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Süßer Verrat

1. KAPITEL

„Das kannst du nicht ernst meinen, Georgia! Du musst mitkommen. Ich kann dich hier nicht allein lassen.“ Bestürzt schaute Henry Westleigh die Schwester an.

„Wir haben keine Zeit zu streiten, Henry. Lothmores Kutsche wird jeden Augenblick eintreffen. Setz dich hin! Ich werde für dich zu Ende packen.“ Flink setzte Georgia die Aufgabe fort. Hast du genug Geld für die Reise?”

„Ja.“ Henry verbarg das Gesicht in den Händen. „Aber ich überlasse dich nicht den … den …“

„Gläubigern? Das wird nicht angenehm für mich werden, ist jedoch besser, als dich im Schuldgefängnis besuchen zu müssen. Hier, nimm das!“ Georgia reichte dem Bruder einen kleinen, mit Geld gefüllten Lederbeutel. „Aber verspiel das nicht, bevor du in Dover bist!“

Verstört schaute er sie an. „Nun bist du mittellos! Nein, ich kann und will das nicht nehmen. Oh, meine Liebe, es tut mir so leid!“

„Jetzt ist es zu spät, Gewissensbisse zu fühlen“, erwiderte Georgia verbissen. Ein Blick auf das abgewandte Gesicht des Bruders veranlasste sie jedoch, weicher hinzuzufügen: „Ich treffe dich in Frankreich, Henry. Das Wichtigste ist nun, dass du endlich aufbrichst.“ Sie schaute zum Fenster hinaus. „Beeile dich! Die Kutsche biegt soeben in die Straße. Rasch! Wir wissen nicht, wann der erste Gläubiger an die Tür klopft.“

„Ich werde nie mehr hierher zurückkommen“, sagte Henry bedauernd. „Wenn ich doch nur mehr Zeit hätte! Swarby wollte mich gestern Abend absichtlich ruinieren. Er nannte mich einen Betrüger.“

„Spute dich!“ Georgia nahm den Bruder beim Arm und zerrte ihn ungeduldig zur Tür. „Ich werde mich in Calais im Hotel ‚Dessein‘ einfinden. Schick mir so schnell wie möglich deine Anschrift.“

„Auch ich werde im ‚Dessein‘ wohnen.“

„Das wirst du nicht. Falls man dich verfolgt, weiß man gleich, wo man dich finden kann.“ Georgia drängte Henry die Treppe hinunter und folgte ihm bis zum Portal. „Warte! Ich gehe zuerst hinaus. Vielleicht beobachtet man dich.“ Ängstlich schaute sie in die Dunkelheit, doch die einzigen Geräusche waren das Schnauben und der Hufschlag der Pferde sowie das Rumpeln des Wagens auf dem Kopfsteinpflaster. „Es ist alles in Ordnung“, flüsterte sie. „Nun mach voran! Deine Berline wartet auf der anderen Flussseite.“

Georgia stellte sich auf die Zehenspitzen, küsste den Bruder auf die Wange und schloss, obwohl er Einwände erhob, die Tür. Dann eilte sie in die Belle Etage und trat vor ein Fenster. Sie starrte noch lange, nachdem die Kutsche verschwunden war, in die Nacht und befürchtete, jemand könne Henry nachsetzen, doch alles blieb ruhig.

Vor Erleichterung setzte sie sich schließlich in einen Sessel. Die Anspannung, die sie in den letzten Stunden aufrecht gehalten hatte, fiel von ihr ab, und ein Zustand der Erschöpfung überkam sie. Dumpf schaute sie sich um. Der Inhalt herausgezogener Schubladen, die auf dem Fußboden lagen, war überall verstreut, das Bett übersät mit Hemden, brokatenen Westen, Taschentüchern und Pantalons.

Georgia wollte läuten, entsann sich jedoch, dass sie die Dienstboten entlassen hatte. Sie zwang sich, aufzustehen. Am meisten brauchte sie nun Schlaf. In der vergangenen Nacht hatte sie kein Auge zu bekommen, und jetzt war sie zu nichts mehr fähig. Es kostete sie Selbstüberwindung, in ihr Zimmer zu gehen, und noch mehr Mühe, sich ohne die Hilfe der Zofe zu entkleiden und das Nachthemd anzuziehen. Sie reinigte sich Gesicht und Hände, trocknete sich ab und ergriff die Haarbürste. Im Spiegel erblickte sie ihr Ebenbild mit den kupferfarbenen Locken und großen grünen Augen. Erstaunlicherweise sah man ihr nicht an, dass in den letzten vierundzwanzig Stunden ihre Welt zusammengebrochen war. Sie war müde, und den Tränen nahe legte die Bürste auf den Tisch und drehte sich zum Bett um.

Lautes Pochen ließ sie erstarren. Durch den Lärm wurde bestimmt die ganze Nachbarschaft geweckt. Georgia ahnte, dass es sich bei dem Einlassbegehrenden um einen Gläubiger handeln musste. Konnte sie vortäuschen, dass niemand sich im Haus aufhielt? Nein, das war nicht möglich. Die Kerzen brannten noch, und das Licht war durch die Vorhänge zu sehen.

Voller Angst ging sie zum Portal. Irgendwie musste sie den Gläubiger von der Spur des Bruders ablenken. Im Entree nahm sie einen abgetragenen blauen Mantel, der offenbar von einer Zofe vergessen worden war, vom Haken. Sie zog ihn an, setzte die Kapuze auf und machte das Portal einen Spalt auf.

Jemand stieß mit der Schulter die Tür weit auf, und Georgia stolperte zurück. Der Mann war hochgewachsen und trug einen Carrick. Das Gesicht konnte sie nicht erkennen, da er den obersten Mantelkragen hochgeschlagen und den Hut tief in die Stirn gezogen hatte. „Kann ich Ihnen behilflich sein, Sir?“, fragte Georgia kühl.

„Ich will Ihren Herrn sprechen.“

Der Mann drängte sich an ihr vorbei in das Vestibül. Seine Haltung und der autoritäre Ton ließen vermuten, dass er ein Edelmann war. Irritiert wich Georgia vor ihm zurück und beschloss, weiterhin die Rolle der ahnungslosen Bediensteten zu spielen. „Mr Westleigh ist noch nicht zurück, Sir“, erwiderte sie und knickste. „Wahrscheinlich befindet er sich noch in seinem Club.“

Der Gentleman lachte kurz und spöttisch auf und warf die Tür zu. „Nein, er ist weder dort noch in irgendeinem anderen. Bringen Sie mir ein Glas Wein. Ich habe vor, hier auf ihn zu warten“, fügte er hinzu, machte die nächstgelegene Tür auf und betrat den Raum. „Zünden Sie die Kerzen an.“

Georgia nahm einen Flint, doch ihre Finger bebten so sehr, dass es ihr nicht gelang, den Feuerschwamm zu entzünden.

„Lassen Sie mich das tun. Haben Sie keine Angst. Ich werde Ihnen nichts tun.“ Der Fremde entflammte die Kerzen, und Georgia huschte aus dem Salon.

Sie konnte nicht davon ausgehen, den Mann lange zu täuschen. Gewiss war er einer der Adligen, die Henry angeblich betrogen hatte. Hastig holte sie eine Flasche Wein und stellte sie auf ein Silbertablett. Vielleicht trank der Besucher so viel, dass er die Lust daran verlor, die ganze Nacht ihres Bruders zu harren.

In den Salon zurückgekehrt, sah sie ihn in einem Sessel vor dem Kamin sitzen. Er hatte die langen Beine ausgestreckt und trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen auf den vor ihm stehenden Tisch.

„Versehen Sie Ihre Pflichten immer in diesem befremdlichen Aufzug?“, fragte er beiläufig.

Sie zuckte zusammen, da sie nicht mehr an den Mantel und die aufgesetzte Kapuze gedacht hatte. Ich bitte um Entschuldigung, Sir! Ich war schon zu Bett gegangen, als ich Sie anklopfen hörte.”

„Sie können sich entfernen.“ Der Fremde machte eine gebieterische Geste.

Georgia bekam es mit der Angst. Sie wollte ihm nicht erklären, dass sie allein im Haus war. Schweigend stellte sie das Tablett ab, wandte sich ab und erschrak, als sie plötzlich am Handgelenk festgehalten wurde. „Lassen Sie mich los, Sir“, ereiferte sie sich. „Ich bin nur ein Hausmädchen.“

„Wirklich? Mit solchen Händen? Um mich täuschen zu können, müssen Sie sich etwas Besseres einfallen lassen, meine Liebe.“

Der Unbekannte stand auf, zog ihr die Kapuze vom Kopf und nahm ihr den Mantel ab.

„Seit ich mich zum letzten Mal in England aufhielt, muss das Salär eines Dienstboten sehr gestiegen sein“, bemerkte er und ließ den Blick über das Nachtgewand schweifen. „Wenn ich nicht irre, wurde dieses Hemd von einer exzellenten Modistin angefertigt und hat etliche Guineen gekostet.“

Abweisend schaute Georgia den Gentleman an. Er war etwa Mitte dreißig und von der Sonne gebräunt. In seinen blauen Augen stand ein arroganter, befehlsgewohnter, unnachgiebiger Ausdruck, und um seinen Mund lag ein spöttischer Zug, der Georgia beunruhigte. Sie ahnte, dass er kein Mann war, auf dessen Nachsicht sie zählen konnte. Vor Verlegenheit stieg ihr die Röte in die Wangen, während sie ihm den Mantel abnahm.

„Sie werden rot? Du lieber Himmel! Das ist eine Kunst, welche die meisten Frauen in London nicht mehr beherrschen. Ich muss Ihrem Herrn ein Kompliment machen. Er hat seine Fehler, aber bei Frauen einen guten Geschmack.“ Der Unbekannte musterte Georgia von Kopf bis Fuß und strich ihr dann am Hals entlang.

Sie zuckte wie unter einem Schlag zurück und wurde sich bewusst, dass das dünne Nachthemd im Licht durchsichtig war. So würdevoll wie möglich zog sie den Mantel wieder an.

Der Mann lachte. „Das ist Zeitverschwendung, meine Liebe. Das Haar können Sie nicht verbergen.“ Er wickelte eine Locke um den Finger. „Es ist wundervoll, wenngleich von ungewöhnlicher Farbe. Ist sie natürlich?“

Georgia wollte ihm eine Ohrfeige geben, doch hurtig hielt er sie am Handgelenk fest. Sein Griff war so kräftig, dass es wehtat. Vor Schmerz schnappte sie nach Luft.

„Kommen Sie nicht auf den Einfall, mich zu schlagen“, riet er ihr. „Also, wo ist Ihr Liebhaber?“

Sie gab die Absicht auf, den Besucher in die Irre zu führen, und sah ihn erbost an. „Mein Bruder ist außerhalb Ihrer Reichweite. Sie können mir sagen, was Sie ihm mitteilen wollten.“

Der Fremde starrte sie an. „Er hat es Ihnen überlassen, sich mit den Konsequenzen seines Verhaltens zu befassen? Nun, bei ihm war das wohl nicht anders zu erwarten.“

„Wie können Sie es wagen, so über ihn zu reden? Ihnen ist nichts über die Umstände bekannt.“

„Oh, doch! Ich habe ebenfalls einen jüngeren Bruder. Milde ausgedrückt, war ich nicht begeistert, bei meiner Rückkehr aus Westindien feststellen zu müssen, dass er tief in finanziellen Schwierigkeiten steckte, in die Ihr Bruder ihn gebracht hat.“

„Beide sind nicht die Einzigen, die ungeschickte Investitionen vorgenommen haben“, verteidigte Georgia den Bruder. „Klügere Leute denn sie wurden ins Unglück gestürzt.“

„Durch Betrug?“

„Nein, nein, das ist ausgeschlossen. Mein Bruder würde nie …“

„Wie würden Sie das Versprechen nennen, eine Leibrente zum Ausgleich für eine Pauschalsumme zu zahlen und dann unfähig zu sein, die Verpflichtung einzuhalten?“

„Henry wird …“

„Er kann die Zusage nicht erfüllen. Er hat das Geld ausgegeben, wahrscheinlich zur Finanzierung eines Lebensstils, den weder er noch mein Bruder sich leisten können. Beide spielen, wetten auf Pferde und halten, wenn Sie mir die Bemerkung verzeihen, gewisse Damen aus.“

„Ich glaube Ihnen nicht“, entgegnete Georgia. „Mein Bruder hätte sich nie dergleichen ausgedacht. Dafür ist er nicht gerissen genug.“

Verächtlich schaute der Unbekannte sie an. „Er war so listig, das Geld einzustreichen und es auszugeben“, erwiderte er scharf. „Nun muss er für die Folgen aufkommen.“

Georgia spürte sich erblassen und schwankte.

„Geben Sie nicht vor, nichts gewusst zu haben.“

Der Gentleman stützte sie, doch hastig entzog sie sich ihm, als habe sie sich bei der Berührung verbrannt.

„Sehen Sie sich doch um, Miss Westleigh. Sie haben über Ihre Verhältnisse gelebt, und das auf Kosten anderer Leute.“

Sie betrachtete den Salon mit einem Blick, als sähe sie ihn zum ersten Mal. Die Wände waren mit blassgrünen Seidentapeten bespannt, und das Parkett bedeckte ein kostbarer Teppich. Das Mobiliar war aus Rosenholz und Mahagoni gefertigt. Der Kabinettschrank enthielt erlesenes Porzellan. Georgia sah wieder den Besucher an, und im gleichen Moment schlug die kleine vergoldete Uhr, die auf dem alabasternen Kaminsims stand, dreimal an.

„Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, sich zu fragen, was das alles gekostet hat und wie Ihr Bruder sich die Ausgaben leisten konnte?“

„Er hat bei White’s viel Geld gewonnen“, antwortete sie trotzig.

„Und noch mehr verloren. Nun verraten Sie mir endlich, wo er sich befindet.“

Sie entschloss sich, Zeit zu schinden. „Das weiß ich nicht, Sir. Ihr Benehmen gibt mir keinen Anlass, Ihnen zu trauen.“

„Entschuldigen Sie, dass ich mich noch nicht vorgestellt habe. Ich bin Edward, Viscount Lyndhurst. Ich nehme an, Sie kennen Richard Thorpe, meinen Bruder.“

Georgia riss die Augen auf. Die Erkenntnis, wer der Besucher war, verschlug ihr die Sprache.

Ungeduldig wartete er auf ihre Antwort. Da sie schwieg, ergriff er sie wieder beim Handgelenk und sah sie hart an. „Sie werden mir mitteilen, wo Ihr Bruder sich aufhält“, äußerte er drohend.

„Lassen Sie mich los“, erwiderte sie verstört. Sie kannte Lord Lyndhursts Ruf. Den Bemerkungen seines Bruders zufolge war er rücksichtslos und tyrannisch und scheute vor nichts zurück, um etwas zu erreichen.

„Mir scheint, Sie haben schon von mir gehört.“ Er lachte wieder spöttisch.

Sie nahm allen Mut zusammen und sah ihn feindselig an. „Die Art, wie Sie Ihren Bruder behandelt haben, spricht nicht zu Ihren Gunsten. Ihnen eilt ein schlechter Ruf voraus, doch meinen werden Sie nicht ruinieren!“

„Das werden andere tun, Miss Westleigh.“ Edward schaute sich im Salon um. „Ihnen ist natürlich klar, dass alle Werte vom Gerichtsvollzieher beschlagnahmt werden.“

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

„Das Haus und der gesamte Inhalt werden verkauft, um mit dem Erlös die Gläubiger Ihres Bruders abzufinden. Nächste Woche sitzen Sie wahrscheinlich schon auf der Straße. Was werden Sie dann machen?“

Georgia hatte das Gefühl, ihr stocke das Blut in den Adern. Das Herz schlug heftiger, und Übelkeit überkam sie. In der Annahme, der Verkauf des Hauses und aller Wertgegenstände würde ihr und Henry so viel einbringen, dass ihnen vielleicht zwei Jahre lang genügend Geld zum Leben zur Verfügung stand, hatte sie ihm ihre letzte Barschaft gegeben. Nun war sie mittellos und hatte nicht einmal genügend Geld für die Fahrt nach Frankreich.

„Offenbar bekümmert Sie nicht, was Ihnen bevorsteht“, bemerkte Edward trocken. „Möglicherweise haben Sie eigenes Vermögen?“

Der ironische Ton hatte sie gekränkt. Sie wurde wütend, denn diesmal war der Viscount zu weit gegangen. „Halten Sie sich für einen Gentleman?“, fragte sie kühl. „Falls dem so sein sollte, hoffe ich, Ihresgleichen nicht noch einmal zu begegnen. Sie sind beleidigend, Sir. Ich habe kein eigenes Vermögen. Sollte mein Bruder jedoch Schulden haben, werden sie beglichen. Mir liegt nichts an materiellen Werten.“

„Erwarten Sie von mir, dass ich Ihnen glaube?“

„Halten Sie mich für eine Lügnerin?“

„Wenn Sie noch das Wort Närrin hinzufügen, bin ich mit der Einschätzung Ihres Charakters einverstanden. Es gibt keine Frau auf der Welt, die Besitztümer nicht über alles schätzt. Das weiß ich aus Erfahrung.“

„In Ihrem Fall mögen materielle Güter alles sein, das Sie zu bieten haben. Sie haben weder Charme, noch befleißigen Sie sich der elementarsten guten Manieren.“ Das Gesicht des Viscount wurde rot vor Zorn. Einen Augenblick lang fürchtete Georgia sich vor ihm, wollte sich indes nicht für ihre Bemerkung entschuldigen.

„Es hat keinen Sinn, uns Unfreundlichkeiten an den Kopf zu werfen, Miss Westleigh. Ihr großmütiges Angebot, für die Schulden Ihres Bruders aufzukommen, ist unrealistisch. Sie würden bei einer Versteigerung Ihrer Habe kaum mehr denn eintausend Pfund bekommen. Angesichts der Verbindlichkeiten, um die es geht, wäre dieser Betrag ein Tropfen auf den heißen Stein. Hat Ihr Bruder Ihnen nicht gesagt, welche Summe er aufbringen muss?“

„Nein.“

Edward fluchte leise. „Ich hatte Sie gefragt, was Sie tun würden, wenn Sie das Haus verlieren. Sie haben mir keine Antwort gegeben. Können Sie bei Ihren Eltern unterkommen?“ Miss Westleigh schwieg so lange, dass er sie schließlich gespannt anschaute. „Also?“

Sie senkte den Blick. „Nein, das ist nicht möglich“, sagte sie schließlich. „Mein Vater … nun, er hat Henry enterbt, und darüber war ich so erbost, dass ich meinem Bruder folgte. Die Entscheidung unseres Vaters war sehr ungerecht.“

„Ich verstehe.“ Edward ging zu Miss Westleigh, griff ihr in die Locken und ließ sie sich durch die Finger gleiten. „Ich befürchte, Sie sind noch zu jung, um Ihren Bruder schützen zu können.“

„Ich bin älter als er“, entgegnete sie würdevoll. „Befassen Sie sich nicht mit meinen Angelegenheiten. Ich komme auch ohne Ihren Rat gut zurecht.“

„Wie alt sind Sie? Zwanzig? Einundzwanzig. Älter sind Sie gewiss nicht.“

„Mein Alter geht Sie nichts an, Sir.“ Sie war nicht bereit, ihm zu sagen, dass sie dreiundzwanzig Jahre alt war.

Er setzte sich in einen Sessel und schaute sie an. „Ich muss mich bei Ihnen dafür entschuldigen, dass ich Ihre Stellung falsch eingeschätzt habe. Ich bewundere die Loyalität, die Sie beweisen. Bei einer Frau, ja sogar bei Männern, ist das eine sehr seltene Eigenschaft. Überlegen Sie jedoch genau. Die Schwierigkeiten, in denen Sie sich befinden, lassen sich nicht so einfach lösen. Die Klärung dieses Problems ist außerhalb Ihrer Möglichkeiten.“

Lord Lyndhurst lächelte, und Georgia stockte das Herz. Das Lächeln ließ das Gesicht des Viscount weicher erscheinen, und unwillkürlich fühlte sie sich zum ersten Mal getröstet, seit sie von Henry die schreckliche Nachricht erfahren hatte, er sei ruiniert.

„Haben Sie Vertrauen zu mir“, fuhr Edward fort. „Vielleicht gelingt es uns irgendwie, den angerichteten Schaden zu beheben.“

Sie spürte die Augen feucht werden. Durch das Angebot, ihr beizustehen, geriet die Selbstbeherrschung ins Wanken. „Ich kann Ihnen nicht helfen“, murmelte sie. „Ich habe keine Rücklagen.“

„Sie verfügen über Informationen. Darauf kann ich keinen Einfluss nehmen. Wollen Sie Ihr Wissen nicht mit mir teilen?“

„Ich brauche Zeit zum Nachdenken.“

„Sie müssen einsehen, dass Sie keine Zeit haben. Vielleicht ist mein Angebot die einzige Möglichkeit, Ihrem Bruder helfen zu können.“

Georgia sah den Viscount an. Sein Blick vermittelte ihr den Eindruck, er sei jemand, der zu befehlen gewohnt war. Er würde nicht zulassen, dass ihm ein Hindernis im Weg war. Mit seiner Unterstützung würde sie nach Frankreich gelangen. „Gut, ich werde Ihnen anvertrauen, wo mein Bruder ist“, sagte sie schließlich. „Ich stelle indes zwei Bedingungen. Die erste ist, dass Sie mir Ihr Wort geben, ihn nicht zum Duell zu fordern.“

„Wofür halten Sie mich?“

„Die zweite ist, dass Sie mich mitnehmen müssen, wenn Sie ihm und Ihrem Bruder hinterherfahren.“

Sogleich stand Edward auf. „Das ist ausgeschlossen. Ich belaste mich nicht mit einer Dame, die ständig in Tränen aufgelöst ist.“

„Dann müssen Sie sehen, wie Sie allein zurechtkommen.“

„Sie müssen begreifen, Miss Westleigh, dass Ihre Forderung unannehmbar ist.“

Sie faltete die Hände. „Sie sollten umgehend Erkundigungen einziehen, wo mein Bruder ist. Sonst vergeuden Sie nur Zeit.“

„Wie oft muss ich Ihnen noch sagen, dass wir keine Zeit haben?“, fragte Edward ärgerlich. „Sie haben keine Ahnung, Miss Westleigh, zu welchem Skandal die törichte Absicht Ihres und meines Bruders führt. Müssen wir zu dem Aufsehen beitragen?“

„An meinem guten Ruf kann Ihnen nicht gelegen sein. Eine verlogene Frau wie ich kann sich in dieser Hinsicht keine Sorgen machen.“

„Ich denke an meinen guten Ruf, Madam. Eine diesbezügliche Erfahrung genügt mir. Ein zweites Mal gehe ich das Risiko nicht ein.“

„Dann gibt es nichts mehr zu sagen. Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, Sir.“

Finster sah er Miss Westleigh an. „Wollen Sie mich erpressen? Überraschen würde mich das nicht. Ihr Bruder und Sie scheinen sich bestens zu ergänzen. Je eher Richard seinem Einfluss entzogen wird, desto ruhiger werde ich schlafen.“

„Sind Sie mit meinem Ansinnen einverstanden?“

„Wie Sie wollen. Rufen Sie Ihre Zofe.“

„Ich habe keine.“ Georgia mied den Blick des Viscount. „Die Dienstboten wurden heute entlassen.“

„Wie, in aller Welt, wollen Sie dann mit mir reisen?“

„Ich dachte daran, mich als Ihre Schwester oder Ihr Mündel auszugeben.“

„Keine meiner weiblichen Verwandten würde ohne Zofe reisen.“ Edward überlegte einen Moment und gab dann nach: „Also gut, wir werden Sie als mein Mündel ausgeben.“

„Das halte ich für eine sehr gute Lösung, Sir. Entschuldigen Sie mich.“ Georgia verließ den Salon und ging ins Ankleidezimmer. Beim Packen dachte sie düster daran, dass die Ereignisse sich überstürzt hatten. War es wirklich erst zwei Tage her, dass Henry aschgrau im Gesicht nach Hause gekommen war und ihr berichtet hatte, er sei ruiniert?

Verzweifelt hatte er tags zuvor versucht, Geld aufzutreiben, jedoch ohne Erfolg. Sie hatte ihren Stolz unterdrückt und sich an ihre Freunde gewandt, die ihr gaben, was sie erübrigen konnten. Die Summe, um die es ging, war indes zu groß. Fünfzig hie und da geliehene Guineen reichten fürwahr nicht aus, Henry vor den Konsequenzen seiner Dummheit zu bewahren. Georgia hatte die ihr überlassenen Gelder jedoch dankbar angenommen, um ihn zu unterstützen. Sie zuckte zusammen, als jäh die Tür geöffnet wurde.

„Beeilen Sie sich, Miss Westleigh“, sagte Edward drängend. „Wir verlieren nur Zeit.“ Er hob ihre Ledertasche auf und ging zur Treppe. „Sagen Sie mir, wohin wir müssen. Ich muss den Kutscher instruieren.“

„Ich werde Ihnen nicht verraten, wohin wir fahren.“ Georgia bedachte den Viscount mit einem feindseligen Blick. „Sonst lassen Sie mich womöglich im Stich.“

Er starrte sie lange an. „Es mag Sie überraschen, doch wenn ich einmal etwas zugesagt habe, halte ich mein Versprechen. Anders denn bei Ihrem Bruder kann man sich auf mein Wort verlassen.“ Er lehnte sich zurück an das Geländer und gab sich den Anschein der Geduld.

„Wir müssen zur Küste.“

Edward ging ihr voran zum Portal und wartete, bis sie es verschlossen hatte. Dann half er ihr beim Einsteigen in die Kutsche.

„Die Küste Englands ist recht ausgedehnt, Miss Westleigh. Sollen wir in Cornwall beginnen und von dort nach Schottland reisen?“

„Sagen Sie dem Kutscher, er soll nach Dover fahren.“ Um jede weitere Unterhaltung zu unterbinden, zog Georgia den Mantel fester vor der Brust zusammen und lehnte sich in die Ecke der Polsterung.

„Ah, es geht also nach Frankreich?“, fragte Edward. „Dann sind wir, so wie die Dinge zu liegen scheinen, keinen Moment zu früh dran.“

„Wie meinen Sie das?“ Georgia richtete sich auf.

„Sehen Sie dort!“ Edward zog den Fenstervorhang beiseite und wies mit einem Nicken auf die Straßenecke.

Im Licht der Morgendämmerung erblickte Georgia eine Gruppe von Männern, die auf das Portal des Hauses zukamen.

„So schnell?“, flüsterte sie. „Bitte, lassen Sie uns abfahren, Sir.“ Sie schaute nicht zurück, doch als der Wagen über das Kopfsteinpflaster rumpelte, vernahm sie laute Rufe und Pochen.

„Bald wird man die Tür einbrechen“, bemerkte Edward. „Ich habe Sie gewarnt, nicht wahr? So, und nun haben Sie die Güte, mir zu berichten, auf welche Weise Ihr und mein Bruder aus England verschwinden wollen.“

„Lord Lothmore hat Henry seine Karosse überlassen. Auf der anderen Seite des Flusses sollte mein Bruder in seine Berline umsteigen und nach Dover fahren.“

„Zweifellos nimmt er Richard irgendwo unterwegs auf. Lothmore soll zur Hölle fahren! Als ich gestern mit ihm redete, leugnete er jede Kenntnis des Verbleibs Ihres Bruders.“

„Vielleicht hält auch er Loyalität für angebracht“, erwiderte Georgia steif.

„Das ist eine Einstellung, die oft am falschen Platz ist, Miss Westleigh.“ Nachdenklich furchte Edward die Stirn. „Ihr und mein Bruder werden gezwungen sein, irgendwo für einen Pferdewechsel anzuhalten. Wir werden uns an den Umspannstationen erkundigen.“ Er pochte mit dem goldenen Knauf des Spazierstocks gegen das Wagendach.

Es folgte eine kurze Unterhaltung mit dem Kutscher, die damit endete, dass der Viscount ihm befahl, schnellstens weiterzufahren. Georgia schloss die Augen, vermochte indes nicht zu schlafen. Bei jeder Unebenheit in der Straße wurde sie durchgerüttelt. Plötzlich wurde sie zur Seite geschleudert und fiel gegen Lyndhurst.

Instinktiv schloss er sie in die Arme und hielt sie ein Weilchen fest.

Sie war eigenartig irritiert und wurde sich zum ersten Mal seiner kraftvollen Ausstrahlung bewusst. Da sie wusste, dass es keinen Sinn hatte, sich ihm zu entziehen, blieb sie in seinen Armen liegen.

Spöttisch lächelnd schob er sie von sich und drückte sie sacht in die Ecke des Wagens zurück. „Haben Sie es bequem, Miss Westleigh?“

Sie war zu verwirrt, um einen Laut hervorzubringen. Schweigend rückte sie den Hut zurecht und glättete den Mantel. Schließlich antwortete sie mürrisch: „Wenn der Kutscher nicht wie ein Verrückter fahren würde, wäre alles in Ordnung.“

„Wir dürfen keine Zeit verlieren.“

Wieder rumpelte der Wagen durch ein Schlagloch, und unwillkürlich griff Georgia Halt suchend nach dem Viscount.

Er lachte, schlang ihr jedoch den Arm um die Taille und zog sie an sich.

„Ich brauche Ihre Hilfe nicht“, sagte sie spitz und setzte sich in der Hoffnung, er würde von ihr abrücken, aufrecht hin. Er verstärkte jedoch den Griff um ihre Taille. „Sie zerdrücken mir das Kleid, Sir.“ Sie fasste nach seiner Hand und versuchte, sie fortzuziehen, indes vergebens.

„In meinem ganzen Leben habe ich noch nie eine so unbesonnene Frau kennengelernt wie Sie.“

Indigniert sah sie ihn an und erwiderte empört: „Ich bin nicht unbesonnen!“

„Nein? Wie würden Sie es dann nennen, dass Sie jetzt mit mir unterwegs sind?“

„Was hätte ich anderes tun sollen?“, ereiferte sie sich. Hätte ich in London bleiben und mich mit den Gläubigern auseinandersetzen sollen? Sie haben mir deutlich zu verstehen gegeben, dass sie mich aus meinem Haus vertreiben würden.”

„Ich hatte Ihnen geraten, zu Ihren Eltern zu fahren. Doch lassen wir das. Wir sind nun auf Gedeih und Verderb aufeinander angewiesen.“

Sie wusste, dass es nutzlos gewesen wäre, sich weiter gegen Lord Lyndhurst zu sträuben. Sie lehnte sich an ihn, schloss die Augen und hörte ihn leise lachen.

„So ist es besser“, meinte er.

„Habe ich mich beschwert?“

„Nein, aber überlegen Sie, in welcher Notlage ich bin. Falls Sie sich den Kopf stoßen und ohnmächtig werden, weiß ich nicht, ob wir nach Bordeaux, La Rochelle oder Calais fahren müssen.“

„Bei der Schnelligkeit, mit der die Kutsche fährt, werden wir Ihren Bruder eingeholt haben, ehe er in Dover ist“, erwiderte Georgia verbissen.

„Möglich, doch ich bezweifele es. Er und Ihr Bruder haben einen großen Vorsprung.“

Georgia wandte den Kopf ab. Sie gestand sich ein, dass Lord Lyndhurst recht hatte. Jäh wurde ihr bewusst, in welch prekäre Lage sie sich gebracht hatte. Es war leicht gewesen, ihn dazu zu bringen, sie mitzunehmen, doch es ließ sich nicht leugnen, dass sie sich nun mit einem ihr vollkommen unbekannten Mann in einer Kutsche befand. Der Gedanke verursachte ihr Unbehagen, aber sie zwang sich zur Ruhe. Immerhin war offenkundig geworden, dass der Viscount keine hohe Meinung von Frauen hatte. Er hatte alles versucht, Georgia von der Reise abzuhalten, und keinen Hehl daraus gemacht, was er von ihr dachte.

Verstohlen warf sie ihm einen Blick zu. Er hatte die Lider geschlossen und schien eingeschlafen zu sein. Sie lächelte über die Besorgnis, die sie seinetwegen empfand. Sie war in Sicherheit. Keine Frau würde seinen hochgesetzten Erwartungen entsprechen, am wenigsten sie.

Sie dachte über ihn nach. Von seinem Bruder wusste sie, dass er unverheiratet war. Es war eigenartig, dass ein Mann in seiner gesellschaftlichen Stellung sich noch keine Gattin genommen und eine Familie gegründet hatte. Ungeachtet der Abneigung, die Georgia gegen ihn hatte, gestand sie sich ein, dass er attraktiv war. Aus der Gewissheit, dass er schlief, warf sie ihm wieder einen Blick zu. Gut aussehend konnte man ihn nicht nennen. Das Gesicht war zu markant geschnitten. Er hatte stark ausgeprägte Brauen, eine schmale, scharfe Nase, ein eckiges Kinn und dichtes braunes Haar. Überrascht verspürte Georgia den Wunsch, ihm eine Locke aus der Stirn zu streichen. Er schien geahnt zu haben, was sie wollte, denn plötzlich schlug er die Augen auf.

„Haben Sie Bedenken bekommen, Miss Westleigh? Das ist gut so. Nennen Sie mir das Ziel Ihres Bruders, und ich setze Sie, mit den notwendigen Geldmitteln versehen, bei der ersten Posthalterei ab.“

Georgia fühlte sich stark versucht, das Angebot anzunehmen. Hatte sie Geld, konnte sie allein nach Frankreich ...

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