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Süße Küsse nur aus Rache?

1. KAPITEL

Entspannt lehnte Angelos Petrakos sich zurück und griff nach seinem Weinglas. Dann nahm er einen Schluck von dem teuren Jahrgangswein und kostete ihn. Dabei ließ er den Blick von seinem Gesprächspartner, mit dem er gerade über ein wichtiges Joint Venture diskutierte, durch das gut besuchte Londoner Restaurant schweifen.

Er war sich bewusst, dass er von vielen der weiblichen Gäste taxiert wurde.

Wie viel von deren Interesse mochte ihm selbst gelten und wie viel seiner Stellung als weltweit operierender Geschäftsmann, der den Erfolg auf seiner Seite wusste? Ein kritischer Ausdruck trat in seine nachtdunklen Augen und verlieh ihnen einen schimmernden Glanz.

Sein Vater war unfähig gewesen, den Unterschied zwischen wahrer Zuneigung und Habgier zu erkennen. Mochte er auch als Gründer des Petrakos Imperiums noch so clever gewesen sein, war er dennoch immer wieder zur Zielscheibe geldgieriger Frauen geworden. Schon als Jugendlicher hatte Angelos all dies abgestoßen. Er hasste es, miterleben zu müssen, wie sein Vater, der als harter, unbeirrbarer Geschäftsmann galt, von den Frauen schamlos ausgenutzt wurde. Sie überredeten ihn, ihnen Geld zu leihen, in ihre Geschäfte zu investieren oder mit seinem Reichtum und seinen Kontakten deren Karrieren zu unterstützen.

Angelos hatte aus den Fehlern seines Vaters gelernt. Viel zu gut. Ganz egal, wie aufreizend oder verführerisch eine Frau auch sein mochte, wie verlockend eine Affäre mit ihr, hielt er Geschäftliches und Privates doch strikt getrennt.

Auch wenn diese Selbstkontrolle lästig sein konnte, duldete seine Position keine Ausnahme. Er hatte noch nie zugelassen, dass eine schöne und ambitionierte Frau sich einen Vorteil durch ihn verschaffte. So lebte es sich einfacher und sicherer.

Erneut warf er einen kurzen Blick durch das Restaurant, ohne auf die Versuche der weiblichen Gäste einzugehen, seinen Blick einfangen zu wollen. Seine Aufmerksamkeit blieb weiter bei seinem Gastgeber, der sich gerade über die komplexe wirtschaftliche Struktur ihrer Abmachung ausließ. Plötzlich verstärkte sich Angelos’ Griff um das Weinglas. Sein Blick blieb an einem Tisch auf der anderen Seite des Raums hängen.

Eine Frau saß dort. Sie schaute nicht in seine Richtung, sodass er sie nur im Profil sehen konnte.

Er erstarrte, ehe er langsam sein Weinglas auf dem Tisch abstellte, den Blick unverwandt auf die Frau gerichtet. Ein harter Blick.

„Entschuldigen Sie mich einen Moment“, sagte er abrupt, ohne auf die Ausführungen seines Gesprächspartners einzugehen. Seine Stimme klang angespannt, war genauso hart wie sein Blick.

Angelos schob den Stuhl zurück, stand auf und warf die Serviette auf den Tisch. Dann durchquerte er mit geschmeidigen, kraftvollen Schritten das Restaurant.

Direkt auf sein Ziel zu.

Thea hob ihr Glas, lächelte ihren Begleiter an, der mit ihr zu Abend aß, und nippte an ihrem Mineralwasser. Giles hatte sich für einen vollmundigen alten Chablis entschieden, doch sie selbst trank nie Alkohol. Nicht nur, weil er zu viele Kalorien enthielt, er war auch gefährlich. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, der schnell wieder verschwand, als Giles nun die Stimme erhob.

„Thea …“

Er klang zaghaft, deshalb lächelte sie ihn beruhigend an, obwohl ihre Nerven zum Zerreißen gespannt waren. Bitte mach, dass er es sagt …

Sie hatte so hart, so lange auf diesen Moment hingearbeitet, und jetzt war das, wonach sie sich seit Jahren verzehrt hatte, in greifbare Nähe gerückt.

„Thea …“, begann Giles erneut und klang jetzt entschlossener.

Und wieder wollte Thea, dass er weitersprach. Bitte mach, dass er es sagt! Bitte!

Trotz ihres stummen Flehens hielt er ein weiteres Mal inne.

Ein Schatten fiel über den Tisch.

Wie seltsam fuhr es Angelos gedankenverloren durch den Kopf, dass ich sie so schnell erkannt habe. Schließlich waren fast fünf Jahre seither vergangen. Und doch hatte er sie sofort bemerkt. Kurz flackerte ein Gefühl auf, das er unwillig verscheuchte.

Natürlich hatte er sie sofort bemerkt. Er würde sie überall aufspüren. Vor ihm könnte sie sich auf Dauer nirgendwo verstecken.

Als er nun zu dem Tisch trat, an dem sie saß, sah er, wie sehr sie sich verändert hatte. Es war bemerkenswert. Sein Blick ruhte auf ihr und er sah für einen Moment nur das, was sie der Welt zeigen wollte.

Eine umwerfend schöne Frau. Eine Frau, die jedem Mann den Atem raubte.

Allerdings hatte sie schon immer diese Wirkung gehabt, wenn auch nicht so stark wie jetzt. Die hellen, sehr gepflegten Haare waren im Nacken zu einem Knoten zusammengefasst, ihr Make-up so zurückhaltend, dass es schien, als hätte sie keines aufgelegt. Zu ihrem maßgeschneiderten, langärmeligen Seidenkleid trug sie schimmernde Perlenohrringe.

Beinahe hätte er hart und freudlos aufgelacht. Sie so schick, elegant und soigniert zu sehen … Welten lagen zwischen ihrem früheren Aussehen und dem jetzigen. Um genau zu sein fünf Jahre. Fünf lange Jahre, in denen sie sich in die Frau verwandelt hatte, die er nun sah. Eine Illusion.

Nein, mehr als das. Eine Lüge.

Sein Schatten fiel auf sie, und sie wandte den Kopf. Für den Bruchteil einer Sekunde stand Schock in ihrem Blick, blankes Entsetzen, dann war dieser Ausdruck wieder verschwunden. Beinahe hätte er sie dafür bewundert, wie schnell sie gleichsam ihr Visier wieder herunterklappte und eine ausdruckslose Miene zur Schau trug, die nichts davon preisgab, ob sie ihn wiedererkannt hatte.

Doch Bewunderung war nicht das, was er für sie empfinden wollte. Was er für sie empfand, war …

Etwas anderes. Etwas ganz anderes. Ein Gefühl, das fünf Jahre lang tief in ihm vergraben gewesen war. Verschüttet wie Felsbrocken von glühend heißer Lava, die zu undurchdringlichem Basalt abgekühlt war.

Bis zu diesem Augenblick.

Seine Hand glitt in die Brusttasche seines Jacketts. Er zog eine Karte heraus und warf sie auf den Tisch.

„Ruf mich an.“ Seine Stimme war ausdruckslos, genau wie seine Miene.

Damit wandte er sich ab und ging davon.

Noch im Gehen griff er nach seinem Handy und gab nur eine Zahl ein. Sofort wurde sein Anruf entgegengenommen.

„Die Blonde. Ich will ein vollständiges Dossier über sie, sobald ich heute Abend wieder in meiner Suite bin.“ Er hielt kurz inne. „Und über ihren Liebhaber.“

Dann steckte er das Handy wieder in die Tasche und ging zu seinem Tisch zurück. Seine Miene war noch immer vollkommen emotionslos.

„Entschuldigen Sie“, meinte er in galantem Ton zu seinem Gesprächspartner. „Was sagten Sie eben …?“

„Thea? Was hat das zu bedeuten?“ Giles mit seinem Upperclass-Akzent klang verwirrt.

Sie hob den Blick von der Visitenkarte, und für einen Moment schien es, als zeigte sich eine Regung auf ihrem Gesicht.

„Angelos Petrakos.“ Sie hörte zwar, wie Giles den Namen von der Karte ablas, aber seine Stimme schien aus weiter Ferne zu kommen. Wie aus dem endlosen Vorhof zur Hölle.

Angelos Petrakos. Der Name wirbelte ihr durch den Kopf. Fünf Jahre. Fünf lange Jahre …

Sie spürte immer noch, wie tief der Schock saß. Unsichtbar, aber explosiv. Eine zerstörerische Kraft, die sie kaum zu ertragen vermochte. Aber sie musste es, ja, sie musste es ertragen. Es war lebenswichtig. Trotzdem schien der Schock wie eine tödliche Welle über ihr zusammenzuschlagen. Und sie konnte nichts anderes tun, als sich irgendwo festzuhalten, während das Entsetzen sie zu überwältigen suchte.

Auf den Schock folgte eine andere, genauso verheerende Kraft – Panik. Eine lodernd sengende Hitze in ihrer Brust, die sie zu ersticken drohte. Es kostete sie unendliche Mühe, den Schock und die Panik zu bezwingen und wieder die Kontrolle über sich zu erlangen. Zerbrechlich, hauchdünn wie Papier. Und trotzdem war diese Kontrolle immer da, um alles Bedrohliche zu unterdrücken.

Ich schaffe es!

Die Worte kamen aus der Tiefe, herausgeschleudert aus den schäumenden Strudeln in ihrem Kopf. Ein Satz, der ihr nur allzu bekannt war und den sie einst, wie eine Litanei heruntergebetet hatte. Eine Litanei, mit der sie es irgendwie geschafft hatte zu überstehen. Mit der sie wieder Kontrolle erlangt hatte. Und Sicherheit.

Sie zwang sich dazu, sich auf Giles’ Gesicht zu konzentrieren. Der Mann, der alles präsentierte, wonach sie sich je gesehnt, wonach sie gehungert hatte. Und er war immer noch da, saß ihr gegenüber. Für sie da.

Alles ist in Ordnung – es ist immer noch alles in Ordnung …

Mit aller Macht bezwang sie die Panik, die ihre Kehle zuschnürte.

Giles hatte den Kopf umgewandt und sah der großen Gestalt nach, die das Restaurant durchmaß.

„Von guten Manieren hat der Kerl wohl noch nichts gehört“, meinte er, ohne seine Missbilligung zu verbergen.

Thea spürte einen Anflug von Hysterie in sich aufsteigen, der ihre mühsam und verzweifelt beherrschte Haltung zu zerstören suchte.

Gute Manieren? Angelos Petrakos und gute Manieren? Bei einem Mann, der mich vor fünf langen, bitteren Jahren mit den Worten verabschiedet hat, ich sei eine …

Sie verbat sich selbst jeden weiteren Gedanken. Nein! Hör auf, daran zu denken! Du darfst dich nicht erinnern nicht einmal für einen kurzen Moment!

Also zwang sie sich, Giles zuzuhören, der inzwischen weitersprach. Kämpfte die Gefühle nieder, die mit krankmachendem Terror in ihr wüteten. Zwang sich zu leugnen, was gerade geschehen war. Dass Angelos Petrakos, der Mann, der sie zerstört hatte, eben aus dem Nichts aufgetaucht war, wie ein dunkler, böser Dämon …

Erneut wurde sie von Panik erfasst, die ihr gleichsam mit messerscharfen Klauen ins Fleisch schnitt.

„Vielleicht will er dich engagieren.“ Giles sah sie jetzt wieder an. „Scheint mir aber trotzdem eine seltsame Art zu sein. Sehr unzivilisiert. Wie auch immer …“ Sein Tonfall änderte sich. Nun klang er plötzlich verlegen und gehemmt. „Aber du musst nicht noch mehr Engagements annehmen … falls du … Na ja, wenn du …“

Er räusperte sich.

„Die Sache ist die, Thea“, nahm er den Faden wieder auf. „Was ich eigentlich sagen wollte, bevor dieser Typ uns unterbrochen hat, ist … könntest du dir vorstellen …?“

Wieder stockte er, während Thea ihn anstarrte. Sie konnte sich nicht bewegen, nicht einmal atmen.

Für einen Moment sah Giles sie nur hilflos an, ohne ein Wort herauszubringen. Dann hob er das Kinn und sagte mit einer Stimme, die nicht mehr zögerlich klang, sondern ruhig und gefasst: „Könntest du, meine liebe Thea, dir vorstellen, mir die große Ehre zu erweisen, mich zu heiraten?“

Sie schloss die Augen. Spürte, dass Tränen hinter ihren Lidern brannten.

Mit einem Mal legte sich der Sturm, der in ihrem Kopf wütete. Der Schock, die Panik, das verzweifelte Bedürfnis, sich an irgendetwas festklammern zu müssen, um nicht in die entsetzliche Tiefe zu stürzen, die sie mit sich zu reißen drohte – all das fand plötzlich ein Ende.

Langsam öffnete sie die Augen. Dankbarkeit erfüllte sie. Und eine tiefgreifende, alles überwältigende Erleichterung.

„Natürlich will ich, Giles“, antwortete sie mit leiser, erstickter Stimme. Die Tränen in ihren Augen glitzerten wie Diamanten.

Sie war gerettet, in Sicherheit. Zum ersten Mal in ihrem Leben. Und niemand, kein Mensch, konnte ihr nun etwas anhaben.

Während Terror und Panik sich verflüchtigten und gesegneter Erleichterung Platz machten, die auf Giles Antrag folgte, hätte sie beinahe den Kopf umgewandt, um ihren Trotz wie einen Giftpfeil durch den Raum zu schleudern – und den Mann zu erlegen, den sie aus tiefstem Herzen hasste.

Aber das würde sie nicht tun. Sie würde ihm nicht die Befriedigung geben zu wissen, dass er überhaupt einen Platz hatte in ihrem Bewusstsein. Egal, welch böses Schicksal ihn an diesem Abend hierher verschlagen haben mochte – ohne es zu wissen, war er Zeuge des größten Sieges geworden, den sie je in ihrem Leben errungen hatte.

Ein Anflug von Zufriedenheit machte sich in ihr breit. Der Schock und die Panik, die sie eben noch verspürt hatte, waren verschwunden. An deren Stelle trat nun Befriedigung, gefärbt mit einem Hauch Boshaftigkeit. Wie außerordentlich passend, dass er gerade in dem Moment auftauchte, da sie ihr größtes Ziel erreichte, wo er doch beinahe ihr Leben zerstört hätte.

Aber das habe ich nicht zugelassen. Ich habe mich wieder hochgekämpft. Und jetzt sitze ich hier und habe alles erreicht, was ich mir schon mein ganzes Leben lang gewünscht habe. Also fahr zur Hölle, Angelos Petrakos. Verschwinde aus meinem Leben, für immer!

Nachdem sie ihn auf diese Weise aus ihrem Dasein verbannt hatte, sah sie Giles in die Augen. Er war der Mann, den sie heiraten würde.

Auf der anderen Seite des Raumes blitzten Angelos Petrakos’ Augen scharf auf wie Messer.

Der Rest des Abends verging für Thea wie im Flug. Auch wenn sie erfüllt war von grenzenloser Dankbarkeit und Erleichterung, wusste sie doch, dass noch schwerwiegende Probleme vor ihr lagen. Sie war nicht die ideale Braut für Giles – wie könnte sie auch. Aber sie würde alles tun, um sich für ihn als perfekte Frau zu erweisen. Damit er nie bereuen müsste, sie geheiratet zu haben.

Und irgendwann mochten selbst seine Eltern sie akzeptieren. Sie würde sie nicht enttäuschen, genauso wenig wie Giles. Denn das, was er ihr bot, war mit keinem Geld der Welt zu bezahlen. Nie würde sie riskieren, dass er diesen Schritt bereuen könnte.

Und es wird mir gelingen! Ich habe mich neu erschaffen, also kann ich aus mir auch eine passende Frau für Giles machen. Ich kann es!

Entschlossenheit machte sich in ihr breit. Giles verdiente nur das Beste, was sie ihm bieten konnte, und sie würde nie nachlassen in ihrem Bemühen, es ihm recht zu machen. Ich werde schon lernen wie, schwor sie sich, während sie Giles’ Ausführungen lauschte, der ihr weiter von Farsdale erzählte, dem herrschaftlichen Anwesen seiner Vorfahren in Yorkshire, das er eines Tages erben würde.

„Bist du sicher, dass du dort leben willst?“, fragte er zweifelnd. „Es ist ein bisschen monströs, musst du wissen.“

Sie lächelte liebevoll. „Natürlich. Ich kann nur hoffen, dass ich dich nicht enttäuschen werde.“

„Aber nein!“, entgegnete er schnell und nahm ihre Hand. Sie spürte, wie Wärme sie durchflutete. „Das wirst du nie. Du wirst die schönste und wundervollste Viscountess sein, die wir je in unserer Familie hatten.“

Angelos stand auf der Dachterrasse seiner Londoner Wohnung, die Hände um das kühle Metall der Balustrade geschlossen. Er sah auf den Fluss, der dunkel und kalt unter ihm dahinplätscherte. Goldene und scharlachrote Lichter, die aus den Häusern zu beiden Seiten der Themse fielen, spiegelten sich in dem Wasser. Von seiner Penthouse-Terrasse aus konnte er die ganze City überblicken.

Ein riesiges Ballungsgebiet – gleichsam eine Stadt in der Stadt –, wo man trotz der räumlichen Nähe anonym und völlig zurückgezogen lebte, als bestünden hohe Steinmauern oder Zäune zwischen den Häusern. Und dort, wo er wohnte, wenn er zu Besuch in der Stadt war, schien die höchste Mauer zu bestehen, unüberwindlich für diejenigen, die nicht die nötige Qualifikation hatten, um sich hier Eintritt zu verschaffen.

Das London der Reichen.

Viele wollten hier residieren, aber nur wenigen gelang es. Wer genug Geld hatte, war willkommen.

Geld war ein Schlüssel dazu – der wichtigste von allen. Aber manchmal war Geld nicht notwendig, wie Angelos wusste. Seine dunklen Augen wirkten jetzt so schwarz wie das tintenschwarze Wasser tief unter ihm. Manchmal schaffte man es auch mit anderen Eigenschaften.

Besonders dann, wenn man eine Frau war.

Er umklammerte die Balustrade noch fester.

Die althergebrachte Methode.

Genau die hatte sie angewandt.

Langsam atmete er aus und hob ungehalten die Schultern. Natürlich hatte sie genau das getan. Was hatte sie denn sonst schon zu bieten?

Der zynische Zug um seinen Mund vertiefte sich. Nur dass sie jetzt noch mehr wollte, als sie damals von ihm verlangt hatte. Seither war ihre Gier ins Unermessliche gestiegen, wie das Dossier, das er hatte erstellen lassen, ihm in aller Deutlichkeit vor Augen hielt.

Der ehrenwerte Giles Edward St. John Brooke, einziger Sohn des fünften Viscount Carriston mit Hauptsitz Farsdale, Yorkshire. Der ehrenwerte Giles ist seit einem Jahr regelmäßiger Begleiter der Zielperson bei verschiedenen gesellschaftlichen Veranstaltungen. In den Klatschspalten der Zeitungen wird spekuliert, dass diese Beziehung möglicherweise auf eine Heirat ausgelegt ist, mit dem Hinweis, dass der Viscount und die Viscountess eine solche Ehe wohl nicht schätzen würden, weil sie sich für ihren Erben eine seriösere Frau wünschen.

Die letzte Bemerkung klang in Angelos’ Kopf nach.

… eine seriösere Frau …

Sein Mund wurde zu einem schmalen Strich.

Hatten Giles’ Eltern aus Sorge um ihren Sohn Nachforschungen anstellen lassen? Falls ja, hätten sie nur das herausfinden können, was sein Sicherheitsteam in Erfahrung gebracht hatte.

Thea Dauntry, 25, Model, vertreten durch die Agentur Elan, die erste Adresse in diesem Business. Einzimmerapartment in Covent Garden. Britische Nationalität mit entsprechendem Pass. Geboren in Maragua, Mittelamerika. Eltern lebten von Sozialhilfe und kamen ums Leben, als sie sechs war. Thea Dauntry kam dann nach England und lebte bis zum achtzehnten Lebensjahr in einem Internat der Church of England. Die nächsten zwei Jahre im Ausland unterwegs. Beginn der Modelkarriere mit 21. Gilt als sehr verlässlich. Drogenmissbrauch nicht bekannt. Keine Affären, außer der zu Giles St. John Brooke. Keine Skandale. Nicht aktenkundig bei der Polizei.

Blanke Wut durchschoss ihn für einen Moment, scharf wie eine Klinge. Dann drehte er sich abrupt um, ging hinein und schloss die Terrassentür hinter sich.

Thea wusste, dass sie eigentlich schlafen sollte, aber sie war viel zu unruhig. Blicklos starrte sie hoch zur dunklen Decke. Draußen vor ihrem Apartment in Covent Garden fuhren zu dieser späten Stunde nur noch wenige Autos vorbei, deren Motorengeräusche gedämpft an ihr Ohr drangen. Schließlich war es weit nach Mitternacht. Doch London schlief nie. Sie kannte diese Stadt, kannte sie wie eine chronische, bösartige Krankheit. Sie hatte fast ihr ganzes Leben hier verbracht. Aber nicht in diesem Teil von London. Welten trennten von dem Stadtteil, den sie von früher kannte. Das London, das sie für immer vergessen wollte … und wohin sie nie wieder zurückkehren würde.

Und bald wollte sie London verlassen. Sie würde die Stadt nicht vermissen, sondern sich voller Dankbarkeit und Entschiedenheit in den windgepeitschten Mooren Yorkshires einrichten – in ein neues, wundervolles Leben, das sich ihr nun eröffnete. Ein Leben, das ihr für immer Sicherheit bieten würde.

Doch selbst jetzt, als sie dalag und den gedämpften Verkehrslärm hörte, spürte sie, wie der Schatten über ihre Haut kroch. Ein dunkler, grausamer Schatten. Und eine tiefe, harte Stimme, die aus der Vergangenheit kam.

Aber die Vergangenheit war vorbei. Sie würde nicht wiederkommen.

Sie durfte es nicht zulassen.

Morgens rief Giles sie an. Er wollte sie mit nach Farsdale nehmen, ihr den Verlobungsring präsentieren, ein Familienerbstück und sie seinen Eltern vorstellen. Doch Thea sträubte sich.

„Du solltest dich zuerst mit ihnen allein treffen, das bist du ihnen schuldig“, erklärte sie. „Ich will keinen Streit heraufbeschwören, das weißt du. Außerdem habe ich heute Morgen sowieso ein Fotoshooting.“

„Hoffentlich für ein Hochzeitsmagazin“, meinte Giles gut gelaunt. „Damit du dich schon einmal richtig einstimmen kannst.“

Lachend hängte sie ein. Das quälende Unbehagen, das sie nachts kaum hatte schlafen lassen, war mit der Helligkeit des Tages verflogen. Ihr war leicht ums Herz, als würde Champagner in ihren Adern prickeln.

Die Vergangenheit lag weit hinter ihr. Endgültig. Und sie würde sich ganz sicher nicht wiederholen. Nie wieder. Das würde sie nicht zulassen. Und es hatte wirklich nicht das Geringste zu bedeuten, dass in der vergangenen Nacht ein Gespenst aus der Vergangenheit aus seinem verfluchten Grab wiederauferstanden war.

Er kann nichts tun gar nichts! Er ist machtlos! Was soll’s, wenn er in London ist? Mich erkannt hat? Ich sollte froh sein triumphieren! Denn wie bitter muss es für ihn sein zu erkennen, wie weit ich gekommen bin, trotz allem, was er mir angetan hat …

Absichtlich wählte sie diese starken, trotzigen Worte, um sich Mut zu machen. Sie wollte sich damit Kraft verleihen und Entschlossenheit. So, wie sie es immer getan hatte. Etwas anderes war ihr nie übrig geblieben … Sie hatte sich wieder aufgerappelt, nachdem sie zurück in den Abgrund gestoßen worden war.

Von einem Mann.

Jenem Mann, der gestern Abend plötzlich wie ein Gespenst vor ihr stand. Aber die Vergangenheit war vorbei. Sie lebte jetzt für die Zukunft. Eine Zukunft, nach der sie sich ihr ganzes Leben lang gesehnt hatte. Angelos Petrakos konnte ihr nichts anhaben.

Nie wieder.

Angelos saß an seinem ausladenden Mahagonischreibtisch und klopfte nachdenklich mit den Fingern auf die Platte. Seine Miene wirkte ausdruckslos, sein dunkler Blick verhangen.

Ihm gegenüber hatte seine persönliche Assistentin Platz genommen, eine Engländerin. Da er nur selten nach London kam, konnte sie nun die Gelegenheit nutzen, ihn in seiner ganzen Größe von mehr als einem Meter achtzig verstohlen zu betrachten. Breite Schultern und schmale Hüften in einem maßgeschneiderten Anzug, markante, äußerst männliche Züge. Das Reizvollste waren seine dunklen, verhangenen Augen, die nichts preisgaben, ihr jedoch ein Prickeln durch den Körper jagten. Was dieses Prickeln bedeutete, darüber wollte sie lieber nicht weiter nachdenken. Auch nicht darüber, wie er seinen Mund so verzog, dass er gleichzeitig barsch und trotzdem sinnlich wirkte.

„Und Sie sind sicher, dass gestern keine weiteren Anrufe eingegangen sind, als ich in Dublin war?“

Seine Assistentin zuckte innerlich zusammen und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf die Arbeit. „Ja, ich bin sicher. Nur jene, die ich notiert habe.“

Sie sah, wie er den Mund zu einer schmalen Linie zusammenpresste. Offensichtlich hatte er einen Anruf erwartet, der jedoch nicht erfolgt war. Sie spürte einen Anflug von Mitleid mit dieser Person, die nicht angerufen hatte, obwohl sie es offenbar hätte tun sollen.

Nur wenige, die sich Angelos Petrakos’ Willen widersetzten, hatten noch etwas zu lachen.

Es war noch hell an diesem Frühsommerabend, als Thea die Stadtbibliothek verließ und entschlossenen Schrittes zurück zu ihrem Apartment ging. Sie fühlte sich nun gelassener, ruhiger. Giles würde morgen zurück nach London kommen, also gab es nichts, was ihr Angst machen oder worum sie sich sorgen müsste. Erleichterung und Dankbarkeit, das waren die einzigen Gefühle, die sie zulassen würde.

Als sie ihr Apartmenthaus erreichte, nahm sie nur vage die schnittige Limousine am Straßenrand war, maß dem Wagen aber keine Bedeutung bei. Da sie in der Nähe der Oper wohnte, vermutete sie in der Limousine einen Chauffeur, der hier auf seinen Arbeitgeber wartete. Vor dem Haupteingang blieb sie stehen, den Schlüssel schon in der Hand. Plötzlich schreckte sie alarmiert auf, als sie Schritte hinter sich hörte. Dann stand ein Mann da und versperrte ihr den Weg.

„Bitte keine Aufregung, Miss“, sagte der Fremde.

Er stieß die Tür auf und schob Thea in die Lobby. All das geschah so schnell, dass Thea einen Augenblick wie gelähmt war. Dann wirbelte sie herum und zog instinktiv das Knie hoch. Der Mann stöhnte auf, doch als sie den Arm hob, die Faust ballte und gerade mit ihrem Stöckelschuh zutreten wollte, war plötzlich noch jemand da und riss sie entschlossen zurück.

Mit einem dunklen, harten Blick sah er auf sie hinunter. Sie wich zur Wand zurück, die Augen geweitet.

Vor Schock. Panik. Angst.

Doch weit stärker als all das war ihr Hass. Abgrundtiefer Hass.

Etwas in seiner Miene veränderte sich. Dann sprach er.

„Immer noch die Straßengöre?“, sagte Angelos Petrakos. Kurz ...

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