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Süße Verführung an der Côte d’Azur

Christina Hollis

Süße Verführung an der Côte d’Azur

1. KAPITEL

Jetzt tauchte hinter der Landzunge von St. Valere die „Arkadia“ auf. Michelle erkannte das Schiff bereits an seinem Bug. Wie schön es war! Und wie elegant es das blaue Wasser des Mittelmeers durchpflügte.

In Michelles Bewunderung für die Jacht ihres Arbeitgebers mischte sich an diesem Vormittag Besorgnis. Vielleicht ging ihre Zeit als Haushälterin in der Villa „Jolie Fleur“ früher als gedacht zu Ende. Das wäre mehr als schade gewesen, denn Michelle empfand diesen Job als Glücksfall, schon allein deshalb, weil sie ihn nicht als wirkliche Arbeit ansah. Deshalb blickte sie der Ankunft des Besuchers mit unguten Gefühlen entgegen.

Ganz unerwartet hatte die Hausverwalterin sie gestern angerufen, um ihn anzukündigen. Die Frau, die sie nur über das Telefon kannte, hatte genervt geklungen. Einer der wichtigsten Gäste ihres Chefs fühle sich an Bord der „Arkadia“ nicht wohl. Michelle hatte sofort an Seekrankheit gedacht.

Doch wie sie gleich darauf erfahren hatte, ging es dem reichen Kunsthändler Alessandro Castiglione körperlich gut. Er konnte sich lediglich nicht mit dem Leben auf See arrangieren. Da er aber unbedingt ausspannen wollte, hatte ihr Arbeitgeber ihm für ein paar Wochen „Jolie Fleur“ als Feriendomizil angeboten.

Was das bedeutete, bedurfte keiner weiteren Erläuterung. Michelle kannte diese arbeitssüchtigen Männer, die mit ihrer Ungeduld die Angestellten verrückt machten. Dass die Hausverwalterin über das fantastische Aussehen des Millionärs ins Schwärmen geraten war, konnte sie kein bisschen trösten. Denn das war gewiss nicht der Grund seines Erfolgs. Er musste noch ganz andere, weniger angenehme Eigenschaften besitzen.

Michelle hatte in der Londoner Innenstadt Büros geputzt und dabei Einblick in die brutale Seite des Geschäftslebens gewonnen. Deshalb wunderte sie sich nicht über das, was sie noch von der Hausverwalterin über Castiglione wusste. Er hatte nach der Übernahme des Familienunternehmens nahezu alle Angestellten gefeuert: seine Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen.

Was war das für ein Mensch, der seine Verwandten hinauswarf? Nicht einmal ihre Mutter hatte so etwas fertiggebracht. Es war die Hölle gewesen, für sie zu arbeiten. Als Spicer und Co. hatten sie schnelle und diskrete Reinigung angeboten, was hieß, dass Mrs Spicer den Boss gespielt und ihrer Tochter die Dreckarbeit überlassen hatte. Das war nun endlich vorbei. Inzwischen arbeitete sie auf eigene Rechnung.

Michelle lachte bitter auf. Was für ein Regiment dieser Castiglione auch immer führte, schlimmer als das ihrer Mutter konnte es nicht sein. Für ernsthafte Besorgnis gab es also keinen Grund.

Zumal auf „Jolie Fleur“ alles perfekt vorbereitet war. Die Nachricht von Castigliones Ankunft hatte sie weder in Verlegenheit gebracht noch ihr viel zusätzliche Mühe bereitet, denn sie sorgte ohnehin ständig dafür, dass es auf dem Anwesen auch für anspruchsvolle Gäste nichts zu beanstanden gab. Der Vorrat an Grundnahrungsmitteln war aufgefüllt, auch der an Getränken. Weshalb also diese Nervosität? Der Mann konnte ihr doch gar nichts anhaben. Demnächst ging ihre Zeit hier ohnehin zu Ende. Außerdem wusste sie, dass sie gute Arbeit leistete. Wenn sie sich von ihm fernhielte, würde es ihm nicht gelingen, sie herumzuscheuchen.

Und wenn doch, wollte sie sich von ihm nicht vertreiben lassen. Immerhin hatte ihr bisheriges Leben sie gelehrt, anderen die Stirn zu bieten. Einschüchtern ließ sie sich nicht. Und seit sie es geschafft hatte, England den Rücken zu kehren, war sie geradezu neugierig darauf, was noch in ihr steckte.

Nun hob der Hubschrauber vom Deck der Jacht ab. Michelle schützte mit der Hand ihre Augen gegen die Sonne und verfolgte seinen Aufstieg in den strahlend blauen Himmel. Als er immer näher kam, verließ sie ihren Beobachtungsposten, lief zur Villa und warf einen letzten kritischen Blick durch die blinkenden Scheiben. Innen sah alles picobello aus, sauber und aufgeräumt. Das Zimmermädchen, ihre einzige Hilfe im Haus, war rechtzeitig fertig geworden und bereits gegangen.

Auch ihre frisch gewaschene und gebügelte Dienstkleidung saß perfekt. Es gab wirklich keinen Grund, sich vor der Begrüßung des Gastes zu fürchten. Sie würde ihn anlächeln, ihm die Hand reichen, ihn willkommen heißen und bitten, sie anzurufen, wenn er einen Wunsch hatte. Danach wollte sie sich zurückziehen.

Das war das Schönste an ihrem Job: Er gab ihr die Gelegenheit, viel Zeit allein zu verbringen. Fremde Menschen machten sie immer ein bisschen schüchtern. Und Männer, von denen es hieß, dass sie ihre Begleiterinnen und ihre Autos so oft wechselten wie andere die Wäsche, waren ihr geradezu unheimlich.

Vor Aufregung bekam sie feuchte Handflächen. Michelle wischte sie an ihrer sommerlichen Dienstkleidung ab, auch wenn sich das nicht für die Wirtschafterin eines feinen französischen Anwesens gehörte. Hoffentlich verbrachte dieser Castiglione die meiste Zeit in der Stadt, kam erst spätnachts zurück, äußerte keine Sonderwünsche und störte ihre Kreise nicht.

Rasch schob sie von außen eine sich blähende Gardine zur Seite. Sie hatte, statt die Klimaanlage anzuschalten, vorhin Fenster und Türen aufgerissen, damit der Durchzug die Räume kühlte und den Duft der Blumen hineinließ. Auch hier draußen im Garten wehte eine angenehme Brise und kühlte ihre Wangen, als sie sich dem Platz näherte, wo der Hubschrauber landen sollte. Der Krach wurde lästig, die Druckwellen spürte sie körperlich. Deshalb zog sie sich wieder zurück und suchte Schutz in der offenen Haustür.

Statt endlich aufzusetzen, verharrte der Helikopter jedoch über dem Boden. Das war ungewöhnlich. Gaston, der Pilot, hatte es normalerweise eilig, die Gäste abzusetzen und zur Jacht zurückzufliegen. Deshalb nahm er in Kauf, dass die Blumenrabatten nach seinem Abflug so verwüstet aussahen wie nach einem Luftangriff. Der Gärtner war deshalb nicht gerade gut auf ihn zu sprechen. Flog diesmal etwa ein anderer Pilot?

Nein, es war der waghalsige Gaston, den sie am Steuer wiedererkannte, als der Hubschrauber unerwartet einen Bogen flog und das Haus umkreiste, um einen neuen Landeversuch zu unternehmen. Sein wutverzerrtes Gesicht verriet, dass er sich den Anweisungen eines Besserwissers fügen musste.

Endlich setzte der Helikopter haargenau in der Mitte des dafür vorgesehenen Rasenstücks auf, ohne auch nur einer Blume die Blüte zu knicken. Der Lärm war jetzt ohrenbetäubend, der von den Rotorblättern erzeugte Wind zerzauste Michelle die Haare, obwohl sie ein ganzes Stück entfernt stand. Als sie versuchte, ihre Frisur wieder einigermaßen zu ordnen, geschah das Unglück. Die Rotoren standen still. Der plötzliche Ausfall des Druckes verursachte von See her eine Bö, erfasste die Haustür und schlug sie krachend zu. Michelle machte vor Schreck einen Satz nach vorn und – kam nicht vom Fleck. Sie wurde festgehalten. Ein Stück Stoff ihres Kleides war zwischen Tür und Türrahmen geraten.

Sie versuchte, sich loszureißen. Vergeblich. Das Schloss war zugeschnappt. Da konnte sie ziehen, so viel sie wollte, sie saß in der Klemme.

Verzweifelt stemmte sie sich gegen das Türblatt. Das half natürlich nicht. War sie denn heute vom Pech verfolgt?

Den ganzen Morgen schon hatte sie diese Unruhe verspürt. Nun begann ihr Herz, wie wild zu rasen. Was sollte sie bloß tun? Dem Mann, der jetzt aus dem Hubschrauber stieg, zuwinken? Ihn um Hilfe bitten? Schließlich war er ein Gast, ein anspruchsvoller zumal und offenbar ein Mensch, der anderen keine Lässigkeiten durchgehen ließ, wie sie an der für Gaston so untypischen Präzisionslandung gesehen hatte. Missgeschicke anderer ärgerten ihn gewiss. Und sie konfrontierte ihn gleich zu Beginn seines Aufenthalts damit.

Immer hektischer versuchte sie, den Stoff herauszuziehen, ging in die Knie und versuchte dann, sich auf die Zehenspitzen zu stellen. Doch er löste sich auch auf diese Weise nicht. Nur mit roher Gewalt hätte sie sich vielleicht befreien können, um dann halb nackt dazustehen. Das war keine Lösung. Also ergab sie sich in ihr Schicksal und harrte dessen, was da käme.

Mit dem Rücken zu ihr wartete Alessandro Castiglione auf dem sonnenverbrannten Rasenplatz auf sein Gepäck. Michelle wurde immer elender zumute. Ihre erniedrigende Situation schien kein Ende nehmen zu wollen, und ihr fiel nichts ein, was sie als Erklärung hätte vorbringen können. Jetzt drehte der Mann sich um. Unter den Arm einen Laptop geklemmt und mit der Aktentasche in der Hand, kam er geradewegs aufs Haus zu. Um den Rest seines Gepäcks sollten sich offenbar andere kümmern.

Schon allein durch die Breite seiner Schultern, seine hochgewachsene schlanke Gestalt und seinen energischen Gang wirkte Castiglione längst nicht so alt, wie Michelle ihn sich vorgestellt hatte. Dass der von den Medien gefeierte erfolgreiche Geschäftsmann noch recht jung war, machte ihre Lage noch peinlicher. In Gedanken versunken, nahm er den verschlungenen Weg zum Haus, ohne den duftenden Kräutern, die ihn säumten, auch nur einen Blick zu schenken. Michelle konnte nie achtlos an ihnen vorbeigehen, ohne stehen zu bleiben, ihre Nase hineinzustecken und die Bienen zu beobachten.

Je näher er kam, desto deutlicher wurde, dass Castiglione zu allem Übel tatsächlich auch noch gut aussah. Er hatte schwarzes lockiges Haar, dichte Brauen und dunkle, wahrscheinlich braune Augen. Michelle hätte sich am liebsten in Luft aufgelöst. Stattdessen begann sie wieder, an ihrem eingeklemmten Kleid zu zerren.

Vor Anstrengung und Angst brach sie in Schweiß aus. Wie ein Schmetterling, der nicht aufhörte, gegen die geschlossene Fensterscheibe zu flattern, kam sie sich vor.

Inzwischen dämmerte ihr, warum Castiglione sich auf der Jacht von Mr Bartlett nicht wohlgefühlt hatte. Das Schiff war zur Erholung da. Der Kunsthändler sah aber so aus, als ob ihm sogar das Wort unbekannt wäre. Trotz der Hitze trug er einen hocheleganten hellen Anzug. Allerdings hatte er den obersten Knopf des Hemdes geöffnet und die maulbeerfarbene Krawatte in die Jacketttasche gesteckt. Denn dort schaute sie heraus.

Michelle holte tief Luft. Es wurde höchste Zeit, den Gast zu begrüßen.

Buongiorno, Signor Castiglione. Ich heiße Michelle Spicer und werde dafür sorgen, dass Ihnen der Aufenthalt auf ‚Jolie Fleur‘ gefällt.“

Seine Miene verfinsterte sich. „Aber ich möchte nicht umsorgt werden. Deshalb bin ich hier. Auf der Jacht gab es zu viele dienstbare Geister, die ständig um mich herumschwirrten. So etwas stört mich.“

Der dunkle weiche Klang seiner Stimme – er sprach fehlerfreies Englisch mit italienischem Akzent – fegte jeden Gedanken aus ihrem Kopf. Wie sollte sie ihm ihre Lage erklären?

Ein paar Meter vor ihr entfernt blieb er stehen. Michelle versuchte zurückzuweichen und stieß mit den Absätzen gegen die geschlossene Tür. Es gab kein Entweichen. Verzagt schaute sie ihn an.

Er presste die Lippen aufeinander, zwischen seinen Brauen bildete sich eine Unmutsfalte, und er durchbohrte sie förmlich mit seinem Blick. Am liebsten wäre sie im Erdboden versunken. Die peinliche Situation hatte ihr die Sprache verschlagen.

Sie versuchte, sich einzureden, dass es ihr völlig gleichgültig sein konnte, was er von ihr dachte. Er hielt sich hier schließlich nur vorübergehend als Gast auf. Doch es war ihr nicht gleichgültig.

Warum sah der Mann auch so gut aus? Wenn er wenigstens alt, hässlich oder gemein gewesen wäre! Dann hätte sie dieses Schweigen und seinen fragenden Blick vielleicht besser ertragen.

„Nun denn. Mal sehen, wie wir Sie befreien können“, sagte er leichthin, und in seinen Augen blitzte es auf.

Michelle versuchte zu lächeln.

„Ich bin die Haushälterin und werde alles tun, um Ihnen den Urlaub auf ‚Jolie Fleur‘ so angenehm wie möglich …“ Sie brach ab. Was für ein albernes Versprechen angesichts ihrer Zwangslage!

„Alles? Sie würden mir wirklich alle Wünsche erfüllen?“ Er zwinkerte ihr zu. „Das Angebot könnte gefährlich für Sie werden, Signorina. Schließlich sitzen Sie fest.“

Michelle wurde über und über rot und murmelte verlegen irgendetwas vor sich hin.

„Wahrscheinlich fühlen Sie sich, wie ich mich auf diesem verdammten Schiff gefühlt habe. Gefangen. An die Leine gelegt.“ Das klang fast mitfühlend.

„Bei der Landung des Hubschraubers ist die Haustür zugeschlagen. Der Schlüssel ist in meiner Tasche, aber ich komme nicht an ihn heran.“ Ihre Stimme klang so leise, dass sie sich selbst kaum verstand.

„Sie sollten vorsichtiger sein“, sagte er. „Die Tür scheint recht schwer zu sein. Seien Sie froh, dass nur Stoff eingeklemmt wurde und nicht ihre Finger.“

Ihr Herzschlag setzte kurz aus, während sie in seine schwarzbraunen Augen schaute. Und mit einem Mal spielte das Schlechte, das sie über ihn gehört hatte, keine Rolle mehr. Dieser Mann hatte viel durchgemacht. Das sah sie ihm an. Er war vielleicht Mitte dreißig, und schon hatten sich Falten zwischen seine Brauen gegraben, die sich nur glätteten, wenn er lächelte.

„Meine Schlüssel …“ Sie räusperte sich. „Vielleicht könnten Sie mir meine Schlüssel …“

„Nichts leichter als das“, sagte er und stellte sein Gepäck ab.

Obwohl sie im Schatten des überstehenden Daches stand, schien die Temperatur mit jedem Schritt, den er näher kam, unerträglich anzusteigen, und gleichzeitig wurde er auch immer attraktiver. Seine Augen hielten ihren Blick gefangen. Sein Gesicht drückte Konzentration und Entschlossenheit aus.

„Wenn Sie sich bitte umdrehen würden …“

„Wie denn? Ich kann mich nicht bewegen.“

„Ich zeige Ihnen, wie es geht.“

Er kam ihr so nahe, dass sie sich fast berührten. Ängstlich sah sie ihn an. Als er ihr die Hände auf die Schultern legte, schrak sie zusammen.

„Michelle, ich bin doch kein Monster.“

„Entschuldigung“, murmelte sie.

„Keine Sorge, mein Bedarf an Jungfrauen ist für den heutigen Tag gedeckt.“ Und schon drehte er sie, anders als sie es versucht hatte, nicht nach links, sondern nach rechts. Nun stand sie mit dem Gesicht zur Tür, konnte ihn nicht mehr sehen, aber umso intensiver mit jeder Faser ihres Körpers spüren.

„Jetzt haben Sie mehr Bewegungsfreiheit, nicht wahr? Geht es so?“

Michelle versuchte, an ihre Schlüssel zu gelangen, doch sie schaffte es nicht.

Er zog sich ein Stück zurück. „Darf ich Ihnen helfen?“

Michelle nickte.

Er berührte sie. Das ließ sich natürlich nicht vermeiden. Doch obwohl er es mit der gebotenen Zurückhaltung und Neutralität tat, fühlte Michelle sich gestreichelt. Ihre Lungen füllten sich mit seinem Duft. Das Ausatmen gelang ihr kaum noch.

„Nein, bitte … Tun Sie das nicht“, sagte sie mit dünner Stimme.

Alessandro Castiglione hielt sofort inne, nahm seine Hand jedoch nicht fort. Durch den Stoff ihres Kleids hindurch brannte sie wie Feuer auf ihrer Haut.

„Was denn?“, fragte er.

Auch der warme Klang seiner tiefen Stimme kam ihr wie eine Liebkosung vor. Sie presste die Wange gegen die Tür und bemühte sich um Gelassenheit. „Ach, nichts.“

Wieder tasteten sich seine Finger vor. Als er fand, wonach er gesucht hatte, wurden ihr die Beine schwach. Seine Hand schlüpfte in ihre Rocktasche und schloss sich um den Schlüssel.

„Tut mir leid, ich fürchte, ich muss noch näher kommen, damit ich das Schlüsselloch erreiche.“

Michelle war nicht mehr in der Lage zu antworten.

Er lehnte sich an sie, sein Atem kitzelte ihren Nacken. Als seine rechte Hand um ihre Taille glitt, schloss sie die Augen, bis es endlich klick machte und Alessandro sie losließ. Dann stieß er die Tür auf und trat zurück.

„Sie sind frei“, sagte er und deutete auf die Eingangshalle.

Wieder staunte Michelle darüber, wie sehr sich sein Gesicht veränderte, wenn er lächelte. Erst als der Wind wieder auffrischte, kam sie zur Besinnung, streckte die Hand aus, um zu verhindern, dass die Tür ein zweites Mal zuschlug. Doch Alessandro hatte noch schneller reagiert als sie. Bei der Berührung ihrer Hände durchzuckte es sie wie ein elektrischer Schlag. Hastig zog sie sich zurück.

„Danke, Signor Castiglione. Nun zeige ich Ihnen als Erstes Ihre Zimmer. Danach führe ich Sie über das Anwesen, damit …“

„Nein, danke.“

Sie fühlte sich wie ein dummes Plappermaul.

„Bitte machen Sie sich um mich keine Sorgen. Ich komme allein sehr gut zurecht. Genießen Sie lieber den schönen Tag.“

„Wie Sie meinen, Signor Castiglione.“ Sie nickte ihm höflich zu und wandte sich zum Gehen.

„Was haben Sie vor?“, wollte er wissen.

„Mich umziehen. Ich wohne im Atelier, es liegt dort drüben.“

„Ach, Sie wohnen gar nicht im Haupthaus?“

„Nein, da wäre ich fehl am Platz. Meine Arbeit hier ist befristet.“

„Ich bin davon ausgegangen, dass ‚Jolie Fleur‘ zurzeit völlig unbewohnt ist. Terence Bartlett und seine Leute befinden sich schließlich auf der Jacht. Nur aus dem Grund habe ich mich überreden lassen herzukommen. Bei mir zu Hause gibt es nämlich noch mehr Angestellte als auf dem Schiff.“

Michelle lief ein Schauer den Rücken hinunter. Hoffentlich ließ er sie in Ruhe ihre Aufgaben erledigen.

„Um ehrlich zu sein, Signore, ich bin gerne für mich allein. Auch deshalb lebe ich lieber im Atelier als im Haupthaus.“

„Ist es wirklich ein richtiges Atelier?“, fragte er neugierig.

Sie nickte. „Ein sehr gut ausgestattetes überdies. Doch es wird wohl nicht benutzt. Jedenfalls sind Farben und Pinsel unberührt.“

„Vielleicht fehlt Terence die Zeit für ein Hobby. Oder das Talent. Ist der Raum schön?“

Michelle lächelte. „Wunderschön.“

Vor allem wegen des Ateliers fühlte sie sich auf „Jolie Fleur“ so wohl. Wie glücklich wäre sie gewesen, wenn ihr nur ein Bruchteil der Ausstattung und des Platzes zu Hause zur Verfügung gestanden hätte. Nun war es zu spät. Inzwischen fehlten ihr Mut und Nerven zum Zeichnen und Malen.

„Darf ich mir das Atelier einmal ansehen?“

Sie nickte. Wie hätte sie auch ablehnen können? Alessandro war Gast ihres Bosses. Nur seine Wünsche zählten. Doch sie verspürte trotzdem keinen inneren Widerstand, ihm Einblick in ihren persönlichen Bereich zu gewähren. Bei jedem anderen Mann hätte sie die Bitte als Zumutung und Zudringlichkeit empfunden.

So kurz sie ihn auch kannte, so hatte sie doch Eigenarten an ihm entdeckt, die ihr sympathisch waren. Obwohl er sich in den Kreisen der Schönen, Reichen und Berühmten bewegte, machte Alessandro Castiglione einen bemerkenswert natürlichen Eindruck auf sie. Vielleicht war er überhaupt der ungekünstelteste Mensch, den sie je getroffen hatte. Außerdem verlor er keine überflüssigen Worte. Auch das nahm sie für ihn ein. Sie arbeitete lieber für Leute, die sich nicht aufspielten und ihr nicht in die Arbeit reinredeten. Über alles andere, was ihn sonst noch anziehend machte, wollte sie lieber nicht nachdenken. Sie hatte die Gegebenheiten zu akzeptieren. Er war hier auf Urlaub, und ihre Aufgabe war es, ihm den Aufenthalt angenehm zu gestalten. Dazu gehörte es, weitestgehend unsichtbar zu bleiben.

Trotzdem fragte sie sich, ob er viel Zeit auf dem Anwesen verbringen oder Ausflüge in die Umgebung machen wollte. Und vor allem, ob er allein bleiben oder sich Gesellschaft suchen würde. Irgendwie bereitete ihr der Gedanke, diesen interessanten und gut aussehenden Mann unauffällig zu beobachten, mehr Freude als der ursprüngliche Vorsatz, sich ganz zurückzuziehen.

2. KAPITEL

Jedes Mal, wenn Michelle ihr eigenes Reich auf „Jolie Fleur“ betrat, schlug ihr Herz höher. Es lag in einem abgelegenen Teil des Gartens inmitten eines Meeres von Blumen. Da die Fronten des Ateliers überwiegend aus Glas bestanden, konnte man bei jedem Wetter die Aussicht genießen oder draußen unter dem überstehenden Dach, das vor Sonne und Regen schützte, in einem der Schaukelstühle sitzen. Michelle schloss die Flügeltür auf und ließ Alessandro den Vortritt.

„Beeindruckend“, sagte er, während er sich in dem Raum umsah. Darin standen Regale mit Kästen, in denen Malutensilien untergebracht waren, und Papierschränke. Auch die Staffeleien und mit Leinwand bespannten Keilrahmen sah er sich an. In der Küche bewunderte er vor allem das geräumige metallene Spülbecken mit der übergroßen Abtropffläche, in dem sich bequem Farbtöpfe und Pinsel auswaschen ließen. „Ohne die Zwischenwand könnte man den Raum noch besser nutzen“, murmelte er.

Michelle hielt sich abseits, während er umherwanderte, hin und wieder einen der Kästen öffnete und den Inhalt begutachtete. Er zog Schubladen eines Papierschrankes heraus und prüfte mit den Fingern die Beschaffenheit der Blätter. Er betrachtete Pinsel und Farbtuben, griff nach einer der Staffeleien und stellte danach alles ordentlich an seinen Platz zurück. Wie er mit den Dingen umging, faszinierte Michelle. Die meisten Menschen seiner Schicht ließen alles stehen und liegen. „Sie bezahlen uns dafür, dass wir hinter ihnen herräumen“, war der Standardspruch ihrer Mutter gewesen.

Jedes Mal, wenn er merkte, dass sie ihn beobachtete, lächelte er. Dann wurde sie glühend rot und schaute zur Seite. Wahrscheinlich wusste er um seine Wirkung auf Frauen.

„So viele Kunstbücher habe ich bei Terence wirklich nicht vermutet“, sagte er und strich mit dem Zeigefinger an den Bücherregalen entlang. Dann erregte ein Wälzer, der aufgeschlagen auf dem Esstisch lag, seine Aufmerksamkeit.

„Hm, über Raffael. Der gehört zu meinen Lieblingen. Das Buch kenne ich noch nicht. Darf ich es mir ein paar Tage ausleihen?“ Er nahm es zur Hand und blätterte darin.

Dass seine Wahl ausgerechnet auf dieses Buch gefallen war! Michelle kam es vor, als hätte er nach ihrem Herzen gegriffen. Sie wusste genau, was nun in ihm vorging, denn sie kannte alle Abbildungen sehr gut und hatte sich an der Schönheit der Bilder, an ihren glühenden Farben berauscht. Doch als er das Deckblatt aufschlug, brach sein versunkenes Lächeln jäh ab.

„Für Michelle Spicer, Trägerin des Lawrence-Preises für die beste Kunstmappe des Jahres“, las er laut. Dann sah er sie staunend an und lächelte wieder. „Es gehört also Ihnen?“

Sie nickte und brachte kein Wort heraus, weil seine Augen so funkelten.

„Nutzen Sie es als leichte Bettlektüre?“, fragte er spöttisch.

„Dafür ist es eigentlich zu schwer.“

„Für eine Person, vielleicht … Zu zweit ginge es besser. Der eine könnte vorlesen, der andere die Bilder anschauen.“

Seine Worte entzündeten ihre Fantasie. Es war weniger die Erwähnung einer gemeinsamen Lektüre als vielmehr die eines geteilten Bettes, die eine Kette unerlaubter Vorstellungen anregte. Michelle schnappte nach Luft und wich ...

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