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Süße Küsse, bittere Tränen

1. KAPITEL

Amy Edler hatte augenblicklich drei Problemfälle – alle drei weiblicher Natur –, die ihre ganze Aufmerksamkeit beanspruchten. Andernfalls würde es gleich Tränen geben. Zudem hielt sie das Telefon zwischen Schulter und Ohr geklemmt, die Bäckerei stand voller Kunden, und die Klimaanlage hatte sich ausgerechnet den heißesten Tag des Monats ausgesucht, um den Geist aufzugeben.

Es war Trixis Idee gewesen, den beiden elfjährigen Mädchen zu erlauben, die Schokoladenmuffins zu glasieren, um ihren kleinen Mitbewohnern im Kinderheim eine Freude zu machen.

Leider war die Glasur aus purer Schokolade. Ein großer Fehler.

Amy suchte Trixis Blick, aber ihre Aushilfe plauderte gerade mit dem letzten Kunden und probierte mit ihm gemeinsam, welche Glasur auf den Muffins am besten schmeckte.

Als Amy die hochroten Wangen des größeren der beiden Mädchen bemerkte, das sich vergeblich mit der immer noch flüssigen Schokoladenglasur abmühte, die mittlerweile nicht nur über die Muffins, sondern über den ganzen Tisch gelaufen war, beschloss sie, dass ihr Telefongespräch erst mal warten musste.

„Ich glaube, die Muffins waren noch zu warm. Aber sieh dir nur den Glanz an! Sie sehen köstlich aus.“

Das kleine Mädchen lächelte dankbar, aber ihre Freundin schniefte bekümmert, denn sie hatte sich entschlossen, die Glasur in den Gefrierschrank zu stellen, damit sie schneller hart würde. Jetzt lagen zwei dicke braune Klumpen auf jedem Kuchen.

Amy griff schnell nach dem Teller, stellte ihn für zwanzig Sekunden in die Mikrowelle und strich anschließend die nun weiche Glasur glatt.

Die beiden Mädchen machten „Wow“, und ein breites Lächeln ging über ihre Gesichter.

Amy beugte sich zu ihnen hinunter und flüsterte: „Ich verrate nichts, wenn ihr auch den Mund haltet. Das habt ihr super hingekriegt.“ Sie richtete sich wieder auf. „Also ich bezweifle, dass ich heute in der Lage bin, den Glasurwettbewerb richtig zu beurteilen. Es ist einfach zu heiß – aber wie wäre es damit beim nächsten Mal? War das ein Ja? Prima. So, und jetzt wascht euch die Finger, sonst kriege ich Ärger, weil ich euch so unter die Leute schicke. Ich passe inzwischen auf eure Kuchen auf.“

Während die beiden Mädchen sich kichernd und plappernd die Hände wuschen, dachte Amy: Genauso habe ich es mir vorgestellt. Dass die Bäckerei und die Backstube mit glücklichem Kinderlachen angefüllt sind.

Sie unterdrückte den Seufzer, der aus ihrem tiefsten Innern hochstieg.

Irgendwann.

Sie könnte einem Kind ein liebevolles Zuhause bieten, das wusste sie. Aber zuerst musste sie einen Eignungstest durchlaufen und beweisen, dass sie eine verantwortungsvolle alleinerziehende Mutter sein würde. Dann erst durfte sie ein Kind adoptieren.

Amy schüttelte den Gedanken energisch ab. Das war nicht der Moment, um ihren Träumen nachzuhängen. Nicht um sechs Uhr an einem Freitagnachmittag, wenn sie noch mit dem weiblichen Problem Nummer drei fertig werden musste. Das theoretisch gar kein Problem sein sollte, denn ihre Freundin Lucy Shaw hatte die berühmteste Hochzeitsplanerin von ganz London engagiert, um ihren großen Tag auszurichten.

Zu dumm nur, dass diese Frau nicht ans Telefon ging.

Amy wartete, bis der Anrufbeantworter ansprang. „Hallo, Clarissa, hier spricht Amy Edler von Edlers Bakery. Ich will ja nicht drängen, aber Sie hatten mir versprochen, mir wegen der Orchideen für die Shaw-Gerard-Hochzeit Bescheid zu geben. Bitte rufen Sie mich schnellstmöglich zurück.“

Sie atmete tief durch und presste den kühlen Hörer an ihre erhitzte Stirn.

Kein Grund zur Aufregung. Die Trauung ist erst nächsten Samstag.

Die Torte wird traumhaft werden, genauso wie die ganze Hochzeit. Ich kann Zuckerorchideen in jeder gewünschten Farbe herstellen. Überhaupt kein Problem.

Und aus mir einfachen Bäckerin werde ich im Handumdrehen eine bezaubernde Brautjungfer machen.

Dieses Mantra würde sie sich in den kommenden sieben Tagen immer wieder vorbeten.

Natürlich war es ihre eigene Schuld, dass sie Lucy angeboten hatte, für sie die Hochzeitstorte zu backen. Die Torte sollte ein persönliches Hochzeitsgeschenk für ihre beiden besten Freunde sein, und sie musste perfekt werden.

Fröhliches Gelächter unterbrach ihre Gedanken, und Amy sah die beiden Mädchen aus dem Laden stürmen, die Arme mit Kartons voller Muffins beladen. „Tut uns leid, wir haben keine Zeit mehr zum Saubermachen“, riefen sie beim Hinausrennen.

Lächelnd blickte Amy den Mädchen hinterher, dann fiel ihr Blick in die Backstube. Oje. Seufzend machte sie sich an die Arbeit.

Jared Shaw schlängelte sich durch die Menschenmenge, die am Freitagabend aus den umliegenden Bürohäusern auf den Bürgersteig strömte. Als die Ampel für die Autos auf Rot sprang, überquerte er schnell die Straße, mitten durch die wartenden Wagen, Fahrradkuriere und Taxis, um zu den drei kleinen Läden auf der anderen Straßenseite zu gelangen.

Allzu viel hatte sich in den letzten achtzehn Jahren hier nicht verändert.

Den Zeitungsladen, wo er seine ersten Autoillustrierten gekauft hatte, gab es immer noch. Der Eisenwarenhändler allerdings, der für die Reparatur eines tropfenden Wasserhahns statt Geld auch schon mal eine der Seidenkrawatten von Jareds Vater annahm, war durch ein schickes Immobilienbüro ersetzt worden.

Er musste über die Ironie des Schicksals lächeln. Seine Freunde aus der Baubranche hatten laut gelacht, als er in diesem Londoner Stadtteil ein Bauobjekt erwarb. „Dort ist doch kein Profit zu machen!“, hatten sie behauptet.

Nun, er hatte sie eines Besseren belehrt.

Im Augenblick allerdings war er an dem dritten Laden in der Reihe interessiert. Edlers Bakery stach mit der dunkelblauweiß gestreiften Markise aus den umliegenden Läden heraus.

Wie oft hatte er früher seine Nase an dem kalten Glas platt gedrückt und mit offenem Mund all die köstlichen Creme- und Schokoladentorten bestaunt, die ihm als kleiner Junge und ohne Geld in der Tasche unerreichbar vorkamen.

Ein fröhlich lachendes kleines Mädchen auf einem Dreirad kam ihm entgegen, daneben ging ein Mann in seinem Alter. Das Kind sah der kleinen Lucy so ähnlich, dass es ihm beinahe den Atem verschlug. Langes blondes Haar, blaue Augen und ein Lächeln, bei dem selbst das härteste Herz dahinschmolz.

Jared merkte, dass er sich angespannt hatte, und lockerte seine Schultern. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, in diesen Teil der Stadt zurückzukehren. Die Straßen schienen bevölkert von Geistern der Vergangenheit.

„Du gehst einfach kurz rein und sagst meiner Freundin Amy Hallo“, hatte ihm seine Schwester Lucy aufgetragen und ihn dabei treuherzig angeblickt. „Wo du doch schon mal in London bist! Ich will nur sichergehen, dass sie sich wegen meiner Hochzeit nicht völlig verrückt macht. Sie hat schon genug damit zu tun, die Torte zu backen.“

Okay, kleine Schwester, für dich tue ich doch alles. Er hatte zwar gerade eine Neunzig-Stunden-Woche hinter sich, aber warum sollte er nicht mit einer nervösen Brautjungfer ein wenig über Hochzeitstorten plaudern? Die teuerste Hochzeitsplanerin von London hatte er ja bereits engagiert.

So war das eben. Er verdiente das Geld, und Lucy und seine Mutter gaben es aus.

Aber wann hatte er seiner kleinen Schwester schon mal etwas abschlagen können? Sie war die einzige Frau, die ihn um den Finger wickeln konnte. Für sie war er vom Flughafen Heathrow extra in die Stadt gefahren, obwohl er dringend nach Hause gemusst hätte, um noch schnell mit seinem New Yorker Büro Kontakt aufzunehmen.

Eine Klingel bimmelte über seinem Kopf, als er Edlers Bakery betrat. Er kam gerade recht, um einem älteren Ehepaar die Tür aufzuhalten. Die beiden trugen Papiertüten mit dem Bäckereiaufdruck und bedankten sich lachend, bevor sie fröhlich von dannen zogen.

Als er eintrat, überfielen ihn ein fröhliches Stimmengewirr und köstlicher Kuchenduft. Es roch nach Vanille und Zimt, nach karamelisiertem Zucker und frisch gebackenem Brot.

Der Gegensatz zu dem metallisch-bitteren Dieselgeruch der Londoner Taxis und Busse draußen hätte nicht größer sein können. Jared musste ein paar Mal ein- und ausatmen, bevor sich sein Geruchssinn wieder beruhigte.

Mit dem Blick des Immobilienmaklers nahm er die cremeweiß und dunkelblau gehaltene Einrichtung mit den hellen Regalen wahr. Was für ein himmelweiter Unterschied zu der bräunlichen Tapete und den dunklen Regalen der früheren Bäckerei!

Der Gesamteindruck war modern, aber freundlich und einladend. Er sollte das als Idee an seine Designer weitergeben. Hier hatte offensichtlich jemand ein gutes Gespür für Farben und Materialien.

Die Torten und das Gebäck in der Theke waren so appetitlich arrangiert, dass man als Kunde nicht widerstehen konnte. Das reichhaltige Sortiment hätte jeder französischen Patisserie Ehre gemacht, und die meisten Bleche waren bereits leer.

In diesem Moment wurde der dunkelblaue Vorhang beiseitegeschoben, und Jared blickte in die braunen Augen eines Teenagers in dunkelblauer Schürze und weißem T-Shirt, das mit braunen Flecken gesprenkelt war. Ein kleines Schild an der Schürze zeigte ihm an, dass er es mit Trixi zu tun hatte.

„Hallo, Süßer. Sind die für mich?“

Jared war so perplex, dass er zuerst nicht begriff, dass das Mädchen die Blumen in seiner Hand meinte. Er hatte schon viele Sprüche von lässigen Verkäufern gehört, aber das schlug dem Fass den Boden aus.

„Nein, leider nicht. Ich möchte mit Amy Edler sprechen. Ist sie da?“

Statt einer Antwort drehte Trixi sich um und rief laut: „Hey, Boss, hier ist ein heißer Typ für dich. Mit Blumen.“

Eine etwas hohl klingende Stimme rief von hinten: „Lass den armen Mann in Ruhe. Er soll reinkommen.“

„Amy ist hinten in der Backstube“, versetzte Trixi mit zuckersüßer Stimme und hielt Jared den Vorhang auf. „Und sollten Sie irgendeinen Wunsch haben, bin ich sofort für Sie da.“

„Danke.“ Jared nickte ihr zu, während er sich an ihr vorbeizwängte, und war sich darüber bewusst, dass sie das Hinterteil seiner maßgeschneiderten Anzughose eingehend musterte.

So etwa musste das ultimative Chaos aussehen.

Sämtliche Arbeitsflächen in der Backstube waren mit verschiedenfarbigen Cremeresten beschmiert, und überall lagen schmutzige Teller und Küchengeräte verteilt.

Die einzige Küchenchefin, mit der Jared bislang nähere Bekanntschaft gemacht hatte, war die Köchin in seinem Internat gewesen. Und die war eine Dame mittleren Alters mit üppiger Figur, die wegen ihres ausladenden Busens von den pubertierenden Jungen ständig begafft wurde. Öfter machten sie deswegen mit dem Nudelholz der resoluten Dame Bekanntschaft.

In dieser völlig überhitzten Backstube war die einzige anwesende Person eine schlanke, drahtige kleine Frau in blau-weiß karierten Hosen und einer ehemals dunkelblauen Schürze. Sie stand an der Spüle und wandte ihm den Rücken zu. Unter einem blau-weißen Stirnband quoll eine Fülle von kurzem braunem Haar hervor, und ihre Kleidung war voller Schokoladenflecke.

Wo hatte Lucy ihn da bloß hingeschickt?

Unwillkürlich stieß er einen lauten Seufzer aus.

Bei diesem Laut wirbelte Amy herum. Trixi fand ja jeden Mann toll, der den Laden betrat, und Amy war bisher nie ihrer Meinung gewesen. Aber diesmal war das anders.

Sie musterte Jared eingehend.

Der hier war wirklich ein heißer Typ. Von der Sorte großer, gut aussehender Geschäftsmann.

Bisher hatte noch kein Mann mit glänzenden schwarzen Schuhen und Nadelstreifenanzug ihre Backstube betreten. Und er sah definitiv nicht wie ein Sozialarbeiter oder ehrenamtlicher Helfer aus.

Er hatte perfekt geschnittenes dunkelblondes Haar, graublaue Augen und trug einen Dreitagebart. Die obersten Knöpfe seines Hemds standen offen, sodass sie seinen gebräunten Hals sehen konnte.

In seinem Blick lag eine Intensität, die ihr den Atem raubte. Sie betrachtete sein Gesicht. Irgendwie kam ihr der Mann bekannt vor. Besonders die Partie um die Augen und die tiefe Falte zwischen den Augenbrauen erinnerten sie an jemanden.

Sie lächelte ihn an. „Guten Tag. Wollen Sie zu mir? Bitte nehmen Sie doch Platz.“ Sie wies auf einen der harten Stühle, die an einem Tisch standen. „Ich mache inzwischen schnell sauber, und dabei können Sie mir erzählen, warum Sie gekommen sind. Wie wäre es mit einem Apfelstrudel?“

Sie nahm einen Teller aus dem Schrank und zog das Backblech aus der Durchreiche. Dann schnitt sie ein großes Stück von dem noch warmen Strudel ab und stellte den gefüllten Teller vor ihn hin.

„Willkommen in Edlers Bakery. Ich bin übrigens Amy.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen.

Jared starrte zuerst auf den Kuchen, dann blickte er hoch in zwei funkelnde grüne Augen. Etwas verwirrt ergriff er Amys Hand.

Die Hand war klein, warm und klebrig, mit schlanken, aber kräftigen Fingern. Das war keine schlaffe Damenhand, wie er sie kannte. Diese Hand gehörte einer Frau, die ihr Essen selbst kochte, die jeden Tag Teig knetete und das Geschirr spülte. Ihre Handgelenke und Unterarme waren sehnig und gebräunt.

In seinem Job schüttelte er täglich Männern und Frauen die Hand. Aber diese Begegnung war ganz anders. Hier war Energie zu spüren, und Wärme.

Sie hielt seine Hand einen Moment länger als üblich, während sie ihn direkt ansah, und das Grün ihrer Augen war geheimnisvoll wie das Meer und raubte ihm den Atem.

Mit einem Mal schien es ihm in der Küche noch heißer als zuvor. Er hatte angenommen, Amy Edler sei die Geschäftsführerin, aber doch nicht die Bäckerin!

Das war also das Mädchen, von dem Lucy ihm vorgeschwärmt hatte, als sie über ihre Hochzeitspläne redeten? Die Brautjungfer, die eine steile Karriere in der Finanzwelt hinter sich gelassen hatte, als sie nach London zurückgezogen war? Das musste ein Irrtum sein.

Sein Blick fiel auf die Wanduhr hinter ihr. Bestimmt waren die Bäcker schon nach Hause gegangen und hatten ihr das ganze Chaos hinterlassen, sodass sie selbst aufräumen musste.

Er erwiderte ihr Lächeln. „Freut mich, Miss Edler. Jared Shaw – Lucys Bruder.“

Für den Bruchteil einer Sekunde lief ein Schatten über ihr Gesicht, und er glaubte, so etwas wie Misstrauen zu spüren. Aber sofort fing sie sich wieder und setzte ihr charmantes Lächeln auf.

„Jared. Natürlich! Lucy hat erwähnt, dass Sie schon eine Woche vor dem großen Tag in die Stadt kommen. Freut mich, dass wir uns endlich einmal kennenlernen.“

„Ganz meinerseits.“ Er streckte ihr den Blumenstrauß hin, den er immer noch in der Hand hielt. „Die sind für Sie, Miss Edler.“

Amy blickte leicht konsterniert auf das teure Bukett aus exotischen Blumen und Palmblättern, bevor sie den Strauß entgegennahm.

„Was ist? Gefallen Ihnen die Blumen nicht?“

Sie zuckte zusammen. „Nein, ganz im Gegenteil – sie sind wunderschön. Es ist nur … hm … eine Weile her …“ Sie lächelte ihn an. „Das ist sehr nett von Ihnen, Jared. Vielen Dank. Und bitte nennen Sie mich Amy. Ich stelle die Blumen mal eben ins Wasser. Und jetzt müssen Sie mir unbedingt alles über die Hochzeit erzählen. Ich bin hier gleich fertig.“

Jared betrachtete sie von hinten, während sie zwischen Anrichte und Spüle hin und her lief. War diese mädchenhafte Frau wirklich Bankerin gewesen? Die Geschäftsfrauen, die er kannte, würden sich garantiert nicht die Hände schmutzig machen, geschweige denn ihre Kleidung.

„Ja, deswegen bin ich gekommen. Lucy hat mir erzählt, dass Sie mit der Hochzeitsplanerin zusammenarbeiten, um alles zu arrangieren, und ich wollte Ihnen meine Hilfe anbieten. Wo ich schon mal hier in London bin.“ Er ließ seinen Blick in der Backstube umherschweifen. „Offensichtlich haben Sie sehr viel zu tun. Also, Amy, ich stehe vollkommen zu Ihrer Verfügung. Betrachten Sie mich einfach als Ihr Mädchen für alles.“

Amy legte den Blumenstrauß auf die Spüle, dann drehte sie sich langsam um und brach unvermittelt in schallendes Gelächter aus.

Das Lachen kam tief aus ihrem Bauch und war unmöglich zu stoppen. Nach Luft ringend hielt sie sich am Rand der Spüle fest. Nachdem sie sich langsam wieder beruhigt und die Tränen aus den Augen gewischt hatte, japste sie: „Tut mir leid, aber ich finde das wahnsinnig komisch. Und schauen Sie doch nicht so!“ Sie begann erneut zu lachen.

Jared öffnete hilflos den Mund und zupfte verlegen an seinen Hemdsärmeln. „Ich verstehe überhaupt nichts. Was war denn gerade so lustig?“

„Sie. Lucy hat mir nämlich vorher schon verraten, was Sie sagen würden. Natürlich habe ich ihr nicht geglaubt, außer … Jedenfalls haben Sie genau das gesagt, was Lucy vermutet hatte.“

Jared schwieg und rutschte auf dem Stuhl hin und her, dann schüttelte er seufzend den Kopf. „Hat meine teure Schwester auch erwähnt, dass ich es hasse, wenn man mich festlegen will?“

Amy nickte heftig. „Hat sie. Aber ich habe schon verstanden. Sie sind ihr großer Bruder und wollen nur das Beste für Lucy. Daran ist nichts auszusetzen. Tut mir leid, dass ich gelacht habe, das war nicht persönlich gemeint.“ Sie schlug die Hand vor den Mund, weil sie von einem neuen Lachanfall geschüttelt wurde.

Er zuckte die Achseln. „Soll ich lieber morgen wiederkommen?“

Amy klatschte kurz in die Hände. „Heute war ein heißer und anstrengender Tag. Wie wäre es erst mal mit einem kalten Drink?“

„Nein danke. Ich frage mich immer noch, was Sie so lustig finden.“

„Ich musste gerade an was denken. Sehen Sie manchmal im Fernsehen diese Talentshows? Wo Leute irgendwas vorführen, was sie angeblich gut können – singen, tanzen, jonglieren oder so was?“

„Ich komme kaum dazu fernzusehen, aber ich weiß, was Sie meinen. Aber was hat das mit Lucy zu tun?“

„Das letzte Mal, als sie in London war, haben wir darüber geredet, uns zu so einem Wettbewerb zu melden. Sie würde ihre Akrobatikkünste vorführen, und ich könnte der Jury mit meinen Backkünsten imponieren. Als wäre das so einfach.“

Amy polierte eine bereits saubere Kuchengabel mit dem Geschirrtuch, bevor sie um den Tisch herumging und sie auf Jareds Teller legte.

„Mal ganz im Ernst. Nur weil ich mich entschieden habe, Bäckerin zu werden, heißt das noch lange nicht, dass ich mein Hirn zusammen mit meiner Firmenkreditkarte abgegeben habe.“ Sie lächelte ihn an. „Entspannen Sie sich, Jared. Lucy hat die beste Hochzeitsplanerin von London engagiert, und ich muss nichts anderes tun, als dort ab und zu anzurufen und zu fragen, ob alles klargeht. Bis jetzt läuft alles wie geplant.“ Sie deutete mit dem Kopf auf seinen Teller. „Und jetzt essen Sie erst mal. Sie sehen aus, als könnten Sie es gebrauchen. Bestimmt hatten Sie einen langen Tag.“

Er seufzte. „Ja, den hatte ich in der Tat. Und das sieht köstlich aus. Aber ich esse keinen Kuchen.“

Amy zuckte die Achseln. „Das ist auch kein Kuchen, sondern Strudel, und zwar ein selbst gebackener. Hier in dieser Backstube, heute morgen.“ Sie setzte sich an die Tischecke und verschränkte die Arme vor der Brust. „Eine Spezialität des Hauses. Und niemand verlässt meine Backstube, bevor er meinen Strudel probiert hat. Sie eingeschlossen, Jared Shaw.“

Lucy war ihre beste Freundin und hatte damals, als Amy im Krankenhaus lag, tagelang an ihrem Bett gesessen. Auf keinen Fall würde Amy ihre treue Freundin im Stich lassen. Aber sie brauchte wahrhaftig keinen Aufpasser, der hier aufkreuzte und anscheinend daran zweifelte, dass sie allein mit der Hochzeitsorganisation zurechtkam.

Auch wenn es sich dabei um Lucys Lieblingsbruder handelte, der männlich herb nach Limone und Leder duftete und aussah, als wäre er gerade einem Modemagazin entstiegen.

Andererseits würden die nächsten Tage ziemlich anstrengend werden. Und falls es tatsächlich Probleme geben sollte, wäre es hilfreich, jemanden zu haben, den sie um Hilfe bitten könnte. Vorausgesetzt natürlich, dass sie das Sagen hatte.

Sie ließ ihre Augen über Jareds muskulöse Brust und zurück zu seinem Gesicht wandern und lächelte ihn vielsagend an. „Eventuell könnten Sie mir bei ein paar Dingen behilflich sein. Ich werde mal drüber nachdenken.“

Die belustigten Fältchen an seinen Mundwinkeln wurden tiefer, während er sie unverwandt ansah. Amy fühlte sich wie magisch von ihm angezogen. Zwischen ihnen schien die Luft förmlich zu flirren.

Das war also der berühmte Jared Shaw, Direktor von Haywood & Shaw. Deutlich spürte sie die Kraft und Energie dieses Mannes, dessen Firmenschilder überall in England und an der Ostküste Amerikas an großen Bürogebäuden und Eigentumswohnanlagen hingen.

Und es war unübersehbar, dass er sich dessen bewusst war. Er gehörte zu den Männern, die es gewohnt sind, dass die Kellner vor ihnen katzbuckeln, wenn sie eine Cocktailbar oder ein Restaurant betreten.

Aber bei ihr war er da an der falschen Adresse.

Das Läuten des Telefons unterbrach ihre Überlegungen. Sie stand auf, nahm ab und ging ein paar Schritte in den Raum hinein.

Als sie sich wieder zu Jared umdrehte und er ihr angespanntes Gesicht sah, wurde ihm klar, dass etwas nicht in Ordnung war.

„Ja, ich kann in zwanzig Minuten da sein. Vielen Dank.“ Langsam stieß Amy den Atem aus, dann marschierte sie in den hinteren Teil der Backstube und zog ihre lange Schürze aus. Darunter kam ein kurzärmeliges marineblaues T-Shirt zum Vorschein.

Während sie sich die Hände wusch, trat Jared neben sie und blickte sie fragend an.

„Das war das Büro der Hochzeitsplanerin. Clarissa hat alles stehen und liegen lassen und ist in die Karibik abgedampft. Mit einem Kunden, der morgen früh vor den Traualtar treten sollte. Ich fahre gleich hin, um Lucys Unterlagen abzuholen. Möchten Sie mitkommen?“

2. KAPITEL

Jared hatte geahnt, dass etwas in der Art passieren würde. Und das Schlimmste war, es war alles seine Schuld.

Völlig blauäugig hatte er einen Hochzeitsservice engagiert, den er nicht kannte, um ein so wichtiges Ereignis wie die Hochzeit seiner einzigen Schwester vorzubereiten. Dabei hatte er seiner Mutter, bevor diese nach Frankreich gezogen war, versprochen, dass er sich um seine Schwester kümmern würde.

Und jetzt das. Aber noch war nicht alles verloren. Er hatte eine persönliche Assistentin und ein zuverlässiges Team in New York, die jederzeit einspringen konnten.

Jared fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Plötzlich war ihm sehr heiß, und er fühlte sich müde und erschöpft. Er sagte Amy, er würde draußen auf sie warten, und ging an die frische Luft.

Kurz darauf schob Amy sich durch die Ladentür nach draußen, den Arm voller Tortenschachteln. „Wir brauchen Bestechungsmaterial, damit der Hochzeitsservice Lucys Unterlagen herausrückt.“ Mit einem Kopfnicken deutete sie auf die belebte Straße. „Da drüben fährt ein Bus, mit dem sind wir in einer Viertelstunde in Clarissas Büro.“

„Als ich das letzte Mal mit dem Bus gefahren bin, ging ich noch in die Schule“, erwiderte Jared und griff nach seinem Handy. „Wir brauchen keinen Bus.“

Kurz darauf glitt beinahe geräuschlos ein silbergrauer Rolls-Royce heran und hielt direkt vor ihnen an. „Mist“, seufzte Amy. „jetzt kriege ich einen Kunden und habe keine Sachertorte mehr. Aber Moment mal – das Auto kenne ich doch von irgendwoher!“

Jared lächelte. „Entspannen Sie sich. Ich habe Ihnen doch erzählt, dass ich gerade vom Flughafen nach Hause unterwegs bin. Darf ich Ihnen meinen Fahrer Frank vorstellen …“

Amy warf Jared förmlich die Tortenschachteln in den Arm, und er sah perplex zu, wie sie seinen alten Freund umarmte und auf beide Wangen küsste. Komisch, dass ihm das einen eifersüchtigen Stich versetzte. Normalerweise war er doch überhaupt nicht eifersüchtig, schon gar nicht wegen einer Frau, die er erst ein paar Minuten kannte.

Er tat, als ließe ihn das alles völlig kalt, während er, die Torten vorsichtig balancierend, mit einer Hand den Kofferraum öffnete. Zum Glück versperrte der glänzende Kofferraumdeckel ihm den Blick auf die vertrauliche Begrüßung.

„Amy, meine Liebe, hier hast du dich also versteckt. Edlers Bakery. Aha.“

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