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Sündige Versuchung – Shadows of Love

Inhalt

  1. Cover
  2. Über diese Folge
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Sündige Versuchung
  7. In der nächsten Folge

„Shadows of Love“ sind in sich abgeschlossene erotische Liebesgeschichten von unterschiedlichen Autoren. Die Folgen erscheinen monatlich als Romanheft und E-Book.

Über diese Folge

Fabienne Dellmann plagen Sorgen: Ihre Patisserie »Knusprig und süß« läuft noch nicht so gut wie erhofft. Da kommt ihr der Auftrag von Leon Preußinger gerade recht. Sie soll ein Dessert-Büfett auf seiner Geburtstagsfeier ausrichten. Dabei verliebt sie sich in den erfolgreichen Hotelier, doch er scheint nur an einer zwanglosen Affäre interessiert zu sein.

Immer wieder wird Fabienne von ihm enttäuscht, bis sie die Sache schließlich von sich aus beendet. Doch plötzlich ist Leon derjenige, der sie zurückzugewinnen versucht …

Über die Autorin

Cara Bach, hat vor einigen Jahren in Bayern den Ort gefunden, an dem sie ihrer heimlichen Leidenschaft, dem Schreiben, ungestört nachgehen kann. Vor allem die Themen Liebe, Erotik und Abenteuer haben es der ehemaligen Weltenbummlerin und Dolmetscherin angetan. Sie nimmt die Leser ihrer Geschichten stets aufs Neue mit ins Reich der Sinne und der Sinnlichkeit.

Die altmodische Glocke über der Ladentür klingelt, als die Frau eintritt. »Bonjour, Madame!«, grüße ich und schiebe das Blech mit den ofenwarmen, buttrig duftenden Croissants zur Seite.

»Sind die frisch?« Sie zeigt mit dem Finger auf das Gebäck.

»Soeben aus dem Ofen geholt!«, versichere ich. »Sie sind noch warm.«

»Sehr gut. Ich nehme sechs Stück«, antwortet die Kundin. Ich beeile mich, ihrem Wunsch nachzukommen, nehme Stück für Stück mit der Gebäckzange auf und lasse sie vorsichtig in die zartrosa Papiertüte mit meinem Logo gleiten.

»Hier, bitte!« Ich reiche sie ihr über den Tresen. »Das macht sechs Euro sechzig, bitte!«

»Sechs Euro sechzig?! Das sind ja gesalzene Preise!« Mit spitzen Fingern und hochgezogenen Augenbrauen nimmt die Frau die Tüte entgegen und reicht mir fast widerwillig das Geld, ganz so, als hätte ich nicht verdient, eine so horrende Summe ausgehändigt zu bekommen.

»Sie werden feststellen, dass mein Gebäck jeden Cent wert ist«, erkläre ich mit meiner freundlichsten Stimme.

»Das wird sich zeigen!«, murmelt sie missmutig und verlässt grußlos den Laden.

Na, super! Wenn sich schon einmal ein Kunde in meine Patisserie verirrt, dann eine so unfreundliche Person wie diese Dame. Trübsinnig starre ich aus dem Schaufenster, an dem der Regen nur so herunterströmt. Kein Wunder, dass die Menschen schlechte Laune haben. Seit Wochen regnet es beinahe täglich; das Wetter ist für Ende Mai viel zu kühl und feucht. Gartenfeste werden abgesagt, Festivitäten von draußen nach drinnen verlegt. Bei diesem Wetter vergeht einem sowieso die Lust am Feiern. Der Wasserstand des Neckars ist bedrohlich angestiegen, und ich kann nur hoffen, dass der Fluss nicht bald über die Ufer tritt, um sich in der unteren Altstadt auszubreiten, wo meine kleine französische Konditorei liegt.

Ich wende meine Aufmerksamkeit wieder dem Blech mit den Croissants zu und lege sie dekorativ in der Auslage aus. Dann gehe ich zurück in den hinteren Bereich, wo auf der Arbeitsfläche die Petit Fours darauf warten, kunstvoll dekoriert zu werden. Eines nach dem anderen überziehe ich sie mit Zuckerguss in den verschiedensten Farben: rosa, weiß, mintgrün, zartgelb und nougatbraun. Oben drauf setze ich winzige Röschen, weiße Kirschblüten und grüne Blätter aus Marzipan, die ich vorher in aufwendiger Handarbeit hergestellt habe. Während ich die Mini-Törtchen verziere, überlege ich, wie ich das Geschäft in Schwung bringen kann. Obwohl die Lage ideal ist, kommen zu wenig Kunden in die Patisserie. Vielleicht liegt es daran, dass das Mobiliar ein wenig altmodisch und abgenutzt ist, auch wenn dies in meinen Augen den besonderen Charme der Konditorei ausmacht. Durch den schwarz-weißen Mosaikfußboden, die auf gusseisernen Löwenfüßen stehende Vitrine, die gedrechselte Holztür mit den Butzenscheiben und das leicht angeschlagene Mobiliar wirkt mein Laden sehr nostalgisch, wie aus der Anfangszeit des vorigen Jahrhunderts. Er zieht Touristen aus Südostasien und aus englischsprachigen Ländern an, die neugierig durch die Scheiben lugen und fotografieren, sich aber dann beim Bäcker drei Häuser weiter mit den landestypischen Backwaren wie Rosinenschnecken und Quarktaschen eindecken. Hätte ich das nötige Kleingeld, würde ich vor dem Laden ein paar Stühle und Tische aufstellen, damit meine Kundschaft die besondere Atmosphäre der Heidelberger Altstadt hautnah erleben könnte. Ich würde die alte Auslage mit den trüben Scheiben gegen eine neue Vitrine austauschen, in der meine süßen Kunstwerke besser zur Geltung kommen. Zudem würde ich zwei Bistrotische im Laden aufstellen und einen modernen Kaffeeautomaten anschaffen. Ich würde … ach, Ideen hätte ich mehr als genug, doch leider fehlen mir die finanziellen Mittel, um sie in die Tat umzusetzen. Die soeben abgeschlossene Meisterschule hat meine gesamten Ersparnisse verschlungen. Trotzdem bin ich froh, mich für diese hervorragende, wenn auch kostspielige Ausbildung entschieden zu haben.

Seufzend trage ich das Tablett mit dem kunterbunten Gebäck nach vorn und beginne, es als Blickfang in der viel zu kleinen Auslage anzuordnen, als die Türglocke erneut klingelt und der Briefträger hereinkommt.

»Bonjour, junge Frau!«, begrüßt er mich lächelnd. Wenigstens er hat gute Laune.

»Guten Morgen, Herr Zwanzger.« Ich lächele zurück.

»Ein Einschreiben für Sie.« Er trocknet sich die vom Regen nassen Hände an einem riesigen Taschentuch ab und reicht mir den Brief und ein Gerät, auf dessen Display ich mit meiner Unterschrift den Erhalt bestätige. Mir ist ein wenig flau im Magen, denn ein Einschreibebrief bedeutet sicher nichts Gutes. »Bei dem Wetter jagt man eigentlich keinen Hund vor die Tür«, meint der Briefträger.

»Da haben Sie recht!« Ich nicke zustimmend. »Hier!« Spontan greife ich mit der Zange nach einem Croissant und reiche es ihm über den Tresen. »Eine kleine kulinarische Aufmunterung!«

»Vielen Dank, Fräulein Fabienne!« Er strahlt mich an, bevor er herzhaft in das Hörnchen beißt. »Sie sind immer so aufmerksam! Und Ihr Gebäck ist das beste weit und breit!« Geräuschvoll verspeist er mit hastigen Bissen auch noch den Rest. »Ich komme heute nach Dienstschluss noch einmal vorbei. Legen Sie mir doch bitte zehn Stück von diesem gefüllten Eischaumgebäck zurück. Das isst meine Frau so gerne.« Er wischt sich den Mund mit dem Riesentaschentuch ab.

»Sie meinen die Macarons? Das mache ich gern«, sage ich, greife in die Auslage und stapele die runden Baiserstücke in den dafür vorgesehenen Karton.

»Vielen Dank, Fräulein Fabienne. Bis nachher also!« Es klingelt erneut, und Herr Zwanzger verschwindet im Regen.

Zögernd nehme ich den Brief in die Hand und betrachte ihn neugierig von allen Seiten. Kein Absender, nur das Einschreibeetikett auf der Vorderseite. Er sieht eigentlich nicht nach einem offiziellen Schreiben aus. Mein Magen zieht sich vor Aufregung zusammen, und mir ist ganz mulmig zumute. Mit zitternden Händen reiße ich den Umschlag auf, nehme den Brief heraus und falte ihn auseinander. Während des Lesens stockt mir der Atem. Ich kann nicht glauben, was da geschrieben steht, und die Buchstaben tanzen wild vor meinen Augen. Ich atme tief ein und beginne noch einmal von vorn. Wir beglückwünschen Sie zu Ihrem Gewinn! steht da schwarz auf weiß. Absender ist die Süddeutsche Klassenlotterie, die mich auffordert, mit meinem Los und meinem Ausweis zu belegen, dass ich wirklich die glückliche Gewinnerin von 160.400 Euro bin.

»Das gibt es doch nicht!« Ich kann mein Glück kaum fassen. Auf der Stelle renne ich nach hinten, wo meine Handtasche steht, und beginne, in ihren Tiefen zu wühlen, bis ich den Kassenzettel und mein Los in den Händen halte. Noch einmal, dann ein drittes und viertes Mal lese ich den Brief, der meinen Lotteriegewinn bestätigt. Endlich stoße ich einen Freudenschrei aus und tanze wie ein Irrwisch durch die Backstube, außer mir vor Glück darüber, dass auch ich einmal zu den Gewinnern gehöre. 160.400 Euro, davon kann ich mir eine Menge Wünsche erfüllen. Mir ist ganz heiß vor lauter Freude, mein Gesicht glüht, und mein Herz schlägt mir bis zum Hals.

Erneut scheppert die Türglocke. Ich lasse den Brief hastig in die Handtasche gleiten und gehe zurück in den Laden. Meine Wangen brennen, und es gelingt mir nicht, ein seliges Grinsen zu unterdrücken.

»Hi, Fabi, was geht ab?« Am Ladentisch lehnt Jannik, mein Freund aus Kindertagen. Seit ich denken kann, gibt es Jannik in meinem Leben. Wir waren zusammen im Kindergarten, in der Grund- und Realschule, haben uns beide für eine Ausbildung zum Konditor entschieden. Erst nach der Lehre gingen wir getrennte Wege. Jannik hat eine Anstellung bei einer Großbäckerei angenommen, während ich mich nach langen Überlegungen zum Besuch der Meisterschule entschloss. Doch unsere Freundschaft hat immer noch Bestand, und nach wie vor treffen wir uns mehr oder weniger regelmäßig. Im Moment allerdings eher selten, denn Jannik ist frisch verliebt und hat wenig Zeit für anderes als seine neue Liebe.

»Hallo, Jannik, alles klar?«, antworte ich.

»Was’n los?« Er mustert mich eingehend. »Du strahlst ja wie ein auf Hochglanz polierter Mülleimer! Hast du etwa ’ne Million im Lotto gewonnen?«

»So ungefähr«, antworte ich vage, denn ich will noch niemanden von meinem Glück erzählen, will die Freude darüber erst einmal allein für mich auskosten. »Wie läuft es mit Clara? Alles gut bei euch?«, frage ich, um ihn von meinem strahlenden Gesicht abzulenken.

Ich habe den richtigen Ton getroffen, denn nun leuchten seine Augen auf: »Die Beziehung mit ihr ist einfach super! Du, ich glaube fast, Clara ist die richtige Frau für mich!« Er gerät ins Schwärmen. »Sie sieht nicht nur fantastisch aus, sondern ist auch die ideale Partnerin für mich, sportlich, fröhlich und lieb. Wir gehen gemeinsam Joggen, ins Fitnessstudio, Radfahren und Rudern. Und das Beste ist: Sie kann auch noch kochen – und zwar fast so gut wie meine Mutter!«

»Das klingt ja, als hättest du den Jackpot gewonnen!« Ich lächele und freue mich über seinen Enthusiasmus. So viel Begeisterung für eine Frau kenne ich von Jannik nicht, der bisher eher auf One-Night-Stands stand und sich keinesfalls binden wollte.

»Langsam glaube ich das auch«, meint er und schaut sich im Laden um. »Nicht viel los heute, was?«, sagt er dann. »Liegt aber vielleicht am Wetter. Bei dem Regen bleiben die Touris lieber im Bus sitzen, als durch die Gassen zu traben.«

»Tja, irgendeinen Grund gibt es immer«, murmele ich. »Wenn ich nicht bald mehr Kundschaft bekomme, weiß ich nicht, ob ich nicht …«

»Ach, was! Lass den Kopf nicht hängen, das wird schon!«, unterbricht mich Jannik und kneift mich aufmunternd in die Wange. »Du bist doch die Beste. Das werden die anderen auch noch feststellen!«

»Was machst du eigentlich hier um diese Zeit? Musst du nicht arbeiten?«, versuche ich, von dem deprimierenden Thema abzulenken. Zu meiner Überraschung wird Jannik verlegen, was er jedoch sofort mit einem coolen Spruch überspielt.

»Hey, ich muss mich doch informieren, was die Konkurrenz so treibt. Ich bin in geheimer Mission unterwegs und spioniere die Gegenseite aus!«

»Na klar!«, entgegne ich süffisant. »Und dafür hast du dir ausgerechnet meinen Laden ausgesucht, weil ich die schärfste Konkurrenz für euren Großbetrieb bin. Aber nun sag schon, was ist los?«

Jannik zögert und knackt mit den Fingergelenken, eine Angewohnheit, die ich verabscheue. Dann räuspert er sich. »Also, weißt du … die Sache ist die: Ich bin arbeitslos!«

Für einen Moment herrscht ungläubige Stille, dann frage ich entgeistert: »Du bist was?«

»Du hast schon richtig gehört. Man hat mich einfach vor die Tür gesetzt. Rationalisierung, verstehst du? Ich bin zu teuer, hat der Chef gemeint. Er stellt lieber zwei Auszubildende ein, da hat er weniger Kosten, aber mehr Arbeitskräfte.« Er schluckt und schlägt die Augen nieder: »Clara weiß es noch nicht. Du bist die Erste, der ich es erzähle.«

Mir fällt nichts ein, was ich dazu sagen kann. Jannik hat seine Ausbildung mit Bestnoten abgeschlossen, er ist kreativ, geschickt und fleißig. Warum wird so einer entlassen?

»Ja, und deshalb habe ich gedacht, ich frage mal bei dir nach, ob du noch einen begabten, einfallsreichen, hoch motivierten Konditor brauchen kannst, der dir in deiner Patisserie zur Hand geht.« Mit feuchten Hundeaugen schaut er mich flehend an.

»Ach, Jannik!« Jedes Wort fällt mir schwer. »Schau dich doch um! Sieht das hier nach guten Geschäften aus? Die Einnahmen reichen kaum, um die Unkosten zu decken. Am Monatsende bleibt für mich nicht viel übrig. Ich wüsste nicht, wie ich noch eine weitere Person mit durchschleppen könnte.« In diesem Moment fällt mir mein Lotteriegewinn ein. Damit könnte ich doch … »Aber vielleicht kann ich dich ja halbtags beschäftigen. Lass mich einen Tag darüber nachdenken und das Ganze durchrechnen«, antworte ich zögernd.

»Komm her, meine Kleine! Ich wusste doch, dass ich auf dich zählen kann!« Über den Ladentisch hinweg umarmt mich mein Jugendfreund stürmisch.

»He, ich habe dir nichts versprochen«, wehre ich ab und befreie mich aus seinen Armen.

Doch Jannik küsst mich flüchtig auf die Wange und grinst unbekümmert. »Du findest schon einen Weg, da bin ich sicher.« Er wirft einen Blick auf die Uhr über der Tür. »Jetzt muss ich aber los! Ich bin heute mit dem Einkaufen dran!« Er wirft mir einen Handkuss zu und ist schon an der Tür. »Tschüs, Fabi, ruf mich morgen an, ja?«

Die Tür fällt mit einem leise klack ins Schloss, und ich bin wieder allein.

Auweia, warum habe ich das nur gesagt? 160.400 Euro sind schließlich kein Riesenvermögen; auf jeden Fall nicht genug, um gleich einen Mitarbeiter einzustellen. Allein die Kosten für eine neue Vitrine belaufen sich auf mehrere tausend Euro. Wenn ich meinen Gewinn, den ich noch gar nicht in Händen halte, in diesem Tempo verplane, stehe ich am Ende der Woche schon wieder mit leeren Händen da. Aber kann ich meinen alten Freund Jannik in einer Notsituation im Regen stehen lassen? Dieser Gedanke ist entscheidend: nein, auf keinen Fall! Jannik würde mir auch helfen, in jeder Situation. Unter allen Umständen. Immer.

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Über das ganze Gesicht strahlend verlasse ich die Sparkasse. Was für ein überwältigendes Gefühl, dieser erste Blick auf den Kontoauszug! Immer wieder musste ich während des Gesprächs mit der Finanzberaterin heimlich darauf schielen, um mich zu vergewissern, dass ich nicht träume. Der Lotteriegewinn ist auf meinem Konto eingegangen, auf dem bisher immer ein dickes Minuszeichen vor den Beträgen prangte. Jetzt endlich kann ich anfangen, konkrete Pläne für mein Geschäft zu schmieden. Ich habe noch so viel vor, so viele Ideen – und jetzt auch genügend Geld, um wenigstens einen Teil davon zu verwirklichen.

Aber heute will ich einmal nicht an die Patisserie denken, dieser Tag gehört nur mir! Jannik steht im Geschäft, backt Brioche und Madeleines, füllt Choux, deliziöse kleine Windbeutel, mit Karamell-, Schokoladen- und Champagnercreme und bedient Kunden, während ich mir heute die Freizeit gönne, die ich so lange entbehrt habe.

Als Erstes habe ich einen Termin in einem Schönheitstempel, ein Luxus, den ich mir viele Monate verkneifen musste. Nach einer Gesichtsbehandlung mit Reinigung, Peeling, Massage, Maske und Make-up schaue ich bei meinem Lieblingsfriseur vorbei. Meine rotbraunen Locken haben eine Kurpackung und einen guten Schnitt dringend nötig. Als ich schließlich aus dem Friseursalon trete, fühle ich mich wie neugeboren. Jetzt noch ein neues Kleid und ein Paar Schuhe, und ich bin für alles bereit! Heidelberg, ich komme!

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In einer kleinen Boutique in der Sandgasse werde ich fündig: Ein weit schwingender kurzer Rock mit knappem Oberteil, ein enges Kleid aus einem seidigen Material, ein schicker Hosenanzug und eine weiße Bluse mit gewagtem Dekolleté wandern auf den immer höher werdenden Stapel auf dem Ladentisch. Schließlich entdecke ich noch einen Schal, eine Halskette mit bunten quadratischen Steinen und High Heels im passenden Farbton zu dem kurzen Rock. Ich behalte ihn gleich an und die hohen Schuhe ebenfalls. Dann bitte ich die Verkäuferin, mir die Tüten ins Geschäft bringen zu lassen, denn ich habe keine Lust, schwer beladen durch die Gassen zu ziehen. Der heutige Tag gehört mir, und ich will ihn ausgiebig genießen.

Die bewundernden Blicke, die mir folgen, als ich die Hauptstraße entlangbummele, tun mir gut. Es ist gefühlte Jahre her, seit ich das letzte Mal schick gekleidet durch die Stadt geschlendert bin, ohne einen Gedanken an meine spärlichen Finanzen oder das schleppend laufende Geschäft zu verlieren. Doch heute bin ich völlig sorgenfrei, fühle mich einfach nur beschwingt und denke an nichts anderes als an mein Wohlbefinden.

In einem Straßencafé lasse ich mich nieder und bestelle einen Caipirinha. Genüsslich nippe ich an dem eiskalten Getränk, während ich über den Rand des Glases die vorbeieilenden Passanten beobachte.

»Darf ich Ihnen Gesellschaft leisten?«, fragt ein Herr mittleren Alters am Nebentisch und lächelt mich mit einladender Miene an. Obwohl er sehr anziehend wirkt mit seinen silbernen Schläfen und den dunklen Augen, verneine ich mit einem leisen Dankeschön. Ich möchte allein bleiben mit meinen Gedanken und dem wunderbaren Gefühl, dass sich nun alles zum Guten wenden wird.

Als ich mit dem besten Abschlusszeugnis des Jahrgangs die Realschule verließ, wollten mich Eltern und Freunde zum Besuch einer weiterführenden Schule überreden. Aber ich hatte meinen Entschluss bereits gefasst: Ich wollte Konditorin werden! Nichts erschien mir damals so reizvoll wie dieser Beruf. Mein Kopf war voller Ideen und Rezepturen für innovative Kreationen, und ich platzte schier vor Tatendrang. Doch die dreijährige Ausbildung erwies sich als hart und äußerst anstrengend. Trotzdem hielt ich durch und schloss auch diesmal mit Auszeichnung ab. Da ich mir schon damals eine eigene Patisserie in den Kopf gesetzt hatte, schrieb ich mich für die Meisterschule ein. Wenn ich schon die Lehrzeit als hart empfunden hatte, wurde ich jetzt eines Besseren belehrt. Nächtelang saß ich wach und lernte für theoretische Prüfungen. Ich entwarf Torten, Gebäck und fantasievolle Süßspeisen, tüftelte an neuen Rezepten und Verzierungen. Als ich schließlich mein Meisterdiplom in den Händen hielt, konnte ich mein Glück kaum fassen.

Sofort wollte ich loslegen – natürlich in der eigenen Patisserie. Doch die Bank gewährte mir nur einen begrenzten Kredit, sodass ich auf die Unterstützung der Familie angewiesen war. Meine Eltern, meine Großeltern und mein Patenonkel kratzten ihre letzten Ersparnisse zusammen, damit ich mein eigenes Geschäft eröffnen konnte: die Patisserie Knusprig und süß. Vier Monate ist das jetzt her, und seitdem versuche ich, den Laden zum Laufen zu bringen – bisher mit eher mäßigem Erfolg.

»Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht!«, pflegt mein Vater, ein Ur-Heidelberger, zu sagen, und mir wird langsam klar, was er damit meint. Meine Mutter, eine Elsässerin, ist da optimistischer.

»Wenn die Leute erst einmal deine créations probiert `aben, kommen sie in Scharen, du wirst sehen, ma petite«, versucht sie mich in ihrem charmanten Dialekt aufzumuntern. Selbst nach beinahe dreißig Jahren in Deutschland hört man immer noch die französische Melodie in ihren Worten.

Mit wird langsam warm in der Sonne und von dem ungewohnten Alkoholgenuss. Gemächlich mache ich mich auf den Weg in Richtung Patisserie. Als ich ankomme, verpackt Jannik soeben eine kleine Cappuccino-Torte in einem rosafarbenen Karton. Währenddessen plaudert er angeregt mit einer jungen Frau im schicken Kostüm und überredet sie schließlich, noch eine Schachtel handgemachter Trüffelpralinen mitzunehmen. Die beiden verabschieden sich wie alte Bekannte und nicht ohne das Versprechen der Kundin, bald wieder vorbeizukommen.

»Nicht schlecht, mein Alter! Das machst du wirklich gut!«, lobe ich meinen Freund und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. »Du hast ein Händchen für die Kundschaft, das muss ich dir lassen.«

»Ja, vor allem für die weibliche!« Jannik grinst zurück. »Sie wollte eigentlich nur ein Croissant, aber ich habe ihr die Torte und die Pralinen empfohlen. Hoffentlich ist sie zufrieden damit!« Mit eindringlichem Blick mustert er mich dann von Kopf bis Fuß. »Alter Schwede!« Es folgt ein bewundernder Pfiff. »Du hast dich aber aufgebretzelt. Was liegt an? Gehst du heute noch zu einem Empfang auf dem Schloss? Echt scharf siehst du aus, direkt zum Anbeißen, Frau Zuckerbäckerin!«

»Dein Sahnetörtchen wartet zu Hause auf den Anbiss, mein Freund«, kontere ich und schiebe ihn zur Seite. »Du kannst Feierabend machen, ich bleibe hier. Die halbe Stunde schaffe ich auch allein.«

»Das brauchst du mir nicht zweimal zu sagen«, entgegnet Jannik und ist schon an der Tür. »Wir sehen uns dann morgen früh.«

»Ja, bis morgen.« Die Tür fällt hinter ihm ins Schloss.

Schnell gehe ich in die Backstube und schaue mich um. Alles ist tipptopp aufgeräumt und blitzsauber. Auf Jannik ist eben Verlass. Gerade will ich mein winziges Büro betreten, als ich die Türklingel höre. Wahrscheinlich hat mein neuer Kollege etwas vergessen. »Na, kannst du dich nicht von der Arbeit trennen?«, frage ich, als ich den Verkaufsraum betrete – und bleibe abrupt stehen.

Es ist nicht Jannik, sondern der bestaussehende Mann, den ich je gesehen habe, eine Mischung aus Brad Pitt und ...

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