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Süße Lügen, heiße Küsse

1. KAPITEL

Schwierigkeiten.

Für einen Augenblick musste Beth Jones sich am Spülbecken abstützen, denn ihr Herz schlug hart wie ein Basketball gegen ihre Rippen, während sie hinaus in den Garten starrte. Dort stand die tadellos gekleidete und glatt rasierte Verkörperung von Schwierigkeiten.

Der Mann hatte seinen Sport-BMW in ihrer Auffahrt geparkt und war ausgestiegen. Sein muskulöser Körper strahlte Anspannung aus, die Zeichen dafür waren so deutlich wie die anhaltende Oktoberhitze: steife Schultern, zusammengezogene Brauen und Ungeduld, die aus allen seinen Bewegungen sprach.

Sie schluckte, strich sich eine Locke aus dem Gesicht und starrte weiter hinaus.

Er blieb an ihrem Briefkasten stehen, las etwas auf einem Zettel, und seine Stirn legte sich in Falten. Sein Zögern gab Beth Gelegenheit, ihn von Kopf bis Fuß zu mustern, vom kurz geschnittenen Haar über die breite Brust bis zum maßgeschneiderten Anzug und den langen, kräftigen Beinen. Und dann war da noch dieses nervöse Zucken an seinem Kinn.

Der Mann wirkte elegant und selbstsicher, einer dieser Milliarden-Dollar-Alpha-Männer, die automatisch Respekt verlangten.

Kein Reporter also. Irgend so ein Spitzenmanager? Ein Anwalt? Ein Banker?

Sie hielt den Atem an. Das musste es sein.

Es schien, als wäre die East Coast National Bank von Anrufen zu Drohungen an der Tür übergegangen.

Eine verschwundene halbe Million konnte das wohl auslösen.

Schwierigkeiten kamen immer zu dritt. Und wenn sie den platten Reifen und ihren verschwundenen Angestellten als Nummer eins und zwei zählte, dann sah es aus, als würde Nummer drei gleich an ihre Tür klopfen.

Luke De Rossi hatte mörderische Kopfschmerzen. Sie hatten begonnen, als er das Brisbaner Anwaltsbüro verlassen hatte und auf der M1 entlang der Goldküste Richtung Süden gefahren war.

Nicht mal die auf vollen Touren laufende Klimaanlage konnte seine Wut kühlen. Anfangs klickte er sich durch Dutzende von Songs auf seinem iPod, dann gab er auf und ließ die übermächtige Stille die Leere füllen.

Dass er die Abfahrt nach Runaway Bay nahm, bekam er kaum mit. Der Verkehr wurde ruhiger, die Häuser wurden größer, die Grundstücke teurer. Die wiederholten Blicke in den Rückspiegel bestätigten ihm, dass ihn niemand mehr verfolgte.

Er sollte sich freuen. Doch stattdessen nagten böse Vorahnungen an ihm wie ein Hund an einem Knochen. Er konnte sich die neuen Schlagzeilen nur zu gut vorstellen: „Lucky Luke schnappt sich Haus von totem Gangster-Onkel“ war sein Favorit. Die Presse würde ihm ein weiteres Messer in den Rücken rammen, sein Ruf wäre ruiniert, und er würde alles verlieren, wofür er so hart gearbeitet hatte.

Zu Gino hatte er nie eine enge Beziehung gehabt, trotzdem hatte sein Onkel gewusst, wie viel ihm die Karriere bedeutete. Also was zum Teufel hatte der sich dabei gedacht, ihm ein Haus zu vererben, das eben diese Karriere vernichten konnte?

Am Ende der Sackgasse legte der Sonnenuntergang erste Schatten über das alte, ausladende Kolonialhaus. Eine lange, teilweise verdeckte Auffahrt führte zu dem zweistöckigen Gebäude, und auf dem weißen Briefkasten prangte die Nummer dreizehn. Wie passend.

Das Haus war dunkelgrün und ockerfarben gestrichen, die Farben verschmolzen mit dem Grün der Bäume. Eine Sekunde lang erwartete er, einen Hund im Garten herumspringen zu sehen oder Kinder, die auf der Vorderveranda spielten. Doch auf der großen Holzveranda stand nur eine gemütliche Hollywoodschaukel, als wollte sie ihn einladen, es sich bequem zu machen.

Er schnaufte verächtlich, als er aus dem Auto stieg. Trotz der exklusiven Lage wirkte das Ganze irgendwie … einfach und bodenständig. Etwas, das sein Onkel ganz sicher nie gewesen war. Was hatte Gino mit diesem kleinen Vorortgrundstück gewollt, wo er sich doch jedes Haus auf Queenslands erlesenen Whitsunday Islands hätte leisten können?

Voller Wut war Luke aus dem Anwaltsbüro gestürmt, ohne auf Erklärungen zu warten. Genau genommen war er schon geladen hineingegangen. Und nachdem zwei Sätze von Ginos Testament verlesen worden waren, hatte er sich umgedreht und war hinausgestürmt. Wenn er nur einen Moment länger geblieben wäre, hätte er Dinge getan und gesagt, die er irgendwann mit Sicherheit bereut hätte.

Noch immer hörte er die Worte seines Onkels: Du musst dir das anhören, Luke. Du musst Frieden schließen mit deiner Familie.

Vorerst hatten ihn die Vorstandsmitglieder nur inoffiziell vor dem Albtraum gewarnt, den Gino Corelli für das öffentliche Ansehen der Bank bedeutete. Daher hatten sie auch nicht von Suspendierung gesprochen, sondern von einer „temporären Abwesenheit wegen familiärer Verpflichtungen“.

Frieden schließen, so ein Quatsch, dachte Luke. Und trotzdem, aus irgendeinem verrückten Grund war er jetzt hier.

Du musst das in Ordnung bringen.

Tief atmete er ein. Er war schuld an Ginos Tod. Wochenlang hatte er die Schuldgefühle verdrängt, hatte sie unter seinem Arbeitspensum vergraben, sich selbst mit endlosen Stunden am Schreibtisch betäubt, bis es im edlen Sitzungssaal des Aufsichtsrats von Jackson und Blair dann zum großen Knall gekommen war.

Die Sache in Ordnung bringen.

Er fluchte leise. Eine Woche würde genügen, um das Haus zu evaluieren und zum Verkauf anzubieten. Dann würde er das Geld seiner Tante Rosa geben und zu seinem Leben zurückkehren, zur anstehenden Beförderung.

Eine Woche. Zehn Tage, höchstens. Dann wäre er frei. Alles ganz simpel.

Er machte einen weiteren Schritt, ignorierte das Klingeln seines Handys, bis der Anblick eines roten Autos, das vor der Veranda parkte, ihn stehen bleiben ließ.

Was mochte es mit diesem Haus auf sich haben? Es war dazu gedacht, kein Aufsehen zu erregen, das sah man sofort. Aber schon allein das Grundstück musste ein paar Millionen wert sein. Schnell ging er alle Möglichkeiten durch, bis er bei einem unangenehmen Gedanken hängen blieb.

Ein Liebesnest.

Ein übler Geschmack breitete sich in seinem Mund aus, bitter und schwarz. Nein. Gino hatte Rosa geliebt. Über vierzig Jahre lang waren sie glücklich verheiratet gewesen. Unmöglich dass er …

Doch warum hatte Gino das Haus dann nicht Rosa vererbt? Warum ihm?

Wieder betrachtete er das Haus, presste die Lippen aufeinander. Irgendetwas stimmte hier nicht … etwas, das er nicht greifen konnte.

Besorgnis kitzelte ihn im Nacken, das Hemd klebte schweißnass an seinem Rücken. Er fuhr sich über den Hals. Dann blickte er über seine Schulter die kurvige Auffahrt hinunter. Eine dichte Hecke schirmte das Haus von der ruhigen Straße ab.

Ein paar gut gepflegte Zitronenbäume beugten sich über die Vorderveranda wie grüne Wächter. Der Rasen musste mal gemäht werden, aber die Blumenbeete waren umgegraben und zeigten damit deutlich, wo die Prioritäten des Bewohners lagen. Und mit Ausnahme des monotonen Zirpens der Zikaden herrschte Stille.

Noch einmal kochte die Wut in ihm auf, die er seit seinem Zusammentreffen mit der Presse versucht hatte abzuschütteln.

Für den Wagen vor der Veranda gab es noch eine andere Erklärung: Einer der unternehmungslustigen Reporter war ihm einen Schritt voraus.

Bislang war Luke immer in der Lage gewesen, die Grenze zwischen unerwünschter Aufmerksamkeit und guter Publicity zu ziehen. Aber alles, was im Moment über ihn kursierte, roch nach Skandal.

Ja, er war das jüngste Vorstandsmitglied von Jackson und Blair, Queenslands wohlhabendster Handelsbank. Ja, er verfügte über unglaublich viel Macht und Einfluss. Aber das interessierte die Pressemeute nicht, sie wollten lieber darüber berichten, dass er der Neffe des vermeintlichen Mafiabosses Gino Corelli war.

Luke starrte auf den Schlüssel in seiner Hand, Reue schnürte ihm die Brust zusammen. Die schweren Anschuldigungen seines Cousins auf der Beerdigung nagten noch immer an ihm. Wenn du etwas getan hättest, wäre mein Vater vielleicht noch am Leben.

Er schloss die Hand um den Schlüssel. Die scharfen Kanten schnitten in seine Haut, doch er begrüßte den Schmerz. Alles, was von der Wunde in seinem Herzen ablenkte – und sei es nur für Sekunden – war eine Gnade.

Luke starrte auf die Tür zu seinem Erbe – massiv, abgenutzt … und verschlossen.

Obwohl er den Schlüssel besaß, klopfte er an. Dann wartete er.

Gerade wollte er erneut klopfen, als die Tür geöffnet wurde – und sein Verstand nahm sich kurzzeitig eine Auszeit.

Vor ihm stand die menschliche Ausgabe von Bambi, die großen moosgrünen Augen weit aufgerissen. Das blaue Tank Top und kurze ausgefranste weiße Jeans, die nur bis zur Mitte der Oberschenkel reichten, ließen den Blick auf sehr viel nackte Haut frei. Unter der spärlichen Bekleidung deuteten sich an allen entscheidenden Stellen perfekte weibliche Rundungen an. Die langen honigbraunen Beine schienen unter den Achseln zu beginnen und endeten an korallenfarben lackierten Zehennägeln.

Luke De Rossi verschlug es die Sprache.

Er zog seine Sonnenbrille nach unten und ließ seinen Blick über den Körper wandern, bis er bei den Augen ankam – frostigen grünen Augen, die alle unangemessenen Gedanken im Keim erstickten.

Beth trat einen Schritt zurück. Der Blick dieses arroganten Fremden verhieß nichts Gutes. Und die dunklen, fast schon femininen Wimpern verstärkten diesen Eindruck. Er schob die Sonnenbrille wieder vor seine Augen und musterte sie mit der Eindringlichkeit eines Inquisitors. Dabei strich er sich mit seinen langen Fingern über das Kinn.

„Ich nehme an, dass Sie wegen Ben Foster hier sind?“, fragte Beth kühl.

„Wegen wem?“

Ungeniert spähte er über ihre Schulter, und sie wurde unruhig. Als ihr bewusst wurde, wie leichtsinnig es war, so viel preiszugeben, presste sie die Lippen aufeinander.

Jetzt blickte er sie wieder an. „Was machen Sie in diesem Haus?“

Angesichts seiner offenen Feindseligkeit drehte sich Beth der Magen um, aber sie wollte sich nicht einschüchtern lassen. „Was machen Sie hier?“

Er warf ihr einen finsteren Blick zu. Dann drängte er sich plötzlich an ihr vorbei und strebte den Flur entlang.

Mit offenem Mund starrte Beth hinter ihm her. Panik übermannte sie, beschleunigte ihren Atem und schließlich ihre Schritte.

Als sie ihn einholte, war er bereits im Wohnzimmer, zog die Vorhänge auf und musterte den schattigen, hinteren Garten.

„Was glauben Sie eigentlich …“

„Ihr Leute gebt nie auf, oder?“ Er fuhr herum, starrte sie kampfbereit an. „Die Verfolgung, der Hinterhalt vor meiner Wohnung – und jetzt dieser miese Trick. Wie sieht der Plan aus? Mit Ihren grünen Augen klimpern, Ihre langen Beine zeigen und mich nett um ein Exklusivinterview bitten?“

Sein dunkler Blick strich so eindringlich über sie, dass Beth sich plötzlich nackt und verletzlich fühlte.

„Diese Shorts sind übrigens ein netter Einfall. Ablenkung durch Anziehung, stimmt’s?“

Beth atmete tief ein. „Was gibt Ihnen das Recht …“

„Lady, ich hatte einen beschissenen Tag, und ich brauche das hier wirklich nicht. Ich habe Ihre Tarnung auffliegen lassen, aber offensichtlich brauchen Sie die Story dringend. Hier also mein Angebot: Sie verschwinden umgehend, und ich zeige Sie nicht wegen Hausfriedensbruch an.“

Fassungslos beobachtete Beth, wie er sich wieder zum Fenster umdrehte.

„Wo sind die Kameras? Die Mikrofone? Hinter den Büschen?“

Sie schnaufte vor Wut. „Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind?“

Ruckartig wandte er sich wieder zu ihr um, der ganze Körper schien vor Verärgerung zu vibrieren. Es war ein respekteinflößender Anblick, der durch seine Größe und die Arroganz, die in seinem Blick und in seiner Körpersprache lag, unterstützt wurde.

Während seine schweigende Musterung andauerte, pochte ihr Herz immer schneller, klopfte heftig gegen ihre Rippen. Mit einem Blick schätzte sie die Entfernung bis zur Küche ab. Dort lagen scharfe Messer, das Telefon …

„Versuchen Sie, sich dumm zu stellen?“, fuhr er sie an.

Doch bevor sie darauf antworten konnte, griff er in seine hintere Hosentasche, zog eine teure Lederbrieftasche hervor und hielt ihr seinen Führerschein unter die Nase. „Luke De Rossi, Miss …?“

„Jones. Beth Jones.“

In einem kurzen Moment der Klarheit bemerkte Luke, wie sie unsicher einen Schritt in Richtung Flur machte, sah den erschrockenen Blick aus ihren grünen Augen, die von langen sandfarbenen Wimpern eingerahmt wurden. Sie wippte auf ihren Füßen vor und zurück, bereit, jeden Moment die Flucht zu ergreifen. Misstrauen verhärtete die Muskeln in ihrem Gesicht. Teufel, er konnte ihre Verzweiflung praktisch riechen.

Nein, sie war definitiv keine Reporterin. Und Hausbesetzer wohnten nicht so gepflegt. Ihre Worte klangen hart, und sie trug ihre Abwehr wie einen schützenden Mantel – dabei sah sie aus wie ein Geschenk der Götter. Und sie wirkte ebenso verwirrt, wie er es war.

Also doch eine Geliebte.

Gewöhnlich verließ er sich auf seine Selbstbeherrschung, seine autoritäre Ausstrahlung, doch die schienen sich heute, zusammen mit seinem sonst so unfehlbaren Instinkt, aus dem Staub gemacht zu haben.

Er trat einen Schritt zurück. „Schauen Sie, Miss Jones. Vielleicht fangen wir noch einmal von vorn an. Ich bin …“

„Ich weiß genau, wer Sie sind.“

Luke stieß einen heftigen Atemzug aus und fühlte die dröhnenden Kopfschmerzen neu aufflackern. „Ich vermute, Sie haben Unterlagen, die beweisen, dass dies Ihr Haus ist?“, fragte er kurz angebunden.

Ihre Augen wurden schmal. „Beweise? Warum?“

„Lady, ich wüsste ein bisschen Hilfe sehr zu schätzen.“

„Ich wohne hier seit drei Jahren und …“

„Als Eigentümerin oder als Mieterin?“

„Was?“

„Gehört das Haus Ihnen oder haben Sie es gemietet?“, sagte er laut und deutlich.

Beth schluckte eine grobe Erwiderung herunter. Noch immer kochte sie vor Wut. „Ich habe es gemietet, aber …“

„Helfen Sie mir, Miss Jones.“ Er spannte sein Kinn an. „Wer hat Ihnen das Haus vermietet?“

„Ein Maklerbüro.“

„Welches?“

„Ich verstehe nicht, was Sie das …“

„Der Name. Bitte.“

Schweigend kreuzte sie die Arme vor der Brust.

Luke strich sich mit einer Hand durch die Haare, aber die kurzen Strähnen richteten sich sofort wieder auf. Die Geste passte nicht zu ihm und ließ ihn seltsam … verletzlich aussehen. Beth lachte fast bei dem Gedanken. Verletzlich? Klar. So verletzlich wie ein Panther, der seiner Beute auflauert.

Vage erinnerte sie sich an einen Beitrag über Australiens führende Finanzunternehmen, den sie in einer Ausgabe der Sun-Herald einmal gelesen hatte. „Lucky Luke“ De Rossi war einer von Jackson und Blairs hochbegabten Talenten – übernatürlich hoher IQ, Harvardstudium, beste Referenzen. Als Manager der milliardenschweren Handelsbank hatte er eine mustergültige Laufbahn vorzuweisen, die perfekte Vertrauen-Sie-mir-Ihre-Millionen-an-Ausstrahlung und einen absolut seriösen Ruf. Himmel, sie würde seine Professionalität bewundern, wenn er nicht gerade vor ihr stehen und sie verunsichern würde.

Noch immer blickte er sie unverwandt und schweigend an. Dann verzog er plötzlich das Gesicht und rollte mit den Schultern. Mit einer Hand massierte er kurz seinen Nacken.

Trapezmuskel, dachte sie automatisch. Verspannte Deltamuskeln. Vermutlich Rückenschmerzen. Ganz sicher Kopfschmerzen.

Sie blinzelte irritiert. Es war, als würde die Erschöpfung aus allen Poren dieses Mannes dringen, der Frust zeichnete sich auf seinem Gesicht ab. Und so sehr er sich auch bemühte, sie zu verbergen, die Schmerzlinien um seinen Mund konnte sie deutlich erkennen.

Schnell zwang sie das aufkommende Mitgefühl nieder.

„Also, Sie mieten dieses Haus“, sagte er schließlich.

„Ja.“

Von dem Zynismus in seinem Blick ließ sie sich keine Sekunde lang einschüchtern. Er verstärkte nur ihren Ärger.

„Wer ist der Makler? Haben Sie eine Adresse? Eine Telefonnummer?“

„Wollen Sie mir nicht verraten, was hier vorgeht?“

„Ich versuche, diese Sache zu klären, und Sie sind nicht gerade hilfreich.“

Er war so daran gewöhnt, die Fragen zu stellen, die absolute Kontrolle zu haben, dass Beth kaum ein trockenes Lachen zurückhalten konnte. Mit Männern seiner Art war sie schon oft genug fertig geworden. „Wie wäre es, wenn Sie mir helfen und aus meinem Haus verschwinden?“

„Was?“

„Sie haben mich verstanden.“

„Ihr Haus?“ Er zog die Brauen zusammen. „Soweit ich weiß, gehört das Haus meinem Onkel.“ Sein finsterer Gesichtsausdruck wurde noch finsterer. „Hatten Sie eine Affäre mit ihm?“

Sie spürte, wie sie rot wurde. „Erst stürmen Sie in mein Haus, dann behaupten Sie, ich würde mit ihrem Onkel schlafen? Sind Sie verrückt?“

Luke biss die Zähne zusammen, seine Kopfschmerzen waren unerträglich. Verdammt, diese Lady ist kein Bambi, die ist Godzilla! „Hören Sie, wir erreichen nichts, wenn wir uns anschreien.“

„Richtig.“ Sie marschierte durch den Flur, sodass er ihr folgen musste. „Ich lebe hier, Mr De Rossi. Falls Sie irgendwelche Besitzansprüche haben, kommen Sie wieder, sobald Sie das auch beweisen können.“

Seine Beine waren schwer vor Erschöpfung. Alles, was er wollte, war eine Dusche und schlafen – er wäre bereit, ein Kapitalverbrechen zu begehen, wenn er dafür beides sofort bekäme.

Zeit, die Taktik zu ändern. Vielleicht konnte er zu ihrer sanften Seite durchdringen. Falls sie die hatte.

Er trat einen Schritt auf sie zu, lächelte sie gewinnend an und hob bittend die Hände. „Bestimmt können wir zu einer Einigung finden.“ Ermutigt von ihrem überraschten Gesichtsausdruck fuhr er fort. „Sie wissen, wer ich bin, daher wissen Sie auch, dass mein Wort zählt …“

„Wofür zählt?“

Ihre ruhige Erwiderung entlockte ihm ein Lächeln, von dem er wusste, dass es Herzen zum Schmelzen brachte. Und wenn er es darauf anlegte, auch so manchen starken Willen.

„Und welche Art von Einigung meinen Sie?“

Eine warme Brise strich durch die offene Tür herein. Lukes Blick fiel auf den sanft gewölbten Brustansatz, der im weiten Ausschnitt ihres Tank Tops zu sehen war. Verflucht noch eins. Schnell wollte er aufblicken, aber nun blieb sein Blick an dem leichten Schweißfilm auf ihrem glatten honigfarbenen Hals hängen.

„Geben Sie mir eine Chance, Ms Jones.“ Er schluckte und konzentrierte sich schließlich auf die Türklinke. „Ich bin den ganzen Weg von Brisbane hergekommen und musste dabei eine Horde Reporter abhängen.“

„Nicht in dem Auto, das gerade abgeschleppt wird, hoffe ich.“

Seine Reaktion hätte nicht perfekter sein können. Als er herumwirbelte, stieß Beth ihn mit der Kraft all des aufgestauten Ärgers über die Schwelle.

Luke stolperte hinaus, und als er seine Balance wiederfand, hatte sie bereits das Gitter vor der Haustür geschlossen.

„Das Recht steht auf der Seite der Besitzenden. Ich wünsche noch eine schöne Nacht.“

Dann schlug sie ihm die Tür vor der Nase zu.

2. KAPITEL

Der Dienstagmorgen zeigte sich von der schönsten Frühlingsseite. Die Sonne schickte ihre Strahlen durch den wolkenlosen blauen Himmel und brachte mehr als einen Angestellten dazu, sich krankzumelden.

Luke saß in seinem Auto und starrte über den Garten hinweg in die Küche. Beth bewegte sich zielstrebig – entschieden, präzise. Schon der Gedanke, mit ihr in eine Konfrontation zu geraten, ließ seine Alarmglocken schrillen.

Die meisten Männer hätten diesen Hinweis verstanden und die Polizei die Sache klären lassen.

Er war aber keiner der meisten Männer.

Er hätte seinem ersten Impuls folgen und die Erbschaft ablehnen sollen. Nur …

Gino hatte immer genau gewusst, was er tat, wenn es um seine Geschäftsinteressen ging. Also gab es einen Grund dafür, dass er seinen Neffen als Erben benannt hatte, und bei Gott, den würde Luke herausbekommen. Auch wenn das eine Konfrontation mit einer möglichen Geliebten bedeutete.

Also, zwei Möglichkeiten: die Polizei rufen oder die Sache selbst in die Hand nehmen.

Er seufzte. Keine Frage. Möglichkeit eins bedeutete öffentliche Aufmerksamkeit, die er weder wollte noch brauchte. Bei Möglichkeit zwei würde er wenigstens die Kontrolle behalten. Aber dafür musste er mehr über Beth Jones herausfinden.

Als ein stechender Schmerz seinen Nacken durchfuhr, streckte er sich und dehnte die Muskeln.

Man brauchte keinen Abschluss in Psychologie, um zu erkennen, dass diese Frau nicht leicht Vertrauen fasste, besonders nach seinem Auftritt gestern Abend. Er schauderte innerlich. Derart die Kontrolle zu verlieren war höchst ungewöhnlich für ihn, das durfte nicht wieder vorkommen.

Seine Lippen zuckten. Verdammt, sie hatte ihn wirklich überrascht. Sie war stärker, als sie aussah.

Luke stieg aus. Zitronen. Nach denen roch sie. Frisch, zitronig und lecker. Wie die altmodische Limonade, die seine Tante Rosa an heißen Sonntagnachmittagen immer machte … säuerlich beim ersten Schluck, aber unglaublich süß, wenn man zum Zucker auf dem Boden des Glases kam.

Er runzelte die Stirn. Sie mochte fantastisch riechen und noch besser aussehen, aber er hatte einen Job zu erledigen. Und ihr kaum verhohlenes Misstrauen zeigte deutlich, dass sie etwas vor ihm verbarg. Darauf würde er seine anstehende Beförderung verwetten.

„Danke, dass Sie Crown Real Estate gewählt haben“, drang die blecherne Nachricht an Beths Ohr. „Unsere Bürostunden sind von …“ Beth umklammerte den Hörer und seufzte, dann legte sie auf. Augenblicklich klingelte das Telefon. Sie nahm ab. „Ja?“

„Legen Sie nicht auf. Hier ist Luke De Rossi.“

„Woher haben Sie diese Nummer?“

„Aus dem Internet. Schauen Sie nach draußen.“

Sie fuhr herum und starrte auf die langbeinige Figur in ihrem Vorgarten. „Wie lange sind Sie schon da?“

„Ein paar Stunden.“

Was dachte er, würde sie tun – das Haus abfackeln? Abhauen?

„Wir müssen uns unterhalten.“

Sie versteifte sich, wartete auf den Haken, aber Luke sah nur schweigend zu ihr herüber. Schließlich sagte sie: „Ich komme raus.“

Mit einer Gelassenheit, die ihr pochendes Herz nicht verriet, ließ sie die Rollläden hinunter. Laut rasselnd fuhren sie hinab.

Nervosität überkam sie. Hektisch lief sie in der Küche auf und ab.

Sie wollte nicht reden. Himmel, sie hatte die letzten zehn Jahre den Mund gehalten. Ihr ganzes idyllisches Leben beruhte auf Lügen, und reden würde nur die Vergangenheit zurückholen, alles, was sie hinter sich gelassen hatte.

Ganz zu schweigen von einer Anklage wegen Identitätsdiebstahl.

Eiskalt legte sich die Angst auf sie. Die australische Presse war von großen Tragödien fasziniert, besonders am Vorabend des zehnten Jahrestages dieses tragischen Unfalls.

Sie las auch sonst selten die Nachrichten, doch in den letzten Monaten war es ihr gelungen, alles zu vermeiden – Zeitungen, Fernsehen, Radio. Sie war perfekt darin geworden, Gespräche auf andere Themen zu lenken, wenn ihre Kunden auf aktuelle Nachrichten zu sprechen kamen.

Nur ihre Erinnerungen konnte sie nicht so leicht vermeiden.

Sie ging zum Küchentresen und goss sich eine Tasse Kaffee ein, schluckte den bitteren Geschmack der Panik hinunter. Niemand in ihrem neuen Leben wusste, wer sie ...

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