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Süße Umarmung in Nizza

Claire Baxter

Süße Umarmung in Nizza

1. KAPITEL

Leonie presste das Handy fester ans Ohr. Es tat so gut, die Stimme ihrer Tochter wieder zu hören!

Wie konnte ich nur einen Sprachkurs am anderen Ende der Welt belegen? fragte sie sich zum wiederholten Mal. Zwar waren ihre Kinder gerade volljährig geworden, dennoch brauchten sie die Mutter noch – und umgekehrt brauchte Leonie sie. Nie zuvor war sie länger als ein paar Tage von ihnen getrennt gewesen.

„Statt mich schon wieder anzurufen, hättest du einfach eine SMS schreiben können, Mum.“

„Ich wollte wissen, ob du mit der Waschmaschine zurechtkommst. Sie ist kompliziert zu bedienen.“

„Du hast mir alles klar und deutlich aufgeschrieben.“ Samantha zögerte einen Moment, dann fragte sie. „Rufst du wirklich nur deswegen an?“

„Natürlich!“ Leonie ahnte allerdings, dass sie mit dieser Lüge nicht durchkommen würde, dazu kannte ihre Tochter sie viel zu gut. Daher gestand sie: „Um ehrlich zu sein, ich wollte mich vergewissern, dass es dir gut geht.“

„Das tut es. Mach dir bloß keine Sorgen!“

„Und Kyle?“

„Ihm auch. Er benimmt sich so unmöglich wie immer, aber wir kommen schon zurecht. Schließlich wirst du ja bereits in wenigen Wochen wieder zu Hause sein. Genieße deine Zeit in Nizza, du hast sie dir verdient!“

Das war leichter gesagt als getan!

„Ich bleibe nicht nur einige Wochen fort, sondern gleich ganze drei Monate!“

„Das sind doch nur drei mal vier Wochen“, widersprach Samantha lachend. „Die Zeit wird wie im Flug vergehen. Das hast du jedenfalls immer zu mir gesagt, wenn ich nach den Ferien nicht in die Schule zurückkehren wollte, weißt du noch?“

Natürlich erinnerte Leonie sich nur zu gut daran, und sie wünschte, sie könnte die Zeit zurückdrehen.

Eine Weile plauderte sie noch mit ihrer Tochter, dann verabschiedete sie sich von ihr und legte auf.

Durch die weit geöffnete Fenstertür trat Leonie auf den winzigen Balkon, der zu ihrem Einzimmerapartment gehörte. Leider konnte sie von hier aus nicht, wie erhofft, ganz Nizza sehen, sondern hatte lediglich die gegenüberliegende Häuserzeile vor Augen. Vermutlich wäre es praktischer gewesen, eine moderne Wohnung in der City oder eines der Zimmer an der Sprachenschule vor den Toren Nizzas zu mieten, an der sie sich als Studentin eingeschrieben hatte. Doch sie hatte eine möblierte Unterkunft in der Altstadt vorgezogen, um von dort aus das interessante Stadtviertel zu erkunden. Inzwischen war sie jedoch nicht mehr davon überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

Auf den Fotos im Internet hatte das Apartment zwar offensichtlich altmodisch eingerichtet, doch geräumig ausgesehen. Leonie, die bisher in einem großzügigen, hellen Haus im weitläufigen Vorort einer australischen Großstadt gelebt hatte, empfand es jedoch als bedrückend eng. Neben einem kleinen kombinierten Wohnschlafraum mit Kochzeile in einer Ecke gab es ein winziges Badezimmer. Das war alles. Und auch mit der hier üblichen Art, Wäsche zu trocknen – die Franzosen hängten sie an zu diesem Zweck neben den Fenstern ins Mauerwerk eingelassene Stäbe –, konnte sie sich nicht anfreunden. Es widerstrebte ihr, jedem zufälligen Passanten ihre Unterwäsche zu präsentieren.

Manchmal schien ihre Wohnung sie förmlich zu erdrücken. Zum Glück konnte sie sich in solchen Momenten auf ihren Balkon flüchten.

Auf dem Balkon auf der anderen Straßenseite, ihrem direkt gegenüber, saß, wie jeden Tag, eine ältere Dame, die immer makellos gekleidet war. Zwar schien sie nie auszugehen, erweckte jedoch stets den Eindruck, als erwartete sie jemanden.

Meist lächelte Leonie ihr zu, wenn sie sie sah, erhielt jedoch nie eine Antwort. Heute grüßte sie freundlich: „Bonjour, Madame.“ Zu ihrer großen Überraschung reagierte die Frau diesmal mit einem leichten Kopfnicken. Das war immerhin besser als nichts!

Leonie ließ den Blick über die Straße schweifen und überlegte, was sie mit dem Rest des Tages anfangen sollte. Auf eine Besichtigungstour hatte sie keine Lust. Natürlich wollte sie die Stadt kennenlernen, doch allein machte das keinen Spaß. Erschwerend kam hinzu, dass ihr Orientierungssinn bestenfalls mangelhaft ausgeprägt war. Trotz ihres ausgezeichneten Stadtführers hatte sie sich bereits einige Male verlaufen. Und falls sie ihr Ziel zufällig doch einmal erreichte, war niemanden da, mit dem sie ihre neuen Eindrücke teilen konnte. Kein Ehemann, keine Kinder. Jahrelang hatte sich ihr Leben ausschließlich um ihre Familie gedreht. Allein zu sein war verwirrend und beängstigend.

Mittlerweile fragte sich Leonie immer öfter, ob ihr Entschluss, eine Sprachenschule in Frankreich zu besuchen, richtig gewesen war. Natürlich hatte sie gewusst, dass sie ihre Kinder wahnsinnig vermissen würde. Davon abgesehen hatte sie jedoch keine Probleme erwartet.

Schon immer hatte sie sich gewünscht, ihre bescheidenen Französischkenntnisse zu vertiefen und zu reisen. Dazu war es nie gekommen, da sie direkt nach dem Schulabschluss geheiratet und gemeinsam mit ihrem Mann ein Geschäft aufgebaut hatte. Bald waren Kinder gekommen, später hatte sie den kranken Ehemann gepflegt.

Jetzt, drei Jahre nach seinem Tod, bot sich ihr endlich die Gelegenheit, ihre Träume zu verwirklichen. Dank einer hohen Lebensversicherung und dem Verkauf der Firma war sie finanziell gut versorgt, und ihre Kinder Samantha und Kyle hatten ihr Studium begonnen.

Französisch vor Ort in Frankreich zu lernen war ihr als die ideale Kombination ihrer beiden Herzenswünsche erschienen. Doch die Realität wich leider sehr von ihren Erwartungen ab. Zum einen fiel es ihr enorm schwer, die Sprache zu verstehen und zu sprechen, und sie fragte sich, woran das lag. Die anderen Schüler jedenfalls schienen keine vergleichbaren Schwierigkeiten zu haben.

Außerdem hatte sie gehofft, in dem Kurs Gleichgesinnte kennenzulernen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass die anderen Schüler durchweg das Alter ihrer Kinder hatten. Zwar waren sie sehr nett und luden sie ein, mit ihnen auszugehen, doch dazu ließ sie sich nie überreden. Schließlich ging sie auch nicht mit den Freunden ihrer Kinder aus.

Ihr Kontakt mit den Einheimischen beschränkte sich bislang auf das Personal der Geschäfte, in denen sie einkaufte. Die Verkäufer waren stets ausgesucht höflich, doch zu einem wirklichen Gespräch mit ihnen kam es nie.

Die einzige Ausnahme bildete der Besitzer des kleinen Cafés, das sie letzte Woche durch Zufall entdeckt hatte. Sie war durch die engen Gassen der Altstadt geschlendert, als eine unaufällige Tür im Haus vor ihr geöffnet wurde. Sofort war ihr der verlockende Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee in die Nase gestiegen, und sie hatte den Klang vieler fröhlicher Stimmen vernommen.

Neugierig geworden, hatte sie nach einem Hinweis gesucht, dass sich hier ein öffentliches Café befand, jedoch nichts entdeckt. Der appetitanregende Geruch und der Anblick der gut besetzten Tische, die sie durch die geöffnete Tür hatte sehen können, waren allerdings zu verlockend gewesen. Sie hatte sich ein Herz gefasst und war eingetreten, was sie im Nachhinein nicht bereute, denn umgehend war ihr neben einem vorzüglichen Espresso auch ein herzlicher Empfang bereitet worden.

Jean-Claude, der Besitzer des Cafés, ein netter älterer Herr, hatte sie zuvorkommend bedient und sich ausführlich mit ihr unterhalten. Allein sein aufrichtiges Interesse an ihrer Person hätte genügt, sie zum erneuten Besuch seines Cafés zu ermuntern.

Gleichzeitig hatte ihr auch das Ambiente sehr gut gefallen. Jazzmusik aus antiquierten Lautsprechern, altmodische Drucke an den weiß verputzten Wänden und eine große Auswahl an französischen Zeitungen, die interessierten Gästen zur Verfügung standen, hatten zu einer behaglichen Atmosphäre beigetragen. Leonie hatte gemütlich in einem der Magazine geblättert und ein paar Artikel gelesen, die sie größtenteils sogar verstehen konnte. Ja, das Café hatte es ihr wirklich angetan.

Wenn ich regelmäßig die hiesigen Zeitungen lese, hilft mir das sicher, meine Französischkenntnisse zu verbessern, dachte Leonie und trat gleich darauf in Aktion. Innerhalb weniger Minuten hatte sie ihre Handtasche ergriffen, das Apartment verlassen und sich auf den Weg zu dem kleinen Café gemacht. Natürlich hätte sie sich auch eine Illustrierte oder die Tageszeitung kaufen und zu Hause lesen können. Doch im Café, umgeben von anderen Menschen, würde sie nicht länger allein sein.

Außerdem wäre sie auf diese Weise beschäftigt. Jahrelang hatte sie sich um andere gekümmert und nie Zeit für sich selbst erübrigen können. Von Müßiggang oder gar einem Urlaub allein hatte sie nur träumen können. Inzwischen hatte sie beides, war jedoch nicht glücklich. Vermutlich war sie einfach zu sehr daran gewöhnt, ständig gebraucht zu werden.

Im Café erwartete sie eine kleine Enttäuschung. Es war so gut besucht, dass Jean-Claude keine Zeit für eine Unterhaltung erübrigen konnte. Also wählte Leonie aus dem Zeitungsständer, in dem sich nur noch wenige, sehr anspruchsvolle Zeitschriften befanden, ein Magazin aus, holte sich an der Theke einen Kaffee und suchte sich einen Tisch im hinteren Teil des Gastraums.

Dort nahm sie Platz, schlug die Zeitung auf und sah sich um. Bei ihrem letzten Besuch war das Café bei Weitem nicht so voll gewesen, und sie fragte sich, ob jener Tag eine Ausnahme gewesen war. Sie ließ den Blick von Tisch zu Tisch wandern, dann stutzte sie. Ein sehr gut aussehender Mann lächelte ihr zu. Rasch wandte sie sich um, doch hinter ihr stand niemand. Er schien tatsächlich ihr zuzulächeln!

Zaghaft erwiderte sie den wortlosen Gruß. Der Fremde war ihr schon bei ihrem ersten Besuch hier aufgefallen. Damals hatte er auf einem der Barhocker am Tresen gesessen. Ihn zu übersehen war unmöglich gewesen, denn in einem makellos weißen Hemd und dunkler Anzughose war er viel besser gekleidet als die übrigen Gäste. Daher hatte Leonie vermutet, dass er in der näheren Umgebung arbeitete.

Und noch aus einem weiteren Grund hatte er ihre Aufmerksamkeit erregt: Er besaß ein gewisses Charisma.

Leonie fiel auf, dass der Mann sie immer noch ansah. Überlegt er, ob wir uns von irgendwoher kennen?, fragte sie sich. Da dem nicht so war, zuckte sie lediglich die Schultern, trank einen Schluck Kaffee und begann, sich mit dem ersten Zeitungsartikel zu befassen.

Obwohl sie alle paar Sekunden innehielt, um verstohlen zu dem Unbekannten hinzublicken, kam sie mit dem Beitrag erstaunlich gut zurecht. Dennoch nahm sie sich vor, den Fremden erst wieder anzusehen, wenn sie den nächsten Artikel, den kürzesten von allen, zu Ende gelesen hatte.

Doch mitten im Text wurde sie von der Stimme eines Mannes unterbrochen, der sie auf Französisch ansprach. Leonie hob den Kopf und sah auf. Vor ihr stand der attraktive Herr, der sie soeben angelächelt und zu dem sie immer wieder neugierig hingeschaut hatte.

Von Nahem sah er sogar noch besser aus! Er war vermutlich etwa in ihrem Alter, und an seinen Schläfen zeigten sich erste graue Strähnen. Doch das verlieh ihm, zusammen mit den Lachfältchen um die braunen Augen, einen vertrauenerweckenden Anschein.

Um Worte verlegen, lächelte Leonie ihm zu. Dann bat sie ihn zu wiederholen, was er eben gesagt hatte. Während er sprach, blickte sie konzentriert auf seine Lippen, in der Hoffnung, der schönen Satzmelodie eine Bedeutung entnehmen zu können. Vergeblich.

Traurig schüttelte sie den Kopf und zuckte entschuldigend die Schultern.

Der Mann sah sie voll Mitgefühl an, beugte sich zu ihr herab und fragte langsam und sehr deutlich: „Vous êtes sourde?“

Sourde, sourde … Verzweifelt überlegte Leonie, was dieses Wort bedeuten mochte.

Da bedeckte er seine Ohren mit den Händen und hob fragend die Augenbrauen.

Taub! Er wollte wissen, ob sie gehörlos sei!

„Nein.“ Sie schüttelte energisch den Kopf. „Ich bin Australierin.“

„Entschuldigung“, antwortete er in hervorragendem Englisch. „Damit habe ich nicht gerechnet. Üblicherweise verirren sich keine Touristen in dieses Café.“

„Das überrascht mich nicht. Ich habe es auch nur durch Zufall entdeckt. Draußen gibt es keinerlei Hinweis darauf, dass sich hier ein Café befindet.“

„Nein, und das ist auch gut so.“ Wieder lächelte er. „Verzeihung, das sollte keine Beleidigung sein.“

„Das ist es nicht, da ich keine Touristin bin.“

„Leben Sie hier?“

„Vorübergehend. Ich gehe auf eine Sprachenschule, bin also Studentin. Haben Sie auch etwas gegen Studenten?“, neckte Leonie ihn. Ein Mann, der einen so freundlich ansah, konnte keine Vorurteile anderen gegenüber hegen, davon war sie überzeugt.

„Überhaupt nicht. Auch nichts gegen Touristen. Sie sind ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und schaffen viele Arbeitsplätze.“ Dann wies er auf den Leonie gegenüberstehenden Stuhl. „Darf ich mich setzen?“

„Bitte“, lud sie ihn schnell ein.

„Ich habe bereits Australien bereist und auch Neuseeland.“

„Dann haben Sie mir etwas voraus, denn ich habe noch nie Neuseeland besucht. Ehrlich gesagt, ist dies meine erste Auslandsreise. Verreisen Sie häufig?“

„Meine Verpflichtungen lassen es leider nicht mehr zu. Doch als junger Mann war ich viel unterwegs.“

„Als Rucksacktourist?“

„So ähnlich. Meist habe ich in Jugendherbergen gewohnt oder bei Leuten, die ich unterwegs traf, und mich mit kleinen Jobs durchgeschlagen. Dabei habe ich Englisch gelernt.“

Bei den Australierinnen ist er bestimmt gut angekommen, dachte Leonie. Der französische Akzent und sein gutes Aussehen hatten die Frauen sicher unwiderstehlich angezogen.

Jetzt neigte der Mann den Kopf und musterte sie freundlich. „Sind Sie allein hier?“

„Ja.“ Leonie hielt erschrocken inne. War es klug, einem Fremden diese Information zu geben? Doch er wirkte in keiner Weise bedrohlich. Zudem wusste er nicht, wo sie wohnte. Hier, in dem gut besuchten Café, mit Jean-Claude hinter dem Tresen, drohte ihr von ihm keine Gefahr.

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, entschuldigte er sich: „Ich wollte nicht aufdringlich sein.“

„Das sind Sie nicht.“

„Als Sie vor wenigen Tagen hier waren, ist mir aufgefallen, dass Sie diese Zeitung bevorzugen.“ Er reichte ihr das Magazin, das er aufgerollt in der Hand hielt. „Sie ist leichter zu lesen als jene.“ Dabei wies er auf die vor ihr auf dem Tisch aufgeschlagene Lektüre. Gleichzeitig erhob er sich. „Jetzt werde ich Sie nicht weiter stören.“

„Vielen Dank.“ Leonie, die von der angenehmen Gesellschaft angetan war, wollte ihn jedoch nicht so schnell wieder gehen lassen. „Übrigens, ich heiße Leonie. Vielleicht sehen wir uns ja gelegentlich wieder hier.“

Er lächelte, und Leonie wurde bewusst, wie sehr er ihr gefiel. Diese Erkenntnis traf sie völlig unvorbereitet, denn seit Shanes Tod hatte sie keinen Mann mehr angesehen. Immerhin, er sah wirklich gut aus. Schon lange hatte sie keinen so attraktiven Mann mehr getroffen, wenn überhaupt. Und sein Lächeln war einfach umwerfend. Doch ein Flirt kam für sie natürlich nicht infrage. Schließlich war sie erst vor Kurzem Witwe geworden!

„Das hoffe ich sehr. Ich komme oft hierher.“

Habe ich ihm wirklich gerade ein Treffen vorgeschlagen?, fragte Leonie sich entsetzt. Er war ein Fremder, und sie wusste nichts über ihn. Was hatte sie bloß getan!

Über den Tisch hinweg reichte er ihr die Hand. „Ich heiße Jacques Broussard und bin mit dem Besitzer dieses Cafés befreundet. Unsere Familien kennen sich schon seit Jahren. Sie können bei ihm Erkundigungen über mich einziehen.“

„Können Sie Gedanken lesen?“

„Das nicht. Allerdings wirken Sie wie eine vernünftige Frau, die im Umgang mit Fremden Vorsicht walten lässt.“

„Das stimmt. Ich bin Leonie Winters und freue mich, Sie kennenzulernen. Und danke hierfür.“ Sie deutete auf die Zeitung, die er ihr gegeben hatte. „Die andere war wirklich ziemlich anspruchsvoll.“

Er nickte ihr zu, dann wandte er sich ab und kehrte an seinen Platz zurück. Leonie blieb in Gedanken versunken an ihrem Tisch sitzen. Jacques Broussard. Das klang sehr französisch. Sie sah auf ihre Hand, wo sie immer noch seine Berührung zu spüren meinte. Lächerlich. Sie schüttelte den Kopf über sich selbst.

Den letzten Händedruck hatte sie bei Shanes Beerdigung erhalten. Nur zu gut erinnerte sie sich an jenen Tag. Viele ehemalige Angestellte hatten ihr kondoliert und ihrer aufrichtigen Wertschätzung für den Verstorbenen Ausdruck verliehen. Seine hohe Arbeitsmoral und die hundertprozentige Hingabe an alles, was er getan hatte, hatten ihm viel Bewunderung eingetragen.

Und er war ihr treu ergeben gewesen. Sie hatte es wirklich gut mit ihm getroffen!

Denn sie hatte nicht nur ihre erste Liebe heiraten, sondern auch fast zwanzig glückliche Ehejahre erleben dürfen. Wie viele Paare konnten das von sich behaupten?

Außerdem hatten sie zwei wunderbare Kinder miteinander, die ihren Eltern nie größere Sorgen bereitet hatten. Sie waren eine rundum glückliche Familie gewesen.

Auch aus diesem Grund war sie nie ohne ihre Familie verreist. Und da Shane in Notfällen für seine Kunden erreichbar sein wollte, waren sie im Urlaub nie weit weggefahren. Er war sehr verantwortungsbewusst gewesen, hatte sich um alles gekümmert, auch um seine Gesundheit, doch trotz aller Umsicht war er schließlich erkrankt.

Leonie hatte ihn liebevoll gepflegt und versucht, ihm die schwere Zeit so angenehm wie möglich zu gestalten. Dabei war ihr jeder Moment mit Shane kostbar gewesen, nie hätte sie seine Pflege in andere Hände legen wollen.

Was würde er jetzt wohl von mir denken?, überlegte sie. Sie hatte ihre Kinder allein in Australien zurückgelassen, um eine Fremdsprache zu erlernen – ausschließlich zu ihrem Vergnügen. Denn nach ihrer Rückkehr aus Nizza würde sie vermutlich nie wieder nach Frankreich reisen. Wozu auch?

Was mache ich hier eigentlich?, fragte sie sich. War ihre Reise eine reine Zeit- und Geldverschwendung, oder diente sie möglicherweise einem ihr noch unbekannten Zweck? Befand sie sich vielleicht auf der Suche nach etwas, vielleicht nach einem neuen Leben?

Tränen traten ihr in die Augen, eine davon fand den Weg über ihre Wange und tropfte auf die Zeitung. Leonie beobachtete, wie die Feuchtigkeit von dem Papier aufgesogen wurde.

Schließlich atmete sie tief durch. Ich muss lernen, wieder lockerer zu werden, dachte sie. Seit Shanes Tod waren immerhin drei Jahre vergangen. Die meiste Zeit kam sie gut zurecht, nur gelegentlich wurde sie von Erinnerungen überwältigt. Entschlossen wischte sie sich die restlichen Tränen aus den Augen.

Dann fiel ihr etwas ein, das der charmante Franzose eben gesagt hatte: Ihm war aufgefallen, welche Zeitung sie gelesen hatte, als sie letztes Mal hier gewesen war.

Also musste er sie beobachtet haben. Sollte sie darüber geschmeichelt oder besorgt sein?

Vielleicht wäre es doch besser, seine Referenzen zu prüfen, wie er selbst es vorgeschlagen hatte. Aber nach einem Blick auf seinen Freund, den freundlichen Jean-Claude, verwarf Leonie diesen Gedanken wieder. Es war überflüssig. Da der Vorschlag von Jacques gekommen war, konnte sie davon ausgehen, dass er nichts zu verbergen hatte. Außerdem hatten sie sich ja nicht direkt miteinander verabredet.

Anscheinend war er jedoch ein guter Beobachter. Vermutlich merkte er sich von jedem Besucher des Cafés irgendwelche Details. Ich sollte selbst mehr darauf achten, was um mich herum vorgeht, dachte Leonie. Das war neu für sie, denn ihre ganze Aufmerksamkeit hatte jahrelang ausschließlich ihrer kleinen Familie gegolten.

2. KAPITEL

Nachdem Leonie am nächsten Tag von der Schule in ihr Apartment zurückgekehrt war, machte sie sich frisch und zog sich um. Heute würde sie nicht abwarten, bis ihr die Decke auf den Kopf fiel. Stattdessen wollte sie in das kleine Café gehen, Zeitung lesen und dabei einen köstlichen Espresso genießen.

Bevor sie ihre Wohnung verließ, warf sie noch rasch einen Blick in den Spiegel. Ihr war aufgefallen, wie elegant die meisten Französinnen wirkten, selbst wenn sie lässig gekleidet waren. Sie selbst hatte kaum je einen Gedanken an Mode verschwendet. Wichtig waren ihr einzig die Familie und das Geschäft gewesen.

Jetzt musterte sie sich mit kritischem Blick. Shorts und T-Shirt waren zwar bequem, jedoch alles andere als chic. Ich hätte besser auf Samanthas Rat gehört und mir für die Reise eine neue Garderobe zugelegt, dachte sie.

Wenigstens mit ihrer Figur konnte sie zufrieden sein. Die wenigen Pfunde, die sie im Lauf der Zeit zugelegt hatte, waren wieder verschwunden, während sie ihren Mann gepflegt hatte.

Leider hatte sie sich vor der Abreise nach Nizza nicht die Mühe gemacht, das Haar zu tönen. Sie hatte geglaubt, in ihren blonden Locken würden vereinzelte graue Strähnen nicht weiter auffallen. Mit einem Mal jedoch bedauerte sie diese Entscheidung, und sie fragte sich, woran das lag. Konnte ihre Begegnung mit Jacques der Grund dafür sein?

Sicher nicht! Natürlich hoffte sie, ihn wiederzusehen. Er war freundlich und ein angenehmer Gesprächspartner, mehr jedoch nicht. Daher spielte es überhaupt keine Rolle, ob ihm ihr Äußeres zusagte oder nicht. Umgekehrt allerdings musste sie sich eingestehen, dass er ihr sehr gefiel. Er war tatsächlich ausgesprochen attraktiv!

Dennoch, sollte er sie nicht akzeptieren, wie sie war, wollte sie lieber nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Der erste Mensch, den Leonie erblickte, als sie das Café betrat, war Jacques. Er saß, wieder in weißem Hemd und Anzughose, das dunkle Jackett über die Stuhllehne gehängt, an einem der Tische. Als er sie entdeckte, erhob er sich sofort und lud sie mit einer Handbewegung zu sich ein.

Erleichtert, dass ihr die Entscheidung abgenommen wurde, ob sie sich zu ihm gesellen sollte oder nicht, ging Leonie zu ihm.

Er sah noch besser aus als in ihrer Erinnerung. Vielleicht war es doch keine gute Idee gewesen, ihn wiederzusehen? Doch dann lächelte er, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Nein, weggehen konnte sie jetzt nicht mehr.

„Guten Tag, Leonie.“

Jacques betonte den Namen auf der ersten Silbe, was sonst keiner ihrer Bekannten tat. Sie wollte ihn schon auf die korrekte Aussprache hinweisen, besann sich dann jedoch. Es klang zwar ungewöhnlich, doch ihr gefiel es.

„Hallo Jacques.“

Schnell zog er einen Stuhl neben seinen und bat sie, Platz zu nehmen.

Überrascht sah Leonie ihn an. Warum sollte sie neben ihm sitzen?

Doch als er ihr vorschlug: „Wir könnten gemeinsam Zeitung lesen. Sie zeigen mir, was Sie nicht verstehen, und ich helfe Ihnen“, begriff sie.

Einen Moment zögerte sie, sein Angebot anzunehmen, doch dann dankte sie ihm und nahm Platz.

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