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Sündige Versuchung

1. KAPITEL

Seine Intuition verriet David, dass etwas nicht stimmte. Als er dieses Gefühl zum letzten Mal gehabt hatte, hatte zehn Minuten später ein Scharfschütze auf ihn geschossen.

Er genoss ein gutes Essen in Freundesrunde. Trotzdem rutschte David Sorrenson unruhig auf seinem Stuhl herum. Mehr als einmal hatten ihm seine Vorahnungen das Leben gerettet, und dieses eigenartige Ziehen in der Magengrube gefiel ihm gar nicht. Das ist lächerlich, sagte er sich. Ich bin hier in der Heimat und in Sicherheit.

Es war der dritte November, und weil es in Royal gerade ziemlich kalt war, machte das wöchentliche Treffen hier im Restaurant noch mehr Spaß. Aus der Jukebox erklang lässiger Rock, und es duftete appetitlich nach Mannys Burgern. Nicht viele der Sitznischen waren belegt, und auf den Barhockern aus rotem Vinyl saß niemand.

Alles war sehr entspannt, warum also fühlte sich David so unwohl? Diese Nervosität konnte er sich nicht erklären. Es war gut, wieder hier in Royal, Texas, zu sein. David hatte lange genug Spezialeinsätze für die Air Force ausgeführt. Jetzt war er wieder bei seinen alten Freunden.

Er lachte über einen Witz von Alex Kent. Die grünen Augen seines Freundes funkelten. David kannte Alex schon seit der Kindheit. Jetzt waren sie beide fünfunddreißig. In ihren Leben hatte es viele Gemeinsamkeiten gegeben. Sie waren beide ohne Mutter aufgewachsen und hatten gemeinsam die Schulbank gedrückt. David war zu einer Spezialeinheit der Air Force gegangen, Alex zum FBI. Ansonsten gab es zwischen ihnen beiden auch eine ganze Reihe von Unterschieden. Alex zog die Frauen an wie eine Blume die Bienen, und das schien ihm außerordentlich zu gefallen. David dagegen fragte sich seit kurzem, ob es für ihn nicht an der Zeit war für einen neuen Lebensabschnitt.

„Erde an David, Erde an David. Bitte melden.“ Forschend blickte Clint Andover David aus seinen blauen Augen an.

„Schon gut, ich bin hier bei euch, aber ich habe einen anstrengenden Tag auf der Ranch hinter mir. Da tut es gut, hier zu sitzen, Mannys Chili zu essen und euch beiden zuzuhören.“

„Schade, dass Ryan nicht hier sein kann.“ Alex bezog sich damit auf einen anderen ihrer Freunde.

„Der hat heute Abend ein heißes Date.“ David lachte und verschränkte die langen Beine unter dem Tisch. „Allmählich macht er dir bei den Ladys ernsthaft Konkurrenz, Alex.“

Die kleine Messingglocke über der Tür erklang, und David blickte zum Eingang. Die Tür schwang weit auf, so dass ein Schwall kalter Luft hereinwehte. Eine Frau, die ein Baby umklammerte und eine Wickeltasche über der Schulter trug, kam in das Restaurant gestolpert.

„Oh, oh!“ David sprang sofort auf und sah aus dem Augenwinkel, dass seine Freunde auch auf die Frau zustürzten.

Langes braunes Haar hing ihr ins Gesicht, und erst auf den zweiten Blick bemerkte David, dass die Frau eine Kopfwunde hatte. Sie sah aus, als sei sie aus einem Auto geschleudert worden. Über einem zerknitterten Jeansanzug trug sie einen zerrissenen grauen Mantel. Ihr Gesicht war so bleich wie der Schnee, und sie wirkte, als würde sie jeden Moment zusammenbrechen.

Noch während die Männer zu ihr eilten, kippte die Frau um. Alle streckten die Hände nach ihr aus, damit sie nicht auf den Boden stürzte.

Clint Andover fing sie auf. David schnappte sich das in eine Decke gewickelte Baby. Alex hielt mit einer Hand die vollgestopfte Wickeltasche fest, während er mit der anderen bereits das Handy zückte und einen Notarzt rief.

Die Frau öffnete langsam die Augen. Sie hatte sehr lange dichte Wimpern, und ihre Augen waren von einem tiefen Blauviolett. David verstand ihre gehauchten Worte nur deshalb, weil er sich in diesem Moment über sie beugte. „Lassen Sie sie nicht … mein Baby kriegen. Sie dürfen … Autumn nicht bekommen.“

Ihre Augenlider zitterten und schlossen sich wieder. Die Frau erschlaffte in Clints Armen.

Das Baby begann in seiner verschmutzten und mit Blut bespritzten Decke zu weinen. Sanft wiegte David das Kind hin und her, während Clint die Frau behutsam auf den Boden bettete. Manny tauchte mit einem Mantel auf, den einige Fettspritzer zierten.

„Hier ist ein Mantel.“

Clint deckte die Frau zu. David klopfte dem Baby sanft auf den Rücken und war selbst erstaunt darüber, dass das Kleine zu weinen aufhörte. Aus großen dunkelblauen Augen blickte es ihn an.

„Der Krankenwagen ist unterwegs“, sagte Alex. Die übrigen Gäste standen im Kreis um sie herum und sahen betroffen zu, während die drei Männer die Frau und das Baby versorgten.

Alex beugte sich zu der Frau hinab und zog ihr etwas aus den Fingern. Vorsichtig glättete er die zerknüllte Karte. Ernst blickten die drei Männer sich an. Sie verstanden sich auch ohne Worte, denn sie hatten alle sofort die Visitenkarte des „Texas Cattleman‘s Club“ erkannt.

Als Mitglied dieses gesellschaftlich hoch angesehenen Clubs wusste David genau wie seine Freunde, dass der „Texas Cattleman‘s Club“ nur als Fassade diente. Die Mitglieder dieses Clubs arbeiteten in geheimen Missionen, um das Leben Unschuldiger zu retten. Heute Abend sollten eigentlich noch zwei weitere Freunde bei ihnen sein, doch Travis Whelan und Sheikh Darin Ibn Shakir waren in einer streng vertraulichen Angelegenheit außer Landes. Die Frau, die jetzt blutend auf dem Boden des „Royal Diner“ lag, hatte offensichtlich die Mitglieder des Clubs um Hilfe bitten wollen.

Auf einer Wange hatte sie einen dunklen Bluterguss, und Clint presste sein Taschentuch auf ihre Kopfwunde. Draußen war ein Martinshorn zu hören.

Die übrigen Restaurantgäste standen alle in einigem Abstand zu David und seinen Freunden, so dass er sicher war, nicht belauscht zu werden. Leise sagte er: „Sie ist hier, weil sie Hilfe vom Club braucht. Wir können sie nicht sich selbst überlassen.“

„Stimmt“, meinte Clint, und Alex nickte.

„Wir müssen mit ihr ins Krankenhaus fahren. Und wir dürfen nicht zulassen, dass ihr das Baby weggenommen wird“, fuhr David leise fort.

„In der Tasche sind Windeln, Fläschchen und Milchpulver.“ Alex‘ Stimme klang sehr ernst. „Aber da ist auch noch Geld drin. Viel Geld.“

David fluchte leise und hielt mit einem Arm das Baby. Dann hockte er sich hin und fühlte mit der freien Hand den Puls der Frau. Prüfend sah er ihr in die Augen. Eine Pupille war stärker geweitet als die andere.

„Ihr Zustand ist schlecht“, stellte er fest und blickte zu seinen Freunden auf. „Ihr Puls ist sehr schwach.“

„Wenn ihr etwas zustößt, dürfen wir das Baby nicht in staatliche Pflege übergeben, solange wir nicht wissen, woher sie diese Karte hat“, erklärte Alex.

„Ruf Justin Webb an.“ David dachte an einen Arzt, der ebenfalls Mitglied in ihrem Club war. „Er soll sich mit uns im Krankenhaus treffen und das Baby untersuchen.“

Während Alex die Nummer wählte, sagte David zu Clint: „Nimm du das Baby.“ Durch sein Training kannte David sich in Erster Hilfe aus. Er wollte nicht auf die Sanitäter warten, um die Frau zu versorgen. Doch bevor er seinem Freund das Baby reichen konnte, kamen zwei Sanitäter herein. Einen davon kannte David. Es war Carsten Kramer.

„Hat jemand gesehen, was geschehen ist?“ fragte Carsten, während der andere Sanitäter sich neben die Frau kniete.

David berichtete rasch, während Alex sein Handy wegsteckte und David zunickte. David war erleichtert. Justin würde ins Krankenhaus kommen. Er beobachtete, wie der Sanitäter die Atmung, den Puls und die Reflexe der Frau prüfte.

Kurz darauf hatten die Männer die Frau auf eine Trage geschnallt und ihr eine Sauerstoffmaske aufgesetzt. Vorsichtig legten sie ihr eine Halsstütze an und rollten sie zum Krankenwagen. Clint Andover bekam die Erlaubnis mitzufahren, während David und Alex im eigenen Wagen folgen würden. David reichte einem der Sanitäter das Baby, obwohl es ihm seltsamerweise schwer fiel, sich auch nur kurze Zeit von der Kleinen zu trennen.

„Manny, die Rechnung zahlen wir später!“ rief David über die Schulter, während Alex und er sich ihre Jacken schnappten und hinter Clint und den Sanitätern nach draußen liefen.

Manny winkte ab.

Die hellen Straßenlaternen und der Mond am wolkenlosen Himmel beschienen seinen Wagen, als David damit in Richtung Royal Memorial Hospital raste. Woher war diese Frau gekommen? Wer hatte ihr die Karte des Clubs gegeben? Unzählige Fragen wirbelten ihm durch den Kopf, während er auf den Eingang der Notaufnahme zusteuerte.

Alex trug die Wickeltasche und lief zu David. Zusammen rannten sie ins Krankenhaus, während die Sanitäter die bewusstlose Frau durch zwei Schwingtüren schoben und einen Gang entlangfuhren. David und Alex stießen auf Clint und warteten.

Keine drei Minuten später kam ein braunhaariger Mann durch die Schwingtür auf sie zu und gab ihnen allen die Hand. Es war Justin Webb.

„Danke, dass du so schnell kommen konntest“, begrüßte David ihn. „Sie haben die Frau und das Baby schon in den Untersuchungsraum gebracht.“

„Wer ist sie?“ wollte Justin wissen.

Schnell teilte David ihm alles mit, was im Restaurant geschehen war.

„Aus einem netten Abend ist für euch anscheinend ein großes Problem geworden, Jungens.“ Justin nickte David zu. „Also schön, ich sehe mal nach dem Baby.“

„Danke!“ David war zutiefst erleichtert. „Sorg dafür, dass wir uns um das Baby kümmern können, bis die Mutter wieder dazu in der Lage ist.“

Justin runzelte die Stirn. „Wenn die Mutter in den nächsten Tagen ihr Baby nicht versorgen kann, dann werdet ihr es solange tun müssen. Das werde ich regeln.“ Ernsthaft blickte er die anderen drei Mitglieder des „Texas Cattleman‘s Club“ an, bevor er sich umdrehte und wegging.

„Wenn es irgendwie geht, wird er dieses Versprechen halten.“ Da war David sich sicher. Sie blickten alle dem großen Arzt nach, der im Krankenhaus die Abteilung für Plastische Chirurgie und Verbrennungen leitete und zu den Besten in seinem Fachgebiet gehörte.

„Er kennt das ja alles aus eigener Erfahrung“, fügte Alex hinzu, während sich die drei Männer setzten und warteten.

Justins älteste Tochter Angel war adoptiert. Er und seine Frau Winona hatten sie vor ihrer Haustür gefunden, noch bevor sie geheiratet hatten.

„Justin und Winona lieben ihre kleine Tochter abgöttisch“, stellte Clint fest.

„Bestimmt tut Justin alles, was er kann, damit das Baby nicht in ein Waisenhaus kommt“, fügte David hinzu.

Während die drei warteten, zog Alex Kent sein Handy hervor. „Seltsam, dass die Polizei noch nicht hier ist. Ich werde Wayne Vincente anrufen und mit ihm reden. Mit ihm habe ich schon zusammengearbeitet.“

„Gute Idee.“ Clint nickte.

David lehnte sich zurück und schlug die langen Beine übereinander. Er hörte zu, wie sein Freund mit der Polizei sprach. Obwohl sie allein im Wartezimmer waren, sprach Alex mit leiser Stimme. David blickte von einem zum anderen. Sie alle drei trugen Stiefel, karierte Hemden und Jeans – der klassische Aufzug für einen gemütlichen Abend im Restaurant.

Sobald er mit Telefonieren fertig war, steckte Alex das Handy wieder weg. „Vincente wird bald hier sein.“

„Ich habe über diese Frau nachgedacht“, warf Clint ein. „Hier im Krankenhaus ist sie in Gefahr. Die Menge Geld, die Kopfwunde und die Visitenkarte in ihrer Hand – ich finde, einer von uns sollte hier Wache halten.“

„Einverstanden.“ David sah Clint in die Augen. „Und, Clint? Du bist doch unser Sicherheitsexperte.“

Clint zuckte mit den Schultern. „Kein Problem. Ich kann meine Termine so verlegen, dass ich bleiben kann.“

„Okay.“ Alex schob die Wickeltasche unter den Stuhl. „Ich kümmere mich um die Polizei und bringe das Geld in einem Tresor unter, es sei denn, Vincente nimmt es an sich. Oder die Mutter kann sich selbst darum kümmern.“

„Ich kann dir helfen“, bot David an.

„David, du solltest dich um das Baby kümmern“, wandte Clint ein. „Einer von uns muss das tun.“

„Vorausgesetzt, es kommt dazu.“ David rechnete damit, dass man das Baby im Zimmer seiner Mutter unterbringen würde.

Die drei Freunde schwiegen und hingen ihren eigenen Gedanken nach, bis Alex schließlich aufstand und zur Tür ging. Ein Mann in Uniform betrat das Wartezimmer, und Alex begrüßte den Polizeichef, dessen kräftige Statur tatsächlich etwas von einem Bullen hatte.

Nach kurzer Unterhaltung kamen die beiden Männer herüber.

„Du erinnerst dich doch an David Sorrenson und Clint Andover?“ fragte Alex Chief Vincente.

„Na klar. Clint, wir haben uns doch erst vor zwei oder drei Tagen unterhalten.“ Chief Vincente streckte die Hand aus.

„Ja, das haben wir.“ Clint schüttelte die Hand des Polizisten.

„Hier ist die Tasche mit dem Geld.“ Alex zog sie hervor, und alle vier setzten sich, während Vincente die rosafarbene Tasche öffnete. Dann stieß er einen Pfiff aus. „Die Lady muss großen Ärger haben. Das ist ja ein Vermögen!“

„Wir wissen gar nichts über sie, aber wir wollen ihr helfen“, stellte Clint klar. „Es muss schließlich einen Grund dafür geben, dass sie hier in Royal ist.“

Chief Vincente rieb sich die Stirn. „Okay, Alex. Ich schreib ein Protokoll und geb dir Bescheid, wenn ich irgendetwas unternehmen muss. Ansonsten schließ das Geld sorgfältig weg und halt mich auf dem Laufenden. Ich werde jetzt mit dem Arzt reden und mich nach der Frau und dem Baby erkundigen.“

„Danke.“ Alex lächelte ihm zu.

Die drei Männer standen auf, reichten dem Chief noch einmal die Hand und warteten dann wieder.

Eine halbe Stunde später kam eine Krankenschwester zu ihnen. „Dr. Webb schickt mich. Sind Sie die Männer, die er sehen möchte?“

„Das sind wir.“ Clint stand gleichzeitig mit den anderen auf. Sie folgten der Frau einen hell erleuchteten Gang entlang in ein Untersuchungszimmer. Die Krankenschwester schloss die Tür hinter ihnen. Jetzt waren sie allein mit Justin und dem Baby. Justin hielt das Baby auf dem Arm und gab ihm die Flasche.

„Dieses kleine Mädchen ist hungrig und durstig“, stellte er fest. „Gut, dass ihr mich gerufen habt. Das Baby kann nicht älter als fünf bis zehn Tage sein, denn der Nabel ist noch nicht ganz abgeheilt. Die Mutter liegt im Koma und kann sich folglich nicht um ihre Kleine kümmern.“

David blickte auf das winzige Wesen. Mühsam versuchte er, sich auf Justins Worte zu konzentrieren.

„Die Ärzte konnten mir keinerlei Hinweise auf die Identität der Frau geben. Sie wissen nicht, wie sie in die Stadt gekommen ist. Hatte sie keine Handtasche bei sich?“ Fragend blickte Justin in die Runde.

David schüttelte den Kopf. „Wir wissen nicht mehr über sie als du, Justin.“

„Ich werde über Nacht bleiben und ihr Zimmer bewachen“, erklärte Clint. „Wir vermuten, dass sie in Gefahr ist, und es sieht aus, als würde das alles länger dauern, als wir dachten. Eigentlich hatten wir damit gerechnet, dass die Frau in ein paar Stunden zu sich kommt und Fragen beantworten kann.“

„Das glaube ich nicht.“ Justin schüttelte den Kopf. „Sie liegt auf der Intensivstation. Ich halte es auch für eine gute Idee, sie zu bewachen. Wenn ihr jemand etwas antun will, könnte er sie ausfindig machen. Ihr Zustand ist kritisch.“

„Verdammt.“ David konnte sich noch gut an ihren verzweifelten Blick erinnern.

„Dr. Dougal, der sie behandelt, vermutet, dass ihr mit einem stumpfen Gegenstand auf den Kopf geschlagen wurde. Ihr habt also vermutlich Recht mit eurer Annahme, dass sie vor jemandem auf der Flucht ist.“

„Sie hat ihr Baby Autumn genannt“, sagte Clint, und alle vier Männer betrachteten das kleine Mädchen.

„Kleine Autumn.“ Justin lächelte das Mädchen auf seinem Arm an. „Also schön, Jungs. Clint bleibt hier im Krankenhaus und bewacht die Frau.“

„Ich kümmere mich um das Geld und werde meine Quellen anzapfen, um irgendetwas über sie herauszufinden“, erklärte Alex.

„Okay.“ Justin nickte. „Und wer bekommt die kleine Autumn?“

„Schätze, dafür bin ich zuständig, aber ich habe keinerlei Ahnung, was Babys betrifft“, gestand David ein. „Will einer von euch mit mir tauschen?“ Es klang leicht verzweifelt.

„Wir haben selbst unsere Aufgaben.“ Alex wirkte belustigt. „Komm schon, David. Es wird Zeit, dass dein geordnetes Leben ein bisschen durcheinander gerät.“

„Geordnet? Findest du? Letztes Jahr wurde auf mich geschossen, und ich kann dankbar sein, dass ich überhaupt noch lebe.“

„Hier in Royal ist es ziemlich ruhig.“ Alex lachte. „Du bekommst das Baby. Außerdem kennt sich keiner von uns mit Babys aus. Deshalb werden wir dich jetzt mit Justin allein lassen, damit er dir noch ein paar Tipps geben kann.“

„Halt, ihr zwei! Wartet einen Moment!“ David geriet fast in Panik, als seine Freunde zur Tür gingen. „Das ist kein Witz! Ich habe noch nie ein Baby auf dem Arm gehalten.“

„Dann wird‘s aber Zeit.“ Alex lachte. „Wir kümmern uns um unsere Aufgaben und du dich um deine. Allerdings sollten wir schon mal das nächste Treffen vereinbaren.“

„Genau. Am besten gleich morgen früh.“ Missmutig blickte David auf das Bündel in Justins Armen. Außer einem kleinen runden Köpfchen mit zartem hellbraunen Flaum war nichts zu sehen. „Also schön: Kommt morgen Mittag in den Club.“

„Abgemacht“, versprach Clint, während Alex und er den Raum verließen. „Und danke, Justin.“

„Ja, danke, Mann“, fügte Alex hinzu und schloss die Tür hinter ihnen.

„Ich weiß überhaupt nicht, was ich mit einem Baby anfangen soll“, beschwerte David sich und stemmte die Hände in die Hüften.

„Füttern, wickeln und auf dem Arm halten, das reicht schon“, erklärte Justin.

„Und wann muss ich sie füttern? Drei Mal am Tag?“

„Wo hast du denn bisher gelebt? Hat keine dieser tollen Frauen, mit denen du ausgehst, mal mit einem Baby zu tun gehabt?“

„Nein, keine. Und auch in meiner Familie gibt es keine Babys.“ David fragte sich, ob er sich vor dieser Aufgabe noch irgendwie drücken konnte.

„Ich schätze, dieses kleine Mädchen hier braucht alle zwei bis drei Stunden ein Fläschchen.“

„Alle zwei bis drei Stunden?“ David starrte Justin entsetzt an. Wie sollte er das bloß schaffen!

Justin bemühte sich um einen ernsthaften Gesichtsausdruck. „Ja. So, und jetzt zeig ich dir das Windelwechseln und die Nabelpflege.“ Behutsam legte Justin das Baby auf den Untersuchungstisch. David stellte sich dicht neben ihn.

Eine Viertelstunde später stieß Justin entnervt die Luft aus. „Verdammt, das ist doch wirklich nicht schwer! Ich wette, du könntest deine Waffe auch mit verbundenen Augen säubern und innerhalb von Sekunden auseinander und wieder zusammenbauen. Also kann es nicht an einem Mangel an Verstand liegen. Jetzt leg dieser winzigen Person endlich diese blöde Windel an.“

„Bei einem Gewehr ist das alles viel leichter“, regte David sich auf. „Das liegt wenigstens still und strampelt nicht die ganze Zeit über mit den Beinen.“

„Das bekommst du schon noch raus. Du hast die Ausbildung der Spezialeinheit bei der Air Force überstanden, da schaffst du das hier auch. Hast du nicht auch in Harvard studiert? Also streng deinen Grips mal ein bisschen an, und versuch‘s noch mal. Übrigens ist die kleine Lady hier äußerst brav und pflegeleicht. Die meisten Babys würden mittlerweile so laut schreien, dass man es über den ganzen Flur hört. Du hast Glück mit dieser kleinen Prinzessin.“ Justins Stimme bekam einen sanfteren Tonfall. „Ich vermisse es, ein Baby zu haben.“

„Aber wieso willst du dann nicht …“

„Auf keinen Fall. Denk nicht mal dran.“ Entschieden schüttelte Justin den Kopf. „Winona würde mich rauswerfen. Ich kann nicht mit einem Baby nach Hause kommen, wenn klar ist, dass wir es bald wieder hergeben müssen. So, und jetzt wechsle die Windel. Nutz dein Training und deinen hellen Kopf.“

„Aber sieh doch nur, wie winzig sie ist. Ich habe Angst, dass ich ihr wehtue.“

„Nein, das wirst du nicht. Babys sind nicht zerbrechlich.“ Justin lächelte. „Sei einfach ein bisschen vorsichtig. David, ich hab mal gelesen, dass nur jeder Fünfte die Spezialausbildung der Air Force durchhält. Du gehörst dazu, da wirst du doch bei einem Baby nicht aufgeben.“

„Ein Baby ist etwas ganz anderes.“ David biss die Zähne zusammen. „Das hält einfach nicht still.“ Er kämpfte mit der Windel, schaffte es endlich, die Klebestreifen richtig zu befestigen, und stieß erleichtert die Luft aus. „Da!“

„Glückwunsch. Jetzt hast du‘s begriffen. Ich wusste doch, dass du‘s schaffst.“ Anerkennend schlug Justin ihm auf den Rücken.

„Mach dich nur lustig.“ David runzelte die Stirn. „Was noch?“

„Weißt du, wie du ihr Milchpulver anrührst?“

„Ihr was?“

„Seltsam. Die Frage überrascht mich nicht.“ Kopfschüttelnd hob Justin eine Dose hoch. „Hier ist das Pulver. Ich gebe dir erst mal einen Vorrat mit nach Hause. Die Anleitung steht auf der Packung. Du bekommst auch Fläschchen und Windeln. Davon haben wir reichlich auf der Entbindungsstation. Schließlich bist du jetzt ja so eine Art Ersatzmutter.“

„Kann sie nicht einfach Milch aus dem Kühlschrank trinken?“ David hob die Packung und las die Anleitung.

„Nein, das kann sie nicht“, erwiderte Justin geduldig. „Du musst auch noch an eine Reihe anderer Sachen denken. Morgen solltest du der Kleinen etwas zum Anziehen besorgen, es sei denn, in der Tasche mit all dem Geld war auch Wäsche.“

„Ich fasse es nicht! Wie kann so ein winziger Mensch so viel Zeug brauchen und so viel Arbeit machen!“ David fragte sich immer mehr, worauf er sich da eingelassen hatte.

„Mein Freund, wenn du sie erst mal drei Tage bei dir gehabt hast, wirst du sie nicht wieder hergeben wollen.“

„Das glaube ich kaum.“ David betrachtete das Baby, das die Augen geschlossen hatte. „Geht‘s ihr gut?“

„Sie schläft. Ich habe sie gefüttert, und dein Wickeltraining hat sie erschöpft. Jetzt werden wir dich für den Kampf ausrüsten, und dann will ich nach Hause zu meiner Familie.“

„Justin, vielen Dank. Kann ich dich anrufen, wenn ich noch Fragen habe?“

„Na klar, aber entspann dich. Sie ist wirklich ein Engel.“ Prüfend blickte Justin ihn an. „Hast du eine Babywippe?“

„Wie bitte?“

„Wieso frage ich überhaupt? Du kannst sie doch nicht neben dir ins Auto setzen und anschnallen. Du brauchst eine kleine Trage für sie. Bestimmt finde ich eine Krankenschwester, von der ich für dich eine Babywippe ausleihen kann. Warte, ich bin gleich zurück.“

David bekam das schlafende Baby in den Arm gedrückt. Reglos hielt er es in der Armbeuge und staunte darüber, wie winzig es war.

„Wie kann sie so anstrengend sein, obwohl sie so klein ist?“ fragte er, doch sein Freund war bereits draußen. David sah wieder zu dem Baby. „Ich werde mein Bestes geben, und es tut mir schon jetzt Leid für dich, dass du dich mit jemandem begnügen musst, der so unerfahren ist wie ich“, sagte er leise. Autumns kleine Hände lagen auf ihrem Bauch, und David konnte den Blick kaum von ihr losreißen. So klein und doch perfekt und so schön. Sachte berührte er ihre Wange mit einem Finger. „Wie weich du bist“, flüsterte er.

Ein paar Minuten später kam Justin mit einer Babywippe zurück und gab David noch letzte Anweisungen. „So, und nun mach dir keine Gedanken.“ Er lächelte. „Du kommst bestimmt bestens klar.“

„Das wird sich zeigen. Bis dann, Justin.“ David machte sich auf die Suche nach Alex, um zu sehen, was noch Nützliches in der Wickeltasche war. Dann verabschiedete er sich und verließ das Krankenhaus. Die Nacht war kühl, und besorgt blickte er zu dem Baby.

„Was soll ich nur mit dir tun?“ fragte er leise.

Während er durch die Nacht fuhr, war er dankbar dafür, dass Autumn schlief. Ihm graute schon vor dem Moment, in dem das Baby aufwachte und schrie.

Die Bewegungsmelder vor seinem großen Ranchhaus schalteten die Außenbeleuchtung an, sobald er sich dem Grundstück näherte. David parkte vor dem hinteren Tor und stieg aus. Er hielt das Baby mitsamt der Trage und lud sich die gesamte Babyausstattung auf den anderen Arm. David stieg die Stufen zur Veranda hinauf, schloss die Hintertür auf und ließ sein Gepäck auf ein Sofa im hinteren Flur fallen. Gleichzeitig stellte er die Alarmanlage ab und schaltete das Licht ein.

Kurz darauf stand er mit dem in der Trage schlafenden Baby in seinem Schlafzimmer und blickte auf sein ausladendes Bett.

Das Baby wirkte hier fehl am Platz. Das Zimmer war in gedeckten Grün- und Brauntönen eingerichtet. Hier passt kein Baby hinein, dachte David. Nachdenklich kratzte er sich am Hinterkopf, als das kleine Mädchen sich bewegte und zu weinen anfing.

David schnallte Autumn los und hob sie aus der Trage. Diesmal gelang es ihm schon etwas leichter, sie trotz Gestrampel und Geschrei zu wickeln.

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