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Süß wie die Sünde

Inhalt

  1. Cover
  2. Über die Autorin
  3. Titel
  4. Impressum
  5. Kapitel 1
  6. Kapitel 2
  7. Kapitel 3
  8. Kapitel 4
  9. Kapitel 5
  10. Kapitel 6
  11. Kapitel 7
  12. Kapitel 8
  13. Kapitel 9
  14. Kapitel 10
  15. Kapitel 11
  16. Kapitel 12
  17. Kapitel 13
  18. Kapitel 14
  19. Kapitel 15
  20. Kapitel 16
  21. Kapitel 17
  22. Kapitel 18
  23. Kapitel 19
  24. Kapitel 20
  25. Kapitel 21
  26. Kapitel 22
  27. Kapitel 23
  28. Kapitel 24
  29. Kapitel 25

Über die Autorin

Victoria Dahl lebt mit ihrer Familie in einer kleinen Bergstadt im amerikanischen Bundesstaat Utah. Ihr erster Roman wurde mit dem Golden Heart Award ausgezeichnet, einem der wichtigsten Preise für Liebesromane. Seitdem hat sie zahlreiche Bücher geschrieben, erhielt unter anderem drei RITA-Award-Nominierungen und schaffte es auf die USA-Today-Bestseller-Liste.

Kapitel 1

Lincolnshire, 1847

Der Mann auf Marissa York stöhnte laut, wobei ihr sein zittriger Atem über die Wange strich.

Sie drehte den Kopf zur Seite und runzelte die Stirn, als sich das Zimmer um sie drehte. Gütiger Himmel, dies hier war gar nicht gut. Zum Glück schien es fast vorbei.

Nach einem endlosen Sommer, in dem sie vorgeben musste, in London nach einem Bräutigam zu suchen, hatte Marissa sich eine Nacht verbotener Freuden gönnen wollen. Es war die erste Hausgesellschaft ihrer Familie anlässlich der beginnenden Jagdsaison, und alle amüsierten sich prächtig. Also hatte Marissa beschlossen, sich ebenfalls etwas Spaß zu suchen. Was sie fand, war ungeschicktes Betatschen, von der Unbequemlichkeit und dem vielen Ächzen ganz zu schweigen. Vielleicht mussten Damen deshalb bis zur Ehe keusch bleiben, denn wie unerquicklich deren Vollzug auch sein mochte, danach konnten sie nicht mehr zurück.

»Meine Liebe«, seufzte Peter White ihr ins Ohr. »Meine süße, allerliebste Marissa. Das war wunderschön. Vollkommen.«

»Vollkommen?«

»O ja.«

Sie reckte sich, um den Druck auf ihren Rücken zu lindern. »Ähm, könnten Sie bitte … aufstehen?«

»Natürlich, Verzeihung.« Er stützte sich auf die Ellbogen. Das nahm ihr zwar sein Gewicht von der Brust, leider drückte er auf diese Weise zugleich seine Hüften fester auf ihre. Und dort unten fühlte sich alles ziemlich … matschig an.

»Mr White, bitte, stehen Sie auf.«

Er schenkte ihr ein selbstgefälliges Grinsen. »Kommt es Ihnen nicht seltsam vor, mich in solch einem Moment Mr White zu nennen?«

»Nein.«

»Ich hoffe, Sie sprechen mich mit meinen Taufnamen an, wenn wir verheiratet sind, zumindest in …«

»Wie bitte?«

Er beugte sich hinab und küsste sie auf die Nase. Marissa wischte sich die Nasenspitze ab.

»Ich spreche morgen mit Ihrem Bruder«, sagte er säuselnd.

»Sie werden nichts dergleichen tun! Und nun steigen Sie herunter von mir. Sie brauchen ja länger fürs Absteigen als für den Ritt.«

Endlich schien der hohlköpfige Narr zu begreifen, dass sie nach seiner erbärmlichen Vorstellung nicht von Sinnen vor Entzücken war. Er wich zurück, wodurch er sich unten noch mehr an sie presste.

»Oh, gehen Sie schon runter von mir, Sie riesiger Tölpel!«, rief sie.

»Marissa!«, hauchte er entsetzt.

Just in diesem Moment hörte sie Schritte auf dem Flur und riss die Augen weit auf. Sie stieß ihn gegen die Brust, doch die Tür öffnete sich bereits.

Marissa hielt den Atem an. Es war dunkel, und das Licht aus dem Korridor reichte vielleicht gar nicht bis zu ihnen. Wenn sie sich also ruhig verhielten …

Peter White räusperte sich. »Würden Sie bitte die Tür schließen. Wir möchten ungestört sein.«

Bevor sich ihr Schock in Wut verwandeln konnte, bewegte sich die Gestalt in der Tür. »Verzeihung?« Es war die Stimme ihres Bruders.

O nein! Nicht ihr Bruder.

Nun flog die Tür zur Gänze auf, und Marissa blinzelte im hellen Licht; folglich musste sie wohl davon ausgehen, dass sie zu sehen war. »Nein«, flüsterte sie.

»Marissa Anne York!«, brüllte ihr Bruder, ehe er sich auf den Mann auf ihr stürzte.

Mr White verschwand nun endlich von ihr, doch es war ihr unmöglich, dafür auch bloß einen Hauch von Dankbarkeit zu empfinden. Die Schatten der beiden Herren verknäuelten sich zu einem großen Ungetüm in der dunkelsten Ecke des Zimmers. Vasen zerbrachen, und ein Tisch krachte gegen die Wand.

»Aufhören!«, rief Marissa, in der Hoffnung, sowohl den Kampf zu beenden als auch die Zeit anzuhalten. Könnte sie die Uhr doch nur eine halbe Stunde zurückdrehen, wieder im Salon stehen, ihr letztes Glas Wein trinken und sich nicht von Mr White in dieses Zimmer locken lassen …

Am liebsten wäre sie von der Couch gesprungen und in ihr Zimmer geflohen. Stattdessen wählte sie einen gewagteren Weg. Sie schob ihre Röcke nach unten, stand unsicher auf und wandte sich zu ihrem Bruder. »Edward! Hör auf, bitte!«

»Sie sittenloser Unhold!«, schimpfte ihr Bruder.

Bei dem klatschenden Geräusch von Schlägen fuhr Marissa zusammen. Dann legte sich das Chaos, und als Nächstes erklang das Keuchen der beiden Männer aus der Dunkelheit. Marissa konnte nichts anderes tun, als zitternd dazustehen.

»Edward?«, flüsterte sie.

Zerbrochenes Glas fiel zu Boden. Einer der Schatten erhob sich und kam auf sie zu. Marissa wich zurück. Sie fürchtete sich vor ihrem Bruder, weil sie ihn nicht sehen konnte. Nicht, dass er ihr jemals etwas täte, ganz gleich, was sie anstellte. Aber er sah aus wie ein Troll, der sich ihr aus der Finsternis näherte.

Oder es war Mr White, und ihr Bruder lag besinnungslos auf dem Fußboden?

»Edward?«

Im letzten Moment drehte sich der Schatten, und das erboste Gesicht ihres Bruders war zu sehen. Er lief an ihr vorbei. Glas klimperte. Ein Streichholz wurde angestrichen.

Langsam breitete sich Licht im Zimmer aus. Als es die Ecke erreichte, war Mr White zu sehen, der ebenfalls bei Sinnen war. Er hockte auf dem Boden und drückte eine Hand auf sein Auge. Bei seinem Anblick musste Marissa an sich halten, nicht auf ihn loszustürmen und seinem Gesicht weiteren Schaden zuzufügen. Es war leichter, wütend auf ihn als auf sich selbst zu sein.

Ein Schatten fiel vom Flur hinein. Marissa blickte auf und erkannte ihren Cousin Harry in der Tür.

»Was, in aller Welt, ist das für ein Krawall?«, fragte Harry. Oh, es wurde immer schlimmer. Wie viele hatten sie noch gehört?

»Marissa«, sagte ihr Bruder, und dieses eine Wort war schwer von Sorge, Schmerz, Verwirrung und Zorn.

Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper und ging langsam auf ihn zu. »Verzeih mir.« Ihre Stimme klang zum Glück ruhig. »Ich wollte nicht, dass du dies siehst.«

»Es sehen?«, fuhr er sie an.

Ein Hausmädchen erschien neben Harry, die Finger in die Schürze gekrallt.

»Harry«, sagte Edward, bemüht gefasst, »warte bitte im Studierzimmer auf mich. Und schließ die Tür!«

Diese Situation erforderte äußerste Besonnenheit. Ihre Familie war nicht gerade für Zurückhaltung bekannt. Ungestüm lag ihnen im Blut, und Marissa hatte eindeutig besonders viel davon geerbt. »Edward, es tut mir leid. Offensichtlich benahm ich mich … war ich nicht …« An dieser Stelle wurde sie von der schlimmstmöglichen Ankündigung unterbrochen.

»Wir werden umgehend heiraten«, sagte Mr White, der nach wie vor auf dem Boden saß.

Ihr Bruder nickte.

Marissa hingegen schüttelte den Kopf. »Das werden wir ganz gewiss nicht.«

Glas klimperte und klirrte, als sich Mr White bewegte. »Wenn Sie mir kurz erlauben, mich … herzurichten, Baron, würde ich Sie gern unter vier Augen …«

»Nein!«, protestierte Marissa. »Es wird keine Unterredung geben! Ich hege nicht die Absicht, Mr White zu heiraten. Nicht die geringste!«

Ihr Bruder drehte sich zu ihr um. Aus seinen grünen Augen sprach nichts als Kummer und Enttäuschung. »Du willst mir hoffentlich nicht erzählen, dass du dich ohne Aussicht auf eine Heirat mit einem Mann vergnügst.«

»Doch, das will ich damit sagen. Und hätte ich eine anschließende Heirat zuvor noch in Betracht gezogen, täte ich es jetzt ganz sicher nicht mehr. Siehst du irgendeinen Hinweis auf Dankbarkeit an mir? Ich würde diesen lüsternen Narren für nichts auf der Welt heiraten.«

Edward sah zu Mr White. »Hat er sich dir aufgezwungen?«

»Nein, nein. Ihm gelang es lediglich nicht, mit seiner Leistung meine geringsten Erwartungen zu erfüllen.«

»Leistung«, wiederholte ihr Bruder entgeistert. »Was kannst du von …«

»Augenblick!«, rief Mr White. »Ich dulde das hier nicht. Wir werden so bald wie möglich heiraten. Baron, könnten Sie eine Ausnahmegenehmigung erwirken?«

»Oh, um Himmels willen«, unterbrach Marissa die beiden. »Ich heirate ihn nicht! Wie soll ich es noch klarer ausdrücken?«

Mr White, der sich anscheinend hergerichtet hatte, trat nun vor und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Bei allem Respekt, Miss York, Sie haben keine andere Wahl, als mich zu heiraten.«

»Wie bitte?«

»Ich habe Sie Ihrer Tugend beraubt. Die Bediensteten reden bereits. Folglich sind Sie die Meine, meine Liebe.«

»Die Ihre?« Sie entwand ihm ihre Schulter und trat einen Schritt zurück. »Die bin ich ganz gewiss nicht.«

Edward räusperte sich. »Lassen Sie unsere Bediensteten unsere Sorge sein, Mr White.«

»Natürlich. Und das Gerede ist ohne Bedeutung, nachdem erst die Treuegelübde abgelegt wurden. Miss York ist von ihren Gefühlen überwältigt, was wir beide verstehen. Besprechen wir die Angelegenheit von Mann zu Mann, Baron. Sie denkt nicht logisch.«

Marissa plusterte sich empört auf. »Im Gegenteil. Und selbiges logisches Denken bringt mich zu dem eindeutigen Schluss, dass ich lieber in ein Kloster eintrete, als für den Rest meiner Nächte Ihre grunzenden Bemühungen zwischen meinen Beinen zu erdulden, Mr White. Jetzt würde ich gerne unter vier Augen mit meinem Bruder sprechen, wenn Sie erlauben.«

Ihr Bruder bekam vor Entrüstung keinen Ton heraus. Mr White lief puterrot an, doch auf seinem Gesicht zeigte sich eine ganz andere Empfindung. »Ich habe Sie besessen, und Sie werden mich heiraten, junge Dame.«

Zu spät begriff sie, was er vorhin meinte, als er seine Hand unter ihre Röcke schob. »Endlich«, hatte er gehaucht. »Sie werden mein.« Sie hatte geglaubt, dass er von temporärem Besitz sprach. Dabei hätte sie es besser wissen müssen. Immerhin hatte er ihr bereits zwei Mal einen Antrag gemacht.

Ihr Bruder mischte sich ein. »White, ich muss mit meiner Schwester sprechen. Bitte warten Sie im Studierzimmer auf mich.«

Vor Wut kräuselte sich Whites gerötete Stirn. »Sie wollen ihr doch nicht ernsthaft ihren Willen lassen. Ihre Schwester traf ihre Entscheidung, als sie sich auf diese Couch legte, Sir. Ich gestatte nicht, dass sie sich jetzt anders besinnt.«

Marissas Blickfeld verengte sich, bis sie nur noch Peter Whites Gesicht sah. Sein rechtes Auge schwoll schon an, deshalb konzentrierte sie sich auf sein linkes und fragte sich, wie viel Kraft erforderlich wäre, es dem rechten Auge gleichzumachen. »Sie gestatten nicht? Ich sagte Ihnen inzwischen zwei Mal, dass ich nicht Ihre Frau werde.«

Er besaß die Dreistigkeit, sie anzulächeln. »Wäre es Ihnen ernst, hätten Sie mich aufhalten sollen. Wir werden heiraten. Ihnen bleibt keine andere Wahl.«

»White«, sagte ihr Bruder gefährlich ruhig, »Marissa ist zweiundzwanzig Jahre alt und kann zu nichts gezwungen werden.«

Mr White schnaubte. »Sie könnte bereits guter Hoffnung von mir sein. Und als Hausherr ist es Ihre Pflicht, sie vor ihrer eigenen Einfältigkeit zu schützen. Sollte bekannt werden, dass …«

Edward schritt auf ihn zu, sodass er dem anderen Mann bedrohlich nahe kam. »Wie sollte es bekannt werden?«

»Es halten sich gegenwärtig vierzig Gäste in Ihrem Haus auf, Baron. Ich möchte meinen, dass einer von ihnen etwas gehört hat. Ihr Cousin sah sogar alles mit eigenen Augen. Und Sie wünschen sich wohl kaum, dass Ihre Schwester einen zweifelhaften Ruf bekommt, nicht wahr?« Seine Augen blitzten triumphierend.

»Sie abscheulicher Mensch«, flüsterte Marissa. »Sie haben das geplant

Edward packte Peter White bei seiner Krawatte. »Sie hatten es geplant, richtig?«

»Ich beabsichtige, ihr meinen Namen zu geben, meine Hingabe. Noch ist kein Schaden angerichtet. Sie sollte sich geehrt fühlen. Mein Großvater ist …«

Ja, sie hatte sich die Geschichten über seine glorreichen Vorfahren schon hinlänglich angehört. Umso froher war Marissa, als Edward ihn mit einem Kinnhaken zum Verstummen brachte. Der Mann stolperte rückwärts, hielt sich das Kinn mit beiden Händen und sackte zu Boden.

»Verlassen Sie mein Haus«, befahl Edward.

»Das können Sie unmöglich meinen!«

»Gehen Sie!«

White schüttelte den Kopf. »Ich liebe sie.«

Marissa stieß einen Schrei der Empörung aus. Edward indes wies nur zur Tür. »Verschwinden Sie. Und sollten Sie auch bloß ein Wort hierüber gegenüber irgendjemandem erwähnen, werde ich Sie aufspüren und umbringen.«

Mr White betrachtete ihn nachdenklich. Offensichtlich überlegte er, ob Edward fähig wäre, einen Mord zu begehen. Er sah nicht so aus, als würde er es glauben, und Marissa war ziemlich sicher, dass sie ähnlich zweifelnd dreinblickte. Edward war überaus reizbar, beruhigte sich allerdings auch rasch wieder. Er galt als der Besonnene in der Familie. War Mr White erst fort, wäre er sicher nicht mehr in Todesgefahr. Es sei denn …

Edward lächelte. »Und sollte ich Sie nicht finden können, wird es mein Bruder Aidan fraglos können. Er würde es genießen, Sie zu jagen, entspricht es doch seinem Gemüt.«

Also Aidan war eine ganz andere Sache. Selbst Marissa war unwohl bei dem Gedanken, er könnte hiervon erfahren. Und das würde er.

Peter White straffte die Schultern und presste die Finger an sein Kinn. »Das ist grotesk. Sie sind beide aufgebracht. Ich werde jetzt gehen, aber in wenigen Tagen komme ich wieder. Ich liebe Sie, Marissa.«

»O ja, ich wette, dass Sie den Gedanken an meine fünfhundert Pfund im Jahr lieben«, konterte sie schnippisch. Mr White beachtete sie nicht und stapfte aus dem Zimmer.

Sie hatte sich gewünscht, dass er verschwand, doch nun war sie mit ihrem Bruder allein. Schamesröte erhitzte ihre Wangen, und ihre Kehle wurde eng. »Es tut mir leid«, flüsterte sie.

»Marissa, was …?« Seine Schultern sanken herab. »Wie konntest du?«

»Es tut mir leid! Ich hätte es nicht tun sollen! Mir war langweilig, ich hatte zu viel Wein getrunken, und ich … Es gibt keinen Mann, in den ich mich auch nur ein bisschen verlieben könnte, und ich nehme an, ich war … neugierig.« Was weitestgehend der Wahrheit entsprach, sah man von einigen Details ab, die sie lieber ausließ.

»Ach, Rissa.« Ihr Bruder seufzte. »Diesmal hast du es wahrlich zu weit getrieben.«

»Ich war dumm, das weiß ich. Aber ich schwöre, dass er vorher nicht annähernd so furchtbar war. Ich mochte ihn sogar ein wenig.«

Ihr Bruder beobachtete sie aufmerksam, und Traurigkeit legte sich über seine Züge.

»Was ist?«

»Ich werde nicht versuchen, dich zu einer Heirat mit ihm zu zwingen. Er ist ein Schurke. Aber …« Er ergriff ihre Hand und hielt sie fest. »Du wirst jetzt jemanden heiraten müssen.«

»Was?« Sie riss ihre Hand zurück. »Warum?«

Plötzlich flog die Tür auf, und ihre Mutter kam mit ausgebreiteten Armen hereingelaufen, sodass sie das Zimmer trotz ihrer kleinen Statur vollständig ausfüllte. »Was ist geschehen?«, jammerte sie.

Marissa schüttelte den Kopf. »Nichts. Alles ist wunderbar.«

Ihr Bruder winkte ihre Mutter herein und schlug die Tür zu. »Es ist nicht alles wunderbar. Alles ist ein Desaster.«

In wohlbekannter dramatischer Manier drückte die verwitwete Baroness eine Hand auf ihr Herz. »Was ist passiert? Geht es um Aidan? Was ist mit meinem süßen, geliebten Jungen?«

»Mit Aidan ist nichts. Es geht um Marissa. Sie ist entehrt.«

Die Baroness rang so laut nach Luft, dass es durchs Zimmer hallte.

»Oh, warum musstest du ihr das sagen?«, sagte Marissa ärgerlich.

Edward war damit beschäftigt, ihre Mutter zu einem Sessel zu führen, wo sie sehr elegant in Ohnmacht fiel. Noch eine vorhersehbare Reaktion.

Nachdem Edward sich wieder aufgerichtet und seine Hände abgeklopft hatte, als wäre soeben eine Arbeit erledigt worden, sagte er: »Sie könnte Verdacht schöpfen, wenn wir aus heiterem Himmel eine Heirat für dich arrangieren.«

»Es besteht kein Grund, weshalb ich heiraten sollte!«

»Marissa, benimm dich nicht so kindisch. Nach allem, was ich bezeugen durfte, könntest du sehr wohl guter Hoffnung sein. Wir müssen schnellstens einen Ehemann für dich finden.«

»Das ist absurd!« Doch noch ehe sie die Worte ausgesprochen hatte, überkam sie eine entsetzliche Angst. Daran hatte sie tatsächlich nicht gedacht. Wie es zu »guter Hoffnung« kam, war ihr nur aus vagen, nebulösen Andeutungen geläufig, die sie über die Jahre zufällig mitgehört hatte. »Ich dachte … beim ersten Mal … ist es nicht möglich?«

»Doch, ist es. Und ich würde mir wahrlich wünschen, du wärst mit diesbezüglichen Fragen zu mir gekommen, bevor dies hier stattfand.«

»O nein«, stöhnte sie.

Edwards Mundwinkel zogen sich nach unten. »Entweder heiratest du diesen Unhold oder jemand anderen. Eine Heirat wird helfen, jedwedes Gerede zu zerstreuen, und findet sie in Bälde statt, kann sie vorteilhaft von einer sehr zeitigen Kindsgeburt ablenken. Überdies scheint mir, dass du dringend Zerstreuung brauchst, und eine Ehefrau zu sein dürfte deine Langeweile vertreiben.«

»Aber …« Sie spürte, dass ihr Kinn zu beben begann, deshalb schloss sie lieber gleich wieder den Mund und zählte bis zehn. »Aber ich will nicht weg von hier. Dies ist mein Zuhause.«

Sofort war alle Wut in seinem Gesicht wie fortgewischt. »Ich weiß. Und ich will auch nicht, dass du gehst. Wir müssen jemanden finden, der dich jederzeit nach Hause bringt, wenn du es wünschst. Jemand Fügsamen.«

»Na ja, wer sonst würde eine entehrte Frau ehelichen, die auch noch das Kind eines anderen tragen könnte?«, flüsterte sie. »Es müsste schon ein fügsamer oder … unterwürfiger Mann sein.«

»Marissa …«

Ihre Mutter stöhnte theatralisch, und ihre Augenlider flatterten. Ihre Ohnmacht neigte sich dem Ende zu.

Panik schnürte Marissa den Brustkorb zu. Ihr Bruder hatte recht, und sie wollte keine Schande über die Familie bringen. Eigentlich hatte sie sich gar nichts bei alldem gedacht. Sollte Peter White die Geschichte jedoch herumerzählen, wäre es unerquicklich. Und falls sie guter Hoffnung war, gäbe es keinen anderen Ausweg. Aber wenn er nicht und wenn sie nicht …

»Edward, es würde Zeit brauchen, einen geeigneten und bereitwilligen Bräutigam zu finden, nicht? Anständige Männer stehen nicht am Wegesrand und warten auf eine entehrte Frau, die sie mit nach Hause nehmen können.«

»Ähm …«, begann er.

»Harry wird es keiner Seele sagen. Und sollte es Folgen haben, wissen wir es innerhalb von zwei Wochen. Zwei Wochen sind nicht lange! Falls eine Verlobung arrangiert werden muss, halten wir uns dafür bereit und wenn ich mich als … äh … nicht guter Hoffnung erweise, vergessen wir die Sache einfach.«

Ihr Bruder errötete. »Gibt es denn keinen, den du magst? Niemanden, der dir einen Antrag machen würde?«

»Ich mochte den fraglichen Gentleman bis heute Abend recht gern. Er ist ein hervorragender Tänzer, und sein Gehrock sitzt stets tadellos. Aber jetzt? Nein, keinen.«

Ihr Bruder murmelte etwas, das sich anhörte wie »sein Gehrock«, als ihre Mutter die Augen öffnete.

»Marissa.« Sie seufzte. »Wie konntest du nur? Warum musstest du so etwas Entsetzliches tun?«

Entsetzlich, o ja, ihre Mutter hatte das richtige Wort gewählt. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie wahrheitsgemäß. Da waren der Wein und die heimlichen Küsse gewesen, und es schien alles so aufregend, als sie sich zusammen in dieses Zimmer schlichen. Dann nahm es Züge an, die man lieber wissenschaftlich denn poetisch umschrieb. »Idiot«, flüsterte sie.

»Ja, du bist eine Närrin«, rief ihre Mutter.

»Ich meinte Mr White.«

»Mr White«, wiederholte ihre Mutter. »Hm. Er ist fürwahr ein exzellenter Tänzer. Und ein hübscher Bursche. Zudem hat er ein ansehnliches Einkommen. Ja, er wäre ein durchaus passabler Ehemann.«

Edward winkte ab. »Sprechen wir später darüber, Mutter. Ich muss nachdenken. Wo ist Aidan, wenn ich ihn brauche? Er sollte hier sein. Wahrscheinlich kennt er einige geeignete Herren.«

»Bitte, erzähle ihm nichts«, flehte Marissa. Aus unerfindlichen Gründen war sie nicht einmal verwundert, als beinahe im selben Moment ein Diener hereinkam.

»Mr Aidan York ist eingetroffen, Mylord«, sagte der Diener und verneigte sich. »Er bittet um Entschuldigung für seine Verspätung und lässt Ihnen ausrichten, dass er nach unten kommt, sobald er sich frisch gemacht hat.«

»Sehr gut«, murmelte Edward. »Ich werde ihm nichts sagen, ehe White keine Gelegenheit hatte, zu packen und zu fliehen. Andernfalls könnten wir einen Mord auf unserem Gewissen haben.«

»Mord!«, japste ihre Mutter, sank abermals in den Sessel zurück, war jedoch nicht so ohnmächtig, dass sie nichts mehr hörte.

Marissa blickte sich nach einem freien Sessel um, denn sie wäre auch sehr gern ohnmächtig geworden. Allerdings blieb nur die Couch, und von der hatte sie vorerst genug. Also konnte sie nur tief durchatmen und mit den Konsequenzen dessen leben, was sie getan hatte.

Leider musste sie bald darauf feststellen, dass es doch etwas gab, was sie tun könnte. Der Wein in ihrem Bauch zettelte einen Krieg mit ihrer Furcht an, was bewirkte, dass sich in ihrem Kopf alles drehte. Sie beugte sich vor, besah das orientalische Teppichmuster aus der Nähe und erbrach ihren Mageninhalt darauf.

»Habe ich dir schon für die Einladung gedankt?«, fragte Jude Bertrand halb im Scherz, als er Aidan York die ausladende Treppe hinab folgte.

Aidan warf ihm einen Blick über die Schulter zu und zog amüsiert eine Braue hoch, sagte aber nichts.

Tatsächlich hatte Jude sich bereits mehrfach bedankt. Aus irgendeinem Grund machte es ihn frohgemut, auf dem York-Anwesen zu sein. Das Haus war groß und hell, und durch die Fenster blickte man auf weite Wiesen und Haine. Die Landschaft bezauberte ihn, und die Familie, so seltsam es anmuten mochte, erinnerte ihn an seine frühe Kindheit. Was fürwahr wunderlich war, bedachte man, dass er seine ersten Lebensjahre größtenteils in einem französischen Freudenhaus verbracht hatte.

Der komische Vergleich entlockte ihm ein leises Lachen, während er mit einer Hand über das Treppengeländer glitt und sich an seinen Aufenthalt hier im letzten Jahr erinnerte – insbesondere an einen gewissen Wildfang mit rotblondem Haar, der dieses Geländer frühmorgens in dem Glauben hinunterrutschte, es wäre noch niemand wach. Jude hatte darauf geachtet, dass sie ihn nicht bemerkte. Allerdings hatte er sich gefragt, warum niemand sonst die Wildheit in ihr wahrzunehmen schien.

Er freute sich jedenfalls sehr darauf, sie wiederzusehen.

Als sie unten ankamen, nickte Aidan York einigen Gästen zu, ging jedoch direkt in das Studierzimmer seines Bruders. Jude folgte ihm. Die Tür war geschlossen, und von drinnen waren aufgeregte Stimmen zu hören, was Jude nicht weiter überraschte. Die York-Familie hatte einen untypischen Hang zum Drama, anders als andere Angehörige des Hochadels.

Aidan wirkte ebenfalls wenig überrascht. Er klopfte kurz an und schritt mitten ins Chaos.

Die verwitwete Baroness saß halb liegend auf einem Kanapee und schluchzte laut in ihr Seidentaschentuch. Der Baron, Aidans älterer Bruder, ging vor dem Kamin auf und ab, und sein gerötetes Gesicht wies ihn als die Lärmquelle aus. Außerdem war ein Cousin anwesend. Harry, wenn Jude sich recht erinnerte, der recht missmutig dreinblickte.

Jude hob eine Hand zum Gruß.

»Aidan«, rief Edward. »Gott sei Dank, bist du hier!« Dann fiel sein Blick auf Jude. »Jude, du darfst nicht dabei sein, tut mir leid.«

»Oh, na gut.« Jude drehte sich schon halb zur Tür, als Aidan ihm eine Hand auf die Schulter legte.

»Werde nicht melodramatisch, Edward.« Seine ruhige Stimme stand im klaren Kontrast zu der seines Bruders. »Selbstverständlich kann Jude bleiben. Also, welche Krise haben wir diesmal?«

Edward schüttelte den Kopf. »Du verstehst es nicht. Dies ist ernst und sehr privat.«

»Hast du dich etwa in eines der Zimmermädchen verliebt?«

Die Baroness richtete sich ein wenig auf. »Aidan! Sei nicht so respektlos.« Dann neigte sie den Kopf zur Seite und beäugte Jude, der sich höflich verbeugte. »Verzeihen Sie, Mr Bertrand, aber Sie …« Mitten im Satz verstummte sie und runzelte die Stirn. »Mir kommt der Gedanke, dass uns Mr Bertrand von Nutzen sein könnte. Er eröffnet gewisse, wie soll ich sagen, Aussichten.«

Jude horchte auf. Was meinte sie?

»Ja!«, rief der Cousin. »Seine Mutter!«

Aha. Jude nickte. Seine Mutter. Steckte womöglich eine Mätresse Edwards in Schwierigkeiten? »Falls ich irgendwie helfen kann, tue ich es gern. Und ich wurde natürlich von klein auf dazu erzogen, absolute Diskretion zu wahren.«

Edward aber schüttelte den Kopf. »Die Angelegenheit ist zu delikat«, sagte er mit einem strengen Blick zu seiner Mutter. »Wie Sie sehr wohl wissen.«

Aidan schritt quer durchs Zimmer auf die Brandy-Karaffe zu. »Das ist lächerlich. Ich würde Jude mein Leben anvertrauen. Falls er dir helfen kann, dann heraus damit, alter Knabe.« Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, woraufhin Jude zur Anrichte ging und sich selbst etwas zu trinken nahm. Er hätte sich entschuldigen sollen, allerdings war er inzwischen sehr neugierig.

Edwards Flüstern sollte wahrscheinlich diskret sein, füllte indes mühelos den gesamten Raum. »Es geht um unsere Schwester!«

Jude erstarrte und drehte sich zur Familie um. »Marissa?«, fragte er.

Alle sahen ihn an.

»Ähm, Verzeihung, ich meine, Miss York?«

Als Aidan aufstand, richtete sich aller Aufmerksamkeit auf ihn. »Was ist mit Marissa?« Er kniff die Lippen zu einer schmalen Linie zusammen.

»Aidan, bitte«, sagte seine Mutter.

»Was ist mit Marissa?«, brüllte er.

Edward holte tief Luft und sagte leise: »Sie ist entehrt.«

Stille trat ein. Alle hielten den Atem an und beobachteten, wie sich Aidans Ohren rot färbten. Kein gutes Zeichen.

Der Baron hob beide Hände. »Es ist geschehen, und wir müssen einen Ehemann für sie finden, schnell. Vielleicht kann Jude uns helfen …«

»Wer war es?«, fiel Aidan ihm ins Wort. »Wurde sie verletzt?«

Jude machte mit ernster Miene einen Schritt nach vorn, doch Edward verneinte.

»Nein, sie war angetrunken. Und dumm. Aber sie wurde nicht verletzt. Der sogenannte Gentleman ist bereits gegangen.«

»Wer?«, donnerte Aidan.

Edward zuckte zusammen und schluckte. »Peter White.«

Prompt murmelte Aidan eine ganze Litanei von bildhaften Drohungen vor sich hin, ehe man ihm die ganze Geschichte, unterbrochen von Aufschreien und Wehklagen der Baroness, erzählte. Unterdessen lauschte Jude und hegte sehr hässliche Gedanken über Mr White. Ein hübscher, arroganter Kerl und offenbar ein Schurke. »Feiger Schuft«, murmelte Jude, während Edward erklärte, warum Marissa Mr White nicht heiraten konnte.

»Aber sie muss heiraten«, fuhr er fort. »Die Bediensteten reden schon. Und falls der Kerl seinen Samen …«

Die Baroness wedelte schwach mit den Händen. »Das ist entsetzlich. Nicht auszudenken. Was ist, wenn Mr White insistiert? Es wäre schließlich sein Kind.«

Harry widersprach: »Nein, ich kann kein Mitgefühl für ihn aufbringen. Er hat schon ein Kind mit der Tochter des Stellmachers, und jenes Kind schert ihn nicht weiter. Nicht einmal hinreichend, um ihm ein Auskommen zur Verfügung zu stellen.« Harry wirkte zerknirscht. »Ich bedaure, nicht bedacht zu haben, dass er nichts Gutes im Schilde führt. Ich hätte ihn nicht einladen dürfen.«

Edward winkte ab. »Es ist nicht deine Schuld. Aber jetzt müssen wir uns bemühen, einen anständigen Bräutigam für sie zu finden.«

»Oh, was für ein Elend!«, jammerte die Baroness. »Unsere Marissa muss jemanden finden, der freundlich und ehrbar ist, einen unzweifelhaften Mann, der sie gut behandelt und … und das Kind als sein eigen annimmt.«

Aidan hob die Hände. »Und wer, zur Hölle, wäre dazu bereit?«

Alle schüttelten betrübt die Köpfe und wechselten ratlose Blicke.

Jude wartete einen Moment und prüfte seine ziemlich wirren Gedanken, um sicherzugehen, dass seine erste Regung richtig war. Er neigte nicht zu Selbstzweifeln, daher brauchte er nur eine kleine Weile, bis er seinen Frieden mit der Entscheidung gemacht hatte. Bevor abermals Chaos im Raum ausbrach, trat er vor und neigte den Kopf. »Ich wäre es.«

Zunächst reagierte niemand. Sie sahen ihn nicht einmal an. Dann wandte Aidan sich stirnrunzelnd zu ihm. »Was würdest du, Jude?«

»Ich würde deine Schwester heiraten.«

Nun war ihm ihrer aller Aufmerksamkeit sicher.

»Sie?«, fragte die Baroness.

»Ja, ich.«

»Aber, Sie sind …«

Jude lächelte. »Ein Bastard?«

»Also, ja. Gewiss, ich hatte gehofft, dass Sie uns Hilfe oder vielleicht Rat bieten könnten, aber … als Bräutigam …«

»Immerhin bin ich der Sohn eines Herzogs. Der anerkannte Sohn. Und wie sonst wollen Sie in dieser Lage den Sohn eines Herzogs für Ihre Tochter gewinnen? Ich habe keinen Titel, den ich schützen muss, mithin muss ich mir auch keine Sorgen wegen eines illegitimen Erben machen. Und da ich nicht einmal den Namen meines Vaters erben werde, brauche ich auch deswegen nicht besorgt zu sein.«

Er sah, wie es in der Baroness arbeitete. »Das sind interessante Ausführungen«, sagte sie.

Aidan schob die Hände in seine Taschen und blickte ihn mürrisch an. »Warum solltest du meine Schwester heiraten wollen? Kennst du sie überhaupt?«

»Natürlich kenne ich sie. Ich war schon bei, wie vielen, vier Gesellschaften in eurem Haus. Allerdings bin ich mir nicht ganz sicher, ob sie mich kennt.«

Aidan grummelte zustimmend. Sie beide wussten, dass Jude kein Mann war, von dem vornehme junge Damen Notiz zu nehmen pflegten. Er war groß und nicht elegant, hatte weder besonders feine noch sonderlich freundliche Züge. Behütete junge Damen schreckten eher vor ihm zurück.

Andere Damen wiederum – solche, die seit Jahren unglücklich verheiratet waren, zum Beispiel – musterten ihn mit kaum verhohlenem Begehren. Er wirkte ungezähmt, und genau das wünschten sich diese Damen.

»Na schön«, fuhr Aidan grüblerisch fort, »du magst ihr das eine oder andere Mal bei Tisch gegenübergesessen haben. Was jedoch meine Frage nicht beantwortet. Warum willst du sie heiraten?«

»Sie gefällt mir.«

»Marissa?«

Aidans Verblüffung brachte Jude zum Lachen. »Ja, Marissa.«

»Sie scheint mir nicht nach deinem Geschmack.«

Ja, Judes Schwäche für kühnere Damen war bekannt. Er zog eine Braue hoch. »Anscheinend ist sie genau nach meinem Geschmack.«

Aidan wippte auf den Fersen und starrte auf den Fußboden.

Tatsächlich war Marissa Jude schon aufgefallen, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte. Da war dieses Leuchten in ihren grünen Augen, das nicht Vergnügen bedeutete, sondern … Verruchtheit. Es hatte ihn von Anfang an irritiert, dass die anderen um ihn herum sie als letzte Bastion von Sitte und Anstand in der York-Familie betrachteten. Ja, sie war anmutig, groß und liebreizend, aber bemerkte denn keiner, wie ihre Augenbrauen zuckten, wann immer sie etwas Doppeldeutiges hörte? Fiel niemandem auf, wie sie die Herren musterte, wenn sie ihnen beim Tanz zuschaute?

Die junge Dame mochte Wein, Tanz und hübsche Männer. Sie ritt zu wild und streifte sich die Schuhe ab, um barfuß übers Gras zu laufen. Ihre Wildheit wurde von einer sehr dünnen Fassade überdeckt, und Jude konnte sie jedes Mal spüren, wenn er zu nahe an ihr vorbeischritt.

Doch weil Marissa York ihr Kinn stets hochmütig gereckt hatte, galt sie als anständig. Und weil sie nicht ohnmächtig wurde, herumbrüllte oder zu laut lachte wie der Rest der Familie, hielten die sie für gesittet. Verglichen mit den übrigen Yorks, mochte sie der Inbegriff der Selbstbeherrschung sein, und dennoch trug sie eine Leidenschaft in sich, die Jude faszinierte.

Er beobachtete, dass die Familie bedeutsame Blicke wechselte. »Soll ich Sie allein lassen, um die Angelegenheit in Ruhe zu besprechen?«, bot er an, und Edward sackte vor Erleichterung in sich zusammen.

»Danke, Jude«, sagte er. »Geh und hol dir einen Drink. Wir müssen uns unterhalten. Und ich möchte dir raten, die Sache gründlich zu überdenken.«

Achselzuckend drehte Jude sich um und verließ das Studierzimmer. Es gab nichts zu überdenken. Falls er Marissa überreden konnte, ihre Vorliebe für Schönlinge abzulegen, könnte sie ihm eine gute und ungezogene Ehefrau sein. Leider tummelten sich die Schönlinge bei solchen Gesellschaften zuhauf, was eine ernste Herausforderung für Jude darstellte.

Kapitel 2

Marissa hob hilflos die Arme, als ihre Zofe fest an den Korsettbändern zog. Durchs Fenster schien die Morgensonne so fröhlich herein, als wollte sie sich über sie lustig machen. Marissa starrte wütend ins Ihre Beine brannten. Sie wollte zur Tür laufen und sie weit aufreißen. »Oh, beeil dich«, flüsterte sie und rang die Hände, damit sie aufhörten zu zittern.

Am Abend zuvor war sie überzeugt gewesen, dass sie nicht schlafen können würde. Angst und Reue fochten in ihr, nachdem sie auf ihr Zimmer geschickt worden war, und machten sie rastlos. Sie wälzte sich im Bett hin und her, lief einige Meilen im Zimmer auf und ab und überlegte fieberhaft, welchen Ausweg es aus dieser vertrackten Lage geben könnte.

Keiner war gekommen, um mit ihr zu reden, und sie war viel zu beschämt gewesen, von sich aus auf andere zuzugehen. Das Warten war eine reine Tortur gewesen.

Doch schließlich war sie eingeschlafen und hatte prompt zu lange geschlafen.

Am Morgen stellte sie fest, dass ihre Reue den Kampf gegen ihre Furcht gewonnen hatte, und ihr war übel geworden.

Was hatte sie getan?

Edwards kurze Nachricht lag blendend weiß auf dem dunklen Holz ihres Frisiertisches, seine Handschrift zackig vor Wut, vollkommen anders als seine normalerweise so eleganten Buchstaben.

Marissa sollte umgehend zu ihm in sein Studierzimmer kommen. Dort erwartete sie ihr Schicksal. Wäre sie doch nur wach und angekleidet gewesen, als der Diener die Nachricht überbrachte! Dann könnte sie jetzt schon unten sein.

Endlich zog ihr die Zofe das Kleid über den Kopf. Marissa seufzte erleichtert, als sie an dem grauen Stoff hinabsah. Vielleicht empfand ihr Bruder gleichfalls Bedauern. Vielleicht hatte er inzwischen seine Meinung geändert.

Bei Gott, wie blöd sie gewesen war! Wie närrisch und unbedacht. Es muss an dem Wein gelegen haben. Ja, der Wein war schuld. Er und der wunderbare Schnitt von Peter Whites neuem Abendrock. Beim Tanzen spannte sich seine Hose über den Schenkeln, betonte jede Kontur ihrer … Eleganz.

Männerbeine waren einfach aufreizend. Schlank und stark und in einer Weise sichtbar, wie es Damenbeine niemals waren. Wie konnte man erwarten, dass die jungen Damen nicht fasziniert waren? Offensichtlich wollten vornehme Herren bewundert werden, so wie sie ihre Schenkel zur Schau stellten, kaum verhüllt vom eng anliegenden Tuch.

Was für Heuchler sie waren, ihre Körper dergestalt vorzuführen und von ihr zu verlangen, dass sie nicht hinsah. Oder sie nicht berührte.

Trotzdem hätte sie der Versuchung nicht erliegen dürfen, denn das war es wahrlich nicht wert gewesen. Nicht so, wie es vorher den Eindruck erweckt hatte, lohnenswert zu sein. Stattdessen hatte es eine Menge mehr als unsägliches Gefingere und Bedauern gegeben.

Marissa seufzte noch tiefer, weil sie sicher war, dass sie nie wahrhaft kribbelnden Genuss erleben würde.

»Sie sind fertig, Miss«, sagte die Zofe. Sie war neu und verriet ihre Nervosität, indem sie noch ein letztes Mal am Ärmel von Marissas Kleid zupfte.

Marissa nickte. Ihr gefiel dieses neue Mädchen, aber wäre ihre vorherige Zofe nicht vor zwei Wochen auf und davon, hätte sie jetzt jemanden zum Reden gehabt. Nun fühlte sie sich entsetzlich einsam.

Bereit, hinunter ins Studierzimmer zu gehen, stand Marissa da und starrte auf die Tür. Inzwischen musste Aidan alles erfahren haben. Er war letzte Nacht nicht in ihr Zimmer gekommen, was bedeutete, dass er zu wütend war, um mit ihr zu reden. Edward machte Marissa niemals Angst, aber Aidan war dieser Tage ein anderer Mann, und sie hatte Sorge, dass sie in Tränen ausbrechen könnte, sobald sie seinen enttäuschten Blick bemerkte.

Früher war er fröhlich und charmant gewesen, bis er seinen eigenen privaten Skandal erlebte. Die junge Dame, die er liebte und heiraten sollte, war gestorben. Sein Zorn und seine Schuldgefühle ob der schrecklichen Umstände hatten ihn verändert. Heute war Marissas schöner Bruder so kalt, wie er ehedem charmant gewesen war. Marissa wollte ihm nicht gegenübertreten.

Wie auch immer, sie musste sich dem stellen, was sie angerichtet hatte. Deshalb nickte sie wortlos und begab sich auf den Weg ins Studierzimmer.

Natürlich erwartete sie, Edward dort vorzufinden, und sie fürchtete, dass Aidan ebenfalls zugegen wäre. Was sie indes nicht erwartet hatte, war ein Raum voller Gentlemen, die sie alle ansahen, als sie in der offenen Tür stehen blieb.

Um fair zu sein, es waren nur vier an der Zahl: ihre Brüder, ihr Cousin und ein anderer Mann, der ihr vage bekannt vorkam. Für einen flüchtigen Moment glaubte sie, er könnte einer der Gärtner sein, aber darüber konnte sie jetzt nicht nachdenken, denn Edward kam ihr mit ernster Miene entgegen.

Er verdrehte die Augen mit einem Anflug von Panik, und Marissa bemerkte, dass ihre Mutter in einem Sessel weiter hinten saß. Aber ihre Mutter wäre ihr ohnedies keine Hilfe. Sie hatte die Augen geschlossen und presste sich einen kalten Umschlag auf die Stirn.

Marissa musste sich den Männern ihrer Familie allein stellen.

»Marissa.« Edward gab ihr einen Kuss auf die Wange und nahm ihre Hände, als wären sie aus zartestem Glas. »Geht es dir gut?«

»Ja, recht gut.«

»Bist du sicher? Du fühlst dich nicht … verletzt?«

»Ganz und gar nicht.« Sie reckte sich auf die Zehenspitzen und flüsterte ihm zu: »Ist Aidan sehr böse auf mich?«

»Ich glaube, er ist wütender auf den Schurken White.«

Vorsichtig lugte sie über seine Schulter zu Aidan, der aus dem Fenster sah. Er biss die Zähne so fest zusammen, dass seine Wangenmuskeln zuckten. »Er sieht mich nicht einmal an. Edward, es tut mir so leid. Hast du … sicher hast du deinen Vorschlag überdacht, nicht wahr? Ich bin gewiss, dass kein Grund zur Sorge besteht.«

»Im Gegenteil. Ich habe einen geeigneten Ehemann für dich gefunden.«

»Wie bitte?« Sie wich erschrocken zurück, sodass sie halb in dem Zimmer, halb außerhalb stand – als kämen die letzten Zentimeter in den Raum einer Zustimmung zu diesem aberwitzigen Vorhaben gleich. »Wo kannst du einen Mann gefunden haben, der mich heiraten würde?«

»Gleich hier, wie sich herausstellte.«

»Hier? In unserer Nachbarschaft?«

»Nein, hier in unserem Haus.«

»Aber wer?«

Er wies in den Raum. »Mr Jude Bertrand.«

»Mr Bertrand?«, wiederholte sie zu laut. Blanke Angst bemächtigte sich ihrer. Edward hatte es sich keineswegs anders überlegt. Vielmehr trieb er die Dinge in schwindelerregendem Tempo voran. »Wer ist Mr Bertrand?«

Eine Gestalt neben Aidan trat vor. Es war dieser Gärtner, der nun auf Marissa zukam, seine Lippen zu einem halben Lächeln gekrümmt. Er blieb wenige Schritte vor ihr stehen und vollführte eine halbwegs elegante Verbeugung. »Ich bin Jude Bertrand«, sagte er und sprach den Nachnamen französisch aus, sodass er exotisch klang.

»Solltest du ihn nicht vorstellen«, zischte Marissa ihrem Bruder zu, womit sie die Dreistigkeit des Mannes tadeln wollte, der wie ein Diener in Herrenkleidern aussah.

»Ich bitte um Verzeihung, Miss York«, sagte der Mann, richtete sich wieder auf und sah ihr in die Augen. »Aber wir wurden einander bereits vorgestellt. Zwei Mal.«

»Oh.« Sie hielt eine Hand an ihre Brust, weil sie für einen Moment beschämt ob ihrer Unhöflichkeit war. »Ich entschuldige mich, Mr Bertrand. Ich muss wohl …« Sie begriff, wie unsinnig jedwede Höflichkeit wäre, und sah zu Edward, der hoffentlich ihr Entsetzen bemerkte.

Dieser Mann war nicht geeignet. Überhaupt nicht. Er war sehr groß, kräftig und besaß jene groben Züge, wie man sie von Stallburschen oder Matrosen kannte. Er war weit davon entfernt, ein Gentleman zu sein.

»Ich …« Sie gab jedweden Versuch, subtil zu sein, auf, und starrte ihren Bruder fragend an.

Er lächelte. »Marissa, Mr Bertrand ist ein guter Freund von Aidan, und er hat großzügigerweise angeboten … die nächsten Wochen dein Begleiter zu sein. Willst du ihm also gestatten, dich heute Morgen in den Frühstückssalon zu begleiten?«

Hatte sie ihren Bruder in den Wahnsinn getrieben? Marissa schüttelte den Kopf. »Ich würde lieber ungestört mit euch sprechen!«

Mr Bertrand verneigte sich wieder.

»Selbstverständlich, Miss York. Ich entschuldige mich.« Wieder war es eine elegante Verbeugung, nur leider wirkte er mit jedem Aufrichten noch größer. Er überragte ihre beiden Brüder, und seine Schultern waren breit genug, einen Türrahmen auszufüllen, als Marissa beiseitetrat, um ihn vorbeizulassen. Nein, er war eindeutig kein Gärtner, eher ein Schmied. Sie konnte ihn sich sogar sehr gut in einer Lederschürze und mit einem gewaltigen Hammer in der Hand vorstellen.

Absoluter Irrsinn.

Cousin Harry erhob sich und verzog unglücklich das Gesicht. »Ich kann nicht umhin, mich für all das verantwortlich zu fühlen. Schließlich war Peter White mein Freund. Ich bitte euch alle um Verzeihung, dass ich ihn einlud.«

»Unsinn«, widersprach Edward. »Aidan und ich kannten ihn auch. Demnach würde uns ebensolche Schuld treffen. Kein Wort mehr davon.«

Harry sah nicht überzeugt aus. »Am einfachsten wäre es, ihn aufzufordern, sich wie ein Gentleman zu verhalten. Ich würde ihn mit Freuden dazu bewegen, zu seinem Tun zu stehen.«

Marissa schlug die Augen nieder und versuchte, sich zu beruhigen. Doch als sie wieder hochsah, stellte sie fest, dass Aidan vor ihr stand. Sie hatte sich geirrt, als sie fürchtete, er würde sie erbost anfunkeln, denn aus seinem Blick sprachen nur Enttäuschung und Mitgefühl.

Ihre Kehle war wie zugeschnürt. »Es tut mir leid«, flüsterte sie. »Können wir diesen Plan nicht noch einmal überdenken?«

Edward verneinte stumm. »Es ist schon riskant genug, einen Monat abzuwarten, und so viel habe ich dir zugestanden. Es ist mehr, als unser Vater dir gewährt hätte, Rissa.«

»Aber dieser Mann … er ist gänzlich ungeeignet. Ich würde ihm nicht einmal trauen, wenn ich ihn auf der anderen Straßenseite sehe, und nun soll ich ihm den Rest meines Lebens anvertrauen?«

Endlich sagte auch Aidan etwas: »Jude Bertrand ist ein Gentleman und ein guter Freund. Wäre dem nicht so, hätte ich sein Angebot abgelehnt.«

»Er sieht aus, als hätte man ihn aus einer Schmiedeesse gezogen!«

»Marissa!«, raunte Aidan streng, und nun war der befürchtete Zorn eindeutig da. »Du sprichst wie ein dummes, verzogenes Kind. Ein anständiger Mann bietet an, ein Problem zu lösen, das durch deine Gedankenlosigkeit verursacht wurde. Statt dich wie ein verwöhntes Kind zu benehmen, könntest du ihm etwas zuvorkommender begegnen.«

Wut übertönte ihre Verletztheit. »Ich kenne ihn nicht einmal!«

Aidan neigte sich zu ihr und wies mit einem Finger auf ihre Brust. »Ich verrate dir, was du wissen musst: Er ist klug; er ist anständig; ich habe nie erlebt, dass er eine Frau schlecht behandelte. Und er ist gewillt, dich zu heiraten und das Kind eines anderen Mannes als sein Erstgeborenes anzunehmen.«

»Er …« Verärgert hob sie die Hände. »Und was für ein Mann würde so etwas tun? Er muss ein gieriger Narr ohne Stolz sein, der sich mittels einer passenden Heirat einen besseren Rang in der Gesellschaft sichern will!«

Edward verschränkte die Arme vor der Brust. »Marissa Anne York, du vergisst dich. Muss ich dich daran erinnern, wie man über dich reden wird, sollte die Wahrheit bekannt werden? Dein Hochmut ist gänzlich fehl am Platze.«

Ihre Wut schwand so rasch, wie sie aufgekeimt war, und sie spürte die ganze Wucht seines Unmuts. Marissa ließ den Kopf hängen und drückte eine Hand an ihre Stirn. »Verzeih mir. Gewiss ist er ein guter Mann, nur …«

»Da dir diese Dinge anscheinend so überaus wichtig sind«, unterbrach Aidan sie, »solltest du wissen, dass Jude Bertrand der anerkannte Sohn des Herzogs von Winthrop ist. Jude muss seinen gesellschaftlichen Rang nicht verbessern, Marissa. Schon gar nicht mit der entehrten Schwester eines Barons.«

Marissa schloss den Mund so schnell, dass ihre Zähne klackten.

Aidans Zähne drohten zu brechen, so sehr biss er sie zusammen. Angewidert schüttelte er den Kopf. »Du bist kein Kind mehr, wie du uns allen hinlänglich deutlich gemacht hast. Du wirst entweder Jude heiraten oder Peter White, nur dürfte Mr White mit aufgeschlitzter Kehle keinen sonderlich brauchbaren Gemahl abgeben.«

»Aidan«, flüsterte sie und wollte eine Hand auf seinen Arm legen, doch er wich ihr aus. »Das ist nicht fair. Du würdest niemals gezwungen, eine Frau zu heiraten, die …« Entsetzt über das, was sie beinahe gesagt hätte, verstummte Marissa. »Entschuldige.«

Für einen Moment verdunkelten sich seine Augen vor Kummer, doch dann wurde seine Miene etwas weicher, und er lächelte. »Das Leben ist ungerecht, kleine Schwester, aber Jude ist ein guter Mann. Andernfalls würde ich dies nicht zulassen.«

Sie nickte. Ja, sie glaubte ihm. Und endlich nahm er sie in die Arme, drückte sie fest und gab ihr einen Kuss auf die Wange, bevor er sie wieder losließ. Marissa wollte sich an ihn klammern, doch er trat schon wieder zurück. »Wenn ihr mich entschuldigt.«

Gewiss ritt er jetzt aus, wie so oft, und blieb stundenlang fort. Marissas Freundinnen fanden seine grüblerische Art unwiderstehlich romantisch, wohingegen sie nichts Bewundernswertes an seinem Kummer finden konnte.

Eine Weile starrte sie auf die Tür, die er hinter sich geschlossen hatte.

»Ich stimme Marissa zu«, sagte ihre Mutter mit bebender Stimme. »Dieser Mr Bertrand ist von beängstigender Erscheinung und bewegt sich wie ein Dieb in der Nacht. Ich verstehe immer noch nicht, warum sie nicht einfach Mr White heiraten kann. Er ist reizend und gut aussehend, und seine Schwester ist mit George Brashears verheiratet. Wisst ihr noch, Mr …«

»Sie kann ihn nicht heiraten«, fiel Edward ihr brüsk ins Wort, »weil er sie willentlich verführte, um sie zur Ehe zu nötigen. Erscheint Ihnen das reizend?«

»Nun, wenn er behauptet, sie zu lieben …«

Sowohl Edward als auch Marissa sahen sie böse an, und ihre Mutter lehnte sich mit einem Märtyrerseufzer in ihrem Sessel zurück. »Ich nehme an, du hast recht, Baron. Oh, das ist alles so schwer hinzunehmen! Meine arme Familie!« Und wieder einmal wurde sie ohnmächtig.

Marissa wandte sich zu Edward. »Der anerkannte Sohn eines Herzogs? Demnach ist er ein uneheliches Kind?«

»Ja.«

Sie wollte ihn anflehen, es sich noch einmal zu überlegen, doch dann fiel ihr ein, was Aidan gesagt hatte. »Ich habe noch nie auch nur mit ihm gesprochen, Edward.«

»Er war schon viermal bei uns zu Besuch, aber solange er dich nicht durch den Ballsaal schwingt, dürfte er dir eher nicht auffallen.«

Es war schrecklich und so wahr, dass es Marissa eiskalt wurde und sie eine Gänsehaut bekam. Wie sollte sie es leugnen? Ihr gefiel es, mit gut aussehenden Herren zu tanzen. Sie genoss es, von ihnen umworben zu werden, und mochte die Aufregung der gestohlenen Küsse. Gab es indes weder Musik noch Tanz, zog sie es vor, wenn die Herren in den Rauchersalons blieben und sie mit ihren Freundinnen allein war.

Soweit sie es beurteilen konnte, ging es den Herren nicht anders.

»Ich bin sicher, dass er sehr nett ist.«

»Das wirst du bald herausfinden. Jude wird diese Woche einige Zeit mit dir verbringen, und zwar genug Zeit, um Gerede zu vermeiden, wenn in zwei Wochen die Verlobung bekannt gegeben wird.«

Zu gern hätte sie sich gesträubt, geschrien, sich auf die Knie geworfen und gebettelt oder der Welt befohlen, sie möge sie in Ruhe lassen.

Aber ihre Brüder hatten recht. Sie war kein Kind mehr, egal, wie großzügig man es auslegen mochte. Also faltete Marissa die Hände und nickte. Es blieb keine Zeit für eine andere Lösung, falls denn eine nötig war. Dies war noch nicht das Ende. Jude Bertrand war nicht ihr Ehemann.

Noch nicht.

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