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Südbalkon

Impressum

ISBN 978-3-8412-0561-2

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2013

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2013 bei Blumenbar, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung Tim Jockel

unter Verwendung eines Motivs von © Perry McKenna

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, www.le-tex.de

www.blumenbar.de

Inhaltsübersicht

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1

Wenn Raoul gut gelaunt ist, spielen wir Wo ich niemals leben möchte. Wenn er schlecht gelaunt ist, aber immer noch gut genug, um sich aufheitern zu lassen, spielen wir Wo ich niemals sterben möchte. Wenn ich merke, dass die Stimmung kippt, lasse ich ihn gewinnen. Ich beiße mir auf die Unterlippe und tue so, als würde ich nachdenken, obwohl ich tausend Orte nennen könnte, an denen ich nie und nimmer sterben möchte. In der Sakristei des Stephansdoms. In der Zielgeraden am Nürburgring. Auf einer Bank im Garten der Magenbuch-Klinik.

Wenn Raoul merkt, dass er gewinnt, bessert sich seine Laune schlagartig. Er reibt sich die Hände, manchmal kneift er mich in die Wange. Das kann ich nicht leiden.

»Feiern wir?«

»Schnell«, sage ich. »Ich muss los.«

Er öffnet den Gürtel seiner Jeans, lässt mich dabei nicht aus den Augen. Seine Beine sind weiß und dünn wie Leuchtstoffröhren.

Ich wärme meine Mundhöhle mit Tee vor. Hagebutte.

Leicht hätte ich die Niederlage verhindern können, jetzt ist es zu spät. Raoul hält meinen Hinterkopf fest, hin und wieder knetet er meine Ohrläppchen.

Ich versuche, ihm den Sieg zu gönnen, denn den Opferbereiten gehört das Himmelreich. Das ist nicht O-Ton Bibel, das hat Frau Weinzierl immer gesagt. Auf dem Deckel ihres Förster-Pianinos zitterten drei Rosenkränze aus Holzperlen, wenn ich fortissimo spielte. Und ich spielte oft fortissimo. »Lauter, mein Kind, sonst kann dich der liebe Gott nicht hören«, rief Frau Weinzierl, und ich schlug in die Tasten, obwohl mir Finger und Ohren schmerzten. An der Wand der Klavierkammer, einem winzigen Zimmer im Karl-Marx-Hof, hing ein einziges Foto. Es zeigte Frau Weinzierl Aug in Aug mit dem Papst. Frau Weinzierl kniet vor dem Papst, so wie ich vor Raoul. Bereit, beinahe alles zu tun. Das Foto fror den Moment ein, als der Papst seine Hand hob. Ich überlegte oft, was dann geschah. Wahrscheinlich legte er seine Hand mit päpstlicher Gönnermiene auf ihren Klavierlehrerinnenarm. Vielleicht aber zwickte er sie auch in die Wange. Wer weiß, was so ein Papst ausheckt, wenn sich die Audienzen in die Länge ziehen.

Der Papst ist längst tot und seliggesprochen. Raoul ist lebendig und warm. Er zieht mich zu sich heran, bis ich würgen muss. Ich öffne die Augen, Frau Weinzierl verschwindet und gibt den Blick frei auf Raouls Unterkörper. Einige Pickel rund um seinen Nabel sind entzündet, winzige Vulkane kurz vor der Eruption. Am Abend werde ich Champignonschnitzel zubereiten. Das Fleisch werde ich bei Samson kaufen, Ecke Taubenmarkt und Sariastraße. Samson hat das günstigste Schweinefleisch im Bezirk. Er klopft die Schnitzel so lange, bis sie keinen Ton mehr von sich geben.

Raoul ächzt: »Ruth, Ruth, Ruth«, seine Stimme kippt, ein Flehen, ein Crescendo in a-Moll, so als ob ich weit weg wäre und schnell zu ihm laufen müsste, dabei bin ich ohnehin schon da, näher geht’s nicht.

Ich schiele auf die Uhr. Dreiviertel zehn. Höchste Zeit. Ich packe Raouls Hinterbacken und grabe ihm die Fingernägel ins Fleisch. Komm schon, komm schon. Meine Knie schmerzen. Raouls Körper spannt sich wie ein Bogen. Er seufzt, als hätte er eine schlechte Nachricht erhalten.

»Fertig«, sagt er.

Im Bad nehme ich einen kräftigen Schluck Chlorhexamed. Es brennt auf der Zunge und im Gaumen. Ich spüle aus, öffne meinen Mund, um das Zahnfleisch zu betrachten. Alles voller weicher roter Krater. Der Mund ist ein überschätzter Körperteil. Solange die Lippen geschlossen sind, hält sich das Elend in Grenzen, der Blick in den Schlund aber offenbart die ganze Entsetzlichkeit der Kreatur. Nichts anderes als ein Verdauungsschlauch, aufgepeppt mit ein paar Deko-Elementen.

Unser Bad ist winzig und fensterlos. Ausgestattet mit einer Wanne, in der Raoul kauert wie ein zu groß geratener Säugling in einem Bottich. Gemeinsames Baden erfordert artistische Zusatzqualifikationen. Aus ästhetischen Gründen glimmt hier lediglich eine 20-Watt-Birne. Ein gnädiges Licht, das auf die Tiegel und Wässerchen fällt, die auf dem Regal über dem Waschbecken stehen. Das meiste davon gehört Raoul, ich mache mir nicht viel aus Kosmetika.

Ein Schritt, und ich stehe an der Wand. Ich lehne mich vor, meine Stirn berührt die kalten Fliesen. Ocker metallic. Auch ein Ort, an dem ich weder leben noch sterben möchte. Nicht hier, im zwölften Stock des Bruno-Kreisky-Hochhauses in der Przewalskistraße. 56 Quadratmeter, immerhin Westbalkon, Laminat, Raufasertapete.

Um ein Geräusch zu produzieren, drehe ich den Wasserhahn auf. Einmal nur den Arm ausstrecken, und alles ist in Griffweite: Unsere Zwillingsbademäntel in Regenbogenfarben, die flauschig aussehen, es aber nicht sind; die Wandhaken, die stabil aussehen, es aber nicht sind; das Shampoo, das exklusiv aussieht, es aber nicht ist. Nichts hier hält, was es verspricht.

Ich krame mit spitzen Fingern in Raouls Necessaire. Drogeriewaren trösten mich. Feuchtigkeitslotion, Fußbalsam gegen Hornhaut, medizinische Zahnpasta, extrascharf. Eine Pinzette, ein Schweizer Messer, ein Beipackzettel ohne Tabletten. Parkemed 500 bei Entzündungen und Schmerzen. Zuunterst ein Holzkamm mit einigen von Raouls Haaren.

Maja hat mir einen Trick verraten: Man verknotet ein Haar des Partners mit einem eigenen Haar. Das nenne sich »extrakorporale Verschmelzung« und stärke die Beziehung, sagt Maja. Ich habe es versucht, doch mein Haar stieß Raouls Haar ab wie der Körper ein unverträgliches Transplantat. Sein Haar hielt nicht eine Sekunde an meinem, das hätte mir zu denken geben müssen.

Als ich aus dem Bad komme, steht Raoul mit nacktem Oberkörper im Balkontürspalt und raucht. Ich zähle auf, was wir brauchen: Salat, Tomaten, Salatgurke, Geschirrspülmittel, am besten die 6-Phasen-Tabs mit dem blauen Punkt.

Raoul sagt: »Die Billigen tun’s auch, die ohne Punkt«, und ich sage, dass es nicht auf den Punkt ankäme, sondern auf die bessere Technologie, und er grinst und sagt: »Was ist denn an einem Geschirrspülmittel schon technologisch.«

»Dann mach, was du willst«, sage ich und fahre mit der Handinnenfläche über seinen Oberkörper. Es kribbelt. Seit kurzem rasiert er sich die Brust. Der Rasen, auf dem ich mich früher ausgeruht habe, ist gemäht. Was hat er sich dabei gedacht? Ich habe Lust, seine Schädeldecke abzutragen, um die Form seiner Gedanken zu betrachten. Es war gerade seine Natürlichkeit, die ich mochte, und das weiß er. Maja würde sagen: Da stimmt was nicht. Ein Mann verändert sich nicht ohne Grund. Schließlich muss er jede Veränderung rechtfertigen, und kaum etwas fürchtet ein Mann so sehr wie Rechtfertigung.

Als ihm noch das Brusthaar aus dem Hemd quoll, spielten wir oft Das siebte Flittchen. Dabei spazierte er die Wand entlang und tat so, als beobachtete er spärlich bekleidete Damen, die sich in bodentiefen Fenstern räkeln. Das sah lächerlich aus, aber ich sagte mir: Wenn es nicht lächerlich aussieht, dann ist es keine Liebe.

Raoul also schritt betont lässig die Wand auf und ab, breitbeinig wie Kapitän Hansen beim Landgang. Die Daumen hatte er in den Gürtel eingehakt, das tat er normalerweise nie. Ich saß währenddessen auf der Couch und wartete geduldig, bis er mit der Begehung fertig war. Manchmal schnalzte er mit der Zunge oder rief den Phantomflittchen Obszönitäten zu. »Ich werde dich ficken, bis du ohnmächtig bist«, oder »Jetzt lachst du noch, Süße, aber warte, bis ich mir dir fertig bin.«

Für Raoul war entscheidend, die Straßenszene so lang wie möglich hinauszuzögern, um dann – mehr oder weniger zufällig über mich zu stolpern: das siebte Flittchen.

Er hatte also vor mir schon sechs Damen eingehend betrachtet, die selbstredend enttäuscht waren, dass ihnen so ein Prachtkerl durch die Lappen ging. Ich solle diebisch-lüstern dreinsehen, forderte Raoul. Diebisch, weil ich ihn ja den anderen wegschnappte – und lüstern, weil ich mich schließlich nicht darauf verlassen konnte, dass er mich auswählte. Spannung bis zum Schluss. Bevor er sich an mir zu schaffen machte, bedachte er mich mit einem Füllhorn aus Versprechungen, wie bei den Phantasienutten stets im Futur formuliert: Ich werde dich lecken, ich werde dein Maul stopfen, ich werde dir den letzten Glauben aus dem Leib ficken, ich werde dieses und jenes. Meistens machte er nichts dergleichen, küsste mich bloß, schüchtern und ungeschickt wie ein Volksschüler. Vor Rührung standen mir die Tränen in den Augen.

Jetzt fällt es mir wieder ein: Taschentücher, wir brauchen Taschentücher. »Taschentücher«, sage ich zu Raoul. »Dreilagig.«

»Sechs Phasen, drei Lagen«, sagt Raoul. »Sonst noch was?«

Er drückt die Zigarette in der Erde des traurigen Gummibaums aus.

»Um das Fleisch brauchst du dich nicht zu kümmern«, sage ich. »Das besorge ich.«

Er stutzt. »Warum besorgst du dann nicht auch das andere Zeug? Du hast doch ohnehin nichts zu tun.«

Kalter Blick. Ich schließe rasch die Knöpfe meiner Strickjacke.

»Ich muss zur Gesellschaft«, sage ich.

Raoul knipst bereits den Computer an und versteckt sich hinter dem Bildschirm. Ich weiß nicht, was er den ganzen Tag dort treibt, allzu produktiv scheint er nicht zu sein, manchmal höre ich ihn fluchen und mit dem Fuß gegen das Tischbein treten. Raoul hat Visitenkarten drucken lassen, darauf steht LSD – Litzka Softwaredesign und unsere Adresse, Przewalskistraße 54, Tür 22, sonst nichts, keine E-Mail-Adresse, keine Telefonnummer. Ich möchte nicht, dass jemand anruft, sagt Raoul, und ich frage mich, weshalb er die Visitenkarten überhaupt drucken ließ, denn bis jetzt kam doch auch niemand zu Besuch. Ich vermute, dass Softwaredesigner eine Schönfärberei ist, so wie Parkettkosmetikerin oder Regalbetreuer. Wenn mich jemand befragt, sage ich, dass Raoul Programmierer ist. Das klingt, als hätte er alles im Griff.

Ich trete hinaus auf den Balkon. Es ist Mariä Himmelfahrt, aber zu kalt für Mitte August. Ich fröstle. Unser Balkon ist halb so groß wie ein Ehebett und aus Beton. Ich beuge mich über die Brüstung. Für Raoul mag es so aussehen, als beobachte ich den Verkehr auf der Przewalskistraße, die Marotte einer Arbeitslosen. In Wahrheit beuge ich mich über die Brüstung, um in die Wohnung der Familie Wessely hineinzusehen, wo es Eheunglück in allen Facetten zu betrachten gibt. Das ist ein Spiel, das ich alleine spiele und garantiert immer gewinne.

Die Wesselys wohnen im elften Stock des Schütte-Lihotzky-Hochhauses, das sich vis-à-vis des Bruno-Kreisky-Hochhauses in den Himmel schraubt. Der reinste Unglücks-Container. Die Wohnung der Wesselys ist mit dunklen Kassettendecken getäfelt, ein Bunker, in den niemals die Sonne scheint. Es ist mir ein Rätsel, wie man sich für so eine Wohnung entscheiden kann. Die Wesselys scheinen ihre Wahl mittlerweile selbst bitter bereut zu haben. Judith Wessely trägt ihre Augenringe wie eine Auszeichnung für besondere Duldsamkeit. Moritz schlafe nicht, keine Nacht länger als eine Stunde am Stück, sagt sie. Moritz sei jetzt eineinhalb, langsam könne er mal kapieren, dass man in der Nacht schläft, sagt Phil Wessely, und Judith sagt: »Kapier’ doch endlich, dass es an der Wohnung liegt.«

Vergangenen Freitag beobachtete ich um zweiundzwanzig Uhr vierundzwanzig eine gespenstische Szene, die ebenso schnell vorüber war, wie sie begonnen hatte: Phil Wessely öffnete das Fenster, griff Moritz beherzt unter die Arme und hielt ihn über die Brüstung des französischen Fensters, so wie es Michael Jackson mit seinem jüngsten Sohn gemacht hatte. Moritz trug einen blauen Schlafoverall und war so verdutzt, dass er nur sein Gesicht verzog, aber nicht weinte. Durch die Przewalskistraße donnerte der Verkehr.

Wirf ihn rüber, wollte ich am liebsten rufen, gebt ihn mir, wenn ihr nicht wollt, und als Phil Wessely den Kopf hob, trafen sich unsere Blicke.

2

Die Gesellschaft für Wiedereingliederung liegt in der Lisztstraße, Ecke Palffygasse. Sie unterstützt arbeitslose Frauen, die älter sind als fünfunddreißig und kinderlos – die ihren gesellschaftlichen Auftrag also in dreifacher Hinsicht verfehlt haben. Finanziert wird die Anstalt, wie Raoul sie nennt, nicht vom Staat, sondern von Industriellen mit sozialem Reflux. Mir ist alles recht, solange sie zahlen.

Ich mag das Wort »Wiedereingliederung«, weil es suggeriert, dass man in der Vergangenheit bereits einmal eingegliedert war. Was mich betrifft, bin ich mir da nicht so sicher. Ein abgebrochenes Medizinstudium und ein Langzeitpraktikum in einer Todesanzeigenredaktion – das ist alles, was ich an Eingliederungsbemühungen vorweisen kann.

Das Langzeitpraktikum bestand darin, an einem Schalter zu sitzen und die Daten aufzunehmen: geboren, Beruf, Familienstand, gestorben, plötzlich, unerwartet, aus dem Leben gerissen, nach langer Krankheit, nach langer schwerer Krankheit, nach kurzer schwerer Krankheit, nach tapfer ertragener langer Krankheit, nach tapfer ertragener schwerer Krankheit, nach schwerer Krankheit und voller Zuversicht, die Augen für immer geschlossen, die fleißigen Hände ruh’n. Heimgekehrt zum Schöpfer, heimgekehrt zum Vater, heimgekehrt zum Herrn, ins Licht gegangen, den irdischen Weg abgeschlossen, beendet, finito. In unseren Herzen lebst du weiter und weiter und weiter. Die paar Semester Medizin nützten nichts, um zu verstehen, woran all diese Menschen zugrunde gegangen waren.

Seit acht Monaten muss ich mich zweimal die Woche in der Gesellschaft für W. melden, wie ich sie nenne, weil ich, immer wenn ich sie betrete, mich frage, wieso, weshalb, warum ich überhaupt hier bin, und alles, was mir einfällt, ist, dass mir andernfalls die Unterstützung gestrichen würde.

Ich gehe die Przewalskistraße entlang bis zur Bertagasse. Rechter Hand der Schuster, daneben der Secondhandladen. In der Makler-Sprache: 1B-Lage. Randbezirk, passable Verkehrsanbindung. Abgewohnte Gründerzeithäuser mit zerknitterten Fassaden, dazwischen sozialistischer Gemeindebau, Wohnfestungen mit Badezimmer-Luken wie Schießscharten. Mittendrin die grellbunte Auslage des Eine-Welt-Shops, der Dritte-Welt-Shop hieß, als es noch die Dritte Welt gab. Heute wird dort der übliche Schwellenland-Ramsch angeboten, Panflöten und Makramee-Häkeltaschen, Schokolade aus einer Fabrik, die einarmige Inderinnen unterstützt. Eine Welt. Eine große Lüge, denke ich jedes Mal, wenn ich daran vorbeigehe, eine widerliche Lüge, schließlich gibt es doch alleine in unserem Wohnhaus mindestens drei Welten.

Die Gehsteige sind mit Radfahrern und Müttern verstopft, ich komme kaum vorwärts. Die Kinder sind unerträglich fröhlich. Ein Mädchen mit geflochtenem Zopf balanciert auf einer Mauer, die den Garten eines Hauses zum Gehsteig begrenzt. Sie hält die Hand ihrer Mutter krampfhaft fest und stößt von Zeit zu Zeit spitze Schreie aus. Die Mutter beobachtet sie mit einem gespannten Lächeln. Ich habe plötzlich Lust, ebenfalls auf der Mauer zu balancieren. Ich könnte einen Passanten bitten, mir die Hand zu reichen, und im selben Augenblick weiß ich, dass ich mich lächerlich machen würde, vollkommen lächerlich, lächerlich, lächerlich.

Wie jeden Montag wähle ich den Weg, der an der Magenbuch-Klinik vorbeiführt. Ich biege in die Bertagasse ein und durchquere den Kaminsky-Park. Auf Höhe des Café Kurbel kann man durch den Blättervorhang der Kastanienbäume den langgezogenen HNO-Trakt erkennen, dahinter die Kinderstation. Das Krankenhaus liegt da wie eine schlafende Schildkröte. Das erstaunt mich immer wieder: weshalb man es einem Gebäude nicht ansieht, wenn darin ausführlich gelitten wird. Ich erwarte eine flammende Hitze, die von den Mauern abstrahlt, zumindest einen rötlichen Wandausschlag.

Ich beziehe meinen Aussichtsplatz, und das ist ohne Zweifel der schönste Montagsmoment: Wenn ich mich hinter der Büste des Operettenfabrikanten Franz von Suppé verberge, denn dann bin ich nicht Ruth Amsel, dann bin ich nur noch Auge und Ohr, ein einziger Resonanzkörper des Elends, der schwingt und klingt.

Elf Minuten nach zehn. Ich zücke mein Notizbüchlein, das kaum größer ist als eine Kreditkarte, und luge über die Schulter des Komponisten in den Garten der Magenbuch-Klinik. Der Komponist wurde günstig aufgestellt, sein enormer Glatzkopf und die breiten Schultern bilden meinen Schutzwall.

Der Krankenhausgarten tut so, als sei er ein richtiger Garten, dabei ist er eine einzige Beschwichtigung und nur angelegt, um auf den Tod vorzubereiten. Buchsbaum, Immergrün, Ringelblume, Buschwindröschen: Alles, was hier wächst, ist Friedhofsgestrüpp.

In einen Krankenhausgarten hineinschauen ist wie Zukunftsfernsehen, mit den Kanälen Demenz, Arthrose, Zirrhose. Ein Greis führt seinen Infusionsständer spazieren. Er macht einen Schritt, dann zieht er das Gestell nach wie einen störrischen Hund. Dazwischen keucht er. Schritt. Keuch. Zieh. Keuch. Einige Patienten wandeln im Morgenmantel die Kieswege entlang und könnten genauso gut Kurgäste darstellen, wenn sie nicht so blass und zerzaust wären und schon nach wenigen Schritten stehen blieben.

Die Frau mit der Turmfrisur ist wieder da. Sie sitzt auf der Bank vor dem Zaun und sieht aus dem Krankenhausareal hinaus. Eine gealterte Marge Simpson, frisurentechnisch der größtmögliche Gegensatz zu Franz von Suppé. In ihrer rechten Ellenbeuge steckt ein rosafarbener Venenkatheter, mit Pflastern fixiert. Sie hält den Arm weit weg von sich, so als gehöre er schon nicht mehr zu ihr. Mit der anderen Hand kramt sie in der Tasche ihres Morgenmantels und fördert eine gelbe Zigarettenpackung zutage. Sie raucht hastig und sichtlich ohne Genuss. Nach wenigen Zügen streift sie die Asche an der untersten Holzsprosse der Bank ab, dafür beugt sie sich nach vorn. In diesem Moment löst sich der Gürtel des Mantels, und zum Vorschein kommt eine dünne fahle Brust, die auf den Bauchfalten liegt wie rohes Putenfleisch. Hinter der Frau patrouillieren zwei Krankenschwestern im hellblauen Kasack.

Die Frau bemerkt ihr Missgeschick. Sie schnippt die Zigarette durch den Zaun auf den Weg, der das Krankenhausareal vom Kaminsky-Park trennt. Sie versucht, mit der unversehrten Hand den Morgenmantel zu schließen, was nicht gelingt. Sie ruft »Schwester, Schwester!«, ohne den Kopf zu wenden. Sie ruft es aus dem Krankenhausgarten hinaus in den Kaminsky-Park hinein, und ich kauere mich rasch unter der Büste zusammen, weil ich für einen Augenblick fürchte, dass sie mich meinen könnte.

Mit den Händen stütze ich mich am Boden ab, das Gras ist feucht. Auf dem Sockel ist Franz von Suppés vollständiger Name eingraviert: Francesco Ezechiele Ermenegildo Cavaliere Suppé-Demelli, Komponist (1819 bis 1895). Ich rechne nach: Er wäre 192 Jahre alt.

Unter dem Stichwort »Turmfrisur« notiere ich: raucht Parisiennes. Ich habe lange geübt, um im Gehen, Knien und Kauern leserlich schreiben zu können. Ich verwende dazu die blauen Fineliner aus dem Cento-Markt und meine Handinnenfläche als Unterlage. Mit dem Fineliner schreibe ich Morgenmantel: altrosa und Venenkatheter: rosa. Ich stelle mir vor, dass es eine Boutique gibt im Souterrain der Klinik, die Accessoires wie Katheter, Magensonden, Kanülen, Stents und Verbände in allen RAL-Farben anbietet. Medizin-Mode, ein Hoffnungsmarkt.

Als ich mich wieder aufrichte, ist die Frau verschwunden. Der alte Mann mit dem Infusionsständer lehnt an einem Baum, die Augen geschlossen, ein Bein in der Luft, wie eingefroren in der Bewegung. Was hat er vor? Ich habe Lust, ihn zu stützen, seine Haut zu berühren unter dem Morgenmantel. Im Alter trocknet der Mensch aus, er verdorrt und verwelkt, bis schließlich alle Flüssigkeit entwichen ist. Ich stelle mir vor, dass seine Papierhaut knistert. Ein verhaltenes Knistern, wie wenn eine Katze über Seidenpapier läuft.

Ich notiere: Infusion, gelbtrübe Flüssigkeit. Und: womöglich kataleptisch. In der Katalepsie wird eine Körperhaltung unnatürlich lange beibehalten. Ich schreibe: mit Sicherheit bresthaft. Je älter die Patienten, desto altertümlicher die Eigenschaftswörter. Gerne verwende ich auch die Bezeichnung multimorbid. Bei einem Multimorbiden gehen die Leiden nahtlos ineinander über, bis man nicht mehr unterscheiden kann, was Originalsymptom ist und was Nebenwirkung der Therapie.

Mit seinem heiteren Operettenfabrikantenblick arbeitet Franz von Suppé beständig gegen die Melodie des Verfalls, die vom Krankenhausgarten in den Kaminsky-Park herüberschwappt. Eine erschöpfende Tätigkeit, die er mit unerschütterlicher Eleganz meistert: Herr Franz trägt einen Frack mit Frackweste, darunter ein Hemd mit Vatermörderkragen. Ich tätschle ihm zum Abschied den Torso dort, wo bei lebendigen Menschen der Arm befestigt ist. Er fühlt sich warm an. Und ich fühle mich deutlich besser – wie immer, wenn mein Leidenskonto mit fremder Währung aufgefüllt ist.

Der Kaminsky-Park mündet in der Lisztstraße. Die Lisztstraße wollte einmal Allee sein, doch die Bäume sind einer nach dem anderen eingegangen, eine Baumepidemie hatte sie hinweggerafft. Eine Zeitlang standen faulende Stümpfe rechts und links der Straße, bis die Stadtgärtnerei Erbarmen hatte und auch die Stümpfe entfernte. Jetzt erinnern nur noch Erdquadrate daran, dass in der Lisztstraße einmal Bäume wuchsen. Es scheint, als ob alle Hunde des Viertels gern in der Lisztstraße spazieren gingen. Sie können hier ganz elegant ihr Geschäft erledigen, ohne dass sich ihre Besitzer genötigt fühlen, die Exkremente aufzusammeln.

Seit der Baumepidemie riecht es streng in der Lisztstraße, ein Gestank, der so gar nicht zum feinsinnigen Komponisten passt. Zum Glück liegt die Straße in der Nähe des Kaminsky-Parks und damit nicht weit von der Büste des Komponistenkollegen Franz von Suppé entfernt. Beide waren nicht nur Zeitgenossen, sie sind heute auch Leidensgenossen und tragen eine Bürde, die ihrer nicht würdig ist: der eine Franz den Krankenhausgarten, der andere Franz den Hundekot.

Ich setze mich auf eine Bank zwischen den Erdquadraten, um über die posthumen Wendungen des Schicksals nachzudenken. Höchstwahrscheinlich ist es einem toten Komponisten zuzutrauen, mit profanen Zumutungen wie Hundewurst und menschlichem Verfall zurechtzukommen, doch ich bin davon überzeugt, dass ein wenig mehr Respekt keinesfalls schaden könnte.

Ein Junge und ein Mädchen führen einen Mops an der Leine spazieren. Der Hund bildet die Vorhut, in angemessener Entfernung schreiten die Kinder hinterher, denen so gar nichts Kindliches anhaftet. Geschrumpfte Erwachsene, die den Spaziergang mit dem Hund über Gebühr ernst nehmen. Ich hatte vor, mit ihnen zu schimpfen, falls der Mops sich erdreistet, sein Geschäft in der Lisztstraße zu erledigen, doch nun lässt mich ihr arroganter Blick zusammenzucken. Als der Hund an der Bank vorbeitrottet, schnuppert er an meiner Wade.

»Renzo, pfui«, ruft das Mädchen und zieht kräftig an der Leine. Durch den Rückprall öffnet sich sein Maul und entblößt zwei Reihen perfekt zugespitzter Zähnchen. Renzo sieht mich ebenso erstaunt an wie ich ihn. Dabei hätte er mich gern beschnuppern können, von mir aus auch von Kopf bis Fuß. Aber vielleicht hat das Mädchen recht, und ich bin wirklich pfui. Womöglich stelle ich die größere Beleidigung für Franz Liszt dar, und nicht die Hundewurst.

An der Lisztstraße, Ecke Weberstraße, bleibe ich vor der Auslage der Boutique Monique stehen. Ich habe Stoffhunger, möchte Seide, Kaschmir, Viskose zwischen den Fingern fühlen. Zwei Schaufensterpuppen mit spitzem Busen und ultraschlanker Taille präsentieren die neue Herbstmode in Grau- und Beigetönen. Die Puppen sind so dünn, dass die Kleider am Rücken mit Sicherheitsnadeln enger geheftet werden müssen. Sie sehen ebenso arrogant drein wie die Lisztstraßen-Kinder.

Ich habe schon lange keine neue Kleidung mehr gekauft. Wenn ich vom Geld der Gesellschaft für W. etwas abzweige, dann nur, um im Textildiscounter einen Polyester-Fetzen aus der Wühlkiste zu fischen. Dass er aller Wahrscheinlichkeit nach von ausgebeuteten Frauen genäht wurde, irritiert mich, aber nur kurz. Das schlechte Gewissen wäscht sich bei dreißig Grad heraus.

Als ich das Geschäft betrete, würdigt mich die Verkäuferin keines Blickes. »Kann ich Ihnen helfen«, sagt sie irgendwann, und es klingt so, als glaube sie nicht daran. Sie kaut Kaugummi.

Die Boutique Monique hat die Form ein Schlauchs. Die Kleidungsstücke sind nach Farben und Schnitt geordnet. Ich blättere eine Stange mit T-Shirts durch, die mir seltsam eng und klein erscheinen. Die Verkäuferin beobachtet mich mit einem spöttischen Lächeln. Ein Blick auf das Etikett offenbart, dass ich mich in die Kinderabteilung verirrt habe.

Ich schlendere unauffällig ans hintere Ende des Ladens. Dort bin ich nicht allein. Eine Frau betrachtet sich im Spiegel, während sie ein weißes Shirt nach dem anderen vor ihren Oberkörper hält. Nach dem dritten Shirt erkenne ich sie. Es ist Linda Wegrostek. Befriedigt nehme ich zur Kenntnis, dass sie gute fünfzehn Kilo zugelegt hat, die sich ausschließlich in der unteren Körperhälfte angesammelt haben. Ab dem Nabel abwärts wirkt sie grotesk unförmig, ihr Oberkörper mit den kleinen Brüsten hingegen ist zart wie eh und je. Ein Zwitterwesen, an dem jeder Bauch-Beine-Po-Instruktor verzweifeln muss.

Sie tut so, als freute sie sich, und ich tue ebenso. Wir umarmen uns, ihre Wangen sind kühl. Sie erzählt von zwei Kindern, acht und zehn, die beide die Waldorfschule besuchen und später »irgendwas mit Kunst« machen werden. Ihr Mann sei im internationalen Management, er berate Multis, sagt sie, und sie spricht es mit einem lächerlichen französischen Akzent aus. Mülti, sagt sie.

»Und du?«, fragt sie. »Was ist mit dir?«

Sie legt ihren Arm um meine Schulter. »Ich freu mich wirklich ganz unglaublich, dich zu sehen«, sagt sie. Betonung auf ganz.

Diese Zutraulichkeiten kenne ich von Linda nicht, die haben sich offenbar erst im Laufe ihres Erwachsenenlebens ausgebildet. Linda gehörte zur Selma-Bande. Sie war die erste in der Klasse, die einen Freund hatte, und trug täglich frische Designerkleidung. Ich bat den lieben Gott, er möge mich endlich meinen wahren Eltern zuführen, damit ich es mit Linda aufnehmen könne. Bestimmt war ich bei der Geburt vertauscht worden, und meine richtige Familie, stinkreiche Industrielle, hatte in all den Jahren nicht aufgehört, nach mir zu suchen.

»Ich arbeite auch für einen Multi«, sage ich.

»Ah ja?« Interessiert legt Linda den Kopf schief.

»Darf ich wissen …«

Ich erinnere mich an Raouls Einkaufsliste, an Toilettenpapier, Spülmaschinentabs, Löskaffee und antworte spontan: »Nestlé. Marketing. Also: Marketingberatung. International.«

»International, klar.« Sie weicht ein wenig zurück. Damit sie nicht weiter in mich dringen kann, muss ich dem Gespräch eine dramatische Wendung geben.

»Die Pollak ist gestorben, wusstest du das«, sage ich.

Frau Professor Pollak war die einzige Lehrerin, die wir alle vorbehaltlos liebten, ein Ausbund an Geduld und Mitgefühl. Dass sie tot sein soll, ist reine Erfindung. Ich habe nie wieder etwas von Frau Professor Pollak gehört, wahrscheinlich genießt sie ihre Rente auf den Cayman Islands mit jeder Menge Eingeborenensex und Mango-Limetten-Cocktails.

Linda aber glaubt mir. Sie verzieht ihr Gesicht, tritt einen Schritt zurück und hält sich erschrocken ein weißes Longshirt vor den Mund.

»Was. Wie –«

»Ein Bergunfall«, sage ich düster. »In der Schweiz.«

»Wie schrecklich«, flüstert Linda. Sie sieht tatsächlich entsetzt aus, ihre Traurigkeit steckt mich an, und ich spüre, wie sich meine Augen mit Tränen füllen, beinahe glaube ich bereits meine eigenen Lügen.

»Sie hat das Gipfelkreuz noch erreicht, beim Abstieg ist sie in eine Felsspalte gefallen«, sage ich. »Angeblich hat sie dabei noch die Namen einiger Schüler gerufen«, sage ich und weiß gleichzeitig, dass ich den Bogen überspanne.

Lindas Stimme zittert. »Welche Namen?«, flüstert sie.

Ich rufe im Geist die Namen unserer Mitschüler auf. Kloiber, Magomeschnig, Sammer, Weihs, Perlinger. Wenn, dann müssen es kurze Namen sein, denn so tief kann eine Gletscherspalte nicht sein, nicht einmal in der Schweiz.

»Weihs und Sammer«, sage ich. »Der Bergkamerad will aber noch einen weiteren Namen gehört haben. ›Wegro-‹, soll sie gerufen haben. ›Wegro-‹, und dann nichts mehr.«

»Oh mein Gott, sie hat nach mir gerufen«, flüstert Linda. »Nach mir.«

Ihr Gesicht ist verzerrt. Ich nicke und seufze. Plötzlich steht die Verkäuferin neben uns und nimmt Linda das Shirt aus der Hand.

»Sehen Sie, was Sie gemacht haben«, schimpft sie. »Überall Lippenstift! Das müssen Sie jetzt bezahlen.«

Linda starrt die Verkäuferin mit offenem Mund an.

»Das wird schon«, sage ich und tätschle Lindas Arm. »Nestlé ruft, ich muss weiter.«

Ich verlasse die Boutique, ohne zu grüßen.

3

Die Gesellschaft für W. befindet sich im Erdgeschoß eines noblen Gründerzeithauses. An der Hausmauer Schilder von Anwaltskanzleien, Immobilienbüros und Ärzten. Höre ich im Hausflur Schritte, steige ich mit geschäftiger Miene hinauf in den ersten Stock. Ich warte so lange vor der mächtigen Holztür des Anwalts Dr. Mörbisch, bis die Schritte verklungen sind. Ich stehe gern vor der Tür des Anwalts, dort riecht es nach Lederaktenkoffer und Holzpolitur. Mittlerweile bin ich so oft davorgestanden, dass ich es als mein angestammtes Recht ansehe, dort zu warten, bis alle anderen das Stiegenhaus verlassen haben. Es muss keiner wissen, dass nicht die Anwaltskanzlei mein Ziel ist, sondern das Zimmer A084, in dem Herr Othmar residiert.

Vor der Tür des Herrn Othmar riecht es nach Lucky Strike und Angstschweiß. Damit ich später nicht mehr hinzuschauen bräuchte, prägte ich mir beim ersten Besuch das Zimmer genau ein: die grüne Resopal-Schreibtischplatte mit den abgeschlagenen Kanten. Der Aktenschrank, schwarz mit verchromten Griffen. Der Kleiderständer, der aussieht wie das Röntgenbild eines Baums. Das Foto im silbernen Rahmen, von dem man nur die Rückseite mit dem Preisschild sehen kann. Interio, 12,90 Euro. Diese erschreckende Ordnung, die nach endgültigem Erwachsensein riecht.

»Ich habe schon auf Sie gewartet, Fräulein Ruth Barbara«, sagt Herr Othmar. Das sagt er jedes Mal, wenn ich sein Büro betrete. Selbst wenn ich auf die Minute pünktlich bin. Selbst wenn ich vor der Zeit da bin. Eine Zermürbungstaktik. Oder eine dumme Angewohnheit, mit der er langsam verschmolzen ist, bis man nicht mehr sagen kann, wo die Angewohnheit endet und Herr Othmar anfängt.

Herr Othmar ist der einzige, der »Ruth Barbara« zu mir sagt. Widerlich. Ruth reicht. Kurz und hart, ohne den Weichmacher »a« am Ende.

Dieses »a« macht alles zunichte: Es lässt die Brüste wachsen und den Hintern prall werden. »Ruth« hat mich hingegen immer vor ausufernder Verweiblichung bewahrt. Das ist es wahrscheinlich auch, was Raoul an mir mochte: dass er keinerlei Anzeichen von Gefallsucht entdecken konnte. Ich bemühe mich nicht, mehr aus mir zu machen. Was vorhanden ist, muss reichen.

Herr Othmar ist da anderer Meinung. »Seien Sie dankbar, dass Sie den Namen einer Heiligen tragen«, sagt er, und ich frage mich, was er mir damit sagen will. Ich habe die Legende von der Heiligen Barbara nachgeschlagen und war drei Tage lang verstimmt. Barbara wollte unbedingt Christin werden, durfte aber nicht. Das aufmüpfige Frauenzimmmer gab nicht auf, was einen Rattenschwanz an Bestrafungen nach sich zog. Barbara wurde in einen Turm gesperrt, gemartert und gepeinigt, misshandelt, bis ihr die Haut in Fetzen vom Leib hing, sie wurde mit Keulen geschlagen, mit Fackeln gefoltert und zum Tode verurteilt. Bevor ihr Vater sie höchstpersönlich enthauptete, schnitt er ihr sicherheitshalber noch die Brüste ab. Immerhin: Ihren Job als Märtyrerin hat sie hervorragend erledigt.

»Ich wünsche mir, dass auch Sie für etwas brennen«, sagt Herr Othmar.

Ich brenne nicht, möchte ich sagen. Ich erfülle sämtliche Brandschutzauflagen, meine psychische Einrichtung ist mit Teflon beschichtet. Vor allem seit der Sache mit dem Kind, aber das hat in Zimmer A084 nichts verloren.

Dass ich mich zweimal die Woche in der Gesellschaft für Wiedereingliederung blicken lasse, reiche nicht aus, um meinen Veränderungswillen zu demonstrieren, sagt Herr Othmar.

Was weiß dieser Mann von meinem Willen? Herr Othmar führt ein kindersicheres Leben ohne Stolperfallen und scharfe Kanten. Eine Familie wie aus dem Handbuch für kooperative Staatsbürger. Zwei Mädchen, Zwillinge. Mollig, trotzdem Kunstturnerinnen. Eine Frau, Cécile, eine aus Paris importierte Juristin, die seit dem Umzug nach Wien die Zweifamilienhaushälfte saisonal umdekoriert.

Herr Othmar zeigt mir ein Foto: Cécile und er im Jardin de Luxembourg. Sie hakt sich bei ihm unter, beide lachen hinauf in den Pariser Himmel. Er: füllige Haare. Sie: füllige Figur. Alles prall vor Glück. Das war 1992, sagt Herr Othmar und betrachtet das Foto, als sähe er es das erste Mal.

Ob Cécile Frankreich nicht vermisse, frage ich höflichkeitshalber, und er antwortet: »Wo denken Sie hin, wir essen frischen Gervais und Camembert«, doch so wie er es ausspricht, klingt es nach gammeligen Käseecken.

Herr Othmar sagt: »Worin sind sie durchschnittlich? Der Markt braucht keine Spezialisten, er braucht solides Mittelmaß.«

Ich tue so, als würde ich nachdenken. Dabei sehe ich knapp an seinem Schädel vorbei und presse die Lippen aufeinander. Hin und wieder nicke ich, um den Fortgang des Denkprozesses darzustellen. Abschließend sehe ich Herrn Othmar in die Augen.

»Ich weiß nicht«, sage ich. »Ehrlich. Keine Ahnung.«

Ich muss aufpassen, denn jedes Wort kann eines zu viel sein, und im Handumdrehen falle ich aus dem Wiedereingliederungsprogramm heraus und in das Selbständigen-Training hinein. Das gilt es tunlichst zu vermeiden, denn dort wird man dem freien Markt zum Fraß vorgeworfen, damit die Gesellschaft für W. einen raschen Erfolg verbuchen kann. Von vielen dieser neuen Selbständigen hört man nie wieder etwas. Sie stranden im Sibirien der Ökonomie, dort, wo Fuchs und Hase einander die Pfote schütteln. Seit ich das erfahren habe, achte ich penibel darauf, mich auf Aussagen zu beschränken, die mich in der Zwischenzone der Gesellschaft festschrauben.

Herr Othmar seufzt. In seinem Blick mischt sich Überdruss mit Mitleid.

»Was machen Sie gern?«, fragt er und nestelt an seinem Oberlippenbart. »Wenn Sie es sich aussuchen könnten. Freie Hand. Also, wofür würden Sie sich entscheiden?«

Ich überlege kurz. »Todesanzeigen«, sage ich. »Todesanzeigen kann ich schreiben.«

»Sonst noch etwas? Verkaufen Sie gern? Können Sie sich vorstellen zu verkaufen?«

Herr Othmar trägt ein kariertes Hemd. Manschettenknöpfe. Passende Krawatte in Beige. Ein Verwalter des Scheiterns. Ein Beamter im Schloss der Versager. Die Gesellschaft für W. kann auf einen Mitarbeiter wie ihn stolz sein. Tut seine Pflicht von acht bis fünf. Ich denke mir: Er muss mich das fragen. Er macht das bestimmt nicht gerne. Er muss einfach.

Nein, sage ich. Es täte mir leid, aber ich könne nicht verkaufen. Ich bin so programmiert, dass ich nur Leute belügen kann, die ich kenne. Also Raoul oder Herrn Othmar. Bei Fremden funktioniert das nicht. Niemals brächte ich ein »Also, dieses Kleid steht Ihnen ganz ausgezeichnet« über die Lippen. Zwischen falschen Komplimenten anorektische Schaufensterpuppen neu ankleiden – womöglich noch im Boutiquenschlauch Monique –, nein, bei aller Liebe.

»Was macht die Familie?«, frage ich, um ihn von der Enttäuschung abzulenken. Er wiegt den Kopf hin und her, ohne die Augen vom Bildschirm zu lösen.

»Très bien, très bien. Was sagen Sie dazu: zwanzig Wochenstunden im Flüchtlingsheim ›Rosenkavalier‹. Deutschunterricht für albanische Flüchtlinge.«

»Ich glaube, ich kann nicht unterrichten.«

»Sie glauben?«

»Ich fürchte.«

»Sie fürchten?«

»Ich bin Legasthenikerin«, sage ich.

Mir ist übel. Raoul sagt immer, dass wir ein zweites Einkommen benötigen. Das klingt, als ob wir bereits über eines verfügten, doch in Wirklichkeit hält uns das Geld der Gesellschaft über Wasser. Was Raoul bei seinen Internet-Projekten an Land zieht, reicht nicht einmal für die erbärmliche Miete unserer Wohnung.

Herr Othmar reicht mir eine Broschüre über die Resopalplatte.

»Vielleicht ist da etwas für Sie dabei.«

Saures Lächeln. Ich habe Lust, ihm ein Baguette quer in den Mund zu stopfen.

»Richten Sie Ihrer Frau liebe Grüße aus, unbekannterweise«, sage ich.

Immer freundlich bleiben, schließlich kann Herr Othmar mit einem machen, was er will: Aktennotiz schreiben, Geld streichen oder überhaupt aus der Gesellschaft hinauswerfen, denn sein ist die Kraft und die Herrlichkeit, und alle sagen ja und amen.

Ich laufe die Lisztstraße entlang und fühle mich beschmutzt. Die Kinder sind fort, weggespült in die Kinderzimmer, sediert mit Super-RTL. Maja ruft an. Wir verabreden uns im Café Kurbel.

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