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Süße Sehnsucht erfüllt mein Herz

Alison Leigh

Süße Sehnsucht erfüllt mein Herz

PROLOG

„Miss?“ Wie aus weiter Ferne drang die Stimme an Bethanys Ohr. „Ich bin von der Feuerwehr von Red Rock. Sie sind jetzt in Sicherheit. Öffnen Sie die Augen.“

Ihre Kehle schmerzte. Beim Atmen spürte sie ein Brennen in der Nase. Sie wollte schlafen. Wann hatte sie zum letzten Mal geschlafen? Wie … wie lange war das her?

Angestrengt überlegte sie, aber in ihrem Kopf war ein undurchdringlicher Nebel. Dichter, erstickender Nebel.

„Bitte! Öffnen Sie die Augen für mich.“

Sie schwebte durch den Nebel. Flog sie? Jemand hatte ihr einmal erzählt, im Traum zu fliegen, bedeute etwas Gutes.

Ein Traum. Das war es. Sie träumte.

„Verdammt, macht Platz“, befahl die barsche Stimme. „Sie braucht Sauerstoff.“

Sie zuckte zusammen. Die harsche Stimme erschreckte sie. Merkte der Mann nicht, dass sie schlief?

„Atmen Sie durch meine Maske.“ Jetzt klang die Stimme wieder leise. Beruhigend. „Das hilft.“

Irgendetwas bedeckte ihr Gesicht. Sie zerrte daran. Versuchte, sich zu wehren. Sie atmete merkwürdig süßliche Luft ein und drehte den Kopf zur Seite. „Nein.“ Ihre Kehle schmerzte beim Sprechen.

„Sehr gut, Miss. Kommen Sie zu sich. Sie machen das ganz toll.“

Jetzt wäre sie der Stimme überallhin gefolgt, sogar aus dem Nebel ihres Traumes.

„Sie sind in Sicherheit“, beruhigte er sie. Es klang wie das Flüstern eines Liebhabers.

Nein. Das stimmte nicht. Ihr Liebhaber war … ja, wo eigentlich?

Diese Kopfschmerzen! Sie verzog das Gesicht. „Nein.“

„Doch, Sie sind gerettet. Öffnen Sie die Augen, und Sie werden es sehen. Verraten Sie mir Ihren Namen?“

Bethany. Ihr Name klang wie ein Seufzen. Oder bildete sie sich das nur ein? Ich heiße Bethany.

Sie zuckte zusammen, riss die Augen auf und starrte in das Gesicht des Mannes, der mit ihr sprach.

Stimmen. Rufe. Sirenen. Rauch. Blinklichter.

All das stürzte in Sekundenbruchteilen über sie herein, und sie wurde starr vor Angst. Ängstlich betastete sie ihren Unterleib. Seltsam – ihre Hände reichten nicht bis dorthin. „Was?“

„Können Sie mir sagen, wie Sie heißen?“

Ein Gefühl der Erleichterung. Sie hatte ihren Namen nicht genannt. Falls doch, hatte der Mann sie in dem entsetzlichen Lärm, der um sie herum tobte, nicht gehört.

Sie wollte sich räuspern und musste husten. Wie lautete noch der Name, den sie angenommen hatte? „Barbara“, stieß sie schließlich hervor. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. Irgendwie schien ihr Gehirn nicht zu funktionieren. Nicht Burdett. Nicht Burdett. „Burton.“ Das war der Name, den sie sich ausgesucht hatte. „Was ist passiert?“

„Darüber machen Sie sich mal keine Gedanken, Barbara. Sie sind in Sicherheit“, entgegnete er bloß. „Ich habe Sie rausgeholt.“

Sie spürte, dass sie getragen wurde. In ihrem Kopf drehte sich alles. Sie schloss die Augen. Das Gefühl wurde schlimmer. „Mir ist schlecht.“

Die schaukelnden Bewegungen hörten auf.

„Das geht gleich vorbei. Ich lege Sie jetzt auf eine Trage. Entspannen Sie sich.“

Als sie auf einem festen Untergrund lag, öffnete sie die Augen. „Was ist passiert?“, fragte sie erneut. Er hatte Streifen im Gesicht. Wie eine Kriegsbemalung. Und Schultern, die breiter waren als die eines Footballspielers. Er sah aus wie für einen Kampf gerüstet. Undeutlich erkannte sie einen großen weißen Kastenwagen neben sich.

„Beinahe hätte ich Sie im Restaurant nicht gefunden.“ Er beugte sich näher zu ihr. Seine Stimme klang leise und sehr freundlich.

Tröstend.

Blinzelnd rieb sie sich die tränenden Augen.

„Der Rauch da drin war ziemlich dicht. Sie waren bewusstlos“, erklärte er. „Sie werden jetzt ins Krankenhaus gebracht. Eine reine Vorsichtsmaßnahme“, beruhigte er sie.

Sie wollte nicht ins Krankenhaus, sondern sie wollte … sie wusste es selbst nicht. „Da war ein Feuer“, sagte sie überflüssigerweise. Undurchdringlich. Hinter dem Kastenwagen – es war ein Rettungswagen – loderten noch immer rote Flammen in den Himmel. Und darüber wölbte sich eine dichte schwarze Wolke.

Mein Gott!

Sie strich sich über den Unterleib. Bitte, bitte, mach, dass nichts passiert ist. „Ich wollte Enchiladas essen.“

„Darauf werden Sie wohl noch ein bisschen warten müssen.“ Seine Zähne blitzten. „Sie haben viel Rauch eingeatmet. Da kann einem schon ein bisschen seltsam zumute werden.“

Das war keine Kriegsbemalung in seinem Gesicht. Es war Ruß. Und der Panzer, den er trug, war die Uniform eines Feuerwehrmannes. „Sie haben mich gerettet?“

„Ja, Ma’am.“ Sein Lächeln war ein wenig schief. „Und bald geht es Ihnen wieder gut, Barbara. Sollen wir jemanden benachrichtigen? Ihren Mann? Ihren Freund? Mit wem waren Sie im Red?“

Red. Zum ersten Mal, seit sie in Red Rock war, wollte sie sich ein Essen im Restaurant gönnen. Eine Frau wurde schließlich nur einmal im Leben fünfundzwanzig.

„Barbara?“

Was hatte er gefragt? Ach ja. „Ich bin nicht verheiratet.“ Es schien der einzige klare Gedanke in ihrem Kopf zu sein. „Niemand muss angerufen werden.“

„Wir kümmern uns jetzt um sie, Darr.“ Eine Frau und ein weiterer Mann tauchten neben der Trage auf, und ehe Bethany noch lange überlegen konnte, wurde sie in den weißen Rettungswagen geschoben. Die Frau folgte ihr.

Doch Bethany sah gar nicht sie an. Ihr Blick hing an dem Feuerwehrmann, der sich nicht von der Stelle gerührt hatte.

Dann schlossen sich die Türen des Rettungswagens. Sie wollte protestieren, doch es war zu spät. Das Auto hatte sich bereits in Bewegung gesetzt.

Die Sanitäterin tastete mit kühlen Fingern nach Bethanys Puls. „Wie heißen Sie, Ma’am?“

Wieder schloss Bethany die Augen. Vor ihrem inneren Auge sah sie das schiefe Lächeln des Feuerwehrmannes. Hörte seine tiefe, freundliche Stimme.

„Barbara. Barbara Burton.“

1. KAPITEL

Zwei Wochen später

„Du weißt, dass du verrückt bist? Geradezu besessen. Sieh doch endlich den Tatsachen ins Gesicht. Die Frau ist verschwunden. Wahrscheinlich war sie nur auf der Durchreise in Red Rock.“

Darr Fortune musterte seinen Bruder Nick, der ihm am Tisch in SusieMae’s Diner gegenübersaß. „Danke für deine Unterstützung.“

Nick grinste. „Deshalb wolltest du wohl, dass ich zurückkomme, was? Um das Selbstbewusstsein meines kleinen Bruders zu stärken.“

„Genau“, stimmte Darr trocken zu. Er war zwar tatsächlich der jüngste von fünf Brüdern, und zwischen ihm und dem ältesten Bruder lagen ganze zehn Jahre. An Selbstbewusstsein jedoch hatte es ihm nie gemangelt. Eine Eigenschaft, die er mit seinen Brüdern gemeinsam hatte. „Die Stiftung war nur ein Vorwand.“

„Um die soll ich mich wohl bloß kümmern, damit du keine Gewissensbisse kriegst und weiter zündeln kannst, um Frauen aus dem Feuer zu retten.“ Nick spielte mit dem rosafarbenen Zettel, der zwischen ihren leer gegessenen Tellern lag. Es herrschte viel Betrieb in SusieMae’s – was nicht zuletzt daran lag, dass die hübschen Kellnerinnen unverschämt kurze karierte Röcke trugen. „Wie die Blondine, der du hinterherjagst, seit das Red in Flammen aufgegangen ist.“

„Ich jage ihr nicht hinterher.“ Darrs Dementi klang ganz und gar nicht überzeugend.

Das fand sein Bruder offenbar auch, denn er schnaubte verächtlich.

„Ich möchte nur wissen, ob es ihr wieder gut geht. Schließlich habe ich sie aus einem brennenden Haus geholt.“ Nick hatte ja keine Ahnung, wie gefährlich das war.

„Das ist jetzt zwei Wochen her, Darr. Niemand bestreitet, dass du ein Held bist. Obwohl ich immer noch nicht kapiere, warum du mitten in die Flammen rennen musstest, wenn alle anderen Leute, die auch nur einen Funken Verstand haben, hinauszulaufen versuchen.“ Er setzte seine Brille auf und griff nach dem Zettel. „Was für eine Klaue! Ich kann die Sieben nicht von der Eins unterscheiden. Soll die letzte Ziffer eine Acht sein?“

„Devaney hat das geschrieben.“ Darr nahm seinem Bruder den Zettel aus den Fingern und starrte selbst darauf. Seit er ihn am Schwarzen Brett in der Feuerwache entdeckt hatte, grübelte er darüber nach. „Alles, was ich entziffern kann, ist der Straßenname – ich glaube, es heißt Windrose. Devaney weiß nicht mehr, von wem der Anruf kam.“

Vom Krankenhaus gewiss nicht; dort durften keine Adressen herausgegeben werden. Eher war es einer der Taxifahrer, die Darr bestochen hatte. Glücklicherweise hatte er den Chauffeur ausfindig machen können, der Barbara Burton vom Krankenhaus nach Hause gebracht hatte.

„Ich sag’s ja. Besessen. Meinst du, das sind gute Voraussetzungen, um Captain zu werden?“

Darr schwieg, und Nick winkte der Kellnerin hinter der Theke mit seinem Kaffeebecher zu. „Hallo, Miss. Haben Sie noch etwas Heißes für mich?“

Lorena schlenderte zu ihrem Tisch, beugte sich vor und gewährte den beiden einen ausgiebigen Blick in ihren Ausschnitt, als sie Nicks Becher füllte. „Ist es recht so, mein Lieber?“

„Klar.“ Nick prostete ihr mit seinem Becher zu.

„Für dich auch noch einen, Darr?“ Lorena schaute ihn kaum an. Warum auch? Darr war Stammgast in SusieMae’s, seit er vor einigen Jahren von Kalifornien nach Red Rock gezogen war. Schon bald hatte sie herausgefunden, dass er für sie uninteressant war, denn sie wollte Kinder und eine Familie, während Darr sich nicht binden mochte.

Nick dagegen war neu in der Gegend.

„Nein danke, Lorena.“

„Ich habe gehört, dass Sie für die Fortune Foundation arbeiten“, sagte Lorena zu Nick. „Sie kümmern sich um die Finanzen, stimmt’s? Red Rock ist nach Los Angeles bestimmt ziemlich öde.“

„Darr hat sich doch auch daran gewöhnt.“ Nick betrachtete sie amüsiert. „Und ich war schon immer besser als mein kleiner Bruder – in jeder Beziehung.“

Lorena warf Darr einen Blick zu. „Echt?“ Erneut musterte sie Nick mit einem abschätzenden Blick. „Vielleicht probiere ich es eines Tages mal aus.“

„Bestellung, Lorena!“, rief SusieMae aus der Küche. Sie war die Einzige im Laden, die kein knappes Kleid trug.

Lässig richtete Lorena sich auf. „Bis später, Sweetheart.“ Sie ging zur Durchreiche und holte das Essen ab.

„Vielleicht ist Red Rock doch amüsanter, als ich dachte“, sinnierte Nick.

„Oh, Lorena ist ziemlich amüsant.“ Darr zog seine Brieftasche heraus. „Aber sie will nicht nur ihr Vergnügen haben, sondern einen Mann und Kinder.“

„Warum will sich eine so attraktive Frau denn den Spaß verderben?“ Kopfschüttelnd zog Nick ein Bündel Dollarscheine aus der Tasche. „Das geht auf mich.“

Darr hatte immer Wert auf seine Unabhängigkeit gelegt – egal, wie wohlhabend die restlichen Fortunes sein mochten. Deshalb warf er nun selbst einige Scheine auf den Tisch und legte ein üppiges Trinkgeld für Lorena hin. „Ich bin nicht pleite.“ Hier verdiente er zwar weniger als in Kalifornien. Aber die Gründe für seine Rückkehr hatten weniger mit Geld als vielmehr mit seinem gesunden Menschenverstand zu tun.

Um den ist es wohl geschehen, dachte Nick in Anbetracht von Darrs Suche nach der blonden Frau, die er aus dem Red gerettet hatte.

Vielleicht hat er recht.

Möglicherweise beruhigte es sein Gewissen, wenn er sich davon überzeugte, dass es Barbara Burton gut ging – nach allem, was er mit Celia in Kalifornien erlebt hatte.

„Meine Güte“, sagte Nick, „das hat doch keiner behauptet. Die meisten Menschen würden sich über eine Einladung zum Essen freuen.“ Nach einer Weile setzte er hinzu: „Vielleicht solltest du die Blondine tatsächlich ausfindig machen. Eine Affäre bringt dich auf andere Gedanken.“

„Ich will keine Affäre.“ Darr wollte nur wieder ruhig schlafen können. Er steckte den Zettel in seine Tasche, griff nach der Lederjacke, die auf dem Stuhl neben ihm lag, und ging zum Ausgang. „Und auch kein kostenloses Essen.“

Nick folgte ihm, noch während er seinen Mantel anzog. „Ist das kalt! Ich dachte, um diese Jahreszeit sei es hier wie in Los Angeles. Wenn ich hätte frieren wollen, hätte ich auch den Job in Chicago annehmen können, den man mir im vergangenen Jahr angeboten hat. Hast du heute Morgen den Wetterbericht gesehen? Sie haben gesagt, wenn der Sturm sich dreht, könnte es hier sogar schneien.“

„Verlass dich lieber nicht darauf. Seit mehr als zwanzig Jahren hat es hier nicht mehr geschneit.“ Immerhin kräuselten sich weiße Atemwolken vor ihrem Mund, was ungewöhnlich war, und der Himmel sah bleigrau aus. „Wie läuft es denn so in der Stiftung?“

Achselzuckend schob Nick die Hände in die Taschen. „Ganz gut. Es ist natürlich eine Umstellung, für ein Wohltätigkeitsunternehmen zu arbeiten. Red Rock ist auch übrigens nicht mehr das, was es mal war. Es ist viel größer geworden.“ Vor ihren Wagen – Nicks schnittigem Porsche und Darrs nichts mehr ganz so neuem schwarzen Pick-up –, die schräg vor dem Restaurant geparkt waren, blieben sie stehen. „Wie lange willst du noch dieser Frau hinterherjagen?“

Bis ich sie gefunden habe. Darr öffnete die Tür seines Kleinlasters. „Ich jage nicht hinter ihr her.“

„Gut so. Such dir lieber eine andere. Das ist leichter, als eine zu finden, die wie vom Erdboden verschwunden ist.“

„Ich will …“

„Lass gut sein.“ Nick machte eine abwehrende Handbewegung und öffnete die Autotür. „Hast du eine Ahnung, warum Onkel Patrick uns auf der Double-Crown-Ranch treffen will? Bei ihm zu Hause wäre es viel praktischer als bei Lily.“ Lily war die Witwe von Ryan Fortune, dem Cousin ihres Vaters. Nach dem Tod ihres Mannes hatte sie sich mit Feuereifer in die Wohltätigkeitsarbeit gestürzt.

„Es hat wahrscheinlich mit dem Picknick zu tun, das Lily Ende des Monats veranstaltet. Du kennst sie ja – sie will nichts dem Zufall überlassen. Und damit auch wirklich alles klappt, hat sie Patrick so lange bekniet, bis er den Familienrat einberufen hat. Du weißt ja, dass er ihr nichts abschlagen kann. Hoffentlich lässt er sich von ihr nicht wieder zu einer Pokerparty überreden. Er spielt sich noch um Kopf und Kragen.“

Lily war eine begeisterte Pokerspielerin. Und sie war sehr gut. „Hast du freibekommen?“, wollte Nick wissen.

„Ich habe mit einem Kollegen getauscht.“

„Dad und die anderen nehmen am Flughafen einen Wagen. Ich könnte dich abholen.“

Darr schüttelte den Kopf. „Vielen Dank, aber das ist nicht nötig. Ich habe noch etwas zu erledigen. Wir sehen uns bei Lily.“

„Was hast du denn zu tun? Geht es um deine Blondine?“ Nick schien noch mehr sagen zu wollen, aber er hielt sich zurück und stieg in seinen Wagen. „Bis später.“

Darr winkte ihm kurz zu und setzte sich hinters Steuer. Dann zog er den Zettel wieder hervor und versuchte erneut, die Adresse zu entziffern, die Devaney hingekritzelt hatte.

Nick hatte recht, dass er seinen jüngeren Bruder für verrückt hielt. Wie sonst war es zu erklären, dass er sich so viel Mühe gab, sie zu finden?

Barbara Burton.

Er trommelte mit dem Daumen aufs Steuer, während er darauf wartete, dass ein altersschwacher Caravan ihm den Weg frei machte.

Es war nicht nur der Name, den er nicht mehr vergessen konnte.

Sondern auch ihre kornblumenblauen Augen.

Trotz der Flammen, des Qualms und des Rußes, der blinkenden Lichter und des allgemeinen Aufruhrs waren ihm der angstvolle Blick nicht entgangen, die Panik – und das Vertrauen. Es war jene berührende Art von Vertrauen, die absolut nichts mit Sex zu tun hatte, aber sehr viel mit dem Bedürfnis, sich einem Menschen anzuvertrauen.

Außerdem hatte er die Rundung ihres Bauches bemerkt, als er die ohnmächtige Frau vom Boden der rauchgeschwängerten Toiletten hochgehoben hatte.

Eine Hupe ertönte.

Darr setzte den Blinker, legte den Rückwärtsgang ein und rollte aus der Parklücke, in die sich sofort ein SUV schob, der hinter ihm wartete.

Seit zwei Wochen hatte er überall Erkundigungen über Barbara eingezogen und jeden befragt, der sie am Tag des Feuers gesehen hatte. In der Notaufnahme hatte man ihm nur mitgeteilt, dass sie das Krankenhaus gegen den ausdrücklichen Rat der Ärzte in einem Taxi verlassen hatte.

Daraufhin hatte er bei sämtlichen Taxiunternehmen im Umkreis von Red Rock, das rund zwanzig Meilen von San Antonio entfernt lag, nachgefragt, was ihn einiges an Zeit und Geld gekostet hatte.

Vielleicht wäre es doch klüger gewesen, Nick das Essen bezahlen zu lassen.

Er verließ die Main Street und fuhr durch ein ruhiges Wohngebiet, bis er Windrose Street erreichte. Dort bog er links ab und hielt nach der Hausnummer Ausschau, die er auf dem Zettel zu erkennen glaubte.

Zweimal hatte man ihm schon die Tür vor der Nase zugeschlagen; beim dritten Mal war er wenigstens auf ein freundliches Kopfschütteln gestoßen. Am vierten Haus hatte niemand auf sein Klopfen reagiert, aber bei dem Anblick von zwei Motocross-Rädern und einem herrenlosen Hockeyschläger im Vorgarten geriet er ins Grübeln.

Barbara Burton hatte ihm gesagt, sie sei nicht verheiratet. Zwar vermutete er, dass sie schwanger war, aber sie war viel zu jung, um Kinder zu haben, die auf solchen Rädern fuhren. Trotzdem notierte er sein Anliegen auf seine Visitenkarte und steckte sie in den Türrahmen.

Er stieg in seinen Truck und fuhr in die andere Richtung. Hier wurden die Vorgärten immer kleiner, und die gepflasterte Straße mündete schließlich in einen Schotterweg.

Seit er vor einigen Jahren nach Red Rock zurückgekehrt war, glaubte er, jeden Winkel des Ortes kennengelernt zu haben. In dieser Gegend war er jedoch noch nie gewesen.

Nach einer Abzweigung begann der Weg anzusteigen. Ein einsames Haus lag an der Einmündung der Straße, doch die Nummer auf dem Briefkasten, der in dem von Unkraut überwucherten Garten stand, wies keine Ähnlichkeit mit Devaneys Gekritzel auf, und Darr wendete, um zurückzufahren. Offenbar hatte er einen weiteren Nachmittag mit der Suche nach einer Frau verschwendet, die ebenso gut ein Geist hätte sein können.

Auf der Kuppe des Hügels fiel sein Blick auf ein kleines Haus. Er nahm den Fuß vom Gas und ließ den Wagen ausrollen. Sein Herz schlug schneller.

Das Haus – der Größe nach zu urteilen eher eine Hütte – lag etwa fünfzig Meter von der Straße entfernt und war in einem miserablen Zustand. Kein sauber gemähter Rasen säumte das Haus, sondern steinige Erde, in der ein paar struppige Büsche wucherten. Vor langer Zeit mussten die Wände in fröhlichem Gelb gestrichen gewesen sein, doch jetzt wirkten sie verwittert und trist, und der Carport an der Seite neigte sich bedrohlich zur Seite. Aber unter der schiefen Holzkonstruktion lugte das Heck eines Wagens hervor, und aus dem Schornstein stieg Rauch.

Darr gab Gas.

Kies spritzte von den Reifen auf. „Reiß dich zusammen“, ermahnte er sich, als er auf das Haus zusteuerte.

Er stellte den Wagen ab, stieg aus und sah sich um. Weit und breit keine Menschenseele.

Kaum zu glauben, dass er noch in Red Rock war.

Weiß stieg sein Atem in die Luft. Darr wischte sich die feuchten Hände an seinem Hemd ab, ehe er den Reißverschluss seiner Jacke hochzog. Wenn das hier auch nicht Barbaras Haus war, dann würde er den Zettel zerreißen, und die Sache wäre für ihn endgültig erledigt.

Vielleicht wollte die Frau auch gar nicht gefunden werden. Sie führte schließlich ihr eigenes Leben.

Er umrundete seinen Truck, stieg die drei rissigen Zementstufen zur Vordertür hinauf und klopfte.

Keine Antwort.

Erneut hämmerte er gegen die Tür und legte den Kopf in den Nacken, um den Rauch zu betrachten, der aus dem Schornstein wehte. Drinnen brannte also ein Feuer. Aber noch immer antwortete niemand.

Er klopfte lauter. „Hallo? Ist jemand zu Hause? Ich bin von der Feuerwehr von Red Rock!“, rief er. „Ich bin auf der Suche nach Barbara Burton.“

Bethany schreckte zusammen, als die vertraute Stimme durch die dünne Tür drang. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Vorsichtig schob sie den vergilbten Vorhang am Fenster einen Spalt beiseite und lugte hinaus.

Der Mann auf der Veranda war nicht ihr Vater. Er war auch nicht so groß wie Lyle, und seine Schultern waren viel breiter. Sie hatte ihren Exverlobten zwar nie in Jeans gesehen, aber selbst wenn, hätte sie gewusst, dass sein Po bei Weitem nicht so knackig war.

Wie ein Jagdhund, der seine Beute witterte, drehte der zerzauste Blondschopf sich genau in diesem Moment um. Hatte er sie etwa gesehen? Sofort trat sie einen Schritt zurück.

Unvermindert hämmerte ihr das Herz in der Brust. Wenigstens waren es weder Lyle noch ihre Eltern, die sie holen wollten, um sie zu einer Heirat zu zwingen, die nur zum Vorteil der anderen war.

Wieder erbebte die Tür unter dem energischen Klopfen des Feuerwehrmannes. „Miss Burton, würden Sie bitte die Tür öffnen? Ich bin nicht hier, um Sie zu belästigen. Jedenfalls nicht für lange. Ich … ich wollte mich … nur nach Ihnen erkundigen.“

Nervös rieb sie über den Ärmel ihres Fisherman-Pullovers und zog den Saum tiefer über ihre Jeans. Leise drehte sie den Schlüssel und öffnete die Tür, soweit es die Sicherheitskette erlaubte, die sie selbst angeschraubt hatte.

Misstrauisch betrachtete sie den Feuerwehrmann durch den Spalt. „Erkundigen?“

Lächelnd sah er sie an. Um seine hellblauen Augen bildeten sich kleine Falten. „Jawohl, Ma’am.“

Das Herz hüpfte ihr in der Brust. Sie umklammerte den Türgriff fester. „Ist das üblich? Ich meine, ich bin noch nie aus einem brennenden Haus gerettet worden …“

Er zögerte kurz. „Nun ja, es ist jedenfalls nicht … ungewöhnlich.“

Sie wusste nicht so recht, was sie davon halten sollte. Ein eisiger Luftzug ließ sie erschauern. „Einen Moment.“ Sie schloss die Tür, löste die Kette und öffnete sie weit. „Es ist eiskalt. Vielleicht kommen Sie besser ins Haus.“ Schließlich hatte er ihr das Leben gerettet. Es wäre ziemlich unhöflich von ihr, ihn einfach draußen stehen zu lassen.

Nachdem er eingetreten war, schloss sie rasch die Tür hinter ihm. Neugierig blickte er sich in ihrem bescheidenen Haus um.

Heim, sagte sie sich. Das war jetzt ihr Heim. Und allemal dem feudalen Palast vorzuziehen, in dem sie aufgewachsen war.

Die einzigen Einrichtungsgegenstände waren ein altmodisches Sofa in grellem Orange, ein Nierentisch und ein Esstisch mit spinnendünnen Beinen gewesen.

Nervös befeuchtete sie die Lippen. Schwer lastete die Stille zwischen ihnen, die nur vom Heulen des Windes und vom Prasseln des Kaminfeuers unterbrochen wurde. „Ich hatte noch gar keine Gelegenheit, mich bei Ihnen zu bedanken.“ Sie errötete leicht. „Tut mir leid. Wie soll ich Sie nennen? Officer …?“

„Nennen Sie mich einfach Darr.“

Seine Augenwimpern waren ungewöhnlich dicht. Lächerlich! Warum achtete sie auf solche Details? Er war schließlich nicht gekommen, um mit ihr auszugehen. Selbst wenn sie noch zu haben gewesen wäre – was aber nicht der Fall war. Außerdem hatte er ja schon erwähnt, dass er sich nur nach ihr erkundigen wollte.

„Möchten Sie etwas trinken … Darr?“

Sein Lächeln wurde breiter. Auf seinen Wangen zeichneten sich kleine Grübchen ab. „Gern.“

Rasch senkte sie den Blick und ging zu der kleinen Kochnische. „K…kaffee?“

„Das wäre wunderbar.“

Während sie mit dem Kaffee hantierte, suchte sie fieberhaft nach einem Gesprächsthema. Weil ihr keins einfiel, konzentrierte sie sich auf den Kaffee. Seinen Geruch. Das Kaffeemehl, das sie in die kleine Kaffeemaschine gab. Das Zischen des Wassers, als es heiß in die Kanne tropfte.

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