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Süße Küsse und unschickliche Geheimnisse

Terri Brisbin

Süße Küsse und unschickliche Geheimnisse

1. KAPITEL

London, England

„Zum Teufel!“

Ein Papierstapel auf seinem Schreibtisch rutschte von der glänzenden Mahagonioberfläche und auf den Boden, als er die jüngste Ausgabe der „Scottish Monthly Gazette“ von sich schleuderte. Ungewohnte Wut stieg in ihm auf, und schließlich konnte er nicht widerstehen und griff wieder nach dem beleidigenden Blatt, um noch einen letzten Blick darauf zu werfen. Sicher hatte er sich verlesen. Sicher war nicht wirklich von ihm die Rede gewesen.

Doch nach eingehender Prüfung musste David Lansdale erkennen, dass im Leitartikel der „Gazette“ nicht nur sein Titel – Earl of Treybourne – erwähnt wurde, sondern auch ärgerliche Bemerkungen über seinen eigenen Aufsatz in der angesehenen „Whiteleaf’s Review“ des vergangenen Monats fielen.

„Mylord?“

David sah auf. Sein Butler stand an der Tür zum Studierzimmer.

„Ich sagte doch, dass ich nicht gestört werden will, Berkley.“

„Dessen war ich mir wohl bewusst, Mylord“, erwiderte Berkley, wobei er sich ehrerbietig verbeugte, „allerdings ist Lord Ellerton gekommen und scheint nicht geneigt, sich abschrecken zu lassen.“

Sehr wahrscheinlich hat er das hier gesehen, dachte David gereizt, den Blick auf die „Gazette“ gerichtet.

„Dann werden Sie eben noch abschreckender wirken müssen, Berkley. Ich wünsche um diese Zeit keine Besucher zu empfangen.“ Und mit betontem Missfallen: „Niemanden.“

Berkley, wie immer der vollkommene Butler, nickte nur und zog sich zurück. Stille herrschte für eine Weile, während David die Papiere vom Boden aufhob und auf den Schreibtisch zurücklegte. Sorgfältig sortierte er sie wieder in ordentliche Stapel. Lord Anthony Ellerton gehörte zu seinen besten Freunden, doch in diesem Moment war ihm seine Gesellschaft einfach nicht willkommen. Später würde er sich bei ihm entschuldigen – sobald er sich erst einmal aus dieser misslichen Lage befreit hatte.

Und sobald er sich gegen die Wut seines Vaters gewappnet hatte, der diesen Angriff wohl kaum gleichmütig aufnehmen würde. Der Marquess of Dursby war selbst im besten Fall ein mürrischer, humorloser Mann.

Mit etwas Glück würde er die „Gazette“, die die politische Opposition unterstützte, vielleicht nicht lesen. David setzte sich an den Tisch und legte den Grund für sein Missfallen in die Schublade, um ihn nicht sehen zu müssen. Als Nächstes musste er überlegen, wie er am besten auf die Bemerkungen in A. J. Goodfellows neuestem Artikel antworten sollte.

Das Geräusch fester Schritte riss ihn aus seinen düsteren Gedanken. David konnte sich nur einen Besucher denken, für den Berkley seine Befehle missachten würde, und in dem Moment, als die Tür geöffnet wurde, schickte er ein Stoßgebet zum Himmel.

Es wurde nicht erhört.

„Der Marquess of Dursby“, verkündete Berkley, trat beiseite und ließ Davids Vater ein. Er schloss die Tür, und David wurde von einem Gefühl drohenden Unheils gepackt.

„Vater.“ Er erhob sich und machte eine knappe Verbeugung. „Es erstaunt mich, Sie so früh hier zu sehen.“

Sein Vater nickte lediglich, ohne sich zu einer Antwort herabzulassen.

„Kann ich Ihnen etwas zu trinken oder zu essen anbieten, Sir?“

„Ich verschwende meine Zeit nicht mit so etwas, wenn das Schicksal des Landes auf dem Spiel steht.“

„Ganz so tragisch ist es nicht, Sir.“

„Genau das ist das Problem mit dir, Treybourne. Die Verantwortung, die man dir übertragen hat …“

„Aufgezwungen hat, Sir“, unterbrach David ihn. Unter vier Augen mit seinem Vater konnte er eingestehen, dass es nicht seine Entscheidung gewesen war, als Wortführer für die konservative Tory-Partei zu agieren.

Er betrachtete den Mann, der ihn gezeugt hatte, und staunte wieder über die Tatsache, dass sie trotz der großen äußerlichen Ähnlichkeit – das gleiche braune Haar, die gleichen markanten Gesichtszüge, die gleichen hellblauen Augen – so völlig verschieden waren, was Persönlichkeit und Grundsätze anging.

„Ein Ehrenmann steht zu seinem Wort.“ Die Bemerkung war eine Forderung und darauf angelegt, ihn zu beleidigen. Der Marquess of Dursby duldete es nicht, dass man sich seiner Pflichten entzog, besonders wenn es um die Familienehre ging.

„Und ich werde auch halten, was ich versprochen habe, Sir.“

David straffte die Schultern und wartete, bis der Marquess seinem Groll Ausdruck verlieh. Und da sein Vater noch nie dazu geneigt hatte, irgendjemandes Gefühle zu schonen, ergriff er die Gelegenheit sofort beim Schopf.

„Du hättest diese Widerlegung voraussehen müssen, Treybourne. Jeder hätte es geahnt, der auch nur über ein wenig Erfahrung in der Kunst der Rhetorik verfügt.“

David verschränkte die Arme vor der Brust und heftete den Blick auf eine Ecke seines Studierzimmers, während sein Vater sich in einer Schmährede gegen seine politischen Gegner, die liberalen Whigs, erging.

„Du gibst einfach nicht genügend Acht, Treybourne. Noch eine deiner Schwächen. Wie hoffst du eigentlich, deinen Widersacher zu vernichten und klarzustellen, dass seine Partei eine Politik betreibt, die das Land in den Ruin treiben wird?“

„Welche Antwort wünschen Sie von mir zu hören, Sir? Wenn Sie glauben, ich sei nicht in der Lage, Ihre Ziele zu erreichen, erweisen Sie jemandem die Ehre, in den Sie mehr Vertrauen setzen.“

Diese Wendung des Gesprächs war nichts Neues. Wann immer sein Vater ihm zur Last legte, seine Rolle als Parteiwortführer nicht allzu ernst zu nehmen, bat David darum, von dieser Pflicht befreit zu werden. Tatsächlich hatte er sie sich nur des Geldes wegen aufgebürdet, mit dem er seine eigenen Ziele verfolgte – Ziele, die weit wichtiger waren, als dass die Feindseligkeit zwischen Vater und Sohn sie gefährden dürfte.

„Ich werde weiterhin unsere Abmachung ehren, sofern du das Gleiche tust – zehntausend Pfund im Jahr, für welche zweifelhaften Zwecke du sie auch verwenden magst. Du deinerseits sollst dafür deine Überredungskünste spielen lassen, damit die Abgeordneten des Unterhauses und die Mitglieder des Oberhauses endlich erkennen, wie schädlich die Whigs für die Nation sind.“

David schluckte mühsam bei dem Gedanken, er könne die Geldmittel verlieren. Erst nach dem Tod seines Vaters konnte er über das Familienvermögen verfügen, also musste er sich bis dahin den Wünschen und Launen des Marquess fügen. Gäbe es einen anderen Weg, würde er ihn bei der ersten Gelegenheit einschlagen. Doch der eine oder andere Artikel und gelegentliche Reden im Parlament waren die einfachste Möglichkeit, um auf gesetzliche Weise an die Mittel zu kommen, die er brauchte.

„Ich lasse meist einen Tag oder zwei vergehen, um über den letzten Artikel nachzudenken, bevor ich eine Antwort verfasse, Sir“, entgegnete er und sah seinem Vater in die kühlen Augen.

„Prächtig“, sagte Dursby. „Vergiss nicht, dass du dich jederzeit an meinen Sekretär Garwood wenden kannst, solltest du Hilfe brauchen.“

Es gab keine Situation, in der er sich jemals an Garwood wenden würde. „Danke, Sir.“

Nach einem knappen Nicken wandte der Marquess sich ab und ging zur Tür. Er räusperte sich und wartete darauf, dass Berkley ihm öffnete. Gleich darauf verhallten seine festen Schritte im Flur.

Die Begegnung hatte kaum zehn Minuten gedauert, doch David kam es vor, als wären Stunden vergangen. Er beschloss, sich mit einem Glas Wein zu stärken, bevor er sich daranmachte, seine nächste Schlacht zu schlagen – mit dem schottischen Verfasser politischer Essays A. J. Goodfellow.

Als Berkley es eine ganze Weile später wagte, seinen Herrn zu unterbrechen und an seine abendlichen Verabredungen zu erinnern, war David immer noch keine angemessen scharfe Antwort auf den verbalen Angriff in der Zeitschrift eingefallen.

2. KAPITEL

Edinburgh, Schottland

Anna Fairchild schritt rasch über die Brücke, die den Fluss Leith überspannte, um von Stockbridge zur New Town zu gelangen. In ihrer Eile, das Büro der „Scottish Monthly Gazette“ zu erreichen, ließ sie sich kaum Zeit, die Grüße jener Bekannten zu erwidern, denen sie auf ihrem Weg zur Frederick Street begegnete. An einem anderen Tag würde noch genug Muße sein, mit ihnen zu plaudern, doch der heutige war dafür zu wichtig – er konnte über den Erfolg oder das Scheitern ihrer Bemühungen entscheiden.

Heute befand sich die letzte Ausgabe der „Gazette“ an allen Verkaufsstellen in Edinburgh und London. A. J. Goodfellows Erzfeind Lord Treybourne hatte wahrscheinlich schon die Antwort auf seinen Artikel gelesen und war sicher noch ganz benommen von dem unvermuteten Schlag. Dieses Mal hatte Goodfellow den Earl persönlich aufs Korn genommen, und Anna konnte das Ergebnis kaum erwarten. Allerdings war sie nicht ganz so sicher, wie Nathaniel sich verhalten würde.

Der sonst dreißigminütige Weg von der Ann Street, in der sie mit ihrer Tante und Schwester wohnte, bis zum Büro an der Ecke George und Frederick Street, verging heute wie im Flug. Als sie ihr Ziel erreichte, war sie völlig außer Atem. Nathaniel sprach gerade mit seinem Sekretär. Schnell nahm Anna Pelisse und Hut ab und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, die sich beim schnellen Gehen aus dem strengen Knoten in ihrem Nacken gelöst hatte.

Geistesabwesend nickte sie den beiden Schreibkräften zu, die bereits emsig die eingehende Leserpost sortierten. Vielleicht war es vermessen, aber sie war davon überzeugt, dass dieses ungewohnte Interesse an dem gestrigen Artikel liegen musste, den sie trotz Nathaniels Bedenken hatte drucken lassen.

„Ich sehe den Stolz in deinen Augen, Anna.“ Nathaniel stand plötzlich neben ihr an der Tür.

„Findest du es unziemlich?“, fragte sie und versuchte, ihren Triumph zu unterdrücken. „Wir wollten doch mehr Aufmerksamkeit für unsere Zeitung, und wie es aussieht …“, sie wies auf die emsigen Herren Lesher und Wagner, „… ist es uns auch gelungen.“

„Aber zu welchem Preis?“ Er seufzte. „Ich erhielt heute eine Einladung, vor einigen Führern der Whig-Partei eine Stellungnahme zu dem jüngsten Artikel abzugeben.“

„Freust du dich denn nicht, Nathaniel? Es war doch Teil unseres Plans, dass man auf dich aufmerksam werden und dich als Kandidat für die nächsten Wahlen aufstellen soll. Jetzt wirst du dir langsam einen Namen machen, und am Ende gewinnst du vielleicht sogar einen Gönner. Eines Tages wirst du mit unserem größten Gegner im Unterhaus debattieren können.“

„Mit Trey?“

„Mit Trey?“, wiederholte sie verwundert. Bis jetzt hatte er noch nie diesen vertraulichen Spitznamen für Lord Treybourne benutzt.

„Wir waren zusammen in Eton und Oxford. Ich dachte, ich hätte es dir gesagt.“

Anna unterdrückte die Worte, die ihr als Allererstes in den Sinn kamen und die einer wohl erzogenen Dame wie ihr nicht anstanden, und erwiderte stattdessen nur: „Nein, Nathaniel, obwohl es bestimmt sehr nett gewesen wäre, wenn du es getan hättest.“

Ihr gereizter Ton erregte die Aufmerksamkeit der Schreibkräfte, des Sekretärs und mehrerer Besucher und Lieferanten, die sich gerade in der Redaktion aufhielten. Anna senkte sittsam den Blick. Sie durfte auf keinen Fall gefährden, wofür sie so lange und so angestrengt gearbeitet hatten. Nathaniel hielt ihr die Tür auf, und Anna betrat sein Büro.

Kaum hatte er die Tür hinter ihnen geschlossen, begann er: „Anna, ich bin sicher, ich habe es erwähnt, als wir beschlossen, auf seine Artikel zu reagieren.“ Er trat hinter seinen Schreibtisch und wartete, bis sie ihm gegenüber Platz genommen hatte. „Genauso wie ich dagegen war, seinen Namen so früh in dieser Kampagne zur Sprache zu bringen.“

Nathaniel nannte ihr Unterfangen eine „Kampagne“, und Anna war sehr zufrieden mit dieser Bezeichnung. Denn es musste sicherlich wie eine Art Feldzug betrachtet werden, was sie hier begonnen hatten – wenn auch kein militärischer, so doch ein moralischer und wirtschaftlicher. Sie dachte kurz nach. „Wird Lord Treybourne Vergeltung üben? Vielleicht sogar finanzielle?“

„Das glaube ich nicht“, erwiderte er. „Der Familiensitz der Lansdales befindet sich in Dursby im Westen Englands. Sie besitzen überall in England Land, sogar ein wenig hier in Schottland. Es gibt nichts, was ihnen hier reizvoll genug erscheinen könnte, dass es sich für sie lohnen würde, uns anzugreifen. Aber …“

„Aber?“ Nathaniel war für gewöhnlich kein Schwarzseher, einer der Gründe, weswegen sie seine Meinung zu schätzen wusste.

„Wenn ich mich recht erinnere, war Lord Treybourne nie ein so verknöcherter Moralapostel, als wir noch zusammen studierten. Seine Haltung erstaunt mich, und deswegen ist er für mich auch unberechenbar.“

„Nun ja, das Leben auf der Universität lässt sich wohl nicht als Maßstab nehmen. Ich habe gelesen, selbst Studenten der Theologie lassen sich von den Versuchungen dort mitreißen“, sagte Anna lächelnd. „Der Marquess of Dursby vertrat schon immer die Position der Tories. Da finde ich es nur natürlich, dass sein Sohn ihm darin folgt.“

„Sieh dir doch den Prinzregenten an. Der war fast nie einer Meinung mit seinem Vater“, konterte Nathaniel. „Und wieso liest du eigentlich Texte über die Beschäftigungen junger Männer an der Universität?“

„Meine Lektüre, abgesehen von der der ‚Gazette‘, geht dich gar nichts an.“

Obwohl seine grünen Augen einen Moment ernst blickten, lächelte Nathaniel schließlich. „Würde es aber, wenn du endlich meinen Heiratsantrag annehmen wolltest.“

Anna senkte betreten den Blick. „In der Hinsicht hat sich nichts geändert, Nathaniel. Du weißt, du und Clarinda seid meine liebsten Freunde. Ich könnte niemanden höher schätzen als euch. Doch ich möchte keine Ehe eingehen.“

Sie hatte geglaubt, dass er sich keine Hoffnungen mehr machte, deswegen überraschte sie sein neuer Antrag.

Er nickte und lächelte. „Ich denke, du versuchst lediglich, die Kontrolle zu vermeiden, die dein Gatte über dich hätte. Sicherlich würde er deine Arbeit hier und in der Schule einschränken und natürlich dein Geld kontrollieren“, fügte er hinzu. „Das fürchtest du wohl am meisten.“

Nathaniel ahnte nicht, wie nahe er der Wirklichkeit damit kam. Anna kämpfte seit Jahren darum, ihre Familie nach dem Tod ihres Vaters und der Krankheit ihrer Mutter zusammenzuhalten. Die Erziehung, die sie selbst in einer Schule für vornehme junge Mädchen in der Nähe von Edinburgh genossen hatte, ermöglichte es ihr, sie durch diese schwierigen Jahre hindurch zu ernähren. Als ihre Mutter starb, erbte Anna eine unerwartete, wenn auch relativ bescheidene Summe Geldes, von der sie einen Teil in Nathaniels Traum investieren konnte – eine monatliche Zeitschrift. Jetzt lebten sie beide von diesem zunehmend erfolgreichen Unternehmen und schafften es zudem noch, den Armen und Bedürftigen in der Gegend zu helfen.

„Wollen wir zu unserem Thema zurückkehren, Nathaniel? Lord Treybourne“, fügte sie trocken hinzu. „Fürchtest du, er könne uns schaden wollen? Oder ist es nur deine übliche Sorge, wie bei jeder neuen Ausgabe?“

„Ein wenig von beidem, Anna. Der Trey, den ich damals kannte, war immer sehr direkt, wenn er sein Missfallen ausdrücken wollte. Falls er glaubt, ich sei zu weit gegangen, wird er sich ohne Umschweife mit mir in Verbindung setzen. Und was die neue Ausgabe angeht, ist es mir eine Freude, dir mitzuteilen, dass die Subskriptionen im Vergleich zum letzten Monat um zehn Prozent gestiegen sind.“

Schnell errechnete sie den Betrag, den ihnen das einbringen würde, und lächelte. „Großartige Nachrichten!“

„Ich habe die Zahlen. Du kannst sie dir ansehen, wann immer du willst.“

„Das ist nicht nötig.“ Sie zweifelte nicht an seiner Ehrlichkeit, sondern nur an seiner Bereitschaft, ihren gemeinsamen Plan – ihre Kampagne – bis zum Ende durchzuführen. Die Beweggründe für die Arbeit an dieser Zeitschrift waren bei beiden verschieden, doch gemeinsam würden sie ihre Ziele erreichen.

„Nathaniel, ich glaube, du solltest nach London gehen.“

Er runzelte die Stirn. „Ja? Aber Clarinda und Robert kommen nächste Woche zu Besuch.“

Anna stand auf und trat ans Fenster, den Blick auf das rege Treiben auf der Straße vor der Redaktion gerichtet, doch in Gedanken ganz woanders.

„Sicher wäre es besser, bis nach Clarindas Besuch zu warten. Lord Treybourne wird diese Woche wohl noch damit beschäftigt sein, auf Mr. Goodfellows Artikel zu antworten. Du suchst ihn am besten dann auf, wenn es am vorteilhaftesten für dich ist. Dann redest du über Dinge mit ihm, über die Gentlemen so reden, und verabschiedest dich, sobald du deine Meinung kundgetan hast.“

Nathaniel musste lachen. „Über die Gentlemen so reden, was? Willst du mir nicht lieber eine Liste geben und mir die Meinung klarmachen, die ich kundgeben soll?“

„Du nimmst mich auf den Arm, Nathaniel. Ich vertraue da ganz auf dein Geschick, mit dem selbstherrlichen Lord Treybourne fertig zu werden.“

Zu ihrem Ärger lachte er nur noch heftiger, bis ihm die Tränen kamen.

„Oh, Anna“, sagte er und wischte sich die Augen. „Du hast doch keine Vorstellung davon, was dir bevorsteht, sollte der Earl of Treybourne sich tatsächlich von dir herausfordern lassen. Wenn du unterrichtest, hören deine Schüler dir aufgrund deiner Erfahrung und deines Wissens zu. Wenn du mir in Dingen des Verlagswesens einen Rat gibst, achte ich ihn, weil ich dich kenne und dir vertraue. Aber Lord Treybourne – ganz besonders, sollte auch noch sein Vater, der Marquess, in die Sache verwickelt sein – wird der furchtbarste Gegner sein, dem du dich je stellen musstest.“

Anna hob trotzig das Kinn. Nathaniel wollte sie nicht beleidigen, dennoch fühlte sie sich brüskiert. Für einen Blaustrumpf gehalten zu werden machte ihr nichts aus, denn es hielt ihr unerwünschte Bekanntschaften vom Leib. Ihre Fähigkeiten und ihre gute Erziehung waren ihr nicht peinlich, weil sie damit ihre Familie und viele andere vor einem Leben in Armut und Trostlosigkeit hatte retten können.

Nathaniel erhob sich, kam zu ihr und nahm ihre Hand. „Sollte Lord Treybourne dir jemals höchstpersönlich gegenüberstehen, würdest du vielleicht endlich einsehen, dass eine Heirat mit mir das kleinere Übel wäre.“

„Da du, lieber Nathaniel, dafür sorgen wirst, dem Teufel, ich meine dem Earl, in London zu begegnen, mache ich mir da weiter keine Gedanken.“ Anna entzog ihm ihre Hand und tätschelte seine. „Das ist ja einer der Vorzüge unserer ungewöhnlichen Abmachung.“

Einen Moment schien es so, als wolle er ihr widersprechen, doch dann trat er zur Seite, um sie vorbeigehen zu lassen. „Und A. J. Goodfellow?“

„A. J. Goodfellow wird weiterhin auf das harte Los der Armen und Unglücklichen in diesem Land aufmerksam machen.“

„Es bleibt also alles beim Alten?“, fragte Nathaniel, dabei konnte es da keinen Zweifel geben.

„Ich glaube nicht, dass wir an diesem Punkt etwas ändern sollten“, erwiderte sie und wartete auf seine Antwort. Sie führten dieses Gespräch jeden Monat, seit sie A. J. Goodfellows ersten Artikel in der Zeitschrift veröffentlicht hatten. Und jedes Mal betete Anna insgeheim, dass Nathaniel nicht den Mut verlieren möge. Sie lenkte sich ab, indem sie sich die Handschuhe anzog.

„Gut“, sagte er leise.

Anna atmete auf und öffnete die Tür. „Dann wünsche ich Ihnen also noch einen schönen Tag, Mr. Hobbs-Smith.“

„Das wünsche ich Ihnen auch, Miss Fairchild.“

Ihr Ton wurde immer dann formell, wenn die Möglichkeit bestand, dass Fremde oder Besucher sich vor dem Büro aufhielten, denn die Schreibkräfte und Nathaniels Sekretär wussten, dass sie gute Bekannte waren. Sie wussten allerdings nicht, wie gut sie miteinander bekannt waren, und nahmen sicher fälschlicherweise an, es verbinde sie ein romantisches Verhältnis.

In jedem Fall ahnten nicht einmal die Männer, die im Büro arbeiteten, dass die junge Frau, der Nathaniel in die Pelisse half, um sie dann hinauszubegleiten, der politische Essayist A. J. Goodfellow höchstpersönlich war.

3. KAPITEL

„Lady Simon ist entzückt über den Erfolg dieses Abends.“

„Wenn du damit die drückende Hitze und die verschwitzte Menschenmenge meinst, dann stimme ich dir zu, Ellerton.“

David bahnte sich einen Weg zum Rand des Ballsaals, wo es etwas weniger Getümmel zu geben schien. Es war sein dritter Ballabend in dieser Woche und ebenso überfüllt und unangenehm wie die anderen, doch auf diese Weise fand er Ablenkung von seiner misslichen Lage.

„Du bist zu bescheiden, Trey. Deine Anwesenheit hier macht den Abend erst zum Erfolg.“

Aus Ellertons Mund klangen diese Worte eher wie eine Warnung als wie ein albernes Kompliment. Doch die Warnung kam zu spät. Seine Gastgeberin hielt bereits zielstrebig auf ihn zu und hatte ihn im nächsten Moment erreicht.

„Lord Treybourne! Sie wollen uns doch nicht schon so früh verlassen?“

Lady Simon trug ein Kleid, das ihre etwas zu fülligen Rundungen nicht besonders vorteilhaft zur Geltung brachte. Sie beugte sich weit vor und zeigte dabei, was sie offensichtlich für einen reizvollen Blick auf ihr Dekolleté hielt. „Meine Nichte Catherine hatte so auf einen Tanz mit Ihnen gehofft.“

David achtete nicht auf die junge Dame, die in einiger Entfernung mit beängstigender Geschwindigkeit die Wimpern flattern ließ.

„Ich fürchte, ich muss mich verabschieden, Lady Simon“, sagte er unaufrichtig. „Bitte stellen Sie mich Ihrer Nichte bei der nächsten Gelegenheit vor. Leider rufen mich jetzt andere Verpflichtungen von hier fort. Vielen Dank für die freundliche Einladung und noch einen schönen Abend.“

Er verbeugte sich höflich. Schnellen Schrittes hielt er auf den Ausgang zu und blieb nur kurz stehen, um sich von dem Diener den Mantel reichen zu lassen.

Um nicht noch von jemandem aufgehalten zu werden, warf er sich den Mantel nur über den Arm, verließ das Haus und eilte die Treppe hinunter, wo Ellerton ihn bereits erwartete.

David holte einige Münzen aus der Tasche und reichte sie einem Diener. „Finden Sie meinen Kutscher, und sagen Sie ihm, er soll uns nachfahren. Wir werden in diese Richtung gehen.“

Es war die vernünftigste Entscheidung, da die lange Reihe der Kutschen sich bis zum übernächsten Häuserblock erstreckte und es über eine Stunde dauern konnte, bis seine Kutsche vor dem Haus halten würde. Nachdem sie einige Schritte zurückgelegt hatten, wandte er sich an Ellerton: „Ich denke daran, eine Weile auf unseren Jagdsitz in den Cairngorms-Bergen zu fahren, Anthony. Möchtest du mitkommen?“

„Tagt das Unterhaus nicht mehr?“

„Mir wurde gesagt, dass wir vor Anfang Oktober nicht mehr zusammentreten. Da bleibt mir genug Zeit, ein wenig die Freuden des Jagens zu genießen.“

Ellerton hatte noch nicht geantwortet, als die Kutsche der Dursbys sie endlich einholte. David gab dem Kutscher Anweisungen, während er und sein Freund in die weichen Polster sanken, und kehrte zu seiner Frage zurück.

„Mein Vater wird nicht da sein, falls du das fürchtest. Er begleitet meine Mutter auf unser Gut in Nottinghamshire.“

„Das war sicher ein Grund für mein Zögern, Trey. Der Marquess macht sich nichts aus meiner Gesellschaft.“

„Er macht sich noch weniger aus meiner, also sind wir erst einmal sicher vor ihm.“

„Ach? Hältst du wieder mal die Fahne der Partei nicht hoch genug?“

„Warum nimmst du das Ganze eigentlich nicht so ernst?“ Beide Familien unterstützten die Seite der Tories, doch Ellertons Vater hatte sich noch nie in die Machtspiele der Politik eingemischt.

„Vater interessiert sich seit Langem mehr für seine Güter als für politische Reden“, antwortete Ellerton achselzuckend.

Neiderfüllt dachte David an seinen eigenen Vater, der in seinem Element war, wenn es um politische Intrigen ging. „Ich werde am Donnerstagmorgen abreisen. Gib mir Bescheid, wenn du dich mir anschließen willst.“

Anthony sah eine Weile nachdenklich aus dem Fenster, bevor er sagte: „Ich habe dich noch nie vor etwas davonlaufen sehen, Trey.“

David gab vor, ihn nicht zu verstehen. „Die Saison ist vorbei. Nach fünf Bällen und sechs Abendeinladungen in den vergangenen zwei Wochen habe ich meine Pflicht als Junggeselle erfüllt, denke ich.“

„Dann willst du dich also nur von den Anstrengungen der Gesellschaft erholen und nicht dem unangenehmen Gesprächsthema über eine ganz bestimmte Veröffentlichung ausweichen?“

David spielte einen Moment mit dem Gedanken, genau das zu tun, um seine Schwäche nicht eingestehen zu müssen, aber Anthony war einer der wenigen Menschen, denen er vertrauen konnte.

„Um die Wahrheit zu sagen, laufe ich eher auf mein Problem zu als davor fort.“

„Auf deinem Jagdsitz?“, fragte Anthony zweifelnd. Doch dann ging ihm ein Licht auf, und er lachte. „Natürlich. Nicht zufällig führt dein Weg zu eurem Jagdsitz dich direkt durch Edinburgh. Du handelst also nach der Devise: ‚Sei deinen Freunden nahe, aber deinen Feinden noch näher‘, was?“

„Ich kämpfe offen und ohne mich zu verstecken, während mein Gegner sich hinter seiner Anonymität verschanzt. Diese Situation möchte ich gern ändern.“

„Das ist der Trey, den ich kenne! Du hast noch nie einen Kampf gescheut.“ Anthony klopfte David anerkennend auf die Schulter. „Es ist mir eine Ehre, dich zu begleiten – als dein Sekundant sozusagen.“

David lächelte, doch die Worte ließen ihn insgeheim zusammenzucken. Eigentlich hoffte er, seinen Besuch in Edinburgh, wo er den geheimnisvollen Mr. A. J. Goodfellow aufzuspüren gedachte, diskret hinter sich zu bringen. Sein Sekretär hatte weder den familiären Hintergrund des Mannes ausfindig machen können noch seinen Aufenthaltsort.

Jetzt wollte David seine Beziehungen nutzen – ein alter Schulfreund gab die „Scottish Monthly Gazette“ heraus und würde gewiss in der Lage sein, ihm bei der Suche zu helfen. Andererseits war nicht ganz so sicher, ob Nathaniel so ohne Weiteres bereit wäre, es zu tun. Es kann nicht schaden, wenn ich persönlich meine Überredungskünste spielen lasse, dachte David.

„Mein Besuch soll eher eine ruhige Aufklärungsmission werden. Mein Sekretär hat bereits Erkundigungen eingezogen. Ich werde lediglich einige vielversprechende Anhaltspunkte verfolgen.“

Anthony nickte gelassen. „Ich kann schweigen wie ein Grab, Trey. Du kannst dich auf meine Diskretion verlassen.“

David beendete das Thema und drehte sich wieder zum Fenster. Er hatte noch viel zu tun in den zwei Tagen, bevor er die Stadt verließ.

Seine Antwort auf den aufrührerischen Artikel würde am Donnerstag den Herausgeber erreichen, also bekämen seine Leser ihn zu sehen, während er in Edinburgh war. Genau der richtige Zeitpunkt für ihn, Nathaniel und seine Verbündeten zu beobachten und den schwer fassbaren Mr. Goodfellow aus seinem Versteck zu scheuchen.

So sehr war Anna in ihre Lektüre des neuen Lehrbuchs vertieft, das sie für ihren Leseunterricht in der Schule verwenden wollte, dass das Klopfen sie erschreckte. Bevor sie etwas sagen konnte, wurde die Tür zu Nathaniels Büro geöffnet, und ein Fremder trat ein. Sein Gesicht war nicht zu sehen, weil er sich kurz umwandte, um die Tür hinter sich zu schließen, seine vornehme Kleidung allerdings zeugte von Reichtum und seine stolze Haltung von Souveränität. Er musste genauso erstaunt über ihre Anwesenheit sein wie sie selbst über seine. Schnell legte sie einige Papiere auf ihr Buch und kam um den Schreibtisch herum, um den Fremden zu begrüßen.

„Guten Morgen, Sir.“ Sie hielt ihm die Hand hin. „Kann ich Ihnen behilflich sein?“ Er betrachtete ihre Hand, wobei er leicht die Stirn runzelte. Also ein Mann, der es sehr genau nimmt mit den Konventionen, dachte Anna. Sehr wahrscheinlich aus London.

„Guten Morgen, ich suche Mr. Hobbs-Smith“, entgegnete er und verbeugte sich flüchtig, ohne die ausgestreckte Hand zu nehmen. Sein vornehmer Akzent verriet seine Herkunft.

„Mr. Hobbs-Smith ist noch nicht gekommen. Ich bin Miss Fairchild. Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“

Er war sehr groß, größer sogar als Nathaniel, und sein Auftreten hatte etwas Gefährliches, Zorniges. Als sie sich ansahen, stockte Anna sekundenlang der Atem. Noch nie hatte sie einen so intensiven Blick auf sich gespürt, und die Worte kamen ihr nur mühsam über die Lippen. Zu ihrer Erleichterung öffnete Lesher im nächsten Moment die Tür und verkündete Nathaniels bevorstehendes Erscheinen. Der seltsame Zauber, der sie kurz in seinen Bann gezogen hatte, war gebrochen.

„Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten, Mr. …“ Anna wartete darauf, dass der Mann sich vorstellte. Sie musste wissen, wer er war.

„Es geht um eine geschäftliche Angelegenheit, Miss Fairchild. Erfrischungen werden nicht vonnöten sein.“ Er zog die Handschuhe aus, hielt sie ungeduldig in der einen Hand und musterte neugierig jeden Winkel des Büros. Dann nahm er den Hut ab, warf die Handschuhe hinein und legte ihn auf den Schreibtisch.

Hielt er sie für einen Schwachkopf, der nicht wusste, wie man ein geschäftliches Gespräch führte? Sie versuchte schließlich nur, höflich zu sein, und er behandelte sie, als wäre sie … eine Frau.

Anna hasste die herrische Art von Männern wie ihm. Zweifellos konnte er sich nicht vorstellen, dass eine Frau sich in einem Redaktionsbüro auskannte. Die einzigen Angehörigen ihres Geschlechts, denen er begegnete und die sich ihr Brot verdienen mussten, waren sehr wahrscheinlich nur seine Bediensteten, Verkäuferinnen in einem Laden und all jene, die ihren Lebensunterhalt auf dem Rücken liegend bestritten.

Erschrocken hielt Anna den Atem an. Woher kamen nur diese völlig unerwarteten und ganz und gar unangebrachten Gedanken?

„Geht es Ihnen nicht gut, Miss Fairchild?“, fragte er. Sein Blick wurde nicht sanfter, aber er schien tatsächlich besorgt zu sein.

„Doch, doch, Sir. Ich habe mich nur gerade an eine Verpflichtung erinnert.“ Sie hoffte inbrünstig, ihr Gesicht war nicht allzu rot geworden, und beeilte sich, ihr Buch vom Schreibtisch zu nehmen. „Mr. Hobbs-Smith muss jeden Moment kommen. Wenn Sie mich entschuldigen …“

Doch als sie die Tür öffnete, stand Nathaniel schon vor ihr. Sie trat zur Seite, um ihn einzulassen.

„Nathan… Mr. Hobbs-Smith, Sie haben Besuch“, sagte sie, um ihn zu warnen.

„Das hat man mir schon mitgeteilt“, erwiderte er und kam herein.

Inzwischen war Anna allerdings so neugierig geworden, dass sie die Tür wieder schloss, ohne zu gehen. Zu ihrem Erstaunen stand Nathaniel mit aufgerissenen Augen da und starrte den Fremden einfach nur fassungslos an.

„Mr. Hobbs-Smith“, rief der Besucher und ergriff Nathaniels Hand. „Ich war nicht sicher, ob Sie sich an mich erinnern würden.“

Nathaniel zeigte weder Begeisterung noch Widerwillen. Irgendetwas an dem hochgewachsenen Fremden gab Anna das Gefühl, dass er Nathaniels offensichtliches Unbehagen insgeheim genoss.

„Äh“, brachte Nathaniel schließlich hervor und gab ihm die Hand. „My…“

„Mr. David Archer, zu Ihren Diensten“, kam der Mann ihm zuvor.

Ach, kein Adliger, dachte Anna verwundert. Der kostbare Stoff seines Rockes, die makellos glänzenden Stiefel, die gepflegte Erscheinung und das sichere, ja hochmütige Auftreten hatten ihr einen ganz anderen Eindruck vermittelt. Ihre Neugier wuchs.

„Ja, gewiss, Sir. Vergeben Sie mir“, sagte Nathaniel, dann erinnerte er sich an Anna und fügte hinzu: „Und darf ich Ihnen Miss …“

„Anna Fairchild“, unterbrach Mr. Archer ihn. „Wir haben uns bereits miteiander bekannt gemacht. Da Miss Fairchild eine Verabredung einhalten muss, schlage ich vor, wir erlauben ihr, sich zu verabschieden.“

Die Worte, mit denen er sie im Grunde fortschickte, grenzten an Unhöflichkeit, wurden aber so gelassen vorgebracht, dass man ihm nicht wirklich etwas anlasten konnte. Jetzt, da ihrer Flucht nichts mehr im Weg stand, stellte Anna fest, wie wenig sie fliehen wollte.

Irgendetwas ging hier nicht mit rechten Dingen zu. Sie spürte die Spannung zwischen diesem Mann und Nathaniel und wollte unbedingt erfahren, was sich dahinter verbarg. Doch da Nathaniel keinen Einwand gegen ihren Aufbruch äußerte, blieb ihr nichts anderes übrig, als zu gehen.

Sie würde eben bis zum Abend warten müssen, um mehr über den geheimnisvollen Fremden und sein Anliegen zu erfahren. Nathaniel und Clarinda hatten sie zum Dinner eingeladen, und mit der Hilfe seiner Schwester traute Anna sich zu, Nathaniel jedes Geheimnis zu entreißen.

Mr. Archers beunruhigende Art, sie anzusehen, als könne er jeden ihrer Gedanken lesen, überzeugte Anna davon, dass es strategisch klüger wäre, sich jetzt zurückzuziehen. Erst in diesem Moment fiel ihr auf, wie unterschiedlich die beiden Männer waren.

Nathaniel war hochgewachsen und schlank. Beim Anblick seiner grünen Augen und des lockigen blonden Haars waren schon viele Frauen vor Verzückung fast in Ohnmacht gefallen. Und auch sie selbst musste zugeben, dass sein gutes Aussehen und die angenehmen Manieren sie beinahe in Versuchung brachten, sich doch noch die Fesseln der Ehe anlegen zu lassen.

Auch bei Mr. Archer fühlten sicher viele Frauen sich der Ohnmacht nahe, allerdings wohl eher, weil er ihnen Angst machte. Sogar sie selbst war ein wenig eingeschüchtert von seinem durchdringenden Blick und der kraftvollen Statur.

Trotz der Faszination, die er auf sie ausübte, musste Anna sich wohl oder übel geschlagen geben. „Ich komme um eins wieder, Mr. Hobbs-Smith.“

„Sehr gut, Miss Fairchild.“

Anna schloss beunruhigt die Tür und machte sich auf den Weg zur Schule. Sie hoffte von ganzem Herzen, dass Nathaniel sich nicht von Mr. Archer dazu hinreißen ließ, zu viel zu verraten. Er neigte dazu, unter Druck leicht die Fassung zu verlieren. Doch sie mussten sich unbedingt an die Geschichte halten, die sie sich ausgedacht hatten, um die Wahrheit vor aller Welt zu verbergen.

Zu viel und zu viele hingen davon ab.

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