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Süßes Gift

Über dieses Buch

Seitdem die neue Designerdroge FX kursiert, gleicht Dr. Cassandra Harts Arbeit einem täglichen Kampf, den sie allmählich zu verlieren droht. Ursprünglich als Wundermittel der Pharmaindustrie gedacht, fanden die Tabletten ihren Weg ins Drogenmilieu, wo sie nun an Teenager verkauft werden – die Cassie anschließend an einer Überdosis unter den Händen wegsterben. Niemand weiß, wer die Drogen in Umlauf bringt, und die Polizei ist ratlos.

Als Cassie bei einer weiteren Patientin einen ganzen Beutel voll FX findet, beschließt sie, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, um FX-Sondereinheit, steht die engagierte Ärztin selbst ganz oben auf der Liste der Verdächtigen, wittert er hinter ihren Ermittlungsversuchen doch nur reine Ablenkungstaktik. Als jedoch Mitarbeiter des Krankenhauses ermordet werden und auch Cassie in das Visier des Killers gerät, wird schnell klar, dass sie den Kampf gegen die Drogen nur gemeinsam gewinnen können …

1

Der Sikorsky-Transporthubschrauber donnerte durch die eiskalte Februarnacht und kämpfte gegen die Böen an, die vom Ohio River herüberpeitschten. Dr. Cassandra Hart saß entgegen der Flugrichtung auf der Rückbank und versuchte, den Chili Mac bei sich zu behalten, den sie vorhin gegessen hatte. Sie zerrte an den Sicherheitsgurten, denn ihr war nicht bloß wegen des holprigen Flugs bange ums Herz. Es war einfach zu eng hier drin, ihr fehlte die Luft zum Atmen.

Gegen Reiseübelkeit hätte sie ein Mittel parat gehabt, gegen Klaustrophobie gab es leider keine Medizin. Es war eine Schwäche, die sie sich keinesfalls anmerken lassen wollte, also riss sie sich so gut es ging zusammen. Der Blick aus dem Fenster half auch nicht gerade – die Rotorblätter zerschnitten die tiefhängenden Wolken zu geisterhaften Schemen; der heftige Regen trommelte gegen die Kunststoffscheiben.

Da die Stadt Pittsburgh unter chronischem Geldmangel litt, war kaum eines der vorbeiziehenden Gebäude erleuchtet. Nur wenige Wolkenkratzer ragten aus dem Dunkel, darunter die Cathedral of Learning und der PPG Place – sie standen da wie Wachposten gegen einen nächtlichen Einmarsch.

Die Übelkeit wurde wieder schlimmer, das Blut rauschte ihr in den Ohren. In den Sitz gegenüber lümmelte sich der Rettungssanitäter Eddie Marcone und spielte mit einer Handkonsole, unbekümmert ob ihrer Seelenqual oder des tobenden Sturms.

Eine heftige Böe riss den Sikorsky ruckartig nach oben. Cassies Gurte schnitten ihr in die Brust, dann schlug sie wieder mit Wucht auf die Sitzbank auf und konnte dabei jeden einzelnen Knochen im Leib spüren.

»Das Unwetter kommt näher«, hörte sie die Stimme von Zack Allan, ihrem Pilot, über Funk. »Kann sein, dass wir wieder umdrehen müssen, Doc.«

Umdrehen? Cassie wischte sich die feuchten Handflächen am Nomex-Fluganzug ab. Die Landefläche des Three Rivers Medical Centers erschien ihr in diesem Moment so unerreichbar fern wie das Nirwana. Und das Nirwana konnte warten – ganz im Gegensatz zu ihrer Notfallpatientin, ein aus dem eiskalten Wasser des Ohio Rivers gefischtes junges Mädchen.

»Nur zehn Minuten«, erwiderte Cassie, obwohl ihr hundeelend zumute war und sie nichts lieber getan hätte, als abzubrechen. »Wir sammeln sie ein und machen, dass wir weg kommen, ich brauche nur zehn Minuten.«

Der Sikorsky bockte erneut. »Sie kann auch mit dem Krankenwagen geholt werden«, mischte sich Eddie ein. Sein wütender Blick erinnerte sie daran, dass ihre Entscheidung nicht nur die Patientin, sondern sie alle hier drin betraf.

»Das dauert zu lange. So viel Zeit hat das Mädchen nicht.«

Was vor allem daran lag, dass Pittsburgh um drei Flüsse und mehrere Hügel herum errichtet worden war. Die vielen Tunnel, Brücken und Baustellen machten einen zügigen Transport von Schwerverletzten unmöglich.

Als sie Zacks Seufzen im Äther hörte, wusste sie, er würde nachgeben. Ha, gewonnen. Obwohl es nicht wirklich ein Gewinn war, weiterhin in dieser fliegenden Todesfalle gefangen zu sein.

»Sie haben fünf Minuten«, sagte er schließlich.

Kurz darauf gingen sie in den Landeanflug über. Die fürchterlichen Turbulenzen ließen ein wenig nach, allerdings schlingerte der Hubschrauber noch immer heftig. Nach einem letzten kurzen Aufbäumen landete er jedoch auf der Auffahrt zur West End Bridge. Die von den Rotorblättern aufgewirbelte Luft warf einige orangene Warntonnen um, die nun über den aufgesprungen Asphalt schlitterten. Schneeregen trommelte auf das Dach und gegen die Scheiben. Cassie musste gar nicht erst zu Zack nach vorne schauen, um zu wissen, wie missmutig er dreinblickte.

»Hey, Hart«, rief er ihr über das Dröhnen des Motors hinweg zu, »keine Sekunde länger, sonst schwöre ich …«

Cassie überhörte den Kommentar, riss die Tür auf, trat in die Nacht hinaus und lief geduckt unter den Rotorblättern hindurch, bis sie außer Reichweite war. Dann richtete sie sich wieder auf, hielt das Gesicht in den Westwind und atmete einmal kurz durch.

Die Angst ebbte ab, sie war nun hoch konzentriert. Der Rettungswagen stand am Zugang zur Brücke, die Scheinwerfer auf das Flussufer ausgerichtet. Dort wälzten zwei Sanitäter eine schmale blasse Gestalt auf ein knallorangefarbenes Wirbelsäulenbrett. Ihre Patientin.

Eddie war inzwischen bei ihr, gemeinsam kletterten sie die Uferböschung hinab. »Wieso versuchst du immer, bis an die Grenzen zu gehen? Du weißt doch, dass letztendlich der Pilot entscheidet.«

»Zack ist übervorsichtig.« Sie behielt die Rettungskräfte und den reglosen Körper des Mädchens fest im Blick.

»Daran ist ja auch nichts verkehrt. Ist mir lieber, als dass ich irgendwann dran glauben muss.« Er glitt auf dem glitschigen Geröll aus und kämpfte ums Gleichgewicht. »Was ist an dieser Patientin so besonders, dass du für sie mein Leben aufs Spiel setzt?«

Cassie hörte gar nicht mehr hin, denn sie hatte gesehen, dass einer der Sanitäter ebenfalls ausgerutscht war, und dabei beinahe ihre Patientin fallen gelassen hätte. Sie stürzte vor und packte das Wirbelsäulenbrett mit festem Griff. Während Eddie die Ausrüstung auf einem Haufen aufgeworfener Pflastersteine ausbreitete, lief ihr eiskaltes Wasser in die Stiefel.

»Was haben wir hier?«, schrie sie gegen den durch die Brückenpfeiler pfeifenden Wind an, während sie durch das flache Wasser wieder auf festen Boden zu wateten. Eine dunkle Locke löste sich aus ihrer Haarspange. Sie steckte sie zurück hinters Ohr, der Regen lief ihr vom Haar in den Nacken.

»Weiß nicht. Könnte ein Selbstmordversuch sein«, brüllte einer der Notfallsanitäter.

Das Mädchen war vielleicht vierzehn, höchstens fünfzehn Jahre alt. Die Lippen hatten sich bereits bläulich verfärbt, das blonde Haar war mit Wasser vollgesogen. Cassie tastete nach dem Puls, spürte aber nichts. Dann fand sie ihn. Langsam, flattrig, aber immerhin noch da. Braves Mädchen, jetzt bloß nicht aufgeben.

»Schwere Hypothermie.« Cassie kniete sich neben dem Kopf des Mädchens in den feuchten Schlamm, spitze Steine bohrten sich ihr in die Knie. »Keine Atmung. Ich muss intubieren.«

»Dafür haben wir keine Zeit«, erwiderte Eddie.

»Gib mir nur eine Sekunde«, murmelte sie, ohne den Blick von der Patientin zu lösen. Die Haut des Mädchens war eiskalt, wächsern. Wach auf, Dornröschen. Cassie schob die bläulichen Lippen auseinander. Trotz der schwierigen Position gelang es ihr, den Tubus in einem Rutsch einzuführen. Sie langte nach dem Beatmungsbeutel, um dem halb erstickten Mädchen mehr Sauerstoff in die Lunge zu pumpen.

»Nicht schlecht«, zollte ihr Eddie zähneknirschend Anerkennung, während er den Tubus rasch mit Klebeband befestigte.

»Letzter Aufruf, Hart«, rief Zack vom Helikopter aus zu ihnen nach unten.

Cassie nickte, arbeitete aber beharrlich weiter. Ihr Gesicht brannte vor Kälte, sie beugte sich über ihre Patientin, um sie mit dem eigenen Körper vor dem eisigen Februarwind zu schützen. Da sie keine Hand frei hatte, um sich den Regen aus dem Gesicht zu wischen, barg sie ihren Kopf in der Schulter der Bomberjacke.

Der säuerliche, leicht rauchige Geruch des nassen Leders stieg ihr in die Nase – und auf einmal war sie wieder zwölf, stand in eisigem Wasser und hielt die Hand ihres Vaters umklammert. Cassie schüttelte den Kopf, um die unwillkommene Erinnerung zu verscheuchen.

»Schön langsam«, sagte sie zu Eddie und den Sanitätern. »Haltet sie so stabil wie möglich.«

Die schwere Unterkühlung, das Trauma eines möglichen Sturzes, eiskaltes Wasser, der Schock – es sah nicht gut aus für ihre Patientin. Sie kämpften sich im Zickzack die steile, schlammige Uferböschung hoch, überall lagen große Asphaltbrocken und andere Trümmer im Weg, die von Bauarbeitern des Straßenverkehrsamts zurückgelassen worden waren.

»Nun helfen Sie uns schon!«, rief Cassie den Polizisten zu, die neben ihrem Cruiser die Köpfe zusammensteckten und eigentlich hier waren, um den Verkehr durch diese verlassene Gegend zu lenken, in der es nur leerstehende Lagerhallen und Straßenbaustellen gab. An einem Montagmorgen kurz vor Sonnenaufgang war hier dementsprechend nicht besonders viel für sie zu tun.

Mit der zusätzlichen Hilfe hatten sie ihre Patientin binnen kürzester Zeit in den Hubschrauber verfrachtet. Cassie sprang hinterher und setzte sich neben das Kopfende der Trage.

»Gut festhalten, das wird ein unruhiger Ritt«, warnte sie Zack.

Der Motor jaulte laut auf. Als der Hubschrauber zitternd zum Abflug ansetzte, bekam Cassie sofort wieder Herzrasen. Sie hoben ab und waren erneut dem sie gnadenlos hin und her werfenden Wind ausgeliefert.

Ein Sarg – sie steckte in einem fliegenden Metallsarg fest.

Rasch schob sie den Gedanken beiseite und wandte sich ihrer Patientin zu. Das Mädchen hatte kaum noch Sauerstoff im Blut, der Puls war schwach, der Blutdruck ebenfalls im Keller. Cassie nahm die Schere, schnitt den Pullover des Mädchens entlang der Nähte auf und zog den klitschnassen Stoff beiseite, der dem zarten Körper wertvolle Wärme raubte. Plötzlich regnete es grüne Tabletten, die sich das Mädchen in eine Plastiktüte verpackt in den BH gesteckt hatte.

Cassie nahm die Pillen in die Hand und musterte die ungewöhnliche Dreiecksform. »FX. So wie es aussieht, auch unverschnitten.«

Fentephex, oder auch FX, war die neueste »Wunderwaffe« der Pharmaindustrie, die den Weg in die Drogenszene gefunden hatte. Allein in diesem Jahr waren bereits sechs von Cassies Patienten daran gestorben. Sie würde nicht auch noch einen siebten verlieren.

Eddie hatte inzwischen einen intravenösen Zugang gelegt. Er fuhr mit den Fingern über die leicht erhobenen violetten Einstichspuren auf den dünnen Ärmchen des Mädchens. »Sie spritzt sich das Zeug.«

»Gib ihr Naloxon. Ich kümmer mich um die Infusion.« Sie zählte mindestens zwei Dutzend Pillen in dem Tütchen. Wie war das Mädchen bloß an so viel FX gekommen? Cassie verstaute die Drogen in ihrer Jackentasche und nahm eine Spritze zur Hand.

In dem Moment sackte der Helikopter ohne jede Vorwarnung ab. Cassie wurde von ihrer Patientin weggerissen. Sie versuchte, sich irgendwo festzuhalten, ihr wurde speiübel. Als sie aufschaute, sah sie eine der Spitzen des PPG-Hochhausturms auf sie zurasen. Eigentlich war der hohe Glasbau, dessen Turmspitzen sich wie bei einem Märchenschloss in den Himmel schraubten, eines ihrer liebsten Wahrzeichen der Stadt. Heute Nacht glich er einem grauenhaften Dolch.

Der Sikorsky schlingerte, scheinbar außer Kontrolle. »Verdammt, Zack!«, hörte sie Eddies Stimme über Funk.

Cassie starrte wie gebannt in die grellen Lichter des Hochhauses. Sie schienen den Helikopter mit einem stummen Sirenengesang ins Verderben zu locken. Der Vogel neigte sich nach rechts. Cassie kniff die Augen zu.

Nur ein Augenblick. Ein Sekundenbruchteil. Wenn irgendjemand wusste, wie schnell sich das ganze Leben von einem Moment auf den anderen verändern konnte, dann Cassie. Wer würde wohl zu ihrer eigenen Beerdigung kommen? Sie hatte keine Familie mehr.

Wie unvorsichtig von ihr, einfach alle zu verlieren. Wie dumm, sich als Letzte zu behaupten.

Der Hubschrauber stieg wieder auf, nur um unter schrillem Kreischen gleich wieder abzusacken. Cassie schmeckte Galle. Dennoch überwand sie sich und öffnete die Augen. Vor ihrem Fenster sah sie den Turm, ganz nahe. Dreißig Jahre waren nicht genug, entschied sie. Nicht einmal annähernd. Sie sah verbogenen Stahl, Rauch und Feuer vor ihrem geistigen Auge. Würde es überhaupt noch etwas zu begraben geben?

Noch bist du nicht tot. Und deine Patientin auch nicht. Also konzentrier dich lieber auf sie. Cassie griff nach dem Handgelenk des Mädchen, fühlte ihr erneut den Puls. Durch die Infusion war er ein wenig stärker geworden, ging aber immer noch unregelmäßig. Und die Haut war kalt wie die einer Toten. Dieses ganze Rauf und Runter half dem bereits aus dem Takt geratenen Herzen auch nicht gerade.

Der Glasturm zeichnete sich bedrohlich über ihnen ab. Mit einem letzten schrillen Aufheulen des Motors fing der Sikorsky sich wieder und zog einen Bogen um den Wolkenkratzer.

Kurz darauf waren die Lichter des Three Rivers Medical Centers zu erkennen. Ehe sie jedoch zur Landung ansetzen konnten, gaben die Monitore in der Passagierkabine einen schrillen Alarm aus.

»Kammerflimmern.« Cassie legte zwei Finger auf die Halsschlagader des Mädchens. »Kein Puls.«

»Verflucht!« Eddie begann mit der Herzmassage.

Cassie lud den Defibrillator hoch. Sie drückte den Ambu-Beutel, um Luft in die Lunge des Mädchens zu pressen. Der Defibrillator kündigte mit lautem Summen seine Einsatzbereitschaft an.

»Aus dem Weg!« Cassie drückte die Paddles auf die Brust ihrer Patientin. Ein Stromschlag fuhr durch den leblosen Körper. Nichts. Also versuchte sie es stattdessen mit einer Epinephrinspritze und injizierte das Notfallmittel.

Der Helikopter landete unsanft auf dem Landeplatz. Die Türen glitten auf, helfende Hände griffen nach ihrer Patientin, hoben sie aus dem Flieger. Cassie übernahm die Herzmassage. Sie verschränkte die Finger und drückte die Ballen fest aufs Brustbein des Mädchens. Der Wind schleuderte ihr Graupelperlen entgegen, die wie Wespenstiche auf der Haut brannten. Cassie machte unbeirrt weiter, hielt nur einmal kurz inne, um ungeduldig den Kopf nach hinten zu werfen, weil ihr ständig das Haar ins Gesicht fiel. Die Spange, mit der sie es gebändigt hatte, war längst verloren gegangen, lag wahrscheinlich auf dem Grund des Flusses.

Verdammt, wiederholte Cassie im Rhythmus ihrer Hände. Du wirst nicht sterben. Nicht, solange ich hier bin.

2

Hätte Detective Mickey Drake die Augen geschlossen, hätte sich der auf den Müllcontainer prasselnde Regen bestimmt ziemlich genau wie eine vollautomatische Tec-9 angehört: Rattata-tapp-rattatapp-tapp. Leiser als in den Filmen. Weniger Wumms, mehr Peng.

Doch Drake schloss nicht für eine Sekunde die Augen. Sein Blick war auf das Fenster im zweiten Stock des East Liberty-Gebäudekomplexes geheftet, in dem Lester Young mit dieser Frau die Nacht zum Tag machte.

Der Wind konnte den beißenden Gestank von Urin, verdorbenem Hühnchen und saurer Milch aus der kleinen Gasse nicht vertreiben. Graue Nebelfetzen zogen an Drake vorbei, flüchtig wie die Versprechen einer Verflossenen.

Er trat von einem Fuß auf den anderen, vergrub die nackten Hände tiefer in die Taschen seines Kurzmantels und versuchte, das dumpfe Geräusch des Regens auszublenden, der auf überquellende Müllsäcke voller gammliger Windeln fiel. Die einzige Lichtquelle vor dieser Häuserflucht war eine ausgediente Straßenlaterne, deren gelblicher Lichtstrahl kaum bis aufs Pflaster reichte.

Gestern hatte Drake zum ersten Mal seit zwei Wochen einen freien Tag gehabt. Dennoch war er sofort mit an Bord gewesen, als Lisa Dimeo, die moralinsaure Anklägerin und Leiterin der FX-Sondereinheit der Pittsburgh Police, angerufen und ihm mitgeteilt hatte, ihr Chef habe sich aufgrund der Beweislage endlich zu einem Haftbefehl durchgerungen. Ein wenig Schlaf war nichts gegen das Vergnügen, Lester Young festzunageln.

Drake hatte sämtliche Schlupflöcher dieses mit Rauschgift handelnden, mordenden Scheißkerls abgesucht, bis er ihn schließlich gegen ein Uhr früh bei seiner Crackhure in der Ruby Avenue aufgespürt hatte. Drake war ein guter Junge gewesen, hatte Verstärkung angefordert und auf Kwon gewartet, bis sie mit dem Haftbefehl eintraf. Lester würde nicht wegen einer Formalie davonkommen. Dieses Mal nicht.

»Brauchst du Hilfe da draußen, DJ?«, hörte er Janet Kwons Stimme über Funk im Ohr. »Du wolltest doch nur mal kurz auf Toilette verschwinden. Das war vor zwanzig Minuten.«

Sie klang gutgelaunt, dennoch hörte er leichte Besorgnis heraus. Und die galt nicht allein seinem Wohlbefinden. Kwon befürchtete, er würde irgendetwas anstellen, was den Einsatz gefährdete. Wieder einmal. Deswegen stand er auch lieber hier draußen und fror sich den Hintern ab, als sich im Intrepid Kwons kritischem Blick auszusetzen.

»Von hier aus habe ich bessere Sicht«, sagte er ins Funkgerät.

»Ich denke, wir sollten reingehen. In der letzten halben Stunde hat sich da oben nichts mehr getan, vielleicht können wir sie im Schlaf überraschen.«

»Oder wir erleben eine Überraschung, wer weiß, was die da oben gerade treiben«, warf Summers, der hinter dem Gebäude Position bezogen hatte, ebenfalls über Funk ein. Er schien sich auf diese Aussicht zu freuen, aber Summers war schließlich noch jung, seine Marke noch blitzsauber.

Drake wollte Lester um jeden Preis schnappen. Diese Festnahme wäre besser als Sex – soweit er sich noch daran erinnerte. Die vergangenen sechs Monate war er enthaltsam wie einer dieser Mönche oben in Loretto gewesen. Weil er sein Leben wieder in den Griff bekommen wollte. Dafür zu sorgen, dass Lester seine gerechte Strafe erhielt, war dabei ein wichtiger Schritt. Dennoch …

»In der Wohnung befindet sich ein Kind«, gab er an die anderen weiter. Durchs Fernglas sah er eine rote, an der Tür aufgehängte Jacke, kleiner als die eines Erwachsenen. Daneben stand ein Rucksack mit einer leuchtend grünen Hulk-Figur darauf.

»Was für ein Kind?«, fragte Summers. »Ich habe kein Kind gesehen.«

»Falls dort tatsächlich ein Kind sein sollte«, warf Kwon ein, »wird es sich im hinteren Teil der Wohnung aufhalten. Dort können wir es abschirmen.

»Zu riskant. Wir warten.«

»Die treiben es vielleicht stundenlang«, murmelte Summers.

»Keine Sorge, Eric«, beruhigte ihn Kwon. »Früher oder später muss Lester sich neues Viagra besorgen.« Die vom Koffein und Adrenalin aufgeputschten Polizisten lachten glucksend.

Drake blieb stumm. Er wartete ab, der Regen lief ihm in den Kragen des Wollmantels hinein, durchnässte seine Jeans und weichte die knöchelhohen Turnschuhe auf. Ohne Unterlass starrte er auf das Fenster, auch wenn er in letzter Zeit im Schnitt nur vier Stunden geschlafen hatte und die Lider ihm wie grobkörniges Schleifpapier über die Augen kratzten.

Der Schneeregen schlug ihm ins Gesicht und er kniff die Augen zusammen, bis er wieder scharf sah. Lester kam aus dem vorderen Schlafzimmer und lief nackt am Fenster vorbei.

Genau, mach dich vom Acker, dachte Drake. Es wird Zeit für ein kleines Frage-und-Antwort-Spiel. Gerne auch mit Showeinlage. Denn eine Sache musste hier klargestellt werden: Niemand schoss auf einen Polizisten, traf versehentlich einen Bus voller Kinder und kam dann wegen eines beschissenen Formfehlers frei – so schlecht war die Welt auch wieder nicht. Es würde ein verdammt gutes Gefühl sein, Lester endlich am Wickel zu haben. Denn wenn ein Drogendealer das dritte Mal aufflog, gab das lebenslänglich.

Lester schlüpfte in seine Hose. Drake hob das Funkgerät. »Unser Star zieht sich an. Bühne frei.«

Kwon und die anderen bestätigten ihm die Durchsage. Langsam ging Drake nach vorne bis an den Rand der dunklen Gasse, ohne den Blick dabei vom Fenster abzuwenden. Jetzt stand er direkt vor dem Mietshaus. Lester langte erst nach seinem T-Shirt, dann nach der Jacke.

Mach schon, na los.

Mit einem Mal richtete Lester sich ruckartig auf, öffnete den Mund, als rufe er laut nach jemandem, während er hektisch in den Jackentaschen kramte.

Lesters kleine Nutte kam in einem hellgrünen offenstehenden Kimono aus dem Schlafzimmer. Ihr Gesichtsausdruck wechselte innerhalb einer Sekunde von verführerisch zu verängstigt. Die Worte »Double Cross« und »du Nutte« drangen auf die Straße. Die Frau sprach gehetzt auf Lester ein und wich dabei vor ihm zurück. Lester verpasste ihr eine Ohrfeige, die sie zu Boden schickte. Er zerrte sie wieder hoch, schüttelte sie und schlug erneut zu, jetzt blutete ihr die Nase. Dann griff er ihr ins zu eng geflochtene Haar, zückte seine Waffe und zielte direkt auf ihr Gesicht.

Ein kleiner Jung im Superman-Schlafanzug kam aus dem Flur ins Zimmer und rieb sich die Augen. Als er die Frau erblickte, rannte er laut schreiend auf sie zu.

Drake rannte durch die Pfützen über die Straße, die Treppe zum Gebäude hinauf. Er nahm zwei der glitschigen Stufen auf einmal, stieß die schwere Glastür mit der Schulter auf und rief per Funk nach Verstärkung.

Die Glock fest umklammert, hetzte er in den zweiten Stock hinauf, die Brust wurde ihm eng dabei. Er wappnete sich gegen den Schuss, den er gleich hören würde. Wieder einmal kam er zu spät.

3

»Verdammt nochmal, Drake, warte auf Verstärkung!« Kwons Stimme übertönte selbst das laute Stampfen seiner Füße und das Pochen seines Herzens. Drake kam schliddernd vor der Wohnungstür zum Stehen und schöpfte kurz Atem.

Da war ein Kind auf der anderen Seite der Tür. Und eine Frau. Und ein Mann mit einer Waffe.

Bei jeder Geiselsituation galt als oberste Regel, die Jungs vom Sondereinsatzkommando zu rufen. Es sei denn, ein Zivilist befand sich in unmittelbarer Gefahr. Drake lehnte sich an die Wand und lauschte angestrengt. Eine Frau weinte – oder war das der kleine Junge? Klang jedenfalls ganz nach unmittelbarer Bedrohung.

Am liebsten wäre er sofort hineingestürmt und hätte den Scheißkerl auf der Stelle erschossen, ihn ein für alle Mal unschädlich gemacht, doch Lester war ihre einzige Spur zu dem FX, das auf der Straße kursierte. Drake brauchte ihn lebend.

Kwon war inzwischen auch bei ihm am Treppenabsatz angekommen, legte Drake eine Hand auf die Schulter und sprach gedämpft in ihr Funkgerät, um die Positionen der anderen Teammitglieder abzuklären.

Ein Schrei drang durch die dünne Tür, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Dann zersplitterte Glas.

»Wo ist das Zeug, du Schlampe?«, herrschte Lester die Frau an.

Es gab einen todsicheren Weg, Lester von seinen Opfern abzulenken, der allerdings vollkommen gegen die Vorschriften war. Lester hasste Drake, wusste, dass der ihm die Schlinge um den Hals gezogen hatte. Wenn er jetzt durch diese Tür stürmte, war ihm die Aufmerksamkeit des Dealers gewiss.

»Ich gehe rein«, sagte er zu Kwon. Der Regen lief ihm aus dem nassen Haar, er wischte sich über die Augen und trocknete sich die Hände am T-Shirt ab, dann rückte er die Schutzweste zurecht.

»Nein. Wir warten noch.« Kwon war beinahe genauso pedantisch wie Dimeo.

»Wenn ich reingehe, wird Lester sich sofort mir zuwenden. Dann könnt ihr das Kind und die Mutter rausschaffen.«

Zum ersten Mal war Drake dankbar für die maroden Gebäude in dieser Gegend, denn die Eingangstür war derartig billig, dass sie bereits unter Lesters Geschrei erbebte. Drake hob die Glock, nickte Kwon zu und trat die Tür mit einem wohlplatzierten Tritt auf. Sie sprang aus den Scharnieren und schrammte über den Holzboden, als er sie weiter aufdrückte. Kwon hielt sich dicht hinter ihm.

»Lester, alter Kumpel, mein Freund!«, rief Drake, um den Drogenhändler von der Frau abzulenken. Dabei sondierte er unauffällig die Lage. Der Junge schien unverletzt zu sein, die Frau lag am Boden, atmete aber noch. Er blieb dicht bei der Tür stehen, damit Kwon mehr Spielraum hatte und ihm nicht in die Schusslinie lief.

»Wir müssen uns unterhalten, Kumpel«, setzte er seinen Singsang fort, ohne den Taurus Raging Bull-Revolver zu beachten, mit dem Lester nun auf ihn zielte. Was angesichts des überdimensionierten Laufs gar nicht so einfach war.

Im Zimmer roch es nach Marihuana und Southern Comfort. Das Weiße in Lesters Augen stach deutlich hervor, Schweiß glitzerte auf seiner Stirn. Lester bleckte die Zähne, lächelte benebelt, sodass Drake sich unwillkürlich fragte, ob der Dealer möglicherweise seine eigene Regel gebrochen und selbst etwas genommen hatte.

»Die Nachbarn haben sich über den Lärm beschwert.« Drakes ganze Konzentration war auf seinen Widersacher gerichtet, er registrierte jede noch so kleine Veränderung der Körperhaltung, der Muskelspannung, jedes Augenzucken. Zwang sich, das Lächeln des Dealers zu erwidern.

Lester taumelte auf Drake zu, die blutende Frau, die Kwon aus der Schusslinie brachte, hatte er scheinbar längst vergessen. Der Mann war hundertprozentig zugedröhnt. Lester war stocknüchtern schon verrückt genug, mitten auf einer belebten Straße ziellos auf einen Polizisten zu schießen. Was war dann jetzt erst von ihm zu erwarten? Drake entsicherte die Glock, bereit, Lester ins Leichenschauhaus zu befördern, wenn es sein musste.

»Drake, du kleiner Scheißer. Ist ne Weile her. Dachte, sie hätten dich alten Säufer endlich gefeuert.«

Lester wedelte mit seinem Kanonenrohr herum und zielte Drake dann direkt zwischen die Beine. Drake biss sich auf die Zunge, um keinen Scherz über das Verhältnis von Waffe und Gemächt eines Mannes zu reißen. In seinem Zustand hätte Lester das leicht in den falschen Hals bekommen können. Angesicht der beinahe zärtlichen Geste, mit der er über den Chromlauf strich, war es allerdings wirklich schwer, die Klappe zu halten.

»Nimmst du die auch mit ins Bett? Was ist aus deiner Tec-9 geworden?«

Das Lächeln des Dealers wurde noch breiter. Die Typen liebten es, mit ihren Waffen zu protzen. »Hat einmal zu oft blockiert. Außerdem bin ich ein großer Typ, und der braucht nun mal auch was Großes, wenn du verstehst, was ich meine.«

Kwon schloss die Tür zum Schlafzimmer, in dem sie Frau und Kind in Sicherheit gebracht hatte. Sie zielte auf Lester. Drake hörte hinter sich das restliche Team die Treppe hochstürmen. Er schaute sich jedoch nicht nach ihnen um. Wollte den Blick nicht eine Sekunde von Lester und seiner großkalibrigen Angeberknarre lösen.

»Schätze, das tust du wohl kaum«, fuhr Lester mit schleppender Stimme fort. »Hab gehört, wie dir deine Schlampe unter den Fingern weggestorben ist.«

Drake hatte genug. Er ließ langsam die Waffe ins Holster zurückgleiten und streckte eine Hand aus. »Na los, Lester, du kannst mich auf dem Weg zum Revier noch lange genug beleidigen.«

»Das glaube ich weniger.« Lesters Hand, mit der er auf Drake anlegte, zitterte so stark, dass es ein Wunder war, dass die Waffe ihm nicht gleich aus der Hand fiel. Die Taurus wog gut und gerne anderthalb bis zwei Kilo. »Du Scheißkerl bist nicht so leicht totzukriegen, Drake«, sagte Lester jetzt leicht erstickt, Drake konnte ihn kaum noch verstehen. »Werd dich wohl eigenhändig erledigen müssen.«

»Was zum Teufel? Waffe runter, Lester. Willst du etwa sterben? Oder bist du zu feige, um dich einem Verhör zu stellen? Ich dachte, du seist ’ne große Nummer da draußen, aber da habe ich mich wohl geirrt. Vielleicht bist du ja doch nur der Handlanger für jemanden, vor dem du eine Scheißangst hast.«

Indem Drake auf Lester einredete, versuchte er, weiterhin seine Aufmerksamkeit zu fesseln. Dabei stahl er sich ein wenig zur Seite und nach vorne. Lester wirkte verwirrt, er verzog den Mund, als könne er Drake nur schwer folgen. »Habe ich also recht, Lester?«

Sobald Drake nahe genug dran war, stürzte er nach vorne, obwohl er damit kurz in Kwons Schusslinie geriet, und packte Lester am Arm. Die Taurus ging mit ohrenbetäubendem Bumm los. Lester warf sich nach vorne, Drake versetzte ihm einen heftigen Stoß mit dem Ellbogen in die Nierengegend und trat zur Seite, während der große Mann zu Boden fiel. Dann zog er Lester die Taurus aus der schlaffen Hand.

Drake ignorierte das faustgroßes Loch, das im Hartholzfußboden klaffte, sicherte noch rasch den Revolver, ehe er sich zu Kwon umdrehte. Sie starrte ihn wütend an. Steckte mit zitternden Händen ihre Dienstwaffe weg und nahm ihm die Taurus ab.

»Was für eine hirnrissige Nummer war das bitte, mir so in die Schusslinie zu rennen? Ich hätte dich aus Versehen erschießen können«, warf sie ihm vor, während Summers und der Rest des Teams in die Wohnung kamen.

»Gut, dass du’s nicht getan hast.«

»Zu viel Schreibkram. Den bist du nicht wert.«

Lester lag immer noch bäuchlings auf dem Boden, Summers wollte gerade anfangen, ihm seine Rechte zu verlesen, als er anfing zu zucken, als sei er vom Teufel besessen. Summers sprang zur Seite.

»Verfluchte Scheiße! Der hat sich eingepinkelt!« Summers schüttelte angewidert die Hand, die es erwischt hatte. Mit der Grimasse wirkte er sogar noch jünger als zweiundzwanzig.

»Dreh ihn um und sieh nach, ob er noch atmet.« Drake hockte sich neben Lester und half Summers, den sich windenden Mann auf den Rücken zu drehen. Er stank nach Kot. Von seinen Augen war nur noch das von vielen geplatzten Äderchen durchzogene Weiße zu sehen. Die Lippen waren blau angelaufen und der Mund stand offen, wie in einer Art stummem Schrei.

»Heilige Scheiße!« Drake versuchte, Lesters Kopf zu stabilisieren, um die Atemwege freizubekommen, aber die heftigen Krämpfe machten ihm das unmöglich. Dann war alles vorbei.

Als wenige Minuten später die Rettungskräfte eintrafen, hockte Summers immer noch über dem Drogendealer und versuchte, ihn zu reanimieren.

»Kannst aufhören. Der Kerl ist mausetot«, ließen ihn die Sanitäter wissen.

Mit einem Satz wich Summers weit zurück. Der hochgewachsene schlanke Schwarze sah aus, als würde er sich gleich übergeben müssen. Es war wohl besser, ihn abzuziehen, bevor er noch den Tatort vollkotzte.

»Ich habe noch nie so etwas gesehen, also Leichen habe ich natürlich schon gesehen, manche davon waren auch ziemlich übel, aber das hier …« Summers sprach den Satz nicht zu Ende, wischte sich die Hände hinten am Hosenboden ab.

Drake lehnte sich gegen die Wand, rieb sich über die Augen, atmete seinen eigenen Körpergeruch ein und verzog das Gesicht. Er war triefnass, fühlte sich lädiert, uralt.

Er steckte die Hände in die Taschen seiner Jeans. Eiskaltes Wasser lief ihm in den Hemdkragen und am Rückgrat entlang, während er Lesters Leichnam mit ausdruckslosem Blick anstarrte. War doch typisch für den egoistischen Scheißkerl, einfach so abzukratzen, ohne ihnen zu verraten, was er genommen oder wo zum Teufel er den Stoff herhatte.

Da Lester tot war, hatte Drake keinerlei Anhaltspunkte mehr. Und wenn noch mehr von diesem Mist auf der Straße kursierte, dann hatten sie ein gewaltiges Problem.

4

Auf dem Weg zur Intensivstation schlang Cassie die Finger fest um die kalten, stählernen Seitenschienen am Bett ihrer Patientin. Die Wiederbelebung des jungen Mädchens war kraftraubend gewesen, sodass sie sich eher aufstützte, als dass sie wirklich mitgeschoben hätte.

Die Glastüren der Intensivstation glitten zischend auf. Sie brachten ihre Patientin zu Bett vier, dem neuen Zuhause der Unbekannten. Schwestern und Beatmungsspezialisten drängelten sich um die ausgemergelte Gestalt, hievten sie ins Krankenbett, wechselten Infusionsschläuche und legten Kabel zum Monitor und dem Beatmungsgerät.

»Wir können jetzt übernehmen, Dr. Hart«, sagte eine der Pflegerinnen, die gegen Cassie gestoßen war, als sie den Monitor über ihren Köpfen einschalten wollte.

Cassie schob sich an den anderen vorbei zum Fußende des Krankenbetts, um den streng durchchoreografierten Ablauf nicht weiter zu stören. Nachdem sie die letzten zwei Stunden um das Überleben der Unbekannten gekämpft hatte, konnte sie sie doch jetzt unmöglich im Stich lassen. »Bei der letzten Messung hatte sie immer noch starke Untertemperatur.«

»Ich weiß. Die Wärmeeinheit ist schon unterwegs. Sobald sie so weit ist, lege ich sie ihr um.«

»Und die Neuro wird ein durchgängiges EEG brauchen.«

»Denen habe ich bereits Bescheid gegeben.« Die Schwester drehte sich so zu Cassie um, dass sie zwischen ihr und dem Krankenbett stand. »Wir kümmern uns gut um das Mädchen, Dr. Hart.«

»Danke. Ich weiß, das tun sie. Ich werde heute Abend vor meiner Schicht wieder nach ihr sehen.« Beruhigt, dass ihre Patientin in guten Händen war, drückte sie ihr noch einmal aufmunternd den Fuß und machte sich auf den Weg zur Schwesternstation, um den Schreibkram zu erledigen.

Als sie in der Tasche nach einem Stift kramte, bekam sie die zerknautschte Plastiktüte mit den Tabletten in die Finger, die sie der Unbekannten abgenommen hatte. Auf dem Tresen lag neben den Formularen auch ein Haufen Druckverschlussbeutel für den Transport von Laborproben. Cassie schnappte sich eine, steckte die Tüte mit den Drogen hinein und versiegelte sie. Ihre Aufzeichnungen waren vergessen, stattdessen starrte sie ihrem Feind ins Auge.

Jede dieser harmlos aussehenden grünen Pillen konnte ein Menschenleben auslöschen. Jugendliche auf der Straße bekamen FX in dieser reinen Form natürlich nie zu sehen, sondern erst, nachdem die Droge mit Mannitol, Backpulver oder Gott weiß was gestreckt worden war, bevor das Ganze dann erneut in Tablettenform gepresst und als Storm oder Funky Shit verkauft wurde. Ein besonders einfallsreicher Dealer hatte FX mit Meerträubel gemischt und seine Kreation »Kennywood« genannt, nach dem Vergnügungspark hier um die Ecke, der für seine wilden Achterbahnfahrten bekannt war.

Cassie ballte die Hand, die die Tüte hielt, zur Faust. Sie hatte drei Jugendliche an genau diese Mischung verloren, ehe sich herumsprach, dass Kennywood ein echt mieser Trip war.

Nachdem Cassie mitangesehen hatte, wie Richard, ihr Exmann, abgestürzt war, hatte sie sich gründlich mit dem Thema Drogensucht beschäftigt. Es wollte ihr immer noch nicht in den Kopf, wie man sein Leben derartig leichtfertig aufs Spiel setzen konnte – die Hälfte der Jugendlichen, die sie behandelte, hatte überhaupt keine Ahnung, was sie da eigentlich schluckten.

Sie warf einen Blick zu ihrer noch nicht identifizierten Patientin hinüber, die sich neben den riesigen Apparaturen um sie herum, die sie am Leben erhielten, geradezu winzig ausnahm. Warum warf ein wunderschönes Mädchen wie sie einfach so ihr Leben weg? Wovor rannte sie davon, was war derartig unerträglich, dass ihr der Tod als annehmbare Alternative erschien?

All das machte sie furchtbar wütend. Was für eine Verschwendung. Junge Menschen, erwachsene Männer, Mediziner wie Richard – sie versuchte, nicht weiter über ihn nachzudenken, um ihre Wut nicht noch weiter zu befeuern. Richard war jetzt nicht mehr ihre Sorge, seit über einem Jahr hatte sie ihn mittlerweile nicht mehr gesehen, und doch säte er immer noch Zweifel in ihrem Herzen. Ständig fragte sie sich, inwiefern sie an seinem – an ihrem gemeinsamen – Scheitern beteiligt gewesen war, fürchtete sich davor, wieder dieselben Fehler zu machen.

Ihr wurde leicht übel, fast wie vorhin im Helikopter, als sie diese Panikattacke bekommen hatte. Sie atmete tief ein, hielt fünf Sekunden den Atem an und atmete dann wieder aus, um die üblen Gedanken zu vertreiben. Es half. Zumindest ein wenig. Sie wandte sich wieder dem FX zu.

Normalerweise hätte sie jetzt die Stationsschwester rufen müssen, damit diese die Tabletten wegschloss, bis die Polizei hier eintraf. Die Schwester war jedoch gerade auf ihrer morgendlichen Runde unterwegs. Cassie zog mit dem Fingernagel die Einkerbungen auf der Rückseite der FX-Tabletten nach.

»Verflucht noch mal.«

Für ihren weithin hörbaren Fluch erntete Cassie einen tadelnden Blick des Stationsassistenten. Sie beachtete ihn jedoch nicht, hob stattdessen die Tüte an und musterte die Pillen noch einmal ganz genau. Es waren siebenundzwanzig Stück, und auf jeder einzelnen war »3RMC« eingeprägt. Three Rivers Medical Center.

Zum Teufel mit den Vorschriften. Sie drehte sich auf ihrem Stuhl herum, stieß sich den Ellbogen am Tisch, war jedoch so schockiert und verärgert, dass sie den Schmerz gar nicht wahrnahm.

Das FX, das dieses Mädchen beinahe umgebracht hatte, stammte hier aus ihrem eigenen Krankenhaus.

Sie ließ ihre Unterlagen liegen, steckte die Plastiktüte ein, blickte kurz auf die Uhr und eilte aus der Tür. Halb acht, Cassies Schicht war zu Ende, die von Fran Weaver fing jedoch gerade erst an.

Cassie sprintete die Treppen ins Untergeschoss hinunter. Hier führte ein Betontunnel zwischen zischenden Schläuchen und paffenden Lüftungsrohren hindurch zum Annex, dem ältesten Gebäude der Klinik.

Dort war vorübergehend die Krankenhausapotheke eingerichtet worden, während der dafür im Hauptturm vorgesehene Bereich renoviert und vergrößert wurde. Anstelle der Bunsenbrenner und Mikroskope, an die sich Cassie noch aus der Zeit ihrer Ausbildung erinnerte, befanden sich auf den schwarzen Laborbänken nun Drahtkörbe voller Medikamente.

Fran Weaver hockte vor ihrem Computer und ging die Patientenbestellungen der letzten Nacht durch. Die Assistentin des Apothekers sah auf, wie immer mit einem herzlichen Lächeln. Fran hatte Cassie schon öfter bei kniffligen Fällen geholfen, ihr einmal sogar zusätzliche Medikamente in die Notaufnahme geschickt, als mehrere Jugendliche in den Kugelhagel eines Driveby-Shootings in East Liberty geraten waren. Laut Polizei hatte damals ein Drogendealer auf einen Polizisten geschossen.

Sooft ihre Dienstpläne es zuließen, trafen sich Fran, Cassie und Adeena Coleman, eine der Sozialarbeiterinnen im Three Rivers zum Essen und bestellten sich etwas von den Primani Brothers. Fran und Adeena ließen sich dann jedes Mal über die Pittsburgher Dating-Szene aus, während Cassie betreten schwieg, weil sie sich überhaupt noch nicht mit dem Gedanken anfreunden konnte, je wieder einen Mann in ihr Leben zu lassen.

»Sag bloß, du fliegst bei diesem Sturm?«, begrüßte sie Fran.

»Zuletzt um fünf Uhr morgens.« Cassie setzte sich auf die Tischkante und warf Fran das FX zu. Im Licht der Halogenlampe sahen die in Plastik eingewickelten hellgrünen Pillen aus wie Süßigkeiten. »Die Dinger sind doch gefälscht, oder etwa nicht? Bitte sag mir, dass der verdammte Dreck nicht hier aus dem Haus kommt.«

Fran drehte sich ruckartig zum Büro ihres Vorgesetzten um. »Nicht so laut. Du weißt doch, dass Mr Krakov keinerlei Gefluche duldet.« Weswegen Cassie gleich noch viel mehr Spaß daran hatte. Sie konnte Krakov nicht ausstehen. Der überhebliche Pharmazeut erinnerte sie irgendwie an ihren Exmann Richard. Aber heute früh gab es Wichtigeres, als Frans Chef zu ärgern. »Verrate mir einfach, wo die Tabletten hier herstammen. Es ist wichtig.«

»Jede Charge wird mit einem Trackingcode versehen.« Fran schaute sich die Pillen genau an und gab etwas in den Computer ein. Als die Suchergebnisse angezeigt wurden, nickte sie. »Die sind von uns, haben wir letzte Woche für die stationären Patienten erhalten. Wo hast du die her? Jede Tablette wird sowohl hier als auch in den verschiedenen Abteilungen in den Unterlagen vermerkt.«

»Sie hätten beinahe eine Patientin von mir umgebracht. Und mich und mein Team hätten sie ebenfalls das Leben kosten können.« Cassie erzählte ihr von dem Noteinsatz und dem grauenvollen Flug. »Wie kommt ein Mädchen, das auf der Straße lebt, an so viel FX? Und wieso tauchte es auf deiner Inventarliste nicht als Fehlbestand auf?«

Fran zwirbelte eine blonde Haarsträhne um den kleinen Finger. Immer wenn sie aufgeregt war, fing sie an, darauf herumzukauen wie ein Schulmädchen; flirtete sie in einer Bar mit einem Kerl, zog sie spielerisch daran und klimperte mit den Wimpern. Cassie wünschte, ihr eigenes widerspenstiges Haar wäre nur halb so nützlich wie Frans.

»Die Unfallstation, die Ambulanz und auch deren Apotheke haben andere Chargen.« Frans Finger huschten erneut über die Tastatur. Das Ergebnis schien ihr nicht zu gefallen.

»Willst du damit sagen, dass jemand von den stationären Abteilungen die Tabletten gestohlen hat?«

»Nein, das will ich nicht. Wir wissen nicht einmal …« Die Tür ging auf und ein durchtrainierter Mann in den Dreißigern mit Nickelbrille und einnehmendem Lächeln schob einen Handkarren hindurch. Fran blickte auf, und ihre besorgte Miene war im Nu verflogen. »Neil, wie geht es Ihnen? Neil Sinderson, darf ich vorstellen, Cassandra Hart, eine unserer Rettungsärztinnen.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagte er, sah Cassie in die Augen und schüttelte ihr mit festem Griff die Hand. Sein Lächeln wurde noch breiter.

»Neil leitete den MedMark Service«, sagte Fran.

»MedMark?«

»Die meisten privaten Krankenversicherungen arbeiten mit uns zusammen«, erklärte Neil. »Wir beliefern Patienten, die im Krankenhaus liegen, mit Medikamenten.«

»Neil ist ein Retter in der Not«, schwärmte Fran. »Einmal hat er sogar einen Vorrat Amphotericin für uns auftreiben können, obwohl es gerade einen landesweiten Engpass gab.«

»Gehört zu unserem Rundumservice«, sagte Neil mit einem Achselzucken. Er schaute auf die Uhr. »Ich habe auch ein paar Schwergewichte dabei.« Er deutete auf den kleinen Metalltresor, der an seinen Wagen geschweißt war. »Könnten Sie Gary Bescheid geben?«

»Ich werde ihn für Sie holen.« Fran stand auf und ging zum Büro des Apothekenleiters.

»Sie handeln auch mit Betäubungsmitteln?«, fragte Cassie.

»Klar. Was immer der Arzt verschreibt.«

Er schob seinen Wagen zum Tresen, auf dem die Medikamente nach Abteilung sortiert wurden. Cassie sah zu, wie er seine Ware verteilte. Vielleicht war es doch kein Krankenhausmitarbeiter, der für die FX-Diebstähle und somit auch für die Überdosis ihrer Patientin verantwortlich war.

»Haben Sie auch FX auf Lager?«

Neil wandte sich lächelnd zu ihr um. Er war athletisch, stark gebräunt, und sie erkannte den etwas blasseren Abdruck einer Skibrille um die Augen. »Nein, tut mir leid. Fentephex wird direkt vom Hersteller vertrieben, ganz ohne Zwischenhändler.«

So viel zu dieser Theorie, dachte Cassie, als Fran zurückkam.

Gary Krakov, der Chefapotheker, kam wie das weiße Kaninchen im Wunderland aus dem Büro geschossen, die rote Fliege exakt gebunden, die Manschetten seines weißen Hemdes frisch gestärkt. Als er Cassie erblickte, runzelte er missbilligend die Stirn und schob sich energisch mit einem Finger die Brille hoch.

»Dr. Hart«, hob er an, »darf ich Sie daran erinnern, dass wir hier ungeachtet dieser vorübergehenden Unterbringung immer noch eine Apotheke leiten.« Krakov starrte wütend auf ihre mit Schlamm besudelten Stiefel, den ebenso dreckigen Fliegeranzug und die Lederjacke. Dann richtete er seinen Blick auf Fran. »Ich bin mir sicher, Sie haben Wichtigeres zu tun, als hier einen Kaffeeklatsch abzuhalten, Miss Weaver.«

Cassie stand vom Tisch auf, um mit dem Apotheker auf Augenhöhe zu kommen. »Fran hilft mir dabei …«

Fran zwickte sie jedoch fest in den Arm, und Cassie schwenkte um. »… ein Dosierungsprotokoll für Patienten mit resistenten Infektionen zu finden«, beendete Fran den Satz für Cassie und zog einen Stapel Bestellscheine über die Tüte mit dem FX.

»Das kann sie genau wie jeder andere Arzt hier im Krankenhaus über die pharmazeutische Datenbank finden«, sagte Krakov. »Dazu muss sie nicht Ihre Zeit verschwenden.«

»Da haben Sie vollkommen recht, Mr Krakov.« Fran nahm ihren Chef am Arm und führte ihn zu Neil Sinderson. »Sie müssten Neil nur kurz den Empfang dieser Medikamente bestätigen.«

Fran kehrte zu ihrem Schreibtisch zurück und löschte die aufgerufenen Informationen, ehe Krakov sie noch bemerkte. »Willst du, dass ich gefeuert werde? Fentephex ist ein schweres Betäubungsmittel. Wenn er mitbekommen würde, dass eine solche Menge davon hier rumliegt und sich nicht vorschriftsgemäß hinter Schloss und Riegel befindet, dreht er durch.«

Sie schob die Plastiktüte mit der Spitze ihres Kugelschreibers über den Tisch zu Cassie, als sei sie verseucht.

»Ich muss herausfinden, wer das FX geklaut hat und wie meine Patientin an den Stoff gekommen ist«, wandte Cassie ein, während sie die Tüte wieder in ihrer Jackentasche verstaute.

»Ich sagte doch, unsere gesamten Vorräte sind nachvollziehbar dokumentiert. Und Medikamentendiebstahl ist Angelegenheit der Polizei«, ermahnte sie Fran leise. »Das solltest du denen überlassen.«

»Das sagt sich so leicht. Du bist schließlich nicht diejenige, die den Familien derjenigen gegenübersitzt, die ich an diese Droge verloren habe.« Cassie sprach so laut, dass Neil Sinderson in ihre Richtung schaute. Er stand gerade mit Krakov am Safe für verschreibungspflichtige Medikamente.

»Ich unterliege einer Geheimhaltungspflicht, und das weißt du auch genau.«

»Ich verlange ja auch gar nicht, dass du die verletzt. Du sollst ja bloß schauen, ob du irgendwie herausfinden kannst, von wo das FX gestohlen wurde.«

»Du weißt noch nicht mal, ob es überhaupt gestohlen wurde. Außerdem wird Mr Krakov mich feuern, wenn er das herausfindet.«

Cassie machte eine wegwerfende Handbewegung und stieß dabei gegen Frans Mario-Lemieux-Wackelpuppe, die sofort eifrig zu nicken begann. »Die Bestände zu prüfen gehört zu deinen Aufgaben. Und mehr müsstest du ja nicht tun. Du erledigst nur deine Arbeit. Nichts, weswegen du dir Sorgen machen müsstest.«

Fran zog die Stirn kraus. »Genau. Es sei denn, Mr Krakov erwischt mich dabei, während ich eigentlich gerade ganz dringend etwas anderes erledigen soll.«

»Willst du mit hoch auf die Intensivstation kommen und das meiner Patientin erklären?« Cassie legte eine Hand auf den Tisch, beugte sich vor und sah ihre Freundin beschwörend an. Dieser Schlag ging unter die Gürtellinie, aber das war Cassie egal. Nicht wenn womöglich noch mehr FX in Umlauf geriet, das aus ihrem Krankenhaus stammte.

Fran ergab sich seufzend, warf noch schnell einen Blick über die Schulter zu Krakov zurück, dann nickte sie. »Hat dir schon mal jemand gesagt, dass du dich nie an die Regeln hältst?«

»Ständig. Das treibt die Stationsleitung in den Wahnsinn.« Zum ersten Mal seit heute früh ließ der Druck, der ihr auf den Schultern lastete, ein klein wenig nach. »Danke, Fran, ich weiß das wirklich zu schätzen. Du rettest damit vielleicht Menschenleben.«

»Dafür verliere ich vielleicht meinen Job.«

Fran übertrieb maßlos. Selbst Krakov musste einsehen, dass es wichtiger war, FX-Diebe im Krankenhaus aufzuspüren, als sich an die Vorschriften zu halten. Sie drückte Fran die Schulter und lächelte sie aufmunternd an. »Wenn du Ärger bekommst, schieb einfach alles auf mich.«

»Keine Sorge. Das werde ich.«

5

Cassie ließ Fran mit dem FX-Rätsel allein, ging zur Umkleide der Notaufnahme und wechselte ihren Kittel gegen den dicken Strickpullover von gestern Abend. Sie tastete nach dem Drogenpäckchen in der Manteltasche und verzog wütend das Gesicht. Siebenundzwanzig Tabletten reinstes FX. Wie viele tote Kids das wohl ergab?

Gähnend steckte sie ihr Haar hinter die Ohren. Sollte sie die Pillen einfach einer der Schwestern geben und nach Hause ins Bett gehen?

Nein. Wie müde sie war, oder was die Vorschriften verlangten war unwichtig, es ging darum, dass das FX nicht auf die Straße gelangte und noch mehr Teenager umbrachte.

Damit die Polizei hier wirklich aktiv wurde, musste sie die Sache persönlich anzeigen.

Die zwischen St. Andrews und einer Methodistenkirche eingekeilte Polizeiwache war nur ein paar hundert Meter von der Klinik entfernt in einem flachen Backsteinklotz untergebracht, der Cassie an ihre Grundschule erinnerte. Etwas weiter oben am Berg thronte Our Lady of Sorrows, die Kirche der Passionistinnen, ihre Buntglasfenster ein Hoffnungsschimmer im Morgennebel.

Wer beschützte hier wohl wen?, fragte Cassie sich, während sie über den Parkplatz zur Wache lief, wobei sie ölverschmierten Pfützen ausweichen musste. Direkt gegenüber befand sich ein McDonald’s, eine weitere uramerikanische Kultstätte.

Drinnen angekommen, führte der diensthabende Polizist Cassie in einen gläsernen Wartebereich im zweiten Stock und schloss die Tür hinter sich, sodass die Geräusche vom dahinterliegenden Gemeinschaftsraum der Beamten nur noch gedämpft zu ihr durchdrangen.

Ein großer Mann in Jeans und einem verdreckten Rolling Stones T-Shirt lag ausgestreckt auf einer von Brandflecken durchlöcherten Plastikcouch. Die Füße ragten über die Couch hinaus, Wasser tropfte von den roten hohen Turnschuhen auf den Boden, wo sich bereits eine trübe Pfütze gebildet hatte. Den einen Arm hatte er über die Augen gelegt, einige wirre Strähnen seiner schwarzen Haare hingen von der Armlehne. Mit der großen goldenen Creole am linken Ohr sah er wie ein Berber-Pirat aus.

In dem winzigen Zimmer war es drückend heiß, sie kam sich vor wie in einem überheizten Aquarium. Als sie die Jacke auszog, stieg ihr der Gestank von Urin, kaltem Rauch und abgestandenem chinesischem Essen in die Nase. Ihrem seelenruhig schlummernden Zimmergenossen schien weder der Gestank noch die Hitze etwas auszumachen. Sie musterte ihn prüfend, die Brust hob und senkte sich gleichmäßig. Zumindest war er nicht tot.

Vielleicht ein Zeuge oder ein Informant? Sie tastete nach dem Plastikschild, das sie als Besucherin auswies, und das sie von dem Polizisten bekommen hatte. Der Schlafende trug nichts dergleichen. Hatten sie ihn vielleicht zum Ausnüchtern hier reingebracht?

Bis auf die Couch gab es keine weiteren Sitzgelegenheiten, aber einen Getränkeautomaten. Kaffee, genau das, was sie jetzt brauchte. Cassie kramte in der Jeanstasche nach Kleingeld.

»Ich nehme meinen schwarz, mit extra viel Zucker«, kam es schlaftrunken von der Couch.

Cassie blickte überrascht über die Schulter zurück. Der Mann hielt die Augen immer noch geschlossen, hatte den Arm jedoch inzwischen unter den Kopf gelegt. »Wie bitte?«

Als er ihre Stimme hörte, sprang ein Auge auf, sein Blick ging suchend durch den Raum. Er blinzelte zwei Mal, verzog den Mund zu einem Lächeln, das durchaus als gewinnend hätte durchgehen können, wären sie nicht in dieser Glassauna gefangen, und würde er nicht aussehen und riechen wie der Überlebende eines Aufstands irgendwo in der Dritten Welt.

»Ich sagte, mit extra viel Zucker, Schätzchen.« Er setzte sich auf, gähnte herzhaft, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten, und schaute sie erwartungsvoll an.

Hinter ihm waren durch die Scheibe mehrere Detectives bei der Arbeit zu sehen. Cassie beäugte ihren Zellenkumpan skeptisch. Ihr gefiel die Art, wie er sie ansah, überhaupt nicht. Als ob er eine Katze wäre, und sie der Kanarienvogel.

»Hören Sie, Mister, ich habe eine schlimme Nacht hinter mir«, sagte sie, schob die Ärmel hoch und stellte sich gerade hin. »Da haben Sie mir gerade noch gefehlt. Ich bin weder Ihre Kellnerin noch Ihr Schätzchen, verstanden?«

»Klar, Süße, was immer du sagst.«

Sie stellte sich vor den Automaten und warf ihre Münzen ein, darum bemüht, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen.

Als sie sich wieder zu ihm umdrehte, war sie froh über den lauwarmen Kaffee in der Hand, den sie im Notfall als Waffe hätte einsetzen können. Er schaute sie aus überraschend blauen Augen an und neigte den Kopf ein klein wenig zur Seite, als hätte er ihre Gedanken gelesen.

Dann gähnte er noch einmal herzhaft und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. »Schätze, es macht auch keinen Unterschied, wenn ich ganz lieb bitte sage? Denn ich würde wetten, dass meine Nacht noch schlimmer war als Ihre.«

Das bezweifelte sie zwar, an der Müdigkeit in seiner Stimme und den tiefen Augenringen war jedoch nichts zu deuteln. Cassie seufzte. »Hier, nehmen Sie. Sie sehen aus, als bräuchten Sie ihn dringender.«

Sie hielt ihm den Pappbecher hin. Seine Fingerknöchel waren aufgerissen und voller Schmiere. Ein Autodieb?

»Sie haben mir das Leben gerettet.« Er nahm einen Schluck und schloss verzückt die Augen. Dann klopfte er auf den freien Platz neben sich. »Setzen Sie sich doch.«

Sie war kurz in Versuchung, schreckte aber vor dem schmierigen Lächeln zurück. Wahrscheinlich ein Trickbetrüger. »Nein, danke. Ich stehe lieber.«

»Wie Sie wollen.« Er stürzte seinen Kaffee hinunter, zerknüllte den Becher in der Hand, dann zielte er damit auf den Mülleimer neben der Tür. Er traf daneben, der Becher flog mitten in einen Stapel leerer Kartons von einem Chinaimbiss.

Sie unterdrückte ein Gähnen, tastete außen an der Jeanstasche nach den restlichen Münzen und nahm den Mantel in den anderen Arm. Die Plastiktüte mit dem FX fiel aus der Tasche und zu Boden, ehe sie sie auffangen konnte.

Ihr abgeranzter Gefährte verfügte über schnellere Reflexe als sie vermutet hätte. Blitzschnell hatte er die Tüte vom verdreckten Linoleumboden aufgehoben und betrachtete prüfend die kleinen Pillen.

»Geben Sie mir das.« Sie langte nach der Tüte, aber er hatte bereits die Faust darum geschlossen. Verdammt, wie sollte sie das der Polizei erklären? Tja, also, ich hatte die Beweismittel dabei, aber so ein obdachloser Säufer hat sie mir weggenommen? Sie baute sich vor ihm auf und streckte eine Hand aus, dabei bedachte sie ihn mit dem Blick, bei dem die Medizinstudenten jedes Mal ganz nervös wurden. Leider war ihr Pirat aus anderem Holz geschnitzt. »Geben Sie mir sofort die Tüte.«

Seine Augen verengten sich, und kurz wirkte er wie Wile E., der Zeichentrick-Kojote auf der Lauer. »Sieht so aus, als hätten Sie genug davon mitgebracht, um was abzugeben.«

»Das gehört mir nicht.«

»Wem denn dann? Wie sind Sie an so viel FX gekommen? Scheint guter Stoff zu sein – ist bestimmt ein paar Tausend wert.«

»Woher wissen Sie das? Haben Sie schon mal so viel FX gesehen?«

Er lachte leise. »Nur in meinen Träumen. Da sind Sie auf eine Goldader gestoßen, Süße. Wenn Sie wissen, wo Sie mehr davon herbekommen, dann könnten wir beide die Puppen tanzen lassen. Also, wo haben Sie das her?«

»Ich sagte doch schon, das ist nicht meins. Und jetzt geben Sie es mir zurück.« Sie streckte energisch die Hand aus. Er warf einen letzten begehrlichen Blick auf die Tüte, seufzte und ließ sie in Cassies Hand fallen. Rasch stopfte sie die Tüte in die Jeanstasche.

»Schätzchen, wenn Sie doch nur wüssten, was Sie da gerade abgelehnt haben«, sagte er, reckte die Arme und entblößte dabei den durchtrainierten Bauch und einen leichten Flaum schwarzer Haare, der unter seiner Jeans verschwand.

Sie drehte sich weg. Durch die verdreckte Glaswand vor sich konnte sie ihn jedoch trotzdem immer noch gut im Auge behalten.

Er rieb sich den Dreitagebart. »Ich sollte wohl besser gehen«, sagte er zu ihrem Rücken und stand auf. »Danke für den Kaffee. Man sieht sich.« Er lächelte sie noch einmal auf diese katzenhafte Art an und war verschwunden.

Sie sah ihm nach, wie er durch das Großraumbüro schlenderte, ohne dass ihn groß jemand beachtet hätte und fragte sich, wer der Kerl sein mochte. Trug er eine Tarnkappe, oder was? Vielleicht sollte sie jemandem Bescheid geben, dass er sich aus dem Staub machte. Einen Polizisten alarmieren.

Cassie nahm seinen Platz ein, das Plastik war immer noch warm. Es gab Wichtigeres, um das sie sich kümmern musste, als einen herrenlosen Streuner, der sich unter bewaffnete Beamte mischte.

Drake drückte sich in den Schatten des schmalen Flurabschnitts, der zu den Toiletten und dem Putzraum führte. Er zog sein Handy aus der Hose, ohne den Blick von der dunkelhaarigen Frau im Wartebereich zu lösen. Seine holde Koffeingönnerin.

»Kwon.«

»Ich bin’s«, meldete er sich und sah zu, wie die Frau sich erst hinsetzte, dann wieder aufsprang. Herrje, der ging wohl gerade der Arsch auf Grundeis. »Was würdest du sagen, wenn ich dir verrate, dass ich hier jemanden mit mehr FX in der Tasche vor mir habe, als wir in zwei ganzen Wochen abgreifen konnten?«

»Wie bitte? Einen Moment, Miller ist hier, ich stelle auf laut.« Er zappelte nervös herum, aufgeputscht von der Wirkung des Kaffees. Er hörte ein Klicken in der Leitung, dann Commander Sarah Millers Stimme.

»Soll das ein Witz sein, Drake?«

»Nein, Ma’am. Höchstens auf meine Kosten. Ich habe mich gerade ein wenig im Warteraum hier im zweiten Stock hingehauen, als Whitman diese Frau anbrachte. Sie hat einen kleinen Beutel fallen lassen, und ich schwöre da sind mindestens zwei Dutzend Pillen FX drin. Sieht auch noch aus wie unverschnittener Stoff.«

»Was haben Sie getan?«

»Ich habe ihr was vorgespielt, damit sie vielleicht irgendetwas Nützliches ausspuckt. Wollte sie nicht in Zugzwang bringen, und die Chance darauf vertun, herauszufinden, was da los ist.« Drake kniff die Augen zusammen, damit er sie besser sehen konnte. Sie lief im Zimmer auf und ab, das volle Haar schwang bei jedem zackigen Schritt mit. Zum ersten Mal seit Monaten hatte er auf einmal Bilder aus bunten Farben, Licht und Schatten in seinem Kopf. »Sie wollte nichts verraten. Allerdings hat sie Blutergüsse am Arm, einige davon scheinen noch nicht alt zu sein. Ich würde wetten, dass sie hier ist, um irgendjemanden zu verpfeifen.«

»Whitman hat Kwon gerade berichtet, dass ihr Name Hart ist und sie jemanden von der FX-Sondereinheit sprechen wollte. Halten Sie sich im Hintergrund. Ich bin unterwegs.«

Er ließ das Handy zurück in die Tasche gleiten und wartete. Draußen im Großraumbüro erhielt nach und nach jeder Detective einen Anruf. Innerhalb weniger Minuten waren keinerlei Zivilpersonen mehr in der Nähe, außerdem hatten sich alle Beamten an strategisch vorteilhaften Stellen positioniert. Ganz in der Nähe konnte Drake Millers abgehackte Schritte im Treppenhaus hören.

Hart schien nichts von alldem mitzubekommen. Wer auch immer diese Frau war, ein Profi war sie jedenfalls nicht. Sie ging zwei Schritte auf die Tür zu, streckte die Hand aus, als wolle sie gehen, wirbelte dann herum und fing wieder an, durch den Raum zu tigern. Ihr Gesicht verriet ihre innere Anspannung. Einstichspuren hatte er keine gesehen, aber so reines FX könnte auch gezogen werden. Wenngleich sie ihm nicht wie eine Drogenabhängige vorgekommen war – Großzügigkeit war für die meisten Junkies ein Fremdwort, selbst wenn es nur um einen Kaffee ging. Ihre innere Unruhe erinnerte ihn eher daran, wie er sich selbst gerade erst gefühlt hatte. Als könne sie es kaum abwarten, endlich loszulegen … sie war mehr der Typ eingesperrte Raubkatze als zahmes verängstigtes Häschen.

Kwon trat mit gezückter Glock hinter Miller auf den Flur. Sie hatte sogar ihre Schutzweste angelegt. Als sich Miller der Tür zum Warteraum näherte, hatte jeder Polizist in der Nähe die Hand an der Waffe. Jeder, bis auf Drake.

Seine Dienstwaffe war oben in seinem Schreibtisch im Morddezernat eingeschlossen. Zwar blieb ihm noch die kleinere Glock im Wadenholster, doch auch die rührte er nicht an. Fasziniert spürte er diesem Kribbeln nach, das ihn erfasst hatte. Als wäre sein Körper bis eben gerade taub gewesen, monatelang in einer Art Dornröschenschlaf versunken, und würde jetzt langsam wieder erwachen.

Drake schob das Gefühl beiseite und konzentrierte sich auf das, was hinter den Glaswänden des Warteraums vor sich ging. Er atmete schwer aus, anscheinend hatte er die ganze Zeit über die Luft angehalten. Aus Angst, das neu gewonnene Gefühl könne sich wieder verflüchtigen.

Das grelle Neonlicht fing sich in Millers hellblondem Haar, das sie als akkuraten glatten Bob trug. An ihrer streng militärischen Haltung hätte kein Drill-Sergeant etwas auszusetzen gehabt. Selbst die Nadelstreifen ihres schiefergrauen Hosenanzugs standen stramm. Sie marschierte in den Warteraum. Direkte Konfrontation. Typisch. Der Commander war fest entschlossen, die Karriereleiter des Pittsburgher Polizeireviers hochzuklettern, und die Lösung des FX-Falls wäre eine große Sprosse auf diesem Weg.

»Ich bin Commander Sarah Miller, Leiterin der FX-Sondereinheit. Wie ich höre, haben Sie Informationen für uns?«

6

Drake verbarg sich weiterhin im Flur, als Miller und Kwon mit Hart durch das Großraumbüro in Millers Büro gingen. Zwanzig Minuten später kam Hart mit hoch erhobenem Kopf wieder heraus, rote Flecken im Gesicht und auf dem Hals verrieten ihre große Erregung. Den Blick stur geradeaus gerichtet, ging sie mit großen Schritten die Treppe hinunter. Drake wartete ab, bis er sicher sein konnte, dass sie draußen war, dann gesellte er sich zu Kwon und Miller ins Büro des Commanders.

»Also, was hatte sie zu erzählen?«, fragte er, ohne auf Millers abschätzigen Blick zu achten, mit dem sie seine ungepflegte Aufmachung quittierte.

»Ihr Name ist Cassandra Hart.« Miller trommelte mit ihrem Mont-Blanc-Kugelschreiber auf der spiegelglatten Oberfläche ihres Schreibtischs aus gebleichtem Eichenholz herum. Drake hörte nur mit halbem Ohr zu, er wurde von den im Sonnenlicht tanzenden Staubkörnchen abgelenkt, als ein vereinzelter heller Strahl durch die dicke Wolkendecke drang und bis ins Zimmer fiel. »Sie ist Notfallärztin im Three Rivers

»Eine Ärztin? Was macht die mit so viel FX?« Der Sonnenstrahl verlor seinen Kampf gegen die düsteren grauen Wolken, die in dem kleinen Himmelsausschnitt am Fenster hinter Miller vorbeijagten.

»Angeblich stammen die von einer Patientin, die gestern Nacht per Rettungshubschrauber ins Krankenhaus gebracht wurde«, warf Kwon ein.

»Wer ist diese Patientin? Vielleicht können wir über sie an die Bezugsquelle herankommen.«

Millers Getrommel verstummte. Sie betrachtete den Mont-Blanc-Stift, als handele es sich um den heiligen Gral. »Es handelt sich um ein minderjähriges, noch nicht identifiziertes Mädchen, das im Koma liegt.«

»Ich werde jemanden ins Three Rivers rüberschicken, damit ihre Fingerabdrücke genommen und ein Foto gemacht wird«, sagte Kwon.

Während die Wolken draußen ihren stürmischen Tanz aufführten, dachte Drake über die Sache nach. Aber es wollte einfach keinen Sinn ergeben. »Wie soll ein junges Mädchen an so viel FX kommen? Und wieso sollte eine Ärztin uns das persönlich hier aufs Revier bringen?«

»Wichtiger noch wäre die Frage«, sagte Miller, »wie kann eine derartige Menge FX aus dem Krankenhaus verschwinden, ohne dass es irgendjemandem auffällt?«

Er richtete sich auf und schaute fragend zu Kwon. Sie nickte und zog eine Augenbraue hoch. »Hat Hart behauptet. Aber sieh selbst.«

Sie schleuderte das FX über Millers Tisch in seine Richtung. Er schnappte sich die Plastiktüte und nahm die Tabletten genauer unter die Lupe. Diese Ärztin, Hart, hatte die ursprüngliche Verpackung in eine Art Laborbeutel gesteckt, Kwon hatte das Ganze dann noch in einen Beweisbeutel getan. Dennoch erkannte er deutliche Einkerbungen hinten auf den Tabletten, als er die Tüten unter Millers Schreibtischlampe hielt.

»Wenn es stimmt, was Hart sagt«, sagte Kwon skeptisch, »könnte sie dennoch irgendetwas vertuschen wollen. Vielleicht war sie gar nicht hier, um uns von dem FX zu berichten. Vielleicht hat Drake recht, und sie wollte eigentlich nur denjenigen verpfeifen, der ihr diese blauen Flecken zugefügt hat. Als ihr dann zufällig die Pillen aus der Tasche fielen, wusste sie, das würde durchdringen, also hat sie sich diese Geschichte ausgedacht.«

»Da sind zu viele Ungereimtheiten«, räumte Miller ein. »Auf jeden Fall ist es verdächtig, dass Hart einfach die Krankenhausvorschriften ignoriert und selbst hier vorbeikommt. Es ist dort allgemein bekannt, dass wir gerufen werden müssen, um Beweismittel zu sichern. Und was mir noch weniger gefällt, ist, dass wir die hiesigen Krankenhäuser bereits als Quelle für das FX ausgeschlossen hatten. Das Letzte, was wir jetzt brauchen, ist, wie Idioten dazustehen.«

»Das war irgendein Typ vom Rauschgiftdezernat, der die Inventarlisten der Krankenhäuser überprüft hatte«, wandte Kwon ein. »Bevor es überhaupt eine Sondereinheit gab.«

»Dann müssen Sie das nun neu überprüfen, schätze ich. Zumindest haben wir so endlich eine Spur, was die FX-Quelle angeht. Ich möchte, dass Sie und Drake spätestens ab heute Abend im Three Rivers sind und dort die Stationen kontrollieren. Schauen Sie sich an, wie die Medikamentenvergabe abläuft, wer überhaupt Gelegenheit hätte, etwas zu entwenden. Und einer muss an dieser Hart dranbleiben. Mit wem hat sie Umgang? Kann jemand die Geschichte von letzter Nacht bestätigen? Bis morgen früh will ich alles über Cassandra Hart auf meinem Tisch haben.«

Drake überließ es Chen, Harts Namen durch die Systeme zu jagen. Er schnappte sich währenddessen seinen Mantel und die Dienstwaffe, verließ das Morddezernat und lief im Laufschritt die Treppe hinunter. Dank Hart hatten sie jetzt ihre erste verwertbare Spur seit Lesters Tod.

Als er im ersten Stock um die Ecke bog, stand ihm plötzlich ein Mann mit grauem Fedora auf dem Kopf im Weg.

»Hallo, Jimmy«, begrüßte Drake seinen Partner vom Morddezernat. »Dachte, du wärst diese Woche bei Gericht.«

Jimmy Dolan hielt inne und wischte sich den Regen vom Wollmantel. »Sitzungspause, wegen neuer Anträge. Wohin bist du so eilig unterwegs?«

»Ach, nirgendwohin, wollte nur rüber zu Oscars, mir einen Haarschnitt verpassen lassen.«

Drake knöpfte den abgetragenen Kurzmantel zu, dennoch entging ihm Jimmys tadelnder Blick nicht, der über sein T-Shirt und die dreckige Jeans glitt.

»Hab das mit Lester Young gehört. Ein herber Rückschlag. Also, wie lange wird Miller dich noch in der Sondereinheit behalten?«

»Dass ich dir dermaßen fehle. War mir über deine Gefühle ja gar nicht im Klaren.«

Jimmy schnaufte verächtlich und lehnte sich lässig an die Wand gegenüber von Drake.

»Miller schickt mich ins Three Rivers, um dort verdeckt die Nachtschicht mitzumachen. Kwon auch.«

Jimmy hob die Brauen. »Three Rivers? Dachte, die Krankenhäuser hättet ihr bereits ausgeschlossen.«

»Das hatten wir auch. Aber eine Notfallärztin von dort hat Miller davon überzeugt, dass bei ihnen jemand FX klaut. Und Miller verdächtigt natürlich jeden, die Ärztin eingeschlossen, du kennst sie ja.« Drake rieb sich den Dreitagebart, der langsam anfing zu kratzen. War wohl doch länger als drei Tage gewachsen. Er konnte sich nicht erinnern, wann er sich das letzte Mal zum Rasieren aufgerafft hatte. »Also muss ich mich jetzt herrichten, damit ich die Patienten nicht erschrecke.«

Er wollte schon gehen, wandte sich dann aber noch einmal seinem ihm an Eleganz so überlegenen Partner zu. »Hast du dich je bei Oscars rasieren lassen?«

»Du meinst so mit heißem Handtuch, schicker Creme und dem ganzen Drumherum?« Jimmy hob seinen Fedora und zeigte die im Nacken und an den Seiten ausrasierte Kurzhaarfrisur, die er regelmäßig von Oscar pflegen ließ. »Diese Ärztin, denkst du auch, sie steckt hinter den FX-Diebstählen?«

Drake dachte kurz daran, wie er Hart ohne besondere Mühe den Kaffee abgeluchst hatte, was bestimmt nicht daran lag, dass sie leichte Beute war. »Bin mir nicht sicher. Sie scheint nicht der Typ dafür, das steht fest.«

»Ist sie dein Typ?« Jimmys warnender Blick war nicht zu übersehen.

Jedem anderen hätte Drake einfach den Mittelfinger gezeigt. Jimmy war jedoch trotz allem, was im letzten Sommer geschehen war, immer noch sein Partner geblieben. »Keine Sorge. Sie ist genau das Gegenteil davon. Außerdem wird da nichts laufen. Sie ist schließlich eine Verdächtige.«

7

Um zwanzig vor sieben herrschte an diesem Abend reger Betrieb in der Notaufnahme. Assistenzärzte und Medizinstudenten in weißen Kitteln folgten wie müde Herdentiere ihrem jeweiligen Oberarzt von Krankenbett zu Krankenbett, um noch eventuelle Problemfälle zu behandeln, bevor sie ihre Patienten an die Ärzte mit Rufbereitschaft übergaben. In dem kleinen Bereich hinter der Schwesternstation drängten sich während der Übergabe an den Spätdienst zwei komplette Schichtbelegschaften. Mitten aus diesem geschäftigen Gewusel stach eine Patientin wie eine einsame Insel heraus.

Niemand trat an das Bett der jungen Komapatientin. Sie lag reglos da, blass, nur durch Tropf und Monitor mit der Außenwelt verbunden. Das einzige Geräusch, das von ihr kam, war das leise Surren des Beatmungsgeräts.

Weder Freunde noch Familie waren gekommen – also hatte sie wohl immer noch nicht identifiziert werden können, dachte Cassie, während sie die Unterlagen aus dem Patientenregal in der Schwesternstation holte und sich mit dem Ordner zu Adeena Coleman, der für diesen Fall zugeteilten Sozialarbeiterin des Krankenhauses, setzte. Cassie schob die Ärmel ihres Pullovers hoch und blätterte durch den schon ziemlich umfangreichen Ordner, bis sie zu den Ergebnissen der neurologischen Untersuchung kam. Wie üblich waren die Ärzte in der Diagnose extrem vorsichtig und gaben keine eindeutige Prognose. Sie wandte sich Adeena zu.

»Irgendetwas Neues?«, fragte Cassie.

Adeena schüttelte den Kopf, die kleinen, in ihre Zöpfe eingeflochtenen Kupferperlen rasselten leise. »Noch nicht. Die Polizei überprüft gerade die Fingerabdrücke. Ich werde ihre Daten zum Zentrum für Kinder in Not schicken.«

»Diese Organisation, die Fotos von vermissten Kindern auf Milchpackungen druckt?«

Adeena nickte, dann deutete sie mit dem Kugelschreiber auf Cassies Unterarm. »Netter Bluterguss. Müssen wir uns unterhalten?«

Cassie drehte lächelnd den Arm zu sich, um die neueste lila Färbung zu betrachten. Es war ein schöner blauer Fleck, fast so schön, wie ihr Feger, mit dem sie Mr Christean von den Beinen geholt hatte, nachdem sie seine Deckung durchbrochen hatte. Damit hatte sie ihren Lehrer zum allerersten Mal auf die Matte gelegt. »Shaolin Kempo. Ich trainiere für meinen braunen Gurt, nächsten Monat ist die Prüfung.«

Adeena musterte sie besorgt. »Vielleicht solltest du es etwas langsamer angehen lassen«, schlug sie vor. »Kein Gurt ist es wert, dafür Verletzungen in Kauf zu nehmen.«

Verletzungen? Das war doch gar nichts. Cassie wusste, was richtige Schmerzen waren. Das hatte sie Richard zu verdanken. Sie zog die Ärmel wieder runter und konzentrierte sich auf die Patientenakte ihrer Unbekannten.

So saßen sie schweigend eine Zeit lang nebeneinander, bis Adeena schließlich einlenkte. »Gut, ich vergesse eben immer wieder, dass du Superfrau bist. In der Lage, jemandem in den Hintern zu treten, ehe du ihn wieder zusammenflickst. Tessa hat übrigens gefragt, warum du schon länger nicht mehr vorbeigekommen bist, um sie in die Kirche zu begleiten.«

Cassie seufzte. Es mischten sich einfach zu viele Menschen in ihr Leben ein: ihr Chef, Fran, und dann auch noch Adeenas Tante Tessa. Das war wirklich mehr als irgendjemand verdient hätte. Sie warf einen Blick zum Krankenbett ihrer Patientin hinüber und verkniff sich eine sarkastische Erwiderung. Immerhin gab es Menschen, die sich um sie sorgten. Und sie würde nicht so allein und anonym daliegen müssen, wie das junge Mädchen.

»Sag ihr, diesen Sonntag werde ich da sein.«

»Großartig. Du weißt, sie macht immer ihr Brathähnchen, wenn du vorbeikommst.«

»Warum wollen mich immer alle mästen?«

»Weil«, Adeena streckte eine im Vergleich zu Cassies recht rundliche Hand aus, die sie auf ihre legte, »Tessa deiner Oma versprochen hat, dass …«

»… sie sich um mich kümmert.« Cassie verdrehte die Augen. Selbst noch aus dem Grab heraus gelang es Oma Rosa, sich in ihr Leben einzumischen. Liebe überdauert nun mal den Tod, hätte Rosa gesagt. Bevor sie lang und breit erörtert hätte, was Cassie ihrer Meinung nach falsch machte, und wie es zu lösen sei. »Irgendwann werdet ihr alle begreifen, dass ich gut auf mich selbst aufpassen kann.«

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