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Süß und ehrenvoll

Über den Autor

Avi Primor, geboren 1935, war von 1993 bis 1999 israelischer Botschafter in Deutschland. Er ist Sohn eines niederländischen Emigranten; seine Mutter ging 1932 von Frankfurt am Main nach Tel Aviv, ihre gesamte Familie wurde während des Holocausts ermordet. Avi Primor leitet heute einen trilateralen Studiengang für israelische, palästinensische und jordanische Studenten an dem von ihm gegründeten Zentrum für Europäische Studien an der Universität Tel Aviv/ Israel. 2013 wurde er mit der Moses-Mendelssohn-Medaille und dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis geehrt. Von ihm sind zahlreiche Bücher erschienen; »Süß und ehrenvoll« ist sein erster Roman.

AVI PRIMOR

Süß und ehrenvoll

— Roman —

Aus dem Hebräischen
von Beate Esther von Schwarze

BASTEI ENTERTAINMENT

— Für meinen Sohn Daniel —

1

FRANKFURT AM MAIN
 — September 1910 — 

»Infanterie, Achtung!«, gellte die Stimme. »Los, los, los, los! Sturmangriff! Mann gegen Mann!«

Der Sedantag war ein Feiertag – nicht amtlich festgesetzt, aber von der Schulbehörde begrüßt und gefördert. Alle Jahre wieder wurde der Tag gefeiert, an dem Napoleon III. in Sedan kapituliert hatte – mit Paraden, Gedenkveranstaltungen, Schulfeiern und Volksbelustigungen. Am Gymnasium, das Ludwig besuchte, war daraus der »Manövertag« geworden, dem alle entgegenfieberten. Seit über vierzig Jahren hatte die deutsche Jugend nicht mehr das Glück gehabt, an einem Kampf teilzunehmen, der das Wort heroisch verdient hätte. Doch wenn die Jungen die Schlacht von Sedan nachspielten, genossen sie die Illusion, sie seien an diesem ruhmreichen Sieg von 1870 beteiligt.

Für den »Manövertag« wurde eine Nebenstraße in der Nähe der Schule von vier Gendarmen eigens abgesperrt. Die Jungen wurden aufgeteilt in zwei Lager und gingen mit hölzernen Stöcken aufeinander los, die als Gewehre, Säbel und Bajonette zugleich dienen mussten. Aus der Ferne schauten die Lehrer zu, denn der Krieg musste ritterlich verlaufen, nach festen Regeln. Manchmal achtete Dr.Stegemann persönlich darauf, dass die Schlacht militärisch einwandfrei verlief. Wann greift die Infanterie an? Wann die Kavallerie (die von fußtrappelnden Tertianern dargestellt wurde)? Wann setzte der berühmte Rechtsschwenk hinter der feindlichen Front ein? Wann ist es so weit, dass der Feind sich ergibt? Es war herrlich, die Schlacht von Sedan nachzuspielen. Immer wieder dieselbe Schlacht gegen den historischen Erbfeind im Westen.

Auch Ludwig liebte diesen Manövertag. Sich hier draußen an der frischen Luft dem Gegner zu stellen erregte die Nerven und weckte die besten Instinkte. Das Leben war Kampf, und der Kampf fürs Vaterland war das Heiligste, was er sich vorstellen konnte. Allerdings hatte die Sache einen mächtigen Haken: Er kämpfte nicht etwa bei den siegreichen »Preußen«, den blonden Bengeln, die jetzt mit Hurrageschrei losrannten. Er musste wieder einmal »Franzose« sein. Das heißt, er musste in der falschen Richtung marschieren, sich einkesseln lassen und sich am Ende »ergeben« – soweit er nicht ohnehin »fiel« und auf dem Kopfsteinpflaster herumliegen musste. Ausgerechnet der dicke Müller, Wilhelm Müller, ging mit seinem Holzgewehr auf ihn los, ein stämmiger Bursche, der aber große Mühe hatte, im Unterricht mitzuhalten, und Ludwig ständig als »Streber« verspottete, weil der bessere Noten hatte und sich gegenüber den Lehrern stets höflich verhielt.

Eigentlich hätte Ludwig wohl zulassen müssen, dass die »Preußen« ihn überrannten, aber als der dicke Müller sein Holzgewehr allzu triumphierend schwenkte und Miene machte, es ihm in die Brust zu rammen (was äußerst schmerzhaft sein konnte), riss Ludwig, statt sich einfach »niedermachen« zu lassen, seinen eigenen Stock hoch, um sich damit zu schützen. Die Parade kam für Müller so überraschend, dass sein Knüppel ihm aus der Hand flog. Mit offenem Mund blieb er stehen, dann wurde er krebsrot und stürzte sich mit fliegenden Fäusten und Stiefeln auf Ludwig, der von seinem Erfolg so verdutzt war, dass er wie gelähmt stehen blieb.

Aber noch ehe ernsthafter Schaden entstand, ertönte ein schriller Pfiff. Das gesamte »Schlachtgetümmel« erstarrte. Die »Preußen« blieben stehen wie Zinnsoldaten, die »Franzosen« wurden nicht eingekreist, ergaben sich nicht, wurden auch nicht gefangen genommen. Mit großen Schritten kam Dr. Stegemann, der gefürchtete Rektor der Schule, über das »Schlachtfeld«.

»Was ist hier los?«, rief er zornig. »Nennt ihr das ritterlich kämpfen?«

Müller, immer noch erhitzt und in Rage, schrie voller Empörung: »Der Itzig hat sich gewehrt!«

Jetzt wurde es totenstill auf dem Schlachtfeld. Eine solche Beleidigung durfte der Rektor nicht durchgehen lassen, das spürten nicht nur Ludwig und Müller, sondern auch die anderen Jungen, die um sie herumstanden. Gleich würde ein Donnerwetter erfolgen.

Aber Dr. Stegemann war nicht umsonst Rektor des hoch angesehenen humanistischen Lessing-Gymnasiums geworden. Er hatte selbst noch als Freiwilliger beim Ersatzbataillon des 82.Regiments am Deutsch-Französischen Krieg und der Belagerung von Paris teilgenommen. Er hatte in Italien und England gelebt, und er wusste, was er sich, der traditionsreichen Schule, der ehemals Freien Stadt Frankfurt und dem preußischen Staat schuldig war. Er strich sich über den schmalen Schnurrbart und verschränkte die Arme vor seiner Brust. »So, so«, sagte er ruhig, »Ihr Klassenkamerad Kronheim hat sich gewehrt. Was haben Sie einzuwenden dagegen?«

Der dicke Müller wurde sichtlich verlegen. »Na, die Franzosen verlieren doch immer«, brachte er schließlich heraus. »Und überhaupt, ich weiß nicht, was so ein Jude…« Unsicher sah er sich um, fand aber nirgendwo Unterstützung.

»Es reicht«, sagte Stegemann. »Müller, ab sofort gehören Sie zu den ›Franzosen‹! Vielleicht lernen Sie dann, was ritterlich kämpfen heißt. Kronheim, Sie sind jetzt ein ›Deutscher‹.« Stegemann sah sich mit Adlerblick auf dem »Schlachtfeld« um, wo die Jungen die Blicke senkten.

»WEITERMACHEN!«, schrie er. »ATTACKE!«

Normalerweise kam Ludwig an diesen Manövertagen in ausgelassener Stimmung nach Hause in die schöne Wohnung in der Königsteiner Straße, doch diesmal war seine Stimmung gedrückt. Er hätte gern mit seinen Eltern über den Vorfall geredet, doch seit er siebzehn war, hatte er sich immer weiter von ihnen entfernt und war der Ansicht, er müsse mit seinen Problemen selbst fertig werden.

»Was ist los mit dir?«, fragte seine Mutter gleich, als er die Wohnung betrat, seine Jacke ordentlich an die Garderobe hängte und seine Schuhe wechselte.

»Ach, nichts.« Er hatte jetzt keine Lust, darüber zu reden. Vielleicht später einmal. Trotz aller Strenge beider Eltern war seine Mutter die sensiblere und versuchte, verständnisvoll zu sein, doch sie konnte sich, auch wenn sie sich bemühte, nicht richtig in ihn hineinversetzen, und er wollte jetzt keine langen Erklärungen abgeben.

»Du hast doch etwas, das sehe ich dir an«, beharrte sie. »Ich kenne dich genau, mein Liebling.«

Damit hatte sie recht. Früher hatte sie immer viel mit ihm geredet, ihm Geschichten erzählt und ihn in allem und jedem ermutigt. Er spürte zu ihr eine weit größere Nähe als zu seinem Vater, der sich immer sehr distanziert gab, geradezu verschlossen. ›Vielleicht bin ich ungerecht‹, dachte er. ›Sie bemüht sich ja, mich zu verstehen.‹ Trotzdem versuchte er, ein längeres Gespräch zu vermeiden. Es änderte ja doch nichts mehr. »Es war nur anstrengend. Ich möchte mich ausruhen«, gab er vor.

»Das nehme ich dir nicht ab.« Seine Mutter konnte sehr hartnäckig sein.

Ludwig spürte den Ärger in sich aufsteigen, den er vorhin geschluckt hatte. Sie würde ohnehin keine Ruhe geben und ihn nicht in sein Zimmer gehen lassen, bevor sie nicht zufrieden war. »Jemand hat mich vors Schienbein getreten«, brummte er. »Nichts Besonderes, wirklich. Ich habe gar nicht darauf reagiert und wollte mich nicht auf einen Streit einlassen. Das wäre auch gut gegangen, wenn Doktor Stegemann nicht gewesen wäre. Ich wollte auf keinen Fall petzen, das ist feige. So einen Tritt, den bekomme ich halt öfter. Das tut weh und macht mich ganz schön ärgerlich, aber ich will keinen Streit mit den anderen, das macht alles nur schlimmer. Die sollen mich einfach in Ruhe lassen. Aber diesmal hat Doktor Stegemann alles gesehen.«

»Und? Was ist daran so schlimm? Dann bekommt dieser Junge eben mal eine Standpauke.«

Ludwig schüttelte den Kopf. »Bei einer Standpauke belässt es der Stegemann nicht, du kennst ihn doch auch, ich habe dir oft erzählt, wie er ist. Da kommt immer noch eine andere Strafe nach. Diesmal wurde Müller zu den ›Franzosen‹ versetzt, und ich war ›Deutscher‹ an seiner Stelle.« Er spürte Ungeduld in sich aufsteigen, er wollte jetzt in sein Zimmer.

»Und das nächste Mal geht es wieder umgekehrt, und er wird wieder auf deutscher Seite in den Kampf ziehen, das weiß ich«, versuchte seine Mutter, ihn zu trösten. »Du wirst sehen, das vergisst er schnell.«

Ludwig schüttelte den Kopf. »›Franzose‹! Das ist doch eine Schande für ihn«, erwiderte er. »Und das vor den Augen aller anderen! Er wird niemals vergessen, dass er wegen eines Juden geschmäht wurde. Nie!« Die Wut trieb ihm plötzlich Tränen in die Augen.

»Ich werde mal mit den Eltern sprechen und dafür sorgen, dass sie ihrem Sohn ins Gewissen reden.«

»Bloß nicht.« Merkte sie denn nicht, wie peinlich das für ihn wäre? »Damit machst du es nur schlimmer! Das ist doch in Nullkommanichts in der ganzen Klasse herum, und ich habe plötzlich Krach mit jedem. Für mich ist die Sache erledigt. Müller plappert vielleicht nur nach, was er von anderen hört. Immer geht es gegen uns Juden. Was ist denn an uns so anders?«

»Das hat dein Vater dir doch oft erklärt.«

»Ja, ja. Ich weiß schon. Wir haben die klügsten Köpfe, die besten Wissenschaftler, die berühmtesten Künstler, und die Leute sind einfach nur neidisch. Deswegen ging es immer wieder gegen uns. Aber sind wir nicht auch Deutsche?«

Die Mutter seufzte. »Das ist nun mal unser Schicksal.«

»Und damit will ich mich nun mal nicht abfinden«, protestierte Ludwig. »Es muss sich was ändern, damit wir von den Leuten anerkannt werden. Man kann nicht einfach die Hände in den Schoß legen und warten.«

»Ja«, pflichtete sie ihm bei. »Wenn wir uns anpassen, fallen wir auch nicht mehr auf. Wir müssen nur die gesellschaftlichen Regeln befolgen, und zwar mit Geduld, Beharrlichkeit und eiserner Disziplin, da muss ich deinem Vater recht geben.«

Ludwig verdrehte die Augen. Das hatte er schon so oft zu hören bekommen, dass es ihm auf die Nerven ging. »Und? Hat das bisher etwas gebracht?«

Die Mutter machte ein verschlossenes Gesicht. »Immerhin wurdest du am Lessing-Gymnasium aufgenommen, was nicht ganz einfach war«, erinnerte sie ihn. »Das ist ein großer Schritt. Schreib dir das hinter die Ohren.«

Das war eine Formulierung seines Vaters, und Ludwig hasste es, sich etwas »hinter die Ohren schreiben« zu müssen. »Kann ich jetzt in mein Zimmer gehen?«

»Von mir aus ja. Aber denk daran, dass es bald Essen gibt. Komm bitte pünktlich zu Tisch. Dein Vater ist heute nicht gut bei Laune.«

›Das ist er nie‹, dachte Ludwig. Selbst wenn draußen die Welt unterginge, hätte Vater kein Verständnis für die geringste Verspätung. Preußischer als die Preußen will er sein. Fünf Minuten vor der Zeit, das ist des Kaisers Pünktlichkeit.

In seinem Zimmer warf Ludwig sich voll bekleidet aufs Bett. Er würde es gleich wieder sorgfältig richten müssen, damit niemand etwas merkte. Er war noch immer wütend und wusste nicht, auf wen er diese Wut richten sollte, auf den Mitschüler, auf Mutters penetrantes »Verständnis«, auf Vaters Strenge oder auf das Leben, das ihm alles so schwer machte.

Sein Vater achtete kaum auf die Gefühle anderer, war selbst aber höchst empfindlich. Disziplin war wichtiger als alles andere. Und wehe dem, der es gewagt hätte, ihm etwas vorzuwerfen. Machte er einen Witz, erwartete er großes Gelächter, während er seine ausdruckslose Miene beibehielt, wenn jemand anderes einen Scherz machte. Eine von Ludwigs schlimmsten Erinnerungen an seinen Vater war, wie er ihm an dessen Geburtstag beim Gang zum Frühstückstisch lediglich einen Guten Morgen gewünscht hatte, statt ihm zu gratulieren. Die folgende bösartige Rüge, die einer verbalen Ohrfeige gleichgekommen war, würde er zeitlebens nicht vergessen.

Seine letzte handgreifliche Ohrfeige hatte Ludwig ausgerechnet bei seiner Bar-Mizwa-Feier bezogen, erinnerte er sich bitter. Und das noch in Gegenwart von Gästen. Dabei war er lediglich ein paar Minuten zu spät gekommen, weil er so aufgeregt gewesen war.

An sich fühlte Ludwig sich in der Schule wohl. Er war heimlich stolz darauf, dass der Literaturnobelpreisträger des Jahres 1908 früher Lehrer an seiner Schule gewesen war, und der Latein- und Griechischunterricht führte dazu, dass er sich oft genug in die »Ilias«, die »Odyssee« und die klassischen Heldensagen hineinträumte. Seine Mitschüler stammten größtenteils aus bürgerlichen Familien, die sich für aufgeklärt und fortschrittlich hielten. Ein oder zwei von ihnen kamen aus »gemischten«, katholisch-evangelischen Elternhäusern, und es gab sogar christlich-jüdische Elternpaare. Nicht weniger als ein Fünftel seiner Mitschüler ging gelegentlich in die Synagoge. Das finstere Mittelalter schien so fern wie nie. Dass der Frankfurter Rat Lessings berühmtes Drama »Nathan der Weise« bei seinem Erscheinen noch hatte konfiszieren und die Juden am Sonntag nicht aus der »Judengasse« hatte herauslassen wollen, war längst vergessen. Napoleon hatte die Juden mit einem Federstrich »emanzipiert«, und heute waren sie preußische Staatsbürger wie alle anderen. Und dennoch gab es immer wieder einen verstockten Schulkameraden, der Ludwig heimlich piesackte oder hinter seinem Rücken einen »Saujuden« nannte.

Wenn Ludwig Albträume hatte, handelten sie immer von seinem Vater. Doch manchmal, wenn er an ihn und seine pedantischen Gewohnheiten dachte, musste er lächeln, was Vater bestimmt als »unverschämtes Grinsen« bezeichnet hätte. Ludwig beschwor solche Gedanken bisweilen herauf, um sich über seinen Ärger hinwegzuhelfen. Das klappte auch jetzt, als er sich eine allabendliche Szene vor Augen führte. Dr.Kronheim vergaß nie, vor dem Zubettgehen sein Haar mit einem eng anliegenden Netz zu bändigen. Noch wichtiger als die Frisur war ihm sein mächtiger Schnauzbart mit den aufwärts gezwirbelten Spitzen. Um diese Form getreu dem kaiserlichen Vorbild zu erhalten, spannte der Vater jede Nacht ein Netz über die Oberlippe, das im Nacken zusammengebunden wurde. Als Kind hatte Ludwig sich vorgestellt, dass es der Kaiser genauso hielt. Jetzt, in seinem etwas fortgeschrittenen Alter, fragte Ludwig sich, ob man mit so einem Bartnetz auch küssen konnte. Aber eine körperliche Liebesbeziehung schien ihm bei seinem Vater ohnehin völlig undenkbar. Vielleicht war das Märchen, dass der Storch die Kinder in die Welt brachte, doch nicht ganz falsch.

Dennoch hatte sein Vater, der in Ludwigs Augen irgendwo zwischen Pedanterie und Lächerlichkeit pendelte, einen gewaltigen Einfluss auf ihn. Ludwig würde es ihm nämlich zeigen. Er würde erfolgreicher sein als sein Vater. Ob das mit Fleiß gelang? Das Abitur war nicht mehr weit, und er musste sich ins Zeug legen. ›Ich werde auf jeden Fall studieren‹, dachte Ludwig, ›aber nicht dasselbe wie Vater. Ich will kein Mediziner werden, der anderen in den Hals schauen muss und den Frauen den Puls nimmt.‹ Es musste etwas sein, was Karriere und Ansehen versprach, das war das Wichtigste.

Er würde dem Staate dienen, so viel war klar. Er würde für Gerechtigkeit sorgen wie Dr.Stegemann, nur in ganz anderem Maßstab. War es denn völlig undenkbar, dass er Minister wurde? Oder zumindest Richter oder Professor? Ans Militär brauchte er nicht zu denken, trotz seiner vaterländischen Gesinnung, denn es war allgemein bekannt, dass ein Jude unter keinen Umständen die geringste Chance hatte, in der Armee Karriere zu machen oder auch nur Offizier des niedrigsten Ranges zu werden. Selbst der Kaiser hätte ihm da nicht helfen können. Aber Jura, das war etwas anderes. Juristen wurden immer gebraucht, nicht nur bei den Gerichten. Niemand würde ihn dann als Juden benachteiligen oder verspotten. Zwar war es nicht vielen Juden gelungen, in den Staatsdienst aufgenommen zu werden, aber gerade deshalb wäre es ein Durchbruch auf diesem Gebiet, ein befreiender, ja erlösender Schritt.

›Ja, das war’s‹, dachte er. Sein Vater würde zu ihm aufschauen, und nicht nur er, sondern all die ehrenwerten Bürger, um deren Gesellschaft und Anerkennung sein Vater sich so angestrengt wie vergebens bemühte.

Ein lautes Scheppern in der Diele riss ihn aus seinem Schlaf. In Sekundenschnelle war er vom Bett hoch, rieb sich die Augen, griff nach seinem Kamm in der Hosentasche und richtete sein Haar, bevor er ins Esszimmer ging. Er musste schließlich anständig aussehen und verbergen, dass er untertags geschlafen hatte. Als er den Flur hinaufkam, hatte seine Mutter einen Topfdeckel in der Hand, den sie offenbar mit Absicht fallen gelassen hatte, um ihn zu wecken. Sie zwinkerte ihm zu.

2

BORDEAUX
 — Frühjahr/Frühsommer 1913 — 

Louis hatte es eilig, zur Backstube zu kommen. Nach der Schule war er erst um halb fünf nach Hause gekommen. Die halbe Stunde Schulweg hatte er in schnellem Schritt zurückgelegt. Ihm lag es nicht, mit anderen Jungen noch ein Weilchen herumzutrödeln. Er hatte sowieso keine richtigen Freunde, mit denen er gern seine Zeit verbracht hätte.

Er wollte seinen Vater begleiten, wenn dieser nach einem kurzen Mittagsschlaf in die Backstube zurückging, um die Vorbereitungen für morgen zu treffen. Die Arbeit begann für Vater um drei Uhr in der Frühe, da musste alles bereitliegen, gereinigt und sortiert, damit man nichts lange suchen musste. Als Letztes wurde abends der Hefeteig vorbereitet und in der Wärmekammer neben dem Backofen bereitgestellt. Die Heizkammer des Backofens, in der man aufrecht stehen konnte, war zuvor ausgeräumt worden, der Ruß ausgefegt und neues Feuerungsmaterial aufgeschichtet. Die Glutnester der Braunkohle waren behutsam in einen Blecheimer geschaufelt, sorgfältig mit pulveriger grauer Asche abgedeckt und in eine noch heiße Ecke des Mauerwerks gestellt worden, damit der Geselle, der schon um zwei kam, den großen Ofen schneller anheizen konnte. Der riesige, mit Schamotteblöcken ausgelegte Metallwagen war schon mittags von jedem Krümelchen und jedem Rest Mehlstaub gereinigt worden. Auf Sauberkeit wurde in der Bäckerei von jeher besonderer Wert gelegt.

Louis half seinem Vater bei dieser Arbeit gern, denn er liebte die Atmosphäre der Backstube. Es herrschte eine gemütliche Wärme, was immer willkommen war, wenn man aus der ständigen Brise, die vom Meer herüberkam, in die Backstube trat, und es roch so angenehm nach frischem Brot. In einem Körbchen lagen abgeschnittene Ränder von Blechkuchen, manchmal auch die Krusten eines Brotes, das nicht ganz gelungen war. Normalerweise wanderte ein solches Brot in den Wärmeraum, um zu trocknen und später zu Paniermehl verarbeitet zu werden, aber seit Vater gemerkt hatte, wie gern Louis die Krusten aß, hob er ihm immer ein paar davon auf.

Noch lieber half Louis am frühen Morgen, wenn Stangenbrot und Hörnchen geformt wurden. Diese Betätigung mit den Händen war ihm eine willkommene Abwechslung zum Schulalltag, an dem er seinen Kopf mit Wissen vollpackte, bis ihm der Schädel brummte. Er ließ es sich nicht nehmen, in den Ferien jeden Tag mit Vater aufzustehen und ihn in die Backstube zu begleiten.

Noch mehr als diese »äußere Wärme«, wie Louis es nannte, liebte er aber die »innere Wärme«, die Gespräche mit seinem Vater. In der späten Nachmittagsstunde – länger dauerten diese Arbeiten meist nicht – waren sie ganz ungestört und konnten über alles reden, buchstäblich über Gott und die Welt. Louis fühlte sich vom Vater bevorzugt, und offenbar traf das auch zu, denn sonst wären seine drei älteren Schwestern, besonders Corinne, nicht so häufig eifersüchtig oder neidisch gewesen.

Sie war es, die ihn begrüßte, als Louis jetzt heimkam in das niedrige Gebäude im bescheidenen Stadtviertel Sauteyron. »Du kommst zu spät«, ließ Corinne ihn wissen. »Vater ist schon gegangen. Er konnte nicht auf dich warten, weil er heute mehr zu tun hat als sonst. Eine der Maschinen funktioniert wieder mal nicht.«

Das war ein Signal für Louis, sich möglichst rasch auf den Weg zu machen. Er begrüßte nur kurz seine Mutter, die ihn nachsichtig gehen ließ. Wenige Minuten später kam er in die Backstube, wo ihn sofort der vertraute Duft und der Lärm der Grillen in der Ofenmauer umfing. Die beiden Katzen ließen von ihrer Mäusejagd ab und strichen ihm um die Beine.

»Gut, dass du schon da bist!«, rief ihm der Vater entgegen. »Du kannst zum Mechaniker hinüberlaufen und ihm sagen, dass die Bröselmaschine nicht funktioniert. Wir können morgen früh kein Paniermehl anbieten.«

»Lass mich die Maschine mal ansehen«, sagte Louis. »Ich weiß, was da los ist. Wir hatten das Problem schon mal vor vier Wochen, erinnerst du dich?«

Ohne die Antwort seines Vaters abzuwarten, trat Louis an die Maschine. Er hängte den ledernen Transmissionsriemen aus, der über eine hoch unter der Decke laufende Welle mit der kleinen Dampfmaschine im Hof verbunden war, und versuchte, die Maschine mit dem Handrad zu bewegen. »Hörst du das Knirschen?«, fragte er. »Da ist wieder etwas im Mahlwerk. Das haben wir gleich.«

Sein Vater schüttelte den Kopf, während er Louis beim Aufschrauben der Maschine beobachtete. Die Geschicklichkeit, mit der Louis vorging, schien ihn zu begeistern. »Du könntest Ingenieur werden und nicht nur Maschinen reparieren, sondern auch welche erfinden. Nach dem Bakkalaureat kannst du alles studieren, was du willst. Philosophie oder Mathematik, oder eben Technik. Ingenieur Naquet, wie hört sich das an?«

»Fast so gut wie Bäckermeister Naquet«, erwiderte Louis und begann, das Handrad zu drehen, nachdem die Maschine wieder verschlossen war und der Vater trockene Brotstücke in den Trichter gefüllt hatte. Jetzt, am Nachmittag, gab es im großen Wasserkessel über dem Backofen nicht mehr genug Druck für die Dampfmaschine. »Ich bin viel lieber hier in der Backstube bei dir, Vater.«

Der Vater lächelte ihn an. »Das kannst du machen, wenn du mal einen freien Tag hast«, erwiderte er. »Aber bring erst einmal die Schule hinter dich. Mit dem Bakk in der Tasche stehen dir so viele Möglichkeiten offen. Was habt ihr denn heute gemacht?«

»Eine Passage von Victor Hugo besprochen«, erwiderte Louis. »Aus ›Die Elenden‹.«

»Da habt ihr ja einen ganz fortschrittlichen Lehrer«, gab sein Vater zurück. »Ich dachte, so etwas liest man nicht in der Schule.«

»Hast du den Roman denn auch schon gelesen?«

»Sicher«, sagte sein Vater. Sie hatten die Arbeit an der Bröselmaschine beendet und machten sich jetzt gemeinsam an die Reinigungsarbeiten, wobei sie sich, wie immer, angeregt unterhielten. Vater Lucien besaß selbst keine formale Bildung, war aber ein regelrechter Bücherwurm. Obwohl er schon lange vor Tagesanbruch am Backtrog stand, vertiefte er sich jeden Abend in die Bücher. Er lieh sie sich stapelweise aus der Bibliothèque municipale aus, die sich in dem alten Gebäude des Dominikanerklosters befand. Vater hatte immer davon geträumt, dass sein Sohn Louis das Gymnasium besuchen würde, was ihm selbst verwehrt geblieben war. In einem halben Jahr würde Louis die Prüfungen machen, und wenn nichts dazwischenkam, war er der erste Naquet, der studieren würde. Er würde ein zweiter Eiffel werden, er würde Autos bauen, Schiffe oder gar Flugzeuge. Der Bäcker war unendlich stolz auf seinen klugen Sohn.

»Louis Naquet!« Die Stimme des Schulleiters, der pedantisch von seiner Namensliste ablas, tönte durch die Aula des Lycée Michel-Montaigne, das zu den besten in Frankreich gehörte.

Der Bäckermeister Naquet schreckte auf und stieß seinen Sohn an, der zwischen ihm und seiner Frau in der ersten Reihe saß.

»Du bist aufgerufen worden!«

Der Junge sprang vor und stolperte fast auf das erhöhte Podium. Die ganze Zeit hatte der Bäckermeister gefürchtet, dass man seinen Sohn vergessen haben könnte, während ein Schüler nach dem anderen nach vorn gerufen wurde und sein Zeugnis in Empfang nahm, bis nur noch wenige Namen übrig waren. Das konnte zweierlei bedeuten – wenn der Name Naquet noch genannt wurde, hieß das, sein Sohn gehörte zu den Besten. Wurde er gar nicht erwähnt, war der Junge durchgefallen, und die Familie hatte nur den Brief noch nicht bekommen, der in diesem Fall nach Hause geschickt wurde. Dass Louis zu den besten Prüflingen gehörte, hatten weder er noch sein Sohn zu hoffen gewagt. Es war für den Jungen schon schwer genug gewesen, überhaupt einen Platz im Lycée zu bekommen. Louis war der Erste in der langen Familiengeschichte der Naquets, der ein Gymnasium besuchen konnte, und Lucien war ungeheuer stolz auf ihn.

Er erlebte es wie im Traum, wie sein Sohn jetzt aufgeregt, mit leicht geröteten Wangen und wahrscheinlich mit zitternden Knien da oben stand und nicht wusste, wohin er schauen sollte. Einen »sehr selbstständigen Kopf«, nannte ihn der Direktor, »einen jungen Mann, der in der besten Tradition unserer Schule steht und von dem wir noch viel erwarten dürfen.« Er übergab ihm die Urkunde, umarmte und küsste ihn förmlich auf beide Wangen. Louis stellte sich in die Reihe der Mitschüler, die vor ihm auf die Bühne gekommen waren, und wartete mit ihnen auf das Ende der Feier. Als das Schulorchester die Marseillaise anstimmte, blickte er auf seine Eltern hinunter. Sein Vater lächelte ihm zu, sein Gesicht schien vor Stolz zu glühen. Für ihn und die ganze Familie, einschließlich seiner drei Schwestern, die wie die Hühner auf der Stange saßen, war das der größte Tag der Familiengeschichte.

Als Louis jetzt zu seinen Eltern trat, waren sie von zahlreichen Gratulanten umringt. Vater legte ihm einen Arm um die Schulter und sagte immer wieder: »Wer hätte das gedacht! Wer hätte das gedacht!«

Maître Vernier, der Notar, der sein Haus an der Hauptstraße hatte und dessen Frau zu den Stammkunden der Bäckerei Naquet zählte, nickte bedächtig. »Ja, der schüchterne Junge von damals ist jetzt ein richtiger Mann, ein echter Franzose! Damals, als er zu meinem Sohn in die Klasse kam, habe ich zu meiner Frau gesagt: ›Das geht niemals gut. Der Sohn eines einfachen Handwerkers, dazu noch jüdischer Abstammung, der wird sich nicht lange halten.‹ In diesem Fall habe ich gern mal unrecht! Und wie scheu er damals war! Ich glaube, er hatte nicht einmal Freunde, erinnere ich mich richtig?«

Louis war es unangenehm, dass in seiner Gegenwart so über ihn gesprochen wurde. Er wich einen Schritt zurück und schaute verlegen zu Boden.

»In der Volksschule war es schlimmer«, erwiderte sein Vater. »Schon im Kindergarten war er wenig geneigt, sich mit Kindern seines Alters anzufreunden. Er zog sich damals von allem zurück, was neu und unbekannt war. Er weigerte sich sogar, mit Buntstiften zu malen oder zu kritzeln. Er hatte Angst, nicht damit umgehen zu können und sich zu blamieren. Aber wenigstens das hat sich geändert.«

»Da haben Sie ein gutes Stück Arbeit geleistet«, lobte der Maître jovial. »Trotzdem sehr mutig von Ihnen, den Jungen aufs Gymnasium zu schicken, das muss ich schon sagen. Dieser ganz in sich gekehrte Junge zwischen all den Söhnen aus der Bürgerschaft – Söhne von Anwälten und Ärzten, Lehrern und höheren Beamten! Er muss sich ganz klein vorgekommen sein. Was hätten Sie gemacht, wenn es schiefgegangen wäre?«

Louis wusste im Voraus, was sein Vater antworten würde. »Er hätte immer noch Bäcker werden können, wie sein Vater und sein Großvater. Er ist mir schon als Kind so oft in der Backstube zur Hand gegangen und hat manchmal sogar allein den Backofen gereinigt. Wenn ich nicht eingeschritten wäre, hätte er am liebsten seine kostbare Zeit mit Reparaturen verbracht statt mit Lernen.«

»Immerhin, ein Bäcker mit Bildung dann«, hörte er den Maître noch sagen, der sich jetzt aber anderen Leuten zuwandte – er musste der Familie eines Beamten von der Präfektur gratulieren.

»Mein lieber Louis!« Seine Mutter hatte ihn abseits stehen sehen und schloss ihn in die Arme. »Zu Hause werden wir dich richtig feiern! Hier ist ein wenig zu viel Trubel. Du kannst dich auf eine Überraschung gefasst machen.« Sie sah in die Runde, und Louis’ Schwestern Éliane, Corinne und Françoise lächelten geheimnisvoll.

»Wir haben zu deinen Ehren die gesamte Verwandtschaft aus Bordeaux und sogar aus Avignon zum Abendessen eingeladen«, sagte Vater. »Schließlich ist dies ein historischer Anlass: Du bist der erste Naquet, der das Abitur gemacht hat. Dass du zu den Besten deines Jahrgangs gehörst, wird auch für sie eine Überraschung sein. Und wer, glaubst du, wird als Ehrengast neben dir sitzen? Rate mal.«

Louis kam nicht darauf, wen er meinen könnte. Vielleicht ein Schulkamerad, von dem die Eltern glaubten, er hätte sich mit ihm angefreundet? Aber da kam niemand infrage. Heute feierten ja alle zu Hause, es sei denn, sie hatten keinen Anlass, und dann wäre es ihnen unangenehm, eingeladen zu werden. Das würden seine Eltern keinem antun. Nein, Louis konnte sich niemanden denken. »Der Rabbiner?«, sagte er ins Blaue hinein.

Vater schüttelte den Kopf. »Eine alte Dame«, sagte er. »Schon in Pension, aber bei klarem Verstand, und deshalb hat sie unsere Einladung gern angenommen.«

»Alte Dame? Ihr meint doch nicht etwa…«

»Madame Duprez«, platzte seine Schwester Éliane heraus. Sie hatte noch nie ein Geheimnis für sich behalten können und wollte immer diejenige sein, die eine Neuigkeit als Erste herausposaunte. Sie war die jüngste der drei, aber immer noch deutlich älter als Louis, der Nachzügler.

»Madame Duprez!« Louis fiel erst Mutter, dann Vater in die Arme. »Eine größere Freude hättet ihr mir nicht machen können.«

»Gehen wir!«, sagte die Mutter. »Deine Schwestern und ich haben noch eine Menge vorzubereiten, ehe die Gäste kommen.«

Die Familie Naquet machte sich auf den Heimweg ins Sauteyron, das in der Nähe des alten jüdischen Friedhofs lag, wo die Mitglieder der Familie seit zweihundertfünfzig Jahren begraben wurden. Es war ein bescheidenes Viertel, in dem viele Nachkommen der Juden lebten, die Anfang des siebzehnten Jahrhunderts von Avignon nach Bordeaux übergesiedelt waren. Das Haus der Familie Naquet glich den übrigen Häusern der Straße wie ein Ei dem anderen: Es war einstöckig, hatte in der Mitte einen Korridor, von dem vier Zimmer abgingen, und einen kleinen Hintergarten. Die drei älteren Schwestern hatten sich früher ein Zimmer geteilt, während Louis, der Jüngste, als einziger Sohn und »Kronprinz« eines für sich allein hatte. Seit die Mädchen ausgezogen waren, diente ihr Zimmer als Gästezimmer, und sie bewohnten es manchmal selbst, wenn sie die Eltern besuchten. Louis’ Zimmer wurde gehütet wie ein Heiligtum, und er wusste, dass es auch in Zukunft immer für ihn bereitstehen würde.

Auf dem Heimweg freute er sich auf seinen »Ehrengast«. Dass er nicht sofort an sie gedacht hatte! Seine alte Volksschullehrerin Anne Duprez war neben seinen Eltern wohl der wichtigste Mensch in seinem Leben. Er hatte sie mit der ganzen Kraft seines kindlichen Herzens geliebt. Der Gedanke, sie noch heute wiederzusehen, war ihm beinahe wichtiger als die Urkunde, die der Direktor ihm überreicht hatte.

Sie war streng gewesen, aber er hatte damals schon gespürt, was sie mit ihm im Sinn gehabt hatte. Obwohl er noch ein Kind gewesen war, hatte sie mit ihm geredet, als verstünde er alles so gut wie ein Erwachsener. Sie hatte ihn ernst genommen, mit all seinen kleinen Sorgen. Sie wusste, dass er begabt war und nur nicht wagte, sein Können in die Tat umzusetzen. Weil er nicht den Mut hatte, mit anderen Kindern zu reden, setzte sie ihn in der Klasse neben ausgewählte Kinder, die ihn bisweilen von selbst ansprachen, ihn aber in Ruhe ließen, wenn ihm das lieber zu sein schien. »Selbstbewusste und zugleich sensible Kinder«, wie sie einmal in einem Gespräch mit einem Kollegen gesagt hatte.

Sie hatte ihn verändert. Sie förderte ihn, so gut sie konnte, aber sie verlangte auch viel von ihm. Oft bekam er einen Spruch von ihr zu hören: »Der Mensch wächst mit seinen Aufgaben.« Das hatte er zuerst wörtlich genommen, aber nie eine Veränderung im Spiegel entdeckt. Aber sie hatte dieses Zitat, von dem er später erfuhr, dass es vom deutschen Dichter Schiller stammte, unterschiedlich eingesetzt – mal als Forderung, wenn sie ihn zu etwas bewegen wollte, und mal als Lob, wenn er einmal etwas zustande gebracht hatte, was ihre Aussage bestätigte.

Dabei lobte sie ihn häufig, um sein Selbstbewusstsein zu stärken. »Wenn der Junge seine Minderwertigkeitsgefühle nicht überwindet«, predigte sie seinen Eltern, »kann er seine Fähigkeiten nicht entwickeln. Sie sollten ihn nicht tadeln und bestrafen, auch wenn er es verdient zu haben scheint. Fördern Sie sein Selbstbewusstsein.« Die Eltern ließen sich leicht überzeugen und übertrugen diesen Rat auch auf seine drei Schwestern. Der Wechsel von der Volksschule zum Gymnasium war Louis hauptsächlich als Trennungsschmerz in Erinnerung. Er hatte Anne Duprez sehr in sein kindliches Herz geschlossen.

Im Gymnasium tat sich Louis daher zunächst schwer. Doch sein Vater stärkte ihm stets den Rücken und prägte ihm immer wieder ein: »Vergiss nie, dass du in erster Linie Franzose bist, der Sohn einer alteingesessenen französischen Familie. Aber du bist auch Jude, und der Status der Juden, einer winzigen Minderheit in unserer Gesellschaft, hängt seit jeher von ihrer Bildung ab.« Das galt seiner Meinung nach auch für Bordeaux, wo Juden im Gegensatz zu anderen französischen Städten schon vor der Großen Revolution als geachtete Bürger angesehen wurden. »Unsere Stärke liegt darin begründet, dass wir das Lernen seit jeher als höchsten Wert geschätzt haben.«

Die Eltern hatten ins Schwarze getroffen. Wenn Louis sich an diesem ereignisreichen Tag auf etwas freute, so war es das Wiedersehen mit seiner strengen, heißgeliebten Lehrerin. Seinen Erfolg hatte er vor allem ihr zu verdanken, dachte er auf dem Heimweg und nahm sich vor, ihr das auch zu sagen.

Doch zunächst erlebte Louis eine Überraschung ganz anderer Art. Unter der Gratulationspost befand sich, völlig unvorhergesehen, ein amtliches Schreiben. »Gestellungsbefehl«, las Louis.

»Wozu haben die es so eilig?«, schimpfte Vater Lucien. »Man kann doch einem Jungen nach der anstrengenden Reifeprüfung ein wenig Ruhe gönnen!« Doch Louis meinte auf seine ruhige Art, es sei besser, vor dem Beginn des Berufslebens einberufen zu werden als mittendrin.

Der Gestellungsbefehl konnte die allgemeine Freude nicht trüben. Er lenkte aber die Gespräche am langen, dicht besetzten Tisch auf den Militärdienst, der an diesem Abend zum zentralen Thema wurde. Einige Vettern und andere entfernte Verwandte von Louis waren ebenfalls einberufen worden, alle am gleichen Tag, und die Erwachsenen gaben ihnen Ratschläge aus ihren eigenen Erfahrungen in der Armee.

In dieser fröhlichen Runde schien niemand die Einberufung für eine Tragödie zu halten. Im Gegenteil, zumindest die Männer betrachteten den Militärdienst als spannendes Erlebnis, das Abenteuer im weltumspannenden Kolonialreich versprach. »Jetzt wirst du ein Mann!«, rief man Louis zu und stieß auf sein Wohl an.

»Du wirst ganz schön herumkommen«, meinte ein anderer. »Man stelle sich vor, unser Louis in Indochina, oder im tiefsten Afrika! Wenn es dir gefällt, kannst du dich freiwillig melden und länger bleiben.«

Louis sagte nichts dazu, aber er war sich ganz sicher, dass er keinen Tag länger als nötig in der Armee bleiben würde. Er hatte jetzt schon das Gefühl, Vater mit seiner Bäckerei im Stich zu lassen, und er wollte so schnell wie möglich wieder dabei sein.

Von Gefahren sprach niemand. Welche Gefahren sollten einem Soldaten in diesem Frühsommer des Jahres 1913 auch drohen? Nie war das Leben in Europa besser gewesen. Die Krisen, mit denen sich die europäischen Mächte in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts hatten auseinandersetzen müssen, waren beigelegt und aus dem Wege geräumt. Die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen in Europa konnten sich ungestört entfalten. Zwischen den europäischen Staaten herrschte lebhafter Reiseverkehr. Die Grenzen waren offen, als hätte es sie nie gegeben, und die Wirtschaft blühte. Gewiss, der Wehrdienst war lang. Volle drei Jahre, doch das fiel an diesem Abend kaum jemandem auf. Nur Louis dachte immer wieder: ›Drei Jahre fort von zu Hause. Wie werde ich das durchhalten?‹

Seine alte Lehrerin hatte er in die Arme geschlossen und sie auf beide Wangen geküsst wie eine alte Freundin, und dabei war ihm aufgefallen, wie dünn und zerbrechlich sie geworden war – in seiner Erinnerung war sie eine kräftige, selbstbewusste und dominante Person gewesen, aber das hatte er wohl nur so gesehen, weil er selbst noch ein Kind gewesen war. Sie hatte sich gefreut über seinen Erfolg und hatte sich in ihrer Meinung über ihn bestätigt gefühlt. »In dir steckt noch mehr, sehr viel mehr«, hatte sie gemeint, und dann gefragt: »Meinst du, du wirst in der Armee zurechtkommen?«

Sie hatte seine Befürchtungen ganz direkt getroffen. Sie schien ihn noch immer so gut zu kennen wie früher, obwohl so viele Jahre dazwischen lagen. »Wieso nicht?«, war seine Gegenfrage gewesen. »Ich bin jung und nicht mehr ganz so schüchtern wie als Kind, und ich habe heute Lorbeeren geerntet, auf denen ich mich ausruhen kann.«

»Das wirst du nicht tun, denn ausruhen liegt dir nicht«, hatte sie gemeint. »Aber denk ja nicht daran, dass du als Soldat Karriere machen wirst. Als Jude bist du nicht überall so gut gelitten wie hier in Bordeaux. Es gibt eine Menge Antisemiten, die dir das Leben schwer machen werden, gerade beim Militär. Du erinnerst dich ja an die Affäre Dreyfus. Der Mann ist zwar rehabilitiert, aber die Atmosphäre, die ihn zu Fall gebracht hat, existiert immer noch. Sei auf der Hut, und tu dich nicht hervor.« Sie hatte ihn angelächelt. »Aber dafür bist du ohnehin nicht der Typ.«

Am nächsten Morgen, in der Backstube, sprach ihn sein Vater an, weil er gemerkt hatte, dass Louis sehr in sich gekehrt wirkte. »Was ist mit dir los?«, fragte er, obwohl er doch wusste, dass Louis kaum ansprechbar war, wenn ihn etwas beschäftigte. Solange er in Nachdenken versunken war, konzentrierte er sich auf das eine Problem, und der Rest der Welt hörte auf, für ihn zu existieren.

Diesmal aber hob Louis den Blick und sah dem Vater in die Augen. »Papa, bist du sicher, dass ich keine Probleme in der Armee haben werde? Dass dort alles so rosig ist, wie die Leute gestern Abend geschwärmt haben? Ich meine nicht die physischen Strapazen. Das ist es nicht, was mir Sorgen macht. Körperlich bin ich in bester Form.«

»Aber was macht dir denn dann Sorgen?«

»Papa, erinnerst du dich noch an die Vorträge, die du uns gehalten hast, als wir noch Kinder waren? Lange Vorträge, wie es deine Art ist. Damals hast du manchmal über den Dreyfus-Prozess gesprochen. Ich habe nicht immer alles verstanden, aber ich erinnere mich, dass du gesagt hast, dass Dreyfus nicht wegen eines harmlosen Irrtums verfolgt wurde. Du hast versucht, uns klarzumachen, wie sehr die militärische Elite von antisemitischen Vorurteilen beeinflusst war. Du hast oft betont, und nicht nur in diesem Zusammenhang, dass der Status, den wir Juden in Bordeaux genießen, nicht typisch für die Einstellung aller Franzosen zu den Juden sei, und ganz gewiss nicht in der Armee. Die Elite der Offiziere sei überwiegend konservativ und teilweise antisemitisch gesinnt.« Er sah seinen Vater ernst an.

»Die Armee ist natürlich kein Kaffeekränzchen«, sagte Vater Lucien, »und auch in der zivilen Gesellschaft sind selbst anständige Leute nicht frei von Vorurteilen. Die Toleranz der kultivierten Gesellschaft ist oft geheuchelt. Aber Soldaten können wirklich grausam sein. Grausamer als Kinder. Trotzdem sollte man nicht übertreiben. Die Dreyfus-Affäre war für uns Juden traumatisch. Nicht nur Dreyfus wurde unschuldig an den Pranger gestellt, sondern wir alle. Genau das bewirkt der Antisemitismus. Wenn ein Jude sündigt, werden wir alle beschuldigt. Selbst wenn Dreyfus wirklich schuldig gewesen wäre, hätte das noch lange nicht bedeutet, dass uns alle die Schuld trifft, aber man sieht es so. Doch auf der anderen Seite müssen wir uns fragen, Louis, wer für Dreyfus eingetreten ist. Die Juden? Glaub das bloß nicht. Es waren andere Franzosen, Männer wie Émile Zola, die sich für die Wiederaufnahme des Verfahrens eingesetzt haben, und sie wussten weite Kreise der Öffentlichkeit auf ihrer Seite. Sie haben sich gegen den Antisemitismus durchgesetzt und die Rehabilitierung des Hauptmanns sowie die Bestrafung einiger Männer erreicht, die sich gegen ihn zusammengetan hatten. Wo gibt es so etwas in der Geschichte? Zwar ist der Judenhass noch lange nicht aus der Welt geschafft, doch gerade die schreckliche Dreyfus-Affäre hat unser Ansehen letztlich gehoben.«

3

HEIDELBERG
 — Herbst/Winter 1912 — 

Ludwigs Abitur war am Ende nur reine Formsache. Die schriftlichen Prüfungen bestand er mühelos, die mündlichen waren »das reinste Vergnügen«, wie Dr.Stegemann ihm herzlich versicherte. Mitte September bezog er ein Zimmer in Heidelberg, kaum zweihundert Meter entfernt von der Juristischen Fakultät. Einer Verbindung schloss er sich nicht an, behielt sich aber vor, dies später nachzuholen. Zumindest die »Bavaria« im Kartell-Convent der jüdischen Studenten stand ihm ja offen. Er war sich aber nicht sicher, ob ihm ein Schmiss wirklich stehen würde, und den Namen »Bavaria« fand er ziemlich exotisch. Dass sich in der Gaststätte »Goldenes Fässchen« noch regelmäßig eine zweite Verbindung namens »Ivria« traf, die scharfe Mensuren schlug, im Übrigen aber davon träumte, in Palästina Orangenbäumchen zu pflanzen, erfuhr Ludwig gar nicht erst. Es wäre ihm vollends verrückt erschienen.

Stattdessen bemühte er sich, die große alte Universität mit ihren über die ganze Stadt verteilten Gebäuden kennenzulernen, und stieß dabei auch auf das berühmte Studentengefängnis, den Karzer. Dieses Gefängnis war tatsächlich noch in Benutzung, so hieß es. Die Haftstrafen waren aber nie lang und die Lebensbedingungen weitaus besser als in einem normalen Gefängnis. Die geräumigen Zellen waren nicht durch Wände, sondern durch Gitter getrennt, durch die man sich sehen und sogar unterhalten konnte. Abgesehen von der Einschränkung der Bewegungsfreiheit war die Karzerstrafe für die Studenten eigentlich mehr ein Jux. Sie sangen, bemalten die Wände, schrieben witzige Inschriften und verfassten gemeinsam Gedichte oder Theaterstücke.

Ab und zu durften organisierte Gruppen den Karzer besuchen. Nach einigen Wochen Wartezeit erhielt Ludwig die Erlaubnis, sich einer solchen Gruppe anzuschließen. Die Besucher wurden von den Karzerinsassen mit lautem Jubel begrüßt. Sie überreichten den Inhaftierten Geschenke, Esswaren und Getränke durchs Gitter und unterhielten sich prächtig.

Plötzlich hörte Ludwig aus einer der Zellen eine weibliche Stimme: »He, du mit dem Babygesicht, kennen wir uns nicht? Warst du nicht auf dem Lessing-Gymnasium in Frankfurt?«

Ludwig ging zögernd hinüber. Ein Blick genügte: Es war Gudrun, das große, üppige Mädchen, das er ein ganzes Jahr angeschwärmt hatte.

Es war nämlich keineswegs so gewesen, dass Ludwigs Wunsch, ein hervorragender Schüler zu sein, ihn gänzlich hätte übersehen lassen, dass es ein sogenanntes »schönes Geschlecht« gab. Ganz im Gegenteil. Manchmal konnte er sich im Unterricht kaum noch auf den Stoff konzentrieren. Immer wieder wanderten seine Gedanken und Fantasien zu den Schülerinnen der benachbarten Mädchenschule hinüber.

Ludwig traute sich zwar nur ganz selten einmal in die Nähe des hohen Staketenzauns, der die beiden Schulhöfe trennte. Doch aus der Ferne verfolgte er fasziniert, was in den Pausen dort vorging. Die Schüler und Schülerinnen, die sich am Gitter herumtrieben, wechselten provozierende Scherze und Zurufe und hatten offensichtlich viel Spaß. Er beneidete insgeheim einige seiner Freunde, die »Erfolg« bei den Mädchen hatten, was immer das sein mochte. Sogar der dicke Müller, der seit dem Ereignis am Sedantag Ludwigs ärgster Widersacher in der Klasse geworden war, hatte sich dabei hervorgetan. Manches, was die Jungen den Mädchen durchs Gitter zuriefen, wäre Ludwig nie im Leben über die Lippen gekommen – er hätte weder die Idee noch den Mut dazu gehabt.

Eins der Mädchen fiel ihm besonders auf. Sie war größer als die anderen und hatte einen ausgeprägten Busen. Ihr Name war Gudrun. Sie war äußerst selbstbewusst und genoss es, die Jungen zu necken. Wenn sie in der Nähe des Zauns war, war er nicht der einzige Junge, der sehnsüchtig hinschaute.

Einmal kam sie nahe an die Stelle, wo Ludwig stand, und rief: »Hallo! Schau nicht so blöd! Hast so etwas wohl noch nie gesehen, was?« Sie legte die Hände unter ihre Brüste und hob sie leicht an, ganz kurz nur.

Am letzten Schultag, nach den Feierlichkeiten zum Abitur, rückte Gudrun so nahe an den Zaun, dass sie die Hände der Jungen berühren konnte. Ludwig, der wie immer ein wenig abseits stand, beobachtete, wie sie unter schallendem Gelächter der Schulkameraden jedem etwas in die Hand drückte, und die Jungen nahmen die geheimnisvolle Gabe freudig entgegen. Ludwig hatte sich lange gefragt, was das wohl gewesen sein könnte.

Und jetzt stand sie hier vor ihm, in Heidelberg. Ausgerechnet im Karzer. Auch hier gab es ein Gitter. Ihr rabenschwarzes Haar war vierfach gescheitelt und fiel lose nach allen Seiten herab. Ein langer Pony bedeckte ihre Stirn fast bis zu den großen schwarzen Augen und verlieh ihr etwas Dunkles, Geheimnisumwittertes.

»W-w-was machst du denn hier?«, fragte er stammelnd. »Hast du was verbrochen?«

»Quatsch!«, sagte sie lachend. »Glaubst du, ich lasse mich von den Idioten hier einsperren? Ich bin auch bloß zu Besuch da. Lass uns zu ›Schillers‹ gehen und eine heiße Schokolade trinken.«

Eine halbe Stunde später saßen sie vor den dampfenden Tassen. Während Ludwig ihr amüsiert und staunend zuhörte, entging ihm nicht, dass ihn Gudrun eindringlich musterte. ›Was hatte dieser Blick zu bedeuten‹, fragte er sich unsicher. ›Ob er ihr gefiel?‹ Er war jetzt so aufgeregt, dass er gleich mit der ersten Frage herausplatzte, die ihm in den Kopf kam: »Sag mal, am letzten Schultag hast du den anderen Jungen etwas geschenkt. Ich habe mich immer gefragt, was das war …«

Zu seiner Überraschung errötete Gudrun. »Willst du das wirklich wissen?«

»Ja«, sagte er wahrheitsgemäß.

Sie lachte. »Warte einen Moment.« Sie stand auf und verschwand. Fünf Minuten später war sie zurück und gab ihm einen mehrfach gefalteten Zettel. »Du darfst es aber erst anschauen, wenn ich gegangen bin.«

Ludwig nickte. Es war Mitte Dezember, und die Weihnachtsferien standen vor der Tür. »Fährst du über die Feiertage nach Hause?«, fragte er nach einer Pause.

»Nein.«

»Warum denn nicht?«

»Weil ich keine Lust habe. Die ewigen Familienfeiern, Advent, Heiligabend, Weihnachten, das bedeutet mir alles nichts mehr und hat mich schon letztes Jahr zu Tode gelangweilt«, erklärte Gudrun lachend. »Aber du braver Sohn wirst die nächsten Wochen bestimmt in Frankfurt bei Muttern verbringen«, sagte sie und warf ihm einen prüfenden Blick zu.

»Nein«, sagte Ludwig und spürte, wie seine Wangen brannten. »Chanukka ist vorbei, und Weihnachten feiern wir nicht.«

»Chanukka? Ist das nicht dieses Lichterfest?«

Ludwig lachte. »Chanukka ist ein Siegesfest. Es erinnert an den Sieg der Makkabäer über die Griechen und die Wiedereinweihung des Tempels im Jahre 165 vor unserer Zeitrechnung.« Im Stillen dachte Ludwig, dass er, was die Familienfeste betraf, genauso zwiespältige Gefühle hegte wie Gudrun. Der Synagogenbesuch am jüdischen Neujahr im Herbst und am Versöhnungstag, dem heiligsten Tag des Jahres, war ihm unendlich lang und ermüdend erschienen. Vielleicht würde er den Vater im nächsten Jahr nicht mehr begleiten.

»Ich wusste gar nicht, dass ihr Juden so kriegerisch seid«, sagte Gudrun, aber man spürte, dass sie immer neugieriger wurde.

»Vielleicht können wir uns ja in den Ferien mal treffen?«, wagte Ludwig sich vor.

»Warum nicht?«, gab sie augenzwinkernd zurück, stand auf und verließ das Café.

Ludwig hatte das Gefühl, dass ihm der Zettel ein Loch in die Tasche brannte. Vorsichtig zog er ihn heraus, um die geheime Botschaft zu lesen. Zu seiner Überraschung war das Papier unbeschrieben. Aber als er es ganz aufgefaltet hatte, fiel ein kurzes, hartes, stark gekräuseltes Schamhaar heraus.

Die Universität leerte sich zusehends. Immer mehr Studenten fuhren nach Hause. Ludwig und Gudrun trafen sich von nun an fast täglich. Er war jetzt schon einundzwanzig und von dem dringenden Verlangen getrieben, endlich gewisse Dinge zu erkunden, die ihm bisher verschlossen geblieben, aber unbedingt zu erledigen waren, und Gudrun fand anscheinend nichts dabei, in Abwesenheit anderer Verehrer mit ihm vorlieb zu nehmen. Sie zeigte sich nicht zimperlich, und wenn sie spazieren gingen, endete das Rendezvous meist in einer lauschigen Ecke mit glühenden Küssen. Eines Tages lud Ludwig sie, bis unter die Haarwurzeln errötend, in das Zimmer ein, das seine Eltern in der Stadt für ihn gemietet hatten. Seine Zimmerwirtin war über die Feiertage zu ihrer Verwandtschaft gefahren, und so konnte er den »Damenbesuch« ausnahmsweise riskieren. Gudrun, die in einer streng überwachten Pension wohnte, zeigte sich nicht im Geringsten überrascht. Es schien so, als hätte sie längst in Erfahrung gebracht, dass er eine »sturmfreie« Bude hatte.

»Einverstanden«, sagte sie, »ich komm heute Abend um acht.« Sie sah ihm tief in die Augen, stand auf und ging. Ludwig blieb noch sitzen. Vor lauter Aufregung wusste er nicht, wohin mit sich.

Am Abend begrüßte Gudrun ihn mit einem Blick, dessen Weichheit ihn überraschte. Leichtfüßig kam sie die Treppe herauf (während er eine Höllenangst hatte, dass die Nachbarn aufmerksam werden könnten), inspizierte sein Zimmer, warf ihren Mantel auf einen Sessel und legte sich rücklings aufs Bett, ohne ein Wort zu sagen. Ludwigs Herzschlag schien ihm den Kopf zu sprengen. Ihm war klar, dass er den nächsten Schritt tun musste, und er beschloss, direkt zur Sache zu kommen. Er nahm nicht ihre Hand, versuchte nicht, ihr Gesicht zu küssen, sprach kein Wort. Wie ein Amokläufer von der Angst besessen, dass sein künstlicher Mut nicht von Dauer sein würde, zerrte er unbeholfen an ihrem Rock. Gudrun sah ihm schweigend dabei zu, beobachtete seine fieberhaften Versuche, einen Weg durch die Verschlüsse zu finden. Mit einem Mal sprang sie auf, warf Ludwig einen Blick zu, in dem er Mitleid zu lesen meinte, streichelte mit einem mütterlichen Lächeln seine Wange, packte ihren Mantel und ging zur Tür. Die Hand schon auf der Türklinke, wandte sie sich noch einmal zu dem verblüfften Ludwig um: »Tut mir leid, Junge. Du musst dir wohl eine andere Lehrerin suchen.«

Die Geschichte mit Gudrun ging ihm noch lange nach. Verzweifelt dachte er darüber nach, was er wohl falsch machte bei Mädchen. Er konnte nicht so leichtherzig mit ihnen umgehen wie seine Schulkameraden. Er hätte gern eine Freundin gehabt, aber er war einfach zu schüchtern. Vielleicht lag das an seinem Elternhaus, seiner strengen Erziehung, seiner Herkunft. Irgendwann musste er sich überwinden, und das würde, so hoffte er, von allein passieren, wenn er die Richtige traf.

In der Königsteiner Straße hatte es eine Nachbarstochter gegeben, die ihn sehr faszinierte, aber noch unerreichbarer schien als jede Gudrun. Sie war etwas älter als er, studierte bereits und trug enge Blusen. Er fand ihren Anblick aufregend. Wenn sie ihm begegnete, schien sie ihn nicht zu beachten. Doch einmal hörte er, wie sie im Treppenhaus zu einer Freundin sagte: »Ein hübscher Junge, der kleine Kronheim.«

›Hübsch?‹, dachte Ludwig. ›Ich soll hübsch sein?‹ Er betrachtete sich im Spiegel und seufzte, wenn ihm sein rundes Kindergesicht entgegenblickte. In den Unterklassen des Gymnasiums war er kleiner gewesen als die meisten seiner Klassenkameraden, doch dann war er plötzlich in die Höhe geschossen. Sein Haar war kastanienbraun, seine Augenfarbe wie der Himmel an einem besonders klaren Tag, wie eine Freundin seiner Mutter einmal bewundernd festgestellt hatte. Er hatte das übertrieben gefunden. Die kleine Nase war gerade und frech. Er lächelte viel, oft aus Verlegenheit, und beim Lächeln sah man eine Reihe weißer Zähne, die soldatengleich in Reih und Glied standen. Auch seine Hände mit den langen Fingern waren schön; stark, aber nicht grob. ›Aber was nützt mir das‹, dachte er oft. Ihm fehlte die Selbstsicherheit.

4

HEIDELBERG
 — Frühjahr 1914 — 

Es wurde Frühling. Die Prüfungen rückten näher. Eines Morgens ging Ludwig am linken Neckarufer spazieren, wenige Schritte vom Hauptgebäude der Universität entfernt. Wegen des noch recht kühlen Windes, der vom Fluss heraufkam, suchte er sich einen bequemen, geschützten Platz im Botanischen Garten. Er setzte sich auf eine Bank, packte Bücher und Hefte aus. Ach, es war aussichtslos. Wieder einmal ringelten sich die Paragrafen wie Schlangen vor seinen Augen. Er würde am Ende ins Repetitorium müssen, wenn er das Staatsexamen mit einer guten Note bestehen wollte.

Nach einer Weile drang Mädchengelächter an sein Ohr. Er hob nur kurz den Kopf, um den Faden nicht zu verlieren. Wenige Meter von ihm entfernt war eine Gruppe von jungen Frauen dabei, es sich auf der Wiese bequem zu machen. Er wollte sich schon wieder seinen Vorlesungsmitschriften zuwenden, als er stutzte. Eins der Gesichter kam ihm bekannt vor. War das nicht die Studentin, die ihn neulich im Seminar gebeten hatte, ein Buch für sie aus einem hohen Regal herunterzuholen? Er spähte aus dem Augenwinkel zu der Gruppe hinüber. Tatsächlich, das Lächeln kam ihm bekannt vor.

›Nein, nein‹, dachte er, ›das ist nicht die Zeit, an Mädchen zu denken. Ich muss mich auf die Prüfung vorbereiten.‹ Bald war er wieder so in seine Lektüre vertieft, dass er nur noch das Vogelgezwitscher hörte. Plötzlich spürte er, dass jemand auf ihn zukam. Es war eine der jungen Frauen. Sie fragte, ob sie und ihre Freundinnen ihn zum Picknick einladen könnten, und zeigte auf einen üppig bestückten Korb. Ludwig zögerte trotz des Hungers, der ihm jetzt erst bewusst wurde. Die Mädchen würden ihn bloß in Verlegenheit bringen.

»Na, kommen Sie schon«, meinte die Studentin, »Sie haben doch nichts zu essen und zu trinken mitgebracht! Typisch Mann.« Da er dem nichts entgegenzusetzen wusste, nahm er die Einladung mit einem verlegenen Murmeln an.

»Ludwig Kronheim aus Frankfurt«, stellte er sich mit einer leichten Verbeugung den anderen vor. Während die Studentinnen ihn unverhohlen musterten, spürte er, wie ihm die Hitze in die Ohren stieg. Er achtete darauf, nicht zu der kleinen Studentin aus der Bibliothek hinüberzuschauen, doch sie war die Erste der Gruppe, die sich ihrerseits vorstellte: »Karoline Schulzendorf, ebenfalls aus Frankfurt«, sagte sie und reichte ihm die Hand mit einem ganz besonderen Lächeln.

»Ich dachte, ihr kennt euch schon!«, rief das Mädchen, das Ludwig geholt hatte.

»Wir sind uns schon mal über den Weg gelaufen«, antwortete Karoline, »aber vorgestellt haben wir uns noch nicht. Ich wusste jedenfalls bisher nicht, wie unser Gast heißt.«

Sie betrachtete sein rundes Kindergesicht, das immer röter wurde. Die anderen Mädchen nannten ebenfalls ihre Namen und begannen kichernd, die Körbe auszupacken, breiteten eine Decke aus und stellten die mitgebrachten Speisen darauf. Eine Studentin drückte Ludwig ein Glas Weißwein in die Hand und forderte ihn auf zuzugreifen.

Karoline tat so, als sei sie mit ihren Freundinnen ins Gespräch vertieft. Dabei langte sie kräftig zu. Während Ludwig höflich auf alle Fragen antwortete, schielte er immer wieder zu Karoline hinüber. Wenn sie ihm den Kopf zuwandte, sah er schnell in eine andere Richtung. Er wollte ihrem Blick nicht begegnen, denn dann wäre er gewiss gleich wieder rot geworden. Karoline hatte die Schuhe ausgezogen. Sie trug feine Seidenstrümpfe, die ihre zierlich gewölbten Füße und die vollendete Rundung ihrer Waden betonten. Das geblümte Kleid umspielte lose den schlanken Körper. Ludwig konnte nicht anders, er musste sie in Gedanken ausziehen: schmale Hüften, kleine Brüste. Er versuchte sogar, sich die Farbe ihrer Brustspitzen vorzustellen, konnte sich aber nicht entscheiden. Mehr noch fesselte ihn Karolines Gesicht: die großen, braunen, wachen Augen, in denen manchmal ein grüner Schimmer aufleuchtete. Sie nur ab und zu flüchtig anzuschauen fiel ihm mit jeder Minute schwerer. Ihre helle, glatte Haut stand im Gegensatz zum dunklen Haar. Ihre Nase hatte am Ansatz eine kleine Senkung und wölbte sich lang und schmal über die Lippen. ›Eine provokante Charakternase‹, dachte Ludwig bei sich. Ihren Mund mit den schönen Zähnen nahm er schon als Selbstverständlichkeit. Sie strahlte so eine Sinnlichkeit aus! Wie kam es, dass er das nicht bemerkt hatte, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte?

Mit einem Mal sprang Karoline auf, zog ihre Schuhe an und verkündete, man müsse jetzt wieder arbeiten. Sie reichte Ludwig zum Abschied die Hand. »Sie müssen uns nicht beim Zusammenpacken helfen. Schön, dass Sie uns Gesellschaft geleistet haben, aber jetzt lernen wir weiter.« Ludwig erstarrte. War alles schon vorbei? Wie auf dem Flur, als er vor ihr davongelaufen war? Würde er auch diesmal nichts unternehmen, um sie wiederzusehen?

Da rief Karoline plötzlich: »Wenn Sie morgen früh in der Bibliothek sind, können Sie mir wieder die Bücher herunterreichen!«

Am nächsten Tag war Ludwig schon sehr viel früher im Seminar, als er vernünftigerweise mit Karolines Erscheinen rechnen konnte. Für eine Studentin, die den ganzen Morgen arbeiten wollte, kam sie sogar reichlich spät, und Ludwig hatte sich schon eine Erklärung zurechtgelegt, mit der er sich trösten würde: Das Ganze sei von Anfang an nichts Ernstes gewesen. Mit ihrer Bemerkung über die Bibliothek habe sie kein Interesse an ihm bekunden wollen. Sie habe einfach nur gesagt, dass sie am nächsten Tag hier lernen wolle, mehr nicht. Es war völliger Unsinn, zu glauben, dass sie ein Rendezvous mit ihm hatte vereinbaren wollen. Sie kannte bestimmt viel interessantere Männer.

Aber dann kam sie. Ihre Augen suchten ihn, und als sich ihre Blicke trafen, ging in ihrem Gesicht wieder dieses Lächeln auf. Sie kam auf ihn zu und murmelte irgendeine Begründung für ihre Verspätung. Ludwig hörte nur mit halbem Ohr zu. Hauptsache, sie war da! Sie schien auch nicht viele Bücher zu brauchen. Er hatte den Eindruck, dass die Folianten, die er für sie herunternahm, sie nicht wirklich interessierten. Schon bald verließen die beiden das Seminar und gingen zu einem frühen Mittagessen in eine Schankwirtschaft.

Ludwig nahm kaum wahr, was sie aßen. Wichtig war nur, dass sie im Getümmel zusammensaßen. Als ihnen klar wurde, dass sie schon über zwei Stunden im Schatten der großen Linde saßen und die Sonne allmählich zu ihnen herumkam, standen sie auf, und Ludwig begleitete Karoline zu ihrer Pension. Aber auch dort konnten sie sich nicht trennen, sondern gingen wieder zurück ans Ufer des Neckars und unterhielten sich weiter. Die Studenten, die an ihnen vorbeigingen, störten sie nicht im Geringsten. Schließlich gab Karoline ihm die Hand und sagte, sie müsse nun wirklich gehen. Doch sie zog ihre Hand nicht zurück und hielt die seine scheinbar unabsichtlich fest, als wolle sie ihm nur noch schnell eine Geschichte zu Ende erzählen. Langsam begannen ihre ineinander verschränkten Hände sich zu bewegen. Sich zaghaft zu streicheln. Sie streichelten sich auch noch, als Karoline zu sprechen aufgehört hatte. Sie standen nur da und sahen sich an, während ihre Hände einander liebkosten.

5

FRANKFURT AM MAIN
 — Juni 1914 — 

Am Ende des Sommersemesters fuhren Karoline und Ludwig gemeinsam nach Frankfurt zurück. Das Semester war vorbei, und sie fühlten sich grenzenlos frei. Die Klausuren hatten sie bestanden, und jetzt lag nur noch ein Studienjahr vor dem Staatsexamen. »Stell dir vor, in einem Jahr bin ich Referendar«, sagte Ludwig und strahlte die ihm im Abteil gegenübersitzende Karoline an.

»Ja, und dann?«

»Dann werfe ich mich in den Kampf um eine Stellung im Staatsdienst.«

»Willst du das wirklich tun? Du weißt doch, wie schwer sie es dir machen werden. Und selbst wenn es dir irgendwie gelingen sollte, wirst du ständig darum kämpfen müssen, befördert zu werden. Warum gehst du nicht in die Privatwirtschaft? Du könntest doch in einem Anwaltsbüro arbeiten. Das machen die meisten. Du verdienst gutes Geld und gewinnst rasch hohes Ansehen.«

»Die meisten?« Ludwig biss wütend die Zähne zusammen. »Die meisten Juden, meinst du. Das sehe ich gar nicht ein.« Erneut, und nicht zum ersten Mal, versuchte er ihr zu erklären, warum gerade für ihn der Staatsdienst das große Ziel war. Doch sie sah ihn nur verständnislos an. ›Nun ja‹, dachte Ludwig, ›sie ist eben keine Jüdin. Was versteht sie schon von unseren Problemen, Empfindlichkeiten und Ambitionen! Vielleicht ändert sich das, wenn sie erst meine Frau ist – doch davon kann ich wohl nur träumen.‹ Er verstummte und starrte hinaus auf die Berge des Odenwalds, die in der Ferne vorbeizogen.

Von klein auf, und das war wirklich kurios, war Ludwig ein begeisterter Reiter gewesen. Schon als Sechsjährigen hatte ihn seine Mutter zu einer Ponyreitschule gebracht. Auf der runden Reitbahn trabten etwa zehn Ponys mit ihren kleinen Reitern durch den tiefen Sand. Die Kinder saßen schwankend im Sattel, wurden hin- und hergeworfen und fielen auch manchmal herunter, ließen sich aber gleich wieder aufs Pferd setzen. Beim ersten Mal sah Ludwig wie hypnotisiert zu. »Hast du keine Angst herunterzufallen?«, fragte seine Mutter. »Nein, überhaupt nicht«, rief Ludwig begeistert, »ich will auch reiten!« Als ihn der Reitlehrer auf das kleinste Pony gesetzt hatte, war ihm dann aber doch ziemlich mulmig geworden. Er wollte um Hilfe schreien, seiner Mutter zurufen, sie solle ihn von diesem wippenden Tier herunterholen, und zwar sofort, doch er traute sich nicht. Alle Kinder würden ihn auslachen! Ludwig hielt durch und war stolz auf sich, wollte aber trotzdem nach dieser ersten kurzen Reitstunde schnell nach Hause. Aus irgendeinem Grund war sogar seine Hose ein bisschen nass. Ludwig musste lachen, als er daran dachte.

Karoline warf ihm einen erstaunten Blick zu. »Was ist?«, fragte sie.

»Ach, nichts«, sagte Ludwig, »das erzähle ich dir ein anderes Mal. Hättest du denn Lust, am Sonntag einen kleinen Ausflug zu Pferde mit mir zu machen?«

»Wie stellst du dir das vor?«, fragte sie. »Meine Eltern geben mir niemals Geld für solch einen Luxus. Solange ich studiere, liege ich ihnen sowieso schon auf der Tasche.«

»Ich bekomme von meinen Eltern auch kein Geld für solche Dinge. Aber ich habe dir doch mal erzählt, dass ich auf diesem Hof in der Nähe von Niederrad Reiten gelernt habe. Ich habe die Ställe ausgemistet, die Pferde gestriegelt und sie auf die Koppel gebracht. Als Gegenleistung durfte ich immer ein paar Stunden umsonst reiten, wenn wenig Betrieb war. Die lassen bestimmt mit sich reden. Wir können mit der Straßenbahn rausfahren.«

Karoline zögerte. »Ich bin schon so lange nicht mehr geritten. Mal sehen, ob die Eltern mich weglassen.« Am Bahnhof in Frankfurt nahmen sie eine Droschke. Karoline bis vor die Tür zu bringen, ließ er sich nicht nehmen. Vor dem großbürgerlichen Stadthaus im Westend verabschiedeten sie sich voneinander – das Treffen mit ihren Eltern musste noch warten.

Gleich am nächsten Morgen machte er sich auf den Weg nach Niederrad. Er konnte nur einen Teil des Weges mit der Straßenbahn fahren, die restliche Strecke musste er zu Fuß zurücklegen. Er hätte sich die Mühe sparen und anrufen können, denn nicht nur die Reitschule war seit Kurzem an das neue Telefonnetz angeschlossen, auch in Ludwigs Elternhaus war jetzt ein Fernsprechgerät installiert. Man brauchte nur den Hörer im Flur abzunehmen, ihn ans Ohr zu halten und zu warten, bis die städtische Telefonzentrale sich meldete. Aber ein solches Gespräch hätte er vor seinen Eltern nicht verbergen können, und sie hätten sich gewiss dafür interessiert, wer denn die junge Dame war, mit der er so dringend ausreiten wollte.

Am Ende gelang dann alles vortrefflich. Am letzten Junisonntag fuhr Ludwig mit Karoline hinaus. Die Pferde standen bereit. Er hatte für Karoline eine Stute gewählt, die als ruhig und zahm galt. Dagegen war Ludwig alles andere als ruhig, er redete ununterbrochen. Er hielt ihr Vorträge über Pferde und ihren Charakter, über Pferdepflege und Reitkunst. Als sie nach einem Ritt von anderthalb Stunden aus dem Stadtwald zurückkamen und Ludwig immer noch weiterschwatzte, wurde es Karoline schließlich zu viel. Kaum waren sie von den Pferden herunter und wieder allein, fasste sie ihn am Hinterkopf, zog ihn zu sich herunter und verschloss ihm mit ihren geröteten Lippen den Mund. »Sonst hörst du ja nie auf!«, sagte sie.

Am nächsten Morgen, dem 29. Juni, wurden Extrablätter in Frankfurt verkauft: DER ÖSTERREICHISCHE THRONFOLGER UND SEINE GATTIN ERMORDET!

Das Attentat, das Österreich-Ungarn, den Bundesgenossen des deutschen Kaiserreichs, erschütterte, bekümmerte Ludwig nicht übermäßig. So sensationell der Anschlag auf den ersten Blick war, er schien nichts mit seinem Leben oder dem Alltag der Deutschen zu tun zu haben. So etwas gab es auf dem Balkan ja nicht gerade selten. Die Völker dort stritten sich ständig. Diesmal hatten sie zwar erstmals das große Habsburgerreich provoziert, doch keiner konnte sich vorstellen, dass das Attentat über den Balkan hinaus wirken würde.

Dennoch waren die folgenden Tage nicht mehr so unbeschwert glücklich. Ludwig brachte immer noch nicht den Mut auf, Karoline einen Heiratsantrag zu machen. Wie konnte er das wagen, wenn er ihr noch nicht einmal seine Liebe erklärt hatte? Mit seinen Eltern darüber zu reden, traute er sich erst recht nicht, geschweige denn mit den Schulzendorfs. Was würden seine Eltern davon halten, dass er ein christliches Mädchen zur Frau nehmen wollte? Und was würden ihre Eltern sagen, wenn sie einen Juden heiraten wollte (falls sie überhaupt dazu bereit wäre)?

Und dann war plötzlich alles in weite Ferne gerückt: Studium, Liebe, Karriere. Es sollte Krieg geben! In solchen Zeiten war ans Heiraten nicht zu denken.

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