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Süßer Zauber des Orients

1. KAPITEL

Scheich Abi Ben Abdul Mohammed hatte es sich auf den dicken, mit Seide bezogenen Polsterkissen bequem gemacht und nahm sich eine Handvoll Weintrauben. Er schien nicht zu spüren, wie stickig die Luft war, jedenfalls machte er keine Anstalten, die Klimaanlage einschalten zu lassen. In dem Empfangsraum mit den edlen Wandteppichen und der reich verzierten Decke war es unerträglich heiß, wie Jason Wilde fand. Die Säulen waren mit Lapislazuli verziert, und den Fußboden schmückten leuchtend blaue Mosaiken. Doch das alles konnte ihn nicht beeindrucken; zu sehr litt er unter den schweren exotischen Düften, denen er sich ausgesetzt fühlte. Sein krampfhaftes Bemühen, die Beherrschung nicht zu verlieren, machte alles noch schlimmer und verstärkte sein Unbehagen. Er glaubte zu ersticken, seine Haut war ganz feucht, und das Hemd klebte ihm am Rücken.

„Hören Sie, Scheich Mohammed“, erklärte er angespannt, „wir müssen endlich zu einem Ergebnis kommen, das wissen Sie genauso gut wie ich.“

Der Scheich warf ihm einen beinah mitleidigen Blick zu, ehe er kühl antwortete: „Es liegt nur an Ihnen, Mr. Wilde. Dass die Arbeiten ins Stocken geraten sind, haben letztlich Sie zu verantworten. Sie müssen sich entscheiden, ob Sie auf unsere Forderungen eingehen oder nicht. Immerhin haben Sie und Ihre Gesellschaft mehr zu verlieren als wir“, bemerkte er leicht abfällig.

Jason hätte ihn am liebsten aus den Kissen hochgezogen und ihn geschüttelt. Was wäre das für ein Spaß! Der Mann kam ihm vor wie eine falsche Schlange. Immer wieder stiftete er Unruhe unter den einheimischen Arbeitern, sodass sie völlig verunsichert waren. Sie wussten nicht mehr, was sie denken und wem sie glauben sollten.

Aber er durfte den Scheich natürlich nicht noch mehr erzürnen. Egal, wie sehr er sich wünschte, seinem Ärger Luft zu machen, Jason hatte nicht vergessen, dass er der Repräsentant der Inter-Anglia Oil war und Scheich Mohammed der Herrscher des kleinen Landes Al Shamar.

Deshalb entgegnete Jason genauso kühl: „Trotzdem wäre es geradezu lächerlich, wenn ich eine Entscheidung treffen würde, ohne genau zu wissen, was Sie wirklich wollen.“

Der Scheich nahm sich viel Zeit mit der Antwort, und Jason war klar, dass er ihn ärgern wollte.

„Mr. Wilde, Sie wissen sehr gut, was ich will. Meine Leute sollen fair behandelt und nicht schlechter bezahlt werden als Ihre. Momentan merke ich davon leider nichts. Außerdem möchte ich Sie daran erinnern, dass Sie und Ihr Team Gäste in meinem Land und nur so lange willkommen sind, wie Sie sich uns gegenüber anständig verhalten und zu einer guten Zusammenarbeit bereit sind.“

Jason schob die Hände in die Taschen seiner Baumwollhose und hielt seinen Zorn nur mit Mühe unter Kontrolle. „Ohne unser Know-how und unsere Erfahrung könnten Sie ein so ehrgeiziges Projekt gar nicht so schnell verwirklichen“, stellte er ausdruckslos fest.

„Da stimme ich Ihnen zu, es würde nicht so schnell gehen wie unter Ihrer Leitung“, gab der Scheich ihm schulterzuckend recht. „Aber Sie sind auf unseren guten Willen angewiesen, denn die Erdölvorkommen, die Sie fördern und an denen Sie gut verdienen wollen, befinden sich auf unserem Territorium. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es noch andere internationale Unternehmen gibt, die größtes Interesse an der Förderung signalisiert haben.“

Jason seufzte. Der Scheich war durch keine Argumente zu beeindrucken und brachte die Verhandlungen durch solche Bemerkungen ins Stocken. Es blieb Jason nichts anderes übrig, als zu warten, bis sein Gesprächspartner bereit war, seine Forderungen zu präzisieren.

Die unnötige Verzögerung stellte jedoch seine Geduld auf eine harte Probe. Es fiel ihm immer schwerer, die Hitze und die schlechte Luft in dem prunkvollen Palast des Scheichs zu ertragen. Er wünschte, dieser eigensinnige, selbstherrliche Mann wäre etwas flexibler und berechenbarer. Er legte ihnen immer wieder Steine in den Weg, so als hätten sie nicht schon mit genug Schwierigkeiten zu kämpfen.

„Mr. Wilde, verraten Sie mir doch, was einen Mann wie Sie dazu bringt, hier zu arbeiten“, wechselte der Scheich unvermittelt das Thema. „Sie scheinen mir nicht der Mensch zu sein, der die eigene Bequemlichkeit und den gewohnten Lebensstil ohne zwingende Gründe aufgibt.“

Wieder konnte Jason seinen Ärger nur mühsam im Zaum halten. Eigentlich war es typisch für den Scheich, solche Fragen zu stellen. Er hatte ein geradezu unheilvolles Interesse daran, die Menschen, mit denen er es zu tun hatte, genau unter die Lupe zu nehmen. Er fragte sie nach Strich und Faden aus und gab nicht eher Ruhe, bis seine Neugier befriedigt war.

„Sie irren sich, Scheich Mohammed, das ist nicht mein erster Einsatz in einem Land des Mittleren Ostens“, erwiderte Jason. „Als Mitarbeiter einer internationalen Mineralölgesellschaft muss man flexibel und bereit sein, überall in der Welt zurechtzukommen.“

„Ja, das stimmt natürlich. Aber aus zuverlässiger Quelle habe ich erfahren, dass man Ihnen einen Sitz im Aufsichtsrat angeboten hat, den Sie jedoch abgelehnt haben.“

Woher der Mann seine Informationen hatte, war Jason rätselhaft. Dass er den Aufsichtsratsposten ausgeschlagen hatte, war in seinem Freundes- und Bekanntenkreis auf Unverständnis gestoßen. Aus persönlichen Gründen hatte er jedoch England eine Zeit lang den Rücken kehren wollen. Außerdem hatte der Aufsichtsratsvorsitzende Sir Harold Mannering, der sein direkter Vorgesetzter und zugleich sein Freund und Gönner war, ihm versichert, er könne es sich in Ruhe überlegen, der Posten würde vorerst für ihn frei gehalten.

„Sie sind wirklich gut unterrichtet.“ Jason wanderte betont langsam und so gelassen im Raum umher, als wäre es ihm völlig gleichgültig, dass er seine kostbare Zeit mit solchen Lappalien verschwenden musste. Schließlich nahm er eine kleine Bronzestatue in die Hand und betrachtete sie interessiert.

Nachdenklich beobachtete der Scheich ihn. Es störte ihn, dass sich dieser Mann so ungeniert benahm, als wäre er hier zu Hause.

„Okay, um auf das Thema zurückzukommen“, begann er schließlich und gab einem seiner Mitarbeiter mit einer Handbewegung zu verstehen, ihm noch etwas zu trinken zu bringen. „Auch wenn Sie mich für unhöflich halten, muss ich noch einmal betonen, dass meine Leute nicht anständig bezahlt werden und Sklavenarbeit leisten müssen.“

Jason wirbelte herum. Die Antwort, die ihm auf der Zunge lag, hielt er jedoch zurück, als er merkte, dass der Scheich ihn nur provozieren wollte. „Reden Sie weiter“, forderte er ihn ruhig auf.

„Eine Lohnerhöhung würde Ihre Gesellschaft bestimmt nicht in den Ruin treiben. Die amerikanischen und britischen Ölmultis haben an der Erdölförderung in den ärmeren Ländern unserer Erde schon so viel verdient, dass man es als skrupellose Ausbeutung bezeichnen kann. Die Menschen in meinem Land haben einen wesentlich niedrigeren Lebensstandard als die Amerikaner oder Europäer.“

Dagegen gab es alles Mögliche einzuwenden. Immerhin würde sich dank der geplanten Ölförderung die Infrastruktur des Landes verbessern, und es würden Arbeitsplätze geschaffen, was automatisch einen höheren Lebensstandard mit sich brachte. Die Modernisierung würde fortschreiten, und neue Straßen würden gebaut werden. Das alles behielt Jason jedoch für sich. Mit dem Scheich zu diskutieren brachte sowieso nichts als Ärger und schadete letztlich der Sache.

„Was sagen Sie dazu, Mr. Wilde?“, fragte der Mann sichtlich verärgert, als Jason beharrlich schwieg. „Können wir uns darüber nicht wie vernünftige Menschen unterhalten?“

„Mit mir kann man sich immer vernünftig unterhalten“, entgegnete Jason spöttisch. „Okay, ich habe mit London geredet, und man ist bereit, die Löhne um drei Prozent zu erhöhen.“

Der Scheich verzog die Lippen. „Unter fünf Prozent geht gar nichts“, gab er scharf zurück.

Jason zuckte mit den Schultern. „Drei Prozent, mehr ist nicht drin.“

Während der Scheich sich die Nase rieb, glitzerten und funkelten die kostbaren Ringe an seiner Hand. Dann winkte er einen seiner Angestellten herbei und forderte ihn auf, den zuständigen Minister herbeizuzitieren, um die Vereinbarung schriftlich festzulegen.

Meine Güte, wie lange soll sich das Ganze noch hinziehen?, überlegte Jason ungeduldig und warf einen Blick auf seine Uhr. Es war später Nachmittag, und bei seiner Rückkehr ins Camp würden seine Leute schon zu Abend essen. Mit anderen Worten, er hatte einen ganzen Tag verloren.

Der Gedanke an seinen komfortabel ausgestatteten Bungalow mit der Klimaanlage besserte seine Laune augenblicklich. Es war nicht seine Schuld, dass es Verzögerungen gab, und die indirekt geäußerten Vorwürfe seitens des Londoner Managements konnte er leicht entkräften.

Nachdem sich Krashki, der engste Vertraute des Scheichs, zu ihnen gesellt hatte, dauerte es noch einmal eine halbe Ewigkeit, bis die zusätzliche Vereinbarung aufgesetzt und unterschrieben war.

„Gut, Mr. Wilde, das wäre erledigt.“ Der Scheich erhob sich schließlich, und wieder einmal gestand Jason sich ein, dass der Mann in dem traditionellen Gewand sehr viel Würde ausstrahlte. „Wir haben Ihren Vorschlag natürlich nur unter der Bedingung akzeptiert, dass ich die ganze Sache noch einmal mit Sir Harold Mannering persönlich bei seinem nächsten Besuch besprechen kann.“ Als Jason etwas erwidern wollte, schnitt der Scheich ihm mit einer Handbewegung das Wort ab und rauschte an ihm vorbei zur Tür hinaus, gefolgt von seinem Minister.

Sekundenlang blickte Jason hinter ihm her, ehe er ärgerlich den Kopf schüttelte und den Raum verließ. Nachdem er das Innere des Palastes durchquert hatte, trat er hinaus auf den Vorhof. Sekundenlang blinzelte er geblendet in die grell scheinende Sonne. Dann setzte er die Sonnenbrille auf, eilte zu seinem Geländewagen und stieg ein. Erleichtert darüber, nach zwei Stunden Untätigkeit wieder aktiv werden zu können, entspannte er sich und atmete tief durch. Alles war besser als die stickige Luft und die Hitze in dem Empfangsraum des Scheichs.

Er ließ den Motor an und fuhr durch das große Tor, ohne die Männer der Palastwache zu beachten, die ihn aufmerksam beobachteten. Per Knopfdruck öffnete er die Fenster und bog auf die Straße ab, die durch die Wüste zu dem Ölfeld führte. Die Landschaft von Al Shamar war ausgesprochen karg und unwirtlich. Außer dem großen Hafen am Mittelmeer hatte das Land nicht viel zu bieten.

Während der Fahrt von Abyrra zu dem Camp in Castanya, das aus zahlreichen Bungalows bestand, überlegte er, warum er sich keinen anderen Arbeitsplatz ausgesucht hatte. In seiner Position hatte er schon lange die Wahl. Aber er kannte das Team von früheren Einsätzen und wusste, dass er sich auf die Ingenieure und die übrigen Experten verlassen konnte. Dass es hier außer der endlosen Sandwüste nicht viel gab, störte ihn wenig. Er legte keinen gesteigerten Wert auf gesellschaftlichen Umgang, und wenn es ihm wirklich einmal zu langweilig wurde, konnte er in die Hafenstadt Gitana fahren, wo man jede Art von Abwechslung fand.

Vier Tage hatten sie vergeudet, nur weil man mit dem Scheich nicht vernünftig reden konnte. Der Mann war wetterwendisch und unzuverlässig, er machte seinen Einfluss nach Belieben geltend und war nur dann bereit, mit einem Verantwortlichen der Mineralölgesellschaft zu verhandeln, wenn es ihm passte und er sich Vorteile davon versprach. Keine Sekunde bezweifelte Jason, dass die jetzt erreichte Vereinbarung jederzeit von dem Scheich widerrufen werden konnte. Es waren Gerüchte im Umlauf, dass es unter der Bevölkerung gärte und mehrere Stämme einen Aufstand planten. Jason glaubte jedoch nicht so recht daran. Aber was auch immer geschah, für die Mineralölgesellschaft würde sich nichts ändern. Es handelte sich um ein Wirtschaftsunternehmen, das mit Politik nichts zu tun hatte, und es würden ihnen durch einen möglichen Umsturz weder Vorteile noch Nachteile entstehen. Das Land war auf die Ölförderung angewiesen, davon hing sein Wohlstand ab. Nur die Höhe der Gewinnbeteiligung und vielleicht die Fördermenge würden auf dem Prüfstand stehen.

Als er über die Passstraße fuhr, ging die Sonne schon unter. Trotz der spärlichen Vegetation fand er die Landschaft hier wunderschön. Die Wüste wirkte in ihrer endlosen Einsamkeit erhaben und zeitlos, und die kahlen Felsen reflektierten das faszinierende Farbenspiel der untergehenden Sonne. Sie schimmerten in Orange und allen möglichen Rotschattierungen. Die Gipfel der Gebirgskette färbten sich hellviolett, und schon waren die ersten funkelnden Sterne am immer dunkler werdenden Himmel zu erkennen. Schließlich ließ er das Gebirge hinter sich und lenkte den Wagen durch die Wüste auf das Camp zu. Die Männer brauchten auf keine Annehmlichkeit zu verzichten. Die Ölgesellschaft hatte sogar zwei Tennisplätze und einen Swimmingpool für die Mitarbeiter anlegen lassen, dessen Wasser zwar nie ganz kalt war, der aber dennoch gern zur Erfrischung und Abkühlung benutzt wurde. Natürlich gab es auch eine Kantine, doch einige Mitarbeiter zogen es genau wie er vor, sich selbst zu verpflegen. Sein Koch Ali hatte ihn in alle möglichen Länder begleitet, kehrte jedoch immer wieder gern in seine Heimat zurück.

Als er auf das Bürogebäude zusteuerte, kam sein Vertreter Graham Wilson herausgestürzt und wedelte mit den Armen. Jason hielt an. „Hallo“, begrüßte er den Mann. „Was gibt es?“

Graham Wilson öffnete die Beifahrertür und stieg ein. Dann blickte er Jason fragend an. „Wie ist es gelaufen?“ „Es hätte schlimmer ausgehen können“, antwortete er stirnrunzelnd. „Gibt es Neuigkeiten?“ „Schau dir das da drüben an.“ Graham wies auf die über und über mit feinem Staub bedeckte schwarze Limousine.

„Haben wir Besuch bekommen?“, erkundigte sich Jason und seufzte resigniert. Nachdem er sich stundenlang mit dem Scheich herumgeärgert hatte, war er nicht in der Stimmung, Gäste zu empfangen.

„Ja, Mannering ist da“, verkündete Graham.

„Mannering?“, wiederholte Jason verblüfft. „Was, zum Teufel, will er hier? Es war doch vereinbart, dass ich die Sache allein regle.“

„Nicht unser Seniorchef, sondern sein Sohn Paul ist gekommen, und auch nicht allein, er hat seine Sekretärin mitgebracht“, klärte Graham ihn auf.

„Meine Güte!“ Jason blickte ihn fassungslos an. „Was will der Kerl denn hier?“

„Ich hatte mir schon gedacht, dass du dich freust, Jason. Aber warte, bis du die Frau gesehen hast“, antwortete der andere Mann und lächelte vielsagend.

„Damit das klar ist, ich will überhaupt niemanden sehen!“, fuhr Jason ihn an. „Du liebe Zeit, Mannering muss den Verstand verloren haben, uns seinen Sohn zu schicken. Warum macht er so etwas?“

Graham zuckte mit den Schultern. „Man munkelt, Mannering sei der Geduldsfaden gerissen und er sei nicht bereit, Pauls Eskapaden noch länger hinzunehmen. Du weißt, was ich meine, oder? Kurz nach deiner Abfahrt erhielten wir per E-Mail die Nachricht, Paul Mannering würde heute eintreffen und solle hier arbeiten, um endlich einmal etwas Vernünftiges zu tun. Sein Vater wird sich noch mit dir in Verbindung setzen und alle Einzelheiten mit dir besprechen.“

„Wie nett von ihm“, erwiderte Jason gereizt. „Und wie passt die Sekretärin ins Bild? Weiß sein Vater, dass sie Paul begleitet?“

„Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht, vermute ich. Ehrlich gesagt, es ist eine interessante Abwechslung, wieder einmal eine attraktive Frau zu sehen.“

„Reiß dich zusammen, Graham! Erstens bist du verheiratet, deine Frau wartet in England treu und brav auf dich, und zweitens bist du erst drei Monate hier.“

„Aber deshalb muss ich ja kein Kostverächter sein“, wehrte sich Graham lächelnd, ehe er ernst hinzufügte: „Jedenfalls ist es nicht mein Problem, sondern deins.“

„Okay. Wo sind die beiden?“

„Ich habe sie in dein Büro geführt, weil ich nicht wusste, was ich mit ihnen machen sollte. Kommst du mit?“

Jason stieg aus. „Habe ich eine Wahl? Lieber würde ich erst duschen und mich umziehen, das könnte ich jetzt viel eher gebrauchen als diesen unerwarteten Besuch.“

Graham ging ihm voraus in das klimatisierte Bürogebäude und öffnete die erste Tür auf dem langen Flur. Der große Raum mit dem Laminatboden wurde von dem riesigen modernen Schreibtisch dominiert, auf dessen Kante eine blonde Frau saß. Sie blätterte ziemlich gelangweilt in einem Magazin. Am anderen Ende stand ein junger Mann und blickte zum Fenster hinaus. Er drehte sich langsam um und musterte Jason mit abschätzigen Blicken. „Sieh mal einer an“, stellte er sarkastisch fest. „Jason Wilde persönlich! Was für eine Überraschung!“

Die junge Frau stand auf und sah Jason mit unergründlicher Miene an. Sie hat wunderschöne grüne Augen und regelmäßige Gesichtszüge, schoss es ihm durch den Kopf. Auch dass sie Wärme, Lebendigkeit und Lebensfreude ausstrahlte, entging ihm nicht. Das lange goldblonde Haar wurde von einem breiten Seidenschal zusammengehalten. In den perfekt sitzenden Jeans und der hellen Bluse wirkte sie sehr weiblich, und Jason konnte nachvollziehen, warum Graham so begeistert über ihre Ankunft war.

„Hat es dir die Sprache verschlagen, Jason?“, fragte der andere Mann. „Wilson hat mir schon berichtet, dass man euch zu spät über meine Ankunft informiert hat.“

„Das stimmt.“ Jason verschränkte die Arme und musterte die beiden kühl. „Als Erstes erwarte ich eine Erklärung, was deine Begleiterin hier will. Über dich reden wir später.“ Die Schärfe, die in seiner Stimme schwang, war nicht zu überhören.

In Paul Mannerings Augen blitzte es zornig auf. Die junge Frau hingegen blickte Jason nur herausfordernd an. Wie konnte Harold Mannering es wagen, ihm seinen Sohn ohne Vorankündigung hierherzuschicken? Und warum sollte ausgerechnet er aus diesem Faulenzer einen ordentlichen Menschen machen? Und dass der junge Mann seine derzeitige Freundin zu seiner Unterhaltung mitbrachte, war der Gipfel der Dreistigkeit. Ihm musste klar sein, dass sein Vater das nicht billigte.

„Das ist Nicola King“, stellte Paul die Frau endlich vor. „Du irrst dich jedoch, wenn du glaubst, ich hätte sie zu meinem eigenen Vergnügen mitgebracht. Mein Vater ist dafür verantwortlich.“

„Was soll das heißen, dein Vater sei dafür verantwortlich?“ Jason zog die Brauen zusammen.

„Das heißt, Mr. Wilde“, mischte die Frau sich mit einem angedeuteten Lächeln ein, „ich bin Sekretärin, wie ich Mr. Wilson schon erklärt habe.“

Jason warf ihr einen vernichtenden Blick zu. „Ja und, was wollen Sie damit sagen? Auf unserem Ölfeld mitten in der Wüste brauchen wir keine Sekretärin. Oder hat Pauls Vater den Verstand verloren?“

„Sei vorsichtig mit deinen Äußerungen!“, warnte Paul Mannering ihn ärgerlich.

„Ich lasse mir von niemandem den Mund verbieten, schon gar nicht von dir“, entgegnete Jason scharf und fügte an die junge Frau gewandt hinzu: „Verraten Sie mir, was Sie hier wollen.“

Nicola King reckte sich und lenkte dadurch die Aufmerksamkeit auf ihren schlanken und beachtlich perfekt wirkenden Körper. „Mr. Wilde, wir sind seit heute Morgen unterwegs, ich bin müde und erschöpft. Nachdem wir beinah zwei Stunden hier herumgesessen und auf Sie gewartet haben, möchte ich erst einmal duschen, mich umziehen und etwas essen, ehe ich Ihre Fragen beantworte. Dafür haben Sie sicher Verständnis. Aber Sie können mir glauben, ich bin nicht auf ein Abenteuer oder dergleichen aus. Dazu würde ich mir bestimmt kein Ölfeld mitten in der Wüste und fernab jeder Zivilisation aussuchen, wo die Hitze unerträglich ist.“

Jason kniff die Augen zusammen. Die Frau hatte Mut, das musste man ihr lassen. Sie war wesentlich selbstbewusster als Paul Mannering, obwohl er die beste Erziehung genossen hatte. Doch das machte sie Jason nicht sympathischer. Sie schien sehr arrogant und zielstrebig zu sein, und ihre Beziehung zu den Mannerings war seiner Meinung nach zumindest fragwürdig. Wenn sie nicht Pauls Freundin war, hatte sie vermutlich Harold Mannering mit irgendwelchen Tricks dazu gebracht, sie nach Al Shamar reisen zu lassen.

„Graham, begleite bitte Miss King zu Caxtons Bungalow“, bat Jason ihn. „Und sorg dafür, dass sie alles hat, was sie braucht. Sobald sie sich frisch gemacht hat und dann vielleicht auch besserer Laune ist, kannst du sie zu mir bringen.“

Wohl oder übel musste Nicola King dieser Aufforderung Folge leisten. Aber ehe sie zur Tür hinausging, warf sie Jason einen verächtlichen, anmaßenden Blick zu. Als die beiden verschwunden waren, lehnte sich Jason an die Tür und betrachtete den Sohn des Aufsichtsratsvorsitzenden mit regloser Miene.

„Also, was steckt dahinter?“

Paul Mannering sah ihn erstaunt an. „Wie bitte? Willst du wissen, warum ich hier bin? Oder warum Nicola mitgekommen ist?“

„Beides.“

„Wie gesagt, es war nicht meine Idee. Glaubst du wirklich, ich sei freiwillig hier? Du liebe Zeit, ich hätte alles dafür getan, um es zu verhindern. Doch solange ich finanziell von meinem Vater abhängig bin …“ Er zuckte mit den Schultern. „Egal, es kann kein Dauerzustand sein.“

„Was?“

„Mein Aufenthalt in dieser Einöde. Mein Vater wird dir sowieso alles erzählen und nicht die kleinste Einzelheit auslassen, also kann ich es auch selbst tun. Da war eine junge Frau …“

„Bei dir geht es immer um irgendwelche jungen Frauen“, unterbrach Jason ihn lakonisch.

„Ja, ich weiß, in welchem Ruf ich stehe. Aber die Frau war verrückt nach mir, und ich bin auch nur ein Mann. Dass sie es ernst meinte, konnte ich nicht ahnen. Es stellte sich heraus, dass ihr Vater ein ehemaliger Ringer oder Boxer ist. Nachdem ich mit ihr Schluss gemacht hatte, hat er mich eines Abends einfach in sein Auto gezerrt und ist wütend auf mich losgegangen.“ Bei der Erinnerung daran verfinsterte sich Pauls Miene. „Um es kurz zu machen, die Polizei wurde eingeschaltet, die Medien bekamen Wind von der Sache, und es wurde lang und breit darüber berichtet. Die junge Frau hat behauptet, sie sei schwanger, was sich jedoch glücklicherweise als Lüge herausstellte. Nach dem ganzen Theater war mein Vater der Meinung, ich müsse das Land für einige Zeit verlassen. Ich war einverstanden. Er hatte mir jedoch verschwiegen, dass er mich in diese gottverlassene Gegend schicken wollte.“

„So etwas in der Art habe ich mir gedacht. Wie alt bist du jetzt, Paul? Zwanzig oder einundzwanzig? Dass ich auch einmal in dem Alter war, kann ich mir kaum noch vorstellen.“

„Ich bin zweiundzwanzig“, erklärte Paul mürrisch. „Tu doch nicht so, als wärst du doppelt oder dreimal so alt wie ich. Was ist eigentlich aus dieser Frau geworden?“, wechselte er das Thema. „Wie hieß sie noch gleich? Ellison oder so ähnlich, stimmt’s?“

Jason ignorierte die Frage. „Ich bin um einiges älter als du, Paul. Doch das spielt jetzt keine Rolle. Ich habe dich am Hals und muss das Beste aus der Sache machen. Eins kann ich dir versprechen, du wirst hart arbeiten müssen. Glaub ja nicht, du könntest auf der faulen Haut liegen. Dann lernst du mich von einer ganz anderen Seite kennen.“

In Pauls Augen blitzte es zornig auf. „Mein Vater wusste genau, was er tat, als er mich zu dir geschickt hat“, stellte er dann sarkastisch fest.

„Nimm es nicht so tragisch, mein Junge. Früher oder später hat er vielleicht Mitleid mit dir und lässt dich nach Hause zurückkehren. Aber was die junge Frau hier machen soll, ist mir immer noch rätselhaft. Wenn sie nicht deine Freundin ist, wer ist sie dann?“

„Das besprichst du am besten mit meinem Vater“, erwiderte Paul ausweichend. „Kannst du mir freundlicherweise verraten, wo ich untergebracht werde?“

Jason richtete sich auf und öffnete die Tür. „Du kannst dir einen Bungalow mit Collins teilen. Er ist in deinem Alter.“

„Ich hätte lieber einen Bungalow für mich allein“, beschwerte Paul sich gereizt.

„Das kann ich mir vorstellen. Doch solchen Luxus können wir uns hier nicht erlauben, dazu haben wir keinen Platz. Miss King konnte ich in Caxtons Bungalow unterbringen, weil er momentan Urlaub hat; seine Frau hat gerade ein Kind bekommen. Ob es dir passt oder nicht, du musst dir den Bungalow mit Collins teilen, es sei denn, du kannst deine Begleiterin überreden, morgen nach England zurückzufliegen. Ich verzichte gern auf ihre Anwesenheit. In dem Fall kannst du vorübergehend Caxtons Bungalow bewohnen.“

„Hast du es immer noch nicht begriffen?“, fragte Paul ärgerlich. „Ich habe mit Nicola nichts zu tun und bin nicht für sie verantwortlich.“

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