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Sündhaft lecker

1. KAPITEL

Ihre Schuhe verrieten sie. Ihr Äußeres war ansonsten perfekt gewählt. Ihre Aktentasche, das dezente Make-up und ihre Frisur, all das strahlte pure Eleganz aus. Doch ihre Stöckelschuhe waren viel zu hoch und grazil. Das waren keine Büroschuhe! Das waren Nimm-mich-Schuhe. Und Dante Romano hatte genügend solcher Prinzessinnen kennengelernt, um zu wissen, dass es obendrein sündhaft teure Nimm-mich-Schuhe waren. Ein Paar Schuhe, wie sie sich nur eine reiche verwöhnte Göre leisten konnte.

Dieser Geschäftsabschluss würde dann doch viel einfacher werden als gedacht. Carenza Tonielli dachte offenbar nicht ernsthaft daran, das Unternehmen ihrer Familie zu übernehmen.

Er stand auf, um sie zu begrüßen. „Wie schön, dass Sie es einrichten konnten, Signorina Tonielli. Darf ich Ihnen Kaffee anbieten? Oder Wasser?“ Er deutete zu seinem Schreibtisch, auf dem eine Karaffe und Gläser bereitstanden.

„Ein Glas Wasser bitte.“

„Nehmen Sie doch Platz.“ Er wies auf den Stuhl und wartete, bis sie sich hingesetzt hatte, bevor er ihr ein Glas eingoss und gegenüber Platz nahm.

Sie trank einen Schluck.

Wunderschöne Hände, dachte er. Jetzt reiß dich zusammen, schoss es ihm jedoch schon im nächsten Moment durch den Kopf. Carenza Tonielli war zwar hübsch. Gut, wunderschön. Aber sie war sich dessen sehr bewusst, und er hatte nicht vor, sich bei solch einer eingebildeten Prinzessin auf mehr als ein Geschäft einzulassen.

Lügner. Du hast dir doch gerade ausgemalt, wie sich diese Hände an deinem Körper anfühlen würden. Und dieser Mund.

Ein traumhafter Mund. Perfekt. Nun ja, aus Fantasie muss noch lange keine Wirklichkeit werden, dachte er bei sich. Für so was hatte er jetzt keine Zeit, sonst konnte er seinen Businessplan auch gleich in die Tonne werfen. Bis sein Franchise Realität war, musste sein Privatleben warten. Und seine Libido auch.

„Warum wollten Sie mich treffen?“, fragte sie.

Sie hatte wirklich von nichts eine Ahnung. Armer Gino. Wie konnte er sein Unternehmen bloß seiner missratenen Enkeltochter hinterlassen, in der Hoffnung, dass sie daran wachsen würde. Das Mädchen, das bis vor Kurzem noch von Party zu Party um die Welt gereist war, zehn Jahre lang. Weshalb sollte sie ihr Jetset-Leben auf einmal für harte Arbeit eintauschen?

Soweit es nach seiner Quelle aus London ging, hatte sie sich bisher nur für Designermode, Champagner und heiße Sportwagen interessiert. Was sie alles würde aufgeben müssen, wenn sie Tonielli’s retten wollte.

Ich werde sie nicht über den Tisch ziehen, ich werde ihr ein faires Angebot machen, sagte sich Dante. Dieselbe Summe, die er auch schon ihrem Großvater geboten hatte. So würde sie ihren Lebensstil nicht ändern müssen, und er, Dante Romano, würde eine etablierte Eiscafékette übernehmen. Es war also für beide Seiten ein Gewinn. Er hoffte, dass sie das genauso sehen würde.

„Ich stand in Verhandlungen mit ihrem Großvater, Tonielli’s zu übernehmen. Und da er Ihnen die Cafés vermacht hat, sind Sie dann wohl jetzt meine Ansprechpartnerin.“

„Ich glaube, hier liegt ein Irrtum vor.“

„Sie haben Tonielli’s gar nicht übernommen?“

Sie verschränkte die Arme. „Das habe ich sehr wohl. Doch Tonielli’s stand noch nie zum Verkauf.“

Für einen Moment schien er verblüfft. Er hatte ihr das Eiscremeimperium ihres Großvaters für einen Spottpreis abluchsen wollen. Und jetzt das. Carenza verkniff sich ein spöttisches Lächeln. Aber, verdammt, selbst mit offenem Mund sah er immer noch gut aus! Doch egal, wie schön seine Augen, sein Mund und seine dunklen Haare auch sein mochten, er war ein Konkurrent. Und verkauft wurde nicht. Nicht an ihn, noch an sonst irgendjemand.

„Sie wollen Tonielli’s leiten?“, fragte er gefasst.

Carenza kannte diesen Gesichtsausdruck schon. Vom Gesicht ihres neuen Galeriebesitzers, dem sie einen Verbesserungsvorschlag gemacht hatte. Kurz bevor sie gekündigt hatte. Niemand behandelte sie wie ein Püppchen, das außer Tippen, Kichern und Nägel lackieren zu nichts taugte. Und es ging ihr gehörig auf die Nerven, dass dieser Mann hier anscheinend auch nicht mehr von ihr hielt. Warum nahm er sie nicht ernst?

War es ihr blondes Haar?

Oder war Dante Romano nichts als ein italienischer Chauvi, der immer noch im Mittelalter lebte?

„Natürlich leite ich mein Unternehmen“, säuselte sie ihm zuckersüß zu.

Er lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Tatsächlich.“

„Beleidigen Sie nicht meine Intelligenz“, entgegnete sie kühl.

„Signorina Tonielli, Sie haben keine Erfahrung, und Ihr Unternehmen steht vor der Pleite. Wenn Sie das verhindern wollen, rate ich Ihnen, zu verkaufen.“

Er bluffte, da war sie sich sicher. So schlecht standen die Dinge nicht. „Wir stecken in einer Rezession. Alle tun sich zurzeit schwer.“

„Ihr Unternehmen steht am Abgrund, das hat wenig mit der Rezession zu tun. Und Sie haben weder das Wissen noch die Erfahrung, das abzuwenden.“

„Signor Romano, Sie kennen mich nicht. Glauben Sie wirklich, dass ich nicht in der Lage bin, ein Unternehmen zu leiten, welches sich seit fünf Generationen im Besitz meiner Familie befindet?“

„Es geht nicht nur um die Leitung. Es muss auch komplett umstrukturiert werden, wenn es jemals wieder aus den roten Zahlen kommen soll.“

Sie sah jetzt nicht nur wegen der Zahlen rot. Was bildete sich dieser Typ ein?

„Sie halten mich wohl für zu blöd.“

„Für zu unerfahren“, korrigierte er sie.

„Und wie kommen Sie darauf?“, schoss sie wütend zurück.

Im selben Moment wurde ihr klar, dass ihre Reaktion gut in das Bild passte, das er von ihr hatte. Dass sie als Geschäftsfrau nichts taugte.

Dass er sie nunmehr offensichtlich mit seinen Blicken auszog, machte es ihr nicht leichter, sich zu beruhigen. Anscheinend gefiel ihm, was er sah. Zu ihrem Entsetzen spürte sie jetzt auch noch, wie sie rot wurde.

Sie benahm sich wirklich wie eine Sechzehnjährige, nicht wie eine achtundzwanzigjährige Geschäftsführerin. Als ob sich noch nie ein Mann für sie interessiert hätte.

Gott sei Dank trage ich dieses Businessoutfit, dachte sie bei sich. Das Jackett würde verbergen, dass ihre Brustwarzen sich gerade verräterisch aufgerichtet hatten.

Sie konnte nicht fassen, wie unangebracht das alles war. Dies war ein Geschäftstermin. Bei, dem man nicht an Sex dachte. Denken sollte. Vor einem Jahr noch hätte sie sich vielleicht zu so etwas hinreißen lassen. Aber das war ihr altes Leben, das sie hinter sich gelassen hatte. Dies jetzt war ihr neues Leben – und das zählte.

„Signora, Sie haben doch noch nie in ihrem Leben einen Finger krümmen müssen.“ Ihr war, als hätte ihr jemand einen Eimer Wasser über den Kopf geleert.

Wie bitte? Sie war sprachlos vor Wut. Er hielt sie also für eine Partygöre, die vom Taschengeld ihres Großvaters lebte. Okay, vor zehn Jahren war das vielleicht einmal so gewesen. Doch seitdem hatte sie verdammt hart in der Londoner Galerie gearbeitet. Bis Amy krank wurde und die Galerie verkaufen musste.

„Leider liegen Sie da falsch. Ich habe gearbeitet, in einer Kunstgalerie.“

An seiner Reaktion konnte sie ablesen, dass er das schon gewusst hatte. Anscheinend hatte er sich auf dieses Treffen wirklich verdammt gut vorbereitet. Allerdings konnte er nicht wissen, dass sie jetzt nach Italien zurückgekehrt war, um zu bleiben. Und dass sie nicht verkaufen würde.

Einen Moment lang konnte Carenza in seinen Augen lesen, was er dachte: dass ihr Job in der Galerie keine echte Arbeit gewesen sei, eher Beschäftigungstherapie für eine verwöhnte Barbiepuppe wie sie. Der neue Galeriebesitzer hatte den gleichen Fehler gemacht.

„Ich bin eine Geschäftsfrau.“

„Ach.“

Dies war nicht einmal eine Verhandlungstaktik, er traute ihr tatsächlich nicht zu, Tonielli’s zu leiten. Der wird sich noch wundern, dachte sie sich. Sie würde es ihm zeigen. Und vor allem sich selbst.

„Ich denke, wir haben uns nichts mehr zu sagen, Signor Romano. Schönen Dank auch für das Leitungswasser.“

Hoch erhobenen Hauptes verließ sie sein Büro.

2. KAPITEL

Es tat gut, wieder zu Hause zu sein. Zurück in Neapel nach zehn Jahren Abwesenheit – eines davon auf Weltreise, die anderen neun in London. Endlich wieder am Meer zu leben, den Hafen mit den kleinen Fischerbooten und Jachten vor Augen, und die Stadt, die sich vom Meer her über den Berg erstreckte. Der Mast bei den weißen Felsen vor dem Castel dell’Ovo, an dem Liebespaare Schlösser mit ihren Namen befestigten, wuchs dadurch jede Woche zu einem andersgearteten Kunstwerk heran. Der Musikpavillon der Villa Comunale mit seinem schön geschwungenen Eisengerüst, den Kugellaternen und der gestreiften Glasmarkise. Wie die Sonne hinter der Insel Ischia unterging und das Meer violett und den Himmel rosa malte. Und der düstere Gipfel des Vesuv, der alles überschattete.

Jetzt, wo sie zurück war, merkte Carenza, wie sehr sie all das vermisst hatte. Den Geschmack der Seeluft, den Anblick der schmalen, mit Fahnen und frischer Wäsche geschmückten Gassen, den Duft richtiger Pizza anstelle des Zeugs, das es in London gab.

Zuhause.

Und doch war es nicht ganz wie früher als Teenager. Jetzt war sie verantwortlich für Tonielli’s. In der fünften Generation – sechs, wenn man es genau nahm – das war eine große Verantwortung. Sie ging die Zahlen heute bereits zum vierten Mal durch und konnte sich immer noch keinen Sinn aus ihnen machen.

Ihr dröhnte der Kopf, also stützte sie sich mit ihren Ellbogen auf den Schreibtisch, rieb sich die Schläfen und versuchte, die Kopfschmerzen loszuwerden. Vielleicht hatte Dante Romano doch recht gehabt. Sie hatte nicht die nötige Erfahrung, damit umzugehen.

Doch was blieb ihr anderes übrig?

Klar, sie konnte Nonno sagen, dass ihr das alles zu viel sei. Aber das wäre ihrem Großvater einfach unfair gegenüber. Er hatte ihr sein Unternehmen anvertraut. Er war jetzt dreiundsiebzig Jahre alt. Er hatte sich seinen Ruhestand verdient und fand endlich Zeit, im Garten herumzuwerkeln und sich mit Freunden in Cafés zu treffen. Was er schon Jahre zuvor hätte tun können, wären Carenzas Eltern nicht bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Sie seufzte. Nein, sie konnte den Geschäftsführerposten nicht ablehnen.

Auch an Amy konnte sie sich nicht wenden. Ihre frühere Londoner Chefin würde ihr zwar sicherlich ihre Hilfe anbieten, doch hatte sie gerade eine weitere Runde Chemotherapie hinter sich gebracht, und Stress war das Letzte, was sie zurzeit brauchte.

Dann war da noch Emilio Mancuso, der, wie sie von ihrem Großvater wusste, eine Weile das Geschäft geführt hatte. Aber Carenza traute ihm nicht. Sie war sich nicht sicher, warum, aber irgendwie sagte ihre innere Stimme, dass es ein Fehler wäre, ihn um Hilfe zu bitten.

Keiner ihrer gleichaltrigen Bekannten hatte ein eigenes Geschäft, also war von dort auch keine Hilfe zu erwarten.

Blieb ihr …

Sie seufzte. Niemand.

Sie haben keine Geschäftserfahrung, und Ihr Unternehmen steht vor der Pleite.

Dante Romano hatte recht.

Es muss umstrukturiert werden.

Auch damit hatte er recht.

Und ich habe sowohl die nötige Erfahrung als auch das Personal dafür.

Offensichtlich wäre die logische Folge, ihm das Familienunternehmen abzutreten. Aber das wäre ein Verrat Nonno gegenüber. Bruch der Tradition. Die letzte Generation der Tonielli’s verramscht das Familienerbe. Das konnte sie unmöglich tun.

Wenn nicht …

Sie lächelte ironisch. Nein, das war verrückt. Da würde er nie mitmachen.

Das findest du nur raus, wenn du ihn fragst, meldete sich ihre innere Stimme.

Vielleicht. Aber war er auch wirklich so gut, wie er vorgab? Konnte er ihr helfen, das Unternehmen zu retten?

Carenza schob die Papiere beiseite und wandte sich ihrem Laptop zu, um über ihn im Internet zu recherchieren. Dante Romano. Interessant. Es gab keine Fotos von Paparazzi, die ihn mit schönen Frauen zeigten. Noch mit Männern, aber ihr Schwulenradar war normalerweise recht gut. Wenn sie seine Blicke gestern richtig gedeutet hatte, fand er sie ebenso attraktiv wie sie ihn.

Auch keine Hinweise auf skandalöse Scheidungsgeschichten. Mmmh. Anscheinend ließ Dante Romano die Finger von Beziehungen und konzentrierte sich auf seine Arbeit.

Also ein Workaholic.

Ein sehr erfolgreicher Workaholic, korrigierte sie sich nach einem Blick auf seine Unternehmensseiten. Mit dreißig besaß er bereits eine Kette mit sechs Restaurants – besonders beeindruckend, da er anscheinend bei nichts angefangen hatte. Seine Erfahrungen in der Übernahme und der Umstrukturierung von Unternehmen lasen sich wie eine einzige Erfolgsgeschichte. Und ein Gerücht besagte, er stünde kurz davor, seine Restaurantkette in ein Franchiseunternehmen umzuwandeln. Carenza kannte sich mit Franchise nicht aus, vermutete aber, dass er vorhatte, landesweit oder sogar international zu erweitern – Dante Romano hatte wirklich keine Zeit, sich auf eine Beziehung einzulassen.

Aber sein Liebesleben interessierte sie nicht. Nicht im Geringsten. Denn sie würde die Finger von ihm lassen. Sie wollte sich zurzeit auf niemanden einlassen und sich stattdessen beweisen, dass sie das Familienunternehmen retten konnte. Aber bedeuteten seine Franchise-Bemühungen, dass er zu beschäftigt wäre, ihr zu helfen? Und selbst wenn er genügend Zeit hätte, würde er sich überhaupt darauf einlassen, ihr Mentor zu werden – und ihr zu helfen, das Unternehmen wieder auf Erfolgskurs zu bringen?

Es war eine riskante Strategie, aber ihr blieb keine andere Wahl. Und es gab nur einen Weg herauszufinden, ob er ihr helfen würde.

Als Workaholic würde er wohl um diese Zeit noch in seinem Büro sitzen. Ihre Hand zitterte, als sie seine Nummer wählte. „Komm schon, Caz. Sei kein Angsthase“, sagte sie sich und drückte die letzte Taste. Aber mit jedem Klingeln wurde sie nervöser. Vielleicht war sie im Begriff, einen Fehler zu machen. Vielleicht war er gar nicht im Büro. Vielleicht sollte sie einfach aufleg…

„Dante.“ Seine Stimme klang knapp und klar – und sie konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.

„Hallo?“

Reiß dich zusammen, Caz, sagte sie sich und atmete tief ein: „Signor Romano? Hier Carenza Tonielli.“

„Wie kann ich Ihnen helfen, Signorina Tonielli?“

Wenn er überrascht war – oder ihren Anruf erwartet hatte, nachdem sie sich ein besseres Bild über die Bücher gemacht hatte, so ließ er es sich nicht anmerken. Er klang höflich, formell und vollkommen neutral. Was sie nur noch nervöser machte.

„Äh, ich wollte fragen, ob wir uns treffen können. Ich wollte Ihnen einen Vorschlag machen.“

„Wann und wo?“

Er verschwendete keine Zeit. Vielleicht war er daher so erfolgreich. „Wann würde es Ihnen denn passen?“

„Jetzt gleich?“

„Jetzt gleich?“ Beinahe hätte sich ihre Stimme überschlagen. Wer traf sich so spät abends zu einem Geschäftstermin?

Allerdings musste sie nichts mehr vorbereiten, sie wusste, was sie ihm vorschlagen würde. „Gut. Wissen Sie, wo mein Büro ist?“

„Ja.“

Dumme Frage. Natürlich wusste er das. Er hatte ihr Unternehmen kaufen wollen. Wahrscheinlich hatte er ihren Großvater bereits hier getroffen. „Gut, dann – äh, ich werde hier auf sie warten.“

„Ciao.“

Ihre Hand zitterte immer noch ein wenig, als sie auflegte. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Was konnte schon passieren? Mehr als ablehnen konnte er nicht. Und in dem Fall würde sie auch nicht schlechter dastehen als zuvor. Es machte überhaupt keinen Sinn, sich aufzuregen.

Sie lenkte sich ab, indem sie begann, in einer Cafetière Kaffee zu machen. Sie war gerade dabei, die Tassen auf dem Tablett zum dritten Mal umzuarrangieren, als es endlich klopfte.

„Danke, dass Sie es einrichten konnten, Signor Romano“, begrüßte sie ihn und schloss die Tür.

Prego.“ Immer noch höflich und formell, mit neutralem Gesichtsausdruck. Vielleicht hätte sie ihn einfach am Telefon fragen sollen. Es wäre ihr wesentlich leichter gefallen, seine Anwesenheit machte sie nervös.

Sie führte ihn in ihr Büro. „Möchten Sie Kaffee?“

„Danke, schwarz, bitte.“

Das war machbar.

Doch als sie ihm die Tasse reichte, zitterte ihre Hand wieder, und der Kaffee tropfte auf seine Anzughose.

„Oh, nein, das tut mir leid! Ich wollte …“

Er zuckte mit den Schultern: „Kein Problem. Der muss sowieso in die Reinigung.“

Aber er lächelte nicht. Schaute ernst drein. Und ihr Mut schwand. Er würde sich nie auf so etwas einlassen. Ihr Plan war verrückt.

„Was wollten Sie mir denn nun vorschlagen?“

Langsam stellte sie ihren Kaffee ab und nahm Platz. „Ich habe mir einen Überblick über Nonnos Bücher verschafft.“

„Und?“

„Und Sie haben nicht unrecht. Ich gebe es zu. Ich habe nicht die nötige Erfahrung. Aber …“ Sie atmete tief ein. „Wenn ich Sie als Mentor hätte, dann könnte ich es schaffen.“

„Mentor.“ Und wieder konnte sie in seinem Gesicht nicht sehen, was er davon hielt. Er schien sich weder zu amüsieren, noch war er sauer, überrascht, interessiert. Was für ein Pokerface. Und: Er schwieg.

Vielleicht überlegte er es sich gerade. Sollte sie ihn unterbrechen, ihm Zeit geben oder was?

Nach einer kleinen Ewigkeit fragte er: „Was hätte ich davon?“

„Nun, Sie könnten mir unter die Nase reiben, dass Sie recht hatten, und sich so richtig überlegen dabei fühlen?“

Darüber musste er lächeln, und seine funkelnden Augen ermutigten sie, fortzufahren. „Nein, natürlich möchte ich Sie als Mentor bezahlen. Was verlangen Sie?“

„Mehr, als Sie sich leisten können, Prinzessin. Ich hab mir Ihren Geschäftsbericht ja bereits angesehen.“

Prinzessin? Das saß. Aber sie konnte ihm jetzt nicht die Meinung sagen. Immerhin sollte er ihr noch helfen.

„Ich kann bezahlen“, raunte sie.

„Wie das?“

Sie holte tief Luft. „Ich könnte …“ Sie fuhr sich mit der Zunge über die Unterlippe. Sie könnte ihren Schmuck verkaufen. Das würde ihr nicht leichtfallen – vor allem sich von der Uhr zu trennen, die ihr ihre Großeltern zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt hatten. Doch wenn sie damit das Unternehmen retten und ihre Großeltern stolz machen konnte, war es das wert.

Ihr Zögern ließ ihn den falschen Schluss ziehen: „Prinzessin, ich bin dreißig Jahre alt. Ich habe noch nie für Sex gearbeitet, und ich werde jetzt nicht damit anfangen.“

„Das hab ich nicht gemeint“, stotterte sie verlegen. „Ich wollte sagen, dass ich meinen Schmuck verkaufen kann.“

Aber jetzt war das Bild bereits in ihrem Kopf. Noch schlimmer als letztes Mal. Er nackt in ihrem Bett und auf ihr!

Hilfe! Reiß dich zusammen. Hier ging es ums Geschäft.

„Warum?“, fragte er.

„Warum?“ Denk nach, Caz. Aber sie hatte keinen Schimmer, was er meinte. Ihr Hirn setzte aus.

„Warum wollen Sie mich als Mentor?“

Genau. Deshalb hatte sie ihn hergebeten. Nicht wegen ihrer Fantasien. Die sie nicht aus dem Kopf kriegte. Sie atmete tief durch.

„Ich hätte Sie gern als Mentor an meiner Seite, da Sie Erfahrung haben, Unternehmen umzustrukturieren.“ Und sie erwähnte die Namen der letzten drei Restaurants, die er aufgekauft hatte.

Er wirkte überrascht. „Sie sind ja bestens informiert, Prinzessin.“

„Nennen Sie mich nicht Prinzessin!“

Sie riss sich zusammen. Sie wollte schließlich etwas von ihm. „Bitte“, sagte sie entschuldigend, „ich heiße Carenza.“

„Carenza.“ Es klang so sanft und warm, wie er es sagte. Seine Stimme war tief, rau und verdammt sexy.

Konzentriere dich, Carenza.

„Sie hatten recht, Signor Romano. Ich habe keine Erfahrung darin, Unternehmen zu retten.“

„Sie geben sich gerade sehr bescheiden.“ Er betrachtete sie. „Interessant.“

„Warum haben Sie so eine schlechte Meinung von mir?“, fragte sie ihn.

„Weil ich Frauen wie Sie kenne.“ Er schaute sie abschätzend an. „Prinzessin.“

Sie riss sich zusammen. „Ich bin keine Prinzessin“, erwiderte sie gelassen.

„Heben Sie mal die Füße auf den Schreibtisch.“

Sie stutzte. „Was?“

„Tun Sie die Füße auf den Schreibtisch.“

Sie hatte keine Ahnung, worauf er hinauswollte, aber sie tat, wie ihr geheißen.

„Schauen Sie sich nur Ihre Schuhe an. Ein Paar dieser Marke kostet fast so viel, wie Ihre Angestellten im Monat verdienen. Und Sie wollen mir weismachen, dass Sie kein Prinzesschen sind?“

So wie er das sagte, machte das Sinn. Sie nahm schnell die Füße herunter. „Ich habe in England gearbeitet“, verteidigte sie sich.

„Aha.“

Er hielt also wirklich absolut nichts von ihr. „Ich hab da nicht nur rumgesessen und mir die Nägel lackiert. Ich war Amys Assistentin. Ich habe ihre Arbeit organisiert. Ich weiß, wie man verkauft.“

„Luxusgüter vielleicht, aber nicht Essen. Das sind zwei völlig verschiedene Dinge.“

„Ich gebe ja zu, dass ich Hilfe brauche. Was wollen Sie denn noch?“

„Machen Sie es sich einfach, und verkaufen Sie an mich.“

Sie schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht.“

„Warum nicht?“

„Ich bin die fünfte Generation bei Tonielli’s. Ich muss das einfach schaffen.“ Sie zögerte. „Eigentlich wäre ich die sechste Generation gewesen. Und wenn meine Eltern nicht gestorben wären, hätte ich vielleicht Geschwister bekommen, die das Geschäft gemeinsam mit mir geführt hätten. Aber die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, also macht es auch keinen Sinn, sich darüber aufzuregen. Ich will eine Lösung finden.“

Dante betrachtete sie. Sie wollte also wegen ihrer Familie nicht verkaufen. Demzufolge waren ihr Begriffe wie Tradition und Loyalität doch nicht fremd. Eigentlich hatte er vermutet, sie würde Partys bevorzugen und sich einen Dreck um ihre Großeltern scheren. Die Dinge, die im letzten Jahr von ihr bekannt geworden waren, ließen dies vermuten.

Aber vielleicht hatte sich Carenza Tonielli wirklich verändert und er sich in ihr geirrt.

Und wenn sie ihr Unternehmen retten wollte, war es wirklich das Beste, was sie tun konnte, sich einen Mentor zu suchen.

Sie hatte sich ihn ausgesucht. Ihn, der ihr das Unternehmen wegnehmen wollte. Eine bizarre Situation. Er könnte sich weigern, aber er stand Gino gegenüber in der Schuld. Der alte Mann hatte ihm vor vielen Jahren mit Rat und Tat zur Seite gestanden, und das hatte ihn wirklich vorangebracht. Jetzt könnte er, Dante, sich revanchieren: Ginos Enkelin helfen, die Gelati – Kette zu retten.

Und seine Entscheidung hatte nichts damit zu tun, dass Carenza den schönsten Mund und die blausten Augen besaß, die er je gesehen hatte. Oder damit, dass sie in seinen Träumen in seinem Bett lag, ihn anlächelte und sich unter seinen Berührungen wand.

„Okay.“

Sie blickte überrascht auf. „Wie bitte?“

Er verdrehte die Augen. „Pass auf, Prinzessin.“ Als ihr Mentor würde er sie bestimmt nicht mit ‚Signorina Tonielli‘ ansprechen. Und mit ihrem Vornamen ebenso wenig. Das war ihm viel zu intim. Vielleicht konnte er so auch seine Fantasien in Zaum halten. Er hatte gern alles unter Kontrolle, aber Carenza Tonielli brachte ihn aus der Fassung – und das gefiel ihm nicht. Er versuchte, sie nicht attraktiv zu finden. Hier ging es ums Geschäft. „Ich sagte, okay. Sie haben Ihren Mentor.“

Eine zentnerschwere Last fiel ihr von den Schultern. „Ich danke Ihnen. Aber ich werde Sie bezahlen. Ich kann nicht von Ihnen erwarten, dass Sie mir Ihre wertvolle Zeit einfach so schenken.“

„Ich will kein Geld. Ich helfe Ihnen mit Rat, so gut ich kann – aber Sie werden die ganze Arbeit haben, nicht ich.“

Sie richtete sich auf. „Danke. Ich weiß das zu schätzen. Wo fangen wir an?“

„Indem Sie anfangen, sich etwas angemessener zu kleiden.“

Carenza sah ihn an. Er schaute peinlich berührt zurück. Also war sie nicht die Einzige mit Bildern im Kopf gewesen?

Die darauffolgenden Stille breitete sich fast ins Unendliche aus.

„Was stimmt denn nicht mit meiner Kleidung?“, fragte Carenza irgendwann leise nach.

„Nichts. Das Jackett und der Rock sind in Ordnung.“ Mittlerweile war sein Gesicht rot angelaufen.

Aber was störte ihn denn dann? Ihr Oberteil? Ihre Schuhe? Letztes Jahr noch hätte sie nicht gezögert und ihm jetzt vor seinem Schreibtisch eine Laufstegpräsentation vorgelegt, damit er sich ins Bodenlose schämte. Aber das würde nur das Bild, das er von ihr hatte, verstärken.

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