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Süßer als jede Versuchung

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1. KAPITEL

„Hast du eine Ahnung, was los ist?“ Natasha Gordon goss sich einen Kaffee ein. Seit ihrem ersten Termin heute um acht war sie ununterbrochen unterwegs gewesen, und sie brauchte dringend Koffein. „Ich war gerade auf dem Weg zu der Wohnungsbesichtigung in St. Jones Wood, als Miles mir gesimst hat, dass ich auf der Stelle herkommen soll.“

Janine, die bei Morgan und Black am Empfang saß und normalerweise alles als Erste wusste, zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung. Aber es klingt, als solltest du ihn lieber nicht warten lassen.“ Dabei lächelte sie, als wüsste sie mehr.

Tash ließ ihren Kaffee stehen und rannte die Treppe hinauf. Miles Morgan, Senior-Gesellschafter des Maklerbüros für Luxus­immobilien, für das sie arbeitete, hatte in den letzten Wochen immer wieder angedeutet, dass er in Erwägung zog, sie zur Teilhaberin zu machen.

Das hatte sie sich verdient – seit drei Jahren arbeitete sie wie eine Verrückte. Und Janine, die gern durchblicken ließ, wie eng sie mit dem Chef war, hatte ihr erzählt, dass Miles das Wochenende gemeinsam mit Black, der sich schon halb aus den Geschäften zurückgezogen hatte, auf dem Land verbringen würde, um über die Zukunft der Firma zu reden.

Vor seiner Tür atmete Tash noch einmal tief durch. Morgens hatte sie noch wie eine adrette Karrierefrau ausgesehen, doch nachdem sie den gesamten Vormittag durch London gehetzt war, wirkte sie nun etwas zerzaust.

Gerade, als sie ihre Bluse zurechtzupfte, öffnete sich die Tür.

„Janine? Ist Natasha immer noch nicht da?“, rief Miles, bevor er bemerkte, dass sie vor ihm stand. „Wo zum Kuckuck warst du?“

„Zuerst hatte ich eine Hausbesichtigung in Chelsea“, antwortete Natasha, die seine aufbrausende Art gewohnt war. „Ich habe der Frau angesehen, dass sie begeistert war. Ich wette, dass sie uns noch heute ein Angebot machen werden.“

Die Aussicht auf eine Provision in fünfstelliger Höhe hätte Miles’ Laune normalerweise aufgehellt, doch heute brummte er nur, und Natashas Vorfreude verflog schlagartig. Was auch immer der Grund dafür war, dass Miles sie herbestellt hatte – ganz sicher ging es hier nicht um eine Beförderung.

„Seitdem hatte ich keine freie Minute“, fuhr sie fort – und so würde es bis zum Feierabend bleiben. „Ist es wichtig, Miles? In einer halben Stunde zeige ich Glencora Jarrett die Wohnung in St. Johns.“

„Ich habe Toby hingeschickt.“

Sie schüttelte irritiert den Kopf. Ihr Kollege war mit seiner Rugbymannschaft nach Australien geflogen und sollte erst Ende des Monats zurückkommen. Nicht weiter wichtig, aber Glencora Jarrett … „Sie hat darum gebeten, dass ich persönlich …“

„Ich weiß, aber eine Wohnungsbesichtigung ist keine private Verabredung“, unterbrach Miles sie, bevor sie ihn daran erinnern konnte, dass die Gräfin furchtbar ängstlich war und keinesfalls eine leer stehende Wohnung mit einem ihr fremden Mann betreten würde.

„Aber …“

„Vergiss die Gräfin“, sagte er und drückte ihr die neueste Ausgabe vom Country Chronicle in die Hand, „Und sieh dir das mal an.“

Die Zeitschrift war an der Stelle aufgeschlagen, an der eine ganzseitige Anzeige für Hadley Chase, ein altes Landhaus, das sie gerade ins Angebot aufgenommen hatten, abgedruckt war.

„Wow, die ist aber sehr schön geworden …“ In der goldenen Morgensonne bei leichtem Nebel aufgenommen strahlte das Haus einen Zauber aus, der über die vielen vorhandenen Mängel hinwegtäuschte. Das war es durchaus wert gewesen, dass sie an dem einzigen Tag in der Woche, an dem sie hätte ausschlafen können, in aller Herrgottsfrühe nach Berkshire rausgefahren war. „Wir werden uns vor Anrufen nicht retten können.“ Damit wollte sie Miles die Zeitschrift zurückgeben.

Doch der nahm sie nicht entgegen. „Lies.“

„Das brauche ich nicht, Miles. Ich habe die Anzeige geschrieben.“ Das einst prunkvolle Haus war ziemlich heruntergekommen, weshalb sie sich bei der Beschreibung auf die gute Lage und die Schönheit des Anwesens konzentriert hatte. „Und Sie haben mir Ihr OK gegeben.“

„Nicht hierfür.“

Tash runzelte die Stirn. Hatten sie beide einen Fehler übersehen? So etwas konnte vorkommen, aber da es sich um eine teure, ganzseitige Anzeige handelte, war sie mehrere Male darübergegangen. Überzeugt, dass alles richtig sein musste, las sie ihren mit Sorgfalt verfassten Text laut vor.

Stattliches Herrenhaus in gefragter Lage in den Berkshire Downs mit guter Verkehrsanbindung. Wermutstropfen …

Sie hielt inne.

„Weiter!“, sagte jemand klar und deutlich und in einem Ton, der keinen Widerspruch zuließ. Doch dieser Jemand war nicht ihr Chef. Natasha wandte sich um und sah, wie sich ein Mann aus dem Ledersessel vor Miles Morgans Schreibtisch erhob und sich ihr zuwandte.

Alles an diesem Mann war dunkel. Er war dunkel gekleidet, hatte dunkles Haar und dunkle Augen. Sein faszinierendes Gesicht war sicher sehr anziehend, wenn er lächelte.

Außerdem strahlte der Mann Stärke aus. Er war kein Muskelprotz, doch unter seinem verwaschenen, schwarzen Leinensakko verbargen sich breite Schultern – und ein flacher Bauch unter dem locker sitzenden T-Shirt.

Er legte seine Hand auf die Lehne, eine schmale, sehnige Hand. Unwillkürlich stellte Natasha sich vor, wie diese Hand unaussprechliche Dinge mit ihr anstellte.

Als sie zu ihm aufsah, trafen sich ihre Blicke. Er sah sie so eindringlich an, dass sie errötete. Sein Blick ging ihr durch und durch.

„Natasha!“, polterte Miles, doch sie brauchte einen Moment, bevor sie sich wieder auf die Anzeige konzentrieren konnte.

… sind die Nassfäule, bröckelnder Putz und ein undichtes Dach. Der Vorbesitzer hätte das Haus lieber abgerissen, um das Grundstück neu zu bebauen, was jedoch nicht möglich war, da das Gebäude unter Denkmalschutz steht. Eine wunderschöne, aber wurmstichige Treppe im Tudorstil führt ins erste Geschoss. Sollten Sie auch dieses besichtigen wollen, ist in Anbetracht des fortschreitenden Verfalls ein baldiger Termin anzuraten.

Natashas Herz pochte noch wie verrückt von der heftigen Erregung, die sie beim Anblick des Mannes unerwartet gepackt hatte, darum musste sie den Text zweimal lesen, bis sie begriff, was da stand.

„Das verstehe ich nicht“, murmelte sie und fügte hinzu: „Wie konnte das passieren?“

„Das frage ich mich auch.“

Sie hatte ihre Frage an Miles gerichtet, doch die Antwort kam von dem großen, dunklen, todernsten Fremden. Wer mochte das sein?

„Hadley“, stellte er sich vor. Offenbar konnte er ihre Gedanken lesen. Oder sie hatte laut gefragt, ohne es zu merken. Sie musste sich zusammenreißen …

Natasha räusperte sich. Sie war durcheinander, und das lag nicht nur daran, dass ihr Blut aus dem Gehirn in empfindlichere Regionen abgezogen worden war. „Hadley?“ Das Haus war unbewohnt. Der Verkauf wurde über einen Nachlassverwalter abgewickelt, und da sie nie von einem lebenden Hadley gehört hatte, war sie davon ausgegangen, dass die Linie ausgestorben sei.

„Darius Hadley“, präzisierte er, als wüsste er, was ihr durch den Kopf ging.

Sie war in diesem Beruf schon allen möglichen Leuten begegnet und wusste, dass das Äußere eines Menschen täuschen konnte. Doch dieser Mann sah nicht aus wie jemand, dessen Familie seit dem siebzehnten Jahrhundert Hadley Chase bewohnte. Damals hatte der reiche Kaufmann James Hadley das Anwesen von Charles II. zum Dank dafür erhalten, dass er den König im Exil mit finanziellen Mitteln unterstützt hatte.

Mit dem goldenen Ohrring, der aus seinen schwarzen Locken hervorblitzte, dem verwaschenen Leinenjackett und der zerschlissenen Jeans sah er eher wie ein Pirat aus. Vielleicht waren die Hadleys so an Geld gekommen – indem sie die spanische Flotte in der Karibik geplündert hatten, wie Francis Drake und Konsorten. Vielleicht hatten sie auch mit Seide und Gewürzen gehandelt. Immerhin trug der Mann vor ihr den Namen dreier persischer Könige. Auf jeden Fall passte seine arrogante Ausstrahlung gut zu seinem Namen, auch wenn er sich nicht wie seine Vorfahren dafür zu entschieden haben schien, das Leben eines reichen Großgrundbesitzers auf dem Lande zu führen. Was sie ihm nicht verdenken konnte.

Denn egal, wie zauberhaft das rosenumrankte herrschaftliche Fachwerkhaus an einem nebligen Sommermorgen aussah, es würde eine Menge Zeit und sehr viel Geld kosten, das Haus zu modernisieren und in Schuss zu bringen.

Andererseits gab es selbst in klammen Zeiten immer genug Scheichs, Popstars und Oligarchen, die ein ruhiges Plätzchen auf dem Land suchten, das von London aus bequem per Hubschrauber erreichbar war. Darum ging Natasha davon aus, dass sie Hadley Chase in absehbarer Zeit an den Mann bringen würde.

Als Miles sich vernehmlich räusperte, streckte sie endlich die Hand aus. „Natasha Gordon. Freut mich, Sie kennenzulernen.“

Er ergriff ihre Hand nicht. „Ich bin ehrlich gesagt eher verärgert als erfreut.“

Mit Recht. Und wie wütend sie erst war! Wer auch immer den sorgfältig verfassten Text verpfuscht hatte – er würde etwas erleben, sobald sie herausgefunden hatte, wer es war. Doch das musste warten. Zunächst musste sie ihren übererregten Körper besänftigen und den Kunden davon überzeugen, dass die Situation nicht ganz so katastrophal war, wie sie auf den ersten Blick schien. „Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, Mr Hadley, aber ich kann Ihnen versprechen, dass das keine nennenswerten Schwierigkeiten verursachen wird.“

„Keine nennenswerten Schwierigkeiten?“ Er funkelte sie an, und Tash spürte, wie sie wieder errötete. Er konnte sie mit einem bloßen Blick zum Erröten bringen … das war unerhört.

Sie atmete tief durch. „Seriösen Interessenten ist klar, welche Probleme ein Objekt wie dieses mit sich bringen kann, Mr Hadley.“

„Aber sie werden sicher erwarten, ins erste Stockwerk zu gelangen, ohne dabei ihr Leben aufs Spiel zu setzen“, erwiderte er ruhig. Seine beherrschte Art ließ die Wutanfälle von Miles wie das Geschrei eines Kleinkinds erscheinen.

„Natasha“, brachte sich ihr Chef in Erinnerung. „Was hast du dazu zu sagen?“

„Was?“ Sie riss den Blick von Darius Hadleys appetitlicher Unterlippe los und heftete ihn auf seinen Adamsapfel, was sie nur noch mehr durcheinanderbrachte, weil sie dadurch an andere hervorspringende Körperteile denken musste.

Nicht an ihm runtersehen!

„Äh … ja …“ Sie versuchte, sich auf das zu besinnen, was sie über das Haus wusste, und starrte zuerst seine abgewetzten Arbeitsschuhe und dann die Jeans an, die seine muskulösen Schenkel verbargen und mit etwas beschmiert waren, das wie Lehm aussah. Offenbar war er auf der Stelle hergekommen, als er die Anzeige gesehen hatte – womit auch immer er gerade beschäftigt gewesen war. Ob er auf einer Baustelle zu tun hatte? „Es ist ja nicht so, dass es in dem Haus nur eine einzige Treppe gäbe, also ist das kein Problem.“

„Ist das wirklich alles, was Sie dazu zu sagen haben?“

„Abgesehen davon, dass ich mich nicht erinnere, dass es an der Haupttreppe irgendetwas auszusetzen gibt, was nicht mit einem Staubsauger behoben werden könnte.“ Komm schon, Tash, das kannst du. „Ich habe dem Nachlassverwalter geraten, das Gebäude einmal gründlich reinigen zu lassen.“

„Und? Was hat er dazu gesagt?“

„Er hat gesagt, dass er jemanden hinschicken wird, der sich darum kümmert.“

„Also muss sich der potenzielle Käufer lediglich wegen des Befalls mit Holzwurm, der Nassfäule und des undichten Dachs Sorgen machen?“ Darius Hadley sah sie durchdringend an.

Sie musste sich sehr zusammenreißen, um dem Konflikt, der in ihr tobte, standzuhalten. Ihr Verstand sagte ihr, dass sie einen Schritt zurück machen sollte, und jeder andere Teil ihres Körpers flehte sie an, Darius Hadley zu berühren.

„Laut Unterlagen wurde der Holzwurm vor Jahren erfolgreich bekämpft.“ Wenn er sich nur im Entferntesten für das Haus interessierte, müsste er das eigentlich wissen. „Und erfahrungsgemäß nehmen die Frauen eher Reißaus, wenn sie Spinnenweben …“

Miles schnitt ihr das Wort ab. „Ich denke, Mr Hadley will keine Ausflüchte hören, sondern eine Erklärung und eine Entschuldigung.“

Tash war davon ausgegangen, dass Miles das schon geklärt hatte und sie nur zu sich bestellt hatte, um über das weitere Vorgehen zu reden.

„Machen Sie sich keine Mühe, ich habe genug gehört“, sagte Hadley, bevor sie etwas erwidern konnte. „Sie hören von meinem Anwalt, Morgan.“

„Von Ihrem Anwalt?“ Was sollte jetzt ein Anwalt nutzen? „Aber …“

Darius Hadley sah sie so finster an, dass sie mitten im Satz innehielt. Dieser tödliche Blick, diese arrogante Nase und dieser herrliche Mund …

Offenbar befriedigte es ihn, dass er sie zum Schweigen gebracht hatte, denn nun wurde der Blick seiner schwarzen Augen etwas sanfter. Schließlich nickte er Miles zu und verließ den Raum.

Plötzlich fühlte Tash sich ganz schwach. Sie griff nach der Lehne des Sessels, auf dem er gesessen hatte. Das Leder war noch warm von seiner Hand, und es fühlte sich an, als würde diese Wärme ihren Arm hinaufsteigen, sich in ihrem ganzen Körper ausbreiten und ihn an allen möglichen empfindlichen Stellen zum Kribbeln bringen.

Puh.

„Er ist ein wenig angespannt“, bemerkte sie. Wie ein Raubtier, dem man sich lieber vorsichtig näherte. Aber wenn man erst einmal sein Vertrauen gewonnen hätte …

Vergiss es! Das war kein Mann fürs Leben. Mit Glück könnte man vielleicht einen Moment lang seine Aufmerksamkeit gewinnen. Aber …

„Dazu hatte er auch allen Grund“, unterbrach Miles ihre Gedanken, die ohnehin zu nichts führten. Diese stillen, grüblerischen Typen waren eigentlich gar nicht ihr Fall. Viel zu kompliziert.

Als auf der Straße ein Hupkonzert ertönte, sah sie hinaus und beobachtete, wie Darius Hadley über die Straße lief und schnellen Schrittes Richtung Sloane Square ging. Mehrere Leute blieben stehen und sahen ihm hinterher – die meisten waren Frauen.

Also war sie nicht die Einzige.

Da blieb er unvermittelt stehen, drehte sich um und sah zu dem Fenster hinauf, an dem sie stand. Als wüsste er, dass sie ihn ansah. Und sie vergaß zu atmen.

„Natasha!“

Sie schreckte auf und blinzelte. Als sie wieder hinsah, war er verschwunden. Einen Moment fürchtete sie, er könnte zurückkommen. Hoffte sie, er würde zurückkommen. Doch dann sah sie ihn wieder und wandte sich rasch ab, da sie fürchtete, er könnte ihren Blick spüren, sich umdrehen und sie dabei erwischen, wie sie ihm hinterhersah.

„Hast du mit dem Verlag gesprochen?“, fragte sie ihren Chef.

„Das Erste, was ich getan habe, nachdem mich der Nachlassverwalter von Mr Hadley heute Morgen kontaktiert hat, war, beim Anzeigenleiter vom Chronicle anzurufen.“ Miles zog eine Seite aus einem Stapel Unterlagen und reichte ihn ihr. „Das hier hat er mir geschickt. Hadley hat es noch nicht gesehen, aber früher oder später wird sein Anwalt Kontakt zum Verlag aufnehmen.“

Es war die Kopie eines Korrekturabzugs der Anzeige – mit dem Text, den sie eben vorgelesen hatte, einem Kreuzchen neben dem ‚Freigegeben‘ und ihrer Unterschrift darunter.

„Nein, Miles.“ Sie sah jetzt zu ihm auf. „Das habe ich nicht unterzeichnet.“

„Aber du hast den Text geschrieben.“

„Ein oder zwei Sätze kommen mir vage bekannt vor“, gestand sie. Manchmal verfasste sie Beschreibungen von Immobilien, in denen sie die Objekte so schlecht wie möglich darstellte, wenn sie das Gefühl hatte, dass es dem Verkäufer half, seine Immobilie aus der Perspektive eines potenziellen Käufers zu betrachten. Den schmuddeligen Teppich im Flur, die verschmierten Türen, die fade Küche. Alles Sachen, die leicht zu beheben waren, aber bei einer Kaufentscheidung ausschlaggebend sein konnten.

„Komm schon, Tash. Es klingt genau wie eine von deinen Spezialbeschreibungen.“

„Meine Spezialbeschreibungen sind aber inhaltlich richtig. Und hilfreich.“

„Dann hättest du das undichte Dach erwähnt?“

„Auf jeden Fall – nicht gerade schön, wenn es reinregnet“, sagte sie und ärgerte sich über ihren defensiven Ton – immerhin hatte sie nichts falsch gemacht.

„Und die Treppe?“

„Ich nehme an, dass sie ganz hübsch wäre, wenn man sie denn vor lauter Staub und Laub sehen könnte. Ein Fenster ist kaputt, dadurch ist Laub hereingeweht.“ Das Haus stand leer, seit der letzte Bewohner vor ein paar Jahren in ein Altersheim gebracht worden war, nachdem er durch seine Alzheimererkrankung zu einer Gefahr für sich selbst geworden war. „Ich habe ein Stück Pappe vor das Loch geklebt, aber das ist keine Dauerlösung.“ Miles antwortete nicht. „Komm schon, Miles. Du weißt, dass ich das nicht an den Chronicle geschickt habe.“

„Bist du dir da sicher? Wir wissen alle, dass du in letzter Zeit sehr viele Überstunden gemacht hast. Wann hattest du heute Morgen die erste Besichtigung?“

„Um acht, aber …“

„Und wann hast du gestern Feierabend gemacht?“ Statt auf ihre Antwort zu warten, nahm er sich einen Ausdruck ihres Terminkalenders vor. „Dein letzter Besichtigungstermin war um halb zehn. Also warst du wann zu Hause? Um elf? Halb zwölf?“

Es war nach Mitternacht gewesen. Nicht alle Käufer konnten einen Termin zwischen neun und siebzehn Uhr wahrnehmen. Und Miles beklagte sich nicht darüber, dass Tash Überstunden machte – so wie alle hier, bis auf Toby, dem sein Rugbytraining heilig war und der sich alles erlauben konnte, weil seine Großtante mit Peter Black verheiratet war.

„Sie sind extra aus den Staaten gekommen, um die Wohnung zu besichtigen. Ich hätte ihnen kaum sagen können, dass ich um halb sechs Feierabend mache.“ Die Interessenten hatten alles genau ansehen wollen, und Natasha hatte sie nicht hetzen wollen.

„So viel Arbeit hält kein Mensch lange durch, ohne schlappzumachen“, antwortete er. „Ich kann mir gut vorstellen, dass du das falsche Dokument angehängt hast, als du deinen Text an den Chronicle gemailt hast.“

„Nein.“

„Es ist meine Schuld.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich habe zu viel von dir verlangt. Ich hätte so etwas kommen sehen sollen.“

Was kommen sehen?

„Ich habe nichts Falsches angehängt“, erwiderte sie empört. Ihr Puls raste vor Wut. Wie hatte jemand ihre sorgfältig getextete Anzeige so sehr verpfuschen können? „Und selbst wenn – meinst du nicht, dass ich den Fehler spätestens bemerkt hätte, als ich den Korrekturabzug bekommen habe?“

„Wenn du Zeit gehabt hättest, einen Blick darauf zu werfen, ja.“

„Ich habe mir die Zeit dafür genommen“, erwiderte sie. „Ich habe den Text Wort für Wort überprüft. Und was zum Kuckuck haben sich die Leute vom Chronicle dabei gedacht? Warum haben sie nicht noch mal nachgefragt?“

„Haben sie. Sie haben am 20. hier im Büro angerufen und sich extra eine Notiz zu dem Gespräch gemacht.“

„Aha. Und mit welchem Vollidioten haben sie gesprochen?“

Er reichte ihr eine Kopie. „Mit einem Vollidioten namens Natasha Gordon.“

„Nein.“

„Laut dem Anzeigenleiter hast du ihnen versichert, das sei der neueste Trend, der auf einen berühmten Makler von vor fünfzig Jahren zurückgeht. Er war berühmt für seine ehrlichen Objektbeschreibungen“, erklärte Miles ruhig. Natasha sträubten sich die Nackenhaare. Das hier war einfach nur gruselig.

„Glaub mir, wenn ich versucht hätte, den legendären Roy Brooks nachzuäffen, hätte ich das besser hinbekommen“, entgegnete sie. „Da hätte es einiges gegeben, was ich hätte verwenden können. Mit mir hat niemand vom Chronicle geredet.“

„Das heißt was? Dass der Anzeigenleiter bei denen lügt? Oder dass jemand vorgibt, du zu sein? Komm schon, Tash, wer würde so etwas tun? Und wozu?“

Sie schluckte. So betrachtet klang es in der Tat verrückt.

„In einem Punkt hast du allerdings recht“, fuhr er fort. „Wir können uns wirklich nicht retten vor Anrufen.“ Sie seufzte erleichtert auf – allerdings einen Moment zu früh. „Allerdings nicht von Interessenten, sondern von Klatschreportern und Immobilienanzeigern, die wissen wollen, was da los ist.“

Natasha runzelte die Stirn. „Jetzt schon? Das Magazin ist seit nicht einmal zwei Stunden erhältlich.“

„Du weißt ja, was man über schlechte Nachrichten sagt.“ Er nahm ihr die Seite ab und legte sie auf seinen Schreibtisch. „Ich nehme an, ein Mitarbeiter vom Chronicle hat seinen Kollegen in anderen Redaktionen den heißen Tipp gegeben.“

„Gut möglich. Wie hat Darius Hadley davon erfahren?“

„Ich kann mir vorstellen, dass der Nachlassverwalter ebenfalls einen Anruf bekommen hat.“

Kopfschüttelnd schob sie die Frage, wie das alles hatte passieren können, erst einmal beiseite und überlegte stattdessen, was zu tun war. „Ich weiß nur, dass es keine schlechte Werbung gibt. Das, was ich zu Mr Hadley gesagt habe, meinte ich ernst. Wenn wir richtig damit umgehen …“

„Um Himmels willen, Tash, du hast die Firma und Mr Hadley zum Gespött gemacht. Damit kann man nicht richtig umgehen. Er hat das Verkaufsangebot zurückgezogen, und abgesehen von den beträchtlichen Kosten, die das Projekt bereits verschlungen hat, müssen wir nicht nur mit einer Klage auf Schadensersatz von Hadley rechnen, sondern auch damit, dass diese Geschichte dem Ruf unserer Firma nachhaltig schadet.“

„Was alles halb so wild ist, wenn wir schnell einen Käufer finden“, entgegnete sie. „Und immerhin werden alle Immobilienzeitungen darüber berichten.“

„Ich bin froh, dass du dir über das Ausmaß des Debakels im Klaren bist.“

„Nein …“ Als der Verkauf von Hadley Chase an sie übertragen worden war, hatte sie das Anwesen und die Familie gegoogelt – nichts. Nicht das kleinste Skandälchen, mit dem man es in die Klatschspalten geschafft hätte. Leider waren die Hadleys entweder unglaublich diskret oder unvorstellbar langweilig gewesen. Sie hatte angenommen, dass es Letzteres war. Wäre James Hadley ein interessanter Mensch gewesen, hätte der König ihn nicht mit einem kleinen Landsitz abgespeist, sondern ihm einen Titel verliehen und ihm bei Hof untergebracht.

Doch Darius Hadley hatte diese Theorie ad absurdum geführt – mit seinen dunklen Locken und seiner abenteuerlichen Ausstrahlung hätte er perfekt dorthin gepasst.

Bei der Vorstellung, ihn zu berühren, juckte es ihr in den Fingern. Doch sie schob den Gedanken beiseite. Hier ging es nicht um Darius Hadley, hier ging es um sein Haus.

„Komm schon, Miles. So viel Werbung ist unbezahlbar. Das Grundstück liegt ausgezeichnet, und Käufer, die sich das Objekt leisten können, lassen sich nicht von Mängeln abhalten, die bei so alten Häuern ganz normal sind. Ich werde mit ein paar Leuten reden.“ Keine Reaktion. Sie rang die Hände. „Verdammt, dann fahre ich eben hin und schwinge selbst den Besen!“

„Du wirst mit niemandem reden und nirgendwo hinfahren.“

„Aber ich werde ganz schnell einen Käufer finden …“

„Es reicht“, unterbrach er sie. „Ich sage dir jetzt, was du tust. Ich habe dir einen Platz in der Fairview-Klinik besorgt …“

„Was?“ In dieser Klinik kümmerte man sich um Promis mit Alkohol- und Drogenproblemen.

„Wir werden eine Stellungnahme herausgeben, die bestätigt, dass du unter Stress leidest und ein oder zwei Wochen ärztlich betreut wirst.“

„Nein.“ Als Kind hatte sie genügend Krankenhäuser von innen gesehen, und ohne einen vernünftigen Grund würden keine zehn Pferde sie in eine solche Einrichtung bekommen.

„Die Firma kommt für die Kosten auf.“ Offenbar wollte er sie beruhigen.

„Nein, Miles.“

„Während du dich erholst, kannst du dir Gedanken über deine Zukunft machen.“

„Über meine Zukunft?“ Sie würde Teilhaberin werden – und sich nicht wie irgendein B-Promi mit Alkoholproblemen verstecken lassen, bis sich der Wirbel gelegt hatte. „Das meinst du doch nicht ernst, Miles. Da hat sich irgendjemand einen Scherz mit mir erlaubt. Und der sollte …“

„Und du solltest …“, er betonte jedes einzelne Wort, „… dich kooperativ zeigen.“

Scheinbar hörte er ihr nicht zu. Oder er wollte nicht verstehen, was sie ihm sagte. Es interessierte Miles nicht, wie all das hatte passieren können. Ihn interessierte nur der gute Ruf seiner Firma. Er brauchte einen Sündenbock, ein Bauernopfer. Und auf dem Korrekturabzug prangte ihre Unterschrift.

Sie hatte ein Problem.

„Ich habe mit Peter Black gesprochen und er hat die Sache mit unseren Anwälten geregelt. Wir sind uns alle einig, dass das die beste Lösung ist“, fuhr Miles fort, als wäre es eine ausgemachte Sache.

„Und wenn … mit einer solchen Lüge wird man bei keinem Anwalt durchkommen.“

„Was für eine Lüge? Selbst die Besten machen irgendwann schlapp.“

Natasha kochte. Wahrscheinlich war die Stellungnahme schon fertig.

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