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Süß duftet der Lavendel

PROLOG

4. November, 8 Uhr abends

Ausnahmsweise war Harvey einmal vor ihr angekommen und saß schon in ihrer Lieblingsecke. Sie gab ihr Kaschmircape bei der Garderobenfrau ab, lächelte die hochschwangere junge Frau mit dem netten Gesicht an, die in der Nähe der Kasse auf einer Sitzbank wartete, und ging durch das voll besetzte Restaurant zu ihm. Achtundzwanzig rote Rosen, für jedes Lebensjahr eine, und ein kleines, in silbernes Geschenkpapier verpacktes Paket nahmen eine Seite des Tisches ein, ein silberner Champagnerkühler und zwei Kristallflöten die andere.

„Komme ich zu spät?“, fragte sie und hob ihm das Gesicht zum Kuss entgegen, als er aufstand, um sie zu begrüßen.

„Nein, ich war zu früh.“ Immer der perfekte Gentleman, setzte er sich erst wieder auf seinen Platz, nachdem sie es sich auf der mit Plüschsamt gepolsterten Bank bequem gemacht hatte.

„Was, keine Notfälle in letzter Minute?“, erwiderte sie lachend, glücklich, weil sie mit ihm zusammen war. Glücklich, weil er sich angestrengt hatte, sie an ihrem Geburtstag nicht warten zu lassen. Viel zu oft wurde er aufgehalten oder weggerufen, ob sie nun gerade zu Abend aßen, im Theater waren oder sich liebten. Viel zu oft wirkte er geistesabwesend, distanziert, angespannt. In letzter Zeit war er einige Male nachts auf und ab gegangen und hatte schließlich im Gästezimmer geschlafen, um sie mit seiner Nervosität nicht zu stören. Das war wohl der Preis, den sie dafür zu zahlen hatte, mit einem so engagierten, gefragten Herzchirurgen verheiratet zu sein.

„Heute Abend nicht. Ed Johnson springt für mich ein.“ Harvey schenkte ihnen Champagner ein und hob sein Glas. „Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Diana!“

„Danke, Schatz.“ Der Champagner perlte ihr auf der Zunge, leicht und spritzig. Vor nicht allzu vielen Jahren hatten sie sich zum Feiern nur eine Flasche billigen Rotwein und Spaghetti leisten können. Jetzt tranken sie einen Spitzenchampagner, und die langstieligen roten Rosen waren ganz bestimmt sehr teuer gewesen. Diana hielt sich eine der lieblich duftenden Blüten an die Nase und sah ihren Ehemann schalkhaft an. „Die sind doch für mich, oder?“

„Die und das hier auch.“ Er schob ihr die in Silberfolie verpackte Schachtel hin. „Mach dein Geschenk auf, bevor du bestellst, Diana. Ich glaube, es wird dir gefallen.“

Was konnte an einem Armband aus Platin, in das Diamanten und Saphire eingelassen waren, nicht gefallen? Sprachlos vor Freude legte sie es sich ums Handgelenk und bewunderte, wie das Lampenlicht das Feuer der Edelsteine einfing. „Es ist das Schönste, was ich jemals besessen habe“, sagte sie, als sie ihre Stimme wiederfand. „Oh, Harvey, dieses Jahr hast du es wirklich übertrieben. Wie soll ich gegen so etwas ankommen, wenn du Geburtstag hast?“

„Das musst du nicht.“ Lächelnd zeigte er auf die in Leder gebundene Speisekarte. „Was hättest du gern?“

„Ich bin hin und her gerissen zwischen Lammkotelett und Maine-Hummer“, sagte sie, nachdem sie die Hauptgerichte studiert hatte.

„Hummer ist doch dein Lieblingsgericht, also nimm ihn“, drängte Harvey sie.

„Na gut. Mit einem kleinen Salat als Vorspeise.“

Er nickte dem Ober zu, der diskret im Hintergrund wartete. „Meine Frau nimmt den gemischten Salat mit Kräutern in Zitronensoße und danach den gegrillten Hummer.“

„Und Sie, Sir?“

Harvey tippte an seine Champagnerflöte. „Ich bin damit zufrieden, danke.“

„Du willst nichts essen?“ Diana blickte ihn verwirrt an. „Fühlst du dich nicht wohl, Schatz?“

„Ich habe mich niemals besser gefühlt“, versicherte er, während er eine Kreditkarte aus der Innentasche seines Jacketts zog. „Ich verlasse dich nämlich, Diana.“

Von einer Sekunde zur anderen war es mit ihrer Freude an diesem Dinner, an diesem Abend, vorbei. „Du fährst zurück zum Krankenhaus? Aber ich dachte …?“

„Nein. Ich verlasse dich, Punkt. Ich will die Scheidung.“

Diana lachte. „Also wirklich, Harvey! Einen Moment lang wäre ich dir fast auf den Leim gegangen.“

„Das soll kein Witz sein. Und bevor du nach dem Grund fragst, kann ich es dir ebenso gut gleich sagen: Ich habe eine andere kennengelernt.“

Langsam stellte Diana ihr Glas ab, darauf bedacht, keinen Tropfen zu verschütten. „Und … wie lange geht das schon?“

„Ziemlich lange.“

Mit sechs war sie am tiefen Ende in den Swimmingpool ihrer Eltern gefallen und wäre ertrunken, wenn ihr Vater nicht in der Nähe gestanden und sie sofort herausgezogen hätte. Trotzdem hatte sie das beklemmende Gefühl, unter Wasser zu ersticken, niemals vergessen. Jetzt, zweiundzwanzig Jahre später, holte es sie wieder ein.

Verzweifelt suchte sie nach einem Rettungsanker und platzte heraus: „Aber es wird nicht halten. Solche Affären sind niemals von Dauer. Du wirst darüber hinwegkommen, ich meine, über diese Frau … und ich werde verwinden, wie sehr du mich verletzt hast, ich verspreche es! Wir finden wieder zusammen, schließlich haben wir uns ewige Treue geschworen.“ Harvey griff über den Tisch und nahm ihre Hände. „Hör zu, Diana, hier geht es nicht um eine flüchtige Affäre. Rita und ich lieben uns. Ich habe mich auf eine gemeinsame Zukunft mit ihr festgelegt.“

„Nein …!“ Diana versuchte, ihm ihre Hände zu entziehen und nicht zu realisieren, was er ihr eben mit kühler klinischer Sachlichkeit mitgeteilt hatte. „Nein, du liebst mich. Du hast es hundertmal gesagt.“

„Seit Monaten schon nicht mehr.“

„Das interessiert mich nicht!“ Qual und Schock ließen ihre Stimme lauter werden. „Ich werde nicht zulassen, dass du unsere Ehe einfach so beendest. Wir beide haben etwas Besseres verdient.“

Indem er ihre Hände freigab, setzte sich Harvey sehr gerade hin, als wollte er so viel Abstand wie möglich zwischen sie beide bringen. „Du fällst unangenehm auf!“, fuhr er sie an.

Mit zusammengepressten Lippen saß sie eine Weile schweigend da und weinte insgeheim bittere Tränen, aber noch immer klammerte sie sich an einen Strohhalm. „Was soll dann dieser ganze Zinnober?“, fragte sie. „Der Champagner, die Rosen, das Armband?“

„Du hast Geburtstag.“ Harvey zuckte die Schultern. „Ich empfinde durchaus Zuneigung zu dir und wollte dir zur Feier des Tages etwas Besonderes bieten.“

„Und du dachtest, mir mitzuteilen, dass unsere Ehe zu Ende ist, würde nicht genügen?“

Mitleidig betrachtete er sie. „Na, komm schon, Diana! Ich kann nicht glauben, dass du völlig überrascht bist. Du musst doch gemerkt haben, dass es zwischen uns nicht mehr so ist wie früher und unsere Beziehung sich entscheidend verändert hat.“

„Das habe ich nicht. Ich habe nur gespürt, dass du dich verändert hast, doch das habe ich dem Stress im Krankenhaus zugeschrieben.“ Diana betrachtete die Rosen, das funkelnde Silberbesteck, den Trauring aus Platin an ihrer linken Hand und schließlich den Mann, den sie vor acht Jahren geheiratet hatte. Dann lachte sie wieder, und es hörte sich unnatürlich hohl an. „Aber andererseits heißt es ja, dass die Ehefrau so etwas immer als Letzte erfährt.“

„Ich verstehe durchaus, dass du schockiert bist. Mit der Zeit wirst du allerdings einsehen, dass eine Scheidung jetzt besser ist, als zu warten, bis wir nicht einmal mehr höflich miteinander sprechen können.“

„Besser für dich vielleicht.“

„Und, auf lange Sicht, auch für dich.“ Harvey leerte sein Glas und stand auf. Wieder der perfekte Gentleman, der er sich zu sein rühmte, beugte er sich zu ihr hinunter und küsste sie auf die Wange. „Lass dir den Hummer schmecken, meine Liebe. Das Essen geht auf meine Rechnung.“

Dann ging er auf die schwangere Frau zu, die auf der anderen Seite des Raums auf ihn wartete, legte ihr den Arm um die Taille, küsste sie auf den Mund und führte sie so vorsichtig und zärtlich aus dem Restaurant, als wäre sie zerbrechlich.

Schwanger … Die Frau, für die er sie verließ, erwartete das Baby, das er mit ihr nicht hatte haben wollen. Bei dem Gedanken zerbrach etwas in Diana …

1. KAPITEL

12. Juni, 4 Uhr nachmittags

Aix-en-Provence erwachte gerade aus dem Mittagsschlaf, als Diana den alten Leihwagen langsam und vorsichtig auf die Straße lenkte, die vierundachtzig Kilometer nordöstlich nach Bellevue-sur-Lac führte.

Reich an Geschichte, Kultur und Kunst, war Aix-en-Provence eine schöne Stadt. Dort hatte vor neunundzwanzig Jahren eine siebzehnjährige Französin einem amerikanischen Ehepaar erlaubt, ihr uneheliches Baby zu adoptieren.

Es war die Stadt, in der Diana geboren wurde, und Bellevue-sur-Lac das Dorf, in dem sie gezeugt wurde.

Die wenigen Anhaltspunkte hatte sie in einem Brief gefunden, den sie nach dem Tod ihrer Eltern vor zwei Jahren im Arbeitszimmer ihres Vaters entdeckt hatte und dessen Inhalt sie auswendig konnte.

Allerdings hatte sie eine Zeit lang nicht mehr daran gedacht, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte. In den darauffolgenden Wochen hatte sie sich tausendmal gefragt, was sie falsch gemacht hatte. Ob sie ihre Ehe vielleicht hätte retten können, wenn sie etwas anders gemacht hätte. Schließlich hatte sie aber akzeptieren müssen, dass Harvey sie einfach nicht mehr liebte. Er wollte den Rest seines Lebens mit einer anderen verbringen, und das war’s. Sie war allein, er nicht.

Und sieben Monate waren genug, um einem Mann nachzutrauern, der ihre Tränen nicht wert war. Ohne recht zu wissen, wann oder wie es geschehen war, wurde Diana plötzlich bewusst, dass ihr Harvey gleichgültig geworden war. Wenn überhaupt, war sie ihm dankbar. Denn er hatte nicht nur sich, sondern auch sie befreit, indem er sie verlassen hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben konnte sie genau das tun, was sie wollte, ohne Rücksicht auf die Menschen zu nehmen, die ihr am nächsten standen.

Weshalb sie jetzt in Südfrankreich war, unterwegs zu einem winzigen Dorf an einem See, umgeben von Lavendelfeldern, Olivenhainen und Weinbergen. Und mit etwas Glück würde sie dort wieder zu sich finden, jetzt, da sie rechtskräftig ihren Status als Dr. Harvey Reeves’ pflichtbewusste, aber dumme kleine Ehefrau los war.

„Das kann nicht dein Ernst sein!“, hatte Carol Brenner ausgerufen, als sie von Dianas Plänen erfahren hatte. Carol gehörte zu den wenigen Freundinnen, die nach ihrer Scheidung weiter zu ihr hielten.

„Warum denn nicht?“, hatte Diana ruhig gefragt.

„Weil es verrückt ist! Hast du in den vergangenen sieben Monaten nicht genug durchgemacht? Musst du dir das auch noch zumuten?“

„Es heißt was dich nicht umbringt, macht dich stark.“

Carol schob ihr Glas mit dem Caffè Latte beiseite und beugte sich über den Marmortisch des Coffeeshops. „Ich bin nicht so sicher, dass es für dich gilt. Ganz offen gestanden, Diana, du siehst grässlich aus.“

„Oh bitte!“, erwiderte diese trübselig. „Hör doch auf, um die Sache herumzureden. Du kannst gern sagen, was du wirklich denkst!“

„Tut mir leid, aber es ist wahr. Du hast so abgenommen, dass du als Flüchtling aus einem Entwicklungsland durchgehen würdest.“

Dem konnte Diana kaum widersprechen. Nachdem sie für ihren Mann kein feines Abendessen mehr hatte zubereiten müssen, hatte sie oft überhaupt nicht mehr gekocht und hin und wieder auch das Frühstück ausgelassen.

„Du bist wie ein Schiff ohne Anker durch den Winter und Frühling getrieben“, sprach Carol weiter, die jetzt richtig in Fahrt kam. „Die Hälfte der Zeit hast du doch nicht einmal gewusst, welcher Tag gerade ist. Und jetzt kommst du aus heiterem Himmel damit an, dass du nach Frankreich fliegen willst, um deine leibliche Mutter zu finden?“ „Als Nächstes erzählst du mir wohl, dass du ins Kloster gehst?“

„Ich mache das nicht aus heiterem Himmel“, widersprach Diana freundlich. „Ich habe das schon seit Jahren vor.“

„Ich will ja nur sagen, dass ich eine deiner engsten Freundinnen bin und nicht einmal geahnt habe, dass du adoptiert worden bist.“

„Es ist immer ein wohlgehütetes Geheimnis gewesen. Ich selbst habe es erst mit acht Jahren erfahren und auch da nur durch Zufall.“

Sichtlich verblüfft meinte Carol: „Du liebe Güte, wer hat entschieden, dass es geheim gehalten werden soll?“

„Meine Mutter.“

„Warum? Ein Kind zu adoptieren ist doch nichts, dessen man sich schämen muss.“

„Sie hat es nicht aus Scham, sondern aus Angst getan. Anscheinend ist die Adoption ganz im Geheimen vollzogen worden, und obwohl sich mein Vater um die rechtlichen Aspekte gekümmert hatte, war das Arrangement ziemlich … unkonventionell. Nachdem meine Mutter begriffen hatte, dass es kein Geheimnis mehr war, hat sich bei uns zu Hause viel verändert.“

„Wie kam das?“, fragte Carol.

Im Lauf der Zeit hatten die Ereignisse jenes lange zurückliegenden Tages an Gewicht verloren, sodass Diana sie ziemlich gelassen schildern konnte.

Von der Schule war sie nach Hause und direkt ins Gartenzimmer gerannt, wo ihre Mutter immer den Nachmittagstee trank. „Mom, was bedeutet das Wort ‚adoptiert‘?“, hatte sie atemlos gefragt.

Schon vorher hatte Diana begriffen, dass ihre Mutter „eine zerbrechliche und zu Anfällen neigende Person“ war, wie es die Putzfrau ausgedrückt hatte. Dass sie mit ihrer Frage in verbotenes Terrain eingedrungen war, wurde ihr schlagartig klar, als der Tee über den Rand der Porzellantasse, die ihre Mutter in der Hand hielt, schwappte.

„Du lieber Himmel, Diana“, sagte ihre Mutter matt und drückte sich die Hand aufs Herz, „wie kommst du dazu, solch eine Frage zu stellen?“

Entsetzt darüber, bei ihrer Mutter einen der gefürchteten „Anfälle“ ausgelöst zu haben, erklärte Diana schnell: „Heute war Merrilee Hampton wütend auf mich, weil ich den Rechtschreibwettbewerb gewonnen habe. Sie hat daraufhin in der Pause meinen Snack auf den Boden geworfen, und deshalb habe ich zu ihr gesagt, dass sie blöd sei. Da hat sie gesagt, dass ich adoptiert worden sei. Ich habe das bestritten, sie aber hat darauf bestanden, die Wahrheit gesagt zu haben, weil ihre Mutter es ihr erzählt habe und diese nicht lüge.“

„Jemand sollte diese Frau zum Schweigen bringen!“

Genau in diesem Moment kam Dianas Vater ins Gartenzimmer und setzte sich ihrer Mutter gegenüber in den Korbstuhl. „Von wem redest du?“, fragte er fröhlich.

„Von Mrs. Hampton“, informierte ihn Diana, da ihrer Mutter anscheinend die Worte fehlten. „Sie hat Merrilee erzählt, dass ich adoptiert bin, aber das bin ich doch nicht, oder?“

Ihr Vater nahm sie auf den Schoß und erwiderte sanft: „Doch, das bist du, Röschen.“

„Oh! Muss ich nun sterben?“, flüsterte sie voller Angst, dass sie sich irgendeine Krankheit geholt hatte.

„Nein! ‚Adoptiert‘ bedeutet lediglich, dass …“

„David, bitte!“, unterbrach ihn ihre Mutter mit seltsam klingender Stimme. „Wir haben uns entschieden, niemals …“

„Du hast das so entschieden, Bethany“, erwiderte er energisch. „Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir uns schon vor langer Zeit damit auseinandergesetzt. Dann hätte unser Kind die Wahrheit von uns erfahren, anstatt sie von jemand anders zu hören. Jetzt ist die Katze aus dem Sack, und wir können es nicht rückgängig machen. Nach so vielen Jahren spielt es sowieso keine Rolle mehr.“ Er lächelte Diana an und zog spielerisch an ihrem Pferdeschwanz. „Adoptiert zu sein bedeutet, dass dich eine andere Frau zur Welt gebracht hat, wir aber die glücklichen Leute waren, die dich bekommen haben und für dich sorgen dürfen.“

„Heißt das, ich habe zwei Moms?“, fragte Diana verwirrt.

„Irgendwie schon, ja.“

„David!“

„Trotzdem bist du in jeder Hinsicht unsere Tochter“, fuhr er fort, ohne den Einwand seiner Frau zu beachten.

Noch immer unfähig, sich einen Begriff davon zu machen, fragte Diana: „Aber wer ist meine andere Mom, und warum wohnt sie nicht bei uns?“

Ihre Mutter begann zu wimmern.

„Es ist niemand, den du kennst“, hatte Dianas Vater ruhig erklärt. „Sie war zu jung, um für ein Baby zu sorgen. Und sie wusste, dass wir dich genauso lieben würden, wie sie dich geliebt hat. Deshalb hat sie dich uns gegeben. Danach ist sie dorthin zurückgekehrt, wo sie zu Hause ist, und wir haben dich hierher gebracht.“

„Ich kann schon verstehen, warum du mehr über diese Frau erfahren willst“, sagte Carol, als Diana mit ihrer Geschichte fertig war. „Wissen zu wollen, wo seine Wurzeln sind, ist wahrscheinlich ganz normal, besonders wenn sie so geheimnisumwoben sind. Allerdings verstehe ich nicht, warum du so lange damit gewartet hast, etwas zu unternehmen.“

„Ganz einfach. Immer wenn ich das Thema angeschnitten habe, ist meine Mutter ins Bett gegangen und tagelang nicht mehr aufgestanden. ‚Warum genügen wir dir nicht?‘, hat sie geschrien. ‚Wir haben dir so viel Liebe, ein schönes Heim, die beste Ausbildung und alles, was dein Herz begehrt, gegeben. Warum tust du uns so weh?‘“

„Oh nein!“ Carol verdrehte wieder die Augen. „Ich wusste, dass deine Mutter hysterisch war, aber ich hatte keine Ahnung, dass sie zu einer solchen Erpressung fähig war.“

„Sie konnte nichts dafür“, verteidigte Diana sie, noch immer loyal gegenüber ihren Eltern. „Meine Mutter war extrem unsicher und glaubte, dass sie es nicht verdiene, um ihrer selbst willen geliebt zu werden. Ich konnte sie nicht davon überzeugen, dass sie und mein Vater für mich meine richtigen Eltern waren und ich sie beide innig liebte. Dass ich etwas über meine leibliche Mutter erfahren wollte, hieß für meine Adoptivmutter, dass sie und mein Vater versagt hatten. Also habe ich schließlich aufgehört, Fragen zu stellen. Wir haben alle so getan, als hätte das Thema niemals zur Diskussion gestanden. Insgeheim habe ich niemals aufgehört, mich nach Antworten zu sehnen.“

„Warum hast du die Sache dann nicht nach dem Tod deiner Eltern verfolgt und bis jetzt gewartet?“

„Harvey hat nichts davon gehalten.“

„Wieso das denn?“

„Ich denke, es war ihm peinlich.“

„Dass du adoptiert worden bist?“

„Ja.“

„Was für ein Problem hatte er denn damit?“ Carol verbarg ihre Verachtung für den Mann nicht. „Dass du vielleicht nicht blaublütig genug für ihn bist?“

„Du hast es erraten! ‚Besser, du weißt es nicht‘, hat er immer gesagt, wenn ich von meiner leiblichen Mutter angefangen habe. ‚Wahrscheinlich hat sie mit vielen Männern geschlafen und ist nicht einmal sicher gewesen, wer der Vater ist. Du kannst das Gör jedes x-beliebigen Kerls sein.‘“

„Und so einen Unsinn hast du ihm durchgehen lassen? Du solltest dich dafür schämen, dass du dich dermaßen von ihm hast unterdrücken lassen!“

„Damals war mir am wichtigsten, eine gute Ehe zu führen. Harvey hatte im Krankenhaus schon genug Stress, sodass ich unser Privatleben nicht auch noch mit dieser Sache belasten wollte.“

„Was hat es dir schließlich genützt? Er hat dich trotzdem verlassen und in ein seelisches Wrack verwandelt.“

„Inzwischen geht es mir aber wieder besser, und in mancher Hinsicht bin ich sogar stärker, als ich es früher jemals war.“

„Stark genug, um die Enttäuschung zu überwinden, wenn du deine leibliche Mutter nicht findest?“, hatte Carol gefragt.

„Aber ja“, hatte Diana erwidert, und in dem Moment war sie davon überzeugt gewesen.

Der Motor stotterte, und dann blieb das Auto scheppernd am Fuß eines Hügels stehen. „Wenn du im Voraus einen Wagen gebucht hättest, wärst du jetzt nicht in einer Schrottkiste unterwegs!“, hätte Carol gesagt.

Mit gutem Zureden brachte Diana die alte Karre wieder in Gang, und schließlich näherte sie sich einer Gabelung und entdeckte das Hinweisschild nach Bellevue-sur-Lac, das noch einunddreißig Kilometer entfernt war. Von Panik überwältigt, dachte Diana daran, statt nach links, rechts abzubiegen und lieber nach Monaco zu fahren. Was, wenn Carol recht hatte, und sie nichts als Kummer für alle heraufbeschwor, indem sie ihrem Traum nachjagte?

„Die Chancen, diese Frau zu finden, sind gering oder gleich null“, hatte ihre Freundin sie gewarnt. „Heutzutage sind die Menschen mobil und ziehen oft um. Und selbst wenn du sie findest, was ist dann? Du kannst nicht einfach auf der Bildfläche erscheinen und verkünden, dass du ihre lange verschollene Tochter bist. Vielleicht zerstörst du damit ihr ganzes Leben, wenn sie verheiratet ist und sich ihrem Ehemann nicht anvertraut hat.“

„Ich weiß. Aber was sollte mich daran hindern, mit ihr oder auch nur mit Leuten zu sprechen, die sie kennen? Warum soll ich nicht versuchen, etwas über sie zu erfahren? Vielleicht habe ich Halbgeschwister, Tanten und Onkel. Sie war siebzehn, als sie mich bekommen hat, und ist jetzt erst fünfundvierzig. Ich habe vielleicht ganz viele Verwandte.“

„Und was nützt’s dir, wenn sie nicht wissen, wer du bist?“

„Zumindest werde ich wissen, dass ich mit irgendjemandem auf der Welt verbunden bin.“

„Du hast mich, Diana. Obwohl wir nicht miteinander verwandt sind, bist du wie eine Schwester für mich.“

„Ich würde dir mein Leben anvertrauen, und deshalb rede ich jetzt mit dir über alle meine Geheimnisse. Du bist meine liebste Freundin“, erwiderte Diana. „Aber zuallererst bist du Tims Frau und Annies Mutter. Verstehst du, was ich damit sagen will?“

„Ja.“ Plötzlich hatte Carol Tränen in den Augen. „Ich möchte nur nicht, dass du noch eine Enttäuschung erlebst. Du verschenkst so bereitwillig dein Herz, Diana, und manche Menschen sehen das als Einladung, es mit Füßen zu treten. Wichtigtuer Harvey hat genug Schaden angerichtet. Setz dich bitte nicht noch mehr aus. Lass nicht jedermann deine Großzügigkeit ausnutzen. Denk nur ein Mal zuerst an dich und dann an andere.“

Als Diana jetzt nach einer weiteren Kurve auf eine kleine Steinbrücke und über einen breiten Bach fuhr, fiel ihr der Rat der Freundin wieder ein.

Was, wenn sie ihre leibliche Mutter völlig verarmt vorfand? Würde dann nicht jeder anständige Mensch helfen?

„Ich werde ihr ein Haus kaufen, Kleidung, Lebensmittel, was auch immer sie braucht“, sagte Diana laut. „Wenn nötig, spende ich alles anonym.“

Denn innerhalb eines vernünftigen Rahmens konnte sie sich so ziemlich alles leisten, was für Geld zu haben war. Weil er sie, Diana, nur schnell hatte loswerden und seine Geliebte noch vor der Geburt des Kindes hatte heiraten wollen, war Harvey großzügig gewesen. Zusammen mit dem, was Diana von ihren Eltern geerbt hatte, ergab sich ein hübsches Vermögen. Aber würde es reichen? Wahrscheinlich nicht, denn die Dinge, auf die es wirklich ankam, konnte man sowieso nicht kaufen.

Das Auto quälte sich um eine weitere Kurve, und in der Ferne entdeckte Diana Weinstöcke an einem steilen Hang. Im darunter liegenden Tal färbten gerade aufblühende Lavendelfelder den Boden tiefviolett.

Dann kam ein weiteres blau gestrichenes Schild in Sicht, auf dem in weißer Schrift Bellevue-sur-Lac elf Kilometer stand.

Mit plötzlich schweißfeuchten Händen lenkte Diana den Wagen auf den Randstreifen und kurbelte das Fenster hinunter. Wildblumen wuchsen im Straßengraben und erfüllten die Luft mit ihrem Duft.

„Lass mich mitkommen“, hatte Carol gebettelt. „Dann hast du zumindest mich an deiner Seite, wenn die Sache nicht gut geht.“

Warum hatte sie das Angebot nicht angenommen? Weil dies etwas war, was sie allein tun musste. Diana zog ein Blatt Papier aus ihrer Reisetasche, faltete es auseinander und suchte wieder einmal nach Anhaltspunkten, die sie vielleicht übersehen hatte. Die Tinte auf dem Schriftstück war verblasst, trotzdem war die elegante Handschrift leicht zu entziffern.

Aix-en-Provence

10. Dezember

Sehr geehrter Professor Christie,

ich möchte Ihnen mitteilen, dass Mademoiselle Molyneux in ihr Heimatdorf Bellevue-sur-Lac zurückgekehrt ist. Nach allem, was man hört, hat sie die traurigen Ereignisse des vergangenen Jahres hinter sich gelassen, die sie zu Hause vor allen geheim gehalten hat. Ich hoffe, dieser Brief wird Sie von Ihrer Sorge befreien, dass sie ihre Meinung ändern könnte, ihr Baby bei Ihnen und Ihrer Frau unterzubringen, oder dass sie die Adoption vielleicht auf irgendeine andere Weise gefährden könnte. Hoffentlich haben Sie sich in den Vereinigten Staaten wieder gut eingelebt. Noch einmal danke ich Ihnen für den von Ihnen während Ihres Austauschjahres an unserer Universität geleisteten Beitrag zu unserem Lehrprogramm.

Ihnen, Ihrer Frau und Ihrer Tochter alles Gute und frohe Weihnachten,

Alexandre Castongués, Dekan

Juristische Fakultät

Universität Aix-Marseille

Bereute Mademoiselle Molyneux manchmal, ihr Baby hergegeben zu haben? Fragte sie sich, ob ihr kleines Mädchen glücklich und gesund war? Oder war sie so erleichtert, es los zu sein, dass sie nicht daran erinnert werden wollte?

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