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Süße Rache & sündige Küsse

Katherine Garbera

Süße Rache & sündige Küsse

PROLOG

Steven Devonshire hatte die ersten beiden Einladungen seines Vaters Malcolm Devonshire ignoriert, doch als seine Mutter ihn angerufen und gebeten hatte, an einer Besprechung in der Everest-Konzernzentrale in der Innenstadt von London teilzunehmen, hatte er nachgegeben.

Zu seiner Überraschung waren auch seine beiden Halbbrüder zugegen, als er das Konferenzzimmer betrat. In einigen Kreisen bezeichnete man ihn und seine Halbbrüder als die Devonshire-Erben, in anderen herablassend als die Devonshire-Bastards. Sie alle waren im gleichen Jahr geboren worden, hatten jedoch verschiedene Mütter.

Malcolm Devonshire gab die Vaterschaft freimütig zu und hatte seine Pflicht erfüllt, indem er Unterhalt gezahlt hatte. Steven wusste nichts über das Verhältnis von Henry und Geoff zu Malcolm, er jedenfalls hatte den Mann noch nie getroffen.

Henry, der zweitälteste der drei Brüder und Sohn von Tiffany Malone, einer Pop-Ikone der Siebziger, war ein berühmter Rugbyspieler gewesen. Nach einer Verletzung hatte er den Sport aufgeben müssen und war er erst im Fernsehen aufgetreten, bevor er in die Musikbranche gewechselt war. Das hatte Steven zumindest in der Klatschpresse gelesen.

„Malcolm hat eine Nachricht für Sie vorbereitet“, erklärte Edmond, Malcolms Anwalt und rechte Hand. Steven hatte ihn schon häufiger getroffen und mochte ihn.

Der Everest-Konzern war immer schon Malcolms ganzer Lebensinhalt gewesen. Da Malcolm vor Kurzem siebzig geworden war, vermutete Steven, dass sein Vater sicherstellen wollte, dass sein Lebenswerk nach seinem Tod weiterexistierte.

Geoff war der Älteste von ihnen und der Sohn von Prinzessin Louisa von Strathearn, einem Mitglied der königlichen Familie. Er und Steven hätten sich fast schon einmal getroffen – sie hatten eigentlich beide nach Eton gehen sollen, doch Geoff war damals wieder abgemeldet worden.

„Mr. Devonshire liegt im Sterben“, erklärte Edmond. „Er möchte, dass das Werk, für das er so hart gearbeitet hat, durch Sie alle weiterlebt.“

„Er hat sein Imperium nicht für uns geschaffen“, erwiderte Steven schroff. Sein Vater hatte stets nur an sich gedacht und nie etwas getan, was nicht zum Nutzen der Firma gewesen wäre.

„Wenn Sie sich bitte setzen würden, dann erkläre ich Ihnen alles“, fuhr Edmond fort.

Gemeinsam mit seinen Brüdern nahm Steven Platz. Er war von Natur aus jemand, der es gewohnt war, dass die Dinge so liefen, wie er es wollte. Er wusste, wie man das Beste aus einer Möglichkeit machte, und sah keinen Grund, warum er diese Gelegenheit nicht beim Schopf packen sollte.

Edmond überreichte ihnen ein Schreiben von Malcolm, in dem jedem von ihnen ein Geschäftsbereich angeboten wurde. Derjenige von ihnen, der innerhalb einer gesetzten Frist in seiner Sparte den größten finanziellen Gewinn erzielte, sollte die Leitung des Gesamtkonzerns übernehmen.

Verlockend, dachte Steven. Die emotionale Seite dieser Vereinbarung, die sein Vater ihnen präsentieren ließ, interessierte ihn nicht im Geringsten, doch der geschäftliche Aspekt reizte ihn. Schließlich besaß er schon eine sehr erfolgreiche Porzellanfirma.

Und wenn er den Wettstreit mit seinen Halbbrüdern gewann, wäre das das Tüpfelchen auf dem i. Er genoss den Gedanken an seinen voraussichtlichen Sieg und wusste, er würde es schaffen. Er war nicht wie Henry – der es viel zu sehr gewohnt war, im Rampenlicht zu stehen – oder wie Geoff, der das Leben eines verwöhnten, privilegierten Mitglieds der königlichen Familie führte.

Edmond nickte ihnen noch einmal zu, bevor er den Raum verließ, damit sie in Ruhe beraten konnten. Sobald die Tür sich hinter ihm schloss, stand Steven auf.

„Ich denke, wir sollten es machen“, erklärte er. Edmond hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass die Abmachung nur galt, wenn alle drei Brüder zustimmten.

Steven brauchte nicht lange, um die beiden anderen zu überreden, da auch ihre Mütter davon profitieren würden – ein Argument, das Henry und Geoff schließlich überzeugte. Anschließend unterhielten sie sich noch ein wenig, und Steven betrachtete seine Halbbrüder. Sie waren Fremde für ihn, doch er war es gewohnt, Dinge allein zu regeln. Er war nie ein Teamplayer gewesen, worauf er seinen Erfolg zurückführte.

Henry ging hinaus, um Edmond zu holen, damit sie ihn über ihre Entscheidung informieren konnten. Kurz darauf verabschiedeten sich seine Brüder, doch Steven blieb sitzen, weil er wissen wollte, was Malcolm zu diesem Schritt motiviert hatte.

„Warum jetzt?“, fragte er Edmond.

„Wie ich schon erklärt habe, hat der schlechte Gesundheitszustand Mr. Devonshire dazu veranlasst …“, begann Edmond.

„Sich um die Firma zu sorgen, die er aufgebaut hat“, beendete Steven den Satz. Er wusste genug über seinen unbekannten Vater, um zu verstehen, was ihn bewegte. Der Everest-Konzern war Malcolm Devonshires Leben, und jetzt, da sein Leben sich dem Ende neigte, wollte er sicherstellen, dass wenigstens seine Firma nicht unterging. Andere würden ihren Kindern vielleicht etwas vermachen wollen, doch Malcolm war es vor allem wichtig, dass sein Imperium auch lange nach seinem Tod noch weiterexistierte.

„Richtig“, stimmte Edmond zu.

Im Grunde konnte er Malcolms Beweggründe nachvollziehen, denn er war seinem Vater sehr ähnlich. Auch er war in der Lage, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren und sämtliche Gefühle, von denen andere sich vielleicht ablenken ließen, außer Acht zu lassen. Er wusste, wie man Opfer brachte, um das zu erreichen, was man sich vorgenommen hatte.

„Dieser Wettbewerb ist nicht fair“, meinte Steven. „Die beiden anderen haben nicht die Erfahrungen in geschäftlichen Dingen wie ich. Sie können gar nicht mit mir konkurrieren.“

„Ich glaube, Sie werden feststellen, dass Geoff und Henry über eigene Stärken verfügen“, bemerkte Edmond.

Steven gefiel es nicht, dass Edmond seinen Halbbrüdern Stärken attestierte, von denen er selbst nichts wusste. Schließlich war er stolz darauf, ein guter Menschenkenner zu sein.

Er würde sich in den nächsten Tagen mit ihnen treffen, um sie kennenzulernen und um sicherzustellen, dass er diesen brüderlichen Wettbewerb gewann.

„Ich werde während der nächsten Monate mit Ihnen in Kontakt bleiben, um mich davon zu überzeugen, dass alles gut läuft“, erklärte Edmond.

Steven schüttelte den Kopf. Er hasste es, wenn ihm jemand über die Schulter sah. „Ich schicke Ihnen einmal wöchentlich eine Mail mit unseren Zahlen und mit den geplanten Aktivitäten, mit denen ich die Einnahmen zu erhöhen gedenke.“

„Gut. Ich stehe Ihnen wie immer jederzeit zur Verfügung, falls Sie meinen Rat brauchen sollten. Ich vertrete Malcolm seit dem Tag, an dem er diese Firma gegründet hat.“

„Ich vermute, dass das demzufolge die längste Beziehung ist, die er in seinem Leben gehabt hat“, meinte Steven sarkastisch.

„Stimmt. Es ist eine Geschäftsbeziehung … und damit können wir beide gut leben.“

Steven nickte. Wieder diese Sache mit den Gefühlen. Distanz zu anderen war der Schlüssel zum Erfolg. Männer begannen Fehlentscheidungen zu treffen, wenn sie Angst hatten, etwas zu verlieren.

„Sparen Sie sich Ihren Rat für die beiden anderen“, meinte Steven. „Ich ziehe es vor, allein zu arbeiten.“

Der ältere Mann kniff die Augen zusammen, doch Steven ließ ihm keine Chance mehr, darauf etwas zu entgegnen. „Einen schönen Tag noch, Edmond.“

Steven verließ das Konferenzzimmer und trat kurz darauf aus dem Firmengebäude. Die Everest-Kaufhäuser würden unter seiner Leitung zu einer der ersten Adressen werden.

Wenn die Leute über die Devonshire-Erben redeten, dann würden sie nicht nur an den berühmten Rugbyspieler oder den Sohn einer Prinzessin denken. Nein, sie würden sich an Steven erinnern und daran, dass er der Beste war.

1. KAPITEL

„Ich habe eine Idee“, sagte Steven zu Dinah, seiner Stellvertreterin bei Raleighvale Porzellan am Telefon.

„Das letzte Mal, als du das gesagt hast, musste ich anschließend der römischen Polizei ein paar unangenehme Fragen beantworten.“

Er lachte. „Dieses Mal bekommst du es nicht mit der Polizei zu tun.“

„Das besänftigt meine Ängste nicht wirklich. Was hast du dir diesmal in den Kopf gesetzt?“

„Was weißt du über Kaufhäuser?“

„Warum?“

„Was hältst du davon, meine Stellvertreterin zu werden?“

„Ich dachte, das wäre ich bereits“, sagte sie.

„Für die Everest-Kaufhäuser. Ich rufe dich aus meinem neuen Büro an.“

„Die Firma deines Vaters? Du hast gesagt, das würdest du niemals tun. Warum jetzt doch?“

Steven redete nicht über sein Privatleben. Niemals.

„Das geht nur mich etwas an. Ich denke es genügt, wenn ich dir versichere, dass ein großer Bonus für dich drin ist, wenn du mir hilfst, diesen Zweig des Everest- Konzerns zu dem erfolgreichsten zu machen.“

„In Ordnung. Wann brauchst du mich?“, fragte Dinah.

„In vierundzwanzig Stunden oder so. Ich muss mich noch akklimatisieren und ein Büro für dich finden. Bring deine Assistentin mit, sobald wir hier erst mal alles geregelt haben, suchen wir jemanden, der dich bei Raleighvale vertritt.“

„Vierundzwanzig Stunden ist nicht viel Zeit“, meinte sie.

„Stimmt, aber du schaffst das. Ich melde mich wieder.“

„Steven?“

„Ja?“

„Bist du dir sicher? Ich kenne dich …“

„Ich bin mir immer sicher“, erwiderte er und legte auf. Niemand kannte ihn wirklich und ganz sicherlich nicht Dinah.

Steven hatte die Porzellanfirma von seinem Großvater übernommen. Gegründet im Jahr 1780, um mit der Firma Wedgwood zu konkurrieren, hatte Raleighvale sich darauf spezialisiert, echt englisches Porzellan herzustellen. Sie waren jetzt die Produzenten für das Königshaus, eine Tatsache, die Dinah Miller neuen Kunden gegenüber gern hervorhob. Außerdem hatte sie erst kürzlich einen neuen Auftrag an Land gezogen: Sie waren jetzt der offizielle Porzellanausstatter für den neuen Präsidenten Frankreichs. Steven war überzeugt, dass Dinah genauso erfolgreich in ihrer neuen Position sein würde.

Sein iPhone zeigte ihm eine neue Nachricht an. Sie war von Geoff, der fragte, ob er sich mit ihm und Henry zu einem Drink im Athenaeum Club treffen wollte. Er sagte zu und griff nach dem Telefon, als es klingelte.

„Devonshire.“

„Hier ist Hammond aus dem Leicester Square Geschäft. Tut mir leid, dass ich Sie behelligen muss, Sir, aber wir haben hier einen Notfall.“

„Warum kümmert sich der Geschäftsführer nicht darum?“, wollte Steven wissen. Er erinnerte sich nicht, den Namen Hammond auf der Liste der Abteilungsleiter für dieses Kaufhaus gesehen zu haben.

„Ich bin Verkäufer im Erdgeschoss, Sir. Die Geschäftsführerin ist zur Mittagspause und geht nicht an ihr Handy. Aber wir können nicht warten, bis sie zurück ist.“

„Was ist los?“, fragte Steven.

„Jemand hat mitten auf der Verkaufsfläche sein Equipment aufgebaut und schießt Fotos von Jon BonGiovanni, dem Sänger, und die Leute blockieren die Aufzüge. Sie rühren sich nicht von der Stelle.“

„Ich komme sofort.“

Er legte auf und schnappte sich sein Jackett, um sich umgehend darum zu kümmern. Das fehlte ihm gerade noch, an seinem ersten Tag einen Einbruch der Verkaufszahlen zu erleben.

Als er am Leicester Square ankam, betrat er das Kaufhaus und verschaffte sich einen Überblick.

Das Problem war offensichtlich. Ein Model und ein Fotograf samt Assistent wuselten mitten auf der Verkaufsfläche herum – genau, wie Hammond berichtet hatte, und die Leute scharten sich darum. Erst als er näher kam, sah er Jon BonGiovanni, den älteren Rockstar, der seine Glanzzeit in den Siebzigern mit der Gruppe Majestica gehabt hatte.

„Was ist hier los?“, fragte Steven, als er sich der Gruppe näherte.

„Wir versuchen, ein Fotoshooting durchzuführen. Ein Shooting, das von der Filialleiterin abgesegnet worden ist. Aber heute scheint niemand mehr zu wissen, dass das vereinbart war“, erklärte der Fotograf.

„Ich bin der Geschäftsführer. Steven Devonshire.“

„Davis Montgomery.“

Steven hatte von Davis gehört. Der Mann war eine Legende und hatte sich mit Fotos von Bob Dylan, John Lennon, Mick Jagger und Janis Joplin einen Namen gemacht.

Steven schüttelte dem Mann die Hand. „Freut mich, Sie kennenzulernen. Aber Sie können hier nicht in der Hauptverkaufszeit Ihr Fotoshooting durchführen.“

„Ainsley hat die Erlaubnis dafür bekommen.“

„Wer ist Ainsley?“

„Ich.“

Die Frau, die hinter ihm erschien, war … atemberaubend. Sie hatte volles, fast schwarzes Haar, das zu einem Pferdeschwanz hochgebunden war. Ihr dunkles Haar und die Alabasterhaut waren das Erste, was Stevens Aufmerksamkeit erregte, doch als er seinen Blick langsam über ihren Körper schweifen ließ, war er genauso hingerissen von ihrer Figur. Sie trug eine schmal geschnittene, langärmlige Bluse, die die Taille betonte, und einen engen schwarzen Rock, der die kurvige Hüfte umschmeichelte. Ein breiter roter Gürtel akzentuierte noch zusätzlich ihre Figur. Sie war seine zum Leben erwachte Traumfrau. Und als er dann noch einen Blick auf ihre langen Beine warf, hätte Steven fast laut gestöhnt. Sie war die Verkörperung eines jener Pin-up-Girls, die schon als Teenager seine Fantasie beflügelt hatten.

„Und wer sind Sie, Miss Ainsley?“

Die Frage schien sie ein wenig zu verunsichern, und er fragte sich, ob er hätte wissen sollen, wer sie war. Sie hatte einen leicht amerikanischen Akzent und kam ganz offensichtlich aus der Mode- oder Musikbranche. Doch er war sich sicher, er würde sich an sie erinnern, wenn er sie schon mal getroffen hätte.

„Ainsley Patterson, Chefredakteurin des Fashion Quarterly.“

„Ihr Name kommt mir bekannt vor, aber ich glaube, wir hatten noch nicht das Vergnügen.“

„Wunderbar“, meinte Davis. „Jetzt kennt ihr euch, und ich würde gern weiterarbeiten.“

„Mr. Devonshire kommt uns sicherlich entgegen. Schließlich haben wir die Genehmigung vom Anwalt seines Vaters bekommen.“

Steven war es leid, von seinem Vater zu hören. Malcolm und er waren nichts weiter als Fremde. Obwohl man das Gleiche auch fast von seiner Mutter und ihm sagen konnte. Er war nie ein Kind gewesen, das an seinen Eltern gehangen hatte.

„Das ist alles schön und gut, Miss Patterson, aber weder Malcolm noch sein Anwalt sind gerade hier. Lassen Sie uns in mein Büro gehen und besprechen, was Sie brauchen, und dann finden wir bestimmt einen für alle geeigneten Zeitpunkt.“

Steven hatte erwartet, dass Ainsley nachgeben würde, doch das tat sie nicht. Er hatte noch nie eine Frau getroffen, die gleichzeitig so sexy und so geschäftsmäßig war. Allein das Gespräch mit ihr machte ihn an, doch irgendwie wusste er, dass das nicht der Weg war, den er einschlagen sollte.

Ainsley wollte nicht auch noch Zeit mit einem Mann verschwenden, der sich nicht an sie erinnerte. Aber sie war nicht erfolgreich geworden, indem sie Menschen mied, die sie verärgerten. Davis warf ihr schon einen Blick zu, der andeutete, dass er kurz davor war, einen seiner berüchtigten Wutausbrüche zu bekommen.

„Kommt schon, ich hab nicht den ganzen Tag Zeit, hier rumzuhängen“, nörgelte Jon.

„Jon, tut mir leid. Warum machen Sie nicht zehn Minuten Pause, während Mr. Devonshire und ich die Sache klären?“

„Werden wir das?“, fragte Steven.

Er sah aus, als wäre er direkt dem Cover eines Modemagazins entsprungen: kurzes Haar, das gewollt nachlässig frisiert war, blaue Augen – so blau wie die von Paul Newman – und so leuchtend und durchdringend, dass Ainsley schon beim ersten Mal, als sie sich getroffen hatten, von ihm fasziniert gewesen war.

Damals war sie allerdings noch zwanzig Kilo schwerer, fünf Jahre jünger und alles andere als selbstbewusst gewesen.

„Ja, werden wir. Ich bin sicher, es gibt da etwas, was wir Ihnen als angemessene Kompensation bieten können – obwohl es für Sie schon ein großes Plus ist, wenn Ihr Kaufhaus in unserer Zeitschrift erwähnt wird.“

„Von Ihrer Perspektive aus betrachtet vielleicht“, meinte Steven.

„Was kann ich tun, damit wir hier weitermachen können?“, wollte sie wissen.

„Ich denke da an einen Artikel über die Devonshire-Erben“, erwiderte Steven. „Malcolm hat jedem von uns die Leitung eines Geschäftsbereiches übertragen. Ich mache die Kaufhäuser, Geoff die Fluglinie und Henry die Musikbranche.“

„Das wäre interessant, aber wir sind eine Frauenzeitschrift.“ Im Geiste rief sie sich all das zusammen, was sie über Steven und seine Halbbrüder wusste. Man müsste sie dazu bringen, über ihre Kindheit zu sprechen, aber selbst das passte nicht in eine Modezeitschrift. Dann kam ihr eine Idee. „Wie wäre es, wenn wir Interviews mit Ihren Müttern machen? Sie waren alle sehr modebewusst, als sie mit Malcolm zusammen waren. Und die Siebziger liegen wieder im Trend.“

„Meine Mutter ist Physikerin.“

„Ich weiß, aber sie galt damals auch als eine der schönsten Frauen Englands.“

Steven kniff die Augen zusammen. „Mir ist nicht ganz klar, wie ein Artikel über meine Mutter der Firma und mir nutzen soll.“

„Wir könnten ein Fotoshooting mit den drei Frauen in den jeweiligen Geschäftszweigen machen. Tiffany Malone zum Beispiel wäre bei Everest-Music in ihrem Element. Ich sehe die Doppelseite schon vor mir“, sagte Ainsley. „Über Sie und Ihre Brüder könnten wir jeweils einen kleineren Artikel schreiben – Henry ist definitiv ein sehr modischer Mann, und Geoff ist Aristokrat … das geht immer.“

„Und ich bin der Geschäftsmann“, meinte Steven.

Ainsley schaute ihn an. Den Mann, der sie abgetan hatte, weil sie unattraktiv und übergewichtig gewesen war, und der eine abfällige Bemerkung gemacht hatte, nach der sie völlig am Boden zerstört gewesen war. „Vielleicht könnten wir Sie in einer unserer anderen Zeitschriften unterbringen.“

„Nein. Wenn wir hier zu einer Einigung kommen wollen, dann nur unter der Bedingung, dass ich mich exklusiv für Sie zur Verfügung stelle.“

Ainsley dachte kurz darüber nach. Sie würde mit ihrem Team darüber sprechen müssen, doch sie würde einen Weg finden, um die Sache durchzuziehen. „Ich bin nicht sicher, ob wir Sie in unseren Plan einfügen können. Ich meine, wenn ich auch Malcolm zu einem Interview bekommen könnte … das wäre ein richtiger Aufreißer.“

„Bestimmt. Aber ich kann Ihnen nicht versprechen, dass Malcolm dazu bereit ist.“

„Stehen Sie ihm nicht nahe?“

„Er liegt im Sterben, Ainsley“, antwortete Steven.

Steven zeigte keinerlei Emotionen. Ob es daran lag, dass er Angst hatte, seinen Vater zu verlieren, es aber anderen gegenüber nicht zugeben wollte?

„Das tut mir sehr leid.“

„Kommen wir wieder zum Geschäft. Sie beenden jetzt hier Ihr Shooting mit Jon und schreiben dann eine Story über uns und unsere Mütter – welche Ausgabe?“

„Ich muss das im Büro klären, aber ich gehe davon aus, dass wir damit im Herbst herauskommen können.“

„Gut“, erwiderte er. „Abgemacht.“

„Wunderbar“, meinte sie und drehte sich um, um zu gehen.

„Wollen Sie mit mir essen gehen, um die Details zu besprechen?“

Nein, das wollte Ainsley nicht. Womöglich bekam er dann mit, dass sie insgeheim für ihn schwärmte, seit sie vor fünf Jahren das Interview mit ihm gemacht hatte. Nicht auf so verrückte Weise, dass sie ihm nachstellte, aber immerhin so sehr, dass sie jeden Artikel, der über ihn veröffentlicht wurde, regelrecht verschlang. Es wäre definitiv besser, wenn es bei einer rein geschäftlichen Beziehung bliebe.

Aber Steven hatte ihr Leben verändert. Es war ziemlich niederschmetternd gewesen, als ihr bewusst geworden war, dass sie für Männer wie Steven absolut unsichtbar war. Nicht nur wegen ihres Gewichts, sondern auch, weil es ihr damals nicht gelungen war, das Interview zu steuern. Er hatte die Frau, die sie vor fünf Jahren gewesen war, nervös gemacht und letztlich dafür gesorgt, dass sie sich und ihr Leben umgekrempelt hatte. Und jetzt wollte sie nichts mehr mit ihm zu tun haben. Okay, das stimmte natürlich nicht ganz. Eigentlich würde sie ihm gern heimzahlen, dass er sie damals so schäbig behandelt hatte.

Und sie hatte heute Abend noch nichts vor, außer ins Büro zu fahren, Korrekturfahnen zu lesen und sich um all die Einzelheiten zu kümmern, die der Job als Chefredakteurin mit sich brachte – eine Position, die sie sich hart erarbeitet hatte. Sie könnte ein paar Stunden für Steven erübrigen.

„Abgemacht“, sagte sie also.

„Müssen wir uns jetzt die Hände schütteln und einen Vertrag aufsetzen?“, wollte er leicht amüsiert wissen.

„Was?“

„Für unser Abendessen. So, wie Sie zugestimmt haben, klang es, als würden Sie ein Meeting verabreden, vor dem es Ihnen graust. Ich glaube, ein Essen mit mir ist ganz unterhaltsam.“

Er hatte Selbstvertrauen, und sie erinnerte sich nur allzu gut an seinen Charme. „Ach ja? Können Sie das garantieren?“

„Aber sicher.“

Ihr BlackBerry piepste und zeigte neue Nachrichten an. Mindestens drei davon mussten umgehend bearbeitet werden. „Wann und wo wollen wir uns treffen?“

Sie winkte Davis’ Assistentin heran.

„Um neun. Ich hole Sie ab.“

„Nicht nötig. Ich würde lieber selber fahren.“

„Ich weiß nicht genau, wo ich so kurzfristig noch einen Tisch bekomme. Geben Sie mir Ihre Adresse“, forderte er sie auf.

Ainsley erkannte, dass Steven es gewohnt war, seinen Willen durchzusetzen. Sie allerdings auch. Kurz überlegte sie, ob sie auf ihrem Standpunkt beharren sollte, aber Zeit war Geld, und sie hatten heute schon genügend Zeit – und Geld – verloren.

„Gut. Holen Sie mich im Büro ab“, sagte sie und ratterte die Adresse herunter.

„Bis heute Abend“, sagte er und schlenderte davon. Ainsley sah ihm hinterher. Ein gut aussehender Mann, dachte sie und ließ ihren Blick noch einen Moment auf seinem knackigen Po verweilen.

„Können wir jetzt weitermachen?“, fragte die Assistentin von Davis.

„Ja.“

„Sehr schön. Ich hole Jon und sage Davis Bescheid“, meinte sie. „Die Unterbrechung wird teuer werden.“

Sie winkte Danielle Bridges, die verantwortliche Redakteurin, zu sich. Ainsley war nur hier gewesen, weil es sich um ziemlich prominente Künstler handelte, und sie war sehr froh, dass sie sich so entschieden hatte. Danielle war noch neu, und Ainsley hegte Zweifel daran, ob sie wirklich für den Job geeignet war.

„Tut mir so leid. Ich habe mehrmals mit der Managerin gesprochen, um die Details bestätigen zu lassen“, sagte Danielle.

Sie hatte sich schon mehrfach entschuldigt. „Wir können später darüber sprechen. Das Problem ist gelöst, und wir werden ein paar sehr gute Fotos zu dem ausgezeichneten Artikel von Ihnen bekommen“, erwiderte Ainsley. Sie war der Meinung, dass die meisten Menschen eher mit Herausforderungen zurechtkamen, wenn ihre Vorgesetzten an sie glaubten. Und sie fand auch, dass man seine Angestellten nicht in der Öffentlichkeit abkanzeln sollte.

„Danke“, sagte Danielle erleichtert.

Ainsley überzeugte sich noch davon, dass das Shooting wieder begann, bevor sie sich auf den Weg ins Büro machte.

Frederick VonHauser wartete bereits auf sie. Er war ein Kollege, aber auch ein guter Freund. Freddie und sie hatten sich auf dem Northwestern College kennengelernt. Damals hieß er noch Larry Murphy, hatte jedoch beschlossen, sich zu Beginn des Studiums einen neuen Namen zuzulegen.

„Alles okay?“

„Ja. Steven Devonshire war da.“

„Ehrlich? Hat er sich an dich erinnert?“

„Nein. Nicht mal die Andeutung einer Erinnerung. Soll ich Danielle feuern?

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