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Süße Rache aus Leidenschaft

1. Kapitel

 

"Verrätst du mir jetzt, warum du als Käufer des Hauses nicht in Erscheinung treten wolltest?" fragte Vido Pascalis persönliche Assistentin Camilla Lycett-Brown und ließ sich auf den Beifahrersitz seines Wagens sinken.

Seine Jugend hatte Vido in England verbracht – vaterlos, denn sein englischer Vater hatte seine Mutter verlassen, nachdem sie schwanger geworden war. Erst als er achtzehn war, kehrte Sophia Pascali mit ihrem Sohn nach Italien zurück. Was man ihm jedoch bis dahin angetan hatte, ließ ihm keine Ruhe. Nie würde er die Demütigungen, die Beleidigungen und den Verrat vergessen.

"Meine Mutter hat hier als Köchin gearbeitet", antwortete er knapp.

Mit zusammengepressten Lippen warf er im Rückspiegel einen Blick auf das historische Gebäude in der kleinen Stadt Shottery. Nach dem Konkurs von George Willoughby hatte Vido Stanford House vor zwei Wochen gekauft. Doch erst heute hatte er es sich nach all den Jahren wieder angesehen. Ich habe es für dich getan, Mutter, dachte er. Eines seiner Ziele hatte er erreicht, aber es gab noch mehr zu tun.

"Und?" fragte Camilla.

Während er durch das schöne schmiedeeiserne Tor auf die Straße zurückfuhr, überlegte er, wie viel er ihr verraten sollte. Als sich das Tor hinter ihm schloss, hielt er an, drehte sich um und betrachtete noch einmal die stattliche Fassade des Hauses. Das alles gehörte jetzt ihm. Plötzlich war er so aufgeregt, dass es ihm beinah den Atem raubte. Von einem solchen Haus hatte er früher nur träumen können.

Stanford House zu besitzen bedeutete für ihn einen persönlichen Triumph.

"Meine Mutter wurde hier fristlos entlassen, vollkommen zu Unrecht." Auch wenn seine Stimme ruhig klang, war sein Blick bei diesen Worten hart. Sophias Arzt hatte ihm bestätigt, dass ihr Gesundheitszustand vor allem deshalb so schlecht gewesen war, weil sie zu viele Sorgen gehabt und Willoughby zu viel von ihr verlangt hatte. Wie bedauerlich, dass sie diesen Triumph nicht miterleben konnte! Über ihren Tod war er immer noch nicht hinweg, und er war fest entschlossen, das Versprechen, das er ihr gegeben hatte, zu halten.

"Was danach passiert ist, hat ihr und auch mein Leben kaputtgemacht. Es war die reinste Hölle. Obwohl ich noch zur Schule ging, musste ich in der Fabrik, die auch Mr. Willoughby gehörte, Nachtschichten einlegen. Bis er auch mich hinausgeworfen hat – wegen Diebstahls, obwohl er genau wusste, dass seine Enkelin die Schuldige war. Diese Leute haben es zu verantworten, dass ich als Dieb abgestempelt wurde."

Noch heute litt er darunter, wie sehr man ihn damals gedemütigt hatte. Ärger und Zorn spiegelten sich in seinem Gesicht. "Ich werde sie zwingen, sich für alles, was sie uns angetan haben, zu entschuldigen", fuhr er fort. "Ich habe meiner Mutter auf ihrem Sterbebett versprochen, unsere Ehre wiederherzustellen. Deshalb brauchte ich Macht über Willoughby und seine schreckliche Enkelin."

"So rachsüchtig kenne ich dich gar nicht", erwiderte Camilla erstaunt.

"Weil du nicht weißt, wie sehr man uns gedemütigt hat. Mir hat es körperlich wehgetan, wie ein Aussätziger behandelt zu werden. Sämtliche Arbeitskollegen haben vor mir ausgespuckt", erzählte er bitter. "Die Enkelin war sehr geschickt. Sie hat ausgerechnet das Geld verschwinden lassen, das die Arbeiter für einen Betriebsausflug gesammelt hatten."

"Und wieso hat man dich verdächtigt?" fragte Camilla verblüfft.

"Sie hat das Geld in meinen Spind gelegt."

"Aber warum hat sie das getan?"

"Aus Hass. Sie hat behauptet, ich würde mit anderen Frauen schlafen, obwohl wir beide ein Paar waren. Und sie hat mir vorgeworfen, ich interessiere mich nur wegen ihres Geldes für sie." Zornig blitzten seine Augen auf.

"Was natürlich nicht stimmte."

"Nein. Ganz im Gegenteil, ich war so schockiert, dass es mir die Sprache verschlagen hat. Kannst du jetzt verstehen, dass mir die Sache so wichtig ist?"

"Ja. War sie schön?" Camilla klang mitfühlend.

Bei der Erinnerung an die damals sechzehnjährige Anna stiegen die seltsamsten Emotionen in ihm auf. Mit ihren langen Beinen hatte sie sich so geschmeidig und verführerisch bewegt, dass sie ihn bis in seine Träume verfolgt hatte. Aber schon im Kindergarten hatte man sie wegen ihrer langen und nicht ganz geraden Nase als Hexe bezeichnet.

Unentschieden zuckte er mit den Schultern. "Ich habe sie geliebt. Sie wirkte so warmherzig und unschuldig und hat mich oft zum Lachen gebracht. Doch in Wahrheit war sie herzlos und hinterhältig." Vido wusste nicht, wo und wie Anna jetzt lebte. Doch er würde sie finden, so viel stand fest.

Durch eine Ironie des Schicksals hatte Willoughby seinen gesamten Besitz verloren. Wohingegen Vido nicht mehr der arme, Hunger leidende Junge war, sondern reich – so reich, dass man es sich kaum vorstellen konnte. Dabei war er erst achtundzwanzig.

Bei dem Gedanken lächelte er spöttisch und legte den Kopf zurück. Wie helles Gold glänzte sein Haar in der Sonne, und seine weißen Zähne bildeten einen aufregenden Kontrast zu seiner gebräunten Haut.

Unglaublich, wie attraktiv dieser Mann ist, dachte Camilla. Unvermittelt umfasste sie sein Kinn und küsste ihn, bevor er sich zurückziehen konnte. Er ließ es geschehen und erwiderte den Kuss halbherzig. Seit Annas Verrat war sein Herz gepanzert. Seitdem war es keiner Frau mehr gelungen, Gefühle in ihm zu wecken.

Dabei war Camilla zweifellos eine schöne Frau, sehr weltgewandt, intelligent und in jeder Hinsicht eine Bereicherung für seine Firma. Vido hatte versucht, sie zu lieben. Denn er sehnte sich nach einer Frau und Kindern. Aber daran war nicht zu denken. Erst musste er die Dämonen der Vergangenheit vertreiben und endlich Frieden finden.

"Lass uns weiterfahren", sagte er rau, startete den Motor und bog auf die Hauptstraße, um zurück nach London zu fahren.

 

Anna kniete in dem kleinen Vorgarten und jätete Unkraut. Als sie sich aufrichtete und das Ergebnis ihrer Arbeit betrachtete, gestand sie sich ein, dass sie die herrlichen Gärten und den riesigen Park von Stanford House vermisste, durch die sie als ungeliebtes und wenig liebenswertes Kind so oft gestreift war.

Gedankenverloren befühlte sie ihre Nase, die inzwischen eine normale Größe hatte und zu ihrem Gesicht passte. Anna lächelte. Dass sie früher ziemlich hässlich gewesen war, hatte sie sehr belastet. Doch erst das Ende der Freundschaft mit Vido hatte ihr Selbstbewusstsein vollends erschüttert.

Kurzerhand verdrängte sie den Schmerz, der ihr Herz wie ein Schraubstock zu umschließen drohte. Warum alte Wunden aufreißen? Natürlich hatte sie Vido heiß und innig geliebt. Aber sie hatte es ihm verheimlicht, aus Angst, dass er sie auslachen würde. Immerhin war er der beliebteste Junge der Schule gewesen, während sie nur eine hässliche graue Maus gewesen war. Jedenfalls hatten die anderen Mädchen sie so genannt.

Sicher, er hatte sie einige Male geküsst, und in den Momenten hatte sie ihr Glück kaum fassen können. Doch ihr Großvater und ihre Klassenkameradinnen hatten ihr schnell die Augen geöffnet: Vido war ungemein ehrgeizig und sie die Erbin eines großen Vermögens. Aus welchem anderen Grund hätte sich ein so gut aussehender Junge für ein so hässliches Mädchen interessieren sollen?

Sogar heute noch schmerzte die Wahrheit. Als sie damals begriffen hatte, dass er nur ein gefühlloser Mitgiftjäger war, stürzte für sie eine Welt ein. Lediglich Mittel zum Zweck zu sein tat scheußlich weh.

Immerhin gehörte das alles der Vergangenheit an. Bald würde sie heiraten und hoffentlich endlich die Wunden heilen können, die Vido ihr zugefügt hatte.

Glücklicherweise gefiel es ihrem Verlobten Peter, dass sie so schweigsam und zurückhaltend war. Emotionale und temperamentvolle Frauen waren ihm verhasst. Mit Peter hatte sie jemanden gefunden, der sie schätzte und akzeptierte, wie sie war. Ihr zukünftiger Ehemann war eher nüchtern und aufmerksam. Zu schade, dass er weder leidenschaftliches Verlangen noch brennende Sehnsucht in ihr weckte.

Nachdem Stanford House verkauft worden war und ihr Großvater einen Schlaganfall erlitten hatte, war sie in das nahe gelegene Cottage gezogen, in dem in besseren Tagen der Gärtner gewohnt hatte. Oft hielten Touristen vor dem schmucken kleinen Häuschen an, um es zu fotografieren.

Wenn Großvater sich doch nur für den Gedanken, in dem hübschen Cottage zu wohnen, erwärmen könnte, überlegte Anna. Aber das war mehr als unwahrscheinlich. Er kam nicht damit zurecht, sein gesamtes Vermögen verloren zu haben, und es war ihm zuwider, in einfachen Verhältnissen zu leben.

Von daher war es kein Wunder, dass er einen Schlaganfall erlitten hatte. Aus dem einst so schroffen, dominanten Mann war ein hilfloser und ängstlicher Mensch geworden. Anna empfand tiefes Mitleid mit ihm und hoffte, dass es ihm bald wieder besser gehen würde.

 

Angespannt betrachtete Vido das glänzende, volle schwarze Haar, das der schlanken Frau über den Rücken fiel. Selbst nach zehn Jahren erkannte er Annas herrlichen Körper noch auf Anhieb.

Sofort und gegen seinen Willen überkam ihn eine verheerende Mischung aus Verlangen und Abscheu. Gleichzeitig ärgerte er sich maßlos darüber, dass er diese hinterhältige, gemeine Frau immer noch begehrte.

"Es ist sonst nicht dein Stil, einfach anzuhalten, wenn dir eine Frau auffällt, und sie ungeniert zu mustern", stellte Camilla belustigt fest.

Um etwas Ordnung in das Chaos seiner Gefühle zu bringen, atmete Vido einmal tief durch. Warum geriet er bei Annas Anblick so sehr aus dem Gleichgewicht? War er etwa ein Masochist? Begehrte er Anna wirklich, obwohl sie ihn verachtete? Mit finsterer Miene beobachtete er sie.

"Ich glaube, es ist Anna", antwortete er betont gleichgültig.

"Ah ja. Wenn du ihr die Meinung sagen willst, dann steig aus." Liebevoll sah Camilla ihn an und legte ihm eine Hand auf den Arm.

Am liebsten hätte er sie weggeschoben. Er verstand selbst nicht, warum er auf diese harmlose Geste so heftig reagierte, und beherrschte sich. "Ja, ich will tatsächlich kurz mit ihr reden", erklärte er und stieg aus.

Die kleine innere Stimme, die ihm zuflüsterte, er wolle noch viel mehr, ignorierte er hartnäckig. Unbegreiflicherweise hatte Annas Anblick ein Verlangen in ihm ausgelöst, wie es stärker nicht sein könnte. Er sehnte sich danach, sie zu besitzen, sie unter sich stöhnen zu hören. Voller Lust sollte ihr herrlicher Körper sich ihm entgegenbeugen.

Während er versuchte, das sexuelle Verlangen, das ihn wie aus heiterem Himmel überfallen hatte, zu verdrängen, funkelten seine Augen vor Wut. Unbestreitbar waren seine Gefühle in Aufruhr geraten. Angeblich vergaß man seine erste große Liebe nie – auf ihn traf das offenbar wirklich zu.

Dabei hatte Anna ihm vorgeworfen, mit anderen Mädchen zu schlafen, und ihn verächtlich und kühl gefragt, ob er vielleicht alle jungen Frauen in der Umgebung mit Geschlechtskrankheiten infizieren wolle. Außerdem hatte sie überall herumerzählt, dass er kriminell wäre.

Mit einer gehörigen Portion Wut im Bauch ging er langsam auf den Holzzaun zu. Ohne ihn zu bemerken, arbeitete Anna in dem winzigen Vorgarten weiter. Als sie sich aufrichtete, verkrampfte sich sein Magen. Sie war tatsächlich noch schöner als damals. Ihre Figur war weiblicher geworden, die nach wie vor langen, schlanken Beine waren leicht gebräunt, die Haut makellos und die Hüften verführerisch gerundet. In den engen Shorts wirkte sie wie die reine Versuchung.

Früher war sie sehr zurückhaltend gewesen. Nicht einmal er hatte ihre hohen festen Brüste berühren dürfen. Angestrengt bemühte er sich, seine Leidenschaft zu zügeln. Schließlich war sein vorrangiges Ziel, den Namen Pascali reinzuwaschen.

Dass sie nicht weit vom Anwesen wohnte, verhieß nichts Gutes. Immerhin wollte er in Stanford House sein Büro einrichten, und sollte sie das Gerücht in die Welt setzen, er hätte einen schlechten Charakter, könnte das enorm geschäftsschädigend für ihn sein. Mit ihren boshaften Bemerkungen konnte Anna ihm sehr schaden.

Während Vido hasserfüllt ihren Rücken betrachtete, versteifte sie sich plötzlich, drehte sich um – und reagierte genau so, wie er es gehofft hatte.

"Vido!" rief sie entsetzt und wich ein paar Schritte zurück, denn er wirkte seltsam bedrohlich. Nur zu deutlich spürte sie sein sexuelles Verlangen und kam sich plötzlich schwach und hilflos vor.

Warum eigentlich? Schon früher hatte er eine starke erotische Ausstrahlung verbreitet. Für ihn waren Frauen nichts anderes als Lustobjekte. So schnell, wie sie gekommen war, verwandelte Annas Angst sich in Zorn, und sie blickte ihn verächtlich an.

Sofort fiel ihm auf, dass sie ihre Nase operieren lassen hatte. Anna war atemberaubend schön. Wieder und wieder musste er sie ansehen, bis er seine Verblüffung überwunden hatte.

Ihre Haut schimmerte golden, und die großen grauen Augen funkelten. Auf einmal und ohne es zu merken, legte sie die Finger an ihre Nase. Das hatte sie schon damals gemacht, wenn jemand sie ansah. Unwillkürlich hatte er das Gefühl, Anna beschützen zu müssen. Doch dann ermahnte er sich, seine Gefühle nicht an sie zu verschwenden.

Lange hatte er geglaubt, sie wäre ein armes reiches Mädchen, das niemand liebte. Ihre Eltern lebten nicht mehr, und ihr Großvater liebte sie nicht. Darüber hatte Vido sich als Junge sehr aufgeregt.

Verächtlich verzog er die Lippen. Denn heute wusste er, dass sie nur deshalb nicht geliebt worden war, weil sie nicht liebenswert war. Anna war genauso kalt und gefühllos wie ihr Großvater. Auch wenn sie sich äußerlich verändert hatte, war sie immer noch derselbe Mensch – boshaft und hinterhältig.

"Anna." In seiner Stimme schwang deutliche Ablehnung. "Was für eine Überraschung."

Sie schluckte. "Ja", erwiderte sie nur. Etwas Besseres fiel ihr nicht ein.

Demonstrativ verschränkte Vido die Arme vor der Brust und lehnte sich an den Zaun. Während er sie abschätzig musterte, verspürte sie so etwas wie Sehnsucht nach seinen Zärtlichkeiten. Natürlich war das nur die Reaktion auf die Erinnerungen, die sein unerwartetes Auftauchen auslöste – zumindest redete sie sich das ein. Vor Jahren hatten sie sich an den Händen gehalten, viel gelacht, sich heimlich geküsst, und sie hatte sich in seiner Gesellschaft sehr wohl gefühlt.

Beherrscht zwang Anna sich, sich auch daran zu erinnern, wie demütigend es gewesen war, als sie endlich begriffen hatte, dass er es nur auf ihr Erbe abgesehen hatte. Damit hatte er ihr das Herz gebrochen.

Stumm wartete sie darauf, dass er etwas sagte, und musterte ihn dabei verstohlen. Heute war sein Haar etwas heller als damals und perfekt geschnitten. Dass er Italiener war, sah man auf den ersten Blick. Vido trug einen eleganten und offenbar sehr teuren Leinenanzug. Und im Gegensatz zu früher umgab ihn eine Aura von Reichtum und Macht.

Aber er war immer noch genau so, wie sie ihn sich in ihren Träumen vorgestellt hatte: wie ein römischer Gott mit goldblondem Haar und seelenvollen dunklen Augen, die von dichten schwarzen Wimpern umrahmt wurden. Doch im Moment strahlte er etwas Bedrohliches aus, das Anna unruhig machte.

Noch eine Erinnerung stieg in ihr auf – wie zornig er geworden war, als sie sich damals so heftig gestritten hatten. Sicher wäre es verkehrt, die Warnungen ihres Großvaters vor Vidos krimineller Energie außer Acht zu lassen.

"Was machst du hier?" fragte sie kühl.

"Ich fahre nach London", antwortete er langsam.

Dann hat er mich wohl nur zufällig entdeckt, dachte sie erleichtert. Anfangs hatte sie befürchtet, er wäre nach Shottery zurückgekommen, um sie zu quälen. Als sie über seine Schulter zum Auto sah, bemerkte sie die fantastisch aussehende Blondine in dem silberfarbenen Wagen. Die Frau lächelte belustigt, was Anna beunruhigte.

"Lass dich nicht aufhalten, deine Freundin wartet", mit diesen Worten versuchte sie, sich von ihm zu verabschieden und drehte sich halb um. Auf keinen Fall durfte er merken, was sie empfand. Schlimm genug, dass sie ihn immer noch so sehr begehrte, als hätte er sie nie getäuscht und betrogen. Vermutlich hatte er gedacht, dass sie sich über seine Aufmerksamkeit freuen müsste, weil sie so hässlich war und sich niemand für sie interessierte. Aber zum Glück hatte sie ihn weggeschickt.

Wegen ihrer Unverschämtheit hatte seine Mutter ihre Stelle in Stanford House verloren, und Vido war auf die schiefe Bahn geraten. Nächtelang hatte er sich mit irgendwelchen Frauen vergnügt, war erst frühmorgens nach Hause gekommen und zu erschöpft gewesen, um für die Schule zu lernen. Dabei war er sich immer so sicher gewesen, ein Stipendium für das Studium zu bekommen. Das hatte er vergessen können, weil ihm Sex wichtiger gewesen war als alles andere. Wie dumm und naiv ich doch gewesen bin, dachte sie.

"Camilla hat viel Geduld und wartet gern, bis ich alles erledigt habe", erklärte er.

Was ist er doch für ein arroganter und selbstgefälliger Mensch, schoss es Anna durch den Kopf. Sie sah ihn an und wünschte sogleich, sie hätte es nicht getan, denn seine Augen erwiderten ihren Blick voller Verlangen. Mit den sinnlichen Lippen und der lässigen Haltung wirkte er viel zu erotisch.

Ich weiß doch genau, wie er ist, ermahnte sie sich. Aber es nützte nichts. Sie musste sich eingestehen, dass sie ihn begehrte, sosehr sie sich auch zusammennahm und sich an alles erinnerte, was er ihr angetan hatte. Ihm hatte sie es zu verdanken, dass sie ihr ohnehin geringes Selbstbewusstsein völlig verloren hatte. Sein Verrat und sein Betrug hatten dazu geführt, dass sie sich jahrelang zurückgezogen und wie eine Nonne oder Einsiedlerin gelebt hatte.

"Deine Freundin tut mir Leid. Du hast deine Einstellung Frauen gegenüber offenbar nicht geändert, oder?" stellte sie fest und musterte ihn verächtlich von Kopf bis Fuß. Er war groß und schlank und viel zu attraktiv. Aber insgesamt ist er nur ein mieser Casanova, sagte sie sich. "Frauen sind für dich also immer noch so etwas wie ein Spielzeug", fügte sie bitter hinzu.

Nichts hatte sich geändert, Anna warf ihm immer noch Unfreundlichkeiten und grundlose Verdächtigungen an den Kopf. Doch er würde sie schon noch dazu bringen, ihn respektvoll zu behandeln.

"Eine geduldige und verständnisvolle Frau, die im Auto auf mich wartet, macht aus mir noch keinen Chauvinisten", entgegnete er.

"Ach, das interessiert mich doch gar nicht", erwiderte sie kühl.

"Aber es wird dich noch interessieren. Wohnst du jetzt hier?" fragte er.

Wie konnte er so überheblich und selbstbewusst dastehen, obwohl er sie betrogen und belogen hatte und nicht viel besser war als jeder kleine Gauner? Doch weil die Gefühle, die Vido in ihr weckte, sie vollkommen aus dem Gleichgewicht brachten, schwieg sie lieber und widmete sich wieder dem Garten.

"Wohnst du jetzt hier?" wiederholte er.

Ihr wurde klar, dass er nicht gehen würde. "Ja", antwortete sie. Plötzlich dachte sie an ihren Verlobten, dem sie bald das Jawort geben würde. Und auf einmal schien Peters freundliches Gesicht vor ihren Augen zu verschwimmen, um Vidos Bild Platz zu machen. Ihr ganzer Körper verkrampfte sich, und sie bekam Angst. Sicher, Peter stellte keine Bedrohung dar. Aber liebte sie ihn? Reichten ihre Gefühle für ihn aus, um ein ganzes Leben mit ihm zu verbringen?

"Warum?" Als sie ihn verständnislos ansah, fügte er betont langsam hinzu: "Warum wohnst du hier – in dem Cottage?"

"Weil mein Großvater das Haus verkaufen musste."

"Ihr hattet also finanzielle Probleme", stellte er zufrieden fest.

Dieser gemeine Kerl. Empört presste Anna die Lippen zusammen. Was wollte er hier? Den Triumph auskosten und boshafte Bemerkungen machen?

"Hier habt ihr nicht viel Platz, nur ein Schlafzimmer und das Wohnzimmer. Dabei seid ihr doch an das große Haus gewöhnt." Seine Stimme klang seidenweich. "Ich war ein paar Mal in dem Cottage, weil ich mich gut mit dem Gärtner verstanden habe. Er war ein Dienstbote – genau wie ich."

Am liebsten hätte sie sich im Haus vergraben. Aber das hätte Vido als Sieg empfunden. Also blieb sie stehen und wünschte, ihre Shorts wären nicht ganz so kurz und verwaschen und ihr T-Shirt nicht voller Erde. Das trug alles dazu bei, dass sie sich ihm gegenüber im Nachteil fühlte.

"Es ist groß genug", behauptete sie trotzig.

"So? Wo schläft denn dein Großvater?" fragte er beharrlich weiter. "Auf dem Sofa?"

"Er hatte einen Schlaganfall und liegt im Krankenhaus. Den Verkauf des Hauses hat er nicht verkraftet", erwiderte sie kühl. "Bist du nun zufrieden?"

Zu ihrer Überraschung veränderte sich seine Miene. Er schien ehrlich bestürzt zu sein.

"Das tut mir Leid", sagte er schließlich schroff.

"Ach ja?"

Finster zog er die dunklen Augenbrauen zusammen. "Wie geht es ihm?"

"Er kann nicht richtig sprechen und ist halbseitig gelähmt. Aber er wird sich wieder erholen."

"Dann wirst du wahrscheinlich auf dem Sofa schlafen müssen, oder?" spottete er.

Natürlich würde sie auf dem Sofa schlafen. Wo sonst? Allerdings fürchtete sie sich davor, mit ihrem Großvater in dem kleinen Cottage zu leben. Seit er die Fabrik nicht mehr besaß, war er noch schwieriger geworden.

"Warum sollte es dich interessieren, wo ich schlafe? Kümmere dich lieber um deine Freundin. Sie langweilt sich schon. Und lass mich bitte allein, ich möchte weiterarbeiten", fuhr sie ihn gereizt an.

Statt zu gehen, stellte er sich direkt neben sie. "Ich finde es interessant, wie das Schicksal manchmal spielt. Jetzt bin ich reich, und du bist arm", flüsterte er in ihr Ohr.

Er war ihr viel zu nah. Schnell trat sie einige Schritte zurück.

"Das Schicksal? Du bist doch bestimmt mit schmutzigen Geschäften so reich geworden, dass du dir Luxusautos und Designeranzüge kaufen kannst", entgegnete sie bissig.

"Vorsichtig, Anna", warnte er sie sanft. "Was du da behauptest, könnte man durchaus als Verleumdung bezeichnen. Ich habe mein Geld durch harte Arbeit verdient. Natürlich gehört auch ein gewisses Talent dazu."

"Meinst du Charme, gutes Aussehen und schön verpackte Lügen? Oder hast du den direkteren Weg gewählt und eine dumme, reiche Frau gefunden, die dir ihr Vermögen überschrieben hat?"

"Was bist du doch für ein rachsüchtiger Mensch", erklärte er zornig.

"Kannst du die Wahrheit nicht vertragen, Vido?"

"Verrat mir nur eines, Anna: Wie fühlt es sich an, arm zu sein?" fragte er hämisch.

"Das müsstest du doch wissen." Angespannt, nervös und aufgewühlt, wie sie war, fehlte nicht mehr viel, und sie würde die Beherrschung verlieren. Dann könnte er wirklich triumphieren.

"Armut ist zermürbend und deprimierend, nicht wahr?" Bei diesen Worten klang seine Stimme gefährlich sanft.

Jetzt sah Anna ihm direkt in die Augen. Trotz seines Ärgers wirkte er so erotisch, dass sie erbebte.

"Ja", gab sie leise zu. Warum quälte er sie so? Offenbar gefiel es ihm, dass sie jetzt in bescheidenen Verhältnissen lebte. Der Mann musste krank sein.

"Ich erinnere mich nur zu gut an die vielen schlaflosen Nächte", erzählte er. "Ich lag hellwach im Bett und habe überlegt, woher das Geld kommen soll, das wir zum Leben brauchen. Wenn Rechnungen kamen, bin ich in Panik geraten. Ich wusste, dass wir in der Falle saßen. Und es gab keinen Ausweg, egal, wie viel und wie hart ich gearbeitet habe."

Als ob er meine derzeitigen Lebensumstände beschreibt, dachte sie. Mit dem wenigen Geld, das ihr zur Verfügung stand, kam sie kaum zurecht. Obwohl sie nicht billigte, was er damals getan hatte, konnte sie inzwischen sehr gut nachvollziehen, dass er der Armut hatte entfliehen wollen.

"Offenbar hast du es geschafft, da herauszukommen." Sie strich sich eine Strähne ihres schwarzen Haares aus dem Gesicht. "Aber du warst ja auch nicht zu stolz, Geld von meinem Großvater anzunehmen. Sozusagen Schmerzensgeld, falls du mich und das Dorf verlassen würdest. Ansonsten hätte er die Polizei eingeschaltet. Er hat deiner Mutter viel Kummer erspart und es dir ermöglicht, ein neues Leben zu beginnen", stellte sie verächtlich fest. "Du solltest ihm dankbar sein."

"Dankbar? Deinem Großvater?"

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