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Süße Sehnsuchtsmelodie

PROLOG

„Ich fürchte, ich habe schlechte Neuigkeiten für Sie.“

Orlando Winterton zuckte nicht einmal zusammen. Seine aristokratische Erziehung verbot ihm dergleichen. Lebenslange schonungslose Selbstkontrolle ließ sein schmales Gesicht auch jetzt ausdruckslos erscheinen.

Der Augenarzt starrte auf die Akte, die auf der spiegelglatt polierten Tischplatte vor ihm lag. „Die Testergebnisse zeigen, dass Ihr Sehvermögen sich signifikant verschlechtert. Das bedeutet, dass die Zellen der Makula…“

„Ersparen Sie mir Ihre wissenschaftlichen Ausführungen, Andrew.“ Orlando klang barsch. „Können Sie überhaupt noch etwas für mich tun?“

Einen Augenblick lang blieb es still. Orlandos Hände umklammerten die Lehnen des teuren Ledersessels, während er versuchte, in Andrews klugem Gesicht zu lesen. Doch das nebelhafte Bild vor seinen Augen machte es ihm schwer, die Miene seines Gegenübers zu lesen. Daher wartete er ab und lauschte darauf, ob der Ton des Arztes ihm vielleicht etwas verraten würde.

„Nun ja … Ich fürchte, dazu kann ich Ihnen im Moment nicht viel sagen.“

Orlando schwieg. Er fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Schlag versetzt. Tatsächlich war es dieser Anflug von Mitleid in Andrews Stimme gewesen, der ihn hatte zusammenzucken lassen. Eine unausgesprochene, stille Ankündigung des Endes.

„Es tut mir leid, Orlando.“

„Das muss es nicht. Sagen Sie mir einfach nur, was passieren wird. Werde ich noch in der Lage sein zu fliegen?“

Andrew Parkes seufzte. Es war nie leicht, den Menschen Diagnosen wie diese zu vermitteln, aber in Orlando Wintertons Fall war es besonders grausam. Andrew war mit Lord Ashbroke, Orlandos Vater, befreundet gewesen. Die beiden Söhne des Lords waren einer langen und bemerkenswerten Tradition gefolgt, als sie sich der Royal Air Force verpflichtet hatten, den Luftstreitkräften des Vereinigten Königreichs. Orlando und sein jüngerer Bruder Felix waren ausgezeichnete Piloten. Beide Brüder hatten die Karriereleiter mit erstaunlicher Geschwindigkeit erklommen, Orlando war sogar schon zum befehlshabenden Offizier der Luftstreitkräfte aufgestiegen.

Es war schrecklich, eine solch glänzende Karriere plötzlich zu beenden. Und es gab nichts, was ihm diese Aufgabe erleichtert hätte. Deshalb entschied der Augenarzt sich, ehrlich zu sein. „Nein. Nach den Informationen, die hier vor mir liegen, bleibt mir keine andere Wahl, als Sie mit sofortiger Wirkung von Ihren Aufgaben zu entbinden. Es wird zwar noch eine Zeit dauern, bis wir eine gesicherte Diagnose stellen können, aber im Augenblick deutet alles auf eine Netzhauterkrankung hin, die Makulardegeneration genannt wird. Sie kann innerhalb weniger Monate zu einer deutlichen Sehschwäche führen, bis hin zur Erblindung.“

Orlando blieb weiterhin reglos. Nur ein Muskel, der unter seinem Auge zuckte, verriet, wie aufgewühlt er in Wahrheit war.

„Ich kann immer noch sehen. Und ich bin immer noch in der Lage zu fliegen. Ich kann doch davon ausgehen, dass das unter uns bleibt.“

Der Arzt schüttelte den Kopf. „Jedenfalls nicht, soweit es die Royal Air Force betrifft. Was allerdings Ihr Privatleben angeht, bleibt es Ihnen überlassen, wem Sie davon erzählen wollen. Zumindest können Sie bis auf Weiteres ein normales Leben führen. Also ist es nicht nötig, dass irgendjemand etwas erfährt.“

„Ich verstehe.“ Orlando lachte bitter auf, doch der Anflug von Verzweiflung war nicht zu überhören. „Ich kann also ‚bis auf Weiteres‘ ein normales Leben führen. Wahrscheinlich werden Sie mir als Nächstes sagen, dass sich das bald ändern wird.“

„Ich fürchte, Ihr Zustand wird sich verschlechtern.“

Abrupt stand Orlando auf. „Danke, dass Sie sich Zeit genommen haben, Andrew.“

„Orlando, einen Moment noch, bitte. Sie haben doch sicher noch Fragen … Gibt es irgendetwas, das Sie vielleicht wissen möchten?“

Er verstummte, als Orlando sich umdrehte und in seine Richtung blickte. Seine beeindruckende Statur ließ die Trostlosigkeit, die sich in seinem attraktiven Gesicht zeigte, noch schrecklicher erscheinen.

„Nein. Sie haben mir alles gesagt, was ich wissen muss.“

„Ich habe hier Literatur für Sie, wenn Sie so weit sind, sich damit auseinanderzusetzen.“ Andrew schob eine Broschüre über den Tisch. Sein Ton wirkte immer noch gezwungen optimistisch, als er fortfuhr: „Es braucht seine Zeit, bis man so eine Diagnose verarbeitet hat. Es würde Ihnen bestimmt helfen, mit jemandem darüber zu reden. Treffen Sie sich immer noch mit diesem tollen Mädchen? Eine ziemliche Senkrechtstarterin – Anwältin ist sie doch, nicht wahr?“

Orlando zögerte mit der Antwort, als wollte er abwägen, wie viel er preisgeben sollte. „Arabella. Ja … wir treffen uns noch immer.“

„Gut.“ Andrew lächelte erleichtert und fuhr dann vorsichtig fort: „Und Ihr Bruder Felix? Er ist im Moment zu Hause, nicht wahr?“

„Ja. Wir machen beide ein paar Tage Urlaub in Easton Hall, bevor es in der kommenden Woche zum nächsten Einsatz geht.“ Freudlos lachte er auf. „So wie es aussieht, wird er ohne mich fliegen müssen.“

Orlando musste blinzeln, als er aus dem Sprechzimmer auf die belebte Straße Londons trat. Es war ein trüber Januartag, doch selbst das kalte graue Licht, das sich durch die dunklen Wolken stahl, schmerzte in seinen Augen. Trotzdem weigerte er sich, nach dem Treppengeländer zu greifen.

Er würde es auch ohne Hilfe schaffen. Keiner musste ihm beistehen.

Gerade als ein Bus mit quietschenden Reifen unmittelbar vor ihm losfuhr, brach die Sonne einen Moment durch die Wolken. Oben auf dem Gebäude gegenüber befand sich eine große Reklametafel. Eine rothaarige Frau in einem moosgrünen Abendkleid lächelte auf die Welt hinunter.

Seit er im Urlaub war, hatte er dieses Bild schon unzählige Male in London bemerkt, doch jetzt wurde ihm plötzlich bewusst, dass er es nie richtig gesehen hatte. Wie so vieles andere auch nicht. Fröstelnd stieß er die Luft aus, legte den Kopf nach hinten und schaute zu der Frau hinauf. Ihre großen Augen, die wie Bernstein leuchteten, schienen traurig auf ihn herabzublicken. Und auch ihre Lippen schienen unsicher zu zittern, obwohl sie zu einem leichten Lächeln hochgezogen waren.

In diesem Augenblick wurde es ihm mit einem Schlag bewusst.

Diese Frau dort oben zeigte ihm mit schonungsloser Offenheit, was er alles verlieren würde. Und fast schmerzlich spürte er jetzt die Dunkelheit, die sein Augenlicht verschlingen und bald auch sein Herz erfassen würde.

1. KAPITEL

Ein Jahr später

Es war noch nicht hell, als Rachel aus dem alten Pfarrhaus trat und die Tür leise hinter sich schloss. Feuchter, klammer Morgennebel umfing sie. Ihr Atem stieg in der kalten Februarluft in kleinen Wölkchen auf.

Im Haus ging es schon geschäftig zu. Eine Putzkolonne entfernte die Spuren der Party, die am Abend zuvor stattgefunden hatte, und die Mitarbeiter vom Partyservice bereiteten bereits alles für die heutigen Feierlichkeiten vor. Rachel bewegte sich vorsichtig über das Gras. Sie wusste nicht, warum, aber sie spürte, dass sie diesem Haus entfliehen musste.

Sie wollte endlich aufatmen können. Und für einen Moment hinter sich lassen, was doch nicht mehr abzuwenden war.

Sie hatte eine halb volle Flasche Champagner in der Hand, die sie im Vorbeigehen von dem Tischchen in der Eingangshalle mitgenommen hatte. Der Polterabend gestern, zu dem Carlos eine Handvoll der einflussreichsten Persönlichkeiten der Musikindustrie eingeladen hatte, hatte offensichtlich bis in die Morgenstunden gedauert. Sie selbst war schon um Mitternacht zu Bett gegangen. Zweifellos war Carlos wütend auf sie, weil sie nicht geblieben war, um „Eindruck zu machen“ oder sich mit seinen wichtigen Freunden zu unterhalten. Doch ihr Kopf schmerzte, und ihr Herz war erfüllt von tiefer Angst vor dem kommenden Tag. Sie gab vor, müde zu sein. Doch dann lag sie wach und lauschte, wie die letzten Gäste um drei Uhr morgens laut mit den Autotüren schlugen und sich verabschiedeten. Sie hatten Carlos in das vornehme Schlosshotel gebracht, in dem er die letzte Nacht seiner langen Junggesellenzeit verbringen würde.

Rachel schlüpfte durch einen schmalen Durchgang in der Buchenhecke und fand sich auf dem Kirchhof wieder. Dünner Nebel hing über dem Boden und verlieh diesem Ort einen gespenstischen Anflug von Melancholie, der genau zu ihrer Stimmung passte. Fröstelnd zog sie die Ärmel ihres dicken Kaschmirpullis über die Hände, presste die Flasche an sich und ging langsam um die Seite der Kirche herum, die man vom Haus aus nicht sehen konnte. Das frühe Morgenlicht überzog alles mit einem grau-schwarzen und silbrigen Schimmer. Sie legte den Kopf in den Nacken und schaute hoch zu dem bleifarbenen Himmel. Dunkel hob sich die Kirchturmspitze dagegen ab, um die ein paar Saatkrähen kreisten. Rachel erschauerte. Sie spürte nichts als Verzweiflung. Sie fürchtete sich vor dem, was dieser Tag bringen würde. Und die kommende Nacht.

Eine eisige Windböe wehte ihr die Haare ins Gesicht. Weiter vorne, im Schatten einer alten Eibe, ein Stück abgesetzt von den anderen Gräbern, befand sich die eindrucksvollste Gruft. Ein imposanter Engel aus Stein stand oben auf dem Grabmal. Seine gemeißelten Flügel bogen sich leicht nach innen, sein Gesicht neigte sich nach unten. Rachel spürte, wie sie fast magisch von ihm angezogen wurde.

Unter dem dichten Nadeldach der Eibe war der Engel vor der kalten Witterung geschützt. Mit leeren Augen schaute er auf Rachel hinab. Der Ausdruck auf seinem Gesicht schien von unendlichem Mitgefühl und Vergebung zu sprechen.

Er hat all das schon gesehen, dachte sie niedergeschlagen. Diese fahlen Augen waren Zeuge gewesen von endlosen Hochzeiten und Begräbnissen, von überschäumender Freude und tragischem Verlust. Rachel fragte sich, ob es hier jemals eine Braut gegeben hatte, die lieber zu ihrem eigenen Begräbnis als zu ihrer Hochzeit gegangen wäre.

Kraftlos sank sie auf die trockene Erde zwischen den kalten, bleichen Füßen des Engels und trank einen Schluck Champagner, dann lehnte sie ihren Kopf gegen den bemoosten Stein. Reihen von Namen und Jahreszahlen waren seitlich in der Gruft eingemeißelt, manche von ihnen bis zur Unkenntlichkeit verblasst. Doch der Name, der ihr am nächsten war, war noch deutlich zu lesen. Vorsichtig fuhr sie mit dem Finger über die Buchstaben.

Felix Alexander Winterton

Gestorben im Kampf für sein Land

ER GAB SEIN LEBEN FÜR UNSERE ZUKUNFT

Tränen schimmerten in Rachels Augen, als sie zum Engel hochschaute und lächelte. Sie hob die Champagnerflasche. „Auf dein Wohl, Felix“, flüsterte sie. „In meinem Fall ist das allerdings vergebens.“

Orlando spürte die Kälte kaum, als er aus dem Wagen stieg und zum Kirchhof ging. Die Kälte schien ohnehin seit einiger Zeit zu ihm selbst zu gehören. Eisige Kälte, und zunehmende Dunkelheit.

Sein letzter Besuch bei Andrew Parkes hatte ihm keine guten Neuigkeiten beschert. Sein Sehvermögen verschlechterte sich schneller, als der Augenarzt zu Anfang vorausgesagt hatte. Dr. Parkes hatte Orlando den dringenden Rat gegeben, nun auch das Autofahren aufzugeben.

Und dem würde er nachkommen. Heute war das letzte Mal, dass er mit Höchstgeschwindigkeit über die Privatwege brauste. Heute, da sich Felix’ Todestag zum ersten Mal jährte.

Noch immer konnte Orlando weiter entfernte Gegenstände einigermaßen deutlich erkennen. Doch alles, was direkt vor ihm, im Zentrum seines Blicks lag, war nur noch ein nebliges Grau. Es waren die Details, die ihm immer mehr zu entgleiten drohten: Er konnte nicht länger in den Mienen anderer Menschen lesen. Und auch all die vielen kleinen alltäglichen Dinge, die er sonst verrichtet hatte, ohne darüber nachzudenken, wollten ihm nicht mehr gelingen. Die Knöpfe an seinem Hemd schließen. Kaffee machen. Seine Post lesen.

Doch er wollte lieber sterben, als andere davon wissen zu lassen. Aus diesem Grund war Orlando nach Easton Hall gekommen. Allein.

Im Schutz des Friedhofstors blieb er stehen und schaute hinauf. Ein paar Saatkrähen flogen um die Kirchturmspitze. Ihre metallisch glänzenden Flügel hoben sich schwarz gegen den bleigrauen Himmel ab.

Alles verschwimmt zu einem einfarbigen Gemälde, dachte Orlando finster, kniff die Augen ein bisschen zusammen und ließ seinen Blick über den Kirchhof schweifen. Die Grabsteine hoben sich fahl gegen die kahlen Bäume und das ausladende Dach der Eibe über der Gruft der Wintertons ab.

In diesem Moment sah er etwas Rotes im Nebel aufblitzen. Reglos stand er da und legte den Kopf in den Nacken, um herauszufinden, was es sein könnte.

Ein Fuchs vielleicht, der nach der nächtlichen Jagd zurück in seinen Bau schlich?

Das Rot blitzte erneut auf.

Und jetzt sah er, was es war. Eine Frau. Eine rothaarige Frau. Sie saß auf Felix’ Grab.

„Was, zum Teufel, machen Sie hier?“

Abrupt schaute Rachel hoch. Ein groß gewachsener Mann mit dunklem Haar stand vor ihr. Mit seinem langen schwarzen Mantel sah er sehr attraktiv und gleichzeitig bedrohlich aus. Seine Miene wirkte genauso hart und kalt wie der steinerne Engel, doch fehlte ihr jede Spur von Mitgefühl.

„Ich … nichts. Ich wollte nur …“

Sie versuchte aufzustehen, doch ihre Beine waren zu steif. Sie hatte so lange auf dem Boden gekauert; ihre Füße waren taub vor Kälte. Im nächsten Moment merkte sie, wie seine Hände sich um ihre Arme schlossen und sie hochzogen. Für einen Moment wurde sie gegen den Fremden gedrückt und spürte die wunderbare Wärme und Kraft seines Körpers. Dann stieß er sie von sich. Eine Hand umklammerte ihren Oberarm immer noch wie einen Schraubstock, während der Fremde ihr mit der freien Hand den Champagner entriss. Er schwenkte die Flasche hin und her, wohl um herauszufinden, wie viel noch übrig war.

„Das erklärt wohl alles.“ Seine Lippen kräuselten sich vor Abscheu. „Ist es nicht ein bisschen zu früh dafür? Oder haben Sie etwas zu feiern?“

„Nein.“ Sie lachte kurz auf und schlug dann schnell die Hand vor den Mund, da ihr Lachen in ein Schluchzen überzugehen drohte. „Ich habe wirklich nichts zu feiern. Ich wollte mir nur ein wenig Mut antrinken. Oder vergessen.“ Es war ihr peinlich, dass Tränen über ihre kalten Wangen liefen. Entschuldigend lächelte sie und strich mit der Hand über den verwitterten Stein. „Stilles Vergessen. Zusammen mit dem wunderbaren, tapferen Felix hier.“

Der geheimnisvolle Mann erwiderte ihr Lächeln nicht, ließ sie jedoch so abrupt los, dass sie taumelte. Sie musste sich am Grabstein festhalten, um nicht zu fallen.

„Er wird begeistert sein zu hören, dass eine Kleinigkeit wie der Tod ihn nicht seiner Anziehungskraft auf die Frauen beraubt hat.“

Die Verbitterung, die sich in seine schmalen Gesichtszüge eingegraben hatte, war unübersehbar. Jetzt fielen Rachel auch die dunklen Schatten unter seinen Augen auf. Zwischen seinen Augenbrauen hatte sich eine tiefe Falte eingegraben. Ihm war offensichtlich großes Leid widerfahren. Und dann dämmerte ihr eine entsetzliche Erkenntnis.

„Oh Gott! Es tut mir sehr leid … Sie kannten ihn?“

Einen langen Augenblick war es totenstill. Dann streckte er seine Hand aus, und sein verhaltenes Lächeln ließ kurz die unverfälschte Schönheit seines Gesichts aufleuchten.

„Orlando Winterton. Felix’ Bruder.“

Als sie seine Hand nahm, spürte sie wieder seine Wärme und Kraft. Für einen kurzen Moment schlossen sich seine Finger um ihre und drückten sie, und Rachel wünschte sich, er würde sie nie wieder loslassen.

Schließlich zog er seine Hand zurück, und sie spürte, dass sie leicht errötete.

„Ich bin Rachel. Und es tut mir leid … wegen Ihres Bruders. Ist er Soldat gewesen?“

„Er war Pilot bei der Royal Air Force. Abgeschossen im Nahen Osten“, erwiderte Orlando knapp.

„Wie furchtbar“, sagte sie leise. Dort, wo er sie berührt hatte, spürte sie ein seltsames Kribbeln.

Gelassen zuckte er mit den Schultern. „So etwas passiert nun mal. Das gehört zum Job.“

„Sind Sie auch Pilot?“

„Ich war es.“

„Man braucht unglaublichen Mut dazu. Schließlich blickt man dem Tod jeden Tag ins Auge.“

Er stieß ein raues Lachen aus. „Es gibt Schlimmeres, als dem Tod ins Auge blicken zu müssen.“

Rachel seufzte und sank zurück auf die trockene Erde am Fuß des Grabsteins. „Erzählen Sie mir, was noch schlimmer ist.“

Sie hatte das Gefühl, dass Orlando Winterton und Felix’ Engel wie zwei Beschützer über sie wachten. Müde lehnte sie den Kopf gegen den kalten Stein und hob den beiden die Flasche entgegen, bevor sie einen großen Schluck nahm. „Auf den Mut – den wirklichen Mut. Und auf den, den man sich antrinkt, auch wenn er lange nicht so ehrenwert ist. Aber manchmal muss man sich eben damit zufriedengeben.“

Am Rande seines Blickfeldes nahm Orlando dunkle Augen und ein blasses Gesicht wahr, volle Lippen und eine feurige Mähne. Sie rief eine Erinnerung in ihm wach und weckte plötzlich den überwältigenden Wunsch, diese Frau richtig sehen zu können. Er spürte die Verzweiflung, die wie ein Duft von ihr ausging. Doch er konnte nicht sagen, ob dies auf seinen besonderen Instinkt zurückzuführen war, den er entwickelt hatte, seit sein Augenlicht schwand – oder weil dieses Gefühl ihm so verdammt bekannt war.

Sie streckte ihm die Flasche hin. Er nahm sie, trank jedoch nicht, sondern stellte sie auf der Gruft der Wintertons ab. „Also, Rachel, was ist so Schlimmes passiert, dass Ihnen nichts anderes übrig bleibt, als hier in der eisigen Kälte zu sitzen und mit dem Tod zu trinken?“

Rachel stieß ein freudloses Lachen aus. „Das wollen Sie doch eigentlich gar nicht wissen.“

Sie hatte recht. Er war viel zu sehr mit seinem eigenen Schmerz beschäftigt. Und trotzdem erwiderte er: „Normalerweise entscheide ich selbst, was ich will und was ich nicht will.“

Erstaunt schaute Rachel zu ihm hoch. Er starrte geradeaus, doch etwas in seinem dunklen, reglosen Gesicht ließ in ihr den Wunsch aufsteigen, sich ihm anzuvertrauen.

„Ich soll heiraten“, sagte sie verzweifelt. „Heute.“

Sie sah, wie er eine seiner dunklen Brauen hochzog, ehe seine Miene wieder ausdruckslos wurde wie zuvor. „Ist das alles? Dann kann ich nur gratulieren …“

„Oh nein. Dafür gibt es keinen Grund. Es ist …“ Ihre Stimme verlor sich, als sie versuchte, ihm zu erklären, wie schrecklich all das war, was vor ihr lag. Der Nachmittag heute, zusammen in der Kirche mit Menschen, die sie kaum kannte oder die ihr egal waren – und sie musste Versprechungen machen, die sie nicht geben wollte … Doch viel schlimmer noch war das Wissen darum, dass sie und Carlos an diesem Abend Mann und Frau sein würden, mit all den Erwartungen, die damit zusammenhingen.

Orlando Winterton zuckte mit seinen breiten, starken Schultern, den Blick immer noch geradeaus gerichtet. Er sah so distanziert und kontrolliert aus, so unglaublich stark, dass ihr beinahe schwindlig wurde. Wie sollte er auch verstehen? Dieser Mann hatte sich in seinem ganzen Leben sicher noch nie dem Willen eines anderen gebeugt.

„Normalerweise heiratet man nicht aus Zufall oder ohne Vorwarnung. Vermutlich hatten Sie dabei doch auch ein Wörtchen mitzureden, oder?“ Er stieß sich von dem Grabstein ab, schob die Hände tief in seine Manteltaschen und ging langsam davon.

„Nein“, sagte sie mit schwacher Stimme.

Irgendetwas in ihrem Ton ließ Orlando stehen bleiben. Er drehte sich um. Als er dann zu ihr zurückkam, bemerkte sie das außergewöhnliche Grün seiner Augen. Er sah sie mit einem seltsam intensiven Blick an. Den Kopf hatte er ein wenig in den Nacken gelegt, was ihn recht distanziert und hochmütig wirken ließ.

„Sie sind also dazu gezwungen worden?“

Rachel seufzte schwer. „Nun ja, eine Pistole hat man mir nicht an den Kopf gehalten … Trotzdem, gezwungen ist wohl das richtige Wort.“

In diese vertrackte Geschichte hineingezogen zu werden war wirklich das Letzte, was er wollte. Aber sein Pflichtbewusstsein, das seit einem Jahr unter seinem Selbstmitleid und seiner Verbitterung geschlummert hatte, war in diesem Moment anscheinend wieder zum Leben erwacht. Erschöpft rieb er sich mit der Hand über die Augen. „Und wie ist das passiert?“

„Es gibt kein Hintertürchen mehr, durch das ich mich davonstehlen könnte“, erwiderte sie langsam. „Keinen Plan B. Ich habe keine Wahl. Für meine Mutter ist diese Heirat die absolute Krönung all ihrer Bemühungen.“ Sie lachte ein wenig zu laut. „Wenn ich bei ihrem Spiel nicht mitmache, wird sie mich sicher umbringen.“

Aber das war vielleicht noch besser als das, was Carlos mit ihr machen würde, sollte sie bleiben und ihn heiraten. Sie wusste es. Er hatte es schon mal getan.

„Sie können doch nicht heiraten, nur um Ihrer Mutter einen Gefallen zu tun.“

Seine Stimme triefte vor Spott, und Rachels Kopf schnellte zurück, als wäre jemand mit einem Eiswürfel über ihren Rücken gefahren.

„Sie kennen meine Mutter nicht. Sie ist …“

Zögernd schüttelte Rachel den Kopf und suchte nach einem Wort, das Elizabeth Campions zielstrebige Besessenheit beschrieb, mit der sie die Musikkarriere ihrer Tochter vorantrieb. Es war eine Mischung aus Hinterlist und eiskalter Manipulation, die selbst Machiavelli hätte grün vor Neid werden lassen. Genau diese Fähigkeit hatte sie auch zu dem ultimativen Schlag befähigt – Rachels Heirat mit Carlos Vincente, einem der einflussreichsten Männer der Musikindustrie.

„Nun, was ist sie denn? Eine Killerin aus Überzeugung?“ Orlandos Stimme klang hart und spöttisch. „Eine kaltblütige Psychopathin? Kopf einer Bande gedungener Mörder?“

Seine Grausamkeit ließ sie entrüstet nach Luft schnappen. „Nein, natürlich nicht. Aber …“ Vergeblich versuchte sie, sich ihre Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. Sie wollte unbedingt, dass er sie verstand. Doch die Worte schwirrten zusammenhanglos in ihrem Kopf herum, während er sie weiter mit kaltem, gleichgültigem Blick ansah. „Ach … Vergessen Sie’s einfach. Ich kann Ihnen nicht verständlich machen, was ich sagen will, also werde ich es auch nicht weiter versuchen. Bitte, lassen Sie mich jetzt allein.“

„Damit Sie sich bis zur Benommenheit betrinken können? Wenn es das ist, was Sie wollen …“

Als er sich abwandte, spürte Rachel einen Anflug von Panik. Sie musste sich an den steinernen Falten der Engelsrobe festhalten, um ihre Hände nicht nach ihm auszustrecken und ihn zurückzuhalten. Denn das wäre einfach lächerlich. Er war nichts als ein Fremder, der zufällig vorbeigekommen war. Doch irgendetwas in seinem intensiven Blick, der Selbstkontrolle in seiner Stimme, der ungeheuren Kraft in seinen Schultern hatte sie für einen Moment glauben lassen, dass er ihr helfen könnte.

Dass er sie retten könnte.

„Nein, es ist nicht das, was ich will. Aber ich habe keine Wahl.“

Er blieb stehen und drehte sich langsam um, um sie anzusehen. Sein Blick schien bis in ihre Seele vorzudringen.

„Natürlich haben Sie das. Sie sind jung. Und Sie leben“, betonte er in spöttischem Ton und deutete mit einer Hand zum Grab seines Bruders. „Ich würde sagen, Sie haben eine Wahl. Aber was Ihnen wirklich fehlt, Rachel, ist Mut.“

Schockiert und empört schaute Rachel ihm hinterher, als er davonging. Er bewegte sich langsam, und sein Gang war beinahe schleppend, trotz seiner endlos langen Beine und der athletischen Figur.

Er wusste nichts über sie – absolut nichts. Wie konnte er es wagen, ihr zu sagen, dass sie keinen Mut hatte?

Damit lag er völlig daneben.

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