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Süße Worte, heißes Flüstern

1. KAPITEL

Das Ortsschild war gewaltig. So gewaltig wie die Ankündigung, die darauf zu lesen war. Auf der gut vier Meter hohen Tafel stand in großen Lettern: Willkommen in Ridgewater, Texas, 3.546 Einwohner. Die Stadt des größten Obstkuchens der Welt!

Um diese kühne Behauptung zu unterstreichen, war unter dem Schriftzug eine glücklich lachende Familie mit zwei Kindern abgebildet, die neben einem monströsen, mit leuchtenden Kirschen geschmückten Kuchen geradezu winzig wirkte.

Ungläubig betrachtete Seth Granger das Ortsschild, während er seine Harley einen Gang herunterschaltete und das Tempo drosselte.

Seit acht Jahren war Seth beim Rauschgiftdezernat der Kriminalpolizei von Albuquerque in New Mexico und hatte bei seinen verdeckten Ermittlungen schon eine Menge vom Leben gesehen. Aber eine Familie, die Gefahr lief, von einer Lawine aus klebrigem Kuchenteig, Früchten und Nüssen erschlagen zu werden, war ihm noch nicht untergekommen.

Kopfschüttelnd achtete er auf seine Geschwindigkeit, um die vorgeschriebenen fünfundzwanzig Meilen innerhalb der Ortschaft nicht zu überschreiten. Das Letzte, was er sich wünschte, war ein Strafmandat in einer Stadt voller braver Amerikaner, die sich rühmten, Inhaber eines Obstkuchen-Weltrekords zu sein.

Hinter ihm lagen sechs Stunden Fahrt auf den glühenden Highways quer durch Texas. Was er jetzt brauchte, waren ein großes Glas Eiswasser, ein saftiger Cheeseburger und eine Tankfüllung für seine Maschine. Noch vor Einbruch der Dunkelheit wollte er in Sweetwater ankommen, ein erträgliches Motelzimmer finden und den Staub der Straße endlich mit einem eiskalten Bier herunterspülen. Dazu vielleicht noch eine knusprige Peperoni-Pizza, serviert von einer ebenso knusprigen Kellnerin – mehr konnte er in diesem Augenblick vom Leben nicht verlangen.

Eine Frau in mittleren Jahren führte auf dem Bürgersteig neben der Hauptstraße ihren Terrier spazieren. Als sie Seth erblickte, starrte sie ihn missbilligend an. Er spürte, dass sie ihm mit den Blicken folgte, als er an ihr vorbeifuhr. Der Hund zerrte an der Leine und kläffte dem Motorrad hinterher.

Kleinstadtmief, dachte Seth. Doch er war sich bewusst, dass er abenteuerlich aussah. Er hatte sich seit Tagen nicht mehr rasiert, und sein dichtes schwarzes Haar reichte ihm bis auf die Schultern. Sein letzter Auftrag war gewesen, eine Gruppe von Junkies zu observieren. Dazu hatte er sein Äußeres ein wenig anpassen müssen. Und auch danach war er noch nicht beim Friseur gewesen. Das, zusammen mit seiner schweren Maschine und der dunklen Sonnenbrille, die er trug, musste bei den braven Bürgern hier zwangsläufig die Assoziation von den Hell’s Angels hervorrufen.

Die Hitze des Nachmittags flimmerte auf dem Asphalt. Seth bog in die nächste Tankstelle ein. Aller Augen waren auf ihn gerichtet, während er vor einer der Tanksäulen hielt, die Maschine aufbockte und den Tankverschluss abschraubte. Während sich der Tank seiner Harley Davidson langsam füllte, blickte Seth in die Runde und stellte fest, dass alle, die ihn eben noch neugierig angestarrt hatten, jetzt wegsahen und plötzlich auffällig intensiv mit ihren Autos beschäftigt waren. Er musste grinsen und stellte sich vor, wie sie alle, wenn er plötzlich laut ‘Buh!’ riefe, verschreckt hinter ihren familienfreundlichen Kombis verschwinden würden.

Augenblicklich war Seth jedoch nicht nach solchen Scherzen zumute. Er war zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und mit dem Brief, den er kürzlich von der Anwaltskanzlei Beddingham, Barnes und Stephens erhalten hatte.

Der Brief hatte unter einem großen Berg ungeöffneter Post gelegen, der sich angesammelt hatte, während er wegen seines letzten Auftrags unterwegs gewesen war. Frustriert von dem Fiasko, in dem dieser Fall geendet hatte, hatte Seth den ganzen Haufen Papier beiseitegeschoben und nicht vorgehabt, einen einzigen der Umschläge zu öffnen. Das meiste waren ohnehin Reklamebroschüren und Rechnungen gewesen.

Nur dieser eine Brief hatte ein Stück aus dem unordentlichen Stapel hervorgeschaut und seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, als seien seine Adresse und noch mehr der Absender mit einem Leuchtstift geschrieben.

Seth hatte den Brief aus dem Papierhaufen gezogen. Eine Anwaltskanzlei schrieb ihm? Was konnten die wollen? Drohte ein Dealer, den er zur Strecke gebracht hatte, ihm jetzt mit einem Disziplinarverfahren? Oder vertraten sie diesen widerlichen Kerl von nebenan, der zwei Mal die Woche seine Frau durchprügelte, bis es ihm eines Tages zu viel geworden war und er dazwischengegangen war?

Aber obwohl ihm noch eine ganze Reihe weiterer unerfreulicher Möglichkeiten eingefallen war, hatte Seth es nicht über sich gebracht, den Brief zu der anderen unerledigten Post zurückzuwerfen und zu ignorieren. Er hatte sich einen Eisbeutel für seinen schmerzenden Schädel gemacht, sich einen doppelten Tequila eingeschenkt und den Brief genauer betrachtet, während er sich aufs Sofa gesetzt hatte.

‘Wolf River …’ Erst da hatte er richtig begriffen, was auf dem Absender stand: Wolf River County, Texas. Er hatte den Tequlia heruntergeschüttet, den Umschlag aufgerissen und gelesen.

Wir möchten Ihnen mitteilen, dass Ihre leiblichen Geschwister, Rand Zacharias Blackhawk und Elizabeth Marie Blackhawk, Sohn und Tochter des Jonathan und der Norah Blackhawk, wohnhaft gewesen in Wolf River County, Texas, bei besagtem Unfall, der Ihre Eltern das Leben kostete, nicht umgekommen, sondern beide noch am Leben sind

Seth hatte es mehrmals lesen müssen, bevor er verstanden hatte. Sein großer Bruder Rand und seine kleine Schwester Elizabeth, Lizzie, lebten noch! Der Rest des Briefs bestand aus allgemeinen Hinweisen im üblichen geschraubten Juristenjargon. Unter anderem war von einem Landbesitz die Rede. So weit sich Seth noch an seine frühe Kindheit erinnern konnte, hatten seine Eltern tatsächlich eine kleine Ranch gehabt. Aber viel konnte sie nicht wert sein.

Doch das spielte auch keine Rolle. Das Einzige, was zählte, war, dass Rand und Lizzie noch lebten. Die Telefonnummer der Kanzlei war angegeben, unter der er gebeten wurde, sich zu melden.

Die Nachricht hatte ihn total umgeworfen. Im ersten Augenblick hatte Seth gedacht, jemand erlaube sich einen schlechten Scherz mit ihm. Aber das war sehr unwahrscheinlich. So gut wie niemand kannte seine frühe Vergangenheit und wusste, dass er erst im Alter von sieben Jahren von Ben und Susan Granger adoptiert worden war, dass seine leiblichen Eltern Jonathan und Norah Blackhawk waren und dass er noch zwei Geschwister hatte. Seth selbst hatte große Mühe, sich an dieses frühere Leben zu erinnern.

Woran er sich jedoch genau erinnerte, war, dass ihm gesagt worden war, seine ganze restliche Familie sei bei dem schweren Autounfall getötet worden und er der einzige Überlebende. Und in diesem Glauben hatte er dreiundzwanzig Jahre lang gelebt.

Seth hatte lange auf dem Sofa gesessen und auf den Brief gestarrt. Erst als sich das erste Tageslicht hinter den Jalousien zeigte, war er aufgestanden, hatte die Nummer der Kanzlei gewählt und eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen.

Als Stunden später der Rückruf gekommen war, hatte er Gewissheit gehabt. Rand und Lizzie lebten tatsächlich noch. Rand hatte man schon auftreiben können. Lizzies Aufenthalt war noch nicht bekannt, aber man war dabei, nach ihr zu forschen.

Nachdem man ihn eindringlich gebeten hatte, in die Anwaltskanzlei zu kommen, und er zugesagt hatte, hatte Seth erst einmal sechzehn Stunden durchgeschlafen. Dann hatte er das Notwendigste in seine Reisetasche geworfen, sich auf sein Motorrad geschwungen und war losgefahren. Dass er nach dem Abschluss seines letzten Falls für sechs Wochen vom Dienst freigestellt war, kam ihm dabei entgegen. Auf Frau und Kinder brauchte er keine Rücksicht zu nehmen. Er hatte sich schon lange für ein Leben ohne Bindungen und familiäre Verpflichtungen entschieden. Beziehungen konnten sich Leute leisten, die einen Schreibtischjob hatten, er nicht.

Mit einem Klick schaltete sich die Benzinzufuhr ab. Der Tank war voll. Seth, durch das Geräusch aus seinen Gedanken gerissen, hing die Zapfpistole wieder an die Säule und schraubte den Tankdeckel zu. Als er dann von der Kasse kam, grinste er einer älteren grauhaarigen Lady zu, die neben ihrem Ford stand, setzte seine Sonnenbrille auf und schwang sich auf seine Harley. Er wusste, dass alle ihm hinterherstarrten, und deshalb machte er sich erst recht einen Spaß daraus, mit Vollgas und röhrendem Motor zu starten.

Hohe Ulmen säumten die Hauptstraße, die ins Stadtzentrum führte. Dahinter reihten sich die Fassaden gediegener, viktorianischer Bürgerhäuser. Hin und wieder wies ein Schild auf das Gewerbe von einem dieser wohlsituierten Bürger hin: Antiquitätenhändler, Notar, Arzt. Aber auf jedem Schild entdeckte Seth in der unteren linken Ecke das Gleiche: den Obstkuchen, das Wahrzeichen dieser Stadt. Unglaublich, dachte er im Vorüberfahren. Man stelle sich vor, hier wohnen zu müssen. Wenn man gefragt werden würde, woher man käme, müsste man antworten: aus Ridgewater, Texas, der Stadt mit dem monströsen Obstkuchen.

Er hatte die kaum belebte Hauptstraße fast passiert, als Seth in einem von einem weißen Lattenzaun umgebenen großen Vorgarten ein kleines Mädchen mit blonden Locken bemerkte, das wild mit den Armen fuchtelte, als riefe es um Hilfe. Er bremste ab und sah genauer hin. Im nächsten Augenblick hatte er den Grund für die Aufregung des Kindes entdeckt und erschrak.

Gut drei Meter über dem Boden hing scheinbar frei in der Luft ein anderes, etwa gleichaltriges Mädchen. Bei näherem Hinsehen zeigte sich, dass es sich mit seiner Jeans im Ast des großen Baums verfangen hatte, der vor dem Haus stand. Panische Angst stand der Kleinen ins Gesicht geschrieben.

Seth reagierte sofort. Er gab Gas, zog die Maschine leicht hoch, um über den Kantstein zu kommen, und durchbrach den Lattenzaun. Ohne vollständig abgebremst zu haben, sprang er vom Motorrad, das noch ein Stück allein über den Rasen weiterfuhr, bevor es umstürzte. Noch während er auf den Baum zustürzte, riss er sich den Motorradhelm vom Kopf und begann dann, den Baum hochzuklettern. Bald hatte er die Astgabel erreicht, an deren einem Ende das Mädchen festhing.

“Halt durch”, rief er dem Kind leise zu, wobei er sich vorsichtig, aber so schnell es ging, auf dem Ast voranarbeitete.

Die Kleine drehte ihm den Kopf zu, als sie ihn in ihrer Nähe bemerkte. Seth hörte deutlich, dass dabei der Stoff ihrer Jeans weiter einriss.

Verdammt, dachte er, gleich ist es zu spät. “Du darfst dich nicht bewegen, nicht ein bisschen”, redete er in beruhigendem Ton auf das Mädchen ein, das ihn mit vor Entsetzen weit aufgerissenen Augen anstarrte. “Ich bin gleich bei dir.” Zentimeter für Zentimeter robbte er vorsichtig näher.

“Maddie!”, hörte er von unten den entsetzten Aufschrei einer Frau.

Seth achtete nicht darauf. Er brauchte seine volle Konzentration. Er war jetzt knapp über der Kleinen, sodass er sie mit der ausgestreckten Hand erreichen konnte. Er bekam sie am Hosenbund zu fassen und zog sie zu sich hoch.

“Sei ganz ruhig. Ich hab dich”, sagte er.

Sie sorgsam mit einem Arm festhaltend, kroch er langsam wieder zurück. Die junge Frau, die den Schreckensschrei ausgestoßen hatte, war inzwischen auch ein Stück weit den Stamm bis zur ersten großen Gabelung hinaufgeklettert. Sobald er nah genug war, reichte er ihr das furchtsam zitternde Kind hinunter.

“Mommy!”, rief das Mädchen und umarmte seine Mutter ängstlich.

In diesem Augenblick merkte Seth, der noch immer der Länge nach auf dem Ast lag, auf dem er zurückgeklettert war, dass das Holz unter seinem Gewicht nachgab. Es knackte vernehmlich. Er versuchte, woanders Halt zu finden. Doch im selben Moment krachte es, der Ast brach und riss ihn mit sich in die Tiefe. Schwarze Leere umfing Seth.

Hannah Michaels hatte das Unglück, vor dem ihre Tochter gerade noch bewahrt worden war, kommen sehen. Sie klammerte sich fest an den Baum, als sie den schweren Ast samt dem Retter ihres Kindes hinabstürzen sah. Als sie den dumpfen Aufprall hörte, hatte sie den Kopf abgewandt und die Augen instinktiv geschlossen. Maddie fest an sich gedrückt, kletterte sie nun zitternd Schritt für Schritt hinunter. Sobald sie festen Boden unter den Füßen hatte, setzte sie ihre Tochter ab und eilte zu dem Fremden, der lang ausgestreckt auf dem Rasen lag.

Mein Gott, er ist tot, war ihr erster Gedanke. Sie legte die Hand unterhalb des kräftigen Kiefers an seinen Hals und stellte nun fest, dass sie seinen Pulsschlag deutlich und regelmäßig spüren konnte. Erleichtert atmete sie auf. Sie drehte sich zu ihrer Tochter um, die mit großen Augen noch immer unter dem Baum stand, der ihr beinahe zum Verhängnis geworden wäre.

“Madeline Nicole!”, rief sie ihr zu. “Du gehst augenblicklich zu Missy, und ihr beide rührt euch nicht vom Fleck.”

Maddie sah sie schuldbewusst an. Ihre Unterlippe zitterte. Dann wandte sie sich um und lief zu ihrer Schwester. Ohne sich zu bewegen, standen die beiden Hand in Hand da.

“Hannah”, kam jetzt eine Stimme vom Nachbargrundstück, “was ist denn los bei euch? Wieso liegt denn dieses Motorrad auf dem Rasen?” Es war Mrs Peterson, die ein Haus weiter wohnte. Sie stand auf ihrer Veranda und reckte den Hals, sichtlich bemüht, sich nichts entgehen zu lassen.

Über die Schulter rief Hannah zurück: “Holen Sie bitte schnell Dr. Lansky. Es hat einen Unfall gegeben.”

“Ist da einer mit seinem Motorrad in Ihren Garten gerast? Ich sag’s ja immer: Die Dinger müssten verboten werden.”

“Mrs Peterson, bitte, beeilen Sie sich. Wir haben einen Verletzten.”

“Ich geh ja schon. Aber heute ist Dienstag. Da ist Dr. Lansky meistens in der Klinik, wenn er nicht sogar seinen freien Tag hat und zum Angeln gefahren ist.”

“Mrs Peterson – bitte!”

“Ja, Liebe, ja. Ich beeil mich ja schon. Ich ruf ihn an.” Damit verschwand sie im Haus.

Hannah berührte die Wange des wie leblos vor ihr Liegenden und war froh, dass sich die Haut warm anfühlte. Das lange schwarze Haar war dem Mann ins Gesicht gefallen. Vorsichtig strich sie es ihm aus der Stirn und bemerkte, dass er über der linken Augenbraue eine klaffende Platzwunde hatte. Das Gesicht hatte ebenmäßige, ausgeprägt männliche Züge. Der scharf gezeichnete Mund, die hohen Wangenknochen und der Schnitt der Augen deuteten auf eine indianische Herkunft hin.

Der Verunglückte stöhnte plötzlich auf. Seine Lider zuckten, aber die Augen blieben geschlossen.

“Bleiben Sie liegen”, sprach Hannah beruhigend auf ihn ein. “Wir haben einen Arzt gerufen. Er muss gleich hier sein.”

Sein schwarzes T-Shirt war vom Halsausschnitt bis über die Schulter zerrissen. Vorsichtig sah Hannah nach, konnte aber, außer ein paar kleineren Schrammen, keine weiteren Verletzungen entdecken. Sie tastete die Stelle um das Schlüsselbein, den Brustkorb und beide Arme ab, um zu prüfen, ob er sich etwas gebrochen hatte. Aber er wirkte unversehrt und in guter Form, in sogar sehr guter Form. Es war ein Genuss, diesen athletisch gebauten, muskulösen Körper zu betrachten und zu betasten. Obwohl es niemand außer ihr wissen konnte, schämte sich Hannah ein wenig, in diesem Augenblick auf so etwas zu achten.

Ihre flüchtige Untersuchung hatte nichts zu besagen. Der Mann könnte sich alles Mögliche gebrochen oder innere Verletzungen davongetragen haben. Am gefährlichsten sah die Verletzung über dem Auge aus. Da sie gerade nichts anderes zur Hand hatte, nahm Hannah ihr rosa T-Shirt und tupfte mit dem Saum das Blut ab, das ihm in einer dünnen Linie über die Schläfe lief.

Wahrscheinlich wieder einer von diesen verrückten Motorradfans, dachte Hannah, während sie den Mann betrachtete. Aus dem Ort war er sicher nicht. Sie lebte seit ihrer Geburt vor sechsundzwanzig Jahren in Ridgewater und kannte in der Stadt und der näheren Umgebung so gut wie jeden. Ihr Blick fiel auf die ein Stück weiter auf der Seite liegende Harley Davidson. Dem Nummernschild nach kam der Lebensretter ihrer Tochter aus New Mexico.

Hannah hatte noch immer nicht ganz begriffen, was eigentlich passiert war. Vor ein paar Minuten hatten Maddie und Missy noch friedlich mit ihren Puppen im Wohnzimmer gespielt, während sie eines dieser unerfreulichen Telefongespräche mit ihrer Tante Martha führen musste. Seit zwei Jahren ging es ständig um die gleichen Fragen. Ihre Tante fand es unmöglich, dass Hannah die beiden Mädchen allein in einem gottverlassenen Nest irgendwo im hintersten Texas fernab von jeder Kultur aufzog. Ständig lag sie ihr in den Ohren, sie solle das Haus, das testamentarisch ihnen beiden gehörte, verkaufen und mit den Mädchen zu ihr nach Boston ziehen.

Es war völlig fruchtlos, ihrer Tante immer wieder zu erklären, dass sie, Maddie und Missy in Ridgewater glücklich seien und dass es ihr gar nicht einfiele, das Haus, das ihren Großeltern gehört hatte, zu verkaufen. Am meisten ärgerte Hannah, dass ihre Tante hartnäckig versuchte, ihr ihren Plan auszureden, die oberen Zimmer umzubauen und ihre Einkünfte aufzubessern, indem sie Übernachtung und Frühstück anbot.

Als das Gespräch wieder einmal diesen toten Punkt erreicht hatte, hatte Hannah plötzlich den Lärm und Missys ängstliche Rufe gehört und ohne Abschied oder Erklärung den Hörer aufgelegt.

Sie konnte sicher sein, dass ihre Tante Martha deswegen immer noch vor Wut schäumte. Aber Hannah hatte im Augenblick andere Sorgen. Der Mann vor ihr warf den Kopf nun hin und her und stöhnte. Sie legte ihm die Hand auf die Stirn und sprach ihn leise an. “Sie sollten sich jetzt möglichst wenig bewegen.”

Bevor sie etwas hinzufügen konnte, schlug der Mann die Augen auf und setzte sich mit einem Ruck auf. “Wo ist Vinnie?”, stieß er hervor und packte sie unsanft am Arm. Seine Augen funkelten.

“Welcher Vinnie? Ich weiß nicht …”

“Er war doch eben noch hier. Die haben auf uns geschossen, verdammt! Sehen Sie zu, dass Sie Jarris finden, und sagen Sie ihm, er soll bleiben, wo er ist.”

“Ich werd es ihm ausrichten. Aber jetzt entspannen Sie sich erst mal”, sagte sie besänftigend und versuchte, den Fremden dazu zu bewegen, sich wieder auf den Rücken zu legen. Aber genauso gut hätte sie versuchen können, mit bloßen Händen eine Mauer niederzudrücken.

Er starrte sie mit seinen dunklen Augen an, als nehme er sie gar nicht wahr. Er muss irgendwie im falschen Film sein, dachte Hannah, offenbar in einem Krimi. Dann wurde sein Blick allmählich klarer.

“Was, verdammt …” Er musterte sie von oben bis unten. “Wer sind Sie, zum Teufel?”

“Hannah Michaels”, antwortete sie ruhig. “Und nun legen Sie sich brav wieder hin. Der Doktor wird gleich hier sein.”

Jetzt erst ließ er ihren Arm los und schien sich etwas zu beruhigen. Aber schon im nächsten Augenblick zuckte er zusammen. “Das Mädchen!”, rief er. “Das Kind im Baum …”

“Alles in Ordnung”, beschwichtigte sie ihn. “Sie ist heil wieder unten. Sie haben sie gerettet.”

Seth begriff langsam, was passiert war, und blickte sich um. “Und meine Harley? Oh verdammt!”

Er entdeckte die Maschine mit verbogenem Lenker und in die Luft ragendem Vorderrad auf dem Rasen, und es folgte eine Salve deftiger Flüche, die Hannah veranlasste, die Kinder sofort ins Haus zu schicken.

“Ihr setzt euch artig aufs Sofa und rührt euch nicht vom Fleck, bis ich komme”, rief sie ihnen zu.

Gehorsam trollten sich die beiden Mädchen von dannen.

Erst als sie außer Sichtweite waren, und die Tür hinter ihnen zuschlug, kam es Hannah richtig zu Bewusstsein, in welcher Gefahr Maddie geschwebt hatte und wie viel sie diesem Fremden verdankte.

Ein Kloß saß ihr in der Kehle. Sie musste schlucken und wusste nicht recht, was sie sagen sollte. “Es tut mir wirklich leid um Ihr Motorrad”, brachte sie schließlich heraus. “Ich komme selbstverständlich für die Reparatur auf.” Wovon sie das bezahlen wollte, wusste sie zwar nicht, aber das war im Augenblick ihre geringste Sorge.

“Vergessen Sie’s. Wahrscheinlich ist alles nur halb so schlimm.” Mühsam und etwas unsicher versuchte Seth, sich aufzurappeln. Er wollte diese Stadt mit ihrem Riesenobstkuchen und den weißen Gartenzäunen möglichst schnell hinter sich lassen, bevor hier noch weitere Katastrophen passierten. Doch durch die Anstrengung wurde ihm schwindelig. Ich muss mir noch ein paar Minuten Zeit lassen, dachte Seth.

Er betrachtete die Frau neben ihm. Ihre ungebändigten blonden Locken umrahmten ein hübsches ovales Gesicht mit einem Teint zart wie Porzellan und großen, strahlend blauen Augen. Ihre Lippen waren schön geschwungen. Schön und einladend. Sofort rief er sich zur Ordnung. Jetzt war nicht der richtige Moment, an so etwas zu denken.

Auf ihrem rosafarbenen T-Shirt entdeckte er einen Blutfleck. “Ist das von mir?”, fragte er und zeigte darauf.

“Sie haben eine Verletzung am Kopf”, antwortete sie. “Der Arzt wird sich gleich darum kümmern.”

“Ich brauche keinen Arzt”, entgegnete Seth unwirsch.

Er richtete sich auf und zwang sich, obwohl er das Gefühl hatte, dass gleich der Boden unter ihm nachgeben würde, aufzustehen. Kaum, dass er stand, schoss ein stechender Schmerz durch sein linkes Bein, und er wäre lang hingeschlagen, wäre Hannah nicht mit ihm aufgestanden und hätte ihn gestützt. Es fehlte nicht viel, und er hätte sie beide zu Boden gerissen.

Ihm wurde schwarz vor Augen, und Seth musste sich an Hannah festhalten. Scharf zog er die Luft durch die Zähne.

“Das haben Sie nun davon”, sagte Hannah. “Seien Sie vernünftig, und legen Sie sich wieder hin. Oder muss ich erst böse werden?”

Wie sie wohl ‘böse’ werden will, dachte Seth belustigt. Es war beinahe rührend. Sie war einen Kopf kleiner als er und brachte kaum die Hälfte seines Gewichts auf die Waage. Hätte er nicht diese stechenden Schmerzen gehabt, hätte er sie wahrscheinlich ausgelacht.

Aber es war nicht nur der Schmerz, der ihn davon abhielt. Dadurch, dass sie ihn festhielt, war sie ihm unvermittelt so nah gekommen, dass er ihre festen Brüste spüren konnte. Außerdem roch er nun den leichten Blütenduft ihres Parfüms. Für einen Moment nahmen seine Gedanken eine ganz andere Richtung, und er stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie sich beide hier ins Gras legten und er diese schönen Rundungen noch ein Weilchen länger genießen könnte. Was für ein Unsinn! Er sollte sich zusammennehmen. Er hatte hier nichts zu suchen. Er wollte weg, raus aus dieser Stadt, nichts anderes.

Er warf einen verzweifelten Blick auf sein Motorrad. Im nächsten Moment hörte er hinter sich ein tiefes, gefährliches Knurren. Sein Kopf fuhr herum, und Seth sah sich einem Kalb von einem Schäferhund gegenüber.

“Beau, Platz!”

Hannahs knappes Kommando genügte. Der Hund gehorchte augenblicklich.

Seth atmete auf.

“So ist es brav”, sagte Hannah freundlich. “Du bleibst schön dort.”

Beau wedelte mit dem Schwanz, ließ den Fremden aber nicht aus den Augen.

“Schönes Tier”, bemerkte Seth, der ebenfalls misstrauisch zu ihm hinüberschaute, und fragte sich, was für eine ...

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