawk-Hubschraubereinsatz durchgesetzt, um verwundete Männer abzuholen, als das Team während einer gefährlichen Operation in Libyen in einen Hinterhalt geraten war.

“Mein Sohn ist verschwunden”, sagte der Admiral.

“Lyle?”

Chad wusste, Admiral Gates hatte gehofft, dass sein Sohn in seine Fußstapfen treten und eine Navy-Karriere verfolgen würde. Unter Chads Kommando hatte Lyle das auch versucht. Er erinnerte sich an ihn, nicht nur, weil Lyle der Sohn des Admirals, sondern weil er außergewöhnlich intelligent gewesen war. Lyle konnte schwimmen wie ein Fisch, hatte sich die Grundlagen des Nahkampfes angeeignet, konnte tieftauchen und kannte sich mit Unterwasserminen aus. Ein Meisterschütze war er, mutig wie zehn Männer und ein hervorragender Stratege und Taktiker. Doch bei alledem war er stets ein Einzelgänger geblieben, der nirgendwo wirklich hinpasste. Er war nie so recht glücklich geworden in der Navy und hatte deshalb seine Dienstzeit nicht verlängert.

Danach hatte Chad nichts mehr von Lyle gehört. Der Admiral sprach selten von ihm, aber ganz ohne Zweifel hatten Vater und Sohn noch immer Kontakt zueinander. Chad sah die Sorge in den Augen des Admirals, und der beunruhigte Unterton in den knappen Worten entging ihm ebenso wenig wie die angespannten Nackenmuskeln seines Gegenübers, als dieser sagte: “Er hatte sich für einen Monat dort in Eden unter Vertrag nehmen lassen. Und seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört.”

Chad kannte die meisten Organisationen, die jemanden mit Lyles Intelligenz und Militärerfahrung engagieren würden. Aber von einem Camp namens Eden hatte er noch nie gehört. Das hatte aber nichts zu bedeuten. Seine Jungs und er waren es gewohnt, sämtliche Meere zu befahren und sich durch Wüsten, Berge oder Dschungel zu kämpfen.

“Ist Eden ein Söldnerlager, Sir?”

“Nein, eine Ferienanlage.”

“Wo?”

“In den Catskill Mountains.”

Verwundert runzelte Chad die Stirn. “Eine paramilitärische Gruppe operiert aus einer Ferienanlage im Norden des Staates New York?”

“Eden hat nichts mit Militär zu tun, obwohl ich glaube, dass auch eine Zwei-Sterne-Generalin etwas damit zu tun hat. Eden wird von den reichsten und mächtigsten Frauen der Welt betrieben.”

Lyle war von Frauen gefangen genommen worden? In Anbetracht der hervorragenden Ausbildung und der enormen Intelligenz des SEALs konnte Chad sich das nur schwer vorstellen. Lyle war Sprengstoffexperte, konnte aber genauso gut Schlösser öffnen, jedes beliebige Flugzeug fliegen und sprach obendrein zwei Fremdsprachen. Sie hatten sich mehr als einmal Auge in Auge gegenüber gestanden.

Lyle war über zwei Meter groß und wog hundertzehn Kilo. Zwar konnte er es in Nahkampf und asiatischer Kampfkunst nicht mit Chad aufnehmen, aber er konnte sich problemlos gegen ein halbes Dutzend Männer verteidigen. Unter diesen Umständen war es eine geradezu groteske Vorstellung, Frauen könnten Lyle gefangen halten.

Doch Chad lachte nicht. Wenn er während seiner Zeit als SEAL und Anführer einer Elitetruppe eines begriffen hatte, dann die Tatsache, dass man einen Mann auf sehr verschiedene Weise in seine Gewalt bringen konnte, zum Beispiel auch durch Erpressung.

Er brauchte mehr Informationen. “Ich fürchte, ich verstehe nicht”, sagte er.

“Details habe ich nicht. Die Eden-Gruppe ist sehr exklusiv und achtet auf höchste Geheimhaltung. Sie haben die Macht, das Geld und den Einfluss, nichts an die Öffentlichkeit dringen zu lassen.”

Chad pfiff leise vor sich hin. Wenn eine Gruppe innerhalb der Vereinigten Staaten im Geheimen operieren wollte, dann brauchte sie dafür tatsächlich nicht nur ein ordentliches Sümmchen Geld, sondern auch enormen Einfluss. Bis eben war er sogar noch davon ausgegangen, es sei ganz und gar unmöglich.

Der Admiral schwieg einen Moment, damit Chad in Ruhe nachdenken konnte. Dann fuhr er fort: “Wir sprechen hier von Richterinnen des Obersten Gerichts, von Angehörigen ausländischer Königshäuser, Senatorinnen und Kongressabgeordneten, Konzerninhaberinnen und Stars, die ihren Urlaub unter starken Sicherheitsvorkehrungen auf mehr als zweitausend Hektar Land verbringen.”

Verwirrt kratzte Chad sich am Kinn. “Und diese Frauen haben etwas mit Lyles Verschwinden zu tun?”

“Er hatte sich verpflichtet, für einen Monat dort zu bleiben.”

“Und Sie nehmen an, er ist immer noch da?”

“Ja.” Der Admiral bestellte noch eine Runde. “Ich möchte, dass Sie in Eden eindringen und ihn da herausholen.”

“Sir, mein Team kann innerhalb von fünf Stunden einsatzbereit sein.”

Der Admiral schüttelte den Kopf. “Sie können da nicht mit Gewalt eindringen. Es wird auf eine Undercover-Aktion hinauslaufen. Und Sie müssen allein sein.”

“Keine Rückendeckung?” Chad hatte vollstes Vertrauen zu seinem Team. Nur aus wirklich schwerwiegenden Gründen würde er bereit sein, es zurückzulassen. Gute Planung und Teamwork waren für das Gelingen jeder Mission ausschlaggebend. Jeder im Team war auf bestimmte Aufgaben spezialisiert, konnte aber auch einen verwundeten Kameraden ersetzen, wenn es darauf ankam. Immer wieder hing der Erfolg der gesamten Operation davon ab, dass der richtige Mann von vornherein an der richtigen Stelle platziert war. Sechs Mann würden weit mehr erreichen können als Chad allein. “Meine Männer sind aufeinander eingespielt …”, begann er.

“Zutritt zu Eden haben nur Männer, die vorher einen Vertrag unterschrieben haben. Die Sicherheitsvorkehrungen sind so umfassend, dass nicht einmal ein SEAL ungesehen dort hineinkommt.”

“Wie wollen Sie mich dann da reinbringen?”, wunderte sich Chad.

“Das machen Sie selbst. Sie gehen einfach genauso vor wie Lyle. Eine der Damen dort muss Sie mieten.”

Chad wurde es auf einmal mulmig zu Mute. Er hatte ja schon viele unangenehme Aufgaben für sein Land erfüllt, aber diese Sache mit dem Vertrag klang ihm geradezu nach … Versklavung.

“Was würde man denn dort von mir erwarten, Sir?”

“Gewisse Dienste. Dienste persönlicher Art. Sie verstehen?”

2. KAPITEL

“Noch Jungfrau, mein Süßer?”

Die exzentrisch wirkende alte Dame im Rollstuhl, die ein strassfunkelndes Kleid trug und Zigarre rauchte, sprach doch wohl sicher nicht mit ihm!

Doch, tat sie.

Chad hatte sich nach Eden aufgemacht in dem festen Entschluss, einfach alles mitzumachen und dabei diskret nach Lyle zu suchen. Jetzt stand er auf dem Innenhof, sah auf die blauhaarige Frau mit den harten grünen Augen und den unzähligen Falten im Gesicht hinab und begann zu zweifeln, ob er seelisch und moralisch ausreichend auf diese Mission vorbereitet war.

Das Unternehmen hier war hervorragend organisiert. Kaum dass er per Eilkurier seinen Vertrag erhalten hatte, war alles für ihn arrangiert worden. Er war nach New York geflogen, am folgenden Tag vom Fahrer einer Limousine aus seinem Fünf-Sterne-Hotel abgeholt und geradewegs in die Catskill Mountains gebracht worden.

Der Fahrer hatte ihm mitgeteilt, dass die erste Rate der großzügigen Entlohnung auf sein Konto überwiesen worden war, was er gern über das Autotelefon nachprüfen könne, wenn er es wünsche. Dann hatte der Fahrer ihn noch einmal daran erinnert, dass es ihm vertragsgemäß nicht gestattet sein würde, während seines Aufenthalts in Eden jemanden anzurufen. Kontakt mit der Außenwelt wäre generell untersagt, und jede Zuwiderhandlung würde die sofortige Entlassung zur Folge haben.

Vor nicht einmal einer Stunde war die Limousine durch das große Tor gefahren, hinter dem sich eine glatte Straße durch die sanft geschwungene Hügelkette am Fuß der eigentlichen Berge wand. Die Gegend hier war nur dünn besiedelt und einst durch den Film “Dirty Dancing” berühmt geworden. Chad hatte für einen Moment überlegt, ob es nicht vielleicht sogar dieser Film gewesen war, der die Betreiberinnen von Eden auf ihre Idee gebracht hatte.

Nicht ganz hundert Meter hinter der ersten Biegung hatten aufmerksame Posten mit Wachdienstuniformen per Infrarotkamera die Iris des Fahrers und von Chad gescannt. Höflich und gewissenhaft hatten sie dann das Auto, das Gepäck und die beiden Männer durchsucht, und zwar mit derselben Gründlichkeit wie richtige Soldaten, wenn ringsum Krieg herrschte.

Diese Damen nahmen den Schutz ihrer Privatsphäre mehr als ernst. Das Überwachungssystem war noch umfassender, als man es Chad angekündigt hatte. In regelmäßigen Abständen entdeckte er modernste Faseroptik-Webkameras, die jeden einzelnen Quadratzentimeter der Straße genau ins Visier nehmen konnten. Entlang des elektrischen Zauns waren “Zutritt verboten”-Schilder angebracht. Kein Paparazzi kam hier herein. Schon gar keine neugierigen Touristen, die behaupten könnten, nur zufällig hier zu sein und sich einfach nur verlaufen zu haben.

Nicht weniger beeindruckend als die technische Ausrüstung waren die Überwachungsteams, die seine Mission erheblich erschweren würden. Es wurden nämlich nicht nur die Tore bewacht. Chad entdeckte auch diverse Patrouillen, die mit wachsamen Hunden die Grundstücksgrenzen abschritten.

Ganz offensichtlich gaben die Damen sich nur mit dem Besten zufrieden. Auch die Sorgfalt der Angestellten bewies das.

Chad hatte in Erwägung gezogen, ein paar technische Ausrüstungsgegenstände mit nach Eden zu schmuggeln, aber der Admiral hatte ihm davon abgeraten. Jetzt war Chad froh, dass er diesem Rat gefolgt war. Sein Gepäck wurde durch einen Waffenscanner geschickt, wie er sonst nur von der Armee benutzt wurde. Was wiederum bewies, dass die Damen sich nicht nur eine hochqualifizierte Privatpolizei leisten konnten, sondern auch Zugang zu Geheiminformationen und Militärausrüstungen hatten.

Mehrere Meilen weit im Inneren des Gebiets bog der Fahrer in eine Querstraße ein und fuhr an gut gepflegten weitläufigen Rasenflächen vorbei auf den Kamm der Hügelkette zu. Rechts und links der Straße ragten einzeln stehende Föhren in den Himmel, und ein Architekt hatte sich von der leicht erhöhten Lage des Baugrunds dazu inspirieren lassen, die moderne Version eines mittelalterlichen Schlosses zu entwerfen. Es verfügte über alle nur denkbaren Annehmlichkeiten, einschließlich weiterer Video-Kameras, die rechts und links über dem Eingängen angebracht waren.

In einiger Entfernung gab es eine kleine Stadt, und Chad wusste von der Karte, dass dort der Vergnügungspark mit seinen Restaurants, Theatern und Separees für intime Stunden lag. Heute Abend gab es eine große Party, die in einer filmkulissenartigen Umgebung stattfand.

Der Fahrer hielt vor einem überdachten Tor, das Chad ein wenig an jene Zeiten erinnerte, in denen man mit glänzenden schwarzen Pferdekutschen vorfuhr. Rechts und links der überdachten Auffahrt erstreckten sich lange Seitenflügel.

Der Fahrer deutete an einem Springbrunnen vorbei. “Die Party findet dort drüben statt, Sir.”

Chad folgte den reichlich überflüssigen Wegschildern in einen riesigen, mit schwarzen Marmorplatten ausgelegten Innenhof, wo Repliken von griechischen Götterstatuen standen: Zeus, der eine willige Schäferin in seine Arme riss, Poseidon, der aus den Wogen heraus eine Nixe küsste, und auch Aphrodite, groß gewachsen, stark und klug, die wohlwollend auf die Menge unter sich hinabblickte.

Als Geschenk des Hauses hatte man Chad ein Jackett für gut tausend Dollar spendiert, dessen Kragen er jetzt zurechtrückte, dann die Falten in den Hosen glatt strich, um sich schließlich unter die Menge zu mischen. Dabei betrachtete er die Männer mit besonderem Interesse, denn er suchte Lyle. Wie er selbst trugen alle Männer, aber auch die Frauen elegante goldene Namensschilder. Manche dieser Schilder waren sogar mit Juwelen besetzt.

Weil er nicht weiter auffallen wollte, nahm Chad sich ein Hummer-Canapé und ein Champagnerglas und begann, damit herumzuspazieren, um sich mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut zu machen. Er gab sich nicht die geringste Mühe, seine Neugier zu verbergen. Mit Sicherheit tat jeder, der neu hier war, dasselbe, fragte womöglich sogar eine der Damen, ob sie ihm nicht alles zeigen würde.

Er wollte den Vorteil des Alleinseins nutzen, solange er ihn noch hatte. Dass er nicht unbemerkt bleiben würde, war ihm klar. Die Überwachungskameras spähten in jeden Winkel des Hofes und registrierten jede Bewegung.

Frauen der verschiedensten Altersgruppen und Nationalitäten unterhielten sich erstaunlich gelassen mit ihren männlichen Begleitern. Obwohl mehr Männer als Frauen hier waren, wurden alle ausnahmslos von den Frauen mit Interesse und Respekt behandelt.

Als Chad genauer hinsah, erkannte er einige der exklusiv gekleideten und sorgfältig frisierten Frauen. Eine war eine berühmte Kabarettistin, die nächste eine Senatorin. Eine Fernsehmoderatorin. Und auch die Zwei-Sterne-Generalin, die der Admiral hier vermutet hatte.

Und dann war er der Zigarre rauchenden Lady im Rollstuhl begegnet, die es darauf angelegt zu haben schien, ihm den Weg zu versperren. Vielleicht hatte er sie tatsächlich missverstanden, denn im Hintergrund spielten Geigen und Flöten klassische Musik, und das Stimmengewirr war doch sehr laut. In einer Versammlung elegant gekleideter Menschen, die sich allesamt sehr höflich miteinander unterhielten und zwischendurch aus Kristallgläsern Champagner tranken, war eine so unverschämte Frage einfach völlig unangebracht. Er musste sich wirklich verhört haben. Dies war die Party, wo man sich ungezwungen miteinander bekannt machen sollte. So hatte es im Vertrag gestanden.

“Was beliebten Sie zu sagen, Ma’am?”

Sie ließ lässig die Zigarre von ihren dünnen Lippen wippen. “Ich fragte, ob du noch Jungfrau bist. Ist doch eine ziemlich einfache Frage, oder nicht?”

Sie zwinkerte ihm zu, und Chad begriff, dass es ihr Spaß machte, ihn so in Verlegenheit zu bringen. “Ma’am, ich glaube nicht, dass Sie das etwas angeht.”

“Papperlapapp!” Sie blies einen Qualmring in seine Richtung. “Was hier in Eden vorgeht, geht mich sehr wohl etwas an. Ich bin nämlich eine der Gründerinnen, verstehst du?”

“Das wusste ich nicht.” Chad hätte am liebsten gestöhnt. Na, toll. Er war noch keine zwei Minuten hier und hatte schon jemand Wichtiges verärgert. Er hoffte nur, ihre Augen waren nicht scharf genug, um seinen Namen auf dem Schildchen zu lesen, sonst kam womöglich bald der Wachdienst und warf ihn hier raus.

“Außerdem hast du mich wohl etwas missverstanden, Jungchen. Ich meinte nur, ob es heute das erstes Mal ist, dass du uns beehrst.”

“Ja, Ma’am. Das merkt man wohl auch”, gab Chad zu. Er kam sich ziemlich dämlich vor, vertraute aber darauf, dass er den Irrtum mit seinem berühmten Charme ausbügeln konnte. Er war es schließlich gewohnt, dass Geschosse neben ihm durch die Luft pfiffen. Da brauchte es mehr als einen lächerlichen Fauxpas, um ihn zum Schwitzen zu bringen. “Ich kenne hier niemanden. Und ich überlege gerade, ob es eine gute Idee war, hierherzukommen.”

Das amüsierte Glitzern in ihren Augen verschwand, und sie sah ihn scharf an, was ihn davon überzeugte, dass sie zumindest noch ein paar Tassen im Schrank hatte. “Hast du dir den Vertrag durchgelesen, bevor du ihn unterschrieben hast?”

Was hatte er denn jetzt schon wieder falsch gemacht? Ja, er hatte den vierunddreißigseitigen Vertrag unterschrieben, und er hatte erst einen Rechtsanwalt konsultieren müssen, um die Feinheiten zu erkennen.

“Soweit ich verstanden habe, hat Eden Incorporated für einen Monat meine Dienste erworben.”

“Genau so ist es. Entweder du bleibst allgemein für die Damen verfügbar, oder eine der Damen kann dich gegen eine zusätzliche Prämie für einen bestimmten Zeitraum für sich allein buchen. Natürlich verdienst du mehr, wenn eine Dame dich exklusiv für sich will. Das kann durchaus passieren. Wenn je einer ein Kandidat für den Exklusiv-Service war, dann bist du das.” Sie zeigte ihm anerkennend den nach oben gerichteten Daumen.

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