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Sturmtochter 1. Für immer verboten

PLAYLIST

Ruelle – Monsters (Acoustic Version)

AC/DC – Back In Black

Breaking Benjamin – Follow

Two Steps From Hell – Flameheart

AC/DC – Thunderstruck

Kings of Leon – Use Somebody

Jack Trammell – Crushing Blow

FAMY – Ava

MILCK – Quiet

Nightwish – Planet Hell

Two Steps From Hell – Earth Rising

Within Temptation – See Who I Am

ARIZONA – Oceans Away

David Garrett – They Don’t Care About Us

MILCK – Devil Devil

Two Steps From Hell – Protectors of the Earth

Ruelle – Madness

Sleeping Wolf – Demons at the Door

Future World Music – Aqua Vitae

Anna Christelle – Lighthouse

Fall Out Boy – The Last Of The Real Ones

Breaking Benjamin – Who Wants To Live Forever

Nightwish – Ghost Love Score

Nightwish – Bye Bye Beautiful

RAIGN – When It’s All Over

Ciara – Paint It, Black

Within Temptation – Ice Queen

Karmina – All The King’s Horses

J2 feat. Lola – Somewhere over the Rainbow (Epic Trailer Version)

PROLOG

JULIANA

KIRKWALL, ORKNEYINSELN, SCHOTTLAND

War es nicht seltsam, jemanden zu beerdigen, der gar nicht tot war? Wie nahm man Abschied von jemandem, von dem man wusste, dass er noch immer irgendwo dort draußen war? Verloren, unerreichbar, aber am Leben. Sofern man das überhaupt als Leben bezeichnen konnte.

»Juliana …« Die Stimme ihres Bruders war leise und hing zugleich schwer in der Luft. Er blieb schräg hinter ihr stehen, sein Schatten fiel auf den Grabstein.

Auch wenn sie sich nicht zu ihm umdrehte, konnte sie Elijah genauso spüren wie die warmen Strahlen der untergehenden Sonne auf ihrem Rücken. Seine Macht wurde von Tag zu Tag größer. Er versuchte, es vor ihr zu verbergen, speiste sie mit Beschwichtigungen und lockeren Sprüchen ab, doch sie wusste es besser. Sie wusste es, weil sie es schon mehrfach erlebt hatte. Wieder und wieder, bis kaum noch jemand von ihrer Familie übrig geblieben war. Und bald würde sie allein sein. Allein in diesem großen Schloss, das ihrem Clan seit Jahrhunderten gehörte und ihr Zuhause war. Doch mit jedem weiteren Tag verwandelte es sich mehr und mehr in ein Mausoleum.

»Sie ist nicht tot«, murmelte Juliana, während ihr Blick den eingravierten Buchstaben im Stein folgte. »Mum ist irgendwo dort draußen.«

»Ich weiß.« Elijah machte einen Schritt nach vorn, bis er auf einer Höhe mit seiner Schwester war.

Er überragte sie deutlich – mit seinen beinahe ein Meter neunzig und den breiten Schultern, die er früher beim Rugbyspielen in der High School stets zu seinem Vorteil eingesetzt hatte. Sein Haar hatte dieselbe Farbe wie ihres, war so dunkel wie verbranntes Holz und schimmerte im Sonnenlicht in einem warmen Braunton. Auch seine Augen ähnelten ihren, nur waren seine fast schwarz, während ihre dieselbe Farbe wie ihr Haar hatten. Dazu kamen die dichten Brauen, die ihren feinen Gesichtszügen etwas Markantes verliehen.

Schweigend standen sie vor dem Grab, in dem niemand lag. Kein Sarg. Kein Körper. Es war nur ein Symbol, nur eine Geste des Abschieds, auf die ihr Bruder bestanden hatte. Und mit der Zeit waren es immer mehr solcher Symbole geworden, immer mehr leere Gräber, bis aus dem Garten, in dem sie als Kind mit ihren Geschwistern, ihren Cousins und Cousinen gespielt hatte, ein Friedhof geworden war.

Die kühle Brise zerrte an ihren Haaren. Juliana fasste sie auf einer Seite zusammen und hielt sie auf Brusthöhe fest. Anders als Elijah brachte sie es nicht über sich, sich zu verabschieden. Das sattgrüne Gras dämpfte seine Schritte, als er auf den Stein zu- und davor in die Hocke ging. Sekundenlang verharrte er in dieser Position und murmelte etwas, was der Wind davontrug, dann stand er auf und drehte sich zu ihr um.

Obwohl er mit zwanzig gerade mal zwei Jahre älter war als Juliana, wirkte es, als wäre er in den letzten Monaten um Jahre gealtert. Denn während sie lange Zeit nicht mitbekommen hatte, was in ihrer Familie passierte, hatte er alles zusammenzuhalten versucht. Zumindest das, was noch übrig war.

»Sie ist nicht tot.« Juliana wusste, wie trotzig sie klang, aber sie musste es wiederholen, musste die Worte aussprechen, um das Gefühl von Leere und Verlust zu vertreiben. Von Verrat. »Es muss einen Weg geben, sie zurückzuholen.«

»Jules …« Seufzend fuhr sich Elijah durch das Haar. Erschöpfung lag in seinen Augen. Sie konnte ihm ansehen, dass er es müde war, für diese Familie zu kämpfen. Aber vor allem war er es müde, gegen sich selbst zu kämpfen. Gegen die Kräfte, die in ihnen beiden schlummerten und sie zu tickenden Zeitbomben machten. Zumindest hatten ihre Verwandten sie vor nicht allzu langer Zeit so genannt. Aber die konnten auch leicht reden, denn bei ihnen hatten sich bisher keine Anzeichen der Elementarmagie gezeigt, die in ihrem Clan von Generation zu Generation weitervererbt wurde.

Elijah schien etwas sagen zu wollen, schüttelte dann aber nur den Kopf. Juliana ahnte bereits, was er dachte. Diese Diskussion führten sie schon, seit sie mit dieser waghalsigen Theorie angekommen war. Seit auch ihre Lieblingstante Augustine dem Fluch ihres Clans erlegen war. Tatsächlich hatten sie es bis dahin immer als den Fluch der MacKays bezeichnet, weil es ihre Familie besonders häufig traf. Doch die Wahrheit war viel grausamer: Es betraf alle Clans. Nur waren die anderen wesentlich besser darin, ihre verlorenen Familienmitglieder zu verbergen.

Oder sie auszulöschen.

Etwas, was Juliana einfach nicht über sich brachte.

»Lass uns wieder reingehen.« Elijah deutete auf das Schloss, das sich in graubraunem Sandstein hinter ihnen erhob.

Sie nickte, wollte sich bereits abwenden, als ihr Blick an seiner Ellenbeuge hängen blieb, genau dort, wo der hochgekrempelte Ärmel seines Flanellhemds endete. Ein kleiner Riss zog sich durch seine Haut, als wäre sie eine Granitplatte, die einen Sprung hatte. Julianas Magen zog sich schmerzhaft zusammen. Sie wusste, welches Bild sich ihr bieten würde, wenn sie näher treten und es sich genauer ansehen würde: das gleiche wie schon unzählige Male zuvor.

Kleine Risse in der obersten Hautschicht waren das erste Anzeichen. Darunter schimmerte die Elementarmagie in allen Nuancen von Grün bis Braun. Mit der Zeit wurden die Risse größer, das Schimmern stärker. Es könnte wie ein Kunstwerk anmuten, wäre es nicht das Zeichen für das Ende. Das Zeichen dafür, dass die Macht zu stark für den Körper wurde. Zu stark für ihren Bruder. Genau wie für ihre Tante. Ihren Onkel. Ihren Großvater. Ihre Mutter. Und bald für sie selbst.

Tränen brannten in Julianas Augen, als sie zu ihrem Bruder hochsah. Sie schluckte hart und kämpfte gegen das Gefühl der Machtlosigkeit an, das mit jedem Tag nur noch schlimmer zu werden schien.

Hastig schob er sich den Ärmel hinunter, als könnte er so verdecken, was sie bereits gesehen hatte. Was sie beide wussten. Sorge zeichnete seine Gesichtszüge und Falten bildeten sich zwischen seinen Augenbrauen.

»Seit wann?«, brachte sie mühsam hervor.

»Es wird nicht passieren. Ich habe es unter Kontrolle.«

Sie lächelte, auch wenn es schmerzte. Weil die Erinnerung daran schmerzte. »Das hat Mum auch gesagt …«

»Jules.« Ein kaum wahrnehmbares Beben ließ den Boden erzittern. »Ich hab es im Griff. Ich werde zu keinem von ihnen.«

Sie wollte ihm glauben. Sie wollte es so sehr, dass es wehtat. Aber sie wusste auch, dass der Prozess nicht mehr aufzuhalten war, wenn er einmal begonnen hatte. Niemand in ihrer Familie hatte es geschafft, dem Machtrausch zu widerstehen. Jeder von ihnen hatte sich der unbezähmbaren Magie in seinem Inneren hingegeben, war von ihr übermannt worden und hatte jede Menschlichkeit verloren. Trotzdem weigerte Juliana sich, ihre Familie aufzugeben.

»Ich weiß«, wisperte sie und legte die Hand auf seinen Arm. »Du bist der Stärkste von uns. Wenn es jemand schaffen kann, dann du.«

Er lächelte und bedeckte ihre Hand mit seiner. Doch als die Erde erneut unter ihren Füßen zu vibrieren begann, brach sein Lächeln. Grashalme zitterten, Bäume ächzten und Staub rieselte von den Mauern des Schlosses herab.

»Das bin ich nicht.« Panik lag in Elijahs Stimme. Er grub die Finger so fest in ihre Haut, dass es schmerzte. »Bitte, Jules, du musst mir glauben. Das bin ich nicht!«

»Ich weiß.« Sie legte ihm die Hände auf die Schultern und versuchte, seinen Blick einzufangen. »Ich weiß, Eli. Bleib bei mir.«

Sein gesamter Körper wurde von dem Beben erfasst, und als die Beine unter ihm nachgaben, sank Juliana zusammen mit ihm auf die Knie. Sie würde es nicht ertragen, ihn auch noch zu verlieren. Seit sie denken konnte, war er immer ihre Konstante, ihr Fels in der Brandung gewesen. Wie sollte sie ohne ihn weitermachen?

»Sieh mich an.« Sie umfasste sein Gesicht. Die Haut war kalt unter ihren Fingern. Immer mehr Risse begannen, seinen Körper zu zeichnen, und breiteten sich genauso auf seiner Haut aus wie im Erdboden um sie herum. Pure Macht leuchtete in einem grellen Grün dazwischen auf. »Bitte bleib bei mir!«

Aber es war zu spät.

KAPITEL 1

AVA

QUIRAING, ISLE OF SKYE, SCHOTTLAND
VIER WOCHEN SPÄTER

Ich schlug die Augen auf – und starrte in das Gesicht der Kreatur. Dicke Wurzeln zogen sich wie Narben darüber und ließen nur schwarze Höhlen für Augen und Mund frei. Arme und Beine bestanden aus Holz mit langen Ästen anstelle von Fingern und einem Rumpf aus massivem Gestein. Dazwischen schimmerte es strahlend Grün auf. Der faulige Atem brannte auf meiner Haut und machte jedes Luftholen unmöglich. Als das Monster das Maul öffnete, presste ich die Hände reflexartig auf die Ohren, aber nicht einmal das konnte mich vor dem ohrenbetäubenden Brüllen schützen. Die Wucht schleuderte mich rücklings ins Gras.

Mein Kopf schwirrte, meine Ohren klingelten. Kein Wunder, dass Dad nicht wollte, dass ich allein Jagd auf diese Wesen machte. Die Dinger waren furchterregend – und tödlich. Und was tat ich, gleich nachdem er mir verboten hatte, meinem Lieblingshobby nachzugehen? Das, was jede vernünftige Siebzehnjährige an meiner Stelle getan hätte. Ich hatte mich mitten in der Nacht rausgeschlichen.

Ganz großartige Idee, Ava.

Ich sprang auf die Beine. Gerade rechtzeitig, um einer herannahenden Klaue auszuweichen. Wie mein Vater es mir schon vor Jahren beigebracht hatte, packte ich das Wesen an Arm und Rumpf und nutzte seinen Schwung, um es zu Boden zu schicken. Das verschaffte mir wenigstens ein paar Sekunden Zeit.

Ich riss eine Metallkette aus meinen Gürtelschlaufen. Schwer landete sie auf dem weichen Gras, aber das Klirren blieb aus. Denn um die einzelnen Glieder war Stoff gewickelt, der jedes Geräusch dämpfte – und dank des Benzins hoch entzündlich war. Der Edelstahl blitzte im fahlen Mondlicht auf, das sich sonst nur in den Lochs um uns herum widerspiegelte. Als hätte das Elementarwesen nur darauf gewartet, drehte es seinen knorrigen Kopf zu mir und rannte los. Direkt auf mich zu. Obwohl alles in mir danach schrie, auszuweichen oder davonzulaufen, zwang ich mich dazu, stehen zu bleiben. Mein Herz begann zu rasen. Adrenalin pumpte durch meine Adern, immer stärker, je näher das Monster kam. Als ich seinen widerwärtigen Atem erneut riechen konnte, duckte ich mich unter seiner Klaue weg.

Ich hechtete zur Seite, rollte mich über den Boden und kam hinter der Kreatur wieder auf die Beine. Im selben Moment wirbelte sie zu mir herum. Hastig zog ich das Feuerzeug aus der Tasche meines kurzen Rocks. Die Flamme tanzte einen Moment lang zwischen uns in der Dunkelheit, bevor ich sie an die Edelstahlkette hielt. Sofort brannte der Stoff lichterloh. Ich packte den feuersicheren Griff fester, holte aus und schleuderte die Waffe wie eine Peitsche durch die Luft.

Zorniges Brüllen erfüllte das Tal. Schweißperlen traten mir auf die Stirn und mein Arm begann zu schmerzen, während ich die Kette wieder und wieder durch die Luft sausen ließ. Funken stoben auf und der Geruch von verbranntem Holz begann sich auszubreiten, als das Elementarwesen an einer Stelle Feuer fing. Doch so leicht gab es nicht auf. Es wich aus, ließ sich auf alle viere fallen und raste auf mich zu. Hatte seine Statur zuvor noch der eines Menschen geähnelt, wirkte es jetzt genau wie das, was es war: ein Monster. Von einem animalischen Instinkt getrieben, der nur ein Ziel kannte: mich zu töten.

Als das Wesen erneut auf mich zustürzte, warf ich mich ins Gras, rollte weg und sprang wieder auf. Diesmal erwischte die Edelstahlkette es richtig. Die trockenen Blätter und Äste seines Körpers begannen zu brennen. Erst waren es nur kleine Flammen, doch sie breiteten sich rasend schnell aus. Der Elementar schrie auf, so laut und wütend, dass ich ein paar Schritte zurückstolperte.

Und dann war es vorbei. Vor meinen Augen zerfiel er zu Asche, bis nur noch der steinerne Rumpf übrig blieb, der sich kurz darauf ebenfalls in Staub auflöste. Ich lächelte, während sich Erleichterung und Triumph gleichermaßen in mir ausbreiteten. Einer weniger. Und eines musste man diesen Mistviechern lassen: So gefährlich sie auch waren, sie hinterließen wenigstens keinen Spuren, wenn man sie aus der Welt schaffte.

Ich trat die Flammen an der Edelstahlkette mit meinen flachen Stiefeln aus, die bereits von anderen Ausflügen dieser Art gezeichnet waren. Spuren prangten im Leder und verschmorte Stellen an den dicken Sohlen. Aber es waren meine Lieblingsstiefel und solange sie nicht auseinanderfielen, würde ich auch weiterhin darin kämpfen. Die Kette zog ich durch das Gras zu einem kleinen Rinnsal, das zwischen den Steinen hervorsprudelte. Das Metall zischte im kalten Wasser und Dampf stieg auf. Ich wusch mir die Finger, die aus den fingerlosen Handschuhen herausragten, und wischte sie anschließend an meinen schwarzen Leggings trocken.

Als ich mich wieder aufrichtete, kam eine Windböe auf und brachte einen salzigen Geruch mit sich. In der Ferne, hinter den bizarr geformten Hügeln und Schluchten von Quiraing, spiegelte sich der Mond auf einer dunklen Fläche wider. Das Meer. Ich lächelte. Wie jedes Mal wenn ich auf die Wellen hinausblickte, spürte ich das vertraute Ziehen, dieselbe Sehnsucht in meiner Brust.

Ich pustete mir eine dunkle Haarsträhne aus der Stirn, die sich aus meinem Pferdeschwanz gelöst hatte, und zog mein Handy aus dem Stiefelschaft. Zehn Uhr dreiundzwanzig. Na also. Mehr als zufrieden steckte ich es zurück. Wenn ich jetzt nach Hause fuhr, würde Dad niemals erfahren, wo ich in dieser Nacht gewesen war, denn wenn er aus dem Pub kam, würde ich schon brav in meinem Bett liegen und schlafen. Wenn ich noch länger hier draußen blieb hingegen …

Ein kaum wahrnehmbares Vibrieren erfasste mich und bahnte sich einen Weg von meinen Fußsohlen die Beine hinauf. Ich blinzelte überrascht. Das konnte nicht sein. Oder?

Langsam ging ich in die Hocke und legte eine Hand auf den Stein, aus dem die Quelle entsprang. Das Vibrieren kam eindeutig aus dem Boden. Mein Puls begann zu rasen. Ein Elementar war nichts Außergewöhnliches, aber gleich mehrere? Am selben Ort? Das war nicht normal – und konnte tödlich enden.

Bedächtig wickelte ich mir die jetzt nutzlose Edelstahlkette wieder um die Hüften und zog die beiden Silberdolche aus den Lederholstern an meinen Oberschenkeln. Sie waren ein Geschenk von Dad zu meinem sechzehnten Geburtstag gewesen. Er hatte mir nicht nur von klein auf von den Elementaren erzählt, sondern mich auch mein Leben lang auf einen Moment wie diesen vorbereitet. Selbst wenn er mir den Kopf abreißen würde, wenn er wüsste, dass ich es gleich mit mehreren dieser Wesen aufnehmen wollte. Mitten in der Nacht. Allein. Mal wieder.

Mit hämmerndem Herzen sah ich mich um. Tagsüber wirkte die Landschaft von Quiraing im Norden von Skye geradezu märchenhaft: grüne Hügel, kleine Seen und steile Felsen, so weit das Auge reichte. Bei Nacht wurde sie jedoch zu einem Ort, der einem Albtraum entsprungen sein könnte. Groteske Hügelformationen ragten in den Himmel. Dazwischen lagen Schluchten, so schwarz wie das Wasser der Lochs. Außer dem Pfeifen des Windes und dem leisen Gluckern war nichts zu hören, nicht einmal das Blöken der Schafe, die hier ständig grasten. Die Menschen glaubten, die Natur hätte diese Landschaft geschaffen, aber das war nicht wahr. Elementarwesen hatten die vielen Erdrutsche verursacht, die sie auf diese Weise geformt hatten, genau wie sie oft auch für die abrupten Wetterumschwünge auf der Insel verantwortlich waren. Und sie waren auch heute noch hier zu finden. Man musste nur wissen, worauf man achten musste. Oder die richtigen Informationsquellen haben.

Ich legte meine andere Hand auf den Boden neben das Gestein und grub die Finger ins feuchte Gras. Das Vibrieren wurde stärker, aber ich konnte noch immer nicht ausmachen, aus welcher Richtung es kam.

Dann riss es mich von den Füßen.

»Echt jetzt?«, zischte ich und rappelte mich wieder auf. Wenigstens war ich auf der Wiese gelandet und nicht ein paar Meter weiter auf den Steinen aufgeschlagen. Oder in die Schlucht hinuntergerollt. Trotzdem hatte ich mir diesen Ausflug irgendwie anders vorgestellt.

Der Boden bebte noch immer, doch jetzt kam er wellenartig auf mich zu, bis ich das Gefühl hatte, das Vibrieren in meinem ganzen Körper spüren zu können. Es war, als wäre die Erde lebendig geworden. Instinktiv umfasste ich die Dolchgriffe fester, brachte mich in Position … und spürte einen kalten Windhauch im Nacken. Im ersten Moment erstarrte ich, dann wirbelte ich herum – und wich aus. Die Pranke sauste haarscharf an meiner Wange vorbei.

Schweiß brach mir aus und ließ den schwarzen Rollkragenpullover an meinem Rücken kleben. Ich passte einen günstigen Moment ab und rannte los, rutschte im feuchten Gras aus, hievte mich hoch und hetzte weiter. Dass der Boden hier so uneben war, wie er auf der Isle of Skye nur sein konnte, war nicht gerade hilfreich. Genauso wenig die Tatsache, dass es mitten in der Nacht war und ich ohne Taschenlampe kaum Details ausmachen oder Entfernungen einschätzen konnte.

Hinter einem kleineren Hügel ging ich in Deckung. Mit angehaltenem Atem lauschte ich auf die Geräusche um mich herum, während sich die Feuchtigkeit der Grashalme in meine Leggings fraß. Die Kälte kroch die Beine hinauf und ließ mich schaudern. Immerhin war ich hier windgeschützt, sodass mir das dunkle Haar nicht weiter ins Gesicht peitschte. Das war doch mal ein Fortschritt. Das schnelle Hämmern in meiner Brust ließ trotzdem nicht nach.

Verdammt, ich musste nachdenken. Bis zu meinem Wagen mussten es noch drei-, vielleicht auch vierhundert Meter sein, der Großteil der Strecke bestand jedoch aus Felsen und Hügeln, die ich zunächst überwinden musste. Ganz davon abgesehen, dass mir die Elementare nicht dabei zusehen würden, wie ich davonrannte, widerstrebte es mir auch, die Flucht zu ergreifen. Ich hatte noch immer all meine Waffen und keine schwerwiegenden Verletzungen. Ich konnte es schaffen. Nicht unbeschadet und definitiv nicht schnell genug, um rechtzeitig wieder zu Hause zu sein, aber es war möglich.

Es musste möglich sein.

Ich lauschte in die Nacht hinein. Der Elementar, der mich angegriffen hatte, war noch ganz in der Nähe und suchte nach mir. Der andere war irgendwo unter der Erde. Ich konnte das Vibrieren noch immer unter den Füßen spüren. Und es kam näher. Ich holte tief Luft, dann trat ich hinter dem Hügel hervor.

In diesem Moment schlang sich etwas Kaltes um meine Fußgelenke und riss mich zu Boden. Ich landete im Gras, doch das schien plötzlich ein Eigenleben entwickelt zu haben. Es wuchs in unglaublicher Geschwindigkeit und legte sich wie Schlingpflanzen um meine Beine. Dann um die Arme. Feucht glitten die Ranken bis zu meinem Hals und zogen sich immer weiter zu. Die Kreatur unter der Erde musste das Gras kontrollieren – und jetzt kontrollierten die Ranken mich.

Röchelnd schnappte ich nach Luft. Blätter streiften meine Haut, Dornen bohrten sich durch meine Kleidung. Instinktiv wollte ich mich wehren, mich befreien, aber ich zwang mich dazu, die beginnende Panik zu unterdrücken und still liegen zu bleiben. Hektisch tastete ich nach meinen Dolchen. Ich musste sie beim Sturz verloren haben. Ganz langsam drehte ich den Kopf zur Seite und versuchte, die Waffen in der Dunkelheit zu erkennen. Vergebens. Dafür nahm ich das grüne Leuchten überdeutlich wahr. Der zweite Elementar hatte sich zu mir umgedreht und kam nun näher.

Weiße Punkte begannen vor meinen Augen zu tanzen. Ich bekam keine Luft mehr. Meine Hände zitterten. Ich konnte den modrigen Atem des Monsters bereits riechen, als mir die Klinge an meinem Unterarm wieder einfiel. Sie war noch ganz neu und ich hatte sie bisher nie in der Praxis eingesetzt. Jetzt hing mein Leben davon ab.

Ohne die Kreatur aus den Augen zu lassen, bewegte ich mein Handgelenk und versuchte so, die Klappmechanik auszulösen. Nur noch ein kleines bisschen. Nur noch ein bisschen mehr strecken …

Das Wesen kam näher, ragte bereits über mir auf.

Die Klinge klappte auf. Diesmal konnte mich nichts aufhalten. In einer fließenden Bewegung zerschnitt ich die Ranken an meinem Handgelenk und wollte mich losreißen. Doch die übrigen Schlingpflanzen schlossen sich fester um mich, zogen und zerrten, während der Elementar über mir mit seiner Pranke ausholte.

Unvermittelt blitzte etwas Silbernes auf und wirbelte durch die Luft. Das Monster über mir schrie vor Schmerz auf und für einen winzigen Moment ließ der Druck um meine Kehle nach. Aber das reichte aus. Ich riss mir die Schlingen vom Hals, setzte mich auf und zerschnitt die Ranken an meinen Beinen, dann sprang ich auf.

Die Welt drehte sich. Hustend rannte ich zu einer Reihe von Felsblöcken und ging dahinter in Deckung. Wenige Sekunden später landete jemand neben mir im Gras. Als ich aufblickte, erkannte ich ein vertrautes Gesicht. Braunes, leicht gelocktes Haar, das ihm in die Stirn fiel und an den Seiten kürzer war. Tief liegende Brauen über ebenso dunklen Augen, eine kleine Narbe an der Schläfe, volle Lippen und ein Bartschatten. Kaum eines dieser Details war in der Finsternis deutlich auszumachen, aber ich kannte jedes einzelne davon, weil ich ihn Tag für Tag in der Schule sah, seit er vor einem Jahr in diese Gegend gezogen war. Und alle paar Nächte trafen wir uns hier draußen in den Weiten der Isle of Skye, wo er genau wie ich Jagd auf Elementare machte.

»Wieso hat das so lange gedauert?«, brachte ich keuchend hervor.

Er fing das Chakram auf, das wie ein Bumerang zu ihm zurückgeflogen kam, und ging dann neben mir in Deckung. »Ich wollte dir nicht die Show stehlen.«

Gegen meinen Willen musste ich lächeln. »Aww, Sir Lancelot, mein Held und Retter.«

Im schwachen Licht des Mondes blitzte sein Grinsen auf, bevor er das Chakram seitlich am Gürtel befestigte und die Claymores, zwei schottische Breitschwerter, aus der Halterung an seinem Rücken zog. Wie ich war er dunkel gekleidet und verschmolz mit der Nacht. »Wann wird dir endlich klar, dass das nicht mein richtiger Name ist?«

»Mir egal. Ich nenne dich trotzdem so.«

Lance widersprach nicht. Wir wussten beide, dass es sinnlos gewesen wäre, außerdem hatten wir gerade ganz andere Dinge, um die wir uns kümmern mussten. Am Leben zu bleiben, zum Beispiel.

»Du hättest auf mich warten können«, murmelte er und spähte an den Steinen vorbei.

Ich folgte seinem Blick, doch von dem Elementar, der das Beben verursacht und mich mit den Gräsern beinahe erwürgt hatte, war nichts zu sehen. Genauso wenig von dem anderen, den Lance attackiert hatte. »Und mir von dir den ganzen Spaß verderben lassen?«

»Eigentlich dachte ich, wir hätten immer Spaß miteinander.« Er warf mir einen amüsierten Blick zu, dann wurde seine Miene wieder ernst. »Mit wie vielen haben wir es zu tun?«

»Zwei. Vielleicht auch mehr. Einen von ihnen konnte ich vorhin ausschalten.«

»Welche Art?«

»Erde.«

Er fluchte unterdrückt.

»Was denn?«, spottete ich. »Nicht dein Wunschelement?«

»Nein.« Er prüfte das Gewicht seiner beiden Schwerter. Ich hatte ihre Wirkung im vergangenen Jahr mehr als einmal aus nächster Nähe gesehen und wusste, dass sie sowohl als Wurfgeschosse als auch im Nahkampf tödlich sein konnten. Genau wie meine Dolche. »Hier sind sie im Vorteil«, murmelte er. »Wir liegen praktisch auf dem Servierteller.«

»Erzähl mir was Neues.«

Wieder versuchte ich, etwas in der Dunkelheit auszumachen. Im Mondlicht waren aber nur Konturen zu erkennen, und Erdelementare waren wahre Meister darin, wie Chamäleons mit ihrer Umgebung zu verschmelzen. Kein Wunder, da sie selbst vor allem aus Gestein, Moos, Ästen und Blättern bestanden. Dennoch meinte ich zwischen dem ganzen Graugrün ein metallisches Funkeln auszumachen, das nicht hierher gehörte.

»Ich sehe zwei.« Lance warf mir einen vielsagenden Blick zu. »Einen für jeden von uns.«

Herausfordernd zog ich die Mundwinkel hoch. »Versuch mitzuhalten, Campbell.«

»Du genauso, Coleman.«

Ich sparte mir eine Antwort, befreite die Klinge aus der Vorrichtung an meinem Unterarm, holte aus und warf sie auf das Monster, das uns am nächsten war. Normalerweise missbrauchte ich meine Waffen nicht als Wurfgeschosse, da es im Kampf zu schwierig war, sie zurückzuholen, aber viele Erdelementare waren langsam und die Chance, sie zu treffen, ziemlich hoch.

Heute nicht. Die Klinge wirbelte durch die Luft, streifte das Biest aber lediglich. Es kreischte auf, ließ sich auf alle viere fallen und sprintete in unsere Richtung.

Oh verdammt …

»Du warst auch schon mal besser in Form.« Lance stieß sich vom Boden ab und stürzte sich auf die andere Kreatur. Natürlich nahm er es nicht mit meinem Gegner auf, um mir ein zweites Mal zu helfen. So viel Ritterlichkeit passte nicht einmal zu ihm. Und wenn es nach mir ging, würde dieser Abend sowieso damit enden, dass ich ihm den Hintern rettete statt umgekehrt. Denn ich hasste es, jemandem etwas schuldig zu sein.

Ich wartete, bis das Wesen ganz nahe war, dann warf ich mich seitlich zu Boden, sprang wieder auf und rannte los. Im Laufen hob ich die beiden Dolche auf, die ich vorhin verloren hatte. Als ich mich umdrehte, war das Mistding bereits hinter mir. Ich riss die Arme hoch und wehrte die Attacke mit den verstärkten Lederarmbändern ab, die meine Unterarme schützten. Die Wucht ließ uns beide zurückstolpern.

Für einen Erdelementar war er ungewöhnlich schnell, aber das konnte daran liegen, dass er weniger aus Gestein als vielmehr aus Ranken und Zweigen bestand und dadurch leichter war. Und verdammt wendig. Schlingpflanzen schossen aus dem Boden und direkt auf mich zu.

»Oh nein. Nicht noch mal.« Ich wirbelte herum und zerschnitt sie mit beiden Dolchen in der Luft. Dann holte ich aus und ließ die Klinge auf die Kreatur herabsausen. Ich streifte ihren Rumpf, aber es war nicht genug. Nicht tödlich. Stattdessen schien es meinen Gegner nur noch wütender zu machen. In seinen dunklen Augenhöhlen glühte es grünbraun auf und spiegelte die schiere Macht, die darin lag, wider. Ich wich einem Hieb aus, rollte mich über den Boden und sprang wieder auf. Die Kreatur kreischte ohrenbetäubend. Ich kniff die Augen zusammen, hielt mich aber auf den Beinen.

Sie schlug ein weiteres Mal nach mir. Erst mit der einen, dann mit der anderen Pranke. Wieder und wieder und drängte mich dabei über einen winzigen Bach immer weiter zurück in Richtung einer Felskante. Aus dem Augenwinkel sah ich Lance mit dem anderen Elementar ringen, aber ich konnte ihm nicht zu Hilfe kommen. Erst musste ich mir selbst helfen.

Kleine Steine lösten sich unter meinen Stiefeln, als ich den Rand des Plateaus erreichte. Der Abgrund war nicht tief genug, um durch den Sturz zu sterben, aber auf ein paar Knochenbrüche konnte ich gut verzichten.

Ich wehrte den nächsten Schlag mit meinem Dolch ab. Ein Teil des knorrigen Arms landete zu meinen Füßen, wo er sich umgehend zu Staub auflöste. Na also. Ich wollte schon aufatmen, doch dann lösten sich plötzlich weitere Gestalten aus dem Boden, krochen wie Untote aus der Erde herauf und brachen aus den Felsen hervor. Die Erde zitterte erneut, Gestein knirschte und ein Riss begann sich im Boden auszubreiten.

»Oh Shit«, keuchte ich.

»Was war das?«, rief Lance. Mitten in der Drehung schnitt er seinem Gegner den Kopf ab. Das Wesen erstarrte in der Bewegung und das grünbraune Leuchten aus seinem Inneren verstärkte sich einen Herzschlag lang, dann zerfiel es zu kleinen Steinbrocken.

Ich konnte nicht antworten, sondern musste zur Seite ausweichen, um einem Schwall an Wurzeln zu entgehen, die wie Geschosse auf mich zurasten. Aber ich gönnte mir keine Pause, sondern sprang sofort wieder auf. Die Erschütterung wurde stärker, der Riss immer größer und kam geradewegs auf mich zu. Ich hechtete auf die andere Seite, hob die schmale Klinge auf, die ich auf die Kreatur geworfen hatte, und ging hinter einem Felsen in Deckung. Wurzeln und Ranken schnellten über meinen Kopf hinweg. Einen Atemzug später warf sich Lance neben mich.

»Wir sollten verschwinden.«

»Ach wirklich?«, rief ich, während kleine Steine und Blätter auf uns herabregneten und der Boden so stark bebte, als würde etwas aus seinen Tiefen hervorbrechen wollen. Oder jemand.

Lance warf einen Blick am Fels vorbei und hielt warnend die Hand hoch. Zwei Sekunden später hallte seine tiefe Stimme durch die Nacht. »Jetzt!«

Ich steckte die Waffen ein und rannte, ohne zu zögern, los. Weg von diesen Kreaturen und Richtung Straße. Richtung Sicherheit. Ohne zurückzusehen, kletterte ich Abhänge hinauf, rutschte im feuchten Gras aus, hievte mich an Steilwänden hoch und hetzte durch eine kleine Quelle. Wasser spritzte auf. Hinter mir brüllten die Elementare.

Das Knarren von Holz und Schaben von Steinen erfüllten die Luft. Wenn diese Wesen so weitermachten, würde es einen Erdrutsch geben, der der Landschaft eine neue bizarre Form verlieh.

Als die Straße in Sicht kam, atmete ich erleichtert auf, verlangsamte mein Tempo etwas, als es bergab ging, und sah mich nach Lance um. Er war direkt hinter mir.

Glücklicherweise verfolgten uns die Elementare nicht mehr, aber sie tobten und wüteten noch immer durch die Natur. Schwer atmend blieb ich am Rand der Klippe stehen und starrte auf die zerklüfteten Hügel und Schluchten, die sich vor mir ausbreiteten. Die Erde bewegte sich, verformte sich und ließ einen weiteren Beweis dafür zurück, dass es diese Monster tatsächlich gab. Nur wusste niemand außer uns die Zeichen richtig zu deuten.

»Ava …« Lance blieb schräg hinter mir stehen. Er musste nicht mehr als meinen Namen sagen, damit ich ahnte, was gerade in seinem Kopf vorging. Er war genauso wütend und frustriert wie ich, aber uns noch mal in den Kampf zu stürzen, wäre lebensmüde gewesen. Diese Kreaturen waren zu stark und wir in der Unterzahl.

Nach und nach konnten wir von dem Plateau aus beobachten, wie sich die Elementare zurückzogen, wieder in der Dunkelheit verschwanden und mit den Hügeln verschmolzen, bis nichts mehr von ihnen zu sehen war. Nichts, außer der neuen Felsformation, die sich in dieser Nacht hier gebildet hatte.

Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie sich Lance mit der Hand über den Nacken rieb. Aber es war nicht die Bewegung an sich, die meine Aufmerksamkeit auf sich zog, sondern das Blut, das an seinem Hals klebte.

»Du bist verletzt.«

»Was?« Er starrte erst mich an, dann seine rot gefärbten Finger. »Shit.«

»Lass mich sehen.«

Bevor er protestieren konnte, packte ich Lance am Arm und zog ihn mit mir zu meinem Wagen.

Er hatte sein Auto direkt dahinter abgestellt. Ich ließ ihn los und kletterte in den Jeep, um an den Erste-Hilfe-Kasten zu kommen, dann kehrte ich zu ihm zurück.

Inzwischen hatte er sich gegen die Motorhaube gelehnt und tastete erneut nach der Wunde an seinem Hals. »Es ist nichts«, murmelte er.

»Und mein verstauchter Knöchel vor ein paar Wochen war auch nichts«, erwiderte ich trocken, denn damals waren unsere Rollen vertauscht gewesen.

Wortlos ließ Lance die Hand sinken und beobachtete mich dabei, wie ich näher trat, seinen Kragen beiseiteschob und mir die Verletzung im Licht meines Handys ansah. Er hatte recht: Es war wirklich nur eine Kleinigkeit. Nur ein Kratzer eines dieser Biester, aber auch ein Kratzer konnte gefährlich werden, wenn man ihn nicht richtig behandelte.

»Hast du gewusst, dass es so viele sein würden?«, fragte er und atmete gleich darauf scharf ein, als ich seine Wunde desinfizierte.

»Nein«, gab ich zu und hielt seinen Blick einen Moment lang fest. »Sonst hätte ich auf dich gewartet.«

Seine Mundwinkel zuckten. »Von wegen.«

»Das wirst du jetzt wohl nie erfahren.« Vorsichtig legte ich eine selbstklebende Kompresse auf die Wunde.

»Was ist mit dir?«, fragte er, als ich fertig war und die Verpackung zusammenknüllte.

Überrascht sah ich auf. »Was soll mit mir sein?«

Statt einer Antwort hob er die Hand an meinen Hals. Er berührte die Stelle, an der mich die Schlingpflanzen gewürgt hatten, nicht, dennoch hatte ich das Gefühl, seine Wärme spüren zu können.

Ich schluckte hart und machte einen schnellen Schritt zurück. »Schon gut. Nur ein paar blaue Flecken, mehr nicht.«

Fragend runzelte er die Stirn. »Sicher? Wenn du wieder eine Verletzung verschweigst, nur um weiterkämpfen zu können …«

»Keine Sorge. Ich lerne aus meinen Fehlern.«

Letzten Winter waren wir an einem Loch auf Skye auf zwei Wasserelementare gestoßen. Die ganze Wasseroberfläche war zugefroren gewesen. Und obwohl ich Schlittschuhfahren liebte, hatten die beiden Wesen für eine ungewollte Schlitterpartie gesorgt, bei der ich ungünstig gefallen war. Aber ich hatte mir nichts anmerken lassen wollen, bis wir die Kreaturen besiegt hatten. Erst danach war Lance aufgefallen, dass mein Arm blutete, und so wie ich mich heute um ihn gekümmert hatte, hatte er mich damals verarztet. Inzwischen war das beinahe zu einem ungewollten Ritual zwischen uns geworden.

Ich warf den Verbandskasten auf den Beifahrersitz des Jeeps und kehrte zu Lance zurück. Gemeinsam blickten wir ein letztes Mal auf die hügelige Landschaft vor uns, dann machte ich auf dem Absatz kehrt, setzte mich hinters Steuer und startete den Motor. Auch Lance stieg in seinen Wagen. Und während Quiraing im Rückspiegel immer kleiner wurde, wusste ich, dass das hier nicht das Ende war.

Es war erst der Anfang.

KAPITEL 2

»Avalee Coleman!«

Erschrocken zuckte ich zusammen, als die Stimme meiner besten Freundin von draußen hereinschallte und all meine Pläne zerstörte, mich am Morgen unbemerkt aus dem Haus zu schleichen. Die Stiefel noch in den Händen, um ja kein Geräusch zu verursachen, war ich die Treppe hinuntergeschlichen und wollte gerade nach der Türklinke greifen, als auch schon mein Vater – von Brianna aufgeschreckt – aus der Küche dröhnte: »Avalee!«

»Ich muss los!«, rief ich über die Schulter, rannte nach draußen und warf die Haustür hinter mir zu. Ich zog die kniehohen Stiefel an und schlüpfte noch im Gehen in die Ärmel meines weinroten Blazers. Dass diese Dinger aber auch immer so unpraktisch sein mussten. Eilig glättete ich die dazugehörige weiße Bluse, als könnte ich damit die Falten wegzaubern, und rückte die Krawatte zurecht, die anscheinend nur dazu gedacht war, arme Schülerinnen und Schüler zu quälen. Dummerweise war sie Pflicht und gehörte genau wie die schwarze Strumpfhose und der karierte Rock in Grün, Lila und Weinrot zu unserer Schuluniform.

Direkt neben der Tür stand meine beste Freundin Brianna im gleichen Outfit, allerdings saß bei ihr wie immer alles perfekt. Das hellblonde Haar endete zwischen Kinn und Schultern und umrahmte ihr Gesicht in sanften Wellen. Abgesehen von dem großen silbernen Anhänger in Form einer Feder, der an einer langen Kette hing, die sie so gut wie nie abnahm, trug sie keinen Schmuck. Oder Waffen – wie ich. Nur dass ich meine Metallkette sicher in der Tasche verstaut hatte. Sie offen zu meiner Schuluniform zu tragen, wäre vielleicht doch ein bisschen zu auffällig gewesen. Aus demselben Grund hatte ich meine Unterarmklinge zu Hause gelassen – und weil ich noch an ihrer Funktionsweise arbeiten musste. Wenn sie aus Versehen mitten im Unterricht hervorschoss, gab es mit Sicherheit einen weiteren Verweis, und darauf konnte ich gut verzichten.

Brianna stemmte die Hände in die Hüften und holte tief Luft. »Eines Tages wird dich …«

»Wird mich keiner wecken und ich werde zu spät zur Schule kommen«, beendete ich ihren Satz. »Ich weiß, ich weiß.«

Zwei, drei Sekunden lang schaffte Brianna es, streng auszusehen, dann erhellte ein Lächeln ihr Gesicht. »Stimmt. Guten Morgen!«

»Nichts an diesem Morgen ist gut«, brummte ich, während wir Seite an Seite zu meinem Jeep gingen und Brianna ihr Fahrrad neben sich herschob, bevor wir es auf den Wagen luden. Eigentlich gehörte der Jeep meinem Vater, aber er hatte ihn mir überlassen, als ich den Führerschein als eine der Ersten aus unserer Klasse gemacht hatte, um allein zur Schule fahren zu können. Oder zum Schutz der Schafe, die ich in Todesangst versetzt hatte, als ich mit dem Rad querfeldein über die Weiden gerast war, um es rechtzeitig zum Unterricht zu schaffen. Dabei war das nur ein Mal passiert. Ein Mal!

Na gut, vielleicht auch zwei … oder zwölf Mal.

»Du siehst aus, als hätte dir jemand das Kakaopulver für deinen Cappuccino geklaut«, stellte Brianna amüsiert fest und stieg auf der Beifahrerseite ein. »Ich verstehe sowieso nicht, wie du das Zeug in dich reinschütten kannst.«

»Koffein und Zucker. Menschen brauchen es zum Überleben«, gab ich trocken zurück.

Die frühe Uhrzeit war eine Qual, und da ich letzte Nacht ungeplant um mein Leben gerannt war und daraufhin kaum Schlaf gefunden hatte, sehnte ich mich heute ganz besonders nach einem schönen heißen Kaffee. Mal ganz davon abgesehen, dass mein Hals an diesem Morgen wehtat und ein paar kleine rote Male zu sehen waren, die ich in aller Eile mit etwas Make-up überschminkt hatte.

»Soll ich fahren?«, schlug Brianna mit Unschuldsmiene vor.

Ich kniff die Augen zusammen und schob den Schlüssel ins Zündloch. »Wenn du willst, dass wir beide im Gefängnis – oder im nächsten Graben – landen, dann klar. Nur zu.«

Sie blies die Backen auf. »Hey, ich habe mit Mum geübt. Ich kann fahren!«

Ich schnaubte belustigt. So war Brianna, seit ich denken konnte. Sie wollte alles erreichen, alles schaffen, alles tun – und das am besten sofort. Ihre Zukunft war bereits in Stein gemeißelt – oder vielmehr in Briannas Zehnjahresplan festgehalten –, während ich noch immer nicht wusste, was ich machen wollte, wenn wir im Sommer mit der High School fertig waren. Seit Weihnachten drängte Dad mich dazu, ins Ausland zu gehen und in den Vereinigten Staaten oder auf dem europäischen Festland zu studieren, dabei waren meine Noten wirklich nicht überragend und ein Auslandssemester nicht gerade günstig. Davon mal ganz abgesehen, hatte ich keine so klaren Vorstellungen wie meine beste Freundin. Ich hatte zwar vorab ein paar Online-Collegekurse in Psychologie und Philosophie belegt, aber wirklich weiter brachten sie mich in meiner Zukunftsplanung nicht. Brianna war da ganz anders. Schon seit wir Kinder waren, hatte sie den Traum, nach der Schule zu studieren, Lehrerin zu werden, sich ein kleines Cottage zu kaufen, einen Hund anzuschaffen und früher oder später eine eigene Familie zu gründen. Nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge, aber sie arbeitete hart für ihre guten Noten und hatte sich schon vor Monaten an der Universität in Edinburgh beworben.

Ich dagegen wusste nicht mal, ob ich Porridge oder Müsli zum Frühstück essen wollte, ganz zu schweigen davon, wo ich in fünf, zehn oder zwanzig Jahren sein würde. Im besten Fall noch immer auf der Jagd nach Elementaren. Und zwar in einem Szenario, in denen ich ihnen in den Hintern trat und nicht andersherum.

Kopfschüttelnd schob ich diese Gedanken beiseite. Für solche tiefgründigen Fragen war es eindeutig noch zu früh, und ich brauchte Koffein, um richtig wach zu werden, aber an diesem Morgen hatte ich leider keine Zeit für einen Kaffee oder Schwarztee gehabt, also würde ich mit dem Zeug in der Cafeteria vorliebnehmen müssen.

Während Brianna am Radio herumdrehte und einen anderen Sender einstellte, wendete ich den Jeep und folgte dem unbefestigten Pfad von unserem Haus zur Straße hinunter. Im Rückspiegel wurden das weiße Cottage mit den grünen Fensterrahmen ebenso wie Dads Wagen immer kleiner, bis sie schließlich ganz verschwanden. Von Neals Auto war nichts zu sehen, also schien er schon zur Arbeit gegangen zu sein. Seltsam, wo Dad doch normalerweise immer in aller Frühe zur Whiskydestillerie aufbrach, während sein Lebensgefährte den Pub erst gegen Mittag öffnete.

Meine beste Freundin kannte mich gut genug, um mich morgens nicht zuzutexten, also schwiegen wir während der folgenden knapp zwanzigminütigen Fahrt die meiste Zeit über. Und so erfüllte nur das Trällern der Radiomusik das Wageninnere. In Gedanken war ich weit abgedriftet, als mich plötzlich die Stimme des Nachrichtensprechers wieder in die Gegenwart zurückholte: »… hat es gestern Nacht einen Angriff in Quiraing gegeben.«

Mit klopfendem Herzen hörte ich zu, wie er davon berichtete, dass ein Camper von einem wilden Tier angefallen worden war, das sich seinem Zelt genähert hatte. Zumindest, wenn man der Aussage des verstörten Mannes Glauben schenken konnte, der von einem Biest sprach.

Nur dass dieses Biest kein wildes Tier gewesen war, sondern ein Elementar, da war ich mir sicher. Eines der Wesen, die Lance und ich nicht hatten unschädlich machen können. Ich biss mir auf die Zunge, um jede Reaktion zu verhindern. Brianna wusste nichts von alledem und das war auch gut so. Sie war zu fokussiert, zu nett und zu normal, um ein Leben in ständiger Gefahr zu führen. Früher waren Dad und ich gemeinsam auf die Jagd nach diesen Mistviechern gegangen, doch seit seiner Verletzung und seit er Neal kennengelernt hatte, waren unsere Ausflüge immer seltener geworden. So selten, dass ich es schließlich selbst in die Hand genommen hatte, mich um dieses Problem zu kümmern. Zähneknirschend hatte mein Vater akzeptiert, dass ich hin und wieder einen Elementar allein ausschaltete, doch davon, dass ich mich dafür nachts heimlich aus dem Haus schlich, wusste er nichts. Früher oder später würde er es herausfinden und mir die Hölle heißmachen, da war ich mir sicher. Aber bis es so weit war, würde ich nicht einfach nur herumsitzen und zusehen, wenn ich stattdessen etwas tun konnte, damit nicht noch mehr unschuldige Menschen von diesen Bestien angegriffen wurden.

Nach einer Weile kam Portree mit seinen vielen bunten Häusern und der weitläufigen Küste in Sicht und ich stellte den Jeep auf dem Parkplatz hinter der Schule ab. Schon beim Aussteigen waren das Tosen der Wellen und die typischen Geräusche des Hafens zu hören. Obwohl ich verschlafen hatte, betraten Brianna und ich das Gebäude pünktlich und trennten uns an der Tür, da sich unsere Spinde in verschiedenen Gängen befanden.

Gleich würde es zur ersten Stunde klingeln – Mathe. Und obwohl ich das Fach mochte, fragte ich mich wie an jedem Donnerstagmorgen, wer unseren Stundenplan verbrochen hatte. So früh aufzustehen, war schon schlimm genug, aber dann auch noch höhere Mathematik in der allerersten Unterrichtsstunde? Unsere Direktorin musste uns hassen.

Seufzend öffnete ich die Tür zu meinem Spind. Während ich noch meine Bücher zusammensuchte, bemerkte ich aus dem Augenwinkel, wie sich jemand mit der Schulter gegen den benachbarten Spind lehnte.

»Wie geht’s deinem Hals?«

»Gut.« Ohne aufzusehen, sortierte ich meine Unterlagen weiter, damit ich für den Vormittag gerüstet war. Erst als ich damit fertig war, blickte ich zu Lance hinüber.

Wie alle anderen trug er die Uniform in den Schulfarben, die für die Jungs ein weißes Hemd und eine schwarze Bügelfaltenhose vorsah. Normalerweise gingen wir uns in der Schule aus dem Weg, aber er hatte wohl ebenfalls von dem Überfall auf den Camper gehört.

Ich musterte Lance von oben bis unten. Er war fast einen Kopf größer als ich, dabei war ich auch nicht gerade klein. Seine breiten Schultern füllten das dunkelrote Jackett aus und die gleichfarbige Krawatte hing eine Spur zu locker um seinen Hals. Für einen kurzen Moment tauchte ein anderes Bild in meinem Kopf auf – der nächtliche Lance, ganz in Schwarz gekleidet und mit den beiden Schwertern auf dem Rücken. Er schien sich in seinem Kampfoutfit wohler zu fühlen als in der Schuluniform. Noch eine Sache, die wir gemeinsam hatten.

»Wie geht’s deinem Ego?«

Seine Mundwinkel zuckten. »Seit gestern etwas angeschlagen.«

»Gut so«, murmelte ich mit einem spöttischen Unterton und drückte die Tür meines Spinds zu.

Lance zog die dunklen Brauen hoch. Bei Tageslicht war die etwa drei Zentimeter lange Narbe direkt neben seinem rechten Auge deutlich zu erkennen. Er hatte mir nie erzählt, wie das passiert war, und ich hatte nie danach gefragt, aber mit Sicherheit war es schmerzhaft gewesen und hatte genäht werden müssen. Ob Elementare daran schuld waren oder er als Kind einfach nur unglücklich hingefallen war, wusste ich nicht. Wie so vieles über ihn, war auch dieses Detail selbst nach dem ganzen Jahr, das wir uns schon kannten, weil er an dieselbe Schule ging und Nacht für Nacht mit mir über die Insel streifte, ein Geheimnis geblieben.

»Dass mein Ego angeschlagen ist, gefällt dir also?«, wiederholte er. Ungläubigkeit und Belustigung schwangen in seiner Stimme mit. Er beugte sich ein Stückchen zu mir herunter und senkte die Stimme. »Wieso überrascht mich das nicht?«

Ich hielt seinem Blick stand, wich nicht zurück. »Du kennst mich eben schon zu gut.«

Und das stimmte. Auch wenn ich kaum etwas über seine Familie wusste oder warum er allein nach Skye gezogen war, so war Lance doch von allen Menschen derjenige, der mich am besten kannte. Weil er alle Seiten von mir gesehen hatte. Er kannte nicht nur mein Schul-Ich, sondern auch die Ava, die nachts Jagd auf Elementare machte – wovon außer ihm niemand wusste.

»Das gestern war ungewöhnlich.« Er wurde eine Spur leiser.

Trotzdem sah ich den Gang hinunter, um sicherzugehen, dass uns niemand belauschte. Aber unsere Mitschüler waren vollauf damit beschäftigt, den neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen, über die Hausaufgaben zu meckern und sich auf den Weg in ihren ersten Kurs zu machen.

»Ich weiß.« Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen meinen Spind, die Bücher noch in den Händen. Kurz zögerte ich, sprach die Worte dann aber doch aus. »Ich will noch mal hin.«

»Ich weiß.«

Ein, zwei Sekunden lang war ich von seinem Lächeln abgelenkt, dann sah ich ihm wieder in die Augen. Böser Fehler. Denn dort zeigte sich ein Funkeln, das mir nur zu vertraut war.

Bevor ich etwas sagen konnte, kam er mir zuvor. »Okay, Vorschlag.« Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar, das ihm sofort wieder in die Stirn fiel. »Du. Ich. Heute Abend. Am selben Ort, aber nicht ganz so spät wie gestern.«

»Warte kurz, so viel Romantik ertrage ich nicht auf einmal.«

Er warf einen Blick an mir vorbei Richtung Uhr. »Du hast ungefähr zehn Sekunden, bis es klingelt.«

»Und jetzt auch noch Erpressung.« Ich zog die Nase kraus und tat, als müsste ich ernsthaft über sein Angebot nachdenken. »Wie kann ich da widerstehen?«

»Kannst du nicht.« Er stieß sich von dem Spind ab und schob den Rucksackgurt auf seine Schulter. »Ich schreibe dir später, wann wir uns treffen. Bis dann.«

»Bis später, Lancelot.«

Kopfschüttelnd ließ er mich stehen und war kurz darauf zwischen all den anderen verschwunden, die in ihre Klassen hetzten. Wie vorgewarnt, schrillte es kurz darauf und ich musste zusehen, dass ich es rechtzeitig in die erste Stunde schaffte.

»Was wollte er von dir?« Wie aus dem Nichts tauchte Brianna neben mir auf und starrte Lance stirnrunzelnd nach.

»Mit mir flirten?« Ich tat es mit einem Schulterzucken ab, auch wenn sich ein ungutes Gefühl in mir ausbreitete, meiner besten Freundin etwas vorzumachen. Aber es war zu ihrer eigenen Sicherheit. Außer uns schien niemand von den Elementaren zu wissen und so sollte es auch bleiben. »Keine Ahnung.«

»Hm.« Sie wirkte nicht überzeugt, während sie neben mir den Gang hinunterlief.

»Pst!« Mit einem Nicken deutete ich auf jemanden wenige Schritte von uns entfernt. »Dein Schwarm auf zwölf Uhr.«

Wie auf Kommando blieb sie stehen. Ihre blasse Haut nahm sofort einen knallroten Farbton an.

»Sag das nicht so!«, zischte sie und funkelte mich böse an.

Ich biss mir auf die Lippe, konnte mir das Grinsen aber kaum verkneifen, als Rick an uns vorbeiging und sie mit einem Lächeln begrüßte.

»Hey, Bri.«

»Guten Morgen!«, rief sie etwas zu überschwänglich, nur um mich wenige Sekunden später so fest am Arm zu packen, dass ich zusammenzuckte. »Oh mein Gott! Kneif mich bitte mal, damit ich glauben kann, dass er wirklich gerade mit mir gesprochen hat.«

»Würde ich ja, wenn du nicht mich schon kneifen würdest.« Ich löste ihre Finger einen nach dem anderen von meinem Arm.

Brianna wedelte ungeduldig mit der Hand. Sie hatte wieder diesen wild entschlossenen Ausdruck im Gesicht, der sogar unsere Lehrer in Angst und Schrecken versetzen konnte. »Eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, werde ich ihn heiraten.«

»Weil du ihn ja so gut kennst und er die Liebe deines Lebens ist?«, warf ich trocken ein.

»Nein. Weil ich weiß, was ich will und wie ich es bekomme.«

Eines musste man diesem Mädchen lassen. So süß und unschuldig sie auch wirkte, wenn sie sich etwas vorgenommen hatte, konnte nichts und niemand sie davon abhalten, ihr Ziel zu erreichen. Armer Rick. Er hatte nicht die geringste Chance.

Amüsiert beobachtete ich Brianna dabei, wie sie das Haar zurückwarf, auf dem Absatz kehrtmachte und mit einer Zielstrebigkeit in das Klassenzimmer marschierte, als ginge es darum, gleich eine Bombe zu entschärfen oder einen hochkomplexen Computercode knacken zu müssen. Ich folgte ihr nicht mal halb so motiviert, aber wenigstens konnte ich mich auf eine Revanche in Quiraing heute Abend freuen. Das machte diesen Morgen fast schon wieder erträglich. Aber auch nur fast.

Einige Unterrichtsstunden später ließ ich den Degen sinken, nahm die Maske ab und wischte mir über das verschwitzte Gesicht. Fechten war nicht der beliebteste Sport an meiner Schule, aber ich mochte ihn. Vor allem mochte ich es, all meine überschüssige Energie am Ende eines langen Schultags beim Fechtunterricht rauslassen zu können.

Mir gegenüber nahm auch Brianna die Maske ab. Ihr blonder Zopf hatte sich halb gelöst und Strähnen hingen ihr in die Stirn. Die Wangen glühten und sie atmete schwer, aber ihre Augen leuchteten.

»Du hast schon wieder gegen die Regeln verstoßen«, stellte sie fest, während wir unsere Waffen abgaben und uns auf den Weg in die Umkleide machten.

»Du auch«, konterte ich. »Was war es diesmal?«

»Körperkontakt, um einen Treffer zu vermeiden«, erwiderte Brianna sofort, blieb dann jedoch irritiert stehen. »Moment mal. Was habe ich falsch gemacht?«

Ich warf ihr ein zuckersüßes Lächeln zu. »Mir den Rücken zugewandt.«

»Was? Gar nicht! Außerdem ist das kein offizieller Regelverstoß, sondern …«

»Bringt dir aber trotzdem eine Gelbe Karte ein«, erinnerte ich sie gnadenlos und zog mir die Handschuhe aus. Wenn es eine Sache gab, die Dad mir wieder und wieder eingetrichtert hatte, dann war es, meinen Gegner nicht aus den Augen zu lassen und ihm niemals den Rücken zuzukehren – es sei denn, es gehörte zu meiner Taktik, ihn in Sicherheit zu wiegen. Andernfalls konnte schon ein kleiner Moment der Unachtsamkeit den Tod bedeuten.

Brianna streckte mir jedoch nur die Zunge raus und stapfte in den Umkleideraum. Wasserdampf und der Geruch verschiedener süßer Duschgels erfüllte die Luft. Die anderen Mädchen waren schon fast fertig und packten ihre Sachen zusammen, während wir gerade erst die Sportkleidung auszogen. Als ich den Spind öffnete, registrierte ich das Blinken meines Handys. Ich rechnete mit einer Nachricht von Lance, in der er mir die Uhrzeit für unser Treffen mitteilte, aber es war nicht sein Name, der auf dem Display erschien.

»Alles in Ordnung?«, fragte Brianna neben mir und zog ein großes Handtuch und ihr Shampoo aus dem Schrank.

»Mein Dad hat mir geschrieben. Ich soll nach der Schule im Pub vorbeikommen«, murmelte ich und legte das Handy zurück in den Spind, um meinerseits ein Handtuch und mein liebstes Erdbeerduschgel hervorzuholen.

Kleine Falten erschienen auf Briannas Stirn. »Was will er denn?«

»Keine Ahnung.« Es könnte alles bedeuten. Angefangen damit, dass eine riesige Horde Touristen angekommen war und sie meine Hilfe brauchten, bis hin zu der sehr wahrscheinlichen Möglichkeit, dass ihm mein kleiner Ausflug letzte Nacht tatsächlich nicht entgangen war.

Ich schob die Gedanken daran beiseite, trat in eine freie Duschkabine und ließ mich ein paar herrliche Minuten lang von heißem Wasser und Erdbeerduft einhüllen. Nach einem ausgiebigen Training gab es nichts Besseres – außer vielleicht einem Schaumbad und einem guten Buch. Oder meinen Lieblingstee und selbst gebackene Scones, während der Regen gegen die Fensterscheiben prasselte. Aber die Dusche kam dem auch ziemlich nahe.

Als ich endlich fertig und meine Haut schon ganz rot war, kehrte ich in die Umkleide zurück. Brianna hatte bereits ihr nächstes Sportoutfit angezogen: schwarze Leggings und ein eng anliegendes Shirt. »Und ich wollte gerade fragen, ob ich dich nach Hause fahren soll.«

Brianna richtete sich auf. »Nicht nötig. Ich muss noch zum Tanzunterricht«, erwiderte sie und begann sich das Haar zu einem französischen Zopf zu flechten.

»Verrenk dir nichts«, neckte ich sie und zog meine Schuluniform wieder an. Als Kind hatte ich auch Ballettstunden genommen, aber schnell gemerkt, dass ich Pliés hasste und zu wenig Rhythmusgefühl besaß. Also hatte ich es sein lassen und mich anderen Hobbys gewidmet: Kampfsport mit meinem Vater, Wandern, Klettern und, wenn es im Winter tatsächlich kalt genug wurde, Schlittschuhfahren. Ich liebte das Gefühl, über das Eis zu gleiten, auch wenn es ewig her war, seit ich das letzte Mal meine Schlittschuhe angezogen hatte.

Brianna zog eine Grimasse. »Wenn du wirklich im Pub aushelfen sollst, wirst du später mehr Muskelkater haben als ich.«

»Stimmt.« Ich grinste und winkte ihr zum Abschied. »Bis dann!«

Ich verließ die Sporthalle und sog die klare Luft ein, dann machte ich mich auf den Weg zum Pub. Da es nur wenige Minuten zu Fuß waren, ließ ich den Wagen auf dem Schulparkplatz stehen und stellte Briannas Fahrrad für sie in einen der Ständer. Portree war eher ein großes Dorf als eine richtige Stadt. Zur Hochsaison gab es hier mehr Touristen als Einheimische, aber daran hatte ich mich schon vor langer Zeit gewöhnt. Ich liebte die frische Meeresbrise und die bunten Häuser, den Hafen und die kleinen Geschäfte.

Ein Busfahrer ließ mich vor ihm die Straße überqueren und ich hob zum Dank die Hand, bevor ich auf die andere Seite wechselte. Der Boden glänzte noch vom Regen, aber zwischen den Wolken strahlte bereits wieder die Sonne herab. Hätte es da nicht den kühlen Wind von der Küste gegeben, wäre es für Anfang Juni an diesem Nachmittag geradezu warm gewesen. Beim Gedanken daran schüttelte es mich. Ich mochte Hitze nicht und war heilfroh, dass es hier im Norden selten extrem heiß wurde.

Auf dem Weg entdeckte ich eine Gruppe Backpacker, die gerade in einem der vielen Hostels eincheckte. Gut möglich, dass sie später in den Pub kommen würden. Doch als ich diesen schließlich erreichte und die Tür aufstieß, war nicht übermäßig viel los. Der vertraute Geruch von altem Holz, Bier, Whisky, Kaffee und frisch zubereitetem Essen strömte mir in die Nase. Zu der Musik, die in angenehmer Lautstärke im Hintergrund lief, mischten sich die Stimmen der Gäste. Manche saßen an der Bar, andere an den Tischen und blätterten durch die Karte. In einer Ecke hatte es sich eine junge Familie gemütlich gemacht. Der Vater hielt ein Baby auf dem Schoß und tunkte Pommes in den Ketchup auf seinem Teller, während die Mutter einen Burger vor sich hatte und die beiden vergnügt beobachtete.

Neal stand hinter der Bar, die Ärmel seines Hemds bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, wodurch die Tattoos auf seiner dunklen Haut erkennbar wurden. Obwohl er gerade dabei war, ein frisches Bier zu zapfen und sich gleichzeitig mit einem Besucher unterhielt, bemerkte er mich und zwinkerte mir zur Begrüßung zu. Ich lächelte. Alles wirkte wie ein typischer Nachmittag im Pub. Es gab keinen ersichtlichen Grund, mich hierher zu zitieren. Also blieb nur noch …

»Avalee!«

Ich erstarrte. Dieser Tonfall hatte nichts Gutes zu bedeuten.

Mein Vater war aus einer Sitznische aufgestanden und blieb mit in die Hüften gestemmten Händen vor mir stehen. In dieser Pose kamen seine Arme, die sowieso schon Baumstämmen ähnelten, noch deutlicher zur Geltung und er wirkte beinahe Furcht einflößend. Sein rotbraunes Haar, der Vollbart, der wütende Blick und die tiefen Falten in seiner Stirn verstärkten diesen Eindruck nur noch.

»Wo warst du gestern Nacht?«

»Im Bett …?«, versuchte ich es mit dem gleichen unschuldigen Lächeln, mit dem Brianna immer durchkam.

Sein Stirnrunzeln vertiefte sich. »Glaub ja nicht, ich wüsste nicht, dass du überall, außer in deinem Bett warst, junge Dame.«

Junge Dame? Autsch. Wenn er mich so nannte, dann steckte ich wirklich in Schwierigkeiten.

Seufzend ließ ich mich auf die gepolsterte Bank fallen. Sie befand sich in einer Ecke des Raums mit Blick auf die gesamte Bar und war dennoch abgeschieden genug, dass niemand unser Gespräch mithören konnte. Auf dem dunklen Holztisch standen bereits ein angefangenes Bier und ein Glas Cola, das auf mich wartete. Koffein. Endlich! Das Zeug, das sie in der Cafeteria servierten, war zum Davonrennen.

»Ich war in Quiraing«, gestand ich.

Dad und ich waren schon immer ehrlich miteinander gewesen. Er hatte mir von Neal erzählt, noch bevor sie richtig zusammengekommen waren, er ließ mich an den Schwierigkeiten in der Destillerie ebenso teilhaben wie an den Erfolgen. Und ich hatte ihm schon als Siebenjährige von dem Jungen erzählt, den ich toll fand, der sich später jedoch als Idiot entpuppte, als er mich von einer Schaukel schubste. Genauso wie von meinen Problemen, in der Schule richtig Anschluss zu finden. Denn obwohl ich wie die meisten meiner Mitschüler auf Skye aufgewachsen war, würde ich für immer das Mädchen bleiben, das im Alter von sechs Jahren beinahe ertrunken war und nur überlebt hatte, weil ein kleiner Junge ihm das Leben gerettet hatte. Das Mädchen, das seine Mutter bei dem schlimmsten Schiffsunglück der letzten zweihundert Jahre verloren hatte. Und Kinder konnten grausam sein.

Mein Vater setzte sich mir gegenüber an den Tisch und schob sein Glas zur Seite. »Du warst jagen.«

Ich nickte.

»Wie oft habe ich dir gesagt, dass du nachts nicht allein rausgehen sollst?«

Ich hätte schwören können, dass die Gläser und Flaschen hinter der Bar erzitterten, so zornig klang er. Ein Knoten begann sich in meinem Magen zu bilden, aber ich zuckte nicht zusammen, wich seinem Blick nicht aus. Stattdessen reckte ich das Kinn vor. »Dann hättest du mir nichts von diesen Wesen erzählen und mich nicht trainieren sollen. Was soll ich deiner Meinung nach sonst tun? Zu Hause herumsitzen und Däumchen drehen?«

Es war meine Standardantwort. Inzwischen hatte ich es aufgegeben zu zählen, wie oft wir diese Diskussion schon geführt hatten. Und sie endete immer damit, dass wir beide laut wurden. Aber egal wie sehr wir uns stritten, ich wusste trotzdem ohne jeden Zweifel, dass mein Vater immer für mich da war. Sollte ich mir zehn Sekunden nach unserem Streit den Arm brechen oder wegen einer schlechten Note zu ihm kommen, wäre alles andere sofort wieder vergessen.

»Das habe ich getan, um dich zu beschützen!« Seufzend rieb er sich über den breiten Nacken. Seine Hände waren schwielig von der jahrelangen Arbeit in der Destillerie, dem Mithelfen in Neals Pub und dem Kampf gegen Elementare. »Das haben wir doch schon durch. Du sollst dich verteidigen können – und nicht plötzlich ständig allein auf die Jagd gehen. Und das auch noch jede Nacht.«

»Nicht jede Nacht …«

Es war nur jede dritte. Meistens.

»Avalee!«

Diesmal zuckte ich zusammen, aber nicht aufgrund seines scharfen Tonfalls, sondern weil ich neben der Wut noch etwas anderes in seinen Augen lesen konnte: Sorge. Er hatte sich gestern wirklich Sorgen um mich gemacht. Ich öffnete den Mund, um ihm zu versichern, dass ich auf mich aufpasste und er sich keine Gedanken machen müsste, weil ich den besten Trainer gehabt hätte, den man sich wünschen könnte. Und weil ich nicht allein unterwegs sei, sondern in den meisten Nächten Unterstützung bekäme. Doch dann schloss ich den Mund unverrichteter Dinge wieder. Dad wusste nichts von Lance – und daran würde ich nichts ändern. Es war nicht mein Geheimnis, sondern seines, und außerdem nicht meine Aufgabe, meinem Vater davon zu erzählen. Ich wusste nicht, warum Lance tat, was er tat, aber ich würde ihn nicht verraten. Genauso wenig wie er mich. Wenn ich auf eine Sache zählen konnte, dann darauf.

»Avalee …«, wiederholte er, diesmal eine Spur leiser und eindringlicher. »Genug ist genug. Ich möchte, dass du damit aufhörst. Ein für alle Mal.«

»Was?« Meine Stimme klang schrill. Hohl. Unnatürlich. Sekundenlang konnte ich ihn nur anstarren. Er wollte, dass ich mit dem Jagen aufhörte? Für immer? Mit der einzigen Sache in meinem Leben, derer ich mir absolut sicher war und die mir das Gefühl gab, etwas zu bewirken?

Ein bedrückter Ausdruck legte sich auf seine Miene, doch das täuschte nicht über die Entschlossenheit hinweg. »Ich möchte, dass du mit der Jagd aufhörst. Es war ein Fehler, dir alles zu erzählen und beizubringen. Ich dachte, ich würde dich damit beschützen, aber in Wahrheit habe ich dich damit einer viel größeren Gefahr ausgesetzt.«

War es wegen der Sache mit dem Camper, die heute in allen Nachrichten kam? Sicher, das Thema Jagd war schon länger ein Streitpunkt zwischen Dad und mir gewesen, aber nie zuvor hatte er von mir verlangt, dass ich es gänzlich aufgab. Er hatte mir immer nur zu verstehen gegeben, dass er es nicht guthieß, was ich tat, und dass ich auf mich aufpassen sollte. Aber da war ich meistens auch tagsüber an den Wochenenden losgezogen und nicht mitten in der Nacht, wenn ich am nächsten Tag zur Schule musste.

»Das ist nicht dein Ernst!«, platzte ich heraus.

»Doch, ist es. Wenn wir zu Hause sind, gibst du mir deine gesamte Ausrüstung. Kein heimliches Wegschleichen, kein Aus-dem-Fenster-Klettern, keine nächtlichen Ausflüge mehr. Zwing mich nicht dazu, dir den Autoschlüssel wegzunehmen«, fügte er hinzu, als ich schon nach Luft schnappte, um zu protestieren.

»Das kannst du nicht machen«, stieß ich hervor. »Warum jetzt? Weil ich mich ein Mal nachts weggeschlichen habe?«

»Ein Mal?«, wiederholte er ungläubig. »Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft du nicht da warst, wenn wir aus dem Pub gekommen sind, oder wie oft ich mitten in der Nacht aufgewacht bin und der Jeep weg war. Du gibst nicht Bescheid und gehst unnötige Risiken ein. Wie oft bist du in letzter Zeit mit blauen Flecken heimgekommen, hm? Und was ist das da an deinem Hals?«

Ich unterdrückte den Impuls, mir an die Kehle zu fassen. Nur bei genauem Hinsehen entdeckte man die roten Spuren, die größtenteils vom Kragen meiner Bluse und einer Schicht Make-up verdeckt wurden. Die meisten Leute würden sie vielleicht für Knutschflecken halten, aber Dad wusste es besser. Er wusste es, weil er es ebenfalls mit dieser Sorte von Elementaren aufgenommen hatte und diese Begegnung ihn fast das Leben gekostet hätte. Mich auch, wenn Lance nicht aufgetaucht wäre … Aber im Gegensatz zu Dad war ich nur mit ein paar Schrammen nach Hause gekommen, nicht mit einem Knochenbruch, der ihn monatelang auf Krücken hatte gehen lassen, nachdem er eine Klippe hinuntergestürzt war. Danach war er immer seltener jagen gegangen und als er kurze Zeit später Neal kennengelernt hatte, hatte er ganz damit aufgehört.

»Tut mir leid«, murmelte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen.

Er seufzte tief und streckte die Hand nach mir aus. »Du weißt, dass ich für den Rest der Woche in Aberdeen und Edinburgh auf Geschäftsreise bin. Ich muss mich darauf verlassen können, dass du wenigstens so lange nicht auf die Jagd gehst.«

Sorry, Dad. Aber ich war noch lange nicht fertig. Und irgendeine Geschäftsreise war kein Grund, mir das Jagen zu verbieten.

»Tut mir leid, dass ich nicht einfach daheim rumsitzen und diese Mistviecher weiter morden lassen kann. Ich weiß, nach Mums Tod war das genau das, was du dir für mich erhofft hast, als du mir von ihnen erzählt und mich trainiert hast.« Meine Stimme triefte nur so vor Ironie.

Obwohl der Pub mit Leben, Lachen und Musik erfüllt war, herrschte für einige Sekunden eine eisige Stille zwischen uns.

»Du hörst damit auf. Das ist mein letztes Wort.«

»Meins auch.« Ich packte meine Schultasche und stand auf. Wut ballte sich in mir zusammen und ließ meine Hände zittern, aber ich würde jetzt auf keinen Fall klein beigeben. Wozu sollte all das denn gut gewesen sein, wenn er mir nicht erlauben wollte, Jagd auf Elementare zu machen? Wozu das jahrelange Training und die gemeinsamen Ausflüge? Warum weihte er mich in diese Sache ein, wenn er nicht wollte, dass ich etwas dagegen unternahm? So wie er es früher getan hatte – und vielleicht auch heute noch tun würde, wenn die verbliebenen Schmerzen in seinem Bein ihn nicht daran hindern würden.

»Avalee!«, rief er mir nach, aber ich reagierte nicht darauf.

Ich stürmte durch den Pub, ignorierte Neals fragenden Blick von der Bar aus, stieß die Tür auf und lief zum Schulparkplatz zurück, wo ich in meinen Jeep stieg. Ich musste hier weg und kannte genau den richtigen Ort, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Doch vor Dads Worten konnte ich nicht so einfach davonlaufen. Sie hatten sich in meinem Bewusstsein verankert und hallten in meinen Gedanken nach.

Das habe ich getan, um dich zu beschützen! Damit du dich verteidigen kannst.

Denn Mum hatte sich nicht verteidigen können.

Und sie hatten sie getötet.

KAPITEL 3

REID

Hitze knisterte und Flammen tanzten über seine Haut, aber sie verbrannten ihn nicht. Als er die Augen öffnete, zogen sie sich genauso schnell wieder zurück, wie sie aufgetaucht waren. An ihre Stelle trat ein kühler Wind, der den salzigen Geruch des Meeres zu ihm trug. Es war Monate her, seit er zuletzt am Meer – und Jahre, seit er das letzte Mal hier gewesen war. Langsam begann Reid sich umzuschauen. Seine roten Chucks versanken im goldgelben Sand. Ein Rauschen drang an sein Ohr, und als er den Kopf hob, sah er, wie die Wellen kamen und gingen. Nicht allzu weit entfernt brachen sie sich an den Klippen und Gischt spritzte meterhoch in die Luft.

Obwohl es über ein Jahrzehnt her war, seit er diesen Ort besucht hatte, erkannte er ihn sofort wieder. Skye hatte etwas an sich, was man nur schwer vergaß. Selbst wenn man von der Insel nur einen Strand und ein paar Klippen kennengelernt hatte. Auch wenn er damals noch ein Kind gewesen war – gerade einmal sechs Jahre alt – hatte sich dieser abgelegene Platz in sein Gedächtnis eingebrannt. Zusammen mit dem Mädchen, das er an jenem Tag entdeckt hatte – leblos, blass und inmitten der stürmischen See, bevor er es herausgezogen hatte.

Er drehte sich zu der Stadt um, die sich hinter ihm erhob, obwohl man diese kleine Ansammlung von Häusern kaum als solche bezeichnen konnte. Seine Heimat Glasgow war eine Stadt mit unendlich vielen Facetten und groß genug, um sich darin zu verlieren. Aber hier kannte bestimmt jeder jeden. Und auch er war kein Unbekannter. Zumindest die Mitglieder der fünf großen Clans wussten, wer er war. Reid verzog das Gesicht. Die Clans waren auch der Grund für seinen Besuch. Genauer gesagt sein Vater, der ihn hierher geschickt hatte, um ein weiteres Mal mit den verbliebenen MacLeods in Verhandlungen zu treten. Wie immer ging es um Ländereien und Politik.

Seufzend machte Reid sich auf den Weg, schließlich war er nicht zum Vergnügen hier. Wahrscheinlich empfand sein Dad irgendeine perfide Freude daran, seinen ältesten Sohn auf diese Weise zu bestrafen. Dabei hatte er gar nicht vorgehabt, den Stall anzuzünden. Er hatte nur Willa, diese unfassbar attraktive und freche junge Frau beeindrucken wollen, nachdem sie ihn förmlich dazu herausgefordert hatte. Es hatte ja keiner ahnen können, dass sich das Ganze zu einem Häuserbrand entwickeln würde, der sogar die Feuerwehr auf den Plan rief. Glücklicherweise waren alle Pferde bereits auf der Weide gewesen und niemand war verletzt worden, aber die wütende Stimme seines Vaters hallte noch immer in Reids Ohren nach.

Mit jedem Schritt versanken seine Schuhe im Sand und er fragte sich unwillkürlich, warum er ausgerechnet hier gelandet war, als er in Gedanken die Insel angepeilt hatte. Vielleicht, weil dieser Strand die stärksten Erinnerungen barg, die er von Skye in sich trug. Und von dem Mädchen … Ein letztes Mal drehte er sich um, aber der Strand war noch immer menschenleer. Doch als er sich abwenden wollte, blieb sein Blick an den Klippen hängen. Hoch oben erkannte er einen dunklen Wagen, der vor wenigen Sekunden noch nicht da gewesen war. Wer fuhr freiwillig bis an den Rand der Klippen hinauf? Niemand – außer diese Person hatte eine ganz bestimmte Absicht.

Reid wartete. Zögerte. Sein impulsives Handeln und seine schnell gefällten Entscheidungen hatten ihm schon mehr als einmal Ärger eingebracht. Bestimmt malte er sich gerade nur das Schlimmste aus, und das auch nur, weil er auf dieser Insel schon einmal jemanden gerettet hatte. Doch dann tauchte eine schmale Gestalt am äußersten Rand der Klippe auf – und er dachte nicht länger nach. Er handelte.

Wieder züngelte Feuer über seine Haut und schloss ihn in eine wärmende Umarmung, ohne ihn zu verbrennen, denn er war das Feuer. Für den Bruchteil einer Sekunde bestand er nur noch aus Hitze und zerstörerischer Gewalt. Als er die Augen öffnete, war es vorbei und er stand hinter der Gestalt auf den Klippen. Wie sich nun herausstellte, handelte es sich um ein Mädchen in seinem Alter.

»Das ist eine ganz miese Idee.«

Sie drehte sich zu ihm um – und für einen Moment stockte ihm der Atem. Der Wind peitschte ihr das rötlich schimmernde Haar ins Gesicht. Sie hatte einen so intensiven Blick, dass er fast einen halben Schritt zurückgewichen wäre. Aber da war noch mehr. Etwas, das ihm erschreckend vertraut vorkam. Die Schuluniform konnte es nicht sein, denn die war ihm fremd. Sie musste von der Insel stammen. Aber dieses Gesicht … diese stürmischen Augen …

»Was ist eine miese Idee?«, fragte sie.

»Zu springen.« Er sah zum Wasser hin. Viel konnte er von hier aus nicht erkennen, aber er wusste sehr genau um die Kraft des Meeres und die spitzen Steine da unten. Mit sehr viel Glück würde sie den Sprung überleben, sich dabei aber sämtliche Knochen brechen. Und er wusste, wovon er sprach, da er vor ein paar Jahren bei einer Mutprobe von einer Klippe gesprungen war und den restlichen Sommer im Krankenhaus hatte verbringen müssen.

Die Fremde schnaubte nur. »Ich will nicht springen. Ich brauche auch keinen Retter und auch niemanden, der mir sagt, was ich tun oder lassen soll. Davon habe ich schon mehr als genug.«

Vorsichtig trat er neben sie. Das Land endete nur wenige Zentimeter vor seinen Füßen und fiel abrupt ab. Zornig krachten die Wellen gegen das Gestein und die Gischt spritzte so hoch auf, dass er das Salz fast schmecken konnte. Dazu die wilden Böen, die an Haaren und Kleidung zerrten. Langsam drehte er den Kopf wieder zu der Fremden.

Sie war ziemlich groß, nur ein paar Zentimeter kleiner als er selbst, und zeigte nicht die geringste Spur von Furcht. Sie zitterte nicht, und wenn sie angespannt war, dann nur, um sich gegen den Wind zu stemmen, der hier oben toste. Für einen Moment konnte er seinen Blick nicht von ihren vollen Lippen lösen. Dann sah er auf.

Sie musterte ihn misstrauisch, bis sich ihr Gesichtsausdruck auf einmal veränderte. Von abwehrend zu ungläubig – und verwirrt.

»Ich kenne dich …«, stieß sie hervor und ihre Augen weiteten sich.

Und plötzlich erinnerte auch er sich. Diese riesigen Augen, so blau wie der Atlantik, der sie mit all seiner Macht an den Strand gespült hatte, nur um sie gleich darauf wieder mit sich fortzureißen.

Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem angedeuteten Lächeln, obwohl sein Puls zu rasen begann. »Ziemlich lange her, was?«

Damals waren sie beide Kinder gewesen. Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass er sie bei seinem zweiten Besuch auf der Insel wieder treffen würde? Und dann auch noch am Meer? Nicht weit von der Stelle entfernt, an der das Schicksal sie vor so langer Zeit zusammengeführt hatte?

»Das kann nicht sein …«

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