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Sturmland

Über das Buch

Sie hat drei Menschen getötet.

Und wurde freigesprochen.

Doch ihre Taten verfolgen sie …

Für die einen ist sie eine Mörderin, andere sehen in ihr eine Heldin: Elin, inzwischen Anfang zwanzig, befindet sich mitten im Wahlkampf um einen Sitz im Reichstag und reist durch das zerstörte Land, um sich als Kandidatin zu präsentieren. Doch es fällt ihr nicht leicht, sich auf die Fragen der Menschen zu konzentrieren – Ängste und Zweifel quälen sie und die traumatischen Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit drohen sie einzuholen. Zudem zieht sich das Netz aus Intrigen immer enger um Elin zusammen …

Band 3 der mitreißenden STURMLAND-Saga.

Mehr unter www.sturmland.de
Mats Wahl

Mats Wahl

Sturmland

Aus dem Schwedischen von Gesa Kunter

Carl Hanser Verlag

Kapitel 1

Ein blassgelber Schein umgibt das Pferd. Ein Reiter sitzt aufrecht auf seinem Rücken und hält die Zügel lose in der Hand. Er reitet den Waldweg entlang.

Der junge Mann im Sattel ist groß, seine Haare haben die gleiche Farbe wie das Fell des Pferds und fallen ihm gelockt über die Schultern. Er hat ein breites Kreuz, kräftige Oberarme und trägt eine ausgewaschene, fransige Jeansweste. Sein Hals ist so auffällig dünn, als würde er zu einem anderen Körper gehören.

Unter der Weste trägt der Reiter ein schwarzes T-Shirt. Es ist in eine blaue Jeans gesteckt, die von einem weißen Gürtel gehalten wird. An den Füßen hat er weiße, neu aussehende Turnschuhe und am Ringfinger seiner linken Hand steckt ein Goldring.

Als der Reiter von einer Erhöhung aus das Haus am See erblickt, drückt er dem Pferd die Fersen in die Seiten und galoppiert den Hang hinunter, geradewegs auf die Fliederhecke zu. Dort bringt er das Pferd zum Stehen und liest, was auf dem Briefkasten steht.

Drinnen im Haus bellen Hunde, ein Mann öffnet die Tür und zwei Dackel schlüpfen nach draußen. Der Mann stützt sich auf eine selbst gezimmerte Krücke. Seine Haare sind grau und der Bart hängt ihm über den runzligen Hals, seine Augen sind farblos, die Lippen dünn.

»Sind Sie das, der ein Fernglas zu verkaufen hat?«, ruft ihm der Reiter vom Sattel aus zu.

Der Alte mit der Krücke nickt und mahnt die Hunde zur Ruhe.

Der junge Mann sitzt ab, legt die Zügel um den Torpfosten und geht den gepflasterten Gartenweg entlang, der von zitronengelben Stiefmütterchen gesäumt ist.

Das Haus war früher einmal ein Bauernhaus, doch im Laufe der Zeit wurde angebaut und an den Ecken stehen Sockel, an denen das aus Stahl geschweißte Dach mit robusten Drahtseilen befestigt ist.

Der junge Mann ist um einen Kopf größer als der Alte mit der Krücke. Die Dackel beobachten das Geschehen neugierig.

»Komm rein«, sagt der Alte und die Dackel folgen ihnen dicht auf den Fersen.

Durch die Haustür gelangt man direkt in die Küche. Eine breite Tür neben dem Herd führt in ein nach Süden ausgerichtetes, helles Zimmer auf der Hinterseite des Hauses. Durch die Fenster, die die komplette Längsseite des Hauses einnehmen, blickt man auf einen ungemähten Rasen und ein angrenzendes Waldstück mit Wildwuchs und niedrigen Birken. Unterhalb einer Böschung breitet sich der See aus, blau und still. Hinter einem Schilfbüschel kann man ein paar Höckerschwäne erkennen.

Im Zimmer befinden sich ein weiß getünchter offener Herd, zwei über Eck stehende Sofas, ein Couchtisch aus Kiefernholz und ein größerer Tisch mit sechs hohen Lehnstühlen. Es riecht nach Seife und Pfeifenrauch.

»Bitte«, der Hauseigentümer zeigt mit seiner Krücke auf eins der abgewetzten Sofas.

Der Besucher setzt sich und der Alte streicht sich mit runzliger Hand über das Kinn: »Du möchtest also das Fernglas sehen?«

»Ja.«

Der Mann nimmt ein Fernglas vom großen Tisch. Auf die Krücke gestützt humpelt er die wenigen Schritte zurück zum Couchtisch, die Apparatur in der ausgestreckten Hand. »Das Beste, was es auf dem Markt gibt, bis fünfzehnhundert kommst du damit. Du kannst es am Fenster testen, dann sehen wir, was der Satellit als Entfernung angibt.«

Der junge Mann in der Jeansweste nimmt das Fernglas entgegen, erhebt sich und geht zu einem der Fenster, richtet es auf ein rot bemaltes Haus auf der anderen Seite des Sees und hält die Okulare an die Augen.

»Du musst auf den grauen Knopf drücken«, weist ihn der Mann mit der Krücke an. »Die Batterie ist im Ruhezustand.«

Innen im Fernglas leuchtet ein roter Punkt auf, so groß wie ein Streichholzkopf, und mit dem Bewegen des Fernglases verändert sich nun auch die Entfernungsanzeige. Als der rote Punkt auf dem Gebäude auf der anderen Seeseite zu ruhen kommt, erscheinen neue Zahlen.

»780 Meter bis zum roten Haus«, stellt der junge Mann fest.

»Dann sehen wir mal nach, was die Karte sagt«, brummt der Alte und aktiviert die Bildwand. Er steuert sie mit den entsprechenden Kommandos und kurz darauf erscheint ein Satellitenbild der Umgebung. Der Alte markiert sein Haus und den Hof auf der anderen Seite des Sees. »Entfernung!«, ruft er und die Zahl 781 erscheint auf der Bildwand. »Um einen Meter kann es bei hoher Entfernung abweichen. Das ist ein gutes Gerät, du wirst nicht enttäuscht sein. Wofür brauchst du es?«

»Für die Pirsch und die Schweine«, antwortet der Jüngere mit gesenktem Blick.

»Du schießt also aus weiter Entfernung?«

»Manchmal.«

Der alte Mann nickt, sieht aber zweifelnd aus: »Mit einer guten Waffe kann das gelingen, wenn die Entfernung nicht allzu groß ist. Gibst du das Gewicht der Kugel ein, erscheint ein grüner Punkt oberhalb des Ziels. Da musst du draufhalten. Eine Funktion, die das Ganze erleichtert.«

Der junge Mann hebt den Blick. Er verzieht den Mund. »Was kostet es?«

»Die Hälfte des Einkaufspreises.«

»Wie lange haben Sie es schon?«

»Zwei Jahre.«

»Warum verkaufen Sie es?«

»Letztes Jahr habe ich die Büchse verkauft, die ich zu meinem sechzehnten Geburtstag bekam.« Der Alte legt sich die Hand auf den Schritt. »Habe meine letzte Elchjagd hinter mir. Die Prostata.« Er zeigt auf das Fernglas. »Willst du es haben?«

Der junge Mann betrachtet das Gerät in seiner Hand. »Um wie viel vergrößert es?«, fragt er.

»Um das Zehnfache.«

Der zukünftige Käufer schiebt sich eine Ladung Snus-Tabak unter die Lippe.

»Kein einziger Kratzer«, versichert der Alte. »Wie neu. Ich glaube, ich weiß, wer du bist«, spricht er weiter. »Mård Ivarson, nicht wahr?«

Mård nickt, legt das Fernglas auf den Couchtisch und setzt sich. Er holt sein Mobil heraus und stellt Kontakt zu seiner Bank her.

Neben dem Fernglas steht ein Aschenbecher aus Keramik, auf dessen Rand eine Seejungfrau sitzt. Sie hat goldenes Haar und sieht aus, als ob sie das Meer sehr vermisst. Unweit von ihr liegt eine stark beanspruchte Dunhill-Pfeife mit kurzem Holm.

Das Geschäft ist abgeschlossen, Mård erhebt sich und streckt seine Hand aus. Der Alte hat einen festen Handschlag und lässt nicht gleich los.

»Du bist doch der, dessen Eltern niedergeschossen wurden. Vor deinen eigenen Augen. Drei Jahre ist das her, oder?«

»Ungefähr«, sagt Mård, nimmt das Fernglas und untersucht es aufs Neue, als würde er fürchten, dass sich ein nahezu unsichtbarer Fehler auf dem Gehäuse befinden könnte.

Der Alte räuspert sich. »Es gibt ein Futteral dafür.«

Kurz darauf steht Mård an der Pforte, löst die Zügel, setzt einen Fuß in den Steigbügel und schwingt sich auf das Pferd. Das Fernglasfutteral hängt mit einem Riemen über seiner Schulter. Mård nickt dem alten Mann zu, drückt die Fersen in die Flanken des Pferdes und verschwindet im Galopp in die Richtung, aus der er gekommen ist.

Kapitel 2

Nach dem Umbau fasst der große Saal im Stadtpark von Mora siebenhundert Plätze.

»Es wird voll«, sagt Nadia. »Ich werde mich zu deiner Rechten befinden. Miriam sitzt dir gegenüber in der ersten Reihe und Janne steht hinter der letzten. Alles wird gut, mach dir keine Sorgen.«

»Ich mache mir keine Sorgen«, antwortet Elin und es klingt etwas aufbrausend.

»Es ist dein erster großer Auftritt.«

»In Rättvik waren es zweihundert.«

»Heute sind es dreimal so viele.«

»Ich weiß, trotzdem mache ich mir keine Sorgen.«

»Gut«, sagt Nadia, richtet ihren Knopf im Ohr und wirft einen Blick auf ihre Armbanduhr. Sie trägt ein hellgraues Kostüm und schwarze Lederschuhe ohne Absatz. Sie ist ein paar Zentimeter größer als Elin.

»Die ist bestimmt teuer gewesen«, sagt Elin und deutet auf die Armbanduhr.

Nadia lächelt: »Habe ich von Christopher zum Geburtstag bekommen.«

»Wie alt bist du?«

»Achtundzwanzig. Du musst jetzt rein.«

Ein Mann in rosa Shorts und hellblauem T-Shirt steht vom Mischpult auf, geht auf Elin zu und streckt die Hand aus. »Es werden keine Mikrofone gebraucht. Alles läuft über Audiostrahler.« Er verzieht den Mund und zeigt seine schiefen Zähne. »Ich werde dich wählen«, sagt er. »Meine Frau auch. Viel Glück!«

»Danke«, sagt Elin und betritt die Bühne. Miriam folgt ihr und nimmt auf einem reservierten Stuhl in der ersten Reihe Platz. Ganz hinten steht ein Mann in knielangen Shorts und kurzärmeligem Hemd hinter einer Kamera.

Jubel ertönt und eine Gruppe junger Frauen mitten im Saal stimmt einen Sprechchor an: »Elin! Elin! Elin!« Zwei Mädchen im Teenageralter in der hintersten Reihe falten ein Transparent auf. ELIN steht darauf.

Elin verbeugt sich in drei Richtungen, und als es im Saal still wird, ergreift sie das Wort: »Es ist eine Ehre für mich hier zu sein und so vielen engagierten Mitbürgern begegnen zu können.« Sie macht eine kurze Pause, als müsse sie sich erst an die Fortsetzung erinnern.

»Im September geht es an die Wahlurnen. Eine große Sache für unser Land, für uns in Dalarna und nicht zuletzt für mich. Die Demokratie ist zurückerobert. Die Bürger, die von ihnen gewählten Vertreter, sind wieder an der Macht. Allein der Gedanke, dass ich hier stehe und Sie mir Ihr Vertrauen schenken, raubt mir den Atem und lässt meine Knie weich werden.«

Sie macht erneut eine Pause und der Sprechchor setzt wieder ein: »Elin! Elin! Elin!«

Als die Rufe verstummen, lässt Elin den Blick über die Menschenmenge schweifen. »Ich schlage vor, dass wir über das sprechen, was Sie interessiert, und ich antworte, so gut ich kann, auf Ihre Fragen.«

Ein übergewichtiger Mann in der ersten Reihe streckt die Hand nach oben. Er ist glatt rasiert, hat kurze Haare und große Augen. Auf die linke Seite seines Halses ist ein Schmetterling tätowiert. »Alle haben das Video gesehen, in dem du einen Mann und eine Frau erschießt. Wie denkst du heute über das, was du damals getan hast?«

Elin antwortet nicht sofort, sie blickt auf den Boden und macht dann einen Schritt auf den Mann zu. »Kurz nachdem das passiert war, hat mich meine kleine Schwester etwas gefragt. Sie war damals acht und wollte wissen, ob ich eine Mörderin bin«, sagt sie und blickt dem Fragesteller in die Augen. »Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich mir diese Frage nicht selbst stelle. Man hat von mir wissen wollen, ob ich in derselben Situation noch einmal so handeln würde. Das mag schlimm klingen, aber ich glaube, die Antwort ist Ja. Denn sonst wäre mein Vater getötet und meine kleine Schwester entführt worden.«

Elin sieht sich kurz um, bevor sie weiterspricht. »Ich habe getan, was ich für richtig hielt. Wie Sie vielleicht wissen, wurde ich von sämtlichen Gerichten freigesprochen. Man war sich einig, dass ich aus Notwehr gehandelt habe. In Anbetracht der Tatsache, dass die Angreifer mit Schusswaffen ausgerüstet waren, die damals noch verboten waren, galt meine Tat als berechtigt – nicht zuletzt, weil man uns androhte, unser Haus in die Luft zu sprengen.« Elin verstummt und manche im Saal drehen sich zu ihren Nachbarn und kommentieren das Gesagte flüsternd.

»Weitere Fragen?«, ruft Elin.

Eine Frau aus der letzten Reihe mit gewaltigem, rot gelocktem Haarschopf und Sommersprossen fragt: »Wie nimmst du dazu Stellung, dass du politisch so unerfahren bist?«

»Als ich begriffen habe, dass unzählige Menschen Hoffnungen auf eine bessere Zukunft ausgerechnet mit mir verknüpfen, konnte ich nicht schweigen. Ich wollte nicht sagen, dass ich nichts weiß, nichts begreife oder zu unerfahren bin. Wer ist in meinem Alter nicht unerfahren? Ich will tun, was ich kann, um dem Vertrauen, das man in mich setzt, gerecht zu werden. Ich bin Anfängerin und sollte ich gewählt werden, werde ich Fehler machen. Das Wichtige ist, dass ich wirklich etwas lernen will und eine gute Repräsentantin für diejenigen werde, die für mich stimmen. Wenn ich scheitere oder mich falsch verhalte, dann kann man mich bei der nächsten Wahl wieder abwählen. Ich bin nur eine von 349. Ich kann nicht sonderlich viel Schlimmes anrichten, aber vielleicht kann ich etwas bewirken.«

Der Saal applaudiert.

Ein Mädchen, das ungefähr achtzehn Jahre alt sein muss, streicht sich die langen schwarzen Haare aus dem Gesicht. Sie hat eine erstaunlich laute Stimme: »Welche Bedeutung hat es, dass deine Tante Justizministerin ist?«

»Meine Tante Karin Holme hat mich ermutigt«, antwortet Elin. »Sie glaubt an mich und sie kann mir helfen, die Dinge zu verstehen. Karin ist in meinen Augen eine Freiheitskämpferin, die früher als andere begriffen hat, dass die Regierung den falschen Weg einschlägt und wir Widerstand leisten müssen. Karin bedeutet viel für mich.«

Die junge Frau aus dem Publikum unterbricht Elin: »Darf ich noch eine Frage stellen?«

»Bitte.«

»Was ist deine Herzensangelegenheit?«

Elin überlegt nicht lange. Während sie spricht, geht sie ein paar Schritte auf das Publikum zu. »Ich bin im Wald aufgewachsen. Vor einem knappen Monat war ich wegen einer Umweltkonferenz zum ersten Mal am Meer. Die Ostsee ist krank. Tote, säurearme Böden bedecken große Gebiete. Die Fische sind so gut wie verschwunden und die wenigen, die noch leben, sind häufig ungenießbar. Verschiedenste Verunreinigungen führen zu Algenblüte. An vielen Stränden besteht durchgehendes Badeverbot. Der Tourismus, die wichtigste Einnahmequelle unseres Landes, geht zurück.

Durch Dalarna fließt ein Gewässer, das oben an der norwegischen Grenze seinen Ursprung hat. Das Wasser des Storån-Flusses mündet in den Österdalälven und von dort erreichen die Wassermassen bald die Ostsee. Ich will mich dafür einsetzen, dass das Wasser, das von uns kommt, sauber ist. Das Wasser, das von uns kommt, soll dazu beitragen, dass die Ostsee wieder ein gesundes Meer wird.

Innerhalb von fünfzig Jahren ist die Weltbevölkerung um zwei Milliarden angestiegen. Gleichzeitig ist die Landwirtschaft durch den Klimawandel in vielen Gegenden stark zurückgegangen. Wegen der Dürre in Afrika und den Überschwemmungen in Asien sind Millionen auf der Flucht. Die Kornkammern der Welt sind schwer gebeutelt. Es ist unsere Pflicht, die hungernde Welt mit sauberem Wasser, Speisefisch und Getreide zu versorgen.«

Die Menge applaudiert.

Ein alter Mann mit weißem Backenbart und Holzschuhen ergreift das Wort. »Was denkst du über das Steuersystem?«, fragt er.

Elin macht einen Schritt auf den Alten zu. »Ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung in Schweden hat keine feste Arbeit. Ein großer Teil der übrigen Bevölkerung ist im Rentenalter. Wir müssen das System umstellen, sodass die Mehrwertsteuer noch mehr Gewicht bekommt. Die größte Einnahmequelle Schwedens ist der Tourismus. Um konkurrenzfähig zu bleiben, muss der Tourismussektor Steuererleichterungen erhalten und von dem Gesetz befreit werden, dass Humanoide außerhalb der Fabriken wie Menschen besteuert werden.«

Der Mann mit Bart nickt und fragt weiter: »Mein Haus ist seit den Überschwemmungen im Frühjahr nicht mehr bewohnbar. Was wirst du dafür tun, die an Seen und Flussläufen gelegenen Gebäude zu schützen? Und wie wirst du die Versicherungsgesellschaften dazu bringen, mein Haus zu versichern?«

Elin schüttelt den Kopf. »Ein Problem ist der Mangel an Kalk«, sagt sie. »Der Preis für Zement ist explodiert. Ein erstes Signal haben wir erhalten, als das Gesetz bezüglich der Stahldächer erlassen wurde. Durch die erste Zementrationierung konnte der Bedarf nicht verringert werden, höchstens die Nachfrage. Wir hätten früher einsehen müssen, dass in ganz Europa unzählige Dämme und Schutzwälle gebaut werden würden. Nicht einmal wenn man die Zahl der bestehenden Kalksteinbrüche auf Gotland und in anderen Gegenden Schwedens verfünffachen könnte, würde damit der gigantische Zementbedarf abgedeckt werden können.

Wie wir die Überschwemmungen und das Problem der unzulänglichen Abflusssysteme in den Städten in den Griff bekommen können, ist eine Frage, die in der zukünftigen Arbeit im Reichstag einen hohen Stellenwert einnehmen wird. Klar ist, wir müssen den Hochwasserkatastrophen und Überschwemmungen etwas entgegensetzen, aber wir müssen auch priorisieren.«

Auf diese Weise verläuft die Fragestunde beinahe zwei Stunden. Als Elin sagt, dass jetzt Zeit für die letzte Frage sei, ergreift ein Mann mittleren Alters mit kurz rasierten Haaren das Wort. Er sitzt ganz hinten.

»Willst du nicht auch mal nach Borlänge kommen?«

Miriam steht auf und stellt sich dem Saal zugewandt zwischen Elin und das Publikum. Die kugelsichere Weste unter der Bluse lässt sie ausgestopft wirken.

»Bald vielleicht«, antwortet Elin, als Nadia sich neben sie stellt und am Ärmel zupft. »Vielleicht kann ich bald einmal nach Borlänge kommen.«

Nadia zupft stärker.

»Vielen Dank für Ihr Interesse!«, ruft Elin und winkt dem Publikum zu, das applaudiert, während Nadia ihren Arm nimmt und sie zum Bühnenausgang zieht.

Kapitel 3

Mård sitzt am Küchentisch und vor ihm liegt das Fernglas. Burman kommt herein und hält seine Tochter an der Hand.

Die beiden weißen Katzen springen von der Küchenbank und drücken sich gegen die nackten Beine des Kindes.

Das Mädchen winkt und hält eine Tasche hoch. »Hallo, Mård!«

»Hallo, Lina! Was hast du in der Tasche?«

»Ballons. Willst du mal sehen?«

»Unbedingt.«

Mård nickt Burman zu, der lächelnd dabei zusieht, wie seine Tochter die Tasche öffnet und einige verschiedenfarbige Ballons auf dem Tisch ausbreitet.

»Für meinen Geburtstag. Du weißt doch, dass ich heute Geburtstag habe?«

»Klar, ich habe sogar ein Geschenk.«

Eine Lücke ist vorn in der oberen Zahnreihe des Mädchens zu erkennen. Lina dreht sich zu Burman um. »Papa, Mård hat ein Geschenk für mich!«, ruft sie.

»Es ist bestimmt nur etwas ganz Kleines«, meint Burman und zwinkert Mård zu.

Das Mädchen richtet den Blick sofort auf Mård. »Ist es ein kleines Geschenk?«

»Ich finde nicht«, antwortet der.

»Wie groß ist es?«

»Ungefähr so groß«, sagt Mård und streckt die Arme aus.

Lina lacht. »Was ist es denn?«, will sie wissen.

»Hab ich vergessen«, behauptet Mård. »Wie alt wirst du noch mal?«

Das Kind legt den Kopf schief. »Das weißt du doch!«

»Ich erinnere mich nicht.«

»Sieben!« Das Mädchen lacht. »Möchtest du einen Ballon?«

»Gerne«, antwortet Mård.

»Du bekommst zwei«, entscheidet Lina und schiebt die schlaffen Gummischläuche zu Mård.

»Ich nehme rot und blau«, sagt Mård und nimmt sich zwei Ballons.

»Du willst dir doch bestimmt die Pferde angucken«, ermuntert Burman Lina und streicht ihr über den Kopf.

»Wir haben zwei neue«, sagt Mård. »Maya und Sten sind draußen. Vielleicht möchtest du uns helfen, Namen für sie zu finden?«

Lina läuft zur Tür und verschwindet nach draußen, zusammen mit den Katzen.

Burman setzt sich Mård gegenüber und berührt das Fernglas. »Ein gutes?«

»Scheint so. Hast du dein Mobil draußen gelassen?«

Burman nickt. »Wann gehst du es an?«

»Morgen vielleicht.«

»Granberg hat sich aus Mora gemeldet. Sie ist im Stadtpark aufgetreten. Drei Leibwächter im Saal und Polizisten davor. Es wird nicht einfach.«

Mård lehnt sich zurück, steckt den Zeigefinger unter die Oberlippe, nimmt den Snus-Tabak heraus und behält ihn in der Hand. »Als Erstes nehme ich mir die Eltern vor.«

Burman beobachtet den Mann auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches und wartet ab, dass er weiterspricht. Sein Blick drückt gleichermaßen Fürsorglichkeit und Beunruhigung aus.

Mård spricht weiter: »Wenn ich die Eltern beseitigt habe, muss sie sich um ihre Schwester und ihr Kind kümmern. Mit dieser Bürde wird sie nicht für den Reichstag kandidieren können und sich zurückziehen. Dann verliert sie die Leibwächter. Ich werde sie schnappen, wenn sie nach Hause kommt.«

Burman nickt. »Es gibt Menschen, in deren Augen bist du immer noch ein kleiner Junge, ein Grünschnabel und nicht mehr. Wir laufen Gefahr, dass uns Widerstand entgegenschlägt«, sagt er.

»Ich weiß«, versichert Mård.

»Du musst Tatkraft beweisen.«

»Das werde ich tun.«

»Du kannst nicht zu lange warten.«

»Ich erledige zuerst die Eltern. Dann werden alle begreifen, dass ich Lassivars Sohn bin und nicht irgendein Niemand.«

»Narven verbreitet das Gerücht, dass du der Aufgabe nicht gewachsen bist.«

Mård steht auf, geht zum Herd, öffnet die Luke und wirft seinen Tabak und ein Birkenscheit ins Feuer. Burman beobachtet ihn.

»Narven wird noch sehen, wer hier das Sagen hat«, brummt Mård.

»Achte darauf, dass es sich nicht zu lange hinzieht. Er hat Freunde, die zu gerne dein Versicherungsgeschäft übernehmen würden.«

Mård schiebt sich neuen Tabak unter die Lippe. Dann kehrt er an seinen Platz zurück. »Zuerst kümmere ich mich um Familie Holme, danach sind die anderen an der Reihe. Ich kenne meine Freunde, aber meine Feinde kenne ich noch besser.«

Burman fährt sich mit der Hand durch die grau melierten Haare. »Du musst dir auch Larsson vornehmen«, mahnt er.

»Haben wir das nicht schon getan?«, fragt Mård.

»Es ist schiefgegangen.«

»Wann?«

»Gestern Abend.«

Burman lehnt sich in seinem Küchenstuhl zurück, dass die Lehne knarzt. Er fährt sich erneut mit gespreizten Fingern durch die Haare. Schuppen landen auf seiner schwarzen Jacke und er klopft sich die Schultern ab. »Wir haben zwei Auswärtige dazugeholt, die eins der Autos anzünden sollten. Wir hatten beschlossen, dass es nur eins sein wird, wir wollten den Kerl nicht ruinieren. Aber Larsson muss Bescheid gewusst haben, und als unsere Leute gegen Mitternacht dort ankamen, wurden sie bereits erwartet: Larsson und seine beiden Töchter lagen unter den Autos. Larsson schoss in die Luft, unsere Leute machten schnellstens kehrt, aber den Alten unter uns haben die Mädchen Vogelschrot in die Waden gejagt. Die liegen jetzt bei Björnlund und er weiß nicht, was er mit ihnen anfangen soll. Niemand versteht die Sache so richtig.«

»Wer war verantwortlich?«, fragt Mård.

»Granberg«, antwortet Burman.

»Und heute ist er in Mora?«

»Ja.«

»Es wäre besser, er wäre hier und würde sich um die Sache kümmern.«

»Er kommt in einer Stunde.«

»Sag ihm, dass er mit Björnlund sprechen soll. Niemand darf von der Sache Wind bekommen.«

»Dafür ist es schon zu spät. Larsson hat in der Stadt herumerzählt, dass er nicht weiter bezahlen wird. Und es gibt so einige andere, die vorhaben, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.«

»Was meinen sie damit?«

»Narven wird möglicherweise Ruhe geben, wenn Larsson im Versicherungsgeschäft gegen dich Stellung bezieht und Leute auf seine Seite holt. Die Sache kann jetzt ordentlich an Fahrt aufnehmen und man muss mit allem rechnen. Als Lassivar noch da war, war das anders, da wollte niemand von ihm zu Fischfutter verarbeitet werden.«

»Was soll ich also tun?«

»Larsson oder eins der Mädchen muss aus dem Verkehr gezogen werden. Lass das Granberg übernehmen, schließlich haben wir ihm den Schlamassel auch zu verdanken.«

»Larssons Edla ist in meine Klasse gegangen. Sie hatten eine Bäckerei damals und ich habe sie zu Hause besucht – wir lagen stundenlang in ihrem Bett und haben herumgeschmust. Ihre Mutter hat uns mit Schokolade und Vanilleschnecken versorgt.«

»Dann muss Granberg den Alten übernehmen, sonst kommt die ganze Angelegenheit ins Wanken, und dann kann es gefährlich werden.«

Burman schweigt eine Weile und berührt wieder das Fernglas, bevor er weiterspricht. »Du bist derjenige, der hier in der Gegend die Gesetze aufstellt, und das müssen die Leute begreifen. Wenn man mit allem einfach so durchkommt, führt das zu einem Machtvakuum. Nichts wäre gefährlicher als das.«

»Schafft Larsson so schnell wie möglich beiseite, aber nicht vor den Augen der Mädchen«, fordert Mård.

Burman nickt. »Wie läuft es mit Sten?«, will er wissen.

»Wie üblich.«

»Sagt er immer noch nichts?«

»Manchmal spricht er mit Maya.«

»Mit dir nicht?«

»Selten.«

Burman steht auf. »Ich gebe Granberg Bescheid«, sagt er. »Verzettele dich nicht. Es eilt zwar, aber nicht so sehr, als dass du unnötige Risiken eingehen müsstest.«

»Als ich neulich am Ripsee war, war bereits Laichzeit. Sie können jetzt jederzeit dorthin aufbrechen, um Großforellen zu fangen.«

Burman steckt die Hand zum Abschied aus. »Immer hübsch langsam!«

»Natürlich.« Mård bemüht sich, damit sein Handschlag ebenso fest wie Burmans ausfällt, aber es will ihm nicht so recht gelingen. Burmans Faust ist hart wie Stahl und das lässt er alle spüren, denen er die Hand reicht.

Kapitel 4

Als Elin beim Bühnenausgang herauskommt, ist das Auto bereits vorgefahren und zwei uniformierte Polizisten stehen auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Ein Mädchen hält Elin einen Autogrammblock hin, aber Miriam schüttelt den Kopf. Nadia öffnet ihr die hintere Tür und Elin steigt ein, Janne nimmt vor dem Monitor Platz und gibt die Route ein. Nachdem Nadia die Tür hinter Elin geschlossen hat, geht sie um das Auto herum und steigt auf der anderen Seite ein. Schließlich nimmt Miriam neben Janne Platz und das Auto setzt sich in Bewegung.

»Wir bringen dich nach Grövelsjö«, sagt Nadia.

»Warum?«, fragt Elin.

»Neue Anweisung. Du warst doch schon öfter dort?«

»Erst zweimal. Das eine Mal als Gefangene. Haben sie gesagt, wann ich nach Hause kann? Heute Abend wird geangelt.«

»Dazu wurde nichts gesagt. Warum bist du erst zweimal dort gewesen?«

»Karin wollte nicht, dass die Verbindung zwischen uns noch enger wird, als sie ohnehin schon ist. Sie war der Meinung, dass ich mich von dort fernhalten sollte, bis ich gewählt bin. Ich bin auch nicht besonders erpicht darauf, dorthin zu fahren.«

»Der Typ mit dem rasierten Schädel«, sagt Nadia. »Er ist ein ganz besonderes Kaliber in der Borlänge-Gang.«

»Warum ist er dorthin gekommen?«

»Vielleicht um Angst zu schüren.« Nadia nimmt das Mobil hervor und telefoniert. Sie bespricht, was zu tun ist, wenn sie ankommen.

»Wie habe ich mich geschlagen, was denkst du?«, fragt Elin nach einer Weile.

»Du hast einen ehrlichen Eindruck hinterlassen und nicht so getan, als wärst du jemand anderes. Das gefällt den Leuten. Man will keine Politiker, die Blödsinn erzählen, das Wesentliche verschweigen und die Sorgen der Menschen nicht ernst nehmen. Ich bin mir sicher, dass klar wurde, welche Art Mensch du bist.«

»Haben wir etwas Wasser dabei?«

Nadia öffnet ein Fach zwischen den Rücksitzen und nimmt eine Flasche Mineralwasser heraus. Sie schraubt den Verschluss ab und reicht Elin die Flasche. »Wie ist es, so häufig von Gerda getrennt zu sein?«

»Meine Mutter und mein Vater kümmern sich um sie und Gerda liebt die beiden sehr. Ich glaube nicht, dass sie viel an mich denkt, wenn ich nicht da bin. Mich quält die Situation vermutlich mehr.« Elin schließt die Augen. »So eine Wahlversammlung raubt einem ziemlich die Kräfte. Kann ich vielleicht einen Moment schlafen? Karin hat nicht gesagt, was sie will?«

»Ich habe mit ihrem Sekretär gesprochen. Er hat nur gesagt, dass Karin dich treffen möchte.«

Als sie durch Idre fahren, weckt Nadia Elin.

Sie sieht aus dem Fenster, während sie den Busbahnhof passieren und die Brücke über den Fluss überqueren. Dann biegen sie in den Weg hinauf nach Grövelsjö ein und halten schließlich vor einer Schranke. Janne lässt einen Kartenleser den Passierschein für das Auto prüfen, dann hebt sich die Schranke und sie fahren weiter.

Hinter der nächsten Kurve werden die Hochhäuser sichtbar und sie kommen an eine weitere Schranke sowie ein Tor im Maschendrahtzaun. Eine uniformierte Frau tritt an die Autotür heran, Nadia lässt die Scheibe herunter, lässt sich fotografieren und reicht Elins Mobil heraus. Die Wache hält das Mobil an ein Lesegerät, salutiert und das Auto rollt auf das Gelände.

Während der Sturm an ihren Kleidern zerrt, öffnet Miriam den Kofferraum und reicht Elin ihre kleine Tasche.

»Zwischen den Häusern entstehen Windtunnel«, erklärt Nadia. »Hier oben bläst es ständig.«

Elin betrachtet die hohen Gebäude. Weiter oben sind die Fenster größer und ganz in der Höhe bestehen die Wände komplett aus Glas.

Elin und Nadia gehen auf einen Eingang zu, vor dem ein Polizist mit Maschinengewehr vor der Brust positioniert ist. Er öffnet die kupferverkleideten Türen, indem er etwas in ein Mikrofon am Kragen seiner Uniform spricht.

Die Halle dahinter ist groß und hat hohe Decken. Rechts befindet sich ein Schalter, an dem, hinter Glas, drei uniformierte Frauen stehen.

»Ich lass dich jetzt allein«, sagt Nadia. »Die Registrierung ist nur bei den ersten Malen etwas mühsam. Nach einer Weile erkennt dich das System wieder und du kannst einfach zu den Aufzügen durchgehen.«

Elin geht auf eine der Frauen zu und schiebt ihr Mobil durch die Lücke zwischen dem Tresen und dem dicken Glas. »Karin Holme erwartet mich.«

Die Frau hat eine Wunde am linken Mundwinkel. Sie nimmt Elins Mobil und steckt es in das Lesegerät. »Leg die Hand auf eine der Platten«, weist sie Elin an.

Elin legt die linke Hand auf eine Platte, auf die der Umriss einer Hand aufgezeichnet ist.

Schließlich bekommt sie ihr Mobil zurück und die Frau mit der Wunde am Mund zeigt zu den Aufzügen. »Nummer vier«, sagt sie und klingt, als wäre ihr alles lieber, als hinter diesem Glas zu sitzen und Tag für Tag, Woche für Woche und Jahr für Jahr dieselben Sätze aufzusagen. Vielleicht ist sie aber auch ein Roboter. Oder sie hat Mann und Kinder zu Hause und wohnt in einem der Hochhäuser auf dem Gelände. Sie scheint um die vierzig zu sein.

Es gibt keine Knöpfe oder Bedienungsvorrichtungen im Aufzug, nur einen großen Spiegel. Elin betrachtet ihr Spiegelbild, während der Aufzug hinauffährt.

Kapitel 5

Maya und Sten kommen in die Küche. Sten ist einen Kopf größer als Maya und schlank – viele würden sogar dünn sagen. Er geht zum Küchentisch, nimmt sich einen der Ballons, steckt ihn in den Mund und pustet.

»Vorsichtig«, ermahnt ihn Mård. »Ich brauche sie noch.«

Sten lässt die Luft, die er in den Ballon gepustet hat, wieder entweichen und legt den schlaffen Gummischlauch zurück auf den Tisch. Dann verschwindet er die Treppe hinauf ins Obergeschoss. Er nimmt zwei Stufen auf einmal.

Mård steht auf und steckt die Ballons in die Hosentasche, dann geht er zum Küchenschrank und zieht die oberste Schublade auf. Er nimmt eine Garnrolle heraus und steckt sie in die Tasche zu den Ballons.

»Ich reite nach Blåträsk, bin aber gegen Mittag zurück. Habt ihr schon entschieden, wie die Pferde heißen sollen?«

Maya legt beide Hände auf den Bauch. Ihr Nabel wölbt sich gegen den dünnen Kleiderstoff. Eine der Katzen drückt sich gegen ihre Wade.

Mård streichelt mit einer Hand Mayas Hals. »Wenn jemand nach mir fragt, weißt du nicht, wo ich bin«, sagt er.

»Stell nichts an«, flüstert sie.

Mård zeigt Maya sein schönstes Lächeln. Er streicht wieder über ihren Hals. »Natürlich stelle ich nichts an.« Er legt eine Hand auf ihren dicken Bauch. »Tritt sie?«

»Gerade nicht.«

»Was gibt es zu Mittag?«

»Die Blutwurst, die wir von Stina bekommen haben. Wenn du willst, auch ein Stück Schweinefleisch.«

Mård nickt und sieht zufrieden aus, als würde er seine Zähne bereits in der dicken dunklen Wurst spüren. Er küsst Maya auf die Wange und geht in das Zimmer, das früher Lassivars Arbeitsraum war.

Das Zimmer hat zwei nach Süden ausgerichtete Fenster und in der Mitte steht ein braun gebeizter Schreibtisch mit zerkratzter Tischplatte und einem eingebauten Regal, in dem ein Stapel vergilbter Jagdzeitschriften liegt. Auf dem Tisch häufen sich Rechnungen und alte Aktenordner.

Hinter dem Schreibtischstuhl steht ein Waffenschrank. Die Tür ist weit geöffnet und der Schlüssel steckt. Im Schrank befinden sich zwei Schrotflinten, ein Salongewehr und zwei Büchsen. Auf dem Schrank liegen mehrere Patronenschachteln und auf dem Boden steht ein halb voller Karton mit Tontauben. Um den Karton herum ist der Boden mit Staubflusen bedeckt.

Mård greift nach der Mauser und hängt sie sich über die Schulter, dann steckt er eine Schachtel Patronen in seine Tasche, legt sein Mobil in die Schreibtischschublade und kehrt in die Küche zurück, um das Fernglas zu holen.

Sten ist inzwischen wieder nach unten gekommen. Er sitzt auf der Küchenbank und hat den Blick auf Maya gerichtet. Eine der Katzen liegt neben ihm, die andere sitzt auf dem Fensterbrett zwischen zwei Geranientöpfen und beobachtet die Krähen im Garten. Ihr Schwanz peitscht über der Heizung von der einen Seite zur anderen.

Mård tritt zu Maya, die mit einem Butterfass in der Hand vor dem Kühlschrank steht. Er nimmt ihre langen Haare hoch und küsst sie in den Nacken. »Ich bin bald zurück.«

»Kannst du nicht mit dem Tabak aufhören?«, bittet Maya. »Ich kann den Geruch nicht ertragen.«

»Ich verspreche es«, sagt Mård. »Ich höre damit auf.« Dann lässt er ihre Haare los und geht hinaus.

Hinter den Sattel bindet er eine Isomatte und einen Schlafsack in einem grünen Beutel.

Es dauert eine Stunde, bis Mård Blåträsk erreicht. Als er das Wasser erblickt, verharrt er eine Weile auf dem Rücken des Pferdes, ehe er zu einer kahl geschlagenen Waldfläche weiterreitet und von dort zum Ufer hinab.

Er steigt ab und nimmt die Garnrolle aus seiner Tasche, bläst einen der Ballons auf und befestigt ihn an einem kleinen Stein, den er ein Stück vom Ufer entfernt ins Wasser lässt. Das Gleiche wiederholt er mit dem zweiten Ballon. Die beiden Ballons liegen nun mit zwei Metern Abstand auf der Wasseroberfläche, einer rot, einer blau.

Schließlich steigt Mård wieder in den Sattel und reitet zur Lichtung hinauf. Als er den Weg erreicht, hält er an, sitzt ab und bindet das Pferd an einer Birke fest. Es ist fast windstill. Er nimmt das Fernglas aus dem Futteral und richtet es auf die Ballons. Der rote Punkt erscheint zusammen mit der Entfernungsangabe 540 Meter. Mård gibt das Kugelgewicht ein und lässt sich anzeigen, wie hoch er ansetzen muss.

Er nimmt das Gewehr ab, lädt es, greift nach Schlafsack und Isomatte und wandert den Kahlschlag ein Stück entlang.

Als er eine günstige Stelle gefunden hat, wirft er den Schlafsack auf ein Grasbüschel neben einer niedrigen Fichte und rollt die Matte aus. Er legt sich hin und platziert den Gewehrkolben auf dem Schlafsack. Dann schiebt er die Linsenabdeckung des Zielfernrohrs beiseite, dreht an einer Schraube am Stativ und hält das Auge an das Okular. Schon hat er den roten Ballon im Fadenkreuz.

Mård atmet langsam ein, hebt den Gewehrkolben auf Schulterhöhe, lädt eine Patrone aus dem Magazin und entsichert. Vorsichtig, als würde er etwas extrem Zerbrechliches berühren, zieht er den Zeigefinger zurück. Der Schuss geht los und Mård sieht, wie der rote Ballon verschwindet.

Er lädt die Waffe erneut, kneift die Augen zusammen, richtet die Waffe auf den blauen Ballon und sieht ihn im Fadenkreuz erscheinen. Er schießt erneut, aber der Ballon bleibt, wo er ist.

Mård lässt die Waffe los und legt sich auf den Rücken. Er sieht nach oben in das Blau und nach einer Weile schließt er die Augen. Als er sie wieder öffnet, dreht er sich zurück auf den Bauch, greift sich erneut die Waffe und fängt den Ballon ein weiteres Mal im Fadenkreuz ein.

Diesmal trifft er.

Als er nach Hause aufbricht, beginnt es zu stürmen und Mård wünscht sich, er hätte seine Jacke mitgenommen.

Kapitel 6

Als Elin aus dem Fahrstuhl steigt, bitte eine uniformierte Frau mit Haarknoten sie, die Tasche abzustellen, und zeigt auf einen Scanner.

Während Elin durch den Körperscanner geht, blickt die Frau in Uniform auf einen Bildschirm und kommt dann auf Elin zu. Die Frau deutet auf Elins rechten Oberschenkel. Sie hat lange, blau lackierte Fingernägel und schwarze Augenbrauen. »Was hast du da?«, fragt sie.

Elin steckt die Hand in die Tasche und holt ein Klappmesser hervor.

Die Uniformierte hält Elin eine Schachtel hin und Elin legt das Messer hinein. Die Stimme der Frau klingt wie aus dem Schraubstock. »Du kannst jetzt hineingehen. Die Tasche und das Messer bleiben hier.«

Am anderen Ende des Flurs wird eine Tür geöffnet, und als Elin sich ihr nähert, tritt eine kleine Gruppe heraus. Es sind drei Männer in Anzügen und zwei Frauen mit knielangen Kleidern.

»Elin!«, ruft der Mann ganz hinten. Er reißt die Arme nach oben und die Frauen richten die Blicke auf Elin. Die übrigen Männer drehen sich zu Skarpheden um, der stehen geblieben ist und die Arme ausgebreitet hat.

Während die anderen das Gespräch wieder aufnehmen und in Richtung Aufzug gehen, fällt Elin Skarpheden in die Arme. »Was machst du denn hier?«, fragt sie.

»Besprechung mit deiner Tante. Es sollen neue Gesetze zum abgesperrten Gebiet erlassen werden, und man hat mich zum Experten für Strahlungsfragen ernannt. Triffst du dich mit Karin?«

»Sie möchte mit mir sprechen.«

Skarpheden greift nach Elins Händen und sie spürt seine Wärme. »Ich wohne im Borderland. Können wir uns heute zum Abendessen treffen?«

»Vielleicht, ich melde mich. Ich müsste eigentlich nach Hause.«

Skarpheden lässt Elins Hände los. Sie holen beide ihre Mobile hervor und lassen sie ihre aktuelle Nummern aufnehmen.

Daraufhin geht Skarpheden rückwärts in Richtung Aufzüge, auf den Lippen ein breites Lächeln. »Du bist hübscher als je zuvor!«

Elin lacht. »Du auch!«

»Ist Gerda hier?«

Elin schüttelt den Kopf, dreht sich um und geht durch die Tür.

Das Dienstzimmer der Justizministerin ist groß und lang gestreckt. Bis zur Decke sind es gut fünf Meter und durch eine Glaswand blickt man auf die Berge hinter der norwegischen Grenze.

Direkt neben der Tür, an einem stählernen Tisch, sitzt ein Mann im Anzug, der aussieht, als wäre er im gleichen Alter wie Elin. Er trägt einen hellblauen Anzug, ein dunkelblaues Hemd und eine löwenzahngelbe Krawatte mit kleinen roten Pferden darauf. Er erhebt sich und reicht Elin die Hand. »Torkel Smårne, Karins Sekretär.«

Smårne ist so glatt rasiert, wie man es von einem Mann mit Pferdeschlips erwarten kann.

Elin sagt ihren Namen. Als sie Smårnes Hand nimmt, kreuzen sich ihre Blicke. Aus den Fältchen um seine Augen kann sie schließen, dass er nicht so jung ist, wie sie auf den ersten Blick vermutet hat.

»Karin muss jeden Moment hier sein«, sagt Smårne und zeigt auf zwei Sofas. »Du kannst dich setzen. Möchtest du etwas zu trinken haben? Kaffee, Tee, Mineralwasser? Oder vielleicht ein belegtes Brot?«

»Danke, alles bestens. Was für eine umwerfende Aussicht!« Elin geht zum Fenster, verschränkt die Arme vor der Brust und sieht auf die Berge.

»Im Februar sahen sie aus wie mit Puder bestäubt«, erzählt Smårne. »Das war wirklich schön, besonders in der Sonne.«

»Befinden wir uns ganz oben?«

»Das ganze Gebäude ist vor Einblicken gesichert und auf welcher Etage die verschiedenen Abteilungen liegen, ist geheim. Aber wie du sehen kannst, sind wir ziemlich weit oben.«

Elin fällt ein Ölgemälde auf, das neben der Fensterfront an der Wand hängt. Sie deutet darauf. »Das habe ich schon einmal gesehen.«

»Osslund ist einer von Karins Lieblingen. Da, auf der anderen Seite, hängt noch eins.«

Smårne geht mit großen federnden Schritten an den Fenstern entlang. Seine schwarzen Lederschuhe sind so blank geputzt, dass sich das Licht von draußen in ihnen spiegelt. Schließlich bleibt er vor einem Gemälde stehen, auf dem ein längliches Holzboot an einem Strand, einige gelbe Birken und blaues Wasser vor schneebedeckten Bergen zu sehen ist.

Da ruft Karin: »Hallo, Elin!«

Elin dreht sich um und Smårne macht einen Schritt zur Seite.

Karin geht auf Elin zu, breitet die Arme aus und drückt ihre Nichte an sich. Dann geht sie einen Schritt zurück. »Lief in Mora alles gut?«, fragt sie.

»Nadia fand, dass ich die Sache ganz gut gemacht habe, aber wir mussten vorzeitig abbrechen. Jemand wirkte bedrohlich.«

Karin sieht ernst aus. »Wie geht es Gerda?«

»Ich zeig sie dir.« Elin fischt ihr Mobil hervor und Smårne greift nach seinem. Er richtet es auf die Wand gegenüber der Fenster.

»Wenn du es Richtung Wand hältst, zeigt sie es in Großformat.«

Elin richtet ihr Mobil auf die Wand und ein Video mit Gerda erscheint. Das Mädchen steht in Latzhosen in der Küche und streckt ihre Hände aus: »So große gibt es davon im Ripsee! Morgen werde ich einen fangen! Tschüss Mama, schlaf gut!« Sie wirft der Kamera eine Kusshand zu, dreht sich um und läuft davon.

»Das war vorgestern«, sagt Elin.

»Bekommst du jeden Tag einen Film?«

»Wenn sie mich vermisst, bekomme ich nichts.«

Karin sieht aus, als ob sie das Interesse an Gerda verloren hat.

Der Film mit dem Kind verschwindet und stattdessen erscheint das Bild einer Frau mit kurzen grauen Haaren und einer anthrazitfarbenen Brille. Die eckigen Gläser sind nur etwa daumengroß.

Karin wendet sich Elin zu. »Wir setzen uns dort hin.« Sie zeigt auf eine Sesselgruppe vor einem großen Schreibtisch mit Glasplatte, stählernen Beinen und mehreren Monitoren.

Nachdem sie Platz genommen haben, zeigt Smårne mit dem Mobil auf die Wand neben ihnen, woraufhin das Bild mit dem Frauengesicht erscheint.

»Erkennst du sie wieder?«, fragt Karin.

»Nein.«

»Ihr seid euch schon mal begegnet.«

»Ach ja?«

»Sie hat sich Syria genannt.«

Elin keucht. »Das ist sie nicht.«

»Doch, sie muss es sein. Und sie versteht sich anscheinend darauf, ihr Aussehen zu verändern. Das Foto wurde gestern in Trondheim gemacht. Im Hintergrund kann man die Kathedrale erkennen. Kannst du mir erzählen, wie du ihr begegnet bist?«

»Ich hätte schwören können, dass sie das nicht ist.«

»Es ist Syria«, versichert Karin. »Sie hat sich bei ihrem Gesicht helfen lassen. Und sie verwandelt sich sogar, während sie auf der Straße unterwegs ist. Sieh selbst.«

Es erscheint ein neues Foto, auf dem eine Person vollständig zu sehen ist. Die Frau trägt eine Tasche über der Schulter.

Neues Bild. Nur der Oberkörper ist zu sehen. Die Frau hat lange blonde Haare.

»Sie hat sich eine andere Perücke aufgesetzt«, erklärt Smårne.

Neues Bild. Die Frau hat lange Haare und trägt eine Basecap, aber keine Tasche.

»Sie hat die Tasche weggeworfen«, sagt Smårne. »Die Polizei in Trondheim hat sie an sich genommen. In ihr fand man noch eine weitere Perücke, ein paar Schuhe, eine Sonnenbrille, Pistolenmunition und eine Baskenmütze.«

»Ich hätte sie nicht wiedererkannt, wenn ich ihr begegnet wäre«, schnaubt Elin.

»Genau das bezweckt sie damit«, sagt Smårne.

Neues Bild. Die Frau verschwindet im Eingang eines Kaufhauses.

»Warum zeigst du mir das?«, will Elin wissen.

»Es wurde behauptet, dass Syria tot ist, aber dann haben wir sie vor einem Monat gefunden. Wir haben mitbekommen, dass sie Mitglied eines Netzwerks ist, also haben wir sie beobachtet. Vorgestern haben wir herausbekommen, was wir in Erfahrung bringen mussten, und wollten sie fassen. Dabei hat sie eine Frau in den Hals geschossen und einen Mann in die Brust. Beide liegen auf der Intensivstation. Syria konnte entkommen.«

Elin blickt Karin an, dann dreht sie sich zu Smårne um. »Kann ich ein Glas Wasser bekommen?«

Smårne steht auf und holt eine Flasche Mineralwasser sowie ein Glas aus einem Schrank, der in die Wand eingelassen ist.

»Die Überwachungskameras im Kaufhaus waren außer Betrieb«, erklärt er. »Das hier ist dir letzte Aufnahme von ihr, obwohl sie in Norwegen das neuste Gesichtserkennungssystem benutzen. Erzähl, wie du sie kennengelernt hast.«

Elin stellt ihr Glas ab. »Das war, als Harald und ich vom Militär gefangen genommen wurden. Syria lag nackt auf dem Boden mit einem Stoffsack über dem Kopf und auf dem Rücken gefesselten Händen. Ich habe ihr geholfen und ihr den Sack abgenommen. Später wurde sie aus dem Raum gebracht.«

»Worüber habt ihr gesprochen?«, fragt Karin.

»Habe ich das nicht schon erzählt?«

»Erzähl es noch einmal. Ich möchte, dass Torkel es auch hört.«

»Lass nichts aus«, bittet Smårne.

Elin denkt einen Moment nach, fährt sich durch die Haare und schließt die Augen. Dann macht sie sie wieder auf und blickt Smårne an. »Sie haben mich in den Raum geschubst und ich bin hingefallen. Man konnte Musik durch die Wände hören. Dann wurde es still und jemand lachte und sagte etwas über jemanden, der wohl nicht anwesend war. Sie spielten alte Tanzmusik.«

»Erinnerst du dich, über wen sie gesprochen haben?«

»Nein«, antwortet Elin.

Smårne nickt und Elin erzählt weiter.

»Meine Hände waren auf dem Rücken gefesselt und Syria lag auf dem Fußboden und bat mich, sie von dem Sack zu befreien. Ich schaffte es, ihn ihr abzustreifen, und sie fragte mich, wer ich sei, ob ich allein wäre und ob jemand Bescheid wüsste, dass ich inhaftiert bin. Sie sagte, dass sie Syria heiße. Ich fragte sie, was sie gemacht hätte, und sie antwortete, dass sie angeklagt sei, Terroristen im Haus gehabt zu haben.

Sie hat mich nach der Wunde gefragt, die ich auf der Wange hatte, und ich erzählte von Harald, dass er der Einzige sei, der wusste, wo ich steckte. Sie fragte, ob man mich geschlagen hätte, und ich sagte, dass ich die Wunde von der Fahrt im Kettenfahrzeug habe. Sie hat behauptet, dass sie sich einen vorknöpfen, während die Musik läuft.« Elin leckt sich über die Lippen.

»In der Schule hatte ich einen Klassenkameraden, der einmal einen Vortrag gehalten hat. Er hat die gleichen Lieder gespielt, mit Texten von Fröding, und mir wurde so übel, dass ich rausgehen musste. Erst später habe ich den Zusammenhang begriffen.«

Elin schweigt eine Weile, bevor sie weitererzählt. »Syria hat mir erzählt, dass die Polizei mir Kopfhörer aufsetzen und die Lautstärke aufdrehen würde. Ich habe erklärt, dass ich nichts getan habe und nicht wisse, wessen sie mich verdächtigen. Ich hatte solche Angst, dass ich kaum atmen konnte. Syria sagte, dass sie mich umbringen, in meine Einzelteile zersägen und meinen Körper in den Wald werfen könnten. Dann kam Frank mit Harald und wir wurden freigelassen.«

Smårne gießt Elin Wasser nach. Elins Blick ruht auf dem Ölgemälde mit der Gebirgslandschaft.

Elin streckt eine Hand nach dem Glas aus und zeigt mit der anderen auf das Bild. »Dieses Bild hing an der Wand, als ich als Gefangene hier oben war.«

»Osslund«, sagt Karin. »Wir haben vier Stück davon hier in der Kanzlei. Zwei hängen bei mir.«

»Es macht mich krank.«

Smårne beugt sich vor. »Diese Begegnung, als Syria nackt dalag – das war also das erste Mal, dass du sie getroffen hast?«

»Später habe ich sie in einem Polizeiwagen wiedergesehen. Sie trug eine Uniform. Da habe ich begriffen, dass sie versucht hat, mich zu täuschen, als sie da vor mir auf dem Boden lag.«

Smårne nestelt an seinem Krawattenknoten herum, als handele es sich um ein Kätzchen, mit dem er spielen will. Elin versucht nachzuvollziehen, in welcher Beziehung er zu seiner Chefin steht, aber ihre Gedanken verharren immer wieder bei der Krawatte und den übertrieben geputzten Schuhen.

»Was genau hat sie versucht?«, fragt Smårne.

»Sie wollte, dass ich sie für eine Mitgefangene halte, und hoffte wohl darauf, dass ich ihr etwas anvertrauen würde, das ich der Polizei nicht verraten würde.«

»Wo hast du sie in dem Polizeiauto gesehen?«

»Harald war ermordet worden und Vagn und ich waren gerade an der Brücke, unterhalb von Wongs. Dort war eine Absperrung. Syria und ein anderer Polizist saßen in einem Auto mit Blaulicht auf dem Dach. Sie hat mich nicht gesehen.«

»Und das nächste Mal?«, fragt Smårne.

Karin hat den Blick auf ihre Schuhe gerichtet. Sie glänzen nicht ganz so stark wie Smårnes.

Elin deutet auf den Fußboden. »Das war da unten.«

»Vierter Keller«, sagt Karin. »Dort wurden wir Gefangenen festgehalten. Syria beaufsichtigte die Gefangenen, von denen man vermutete, dass sie im Besitz besonders wichtiger Informationen waren. Etwa zehn Menschen starben, während sie die Verhörleitung innehatte. Wir sind uns einige Male begegnet und ich habe zahlreiche Narben von diesen Treffen davongetragen. Sie verkörpert das, was so manche als Monster bezeichnen würden. Natürlich ist eigentlich die Polizei dafür verantwortlich, sie zu fassen, aber da ich persönliche Erfahrung mit ihren Ausfälligkeiten sammeln durfte, habe ich ein persönliches Interesse daran, sie zu finden.«

»Du bist Syria da unten also begegnet?«, fragt Smårne an Elin gewandt.

»Sie hat dafür gesorgt, dass ich fliehen konnte und Gerda zurückbekam.«

Smårne runzelt die Stirn. »Was vermutest du, warum sie das gemacht hat?«

»Sie hat gesagt, dass ich mich an sie erinnern soll. Falls es zu einer Verhandlung kommen sollte, wollte sie mich darum bitten, als Zeugin auszusagen.«

Karin seufzt und Smårne sagt: »Sie hat Menschen ermordet, die sie vorher gefoltert hat, und dir gegenüber den Eindruck erweckt, als würde deine Aussage ihr vor Gericht helfen. Wie wahrscheinlich wäre das wohl? Syria ist nicht dumm. Der Grund dafür, dass sie dich und Gerda hat gehen lassen, war ein anderer.«

Smårne und Karin betrachten Elin, als würden sie erwarten, dass sie ihnen die Antwort auf die unzähligen Fragen liefert, die sie unausgesprochen lassen.

»Sie wollte, dass du Gerda bei dir hast«, schließt Smårne. »Dabei wäre die natürliche Maßnahme doch gewesen, dich gehen zu lassen und Gerda als Geisel zu behalten.«

»Natürlich?«, zischt Elin. »Syria wirkt nicht besonders natürlich.«

»Für eine Person von Syrias Kaliber wäre das aber ein natürlicher Zug gewesen. Du darfst gehen, aber das Kind bleibt. Warum durftest du Gerda also mit dir nehmen?«

Karin beugt sich zu Elin vor.

»Gerda ist vermutlich mit einem oder mehreren Chips versehen worden. Vielleicht befanden sich welche in der Tasche, in der sie lag. Sie haben damit gerechnet, dass du das Mobil loswerden und andere Kleider anziehen würdest. Aber sie haben vermutet, dass du Gerdas Tasche behältst.«

»In den Kleidern«, sagt Smårne. »Sie können allein in den Schuhen des Mädchens unzählige Chips versteckt haben.«

Karin streicht sich mit einer Hand über den Rock. »Hast du Gerdas Schuhe noch?«

»Ja.«

»Sind sie zu Hause auf Liden?«

»Im Schrank in meinem Zimmer, im untersten Fach. Aber es sind keine richtigen Schuhe, eher Ledersäckchen mit bunten Bändern. Gerda war vier Monate alt.«

Smårne tauscht einen Blick mit Karin.

»Du hast vielleicht auch noch andere Kleidung aufgehoben?«, fragt ihre Tante.

»Ein Kleidchen und eine Mütze. Aber beides hat sie in der Festung nicht getragen.«

»Hast du die Tasche noch?«

»Nein.«

Karin richtet sich an Smårne. Sie hat ganz rote Wangen. »Wir müssen einen Boten schicken.«

Elin guckt von einem zum anderen. »Warum ist das so wichtig?«

Als sie keine Antwort erhält, wiederholt sie die Frage. »Warum ist das so wichtig?«

Es ist Karin, die ihr schließlich Auskunft gibt: »Ein Chip kann Informationen beinhalten, die unsere Arbeit ungeheuer erleichtern.«

»In Norwegen ist Syria wohl nicht mehr«, sagt Smårne. »Nach Finnland oder Russland kann sie nicht gegangen sein. Die Kameras hätten sie wiedererkannt, wenn sie sich einem Bus, einer Bank oder einem Laden genähert hätte. Sie kann durch den Wald oder über die Berge nach Schweden gekommen sein. Oder aber sie versteckt sich irgendwo in einer Hütte.«

»Oder jemand hat sie in einem Boot mitgenommen«, sagt Karin. »In dem Fall könnte sie bereits in Schottland sein, ausgestattet mit einem unerschöpflichen Vorrat an Krediten. Kurz darauf wäre sie bereits in Südamerika.«

Karin und Smårne sehen einander an, als würden sie die unterschiedlichen Möglichkeiten durchspielen.

Schließlich steht Smårne auf und verschwindet nach ein paar langen federnden Schritten durch eine Tür hinter seinem Schreibtisch.

Elin und Karin bleiben sitzen und betrachten einander.

»Wohin fährst du morgen?«

»Morgen habe ich nichts, aber übermorgen bin ich in Leksand … oder war es Falun?«

»Stellen sie schwierige Fragen?«

»Heute hat man mich zur Steuerpolitik befragt. Ich habe eine Menge auswendig gelernt und kann auf das meiste eine Antwort geben, aber manchmal verstehe ich selbst nicht, was ich sage. Ich komme mir vor, als wäre ich ein einziger Bluff.«

Karin streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und glättet mit einer Hand wieder ihren Rock. »Hast du Skarpheden getroffen?«

Elin zeigt auf die Tür, die zu den Aufzügen führt. »Da draußen.«

Karin nickt. »Wir erlassen neue Gesetze bezüglich des abgesperrten Gebiets. Es hat sich herausgestellt, dass die frühere Regierung Gesetze durchgesetzt hat, die nicht auf Fakten basierten, sondern auf dem, was die Bevölkerung glauben sollte. Man hat eine fälschlich hohe Zahl an Wildschweinen angegeben, um die Menschen abzuschrecken und sie von den Wäldern fernzuhalten. Auch der Wert der radioaktiven Strahlung in den Schweinen war übertrieben. Man wollte dadurch nur erreichen, dass sie nicht mehr gejagt wurden.«

»Was sollte das bezwecken?«

»Sie wollten einfach, dass man glaubte, dass die Wälder voller gefährlicher und nicht essbarer Schweine sind, damit man sich von dort fernhielt. Die Leute sollten zu Hause bleiben. Und das wiederum sollte es erleichtern, Bewegungen auf dem Gelände festzustellen. Nils Dacke und die Waldleute sollten leichter von Drohnen gesichtet werden können. Und Hubschrauberangriffe auf die Terroristen konnte man den Menschen so als Wildschweinjagd unterjubeln. Skarpheden ist einer der Forscher, die damit hinters Licht geführt wurden. Wir gehen heute davon aus, dass knapp fünf Prozent der Schweine kontaminiert sind oder waren. Aber die vorherige Regierung hat behauptet, es sei die Hälfte der Tiere. Man hat einen Riesenaufwand betrieben, um das Wildschweinfleisch zu vernichten – und Skarpheden gehörte zu den Leuten, die sich genau damit beschäftigten. Man hat behauptet, dass es vier Zerstörungsstationen im Land gab, in Wahrheit war es aber nur eine. Möchtest du noch mehr Wasser?«

»Nein danke.«

»Du siehst blass aus.«

»Beim Gedanken an Syria wird mir mulmig.«

Karin nickt. »Da ist noch etwas, eine Kleinigkeit bloß, aber trotzdem. Deine Ausleihliste steht im Netz.«

»Was meinst du?«

»Eine Übersicht über alle Texte, die du während der zwei Schuljahre heruntergeladen hast, ist veröffentlicht worden.«

Elin legt die Stirn in Falten. »Warum muss uns das kümmern?«

»Hast du von dem Schriftsteller gehört, der wegen einer Operation eingeliefert wurde, zu der Zeit, als es in den Krankenhäusern noch Bibliothekare gab? Der Schriftsteller fragte also den Bibliothekar, welche Gedichte in der Krankenhausbibliothek vorrätig seien, und erhielt die Antwort, dass es nicht so viele seien, weil Gedichte am häufigsten in der Psychiatrie verlangt würden.«

Elin runzelt immer noch die Stirn. »Was willst du damit sagen?«

Karin holt tief Luft, als müsse sie sich mit ausreichend Sauerstoff versorgen, um eine Selbstverständlichkeit zu erklären. »Für die Leute zählt die Wirklichkeit. Wenn das Gerücht entsteht, dass du gerne schwermütige Gedichte liest, kann dir das im Wahlkampf schaden.«

»Und was soll ich dagegen tun?«

»Hab eine gute Antwort parat. Früher oder später werden Fragen zu deinen Lesegewohnheiten kommen.« Karin streicht sich erneut den Rock glatt. »Ich möchte dir etwas zeigen.« Sie nimmt das Mobil aus der Tasche ihres Blazers und öffnet eine Textnachricht. »Hiermit hat sich Alan im letzten Jahr beschäftigt. Das ist auch eine Sache, über die du eventuell sprechen musst, denn es wird viele Menschen betreffen.«

Die Tür, durch die Smårne verschwunden ist, geht auf und ein Mädchen in Jeans, Turnschuhen und einem blau karierten Hemd kommt herein. Sie sieht aus, als wäre sie etwa dreizehn. Als sie Karin erblickt, läuft sie auf sie zu und wirft sich ihr in die Arme.

»Begrüß auch Elin«, ermahnt Karin sie.

Das Mädchen dreht sich zu Elin um und macht ein ernstes Gesicht. »Ich heiße Liv und ich bin ein Humanoid. Ich werde in der Vorschule arbeiten und ich kenne mich mit der psychologischen Entwicklung von Kindergartenkindern, Konfliktlösung, Gruppendynamik und formeller und informeller Leitung in kleinen und großen Gruppen aus. In einer Gruppe von Kindern, die in meiner Obhut sind, kann ich eine gute Atmosphäre sowie positive Lernresultate garantieren. Ich spreche, lese und schreibe elf Sprachen und kann dreihundert Märchen nacherzählen, von denen die meisten schwedischen, deutschen oder arabischen Ursprungs sind. Meine Schwäche ist das Spielen unter freiem Himmel, denn Schaukeln, Klettergerüste und steile Hügel bereiten mir Schwierigkeiten. Drinnen bin ich zu so gut wie allem imstande.« Liv lächelt entschuldigend. Sie trägt eine Zahnspange. »Sobald meine Geschwister und ich in den Kindergärten in vollem Maße eingesetzt werden, werden die meisten der Pädagogen, Erzieher und Kinderpsychologen des Landes ohne Aufgaben dastehen. Karin und ich hoffen, dass du uns helfen kannst, eine positive Stimmung für das zu schaffen, was die Zukunft von uns verlangt.«

»Danke, Liv«, sagt Karin. »Du kannst jetzt wieder in dein Zimmer gehen.«

Liv streckt die linke Hand aus und verabschiedet sich von Elin. Ihr Händedruck ist warm und feucht, etwas lasch und unmöglich von dem einer echten Dreizehnjährigen zu unterscheiden.

Liv macht einen Knicks. »Es hat mich gefreut, dich kennenzulernen. Ich hoffe, wir sehen uns in Zukunft noch öfter.« Und dann fügt sie hinzu, als wäre ihr etwas eingefallen: »Du siehst deiner Zwillingsschwester sehr ähnlich.« Mit diesen Worten geht sie hinaus und macht dabei konzentrierte Hopser, als würde sie auf einer unsichtbaren Zeichnung Hinkelkästchen spielen.

»Wen hat sie mit meiner Zwillingsschwester gemeint?«, fragt Elin.

Karin zuckt mit den Schultern. »Manchmal tauchen Programmierungsfehler auf, dann können ihr die unglaublichsten Dinge herausrutschen. Gestern hat sie eine komplette Vorlesung über Arsenvergiftungen gehalten, nur weil jemand die französische Justizministerin Madeleine Dumas genannt hat. Mir war der Zusammenhang auch nicht klar, aber Alan hat behauptet, dass es auf der Hand läge, wenn man Der Graf von Monte Christo gelesen hat.« Karin lehnt sich zurück und legt den Kopf schief. »Siebzig Prozent unserer Pädagogen werden in drei Jahren keine Arbeit mehr haben. Mit dem Hotelpersonal und gewissen Pflegeberufen ist es bereits jetzt mehr als schwierig. Die Radiologen werden fast vollständig verschwinden. Diagnosen anhand von Röntgenbildern zu erstellen ist wie gemacht für Roboter. Die Kassierer in den Geschäften sind schon so gut wie verschwunden. Zugführer und Fahrer gibt es auch schon fast nicht mehr.« Karin seufzt. »Wir müssen über die Humanoiden informieren, sodass man sie nicht als überkompetente Monster ansieht, die den Leuten die Arbeit wegnehmen und einen Großteil des Daseins überflüssig machen. Die alten, restriktiven Gesetze werden wir ändern. Wenn wir nach der Wahl ein ordentliches Mandat haben, werden neue Gesetze erlassen. In diesem Zusammenhang kannst du eine große Rolle spielen.«

Elin sieht verwundert aus. »Wieso das?«

Wieder streicht Karin über ihren Rock, als wäre er immer noch nicht glatt genug oder mit einer unsichtbaren Staubschicht bedeckt. »Was würdest du dazu sagen, wenn Liv mit zu euch nach Hause kommt? Sie wäre bestimmt eine gute Gesellschaft für Gerda und wir könnten ihre Interaktion filmen. Die Leute würden sehen, wie ein Humanoid zu der Entwicklung eines Kindes beitragen kann. Außerdem würden die Leute mehr über dich erfahren und dein Platz im Reichstag wäre greifbarer. Was meinst du?«

»Ich weiß nicht, was ich sagen soll.«

Karin beugt sich vor und stützt beide Ellenbogen auf den Oberschenkeln auf. Sie spricht mit leiser Stimme, als würde sie ein Geheimnis verraten. »Denk bis morgen über die Sache nach. Wir haben um zehn Uhr ein Meeting mit Vertretern der Lehrerorganisation. Es wäre gut, wenn du als Beobachterin daran teilnehmen könntest.«

»Ich habe Gerda seit Sonntag nicht gesehen und wollte heute Abend nach Hause fahren.«

»Du kannst morgen doch zur Mittagsessenszeit zu Hause sein«, sagt Karin laut und klingt, als würde sie keine Widerrede wünschen.

Plötzlich richtet sie den Blick auf etwas rechts von Elin.

Eine Tür in der Wand wird geöffnet. Ein Mann in grauem Tweedanzug, zerknittertem weißen Hemd und einer dunklen, gestreiften Krawatte betritt den Raum. Er trägt alte, aber gut geputzte braune Schuhe und die Haare in einem strengen Scheitel.

»Hallo, Elin«, sagt der Mann und kommt auf sie zu. »Wie schön, dich zu sehen! Ich wollte dich nur kurz begrüßen.« Er reicht Elin die Hand. »Du hast meine Tochter kennengelernt?«

»Du meinst Liv?«

Alan lächelt kaum merklich. »Wen sonst?«

»Nein, natürlich, Liv. Sie wirkt sehr aufgeweckt. Schön, dich zu sehen, Alan!«

Alan wirft Karin einen entschuldigenden Blick zu und streicht sich mit einer Hand über den Scheitel. »Ich muss wieder an die Arbeit. Ich hoffe, ich habe nicht gestört. Bis bald, Elin.« Damit verschwindet er so rasch, wie er aufgetaucht ist.

Kurz darauf wird die Tür hinter Smårnes Schreibtisch geöffnet und Karins Sekretär kommt zurück. Er hat ein Mobil in der Hand und spricht hinein, während er auf sie zutritt. Als er vor Karin und Elin steht, steckt er das Mobil in die Tasche. »Der Anwaltsverband ist jetzt da.«

»Der Anwaltsverband.« Karin seufzt. »Die Juristen gehören zu denen, die am schwerwiegendsten von der Robotisierung betroffen sind.«

Karin und Elin erheben sich.

»Komm morgen um Viertel vor zehn. Dann nimmt Torkel dich in Empfang.« Karin dreht sich zu Smårne um. »Kannst du Elin ein Zimmer besorgen? Sie nimmt am Treffen mit der Lehrerorganisation morgen früh teil.«

»Es gibt hier doch eine Unterkunft, die Borderland heißt?«, fragt Elin.

Smårne zwinkert ihr zu und sagt: »Borderland, geht klar.«

Karin lächelt und will sich gerade wieder über den Rock streichen, hält dann jedoch inne. »Skarpheden wohnt dort.« Sie wirft Smårne einen verschwörerischen Blick zu. Dann dreht sie sich zu Elin um. »Was wir wegen Syria besprochen haben, ist höchst vertraulich. Behandle es wie ein Staatsgeheimnis. Was du über deine Begegnungen mit ihr gesagt hast, ist auf Video mitgefilmt worden, und die oberste Riege des Geheimdienstes wird sich dessen annehmen.« Karin kneift die Augen zusammen, sodass sie Elin nun durch zwei schmale Schlitze ansieht. »Ich hoffe, du hast nichts dagegen. Ich bin ja nur Ministerin und keine Polizei.«

Kapitel 7

Als Elin aus dem Aufzug steigt, die Tasche in der einen Hand, das Mobil in der anderen, steht Nadia vor ihr.

Sie deutet nach draußen. »Wir müssen zum Hotel.«

Die beiden gehen zum Ausgang. Der Polizist, der draußen steht, salutiert träge.

»Ich dachte, hier auf dem Gelände ist alles sicher«, sagt Elin.

»Wer mächtige Feinde hat, für den ist es nirgends sicher«, erwidert Nadia.

Elin steckt sich das Mobil in die Tasche. »Woher wusstest du, dass ich zum Hotel muss?«

»Wir werden über so etwas informiert.«

Der Wind hat zugenommen und sie laufen etwas vorgebeugt zwischen den hohen Häusern entlang.

»Die Regierungskanzlei und der Reichstag sind die einzigen Gebäude, an denen steht, was sich darin befindet«, erklärt Nadia. »Alle anderen Adressen sind hinter anonymen Eingängen versteckt, an den Türen gibt es nur einen kleinen Monitor. Immer wieder wird die Kombination aus Farben und Ziffern ausgetauscht. Niemand, der nicht dort arbeitet oder wohnt, kann hineingelangen. Wer jemanden besuchen will, bekommt einen Code auf sein Mobil. Der Code gilt dann eine Stunde. Kinder haben personalisierte Karten. Dazu werden die Fingerabdrücke oder Pupillen biometrisch erfasst, so wie bei einem Mobil.« Nadia deutet mit dem Finger: »Ganz oben, über der Regierungskanzlei, wohnt die Königin. Auf sechshundert Quadratmetern. Das ist ein offenes Geheimnis, aber erzähl trotzdem nicht, dass ich es dir verraten habe.«

»Bist du mal ihre Leibwächterin gewesen?«

»Die Königin hat eigene. Sie werden ›die Zwerge‹ genannt.«

»Warum?«

»Wegen Schneewittchen und die sieben Zwerge, nehme ich an. Weil ihre Majestät keine Kinder hat, wird sie Schneewittchen genannt, wusstest du das nicht?«

»Nein.«

Eine Gruppe Kindergartenkinder wird auf einem Spielplatz von zwei Frauen in neongelben Westen überwacht.

»Falls du in den Reichstag kommst, erhält Gerda einen Kindergartenplatz. Mitglieder des Reichstags haben Vorrang. Es gibt hier Kindergärten, die versuchsweise von Robotern betrieben werden. Vielleicht sind das dort welche.« Nadia zeigt auf die beiden Frauen.

»Ich weiß nicht, ob ich wollte, dass meine Kinder in einen Kindergarten gehen, wo die Hälfte des Personals Roboter sind. Als was soll man sie überhaupt bezeichnen? Wenn eine Maschine wie eine Frau aussieht, ist dieser Robo dann ein Es oder eine Sie?«

Nadia blickt zum See. »Auf der norwegischen Seite liegt ein deutscher Bomber aus dem Zweiten Weltkrieg. Ein Teil des Flugzeugkörpers ragt aus dem Wasser. Sie halten das Wrack instand, damit es nicht völlig zerfällt. Eine Attraktion für sämtliche Minister auf Staatsbesuch. Man friert sich aber so einiges ab da draußen, es ist immer schweinekalt. Jetzt siehst du das Hotel.« Nadia zeigt auf ein dreizehnstöckiges Gebäude auf der nördlichen Seeseite. »Es gibt ein Restaurant dort, das einen Michelin-Stern hat. Sitting Duck heißt es.«

Der Hoteleingang liegt etwa zwanzig Meter vom Seeufer entfernt, und als sie das Foyer betreten, ertönt aus Lautsprechern das Geräusch von wogenden Wellen. Hinter dem Tresen der Rezeption stehen ein Mann und eine Frau, beide um die dreißig. Sie lächeln und die Frau tritt hinter dem Tresen hervor und kommt auf Elin zu. Sie hat weiße, gerade Zähne, die künstlich aussehen.

»Willkommen im Borderland, Elin. Wenn du dein Mobil auf das Lesegerät hier richtest, erhältst du deine Schlüsselinformation.«

Elin nimmt ihr Mobil hervor und hält es in Richtung des Monitors, auf dem daraufhin ihr Name erscheint.

»Die Rechnung wird Karin Holme übernehmen«, erzählt die Rezeptionistin weiter. »Dein Kredit innerhalb des Hotels, des Wellnessbereichs und des Restaurants ist nicht limitiert. Wenn wir etwas für dich tun können, musst du die 09 auf dem Hotelmenü drücken oder dich an die Bildwand wenden und die Rezeption verlangen. Wir hoffen, dass du einen angenehmen Aufenthalt bei uns hast. Deine Zimmernummer ist die 801.« Ohne zu lächeln nickt die Rezeptionistin Nadia zu und entfernt sich.

Nadia und Elin treten zum Aufzug. Weder Knöpfe noch andere Bedienungsvorrichtungen sind hier zu sehen.

»Der Aufzug nimmt Kontakt zu deinem Mobil auf und erfährt, dass du im achten Stock wohnst. In andere Etagen kann der Aufzug dich auch bringen, aber dazu musst du erst grünes Licht von der Rezeption bekommen«, erklärt Nadia.

Ihre Blicke kreuzen sich im Spiegel.

»Wohnst du auch hier?«

»Die achte Etage ist den Gästen der Regierungskanzlei vorbehalten. Deine Leibwächter haben ein Zimmer, das etwas von deinem entfernt liegt.«

Sie steigen aus dem Aufzug und Nadia folgt Elin über den mit Teppich ausgelegten Korridor.

Kapitel 8

Vor dem Fenster stehend, von dem aus man auf den See blicken kann, ruft Elin zu Hause an. Die Bildwand springt an und Anna und Gunnar erscheinen am Küchentisch sitzend, während Gerda auf dem Fußboden vor dem Herd mit einem Lastwagen spielt.

»Hallo, ihr alle!«

Anna ruft: »Gerda, da ist Mama!«

Das Mädchen steht auf und winkt. »Mama!«

»Hallo, Gerda!«

Gerdas Miene verfinstert sich. »Du sollst jetzt nach Hause kommen!«

Elin schluckt. »Ich komme morgen nach Hause, Gerda.«

»Komm jetzt!«, befiehlt Gerda.

»Morgen!«

»Komm jetzt!«

»Ich komme morgen.«

Gerda dreht sich um und verschwindet aus dem Bild.

»Warum kommst du nicht heute nach Hause?«, will Gunnar wissen.

»Ich bin in Grövelsjö und war gerade bei Karin. Morgen früh findet eine Besprechung statt und sie will, dass ich dabei bin.«

Gerda kommt zurück, in der Hand einen langen Stock. Am Ende des Stocks ist eine Schnur befestigt. »Das hier ist meine Fliegenrute!«

»Ich komme morgen nach Hause«, verspricht Elin.

Gerda wirft die Angelrute auf den Boden. »Du sollst jetzt kommen!«

»Ich komme morgen.«

Gerda dreht Elin den Rücken zu und rennt in ihr Zimmer.

»Sie hat den ganzen Tag nach dir gefragt und ich habe ihr gesagt, dass du heute Abend kommst«, erklärt Gunnar.

»Ich kann dieses Treffen morgen früh sausen lassen.«

Aber Gunnar rät ihr ab. »Du wirst bis zur Wahl noch häufiger weg sein. Es kann nicht schaden, wenn Gerda sich daran gewöhnt.«

»Aber morgen musst du hier sein«, sagt Anna. »Ich verspreche Gerda, dass du ganz sicher morgen kommst.«

»Ja«, sagt Elin. »Ich komme morgen. Mich ruft gerade jemand anderes an. Wir hören uns morgen früh.« Dann ruft sie noch: »Tschüss, Gerda!«

Aber Gerda antwortet nicht und Elin nimmt einen Anruf von Karin entgegen, die in ihrem Büro vor der Fenster mit der spektakulären Aussicht steht.

»Dein Zimmer war das einzige, das noch frei war, du hast also das Rundum-Paket bekommen. Ich schlage vor, dass du eine Massage buchst. Die beste Masseurin heißt Tia. Sie knetet dir jeden kleinen Triggerpunkt innerhalb einer Behandlungsstunde weg.«

»Ich wusste nicht, dass ich Triggerpunkte habe.«

»Du bist total verspannt. Buch eine Massage. Aber das ist nicht der Grund, warum ich anrufe. Das Treffen morgen wurde vorverlegt. Wir fangen schon um neun Uhr an. Es wäre gut, wenn du eine Viertelstunde vorher da sein könntest.«

Elin sieht sich die Videos an, in denen Gerda Gute Nacht sagt. Keins ist länger als eine Minute, die meisten kürzer. Nachdem sie sich die fünf Filme angeschaut hat, ruft sie Skarpheden an.

Eine Stimme teilt ihr mit, dass er gerade nicht zu sprechen ist. Sie hinterlässt eine Nachricht, ruft die Rezeption an und wird mit dem Wellness-Bereich verbunden.

Als Elin, in einen weißen Frotteebademantel und Hausschuhe gekleidet, auf den Flur hinaustritt, öffnet sich eine Tür neben dem Fahrstuhl und Miriam kommt ihr entgegen. Sie treffen sich vor den Aufzugtüren.

»Woher wusstest du, dass ich das Zimmer verlasse?«

»Wir überwachen alles, was sich auf dieser Etage abspielt. Wenn du die Tür öffnest, wird uns das gemeldet.«

»Aber du bist gleichzeitig mit mir herausgekommen. Du musst darauf vorbereitet gewesen sein.«

»Uns wurde gemeldet, dass du eine Massage gebucht hast.«

»Ihr überwacht also meine Gespräche?«

»In gewisser Weise.«

Elin hört, wie ihre Stimme schrill wird. »Haben du und Nadia etwa auch meine Nachricht an Skarpheden abgehört?«

Miriam wirkt verlegen. »Als Leibwächter haben wir einen Auftrag, und wir versuchen ihm, so gut es geht, gerecht zu werden.«

Elin versucht sich zusammenzureißen. »Wenn ich mich also heute Abend mit Skarpheden treffe, werden du oder Nadia dabei sein?«

»Nicht, wenn ihr euch in seinem oder deinem Zimmer trefft.«

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