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Sturm der Läuterung

René Pöplow

Sturm der Läuterung

Die Berrá Chroniken - Band 3


Dieses Buch ist Anton gewidmet. Meinem treuen Hund.


BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

Die Berrá Chroniken

 

Sturm der Läuterung

 

René Pöplow

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gewidmet

meinem treuen Anton

Dass mir mein Hund das Liebste sei, sagst du, oh Mensch, sei Sünde, mein Hund ist mir im Sturme treu, der Mensch nicht mal im Winde.“

 

Franz von Assisi

 

Der Autor

René Pöplow, geboren 1980 in Hannover, beschäftigt sich seit frühester Jugend mit dem Medium des Schreibens.

Sturm der Läuterung“ ist sein drittes großformatiges Buch, welches den Berrá Chroniken zugehörig ist.

Als Musiker war er Mitbegründer der Gothic Rock Band Herbstschmerz welche sich Ende 2011 auflöste. Zwischenzeitlich schwang er auch bei der Heavy Metal Gruppe Storykeeper die Drumsticks. Nach dem Ende von Herbstschmerz wechselte René von den Drums zur akustischen Gitarre und dem Gesang, um seine Berrá Chroniken auch in musikalischer Form umzusetzen. Unter dem Namen Die Mogeltrolle, veröffentlichte er bereits einen Tonträger und auch als Straßenmusiker und in kleineren Lokalen, bringt er seine Lieder unter das Volk.

1. eBook Auflage 2014

© René Pöplow

Sämtliche Rechte liegen beim Autor.

Illustrationen: Sarah Bergmann

VERLAG GESUCHT!

Ähnlichkeiten mit toten oder noch lebenden Personen, sowie geschichtlichen Ereignissen sind Zufall und vom Autor nicht beabsichtigt.

Unerlaubte Vervielfältigung, Verletzungen gegen das Urheberrecht oder das Verwenden von Buchinhalten zu unautorisierten Zwecken werden vom Rechteinhaber zur Anzeige gebracht.

Informationen über die Berrá Chroniken und andere Buchprojekte des Autors finden Sie unter www.elrikh.de

 

 

Vorwort der Printausgabe

Vieles hat sich getan während der Arbeiten an Band 3 der Chroniken. Nicht nur, dass „Die Mogeltrolle“ bereits ihr erstes Musikalbum und auch schon ein Musikvideo präsentieren können, eine neue Buchreihe ist ebenfalls am Entstehen. Euch wird nicht entgangen sein, dass einige Charaktere und Handlungsstränge bereits in Band 2 „Artefakte der Erlösung“ keine Fortführung gefunden haben. Grund dafür war, dass ich den Fokus auf andere Figuren und Ereignisse legen wollte, um den Kern der Geschichte nicht zu vernachlässigen. Aus diesem Anlass habe ich am 12.10.2012 eine weitere Buchreihe mit dem Titel „Kurzgeschichten aus Berrá“ gestartet.

Zum einen wird der Leser hierdurch mit mehr Hintergrundinformationen zu einzelnen Charakteren versorgt, zum anderen werden alte Handlungsstränge wieder aufgenommen und fortgeführt. Auch wird vom Leben der Figuren vor „Blutlinie der Götter“ erzählt. So gibt es in Band 1 dieser Reihe „Der TotenVERgräber“, einiges über einen jungen Sklaven zu erfahren, welcher später einmal zu einem bedeutenden Ritter werden sollte. Weitere Geschichten sind bereits geplant und werden bis zur Veröffentlichung von Band 4 der Berrá Chroniken fertig gestellt sein.

Bis auf weiteres wird es diese Kurzgeschichten jedoch nur in eBook Form geben. Ob und wann eine Printausgabe erfolgen wird, ist zu diesem Zeitpunkt nicht absehbar.

Doch nun wünsche ich euch erst einmal viel Vergnügen mit Band 3 „Sturm der Läuterung“.

Zusatz der eBook Version

„Blutlinie der Götter“ und „Artefakte der Erlösung“ haben als eBooks sehr viel Zuspruch gefunden. Aus diesem Grund habe ich „Sturm der Läuterung“ ebenfalls in das digitale Angebot mit aufgenommen. Meine Suche nach einem Verlag habe ich vor geraumer Zeit eingestellt. In diesem Fall muss der Berg also zu Propheten kommen. In welcher Form Band 4 der Berrá Chroniken erscheinen wird ist noch ungewiss. Die Arbeiten am finalen Band dieser Buchreihe werde ich unmittelbar nach der Veröffentlichung dieses eBooks beginnen. Bis zur letzten Schlacht der Menschheit wird es also noch eine Zeit brauchen.

Der falsche Glaube


Dreihundert Jahre. Dreihundert Jahre seines Lebens hatte er für den Glauben an die Menschheit geopfert. Für die Reinheit ihrer Rasse und die Einzigartigkeit ihrer Kultur. Als Herrscher von Berrá hatte er die Menschen angesehen. Und sich selbst stets in der Rolle des Erlösers und Führers in eine Zeit des Lichts. So viel Blut war vergossen worden. Er hatte das Leben von Hunderten vielleicht sogar tausenden Fremdrassigen genommen. Auch Menschen fielen seinen Klingen zum Opfer. Oftmals musste er seine Überzeugung seinen Taten unterordnen, um das Ziel der Rassenreinheit zu erreichen. Doch sah er es nie als Verrat an der eigenen Sache an. Vielmehr war er bereit, jedwedes Ehrgefühl zu unterdrücken, um seine einzig wahre Bestimmung zu finden. Doch jetzt war all dies vorbei. Mit der göttlichen Waffe in den Händen, hatte er die Möglichkeit einen Rassefremden zu läutern. Er hielt die gesegnete Klinge in der Hand und wollte im Willen des Göttervaters handeln. Aber die Macht der alten Zeit wendete sich gegen ihn. Gepeinigt von den Flammen der Läuterung, welche nicht nur seinen Körper sondern auch seine Seele berührten, wurde ihm sein Hass zum Verhängnis. Zuerst drohte er wahnsinnig zu werden. Versteckt in dem Tunnel der alten Königsstadt, fragte er sich, ob sein Glaube nicht stark genug gewesen ist und der Göttervater ihn deswegen bestrafte. Doch so sehr er auch versuchte sich gegen die Wahrheit zu wehren, ergriff irgendwann die Erkenntnis von ihm Besitz, dass er seinem Leben den falschen Sinn gegeben hatte. Das Schwert der Läuterung war unfehlbar. Es verschonte das Leben des Elfen und richtete seine Macht stattdessen gegen den verblendeten Menschen. Es zeigte ihm die Gesichter seiner getöteten Feinde und offenbarte die Schrecken, welche sein Glaubenswahn über die Welt gebracht hatte. Seinetwegen herrschte Krieg auf Obaru. Er hatte die Wüstenbewohner von Talamarima in das Land des Friedens geführt und Leid und Elend über die Menschen gebracht. Vor dreihundert Jahren leistete er einer alten Hexe einen Blutschwur. Sie schenkte ihm ewiges Leben um seine Visionen der Rassenreinheit zu erfüllen. Sollte er scheitern oder von seinem Wege abweichen, würde seine unsterbliche Seele auf ewig den Qualen der Finsternis ausgesetzt sein. Sollte das Schwert des Wassergottes ihn tatsächlich geläutert haben, so müsste er sich nun zwischen zwei Schicksalsfäden entscheiden. Entweder würde er sein blutiges Werk fortsetzen und somit seine Seele vor der Verdammnis durch die Hexe bewahren. Oder er würde dem Rassenwahn abschwören und seine Schuld an den Bewohnern Berrás abtragen. Egal für welchen Weg er sich entschied, der Schatten seiner Vergangenheit, sicherte ihm die Qualen seiner Zukunft. Erschlagen von dieser Erkenntnis und gezeichnet durch einen unauslöschbaren Schicksalsschlag, schlurfte er durch die unterirdischen Gänge aus alter Zeit. Sollte ihm hier unten nicht irgendeine Kreatur das Leben nehmen, so würde er versuchen an die Oberfläche zu gelangen und die Fehler seiner Vergangenheit wieder gutzumachen.


Das Ende einer Stadt


Ich weiß nicht ob ich der richtige bin um diese Zeilen zu schreiben. Aber Malda hat mich darum gebeten diese Aufgabe zu übernehmen und ich wollte ihrem Wunsch nachkommen. Wir konnten mehr Menschen aus Elamehr retten als ich anfangs gehofft hatte. Während Malda und ich durch die engen Wassertunnel den Weg zum Mia-Strom suchten, konnten unsere Freunde noch sehr viele Städter in Sicherheit bringen. Es schmerzt mich zu sagen, dass keiner von den Alten überlebt hat. Die meisten sind in Elamehr geblieben um dort ihr Ende zu finden. Die wenigen welche versuchten uns durch den geheimen Quellgang zu folgen, starben bei dem Versuch die Strömung der Tunnel zu überwinden. Ich bin noch nicht dazu gekommen alle Überlebenden zu zählen, aber es dürften beinahe zweihundert sein, die den Flammen der Nomaden entkommen sind. Maldas Onkel zählt leider nicht zu diesen Glücklichen. Obwohl ihre Trauer unendlich groß sein muss, behält sie die Fassung und hat sich mit ihrer Rolle als Führerin abgefunden. Bei dem was nun vor uns liegt, werden wir Menschen wie sie brauchen. Es war uns nicht vergönnt mehr zu retten, als jenes was wir am Leibe tragen.

Als wir am Morgen nach der Flucht von einer Hügelkette Richtung Elamehr blickten, mussten wir das ganze Ausmaß der Vernichtung erkennen. Die Nomaden wollten sich anscheinend nicht damit abfinden die Stadt niederzubrennen. Um die Zerstörung vollständig zu machen, haben sie damit begonnen sämtliche Türme und Mauern einzureißen. Auch drei Tage nach unserer Flucht, schmecke ich noch immer den Geruch von Feuer und Asche in der Luft. Es muss den Wüstenkriegern um mehr gegangen sein, als einfache Kriegsbeute. Ich weiß nicht warum, aber aus irgendeinem Grund, wollten sie unsere Heimat für alle Zeiten vernichten.

Wir werden jetzt den Weg nach Osten fortsetzen. In fünf Tagen sollten wir den Krötenwald erreichen. Zwischen seinen dichten Bäumen, werden wir fürs Erste Zuflucht suchen. Ich hoffe die Sahlets werden uns wohlwollend empfangen.

aus

Mowals Aufzeichnungen“

Tag 15 des Monats Fenda, Jahr 11636

4. Zeitalter


Asche und Staub


Almereth hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen Sieg über Elamehr für die Nachwelt angemessen festzuhalten. Ein gutes Dutzend von Schreibern war damit beschäftigt, Siegeshymnen und ausschweifende Kriegsgeschichten über den Nomadenfürsten zu verfassen. Auch wurden zahlreiche Zeichnungen der zerstörten Stadt und seiner triumphierenden Zerstörer angefertigt. Über allem schwebte natürlich jederzeit das Antlitz des Wüstenfürsten. Acht Tage war es nun her, seitdem seine Armee die valantarische Soldatenstadt erobert und dem Erdboden gleichgemacht hatte. Almereth hatte seine blutrünstigen Prophezeiungen tatsächlich in die Tat umgesetzt. Weder Soldaten noch gewöhnliche Städter wurden bei diesem Vernichtungskrieg verschont. Noch nicht einmal die Alten und Kranken erfuhren Gnade von dem Nomadenführer. Vermutlich hätte Almereth auch die Kinder hinrichten lassen, wenn es denn welche gegeben hätte. Doch durch das Fehlen der selbigen, nagte an dem siegreichen Wüstenfürsten der Gedanke, dass sich eine größere Gruppe der Valantarier vielleicht hatte retten können. Wie sonst war es zu erklären, dass kein einziges Kind unter den Gefallenen zu sein schien? Die bloße Vermutung, dass jemand aus Elamehr diese Schlacht überlebt haben könnte, bereitete Almereth Unbehagen. Nicht nur, dass dieser Umstand als Unfähigkeit seiner Soldaten anzusehen war. Zeitgleich würde es bedeuten, dass irgendwo Menschen waren, welche über die Kampfstrategien und die Armeeordnung seiner Krieger bescheid wussten. So abwegig dieser Gedanke auch war, quälte es den Fürsten, dass seine Feinde möglicherweise die Schlagkraft seiner Armee kennen würden.

Einer der Schriftführer wollte sich soeben in einer erneuten Lobpreisung über seinen Herren auslassen, als dieser eine seiner berüchtigten Gemütsschwankungen durchlebte und alle Anwesenden des Zeltes verwies. Ohne auch nur noch einen einzigen Laut von sich zu geben, eilten sowohl Schreiber als auch Bedienstete hinaus. Jeder wusste, dass Almereth nun ganz für sich alleine sein wollte. Der Wüstenfürst griff sich einen Weinkelch und sackte auf seinem gepolsterten Thron zusammen.

Mehr als zweitausend Mann habe ich in dieser Schlacht verloren. Gemessen an den Verlusten der Valantarier, sollte ich keinen Grund zur Klage haben. Aber dennoch hätten diese Toten verhindert werden können. Auch der Verlust unserer Katapulte ist nicht ohne weiteres zu verschmerzen. Niemand von meinen Männern hat die Fähigkeiten solche Geschütze erneut zu konstruieren. Almereths Hand schloss sich fest um den Weinkelch, bis dieser sich schließlich verformte und polternd zu Boden fiel. Dewesch. Wenn dieser Verräter seinen Posten nicht verlassen hätte, könnten meine Katapulte noch intakt sein. Gnade ihm der Göttervater, wenn ich ihn zu fassen bekomme! Für seine Ungehorsamkeit werde ich ihm den Rücken peitschen lassen bis seine Knochen in der Sonne glänzen!

Ein dezentes Räuspern von außerhalb des Zeltes, erweckte die Aufmerksamkeit des zornigen Fürsten.

„Was gibt es?“

Ein Meldereiter schritt vorsichtig durch die Zeltbahn hindurch und hielt dabei sein Haupt beständig gesenkt.

„Mein Fürst. Die Götterklingen kehren soeben in das Lager zurück. Heerführer Dewesch scheint jedoch nicht bei ihnen zu sein.“

Almereths Augen weiteten sich. Deweschs Elitetruppe hatte ihn vor Beginn der Schlacht nach Valantar begleitet. Ob sie sich bewusst gegen die Anweisungen des Nomadenführers gestellt hatten, konnte dieser nicht mit Bestimmtheit sagen. Es lag ebenso im Bereich des Möglichen, dass Dewesch seine eigene Eliteeinheit getäuscht hatte. Doch das würde Almereth sehr schnell erfahren.

„Sie sollen sofort antreten! Und nehmt ihnen ihre Waffen weg. Nicht ein Dolch soll an ihrem Rüstzeug hängen!“

Der Meldereiter war verwirrt über diesen Befehl, wagte es jedoch nicht zu zögern. Er verneigte sich tief und machte alsdann auf dem Absatz kehrt um die Anweisungen auszuführen. Almereth faltete nachdenklich die Hände zusammen. Einhundert Soldaten mehr oder weniger sollte sich eigentlich nicht als kriegsentscheidend auswirken. Aber hier handelte es sich um die Götterklingen. Jene Elitetruppe, welche eine umfangreiche Ausbildung von Dewesch erhalten hatte. Zusätzlich hatte er sie alle in Taktik und Kriegsstrategie unterrichtet. Für solche Männer hatte Almereth jederzeit Verwendung. Vorausgesetzt sie waren nicht an dem Verrat ihres Ausbilders beteiligt.


In gewohnt disziplinierter Aufstellung hatten die Götterklingen Fürst Almereth ihre Aufwartung gemacht. Das Ablegen der Waffen wurde weder hinausgezögert noch in Frage gestellt. Für den Fürsten war dies ein gutes Zeichen. Dennoch würde er den Männern nicht ohne weiteres vertrauen. Der hochgewachsene Nomadenführer schritt die Reihen der Krieger ab und blieb vor einem Mann stehen, welchen er als Deweschs Vertrauten zu erkennen glaubte.

„Du bist Halios, nicht wahr? Ein enger Vertrauter von „Heerführer“ Dewesch.“

Der Angesprochene neigte sein Haupt ehe er antwortete.

„Jawohl, mein Fürst.“

Halios unterschied sich in keiner erkennbaren Weise von den anderen Kriegern der Eliteeinheit. Auch er trug den schwarzen Kürass der Götterklingen und ein schwarzes Kopftuch mit dem Zeichen des Göttervaters darauf. Breite Schultern zeugten von einem durchtrainierten Körper und seine Augen wirkten aufgeweckt und klar. Seinem Gesicht war keine besondere Emotion zu entnehmen. Wie eine hölzerne Puppe stand er da und wartete auf neue Befehle. Almereth wusste nicht so Recht, was er davon halten sollte.

„Überrascht es dich, dass du und deine Kameraden ihre Waffen ablegen mussten? Schließlich seid ihr die Eliteeinheit unserer Armee.“

„Nein, mein Fürst. Ich hinterfrage keine Befehle.“

„Ach? Ist dem so? Wie kommt es dann, dass ihr zusammen mit „Heerführer“ Dewesch, nach Valantar geritten seid? Und das am Vorabend der Schlacht? Durch euer Handeln war ich gezwungen, den Kriegsbeginn um zwei Tage zu verzögern.“

„Mein Fürst, Heerführer Dewesch war zu jenem Zeitpunkt unser direkter Befehlshaber. Auf seine Anordnung hin, eskortierten wir ihn nach Valantar. Sich diesem Befehl zu widersetzen, wäre einem Verrat gleichgekommen.“

Almereth begann zu verstehen, dass die militärische Disziplin, welche Dewesch in die Reihen der Krieger gebracht hatte, auch seine Nachteile zu haben schien. Seine alleinige Herrschergewalt, wurde durch sie in Frage gestellt. Doch dies war kein Problem, welches er in einem Gespräch mit Halios zu lösen hoffte. Vielmehr interessierte ihn der Verbleib von Dewesch.

„Für jetzt werde ich davon absehen, dich in dieser Sache des Verrats an meiner Person zu beschuldigen. Denn es gibt eine Sache, die mich gegenwärtig noch viel mehr interessiert. Wo ist Dewesch?!“

„Mein Fürst. Der Heerführer betrat die Mauern der valantarischen Königsstadt und wart von da an nicht mehr zu sehen. Einige Stunden später öffneten sich die Burgtore erneut und eine große Schar von Soldaten griff uns an. Ihr Anführer sprach von einem Attentat auf ihren obersten Ratsherren, welches Heerführer Dewesch durchgeführt hätte. Obgleich uns die feindlichen Soldaten um ein dreifaches überlegen waren, konnten wir sie ohne Verluste zurückschlagen und den Rückzug antreten. Einen halben Tagesritt entfernt bezogen wir Stellung und warteten auf ein Zeichen des Heerführers. Als wir nach zwei weiteren Tagen immer noch keine neuen Erkenntnisse hatten, begaben sich zwei unserer Späher nach Valantar zurück. Doch es gab kein Eindringen in ihre Mauern. Aus diesem Grund sahen wir uns nicht in der Lage, Heerführer Dewesch beizustehen. Deswegen sind wir zurückgekommen.“

Obgleich die Erzählungen des Kriegers sehr interessant zu verfolgen waren, warfen sie für Almereth nur noch weitere Fragen auf. Warum plante Dewesch ein Attentat auf den obersten Ratsherren der Valantarier und erzählte ihm nichts davon? Und was war nun aus ihm geworden? War er bereits tot oder wartete er auf seine Hinrichtung? Würden die Valantarier ihn solange foltern, bis er alle Informationen über Truppenstärke und Kriegsgerät der Nomaden preis gab? Almereth war zu verwirrt um zornig zu sein.

„Gebt ihnen ihre Waffen zurück. Sie sind vom Verdacht des Verrates freigesprochen.“ Almereth wandte sich noch einmal an Halios. „Bis auf weiteres bist du der neue Anführer der Götterklingen. Doch eines lass dir gesagt sein, Halios. Ich dulde keinen Widerspruch und keine Eigenmächtigkeiten! Du wirst tun was ich dir sage und deine Männer unterstehen mir wenn ich es will! Solltest du zu irgendeinem Zeitpunkt dieselbe Eigenmächtigkeit wie der ehemalige Heerführer an den Tag legen, wirst du an deinen Eingeweiden aufgehängt!“

Halios sank auf ein Knie herab und faltete die Hände vor der Stirn.

„Meine Treue gehört euch, mein Fürst.“


Da er weder Heerführer noch Beraterstab sein Eigen nennen konnte, sah es Almereth als notwendig an, wenigstens einen Vertrauten in seine Pläne einzuweihen. Zumal er sich notgedrungen eingestehen musste, dass es immer besser war einen zweiten Kopf mit dem Abwegen von Einsatz und Nutzen zu beschäftigen. Zu diesem Zweck hatte er am Abend den neuen Eliteführer Halios zu sich rufen lassen. Almereth sah in dem jungen Mann nicht nur einen gehorsamen Diener, er verfügte außerdem über sehr viele Kenntnisse, welche der Fürst an Dewesch so geschätzt hatte. Als Halios das Zelt des Nomadenführers betrat, beschäftigte dieser sich bereits mit detaillierten Aufzeichnungen der valantarischen Königsstadt. Demütig sank der frisch ernannte Kommandant auf ein Knie hinab und grüßte seinen Herren. Dieser hatte im Augenblick jedoch nichts für Ehrerbietungen übrig und winkte seinen Gast zu sich heran.

„So sehr ich deine ehrfürchtige Begrüßung auch schätze, Halios, habe ich gelernt, dass diese Gesten nicht immer den wahren Charakter eines Menschen oder seiner Absichten widerspiegeln. Deswegen befreie ich dich hiermit von dieser Pflicht. Solange du dich mir gegenüber respektvoll verhältst, kann ich auf deine Kriecherei verzichten.“

„Jawohl, mein Fürst.“

Almereth nahm auf seinem bescheidenen Thron Platz und musterte Halios.

„Weißt du warum ich dich rufen ließ?“

„Nein, mein Fürst.“

„Dein Lehrmeister Dewesch, hat mich in der Vergangenheit gut beraten, wenn es um Taktik und Truppenbewegungen ging. Von den letzten Tagen, welche er in meinem Dienst verbrachte einmal abgesehen, war er ein durchaus fähiger Mann. Sein Platz ist nun frei. Frei damit du ihn einnehmen kannst.“

Zum ersten Mal blickte Halios seinem Führer direkt in die Augen.

„Dies ist eine Ehre, welche ich nur schwerlich annehmen kann. Heerführer Dewesch war…“

„Dewesch ist nicht länger Heerführer. Sein Hochmut hat ihm ein Ende beschert, welches alle Verräter ereilt. Doch ich habe nicht vor diesen Umstand mit dir zu diskutieren. Ferner mache ich dir hiermit klar, dass du keineswegs die Privilegien eines Heerführers bekleiden sollst. Einzig und allein die Strategien unseres Vorgehens, habe ich vor mit dir zu erarbeiten. Die Befehlsgewalt über mein Heer, obliegt den Gruppenführern und in oberster Priorität natürlich mir selbst.“

Almereths Worte wirkten wie eine Mischung aus Zurechtweisung und Lob. Während er Halios für sein taktisches Talent ehrte, wies er ihn zeitgleich auf seinen untergeordneten Platz hin und verdeutlichte seine fehlenden Befugnisse obendrein noch.

„Mein Fürst, darf ich fragen welche Aufgaben ihr mir im Einzelnen zugedacht habt?“

„Du wirst von heute an den Rang eines Gruppenführers innehaben. Deine Befehlsgewalt beschränkt sich allerdings auf die Götterklingen. Mithilfe deiner Untergebenen, wirst du mir eine genaue Aufstellung unserer Krieger und Waffen anfertigen. Des Weiteren sorgst du für die Koordination unserer Späher. Ich will über jeden Schritt der Valantarier genauestens informiert werden. Bevor wir gegen die Hauptstadt dieses Reiches in den Krieg ziehen, werden wir uns gut vorbereiten.“

Zögerlich gab Halios seinem Führer zu verstehen, dass er das Wort an ihn richten wolle. Innerlich seufzte Almereth. Fiel es ihm doch schwer, ein ausgewogenes Verhältnis von Ehrerbietung und Konstruktivität mit Halios zu erreichen. Aber er wollte diesem Unterfangen etwas mehr Zeit gönnen. Fürs erste nickte er seinem neuen Berater zu und hoffte in ihm auch wirklich die richtige Wahl getroffen zu haben.

„Wenn ihr mir einen Gedanken gestattet, mein Fürst. Ich halte es für fragwürdig die Hauptstadt der Valantarier ohne längere Vorbereitung anzugreifen.“

Almereths Neugier wurde augenblicklich geweckt. Nicht nur die Worte seines Gegenübers, sondern auch der Einwand an sich, gab ihm das Gefühl einen intelligenten Mann als Berater gewählt zu haben.

„Erkläre dich.“

Halios wies auf den nebenstehenden Kartentisch und deutete auf die Stadt Elamehr sowie die umliegenden Regionen.

„Ich habe die Königsstadt der Valantarier gesehen. Ihre Mauern sind nicht nur höher als die von Elamehr, das Gelände um die Stadt ist für einen Angriff mit unseren Kampftürmen ungeeignet. Außerdem ist Valantar nur halb so groß wie die Soldatenstadt. Unsere Feinde werden ein bedeutend kleineres Areal verteidigen müssen. Hinzu kommt, dass wir während unseres Aufenthaltes in der Ebene, zahlreiche Truppenbewegungen ausmachen konnten. Es hat ganz den Anschein, als würde der oberste Ratsherr die Truppen aus allen kleineren Städten abziehen und sie zur Verteidigung der Hauptstadt einsetzen.“

Halios Worte machten Eindruck auf den Wüstenfürsten. Sie waren direkt und wohl durchdacht. Obgleich Almereth den Eifer seines neuen Beraters schätzte, sah er sich der ernüchternden Tatsache gegenüber, dass die Königsstadt uneinnehmbar sein könnte.

„Mit deinen Worten hast du mir sehr gut verdeutlicht, dass du nichts von einem Angriff auf die Hauptstadt der Valantarier hältst. Was schlägst du also vor?“

Für einen kurzen Augenblick konnte man so etwas wie Stolz in den Augen des Kriegers sehen.

„Wir sollten den Umstand ausnutzen, dass der valantarische Ratsherr Angst vor unserer Armee hat. Die Städte des Südostens liegen schutzlos dar. Außerdem finden wir unweit von hier das Bockental. Von den dort lebenden Bauern können wir uns mit einer großen Menge Vorräte versorgen. Und es wäre mit Sicherheit nicht verkehrt, wenn wir uns ein paar Dörfler als Sklaven nehmen. Diese könnten beim Bau von neuen Kriegsgeräten sehr nützlich sein. Ich bin mir sicher, dass bereits ein- oder zweihundert unserer Krieger ausreichen werden, um dies zu bewerkstelligen.“

Almereths Lippen umspielte ein böses Lächeln.

Ich habe den richtigen Mann gefunden.


Der Heimat so nah


„Oh nein. Was kocht er denn jetzt schon wieder? Ich dachte das Wurzelmus wäre schlimm. Aber das übertrifft den Knollenbrei bei weitem.“

Verzweifelt hielt sich Brook die Nase zu und nahm Abstand zu der kleinen Gruppe, welche sich an Deck um Rethika gebildet hatte. Vierzehn Tage lang hatte der Zentaur sein Krankenlager hüten müssen. Anfangs sah alles danach aus, als würden sie ihren Kameraden verlieren. Doch dank Riggas Heilkunst und der zusätzlichen Unterstützung von Tymae, war Rethika dem Tod von der Klinge gesprungen. Seit zwei Tagen unternahm der Zentaur wieder erste Gehversuche, um seine Muskeln aufzuwecken. Zum Leidwesen seiner Kameraden, verspürte der Pferdemann ein starkes Verlangen nach der Kochkunst aus seiner Heimat. Nachdem er einen von Brooks Männern dazu überreden konnte auf einem Stück Wanderland ein paar Kaninchen zu erlegen, verbrachte der Zentaur nun schon mehrere Stunden auf Deck an einer provisorischer Kochstelle. Mit einer Sorgfalt die man ihm nicht zugetraut hätte, sortierte er Fleisch, Gemüse und Kräuter und bereitete sie zum Kochen vor. Was Brook dermaßen zur Verzweiflung gebracht hatte, waren eine große Portion Knollenzwiebeln und eine nicht minder geringe Menge an Knoblauch, welches in heißem Öl brutzelte und dabei einen beißenden Geruch von sich gab. Rethika lachte als der Kapitän Abstand zu seinem Kochtopf nahm und wedelte ihm noch etwas mehr von dem kräftigen Aroma zu.

„Hahaha. Du weißt einfach nicht was gut ist. Es fehlt dir an Fantasie. Glaub mir. Wenn erst das Fleisch und die Bohnen dazukommen, ganz zu schweigen von den scharfen Gewürzen, wird es ein Festmahl geben.“

Brook lehnte sich vorsichtig über das Schneidbrett, auf welchem der Zentaur das Fleisch bearbeitet hatte.

„Das mit dem Fleisch ist auch so eine Sache. Warum hast du das schöne Kaninchen dermaßen verunstaltet? Ich sehe da nur einen einzigen Brei. Es sieht aus als wenn du das arme Tier unter einem Felsen zermanscht hättest.“

„Du hast doch keine Ahnung. Das Fleisch ist nicht zerquetscht. Es wurde gehackt. Und jetzt hau ab und lass mich in Ruhe kochen. Normalerweise bereite ich dieses Gericht mit Schwein und Rind zu. Kaninchen ist auch für mich etwas Neues.“

Brook drehte sich um und marschierte beleidigt davon.

„Das hält man doch im Kopf nicht aus. Schlachtet seine Gegner reihenweise ab und sitzt an anderen Tagen am Herd und gibt Kochstunden. Wenn er jetzt noch damit anfängt Socken zu stopfen lass ich ihn über Bord schmeißen.“

Elrikh hatte die Unterhaltung seiner Freunde verfolgt und wollte Brook noch ein paar aufheiternde Worte mit auf den Weg geben. Allerdings achtete Tymae darauf, dass er sich jetzt nicht zu Späßen hinreißen ließ, sondern sein Training absolvierte. Seitdem die Gruppe aus dem Imperium geflohen war, trainierte Elrikh jeden Tag sehr hart. Die Schattenelfe hatte es sich zur Aufgabe gemacht, den jungen Menschen unter ihre Fittiche zu nehmen. Sie war eine äußert strenge Lehrmeisterin. Das musste Elrikh jeden Tag aufs Neue lernen. Wenn er seine Übungen unsauber ausführte, gab es augenblicklich einen strafenden Hieb auf den Rücken oder in die Magengrube. Tymae hatte ihn binnen weniger Tage, zu einem disziplinierten Kämpfer gemacht. Auch sein Hüftspeck hatte sich Zusehens verabschiedet. An seine Stelle waren sehnige Muskeln getreten. Allerdings war dies erst der Anfang seiner Ausbildung. Tymae ließ keinen Zweifel daran, dass Elrikh zwar über ein durchaus großes Potenzial verfügte, er aber noch sehr viel Arbeit vor sich hatte, um ein wirklich guter Schwertkämpfer zu werden. Seine heutige Aufgabe bestand darin, abwechselnd mit dem linken und dem rechten Arm, Wassereimer zu heben. Dabei achtete Tymae peinlich genau darauf, dass seine Arme vollkommen gestreckt waren. Es reichten bereits wenige Wiederholungen aus und Elrikh konnte die Eimer nicht mehr heben. Dann durfte er beide Hände für eines der Gefäße benutzen. Sobald ihn dabei die Kraft verließ wurden sie geleert und er musste die Übung mit leeren Eimern vollziehen. Tymae entschied darüber, wann es Zeit war sie wieder aufzufüllen. So ging diese Prozedur bereits seit Stunden. Zwischendurch durfte der junge Bockentaler zwar Wasser zu sich nehmen, aber nichts essen. Am ersten Tag seiner Übungen hatte er heimlich gegen diese Regeln verstoßen und sich etwas Brot zur Stärkung gegönnt. Jedoch brachten ihn die anstrengenden Übungen dazu, das bescheidene Mahl wieder von sich zu geben. Seitdem verzichtete er freiwillig auf Frühstück und Mittagessen. Das harte Training hatte nicht nur seinen Körper geformt, auch sein Wesen hatte sich verändert. Obgleich er am Abend immer noch mit seinen Kameraden zusammen saß und heitere Geschichten zum Besten gab, war die Gefühlsbetontheit aus seiner Stimme gewichen. Sehnsüchtiges Schwelgen in Gedanken an die Heimat oder seine geliebte Limar, erwartete man vergebens. Draihn sah diese Entwicklung jedoch mit gemischten Gefühlen. Der Ordensritter hatte sich mittlerweile gut von seiner schweren Turnierverletzung erholt und beobachtete Elrikh beinahe jeden Tag bei dessen Training. Obgleich der Valantarier seinen Eifer sehr schätzte, machte er sich Sorgen um den seelischen Zustand seines Freundes. Sicherlich hatte sich Draihn in der Vergangenheit des Öfteren gewünscht, dass Elrikh nicht ganz so emotional auf manches reagieren würde. Dennoch hatte er diese Eigenschaft an ihm zu schätzen gelernt. Schließlich stand sie für eine unverfälschte Persönlichkeit, welche durch Unschuld und Ehrlichkeit geprägt wurde. Draihn befürchtete, dass Tymaes Training diese Charaktereigenschaft seines Freundes gänzlich auslöschen würde. Doch es war sinnlos gewesen mit der Schattenelfe darüber zu diskutieren. Tymae hatte Draihn versichert, dass sie Elrikh ebenso mochte wie er es tat. Dennoch war es für die gemeinsame Zukunft der Gruppe unbedingt notwendig, dass Elrikh mehr Selbstsicherheit und Kampfgeist besaß. Und dazu gehörte nun einmal unausweichlich, dass der junge Zimmermann, seinen Körper ebenso wie seinen Geist stählte.

Während die Schattenkriegerin ihren Schüler anwies die Wassereimer erneut aufzufüllen, spazierte Rigga zu ihrer Kameradin hinüber und sprach sie mit gesenkter Stimme an.

„Du solltest Elrikh heute nicht mehr so hart trainieren lassen. Wir…“

„Fängst du jetzt auch noch an? Warum muss mir jeder Ratschläge geben wenn es darum geht jemanden im Kampf zu unterrichten?“

Rigga vergewisserte sich, dass Elrikh die hitzige Schattenelfe nicht bemerkt hatte und versuchte dann erneut ihr gut zu zureden.

„So hör mir doch zu. Wir haben heute Abend wichtiges zu besprechen. Mein Gefühl sagt mir, dass uns auf Obaru nichts Gutes erwartet. Elrikh sollte einen wachen Geist haben, wenn wir über die Rückkehr in unsere Heimat sprechen.“

Zwischen Verständnis und Verantwortungsgefühl gefangen, dachte Tymae über die Worte der Sahlet-Schamanin nach. Als sie Elrikh am Bug des Schiffes sah, wie er frisches Wasser schöpfte und dabei seine letzte Kraft hergab, hatte sie schließlich ein Einsehen.

„Nun gut. Wir sind zwar noch einige Tagesreisen von Obaru entfernt, aber es dürfte nicht schaden wenn unser junger Freund sich heute Abend ein wenig ausruht.“

Rigga neigte das Haupt zum Zeichen des Dankes und verschwand anschließend unter Deck. Tymaes Blick folgte der Schamanin und blieb an Draihn hängen, welcher auf der oberen Reling saß und sie beobachtete. Obgleich der valantarische Ordensritter und die Schattenelfe ihre Meinungsverschiedenheiten in den letzten Wochen erfolgreich beigelegt hatten, schien mittlerweile jede noch so kleine Geste von Tymae, den Valantarier zu reizen. Die geheimnisvolle Kriegerin zog es vor Richtung Bug zu gehen, um Elrikh von seinem harten Training zu erlösen. Dieser war soeben mit dem Auffüllen des zweiten Eimers fertig geworden und schickte sich an zu Tymae zurück zukehren. Doch die Schattenelfe bedeutete ihm mit einer knappen Handbewegung, dass er sich eine Pause verdient hatte. Dankbar setzte der junge Bockentaler die Eimer ab, nur um einen von ihnen sofort wieder aufzunehmen und über seinem Haupt zu entleeren. Erschöpft sank er auf die Knie und genoss das Gefühl des kalten Wassers.

„Du hast dich gut gehalten, Elrikh. Mein Kompliment. Sieht so aus als würde immer noch die Kraft eines Zimmermanns in deinen Muskeln lauern. Sie musste lediglich aufgeweckt werden.“

Elrikh war dankbar für den Zuspruch, konnte aber vor Anstrengung kaum einen vernünftigen Satz gestalten.

„Danke. Es geht… schon wieder… ganz gut. Was…?“

„Beruhige dich.“ Tymae kniete sich vor den Bockentaler. Dies war eine gute Gelegenheit, an seiner geistigen Kraft zu arbeiten. „Schließe deine Augen, setzte dich aufrecht hin und falte deine Hände. Und jetzt… atme ruhig ein. Und aus. Und ein. Und aus. Stelle dir vor wie dein Blut sich beruhigt. Du musst nicht schwer Atmen um Luft zu holen. Dein Herz schlägt ruhig und gleichmäßig. So ist es gut. Atme ein und langsam wieder aus. Sehr gut.“ Zufrieden blickte Tymae auf den Bockentaler. Seine Wissbegier und sein Eifer hatten ihn in kurzer Zeit sehr weit gebracht. „Und nun steh auf.“

Elrikh erhob sich und streckte den Rücken durch.

„Mein Körper fühlt sich an als wolle er sofort umfallen und für mindestens drei Tage durchschlafen. Aber dank deiner Übung, kann ich schon wieder normal Atmen.“

Tymae lächelte.

„Das ist erst der Anfang dieser Übung. In Perfektion ausgeführt, ist man in der Lage auch während der größten Anstrengung die Ruhe zu bewahren. Auf diese Weise wirst du deinem Gegner gegenüber immer im Vorteil sein. Während ihm das Blut in den Ohren rauscht, besinnt dein Geist sich auf das Wesentliche. Den Kampf. Doch bis dorthin ist es noch ein weiter Weg. Ein Weg welchen du heute nicht mehr gehen musst.“

Erleichtert darüber von seiner Lehrmeisterin etwas geschont zu werden, griff der Bockentaler sich sein Hemd und schwang es um die Schultern. Obgleich sein Körper sich langsam hat die schmerzhaften Trainingsstunden gewöhnt hatte, jammerten die Muskeln des Zimmermanns trotzdem bei jeder noch so kleinen Anstrengung. Während Tymae sich von ihrem Schützling abwandte um die Sahlet-Schamanin aufzusuchen, gesellte sich Draihn an die Seite seines jungen Freundes. Seine rechte Schulter und auch der Arm, wurden immer noch von einem dicken Verband gestützt. Die schwere Fleischwunde hatte sich zwar weitestgehend geschlossen, aber Rigga bestand darauf, dass Draihn seine Muskeln weiterhin schonte. Der Valantarier klopfte Elrikh anerkennend auf den Rücken und lehnte sich an die Reling.

„Du machst wirklich große Fortschritte. Die Schattenelfe hat anscheinend deinen Ehrgeiz geweckt. Wenn ich da an die spielerischen Übungen denke welche ich dir gezeigt habe… Aber was soll’s. Solange du mit dem Herzen dabei bist…“

Draihn sparte sich die restlichen Worte und schenkte Elrikh ein aufmunterndes Lächeln. Dieser knöpfte sein Hemd zu und ließ sich im Schneidersitz zu Boden sinken.

„Dein Training hat mich gut auf Tymaes Lektionen vorbereitet. Ich möchte mir nicht vorstellen wie es um mich stehen würde, wenn du mir nicht schon vor Monaten ein paar Übungsstunden abverlangt hättest. Wahrscheinlich würde ich keinen einzigen Tag unter der Aufsicht unserer Kameradin bestehen.“ Elrikh deutete auf Draihns Schulter. „Und wie sieht es damit aus? Hat Rigga schon gesagt wann du wieder ein Schwert halten wirst?“

Der Valantarier schüttelte kaum merklich den Kopf und wand sich zur offenen See um. Der starke Wellengang schlug kräftig gegen die Schiffswand und brachte die Wellenschneider ins wanken. Ein Zustand, an welchen sich sogar Elrikh mittlerweile gewöhnt hatte.

„Rigga weiß nicht wie lange meine Heilung noch dauern wird. Aber ich habe es damit auch nicht so eilig. Mein Verlangen nach Blutvergießen ist vorerst erloschen.“ Draihn blickte in Fahrtrichtung und beobachtete dabei das aufsprudelnde Kielwasser. „Bald werden wir auf Obaru sein. Brook hat wirklich nicht zuviel versprochen. Ich kenne niemanden, der uns so schnell hierher gebracht hätte.“

Mit einem unüberhörbaren Ächzen erhob sich Elrikh und schritt an Draihns Seite.

„Ja. Er ist zum Kapitän geboren. Genauso wie in dir die Seele eines Ritters steckt. Eines Ordensritters. Und wenn dein Schwertarm erst wieder…“

„Nein, Elrikh! Mein Schwertarm wird in Zukunft nicht mehr über mein Handeln bestimmen.“ In Draihns Gesicht war ein entschlossener Ausdruck zu erkennen. „Zu lange habe ich den Weg eines Kriegers bestritten. Meine Taten in Rogharo haben es mir vor Augen geführt. Ich habe Blut in einem Turnier vergossen. Nicht um mein Leben oder das eines anderen zu schützen, sondern um einen Wettkampf zu gewinnen. Ein Mann hat sogar sein Bein wegen mir verloren. Und alles im Namen des Göttervaters. Das kann nicht der Weg sein, welchen Zinakyl für mich vorgesehen hat.“

Elrikh war entsetzt. Bereits während des Turniers, hatte Draihn ihm von seinen Zweifeln berichtet. Allerdings hätte er nie geglaubt, dass sein Freund sich dermaßen in Schuldgefühlen verfangen hatte.

„Ich weiß nicht was…“

„Lass nur“, winkte Draihn ab. „Ich habe gelernt, dass es viele Situationen im Leben gibt, in denen man zwar gerne aufmunternde Worte oder Ratschläge überbringen möchte, einem aber nicht das richtige einfällt. In solchen Fällen ist es vermutlich einfach besser zu schweigen. Man kann keine Antwort auf alles finden.“

Draihn drehte sich um und schritt davon ohne Elrikh noch einmal anzusehen. Dieser blieb alleine an der Reling zurück und beobachtete den Himmel.

Die Bösen erstarken und die Guten verlieren sich in Schuldgefühlen. Ob dies das Schicksal aller Krieger ist?

Noch während sich der junge Bockentaler seinen schweren Gedanken hingab, ertönten über ihm in der Takelage die Stimmen der Schiffsbesatzung, welche ein Lied über die Wellenschneider anstimmte. Obwohl die Männer aufgrund der vorangegangenen Vorkommnisse erahnen mussten was noch vor ihnen lag, sangen sie ihr Lied, als hätten sie die Ereignisse der letzten Monate so gut wie unberührt gelassen.


Wir sind das letzte freie Volk

Auf dieser Welt

Wir töten nicht für Ruhm

Oder für Geld


Nur für Malzbier, starken Branntwein

Und vielleicht ein gutes Mahl

Oder auch fürs Spundloch

Von einem Knochenwal


Für ein dralles Weib

Oder besser noch für zwei

Zücken wir die Schwerter

Was ist denn schon dabei?


Prost – trink aus den Rum und schenk neu ein

Ahoi – greif dir ein Weib und schwing das Bein

Hey Ho – auf den Wellen tanzt heut Nacht ein Schiff

Ho Hey – nur ein Feigling denkt an das scharfe Riff


Die Wellenschneider segelt

Durch den Regen und den Sturm

Den Schiffsbauch stets gefüllt

Mit Bier und gutem Rum


Die Männer lachen tapfer

Dem Sturm ins Angesicht

Zeigen niemals Angst

Auch wenn der Hauptmist bricht


Prost – trink aus den Rum und schenk neu ein

Ahoi – greif dir ein Weib und schwing das Bein

Hey Ho – auf den Wellen tanzt heut Nacht ein Schiff

Ho Hey – nur ein Feigling denkt an das scharfe Riff


Und kommt auch einst der Tag,

An dem ich keinen - Rum mehr mag

Dann greif ich mir den schärfsten Speer

Und springe in – das kalte Meer

Ich suche mir den größten Wal

Und kämpf mit ihm – ein letztes Mal


Prost – trink aus den Rum und schenk neu ein

Ahoi – greif dir ein Weib und schwing das Bein

Hey Ho – auf den Wellen tanzt heut Nacht ein Schiff

H



Das gemeinsame Mahl der Auserwählten begann mit einer angenehmen Überraschung. Rethikas gefürchtetes Hackfleisch mit Zwiebeln, Knoblauch, Bohnen und Mais, hatte durch das Zusammenspiel von herzhaften Zutaten und ausgesuchten Gewürzen, tatsächlich zu vollen Bäuchen geführt. Besonders Brook musste eingestehen, dass er die Kochkunst des Zentauren wieder einmal deutlich unterschätzt hatte. Zweimal hatte er sich seine Schüssel nachfüllen lassen und er hätte dies vermutlich auch ein drittes Mal getan, wenn Rigga nicht alle Anwesenden um Gehör gebeten hätte. Brook ließ es sich jedoch nicht nehmen, dem Pferdemann seine Hochachtung für das gelungene Essen auszusprechen. Dieser grinste über das ganze Gesicht und spülte seinen letzten Bissen mit einem langen Zug dunklen Malzbieres hinunter.

Die Sahlet-Schamanin wartete bis sie sich der Aufmerksamkeit aller Kameraden sicher war und begann anschließend mit kehliger Stimme zu sprechen. Im Lichte des Mondes und der spärlich verteilten Öllampen, wirkte die Echsenfrau wie eine Unheilsgöttin, welche sogleich beginnen würde vom Ende der Welt zu schwadronieren. Doch obwohl Aussehen und Stimme die Auserwählten auf eine Untergangsrede einstimmten, blieb die Schamanin gewohnt nüchtern und leidenschaftslos.

„In wenigen Tagen werden wir die Küste von Obaru erreichen. Auf Wunsch unseres Kapitäns hin, steuern wir die Soldatenstadt Elamehr an. Ich zweifle an der Richtigkeit dieser Vorgehensweise, kann dies jedoch nicht rechtfertigen. Meine innere Stimme sagt mir, dass uns nichts Gutes in der Heimat erwarten wird.“ Die kleinen Knochen an Riggas Stab rasselten als sie sich bewegte. „Vergesst nicht. Wir waren zwei Jahre lang fort. König Melahnus ist tot. Wir wissen nicht was sich seitdem in Valantar verändert hat. Und ich glaube, jeder von uns kann sich denken, dass jede Veränderung im Königreich, auch Auswirkungen auf den Rest des Kontinentes hat. Nach allem was wir in Rogharo erfahren haben, soll es zum Krieg zwischen den Nomaden von Talamarima und einem anderen Volk kommen oder bereits gekommen sein. In der Vergangenheit hätte ich alle meine Amulette darauf verwettet, dass die Wüstenbewohner zuerst Krieg mit den Zentauren oder auch mit den Sahlets beginnen würden. Doch alleine die Tatsache, dass sich Nomaden unter einem großen Banner vereinen um in den Krieg zu ziehen, verändert alles. Als wir Obaru verließen, war das Königreich bereits geschwächt. Abertausende seiner Soldaten sind in der Seeschlacht vor Rankhara gefallen. Valantar hat viele Grenzen zu verteidigen, aber nur wenige Speere zu seinem Schutz. Es wäre also durchaus möglich, dass die Nomaden gegen das Königreich der Menschen in den Krieg gezogen sind. Sollte dem so sein…“

„Unmöglich!“, warf Draihn ein. „Noch nie haben sich die Nomaden gegen ein so großes Reich gestellt. Sie haben weder die Männer noch Kriegsgeräte die nötig wären, um gegen eine befestigte Armee zu bestehen.“ Obwohl der Ordensritter dem Krieg abschwören wollte, entsprang aus ihm die Stimme eines erfahrenen Taktikers. „Selbst wenn die Wüstenhunde sich aus ihren Sandlöchern wagen, würden sie vor den Toren der Soldatenstadt ihr Ende finden. Elamehr ist riesig. Wir ließen mehrere tausend Mann zurück, als wir nach Rankhara aufbrachen. Es ist unmöglich…“

„NICHTS… ist unmöglich!“ Rigga riss das Wort wieder an sich. „Das sollten wir wirklich gelernt haben. Meinst du nicht auch?“ Das Klappern ihres Stabes und der vielen Amulette wirkte hektisch als sie die Versammlung umrundete. „Die Nomaden haben sich zu einer gewaltigen Armee zusammengeschlossen. Nur ein Narr, würde die Anzeichen dafür leugnen.“ Sie blickte auf Brook dá Cal. „Du hast selbst mit den Terusiern gesprochen. Das Händlervolk hat sich mit Unmengen von Vorräten eingedeckt. Jeden Hafen haben sie leer gekauft. Dabei haben die Meisterfeilscher keinen Profit gemacht. Nur eine wahrlich große Bedrohung könnte sie zu solchen Schritten zwingen.“ Rigga nahm ihren Platz zwischen den Auserwählten wieder ein und ließ einen vielsagenden Blick durch die Runde schweifen. „Uns wird nichts Gutes in der Heimat erwarten. Mit diesem Gedanken solltet ihr euch alle anfreunden. Wenn der Krieg nach Obaru gekommen ist, wird kein Volk davon verschont bleiben.“

Bleierne Stille senkte sich auf die Gruppe hinab. Rethika musste an seinen Stamm in der Steppe denken. Sie alle waren tapfere Krieger. Aber der Winter war gerade erst vorbei. Die jungen Zentauren mussten erst wieder zu Kräften kommen.

Elrikh dachte an das Bockental. Obwohl die Dörfler dieser Region niemandem einen Grund gaben sie anzugreifen, konnte keiner die Absichten der Nomaden vorausahnen.

Draihn und Brook sorgten sich, ohne dass sie es wussten, um denselben Ort. Elamehr. Für den Ordensritter war die Soldatenstadt viele Jahre lang seine Heimat gewesen. Unzählige Ordensbrüder- und Schwestern hatte er an diesem Ort gefunden, welche nun alle in Gefahr schwebten. Brooks Gedanken drehten sich hingegen nur um Malda. Die einzige Frau auf der Welt, welche er jemals wirklich geliebt hatte. Vor seiner Abreise hatte er versucht sie davon zu überzeugen, dass es das Beste wäre, wenn sie ihn begleiten würde. Doch sie sorgte sich zu sehr um ihren Onkel und ihre Heimat.

Sogar Mart musste sich eingestehen, dass ein Krieg auf Obaru, nichts Gutes für sein Volk bedeuten würde. Die vielen Jahre des Friedens hatten dem Blut der Trolle gut getan. Die einzelnen Rudel konnten von Neuem erstarken und verteilten sich weitläufig über das Dunkelfelsgebirge. Obgleich es Wahnsinn wäre, ein ganzes Trollvolk in einer Bergregion angreifen zu wollen, traute Mart den rassefanatischen Nomaden alles zu, wenn sie ihre Ziele erreichen wollten.

Riggas Sorgen um ihr Volk waren wohl offensichtlich. Die Sahlets waren noch nie ein Kriegervolk. Jene Magie, welche sie zum Schutz und der Verteidigung ihrer Grenzen einsetzten, würde niemals gegen eine Armee von mehreren tausend Mann bestehen.

So gaben sich alle Anwesenden ihrer eigenen Sorgen hin. Nur Tymae nicht. Die Schattenelfe hatte keinen Grund über eine Bedrohung für ihr Volk zu grübeln. Ihre Heimat lag verborgen in den Nebeln des östlichen Meeres. Der ewige Schleier verhinderte mit seiner Magie, dass Unbefugte ihn durchdrangen. Dennoch dachte die Kriegerin an die ferne Zukunft. Eine Veränderung der Machtverhältnisse auf Obaru, könnte eine Rückkehr des Dunkelgottes begünstigen. Dies wiederum, würde eine Bedrohung für die ganze Welt und somit auch ihre Heimat darstellen. Die Schattenelfe schloss die Augen und begann zu meditieren.

Die eine Welt, kann ohne die andere nicht leben.

Eine große Versammlung


Jeder wollte an der großen Versammlung teilnehmen. Viele waren neugierig auf die Berichte der neuen Verbündeten und wollten sich deren Erzählungen nicht entgehen lassen. Wo ansonsten nur die gewählten Vertreter der einzelnen Völker und einige Heerführer nebst Berater saßen, drängten sich unzählige Krieger und Flüchtige aus verschiedenen Teilen des Ostgebirges und des valantarischen Reiches. Obwohl Rahbock in den letzten Wochen immer schwächer zu werden schien, wurde er weiterhin als oberster Redner des Rates gewünscht. Er genoss das Vertrauen aller Ratsmitglieder und wurde von den Völkern Obarus ohne Einschränkungen als ehrenhafter Mann geachtet. Es war wohl mehr sein Pflichtgefühl was ihm an diesem Tag die Kraft verlieh abermals das Rednerpult zu erklimmen, als das es der Wunsch nach Ansehen oder Wortgewalt gewesen wäre. Erfreut über die neuen Gesichter und zugleich erschöpft, begrüßte der Weise alle Anwesenden und stützte sich dabei unauffällig gegen das Rednerpult.

„In Zeiten von Ungewissheit und der Gefahr durch viele Feinde, freut es mich sehr, neue Freunde in unserer Ratshalle begrüßen zu dürfen. Ich wünschte nur der Grund für euer Hier sein wäre ein anderer gewesen, als die Flucht vor den Feinden in eurer Heimat.“ Rahbock hielt kurz inne und sammelte sich. „Um mit der wachsenden Bedrohung aus der jenseitigen Welt, sowie den Nomaden von Talamarima fertig zu werden, haben wir einen neuen Kriegsrat gegründet. Da sich die Völker der Zentauren, der Sahlets und der Trolle in ihre Gefilde zurückgezogen haben, wird es also ein Krieg der Menschen werden. Aus diesem Grund setzt sich der Kriegsrat wie folgt zusammen. Mathir und Trimalia, welche uns neue Wehrmauern errichtet haben, werden weiterhin mit dem Ausbau unserer Verteidigungsanlagen betraut werden. Brunal, seines Zeichens Waffenmeister des Bockentals, wird den Bau weiterer Kriegsgeräte vorantreiben. Boemborg, Sippenführer der Nordmänner, wird mit der Kampfausbildung der Zivilisten und anderen Flüchtlingen beginnen.“ Rahbock räusperte sich und nahm einen kleinen Schluck Wasser. Das viele Reden strengte ihn mehr an als gedacht. „Eurekos, Tempelvorsteher der Blutschwerter, ist mit sechshundert Kriegern zu uns gestoßen. Dieses Bündnis soll Zeuge dafür sein, dass Valantar und Isamaria immer noch zusammenstehen.“ Der Tempelvorsteher nickte dem Weisen anerkennend zu. „Eurekos und seine Krieger, werden den südlichen Teil der Wehrmauern schützen. Wir hoffen, dass dadurch die Menschen von Inaros Zuflucht bei uns suchen werden. Sie werden ihren Landsmännern eher vertrauen, als es bei Soldaten aus Isamaria der Fall wäre. Außerdem wird Eurekos taktischer Berater von Mathir und Trimalia werden.“ Einige der Anwesenden gaben leises Gemurmel von sich. Viele wussten natürlich, dass Mathir und Trimalia ehemalige Ritter der Blutschwerter waren, aber des Hochverrats an der Krone beschuldigt und verurteilt wurden. Eurekos hatte gegen diese Behandlung nichts unternommen. Als Tempelvorsteher hätte es in seiner Macht gestanden, die Beschuldigten in seine Obhut überstellen zu lassen. Warum er dies nicht tat, war nur ihm allein bekannt. Und dass dieser oberste Tempelvorsteher nun Berater seiner ehemaligen Untergebenen sein sollte, stieß bei einigen der anwesenden Ordensritter auf geteilte Meinungen. Ein erneutes Räuspern von Rahbock reichte allerdings schon aus, um wieder für Stille zu sorgen. „Aus der Barinsteppe haben sich ebenfalls einige hundert Menschen zu uns geflüchtet. Als gemeinsamen Vertreter haben sie den Heilkundigen Otravia berufen.“ Rahbocks Blick blieb auf dem weißhaarigen Mann haften. „Otravia und ich sind alte Freunde. Er wird dem Kriegsrat als mein Vertreter beiwohnen und mir Bericht über die Fortschritte erstatten. Außerdem wird er jene Steppenbewohner unter den Flüchtigen aussuchen, welche für eine Kampfausbildung bei Boemborgs Männern in Frage kommen.“ Rahbock musste sich anstrengen um seine aufrechte Körperhaltung zu bewahren. Mit aufgestützten Armen blickte er in die Runde der überfüllten Versammlung und suchte dabei vor allem die Blicke der valantarischen Gäste. „Wir alle wissen was mit der valantarischen Soldatenstadt Elamehr geschehen ist. Der Überfall der Nomadenkrieger war beispiellos effizient. Sie haben eine ganze Stadt in nur zwei Tagen vom Antlitz Obarus gefegt. Ich will einfach nicht glauben, dass niemand diesen Vernichtungskrieg überlebt haben soll. Doch leider stehen uns die vielsehenden Augen der Riesenadler nicht zur Verfügung, um nach Flüchtlingen zu suchen. Sollte es Überlebende dieses Angriffs geben, müssen wir darauf setzen, dass sie alleine zu uns finden werden. Ich möchte nun Tempelvorsteher Eurekos bitten, uns von den Ereignissen in Valantar zu berichten.“

Rahbock schritt langsam vom Rednerpult fort und nahm in einem dick gepolstertem Lehnstuhl Platz. Ein Bediensteter reichte ihm ein frisches Glas Wasser und erkundigte sich nach seinem Befinden. Doch der Weise wollte sich vor der Versammlung keine weitere Blöße geben. Er nahm das Wasser entgegen und schickte den Diener fort.

Um die ungewollte Aufmerksamkeit vom Weisen abzulenken, schritt Eurekos eilig auf das Rednerpodest und begann mit lauter Stimme zu sprechen. Er trug für diesen Anlass eine schlichte blaue Robe, ohne die Zeichen seines Tempels oder jenem der Königstadt. Im Angesicht der neuesten Ereignisse, wäre ihm dies als unangebracht erschienen.

„Ich danke dem Ratsherren Rahbock für seinen Willkommensgruß. Doch möchte ich die Rolle der tapferen Helden keinesfalls für mich und meine Untergebenen beanspruchen. Ebenso wie ihr unsere Waffenstärke willkommen heißt, sind wir euch für einen Unterschlupf und sichere Mauern dankbar. So wie Meister Rahbock, sehe auch ich hierin das Fundament für einen Neuanfang zwischen den Bewohnern des Ostgebirges und des valantarischen Königreiches.“ Zustimmendes Gemurmel klang kurz auf. „Doch leider sind wir nicht diejenigen, welche dies im Augenblick zu entscheiden haben. In unserer glorreichen Königsstadt, hat eine neue Bedrohung ihren Platz gefunden. Lord Dukarus, der selbsternannte Führer des valantarischen Rates, hat sich die unsichere Lage unseres Reiches zunutze gemacht und die Macht ergriffen. Durch Einfluss, Korruption, Erpressung und sogar Mord, hat er sich die politische Führerschaft einverleibt. Und nun, durch den Fall Elamehrs und unseres ehrbaren Heerführers Gezehm, gibt es keine valantarische Kriegskraft mehr, welche es mit seinen Sondertruppen aufnehmen könnte. Aufmerksame Späher haben herausgefunden, dass Dukarus alle Soldaten aus den östlichen Städten abkommandiert hat, um sie in der Königstadt auf sich einzuschwören. Lediglich die Soldaten welche zum Schutz der Dörfer nach Norden geschickt wurden, dürften noch auf unserer Seite stehen. Doch sie sind über eine sehr weite Region verteilt und werden vermutlich in Kürze auf die Invasoren aus Talamarima treffen.“ Der Waffenmeister Brunal rieb sich über das Gesicht. Seine Heimat war das Bockental. Eurekos Worte hatten ihn an sein Dorf und die Bewohner erinnert. Mit seinem Beistand für Isamaria, hatte er sich gegen die valantarischen Beamten gestellt, welche die Gemeinden des Bockentals überwachen. Somit bestand für seine Heimat eine Gefahr von mehreren Seiten. Entweder würden die Nomaden das Tal angreifen oder aber die valantarischen Truppen, würden seine Unterstützung für Isamaria als Verrat ansehen und die Dörfler dafür bestrafen. Brunal betete innerlich, dass die Valantarier sich für die richtige Seite entschieden. Boemborg, welcher neben Brunal saß, berührte ihn leicht an der Schulter, um die Aufmerksamkeit des Waffenmeisters wieder auf Eurekos zu lenken. Dieser berichtete noch immer von den valantarischen Zuständen. „Nach meiner Kenntnis hat sich eine kleine Gruppe von rechtschaffenen Ratsherren rechtzeitig aus Valantar retten können, bevor Dukarus ihrer habhaft werden konnte. Ich kann jedoch nicht mit Gewissheit sagen, wo sie Zuflucht suchen werden. Diese Ratsherren, sind vielleicht unsere einzige Möglichkeit, die Sondertruppen von Dukarus auf unsere Seite zu bringen. Wenn wir den Soldaten zeigen können, dass sich ein mordender Betrüger über sie alle erhoben hat, besteht die Hoffnung, dass sie überlaufen. Aber dafür brauchen wir die Ratsherren. Sie sind gewählte Vertreter des Volkes und haben seit jeher Ansehen unter den Bewohnern und Kampftruppen genossen. Wenn wir sie finden, halten wir damit vielleicht den Schlüssel zur valantarischen Kriegsmacht in den Händen.“

Einige der Anwesenden zeigten großes Interesse an Eurekos Worten. Sie hatten viele Fragen zu Lord Dukarus und den Sondertruppen des unrechtmäßigen Herrschers. Eurekos versuchte die Fragen so gut es ihm möglich war zu beantworten und war schließlich froh, als er seine Rede endlich beenden konnte. Jetzt erbat sich Otravia der Heilkundige das Wort. Rahbock nickte und wies seinem alten Freund den Weg zum Rednerpodest. Obgleich die beiden Menschen ungefähr im gleichen Alter sein mussten, wirkte Otravia deutlich robuster als Rahbock. Vielleicht war es die Aufregung der letzten Wochen, welche den Weisen soviel Kraft gekostet hatten.

Mit einer respektvollen Verbeugung trat Otravia an das Rednerpult.

„Auch ich möchte mich für die Zuflucht welche mir und meinen Leuten hier gewährt wird bedanken. In unseren Reihen gibt es wahrlich nicht genügend Kämpfer, um es mit einer Horde Nomaden oder abtrünnigen Soldaten aufzunehmen. Umso mehr erfreut es mich, dass unser bescheidener Beitrag so hoch geschätzt wird. Ich möchte nicht leugnen, dass mir das ungeheure Ausmaß der Bedrohung, erst durch Meister Rahbocks Worte bekannt geworden ist. Meine Leute leben zu weit abseits der großen Städte, als das wir über solche Gefahren immer rechtzeitig bescheid wüssten. Vielleicht ist es gerade diese Abgeschiedenheit, welche mir einen distanzierten Blick auf unsere Situation erlaubt.“ Otravia bedeutete zwei Diener eine große Tafel herbeizutragen, auf welcher in groben Umrissen die Ländereien von Obaru zu erkennen waren. Offenbar hatte der Gelehrte sich gut auf seine Rede vorbereitet. Rahbock schmunzelte als er seinen Freund dabei beobachtete, wie er als Lehrer vor einer Gruppe welterfahrener Krieger und Politiker sprach. „Wir sollten uns die gegenwärtigen Machtverhältnisse und Interessengruppen einmal genauestens ansehen. Elamehr, ist in Feindeshand. Die Truppenstärke soll sich auf mehrere Zehntausend belaufen.“ Otravia nahm ein Stück Kreide und kreuzte die gefallene Soldatenstadt durch. Anschließend zeichnete er den Umriss eines Speeres darüber. „Valantar, steht unter dem Befehl eines abtrünnigen Ratsherrn. Seine Waffenstärke ist beachtlich und die Mauern der Königsstadt nahezu uneinnehmbar.“ Otravia zeichnete ebenfalls einen Speer über die Stadt und fügte noch einen Federkiel hinzu. „Es gibt zwei Wege die Stadt und ihre Soldaten zu gewinnen. Mit Gewalt oder mit Diplomatie. Lord Dukarus dürfte letzterem eher zugetan sein, als das er einen Kampf gegen uns UND die Nomaden führen wollen würde.“ Das Kreidestück zog einen langen Strich vom Bockental bis hin zum Ostgebirge. „Nördlich dieser Linie, wartet eine mögliche Verstärkung auf uns. Wir sollten schnellstmöglich Boten entsenden und sämtliche Soldaten und auch die Zivilisten ins Ostgebirge bringen lassen. Sollten die Nomaden allerdings Interesse an dieser Region zeigen, dürfte eine Befreiung der Bevölkerung nicht mehr möglich sein.“ Otravia umrandete in weiten Kreisen den Krötenwald und die nördliche Steppe. „Die Sahlets und die Zentauren werden uns nicht beistehen. Aber sie werden ihr Land gegen durchziehende Nomaden verteidigen.“ Der Heilkundige wandte sich an die Versammlung, welche seinen Ausführungen mit großem Interesse, aber auch mit fragenden Blicken, gefolgt war. „Ihr seht also, wir sollten mit zwei Pferden reiten, wenn diese Redensart jedem geläufig ist. Es bedeutet, während wir die valantarischen Soldaten im Norden zu uns holen um sie in unsere Reihen einfließen zu lassen, verhandeln wir mit ihrem unrechtmäßigen Anführer über ein Bündnis.“

Zum ersten Mal an diesem Tage, wurden aus den Reihen der Zuhörer lautstarke Proteste wahrnehmbar. Die versammelten Völker empörten sich über den Vorschlag, Verhandlungen mit Dukarus aufnehmen zu wollen. Egal ob Nordmann, Valantarier oder Bewohner des Ostgebirges, niemand wollte mit dem ehrlosen Lord paktieren. Rahbock erhob sich mit sichtlicher Mühe aus seinem Lehnsessel und trat an Otravias Seite. Erst als er eine Hand hob um die Anwesenden zu besänftigen, geboten diese ihrem Unmut Einhalt.

„Meine lieben Freunde. Es gibt wahrscheinlich mehr als tausend Gründe, um dem unrechtmäßigen Herrscher Valantars nicht zu trauen. Aber es gibt dreißigtausend Gründe, UM ihm zu trauen. Oder zumindest ein Bündnis mit ihm zu suchen. Wir dürfen unsere Abscheu nicht über unser Handeln entscheiden lassen. Der Verrat des Lords an den Männern und Frauen in Elamehr, die Missachtung der Thronfolge, die Städte und Dörfer, welche er schutzlos zurückgelassen hat indem er alle Soldaten abberufen hat, all dies sind Gründe diesen Mann zu hassen und zu bekämpfen. Aber wir haben nicht die Macht um dies zu tun. Wir brauchen seine Soldaten, um den Sturm der Nomaden aufzuhalten.“

Ausgerechnet Boemborg, welcher von Rahbock zum Ausbilder der Fußtruppen ernannt wurde, widersetzte sich den Worte des Weisen.

„Meister Rahbock. Ihr habt selber gesagt, dass eure Späher eine Gruppe Nomaden gesichtet haben, welche bereits vor mehreren Wochen in die valantarische Königsstadt geritten ist. Lässt dies nicht auf ein Bündnis zwischen den Wüstenbewohnern und Dukarus schließen?“ Boemborgs Worte wurden mit Zustimmung aufgenommen. Der erschöpfte Rahbock hatte seine Mühe damit, sich der wankelmütigen Menge entgegen zustellen. Ohne dass er seinen Freund direkt angreifen wollte, brachte Boemborg weitere Argumente gegen ein Bündnis mit Dukarus vor. „Unsere Wehrmauern sind hoch und unsere Krieger entschlossen. Jeden Tag erreichen uns neue Flüchtlinge, welche unsere Reihen stärken. Selbst aus den großen Städten der Valantarier kommen bereits erste Familien zu uns. Wir können den Angriff der Nomaden abwehren und sie vor unseren Mauern zu Fall bringen. Dafür brauchen wir kein Bündnis mit Dukarus.“

„Kommandant Boemborg“, brachte Rahbock mit aller Kraft entgegen. „Ihr irrt euch wenn ihr glaubt, dass sich die Invasoren an unseren Mauern zu Tode rennen. Die totale Vernichtung der Soldatenstadt sollte uns Lehre genug sein, dass es sich hierbei nicht um geistlose Säbelschwinger handelt. Die Wüstenbewohner sind diszipliniert, stark und unglaublich entschlossen. Sie werden das Erreichte nicht durch einen sinnlosen Lauf gegen unsere Verteidigungsanlagen zunichte machen. Nein. Sie werden solange auf Obaru brandschatzen, bis jedes Dorf, jede Stadt und jedes Feld geplündert und zerstört ist. Wenn wir uns hier hinter unseren Mauern verstecken, werden sich die Nomaden wie eine Seuche ausbreiten. Mit der Zeit werden sie immer stärker und wir immer schwächer. Und wenn es dann soweit ist, werden sie eine Schwachstelle in unserer Verteidigung gefunden haben und uns überrennen.“ Betretenes Schweigen legte sich über die Versammlung. Sogar Boemborg ließ den Kopf auf seine Brust sinken und wirkte dabei wie ein geprügelter Hund. Rahbock atmete schwer und wankte leicht zur Seite. Otravia wollte seinen Freund stützen, doch dieser lehnte ab und trat stattdessen an das Rednerpult um mehr Halt zu finden. Wie ein besorgter Vater, welcher seine Kinder vom Tod ihres geliebten Haustieres unterrichten musste, wanderte sein mitleidiger Blick über die Anwesenden. „Ich selbst habe entschieden, dass wir den Bewohnern von Elamehr nicht zu Hilfe eilen sollten. Ich wusste, dass uns diese Attacke den sicheren Tod gebracht hätte. Doch jetzt muss auch ich mir eingestehen, dass wir keine andere Wahl mehr haben. Wir müssen gegen die Nomaden in den Krieg ziehen. Die Männer, Frauen und Kinder dieses Kontinentes sind auf uns angewiesen. Wenn wir sie nicht beschützen und uns stattdessen hinter den Mauern verstecken um auf den Tod zu warten, verlieren wir unsere Menschlichkeit. Und das ist es doch, wofür wir kämpfen.“

Nach einem Moment der Stille, erhob sich Boemborg der Nordmann und schlug sich mit seiner Faust auf die Brust.

„Reiten wir in den Krieg!“

Einer nach dem anderen folgte. Alle erhoben sich und sprachen im Einklang jene Worte, welche schon seit unzähligen Generationen von den ehrevollen Rittern Berrás weitergegeben wurden.


Kämpfe aufrecht und stirb in Ehre!“



Nachricht aus der Ferne


Seit Monaten schon hängt ein Schleier aus Ungewissheit und Sorgen über unserem Land. Jedes Mal wenn man sich abwendet um Luft zu holen, erscheint ein neues Leid am Horizont. Sei es die Invasion der Nomaden auf Obaru oder das rätselhafte Verhalten der Druule welche das Weltentor auf Teberoth passiert haben. Ebenso ungewiss steht uns der Süden gegenüber. Selbst wenn Valantar kein Bündnis mit den Nomaden eingehen wird, ist damit nicht gesagt, dass uns das Königreich zur Seite steht.

Meine Sorgen rauben mir nun schon seit geraumer Zeit jene Kraft, welche ich brauche um dem Rat ein guter Führer zu sein. Doch vor zwei Nächten drang endlich ein Hoffnungsfunke zu mir. Während ich schlief nahm Levithar telepathischen Kontakt zu mir auf. Lange rätselten wir um den Verbleib des Riesenadlers und seines Gefolges. Wie ich bereits innerlich vermutete, hat der Herrscher des Ostgebirges sich nach Vinosal begeben, um dort für die Freilassung von Elynos dem Elfenfürsten zu kämpfen. Außerdem versucht er die elfischen Herrscher zu einer vereinigten Front gegen die Druule zu bewegen. Levithars Worte klangen seit jeher recht kühl und emotionslos. Doch in dieser Nacht war es anders. Zum ersten Mal seitdem ich den Riesenadler kenne, schien eine deutliche Besorgnis in seiner Stimme zu liegen. Ob sie den Druulen oder dem Schicksal von Elynos galt weiß ich jedoch nicht zu deuten. Obgleich die Sorge in Levithars geistiger Stimme meinen Kummer noch weiter anfachen müsste, überwiegt in diesem Augenblick die Erleichterung zu wissen wo er sich aufhält. Es muss einen Grund dafür geben, warum er gerade jetzt Kontakt zu mir aufgenommen hat. Vielleicht bedeutet es seine baldige Rückkehr. Ich würde diese Deutung zumindest sehr begrüßen. Denn je länger die Kriegsvorbereitungen andauern, umso schwächer scheint meine Lebenskerze zu brennen. Ich hoffe sehr, dass Levithar bald wieder seinen Platz über den Köpfen des Rates einnehmen wird und uns mit seinem magischen Licht vor der Dunkelheit beschützt.

aus

„Rahbocks Tagebuch“

Tag 24 des Monats Fenda, Jahr 11636

4. Zeitalter



Betrogen


Seit dem heimtückischen Angriff des Nomaden, musste Lord Dukarus das Krankenbett hüten. In seiner Schulter klaffte immer noch eine Wunde, welche sich nicht richtig schließen wollte. Jene Hustenanfälle, welche ihn schon seit einigen Monaten heimsuchten, wurden jeden Tag stärker. Oftmals verkrampfte sich Dukarus dabei so sehr, dass er die Wundnähte an seiner Schulter wieder aufriss. Der Medicus wollte ihn sogar an seinem Bett festbinden lassen, damit dies nicht wieder geschehen konnte. Doch Dukarus Geist war blind vor Schmerz. Er sah in dem Versuch ihn festzubinden einen hinterhältigen Angriff und ließ den Medicus hinrichten. Die anderen Heilkundigen nutzen Kräutertinkturen, um den Lord ruhig zu stellen. Immer wieder erwachte er schweißgebadet aus einem Fiebertraum und schrie um Hilfe. Jene Soldaten welche als Wachen abgestellt wurden, begannen langsam an dem Geisteszustand ihres Anführers zu zweifeln. Doch es gab keine Möglichkeit etwas dagegen zu unternehmen. Außer Dukarus gab es keinen Ratsherren mehr in der Königsstadt. So krank und unberechenbar sein Verhalten auch war, niemand konnte ihn zum gegenwärtigen Zeitpunkt als Führer ersetzen. Um eine Verbreitung von Gerüchten oder Unruhen zu verhindern, wurden jene Soldaten die Dukarus bewachten, nicht mehr zu ihren Kameraden zurückgelassen. Sie wurden im Ratspalast einquartiert und durften keinerlei Kontakt zu ihren Waffenbrüdern haben. Außerhalb der Palastmauern, erinnerte diese Szenerie so manchen an den alten König Melahnus. Dieser hatte sich zu seiner sterbenden Frau in den Palast zurückgezogen und war erst Monate nach ihrem Tod wieder vor sein Volk getreten. Auch damals hallten die Schmerzensschreie der Königin durch die Gänge des Palastes und bescherten allen Dienern schlaflose Nächte.

Es gab nur einen Mann, welcher sich zwischen dem Krankbett des Lords und der restlichen Stadt frei bewegen konnte. Der treue Diener Magaleh. Die hagere Gestalt wirkte immer wie ein Bote des Todes, wenn er in seiner schwarzen Gewandung um das Krankenbett des Lords herumschlich. So sehr Dukarus seinen unterwürfigen Diener auch immer gequält und gedemütigt hatte, war er anscheinend der einzige, welcher immer noch sein Vertrauen genoss.

Soeben machte sich der griesgrämige Diener wieder auf, um seinem Herrn einen Krankenbesuch abzustatten, als ein Bote mit einer Nachricht auf ihn zu eilte.

„Mein Herr Magaleh. Eine Nachricht aus Inaros. Der neue Stadthalter erbittet die Rücksendung der Truppen. Offenbar gibt es Anzeichen für einen baldigen Angriff der Nomaden. Viele Bewohner sind bereits geflohen. Doch…“

„Halt deinen Mund!“, unterbrach Magaleh den Diener schroff und entriss ihm das Papier.

Hastig überflog er die Zeilen und gönnte sich dabei ein hinterhältiges Lächeln.

Das geschieht dem neuen Stadthalter nur zu Recht. Eigentlich sollte MIR Inaros gehören, wenn Dukarus mich erst einmal aus meinem Frondienst bei sich entlassen hätte. Weiß der Göttervater warum mich dieser Bastard noch immer hier behält. Obwohl ich gestehen muss, dass mir die hohen Mauern von Valantar sicherer erscheinen, als die Stadtgrenzen der Handelsstadt.

Magaleh verscheuchte den Boten und setzte seinen Weg zu Dukarus fort. Er hasste es wenn er schlechte Nachrichten überbringen musste. Der Lord hatte die unerfreuliche Angewohnheit, ihn für schlechte Botschaften zu bestrafen. Doch mit etwas Glück, stand er immer noch unter dem Einfluss der beruhigenden Kräuter, welche ihm der Medicus verabreicht hatte.

Magaleh holte tief Luft und klopfte dezent an das Schlafgemach des Lords. Den Wachposten schenkte er dabei keinerlei Beachtung. Langsam öffnete er die Tür und lugte durch einen Spalt hindurch. Er konnte den reglosen Körper des Lords erkennen, welcher wie gewohnt auf dem Bett lag und unter zahlreichen Decken verborgen wurde. Im Kamin prasselte ein ansehnliches Feuer, welches den Raum unangenehm stark aufheizte. Warme Luft schlug dem Diener entgegen und erweckte in ihm den Wunsch sofort wieder umzukehren. Doch Dukarus schlief offenbar nicht so fest wie er es vermutet hatte. Kaum dass er sich auf dem Absatz umdrehte, erhob sich der Kopf seines Herrn leicht und eine kratzige Stimme schwebte durch die Schwüle des Raumes zu Magaleh hinüber.

„Da seid ihr ja endlich. Ich habe schon vor einer halben Ewigkeit nach euch rufen lassen. Wo wart ihr so lange!?“

Magaleh seufzte innerlich und schloss die Tür hinter sich. Augenblicklich bildeten sich Schweißtropfen auf seiner Stirn. Die Hitze des Raumes war unglaublich erdrückend. Bedachte man die frische Blütezeit, welche vor den Fenstern des Schlafgemaches anhielt, war es ein Wunder wie heiß es in diesem Zimmer sein konnte.

„Verzeiht mein Lord, ich wurde von einem Boten aus dem Osten aufgehalten. Anscheinend wächst in dieser Region des Landes die Angst vor den Nomaden, so dass man um Hilfe ersucht hat. Stadthalter Zesthos erbittet jene Truppen zurück, welche erst vor wenigen Tagen an uns überstellt wurden.“

Magaleh wischte sich mit der Hand über das Gesicht und lockerte seinen Hemdkragen. Je näher er dem Bett des Lords kam, desto stärker wurde der beißende Geruch von Minze und anderen Kräutern, welche offenbar zur Heilung seines Herrn beitragen sollten. Dukarus deutete auf ein Glas das neben seinem Bett stand.

„Reicht mir das Wasser. Ich habe Durst.“

Obgleich er ebenso den Drang verspürte seine Kehle zu befeuchten, wurde Magaleh übel bei dem Gedanken an das lauwarme, abgestandene Wasser. Nichtsdestotrotz leckte er sich die Lippen, als er Dukarus seinen Trunk reichte. Dieser griff das Glas mit beiden Händen und führte es sich unsicher an den Mund. Schlürfend und sabbernd leerte er das Gefäß, wobei ein Großteil auf seinem Schlafgewand und den dicken Decken versiegte. Dukarus schien dies jedoch nicht zu stören. Magaleh versuchte die unangenehme Situation zu überspielen.

„Welchen Gruppenführer soll ich nach Inaros entsenden mein Lord?“

Dukarus ließ das Glas einfach zu Boden fallen, wobei es vom dicken Teppich vor dem Zersplittern bewahrt wurde. Während Magaleh sich bückte um das kunstvolle Gefäß aufzuheben, hörte er das amüsierte Krächzen des Lords.

„Was macht euch Glauben, dass ich beabsichtige Truppen nach Inaros zu senden?“ Ein unterdrückter Hustenanfall ließ ihn kurz innehalten. „Die Nomaden sind mit zehntausenden Kriegern auf Obaru gelandet. Was könnte eine einzelne Gruppe meiner Soldaten da schon ausrichten? Das wäre Verschwendung.“

„Aber mein Lord. Inaros…

„Aber WAS?! Wir brauchen jeden Mann um unsere Stadt zu verteidigen. Ich werde nicht denselben Fehler wie Gezehm machen und meine Truppen in alle Himmelsrichtungen verstreuen. Wenn Zesthos Angst um seine kostbare Stadt hat, dann soll er die Bürger eben mit Mistgabeln und Knüppeln bewaffnen.“ Dieses Mal konnte Dukarus den Husten nicht unterdrücken. Nachdem er einen kehligen Laut von sich gegeben hatte, wandelte sich der Husten zu einem krächzenden Lachen. „Ich kenne diese Stadt lange genug, um zu wissen wie wertlos sie ist. Die Gelehrten bilden sich etwas darauf ein, dass sie über die größte Bibliothek des Landes verfügen. Sie preisen in ihren Tempeln die Kunstwerke vergangener Tage. Doch wenn das Licht erlischt und die Schatten der Nacht sich über die Gassen erstrecken, dann zeigen sie ihr wahres Gesicht. Verräterische Hunde sind sie allesamt. Sie machen Geschäfte mit den Nordmännern, den Zentauren und sogar den Echsengesichtern aus dem Krötenwald. Sie verkaufen die besten Waffen an den Höchstbietenden. Dabei ist es ihnen egal, ob diese Klingen gegen ihre eigenen Herrscher gerichtet werden. ZUM DUNKELGOTT MIT DIESEM GEWÜRM!“ Dukarus keuchte und sein ganzer Körper schüttelte sich unter den dicken Decken. Magaleh wich ein Stück zurück, so als wenn er Angst hätte von der Krankheit des Lords gefressen zu werden. Dieser brauchte länger als sonst um sich wieder zu fangen. Magaleh füllte das Glas des Lords mit Wasser auf und reichte es ihm. Gierig riss dieser seinem Diener das Getränk aus der Hand und schluckte es hinunter. Erschöpft sank er in seine Kissen zurück und schenkte Magaleh einen durchbohrenden Blick. „Ihr werdet niemanden nach Inaros entsenden. Wenn auch nur ein Soldat meine Stadt verlässt, werde ich euch den Kopf abschlagen lassen. Und nun schert euch hinaus!“

Magaleh wandte sich von dem kranken Lord ab und vergaß dabei jede Form der Ehrerbietung. Alles was er wollte, war so schnell wie möglich aus diesem Schlafgemach heraus zu kommen. Kaum dass er die Tür hinter sich geschlossen hatte, rang er nach Luft und öffnete die obersten Knöpfe seines Hemdes. Normalerweise achtete er stets darauf vor den Bediensteten einen erhabenen und strengen Eindruck zu machen, doch die stickige, mit Minze versetzte Luft im Zimmer des Lords, hatte ihn beinahe in Ohnmacht fallen lassen. Immer noch leicht benommen, bemühte Magaleh sich wieder um Haltung und schritt in Richtung seines Quartiers. Dabei dachte er über die Befehle seines Herrn nach. Obgleich ihm die im Stich gelassenen Menschen nichts bedeuteten, konnte er sich des Gedankens nicht verwehren, dass Dukarus Vorgehen falsch war.

Sei es aus kriegerischer oder politischer Sicht. Sollten die Städte schutzlos gegen die Nomaden stehen, würden die Wüstenbewohner wertvolles Terrain gewinnen. Und für den Fall, dass die Stadthalter mit heiler Haut davonkommen, würden sie sich gegen Dukarus als obersten Ratsherren stellen. Militärmacht hin oder her. Dukarus konnte es sich nicht leisten, alle Lords des Landes gegen sich aufzubringen. Dass die anderen Ratsherren bereits vor einigen Wochen die Flucht ergriffen, spielte ihm dabei noch in die Hände. Ihr Widerstand wäre sehr viel schwerer niederzukämpfen gewesen, als sie es vermutlich geahnt hatten.

Magaleh hielt kurz inne und überlegte. Vielleicht war es Zeit seinen Standpunkt nochmals zu überdenken. Was könnte er von Dukarus in Zukunft noch erwarten? Vermutlich nicht mehr als das, was er bereits zu genüge erdulden musste. Demütigung und Pein. Sein versprochener Posten als Stadthalter von Inaros, war nicht das erste was Dukarus ihm versprach und nicht hielt. Was sollte ihn dazu bewegen sein Verhalten zu ändern? Wenn er etwas ändern wollte, dann wäre jetzt vielleicht der richtige Zeitpunkt dafür.

Den Gestank der Minze immer noch in der Nase, machte er sich auf in seine Schreibstube, um diesen Gedanken in Ruhe fortzuführen. Mit einem guten Glas Wein und etwas Rauchkraut würde ihm sicherlich die Lösung für all seine Probleme einfallen.

Einlass

Es war eine sehr ernüchternde Rückreise gewesen, welche Befay und seine Ziehsöhne angetreten hatten. Mit den Artefakten der Läuterung in ihrem Besitz, ritt die Dreiergruppe im Eiltempo zum Ostgebirge zurück. Der Elf hatte die wertvollen Götterwaffen in dickes Sackleinen gehüllt und dieses Mit einem Seil an seinem Hengst befestigt. Obwohl weder Stoff noch Seil die magischen Artefakte freigeben würden, hielt der Schwertmeister sich während des gesamten Rittes an ihnen fest. Zu groß war die Angst, dass eines der unersetzbaren Stücke, verloren gehen könnte. Beinahe wie eine Adlermutter welche ihr Nest bebrütet, hütete der Elf seinen kostbaren Fund. Vahin und Ralepp konnten das Verhalten ihres Meisters zwar nachvollziehen, empfanden aber Unbehagen, weil er zusehends stiller und in sich gekehrter wurde. Jede Nacht wenn sie zum rasten anhielten, schnallte er das wertvolle Gut vom Sattel seines Pferdes und band es sich mit einem Seil ans Handgelenk. Schon das kleinste Geräusch reichte aus, um ihn des Nachts hochfahren zu lassen. Die Menschenkinder konnten es kaum erwarten endlich wieder nach Isamaria zu kommen, damit Befay von dieser Last befreit werden würde. Doch noch waren die Hügel des Ostgebirges in weiter Ferne. Ohnehin wirkte dieser Tage alles sehr viel ferner auf Vahin und seinen jüngeren Bruder. Auf dem Weg zurück aus den Ruinen von Bekeera, kamen sie an dem Dorf vorbei in welchem sie Otravia und Wiwina getroffen hatten. Doch es war verlassen. Niemand war weit und breit zu sehen. Sie mussten schon vor längerer Zeit aufgebrochen sein. Befay konnte Spuren erkennen welche ins Ostgebirge führten. Aber seitdem hatten sie nichts mehr von den Dörflern ausmachen können. Auch alle anderen Wanderwege, welche Befay und seine Schüler beritten, waren verlassen und lagen wie tot vor ihnen. Normalerweise tummelten sich unzählige Händler zur Blütezeit auf den Straßen. Des Nachts konnte man abseits der Wege dutzende kleine Lagerfeuer erkennen. Doch dieses Jahr war es anders. Für die kleine Gruppe war dies ein Zeichen dafür, dass die Nomaden bereits sehr weit ins Landesinnere vorgestoßen sein mussten. Umso erstaunlicher fand es der Elf, dass sie auf keinerlei valantarische Patrouillen gestoßen waren. Obgleich ihm der Umstand zusagte so wenig Aufsehen wie möglich zu erregen, beunruhigte ihn diese Entwicklung.

Als sie die Spitze eines kleinen Hügelkamms erreichten, deutete Befay in die Ebene hinab.

„Dort beginnt der Krötenwald. Wir werden uns am Rande der Bäume ein Lager errichten. Morgen früh werden wir unseren Weg durch die Sumpflandschaft fortsetzen. Heute ist es dafür zu spät. Ich will nicht gezwungen sein in dem Gebiet der Sahlets zu übernachten.“

Vahin trabte neben seinen Ziehvater und Lehrmeister.

„Wieso das? Die Sahlets sind dem Ostgebirge doch stets wohl gesonnen gewesen.“

„Das mag sein. Aber ich weiß nicht wie die letzten Verhandlungen im Rat von Isamaria verlaufen sind. Die Sahlets sind zwar ein friedfertiges Volk, aber in diesen Zeiten dürfen wir kein Risiko eingehen. Dafür ist unser Auftrag zu wichtig. Wir werden morgen früh in den Wald reiten und ihn so schnell es geht durchqueren. In zwei Tagen können wir bereits an den Ausläufern des Gebirges sein.“

Befay blickte seine Schüler aufmunternd an und trieb sein Pferd den Hügel hinab. Ralepp streckte sich im Sattel und rieb sich seinen Hintern.

„Hätte nicht gedacht, dass ich einmal lieber laufen als reiten würde. Aber ich habe das Gefühl, dass mein Pferd langsam zu Stein erstarrt.“

Vahin lachte und schlug dem Hengst seines Bruders aufs Hinterteil. Das erschrockene Pferd gab ein kurzes Wiehern von sich und galoppierte los. Vahin nahm die Verfolgung seines Bruders auf und gemeinsam ritten sie an ihrem Meister vorbei. Dieser runzelte nur die Stirn und blickte den Heißspornen hinterher.

„Kinder.“

Befay hatte darauf geachtet einigen Abstand zwischen Lager und Waldesrand zu lassen. Der Elf wollte einen klaren Blick für die Baumreihen haben um mögliche Besucher schnell erkennen zu können. Vahin und Ralepp schrieben diese Übervorsichtigkeit ihrem wertvollen Gepäck zu. Sie hatten den Krötenwald bereits bei ihrer Reise nach Bekeera durchquert. Damals legte Befay nicht soviel Wert darauf unerkannt zu bleiben. Um sich von den Sorgen ihres Meisters etwas abzulenken, beschäftigten sich beide mit ihren neuesten Errungenschaften. In einem der Dörfer welches sie auf dem Rückweg nach Isamaria durchquert hatten, kamen sie an einer kleinen Schmiede vorbei. Der Stahlmeister hatte offenbar nicht die Möglichkeit all seine geschaffenen Schwerter mit sich zu nehmen als er das Dorf verließ. Befay erlaubte seinen Ziehsöhnen, sich jeweils ein Schwert aus dem Vorrat des Schmieds zu nehmen. Als Gegenleistung ließen sie ihm vier Silbertaler zurück. Wahrscheinlich würden irgendwelche Vagabunden das Dorf durchstreifen und sich des Geldes und der restlichen Waffen habhaft machen. Doch Befay wollte ein reines Gewissen bewahren und bestand auf diesen Obolus an den Schmied.

Dies waren die ersten Schwerter, welche vollständig in den Besitz seiner Schüler übergingen. Keine Übungsklingen mehr. Ab heute durften sie echten Stahl an ihrer Seite wissen. Der Schwertmeister sah es nur als gerecht an seinen Schülern dieses Privileg zu erlauben, nach all dem was sie durchgemacht hatten. Zu zweit saßen sie am abendlichen Feuer und bearbeiteten die Klingen mit einem Wetzstein. Befay hatte sich die Schneiden genau angesehen. Sie waren sauber gearbeitet und robust. Außerdem waren sie für seine Schüler leicht genug. Vahin hatte zuerst einen Blick auf einen prächtigen Zweihänder geworfen. Doch der Elf maßregelte ihn sofort für diese Wahl. Er ermahnte seinen ältesten Schüler, mit dem Geist zu wählen und nicht mit den Augen. Am Ende konnten sich beide mit ihrer Wahl anfreunden.

Das metallische Geräusch des Wetzsteins verebbte langsam und schließlich saßen die Menschenkinder sich gegenüber und bewunderten ihre glänzenden Klingen. Besonders Ralepp erfreute sich an dem Gefühl endlich ein eigenes Schwert zu besitzen.

„Es ist wie ihr gesagt habt, Meister. Wenn der Flugrost erst einmal weg ist und man der Schneide neuen Schliff verliehen hat, könnten dies auch Schwerter der Königsgarde sein.“

Befay lächelte und erfreute sich an den strahlenden Gesichtern der Kinder. Auch Vahin packte stolz den Griff seiner Waffe und streckte sie in die Höhe.

„Endlich sind wir richtige Krieger. Kämpfer für das Gute. Wächter des Ostens. Beschützer…“

„Nun mal langsam, ihr großen Krieger und Retter der Menschheit“, unterbrach Befay die Euphorie seiner jungen Begleiter. „Für heute habt ihr eure Waffen lange genug bewundert. Hier habt ihr mein Waffenöl. Reibt die Klingen ein und dann ab mit euch unter die Decken. Aber seid sparsam mit dem Öl.“

Die Kinder taten wie ihnen geheißen und genossen anschließend den wohlverdienten Schlaf. Als Befay sah wie beide ihre Schwertscheiden im Schlaf umklammerten musste er schmunzeln.

Diese Kinder sind unglaublich. Nach allem was sie durchgemacht haben, sind sie dennoch fähig solch überwältigende Freude zu empfinden.

Ein leises Klappern von jenseits des Waldrandes erregte Befays Aufmerksamkeit. Mit angehaltenem Atem starrte der Elf in die Dunkelheit und erlaubte sich noch nicht einmal zu blinzeln. Die nächtliche Kälte der Blütezeit konnte jemandem aus dem Volk der Elfen nichts anhaben, aber dennoch überlief den Schwertmeister plötzlich ein kalter Schauer. Erst jetzt, wo er eine Gefahr für seine Schüler und sich glaubte, bemerkte er, dass kein einziger Vogel zu hören war. Nur ein leichtes Rauschen des Windes der durch die Baumkronen fegte war zu vernehmen. Das Knistern des Feuers erschien dem Elfen jetzt unangenehm laut. Immer noch konnte er seinen Blick nicht von dem finsteren Waldrand nehmen. Obwohl eine innere Stimme ihm zur Vorsicht rief, weckte er seine Ziehsöhne nicht auf um sie zu warnen. Irgendetwas hielt ihn zurück. Ohne seine Augen von der vorderen Baumreihe zu nehmen tastete er mit seiner linken Hand nach jenem Beutel, in welchem er die Artefakte vor unerwünschten Blicken verborgen hatte. Mit der anderen fuhr er über sein Nachtlager und griff nach Pfeil und Bogen. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass die Artefakte wohl behütet waren, erhob sich der Elf und legte langsam einen Pfeil auf die Sehne. Ein Brennen in den Augen verriet ihm, dass er immer noch nicht geblinzelt hatte. Befay zielte mit seinem Bogen auf den Wald, welcher sich in gut zwanzig Schritt Entfernung aus dem Dunkel erhob. Ein Geräusch zu seiner Rechten ließ ihn herumfahren und nach einem Ziel suchen. Aus dem Augenwinkel glaubte er etwas vor sich zu erkennen. Als der Elf sich wieder umdrehte machte sein Herz einen Sprung. Sein Pfeil verließ die Sehne und verschwand in der Dunkelheit. Ein fauchendes Geräusch und ein Schlag gegen die Schusswaffe des Elfen folgten. Als dieser nach seinem Schwert griff, hörte er eine kehlige Stimme.

„Greife nicht zu deiner Waffe, Elf. Wir sind nicht hier um zu kämpfen.“

Befay ließ sich jedoch nicht beirren und zog seine Klinge.

„Vahin! Ralepp! Wacht auf! Wir werden angegriffen!“

Doch die Jungen rührten sich nicht. Befay sprang an das Lager der Jungen und sah nach ihnen. Sie schliefen friedlich und ungestört. Als der Schwertmeister eine Bewegung hinter sich auszumachen glaubte, vollführte er einen Rückwärtstritt und einen Hechtsprung zur Seite. Mit gezogenem Schwert setzte er dem geheimnisvollen Angreifer hinterher. Außer einem dunklen Schatten und einer leicht schimmernden Robe, konnte er jedoch nicht viel erkennen. Er versetzte seinem Gegner einen Schlag mit dem Schwertknauf und warf ihn damit zu Boden. Als der Schatten sich umdrehte, war Befay erschrocken und erleichtert zugleich. Er blickte in das fauchende Gesicht eines Sahlet. Der Echsenmann hielt abwehrend die Hände hoch und versuchte den Elfen mit einer Reihe spitzer Zähne Angst zu machen.

„Spar dir dein Gefauche, Echsenmann! Sag mir lieber was du von uns willst und was du mit den Kindern gemacht hast!“

„WIR wollen nur mit dir reden.“

Die Stimme kam nicht von dem niedergestreckten Sahlet, sondern von einem weiteren welcher hinter Befay stand. Der Elf wirbelte herum, so dass er beide Echsenmänner im Auge behalten konnte.

„Das ist ja reizend. Noch einer. Was habt ihr mit den Kindern gemacht?“

Der stehende Sahlet deutete auf den Waldesrand hinter sich. Jetzt konnte Befay die Umrisse von gut einem Dutzend weiterer Gegner erkennen.

„Den Kindern geht es gut. Wir haben lediglich einen Schlafzauber auf sie gewirkt. Bei dir scheint solche Magie jedoch nicht zu wirken. Das hätten wir wissen müssen. Ihr Elfen seid ja immun gegen den Zauber von anderen Völkern.“

Der Sahlet, welcher von Befay niedergestreckt wurde, erhob sich und eilte zu seinen Artgenossen in den Wald zurück. Befay richtete seine Aufmerksamkeit auf den anderen Echsenmann.

„Was wollt ihr?“

„Ich denke, dass weißt du, Elf.“

Befays Blick fiel beinahe beiläufig auf den Leinensack mit den Artefakten. Innerlich hoffte er, dass der Sahlet nicht bemerkt hatte wohin er blickte. Doch der Schuppige war anscheinend schlauer als der Elf dachte.

„Ich weiß gar nichts. Also rede schon!“

„Tztztz. Wie kann man nur so hitzköpfig sein?“ Der Sahlet hatte einen langen Stab dabei, welchen er neben sich auf den Boden legte. Anschließend nahm er eine kniende Position ein und bat Befay, sich zu ihm zu setzen. „Glaubst du wirklich man könnte mit Sackleinen und Wolle verbergen was du mit dir führst? Wenn ja, wundert es mich wie du in den Besitz dieser heiligen Waffen gekommen bist.“

Obwohl der Echsenmann offenbar genau wusste was Befay mit sich führte, schien er keinerlei Anstalten zu machen sich die Artefakte anzueignen. Er ignorierte den Beutel regelrecht und konzentrierte sich stattdessen auf den Elfen.

„Wer bist du, Sahlet? Und warum belästigt ihr uns?“

Ein schauderhaftes Lächeln erhellte das Gesicht des Sumpfbewohners. Spitze, gelbe Zähne reihten sich aneinander und glitzerten im Mondeslicht.

„Mein Name ist Awart. Deinen Namen brauchst du mir nicht zu sagen. Ich kenne dich und deine beiden Begleiter.“ Awart deutete auf die schlafenden Jungen. „Seit ihr vor einigen Wochen unseren Wald durchquert habt, waren wir euch auf der Spur.“ Befay schluckte fast unmerklich. Wochenlang verfolgt worden zu sein ohne es zu merken, sprach nicht gerade für seine elfischen Fähigkeiten. „Falls du dich gerade in Selbstzweifeln ergibst, solltest du wissen, dass nur die wenigsten Lebewesen unseren Täuschungszauber erkennen würden. Und das wahrscheinlich auch nur, wenn sie danach suchen würden. Du hast dir also nichts vorzuwerfen, Befay.“

Erneut offenbarte der Sahlet ein unheimliches Lächeln. Befay musste sich eine gewisse Neugier eingestehen, weswegen er sich dem Echsenmann gegenüber setzte ohne dabei den Leinenbeutel oder die Kinder aus den Augen zu lassen.

„Warum habt ihr uns verfolgt? Was glaubtet ihr damit zu erreichen?“

Awart blickte nun zum ersten Mal auf den unscheinbaren Leinenbeutel.

„Du fragst dich sicherlich, wo das Amulett ist. Nicht wahr? In der Grabkammer fandest du das Schwert, den Schild und den Helm des Wassergottes. Doch das Amulett konntest du nicht an dich bringen.“

„Selbst wenn ich wüsste wovon du sprichst, weswegen sollte ich nach einen Amulett suchen?“

Das Lächeln des Sahlets erstarb augenblicklich. Seine Augen bildeten dünne Schlitze, aus denen die gelben Augen heimtückisch leuchteten.

„Ich warne dich, Elf. Halte mich nicht zum Narren! Ich bringe dir Respekt entgegen, also solltest du dasselbe tun. Wenn ich gewollt hätte, würden die Artefakte bereits in meinen Händen ruhen. Also solltest du lieber anfangen vernünftig mit mir zu reden, anstatt irgendwelche sinnlosen Spiele zu spielen!“ Befay erkannte, dass Awart sich aufrichtig beleidigt fühlte. Als eine Geste der Beschwichtigung, legte er sein Schwert beiseite und deutete eine Verbeugung an. Dem Sahlet schien dies zu genügen, so dass er wieder ein wenig entspannter wirkte. „Nun da wir das geklärt haben, frage ich dich, willst du wissen wo sich das Amulett der Macht befindet?“

„Ich weiß wo es sich befindet. Es unerreichbar für uns alle.“

Befay glaubte ein amüsiertes Schmunzeln im Gesicht seines Gegenübers zu erkennen. Durch die schuppige Haut und die echsenähnlichen Gesichtszüge, war dies jedoch schwer zu erkennen. Gleich einer Schlange, gab der Sahlet ein leises Zischeln von sich.

„Das heilige Amulett wird nicht auf ewig in den Trümmern der Baromuhl-Schlucht verborgen bleiben. Schon sehr bald, wird es seinen Weg nach Obaru finden, um sich mit den anderen Artefakten zu vereinen.“

Die Gedanken des Elfen rasten ungezielt umher. Er dachte an Rahbock und das Ostgebirge. An seine Ziehsöhne und seine Freunde. Ohne zu wissen warum, lösten die Worte des Echsenmannes furchtbare Bilder in seinem Kopf aus. Er sah Krieg und Elend über das Land hereinbrechen. Die bloße Andeutung, dass die Mächte des Bösen sich bis nach Obaru bewegen würden, ließ in dem Schwertmeister eine Welt zusammenbrechen. Befay wollte Awart gegenüber jedoch keine Verwundbarkeit zeigen und bemühte sich deshalb Haltung zu bewahren.

„Welchen Sinn haben deine Worte? Warum suchst du mich und meine… meine Schüler mitten in der Nacht heim, um mir von dem Amulett zu erzählen?“

„Weil du derjenige bist, welcher dieses Land vor seinem Untergang bewahren kann, Elf. Und weil du einen Grund hast jene Feuersbrunst zu überleben, welche im Begriff ist über uns herzuziehen.“ Der Sahlet blickte auf Vahin und Ralepp. „Der Schlüssel zum Überleben, liegt in Isamaria. Dein Freund, der Elfenfürst Elynos, hat das Erbe dieser Kinder in den Eingeweiden der Wolkenstadt verborgen.“

Schlagartig wurde Befay bewusst, wovon Awart sprach.

„Die Truhe? Die Truhe welche wir im Haus ihrer Eltern fanden. Elynos brachte sie nach Isamaria um sie dort zu verstecken.“

Das Zischeln des Sahlet wurde lauter. Vermutlich war es seine Art zu Lachen.

„Zu verstecken? Die Truhe des Einen? Nein. So etwas kann man nicht verstecken. Elynos hat dadurch lediglich die Aufmerksamkeit des Dunkelgottes auf Isamaria gelenkt. Er hat den Samen des Bösen in das Herz unseres Landes gepflanzt und nun wächst daraus die Vernichtung der Welt heran.“

Befay glaubte einen vorwurfsvollen Unterton in den Worten des Echsenmannes wahrzunehmen.

„Soweit ich weiß hat dein Volk sich dazu entschieden den Krieg in den Sümpfen des Krötenwaldes auszusitzen. Ihr wart nicht bereit dazu euch an dem Kampf gegen das Böse zu beteiligen. Und jetzt erhebt ihr aus eurer Deckung heraus Vorwürfe gegen jene, die ihr Leben für den Frieden eingesetzt haben.“ Der Elf musste an seine Freunde denken, welche mit ihm die Truhe aus dem Elternhaus der Jungen geholt hatten. Elynos und die anderen, mussten sich für diese Taten vor den elfischen Herrschern verantworten. Vermutlich würde sie eine harte Bestrafung treffen. Und jetzt sollte er sich anhören, dass diese Tat das Böse heraufbeschworen hat. Er war nicht bereit das hinzunehmen. „Diese Truhe birgt offenbar eine große Gefahr für unsere Völker. Weder Elynos noch Rahbock, haben mir anvertraut was sich in ihr befindet. Auch habe ich nie danach gefragt. Doch frage ich mich, Sahlet, wo wenn nicht in Isamaria, sollte die Truhe und alles was in ihr ruht sicher sein vor dem Bösen?“

Awart griff unvermittelt nach seinem Stab und erhob sich. Instinktiv folgte Befay seinem Beispiel und nahm sein Schwert wieder an sich.

„Egal wo ihr die Truhe auch hinbringt, vor dem Einen ist sie nirgends sicher.“

Ohne ein weiteres Wort des Elfen abzuwarten, kehrte Awart ihm den Rücken zu und schritt davon.

„Was ist in der Truhe? Was ist es, dass ihr wollt?“

Befays Fragen schienen den Sahlet zu überraschen. Ohne sich umzudrehen, nahm Awart das Gespräch nochmals auf.

„Willst du mir etwa sagen, dass man dir nicht gesagt hat was in dieser unheilvollen Truhe ruht? Der Rat von Isamaria hat dich ausgesandt, die Artefakte der Erlösung zu finden, ohne dir von dem zu berichten was in den Eingeweiden des Ostgebirges schlummert?“

Dass sich in der Truhe etwas Bedeutungsvolles befand, hatte Befay schon immer geahnt. Zu gut konnte er sich an das Gesicht seines Freundes Elynos erinnern, als dieser die Kiste aus dem Elternhaus von Ralepp und Vahin geholt hatte. Er hatte Rahbock niemals nach dem Inhalt gefragt. Dafür war er zu sehr mit seinen Aufgaben als Ziehvater und Lehrmeister der Menschenkinder beschäftigt. Von einem fremden Sahlet über solche Dinge aufgeklärt zu werden, gab dem Ganzen jedoch einen unangenehmen Beigeschmack.

„Warum der Rat mich ausgeschickt hat und was ich auf meiner Suche gefunden habe, steht hier nicht zur Diskussion. Entweder du verrätst mir was du über die Truhe weißt, oder wir können unser Gespräch hier beenden.“

„Wovor hast du nur solche Angst, Schwertmeister? Habe ich dir Grund gegeben mir und meinesgleichen zu misstrauen? Haben wir dir oder den Menschenkindern etwa ein Leid getan? Ich bin nur gekommen um mit dir über Dinge zu sprechen, welche den Fortlauf der Geschichte bestimmen werden. Du kannst also entweder deine Abneigung mir gegenüber ablegen und wir sprechen wie ebenbürtige Verbündete miteinander, oder du verschließt weiterhin deine Augen und spielst den Laufburschen für Isamaria. Es ist deine Entscheidung.“

Befay musste zugeben, dass die Worte des Sahlets ihre Spuren hinterließen. Nicht dass er an Rahbocks Aufrichtigkeit je gezweifelt hätte. Aber dennoch gab es so manche Frage, welche er gerne beantwortet hätte. Und Awart schien diese Antworten zu haben. Der Elf setzte einen möglichst versöhnlichen Blick auf und bat sein Gegenüber sich wieder mit ihm ans Feuer zu setzen. Als Beweis des Vertrauens erzählte der Schwertmeister von seiner Mission und den Artefakten.

„Ich fand die Artefakte unter den Ruinen der alten Königsstadt. Ein Mann, welchen man nicht als Menschen bezeichnen könnte, war vor mir da um die heiligen Waffen zu rauben. Als er mich mit dem Schwert der Läuterung niederstrecken wollte, wendete sich die göttliche Waffe gegen ihn und entstellte seinen Leib.“

Awart nickte.

„Das Schwert wurde geschaffen um Licht zu schützen und Dunkelheit auszumerzen. Es erkannte den Charakter deiner Seele und hat sich gegen den Fremdling gewandt. Offenbar war seine Seele nicht so rein wie deine.“

Befay überlegte kurz und fuhr fort.

„Es war seltsam. Als er mich niederstrecken wollte, konnte ich spüren wie die heilige Klinge nach meinem Inneren griff. Es war beinah so als ob…, als ob…“

„Als ob es dein Herz ergründen wollte. Ja. Das ist die Magie dieser Waffe. Was ist aus dem Fremdling geworden?“

„Zuerst dachte ich die blauen Flammen hätten ihn getötet. Doch dem war nicht so. Er entkam und flüchtete auf einem seltsamen Gefährt durch die Tunnel. Sein Fleisch dürfte jedoch auf alle Zeiten gezeichnet sein.“

Awart deutete auf den Leinenbeutel.

„Und nun willst du die heiligen Waffen nach Isamaria bringen? Jenem Ort, welcher vor einem großen Krieg steht?“

„Ja. Das Ostgebirge ist der letzte Zufluchtsort der Menschheit.“

„Ah, der Menschheit. Ich verstehe.“

„Du weißt genau wie ich das meine. Nicht nur die Menschen finden hinter den Wehrmauern Schutz. Alle Völker sind willkommen. Soweit ich weiß, hat dein Volk es abgelehnt sich den Verteidigern von Obaru zur Seite zu stellen. Also solltest du nicht schlecht über diese Menschen sprechen.“

Der Sahlet leckte sich über die dünnen Lippen und blickte unstetig umher. Offenbar hatte er Befays Worten nichts entgegenzusetzen. Zum ersten Mal, schien Awart seine bisherige Überlegenheit abgelegt zu haben.

„Du sprichst von Entscheidungen welche unsere Ältesten zu verantworten haben. Sie entscheiden über die Politik unseres Volkes. Doch ich und meinesgleichen, richten unseren Blick nicht auf Traditionen und die Abtrennung von der restlichen Welt.“

„Und wer sind du und deinesgleichen?“

„Wir sind Schamanen. Unsere Körper und unsere Seelen sind mit der Magie des Landes verbunden. Die Ältesten benutzen uns zur Sicherung ihrer Stellung und zum Schutz unseres Volkes. Doch mit den jüngsten Ereignissen, fragen sich viele von uns, ob es nicht Zeit wird einen anderen Weg zu gehen.“

Awarts Worte wirkten aufrichtig auf Befay. Der Elf erkannte in dem Sahlet dieselben Charakterzüge, welche auch Elynos besessen hatte. Auch sein alter Freund, stellte die traditionsbewussten Herrscher des Elfenvolkes des Öfteren in Frage. Jedoch wurde ihm nun dafür der Prozess gemacht.

„Wie soll dieser Weg aussehen? Wollt ihr eure Ältesten stürzen und euch zu den neuen Herrschern des Krötenwaldes erheben? Solch eine Handlung, dürfte zu einem Bürgerkrieg unter deinem Volk führen. Ich kann mir nicht denken, dass ihr die einzige Macht der Ältesten seid.“

Awart schüttelte leicht den Kopf.

„Es wäre zu früh, dir jetzt von diesen Dingen zu berichten. Zuerst sollten wir über die Artefakte und dein Ziel sprechen.“

„Dazu bin ich nur bereit, wenn du mir sagst, was du über die Truhe weißt.“

Der Sahlet nahm einen kleinen Stoffbeutel zur Hand und holte daraus eine dunkelbraune Wurzel hervor. Während er sich das Knollengewächs in den Mund steckte, reichte er Befay den Beutel. Dieser lehnte jedoch respektvoll ab.

„Nimm ein Stück. Das ist die Wurzel vom Schwarzwasser. Es hält deinen Geist wach und offen.“ Zögernd nahm der Elf eines der kleineren Stücke und schob es sich in den Mund. Augenblicklich machte sich ein stark würziger Geschmack bemerkbar, welcher ihn an warme Erde und noch etwas anderes erinnerte. Awart entblößte ein breites Lächeln und begann mit seiner Erzählung. „Jene Truhe die in Isamaria verborgen wurde, versteckt in ihrem Inneren das Gesicht des Dunkelgottes. Die Maske, in welche sein unsterblicher Lebensfunke gebunden wurde, konnte von keiner Macht auf Berrá vernichtet werden. Als der Göttervater dies erkannte, erschuf er eine Schatulle aus Elfengold und verbarg in ihr das hässliche Antlitz des Einen. Es war dein Volk, welches von Zinakyl auserkoren wurde, um eines Tages die Schatulle zu öffnen und die Maske des Dunkelgottes zu zerstören.“

„Warum hat der Göttervater die Maske nicht selbst vernichtet“

„Warum schenkt uns der Göttervater keinen Frieden? Warum verleiht er uns nicht Unsterblichkeit? Wieso gibt es Krankheit und Unrecht auf der Welt? Ich weiß es nicht, Befay. Jedoch besagt eine alte Legende, dass selbst der Göttervater keinen Weg fand, um das Unheil der Maske zu vernichten. Deswegen sollte sie verborgen werden, solange bis jemand kommen würde um einen Weg zu finden sie zu zerstören. Dein Volk belegte die Truhe mit einem Zauber, welcher nur durch das heilige Amulett gebrochen werden kann.“

Befay versuchte das Knollenstück in seinem Mund möglichst nicht zu berühren. Jeder Kontakt mit seiner Zunge, löste einen herben Geschmack aus.

„Und was erwartest du nun von mir? Die Truhe ist in Isamaria und das Amulett auf Teberoth. Ich besitze weder das eine noch das andere.“

„Du musst die Truhe aus den Gewölben der Wolkenstadt holen und sie zu uns in die Sümpfe bringen. Nur hier können wir unsere Macht voll ausschöpfen und das unheilvolle Antlitz vernichten.“

Der Elf glaubte seinen Ohren nicht zu trauen. Ohne Rücksicht auf Sitte und Anstand spuckte er die Schwarzwasserknolle aus und entledigte sich dabei noch einer größeren Mengen braunen Speichels.

„Du erwartest, dass ich den Rat bestehle und euch einen Gegenstand verschaffe, welcher in der Lage ist dem Dunkelgott all seine Macht wiederzugeben? Bist du wahnsinnig?!“

Der Sahlet hielt den bohrenden Blicken des Elfen stand und versuchte ihm mit Nachdruck zuzureden.

„Ozanuhl wird das Ostgebirge zu Staub zerfallen lassen! Seine Druule warten nur auf einen günstigen Augenblick um sich aus der Tiefe der Baromuhl-Schlucht zu erheben! Wenn sie erst einmal die Tore von Isamariagestürmt und die Truhe in ihren Besitz gebracht haben, wird die Finsternis nicht mehr aufzuhalten sein. Es liegt in deiner Hand, Elf.“

Befay schüttelte den Kopf und ballte die Fäuste. Seine Gefühle gingen über schlichte Wut hinaus. Es war ein Bad aus Unsicherheit, Hilflosigkeit und Angst, in welchem er zu ertrinken drohte.

„Du kannst nicht von mir erwarten, dass ich meine Treue gegenüber Meister Rahbock vergesse, um mich dir anzuschließen. Selbst wenn du und deine Schamanenbrüder alles über die Artefakte wissen, im Krötenwald, werden sie vor dem Bösen nicht sicher sein.“

„Und du glaubst sie wären es im Ostgebirge?“ Awart senkte betrübt den Kopf. „Ich hatte schon gehofft, dass die Einsicht dich übermannen würde. Aber dem ist scheinbar nicht so. Dann scheine ich keine andere Wahl zu haben.“

Awart griff seinen Stab und stand auf. Noch ehe der Sahlet sich ganz aufgerichtet hatte, streckte ihm Befay bereits sein Schwert entgegen.

„Du wirst die Artefakte nicht mit dir nehmen! Ich werde…!“

„Wie kommst du darauf, dass ich das will, Schwertmeister?“ Irritiert blickte der Elf auf den Echsenmann ohne dabei seine Kampfhaltung zu verändern. „DU, bist der auserwählte Hüter der Artefakte. DU, hast sie aus den verborgenen Kammern der alten Menschenstadt an das Tageslicht geholt. DU, wirst alleine über den Weg der göttlichen Waffen entscheiden. Ich habe lediglich versucht dir eine offene Hand entgegenzustrecken. Doch ich werde mir nicht die Last der Entscheidung aufbürden lassen, wohin der Hüter zu gehen hat.“

Awart hob zum Abschied die Hand und drehte sich alsdann wortlos um. Dieses Mal ließ er Befay keine Zeit um noch weitere Worte an ihn zu richten. Der Schatten des Schamanen verschwand ebenso schnell, wie der seiner stummen Begleiter. Zurück blieb ein verunsicherter Elf, welcher noch bis zum Morgengrauen, über die Worte des Sahlets nachdachte.

Als der Schwertmeister seine nichtsahnenden Ziehsöhne dabei beobachtete, wie sie aufwachten, glaubte er, die richtige Antwort gefunden zu haben.

Die Saat des Hasses


„Beeilt euch gefälligst! Unsere Ausbeute ist ohnehin schon geringer als erwartet! Wenn diese verdammten Soldaten nicht gewesen wären, hätten sicherlich nicht so viele Bauern entkommen können!“

Halios trieb die Götterklingen zur Eile an und behielt dabei stets das Umfeld im Auge. Er und die von Dewesch ausgebildete Elitetruppe der Nomaden, hatten in nur wenigen Tagen das gesamte Bockental nach Siedlungen und Dörfern durchkämmt. Doch ihr Tun war nicht unbemerkt geblieben. Mehrere hundert valantarische Soldaten verteidigten das Tal und seine Bewohner, gegen die Eindringlinge von Talamarima. Allerdings waren die Götterklingen nicht umsonst als die besten Kämpfer der Nomaden bekannt. Während von den Valantariern beinahe alle Krieger niedergestreckt wurden, kam die Eliteeinheit von Halios mit ein paar Verwundeten davon. Dennoch regte sich der neue Gruppenführer über den mangelnden Erfolg seiner Mission auf. Er hatte gehofft eine große Menge an Vorräten und vor allem Bauern vorzufinden, welche er seinem Herrn als Kriegsbeute präsentieren könnte. Die Nomaden konnten kräftige Arbeiter derzeit gut gebrauchen um sich auf den fortlaufenden Krieg vorzubereiten. Ebenso wichtig war es, mehr Vorräte und Rohstoffe zu erbeuten, welche sie zur Versorgung ihrer Truppen benötigten. Halios hoffte nun, dass die Beute des nächsten und zugleich letzten Dorfes im Tal, etwas vielversprechender ausfallen würde. Da es keine valantarischen Soldaten mehr zu geben schien, welche ihm in die Quere kommen konnten, trieb er seine Männer zur Eile an. Er wollte verhindern, dass die Dörfler vorzeitig gewarnt wurden und sich in die Wälder des Nordens flüchteten. Sie dort aufzuspüren, würde zuviel Zeit in Anspruch nehmen.

Seine einhundert Mann starke Truppe, hatte der neue Anführer in zwei Gruppen geteilt. Achtzig Krieger hatten ihre Pferde zurückgelassen und pirschten sich von Osten an das Dorf heran. Im dichten Unterholz, wären sie mit ihren Reittieren nicht vorangekommen. Halios selbst, hatte mit dem Rest der Götterklingen in einem kleinen Wäldchen südlich des Dorfes Stellung bezogen. Sobald die Fußsoldaten die Siedlung stürmten, würde der Gruppenführer den Flüchtenden den Weg abschneiden.

Nervös blickte Halios zur sinkenden Himmelsscheibe. Er wollte den Angriff noch vor Einbruch der Nacht durchführen. Im Dunkeln würden zu viele Dörfler entkommen. Aber wenn die Fußtruppen sich nicht ein wenig mehr beeilen würden, könnte ihm dieser letzte Beutezug ebenso misslingen wie die anderen. Die Nervosität des Gruppenführers griff auch auf dessen Pferd über, Unruhig scharrte der muskulöse Schimmel im Waldboden und wartete nur darauf, von seinem Herrn entfesselt zu werden.

Wo bleiben diese Nichtsnutze nur? Ich muss Fürst Almereth Beute bringen. Nicht auszudenken wenn ich…

Doch die Gedanken des ungeduldigen Kriegers wurden von einem lauten Frauenschrei durchbrochen. Wie vom Blitz getroffen wandte sich die Reiterschar um und blickte auf eine einzelne Frau, welche sich soeben an die Flucht machte und mit langen Schritten in Richtung des Dorfes rannte.

„Holt sie euch verdammt! Warum hat das Weibsbild keiner bemerkt?!“

Die gesamte Reiterei setzte sich aus dem Stand heraus in Bewegung. Alle Deckung und Vorsicht vergessend, preschten sie der schreienden Frau hinterher. Bereits nach wenigen Augenblicken hatten sie die Dörflerin eingeholt. Einer der Männer holte weit aus und schlug ihr seine Klinge in den Nacken. Die Frau sackte augenblicklich in sich zusammen. In ihren Augen war immer noch die Angst zu sehen. Halios trabte an die Gruppe heran und sparte nicht mit Flüchen und bösen Blicken.

„Was seid ihr bloß für Versager? Und ihr wollt die beste Kampftruppe der Armee sein? Noch nicht einmal vor einem Frauenzimmer könnt ihr euch richtig verstecken! Ich sollte euch allen…!“ Halios hielt inne und blickte an seinen Männern vorbei in Richtung des Dorfes. Offenbar war ihre Attacke nicht unbemerkt geblieben. Einige Männer sammelten sich am Rande der Siedlung und deuteten auf die Reiterschar. „Es ist doch zum verrückt werden! Verdammt!“ Ein kurzer Blick auf die ausgeblutete Frau genügte dem Gruppenführer um zu wissen was er tun sollte. „Los! Bildet eine Linie und greift an! Gnade euch der Göttervater, wenn ihr einen der Bauern entkommen lasst. Und vergesst nicht! Ich will die Männer lebend!“

Es bedarf keiner weiteren Worte durch den Gruppenführer, um die Krieger in Angriffsformation zu bringen. Zu oft hatten sie diese Manöver trainiert und ausgeführt, als dass sie es jetzt an Entschlusskraft mangeln lassen würden. Ehe sich Halios der davon stürmenden Meute anschloss, schenkte er der toten Frau einen letzten Blick.

Wenn dieser Beutezug fehlschlägt, werde ich ebenso wie sie im Sand verrecken.


Gethela kannte jene Frau, welche durch die schrecklichen Angreifer niedergestreckt wurde. Als Oberhaupt ihrer Gemeinde, wusste sie nicht nur um den Namen der Getöteten, sondern auch um deren vaterlose Kinder. Doch jetzt war nicht die Zeit um sich über den Tod einer einzelnen Frau Gedanken zu machen. Die unbekannten Reiter preschten auf das Dorf zu und würden es jeden Moment erreichen. Man merkte sofort, dass die Dörfler nicht mit diesem Angriff gerechnet hatten. Kopflos rannten Männer und Frauen umher und dachten gar nicht daran eine Verteidigung zu errichten. Sie riefen nach ihren Kindern oder stürmten geradewegs in ihre Häuser um dort Schutz zu suchen. Gethela war jedoch klar, dass dies keinen Zweck hatte. Das waren keine normalen Räuber, die sich nur ein paar Hühner rauben wollten. Die Angreifer waren uniformiert. Außerdem ritten sie in militärischer Ordnung und rasten nicht einfach Säbel schwingend und brüllend auf das Dorf zu. Während Gethela noch überlegte wo sie am besten Deckung suchen sollte, bemerkte sie eine alte Frau, die hinter einem Fass nahe der Straße kauerte. Dort wäre sie ein gefundenes Fressen für die Angreifer. Ohne zu zögern rannte sie zu ihr hinüber und zog sie auf die Beine.

„Komm mit! Hier bist du nicht sicher“

Die Alte krächzte mit heiserer Stimme und rappelte sich mühsam auf.

„Lass nur, mein Kind. Ich bin weder eine Bedrohung noch eine nennenswerte Beute. Diese Männer werden mich gar nicht…“

Doch ein heftiger Ruck ging durch die alte Frau und sie krümmte sich mit schmerzverzerrtem Gesicht nach hinten, nur um kurz darauf leblos in Gethelas Arme zu stürzen. Ein Wurfmesser ragte aus dem Rücken der Alten und ehe man sich versah, waren die Reiter auch schon im Dorf und griffen jeden an der nicht rechtzeitig geflohen war. Hinter dem toten Körper der alten Frau hatte man Gethela wohl nicht bemerkt. Ohne sie zu beachten, ritten die Angreifer an ihr vorbei und verrichteten ihr blutiges Werk unter den Dorfbewohnern. Vorsichtig ließ Gethela die Ermordete zu Boden sinken und zog ihr das Messer aus dem toten Leib. Schreie und das Gewieher der Pferde erfüllten die Luft, in welcher sich bereits der kupferne Duft von frischem Blut bemerkbar machte. Gethela konnte erkennen wie die Menschen versuchten sich auf der anderen Seite des Dorfes in die Wälder zu schlagen. Unter ihnen erkannten sie viele Freunde und Nachbarn. Einige der Beherzteren griffen sogar zu den Waffen und versuchten die Angreifer abzuwehren. Doch in diesem Augenblick kroch ein breiter schwarzer Schatten aus dem angrenzenden Wald und hielt auf das Dorf zu. Die Reiter bekamen Verstärkung. Mehrere Dutzend Soldaten näherten sich zu Fuß der Siedlung. Sie fingen die Flüchtenden ab und streckten sie ohne Rücksicht nieder. Mit einem Mal fiel Gethela auf, dass sie nicht alle töteten. Viele wurden mit Keulen bewusstlos geschlagen und anschließend gefesselt.

Sie wollen Gefangene. Aber nur die Männer werden gefesselt.

Aus einem der Häuser stürmte ein dunkelhäutiger Mann hervor, welcher eine breite Axt schwang. Tatsächlich gelang es ihm einen der Angreifer zu erschlagen und somit die Aufmerksamkeit einiger Gegner auf sich zu lenken, so dass eine Frau mit ihren Kindern in das Dickicht flüchten konnte.

„Kommt schon her, ihr Hunde! Ich werde euch die Köpfe abschlagen!“

Einer der Fremden näherte sich mit erhobener Keule von der Seite und verlor durch diesen Angriffsversuch sein rechtes Bein. Gethela kannte diesen Mann nicht, hatte aber von ihm gehört. Er war vor zwei Tagen in das Dorf gekommen, weil er jemanden suchte. Sein Geschick mit der Axt sprach für sich. Es schien sich entweder um einen Söldner oder einen fahrenden Ritter zu handeln. Allerdings konnte Gethela keinerlei Rüstung oder Wappen an dem Hünen erkennen. Während sie noch über den Fremdling rätselte, streckte dieser zwei weitere Angreifer nieder. Er schwang die Axt mit solcher Kraft, dass sie Fleisch und Knochen mühelos durchtrennte. Die Angreifer wurden vorsichtiger. Mit einem derartigen Widerstand schienen sie nicht gerechnet zu haben. Zu sechst kreisten sie den dunkelhäutigen Recken ein und streckten ihm ihre Schwerter entgegen. Der Fremdling blickte sich nach einer geeigneten Deckung um, aber da kam auch schon ein Reiter heran. Man erkannte auf den ersten Blick, dass es sich hierbei um den Anführer der Krieger handeln musste. Obgleich auch er ganz in schwarz gekleidet war, trug er als einziger einen dicken dunkelgrauen Umhang auf welchem ein fremdes Runensymbol zu erkennen war. Er sprach mit so lauter Stimme, dass sogar Gethela ihn aus ihrem Versteck hören konnte.

„Du bist wahrlich ein tapferer Kämpfer. Deine Axt scheint es gewohnt zu sein, Menschen zu zerlegen. Mit Sicherheit gehörst du nicht zu diesen Feiglingen oder?“

Gethela konnte nicht verstehen was der hünenhafte Glatzenmann dem Reiter antwortete, aber es schien diesen nicht sehr zu erfreuen. Mit einem kurzen Handzeichen gab er seinen Männern zu verstehen, dass sie den Hünen angreifen sollten. Die ersten zwei Gegner konnte er mit dem Axtblatt und einem kräftigen Tritt abwehren, doch als die anderen sich über ihn warfen, waren auch seine Grenzen der Gegenwehr gefunden. Während die Krieger den Fremden mit aller Kraft zu bändigen versuchten, näherte sich ihr Anführer und schlug dem Überrumpelten mit dem Griff seines Schwertes auf den Hinterkopf. Sofort sackte er in sich zusammen und blieb reglos liegen. Die Angreifer machten sich sogleich daran ihn mit dicken Seilen zu fesseln. Ihr Anführer schien zufrieden zu sein, regte sich aber dennoch über seine niedergestreckten Männer auf. Erneut drang seine Stimme an Gethelas Ohren.

„Stellt einen Mann zur Wache ab! Der Rest von euch stößt zu den Truppen im Nordteil des Dorfes. Wenn die Bewohner besiegt sind will ich, dass ihr die Häuser zuerst durchsucht und anschließend verbrennt. Lasst keine Hütte aus. Oder ihr werdet neben diesen Versagern liegen!“

Mit seinem Schwert deutete der Anführer auf die getöteten Angreifer und wendete sein Pferd. In vollem Galopp ritt er die Straße Richtung Norden hinunter. Seine Männer taten wie ihnen befohlen wurde und teilten sich auf. Die zurückgelassene Wache ließ es sich nicht nehmen, noch einige Male auf den bewusstlosen Gefangenen einzutreten. Er vergewisserte sich, dass sein Opfer bewusstlos war und wendete seinen Blick anschließend in Richtung Norden. Dort tobten die meisten Kämpfe. Inzwischen hatten sich die Dorfbewohner zu kleineren Gruppen zusammengefunden und leisteten Widerstand. Doch Gethela konnte auch aus dieser Entfernung erkennen, dass sie damit nicht sehr viel Erfolg hatten. Die Angreifer waren zu zahlreich und den Bauern auch in der Kunst des Zweikampfes deutlich überlegen. Fieberhaft überlegte sie, wo sich ein passendes Versteck finden ließe. Sie und ihr Mann Bemahr, besaßen einen kleinen Gutshof östlich des Dorfes. Bis dorthin würde sie es jedoch nicht schaffen ohne entdeckt zu werden. Innerlich betete Gethela dafür, dass Bemahr noch nicht von seiner Reise aus dem Norden zurück sei. Gegen die Angreifer würde er nichts ausrichten können. Und der Gedanke ihren Ehemann durch die Klingen der Fremden sterben zu sehen, brachte sie in panische Verzweifelung.

Ich muss hier weg. Diesen Männern geht es um mehr als eine einfache Beute. Mit denen kann man nicht verhandeln.

Doch Gethela wäre nicht die gute Seele des Dorfes, wenn sie nicht an den mutigen Krieger denken würde, welcher unweit von ihr gefesselt auf dem Boden lag. Unsicher blickte sie auf den abgelenkten Bewacher und anschließend auf den Dolch in ihren Händen. Noch nie hatte sie das Leben eines Menschen genommen. Doch unter diesen Umständen könnte sie ihre Taten auch vor dem Göttervater verantworten. Die erneuten Schreie der eingekesselten Menschen, half Gethela bei ihrem Entschluss.

Das sind Menschenhändler. Sie suchen nach kräftigen Sklaven um sie zu verkaufen. Sie werden alle mitnehmen die nicht entkommen können. Erneut viel ihr Blick auf den einzelnen Angreifer und seinen bewusstlosen Gefangenen. Diesen werdet ihr nicht bekommen.


Halios umrundete das Dorf von der westlichen Seite her und war zufrieden. Obwohl die Fußtruppen viel zu lange für ihren Angriff gebraucht hatten, versprach dieses Dorf eine reiche Beute abzugeben. Wie er es sich erhofft hatte, war die Nachricht vom Krieg in Elamehr, nicht bis in alle Winkel des Bockentals vorgedrungen. Die Bauern hier, schienen nicht im Geringsten auf einen Angriff vorbereitet gewesen zu sein.

Der Gruppenführer trieb sein Pferd an und hielt auf eine kleine Kampftruppe zu, welche gerade ein paar Dörfler niedergemacht hatte.

„Haltet ein mit dem Schlachtfest! Von jetzt an nur noch Gefangene. Auch die Frauen und Kinder. Ich bin mir sicher wir werden Verwendung für sie finden. Sagt es auch den anderen.“ Die Krieger verneigten sich und taten wie ihnen geheißen. Halios begutachtete die niedergemetzelten Dorfbewohner und schüttelte den Kopf. „Ein Jammer. Der ein oder andere von diesen Burschen hätte einen kräftigen Arbeiter abgegeben. Aber man muss eben Abstriche machen. Hoffentlich lassen sich…“

Doch während er über die verlorenen Sklaven lamentierte, fiel sein Blick auf eine junge Frau mit langem, nussbraunem Haar, welche sich gegen einen seiner Männer mit Erfolg zur Wehr setzte. Obgleich sie keinerlei wirkliches Geschick mit ihrem Knüppel an den Tag legte, schaffte sie es dennoch den angreifenden Nomaden auf Abstand zu halten. Halios gab seinem Pferd einen Tritt und trieb es direkt auf die Frau zu. Der Schimmel galoppierte vorwärts und wurde erst kurz vor seinem Ziel von Halios herumgerissen. Die Flanke des Pferdes prallte dabei gegen die widerspenstige Dörflerin und brachte sie unsanft zu Fall. Der Gruppenführer deutete auf das am Boden liegende Mädchen und rief den bisher erfolglosen Krieger zur Ordnung.

„Binde ihr die Hände und bewache sie! Anscheinend bist du noch nicht einmal in der Lage ein Frauenzimmer mit einem Knüppel zu besiegen. Also überlasse es lieber deinen Kameraden sich der anderen Dorfbewohner anzunehmen.“

Der gescholtene Nomadenkrieger nickte und nahm sich des benommenen Mädchens an. Halios schätzte, dass sie ungefähr zwanzig Sonnenzeiten alt sein müsste. Ihre natürliche Schönheit weckte das Interesse des ansonsten so disziplinierten Gruppenführers. Ihr glänzendes Haar und ihre zarten, blassen Gesichtszüge, wirkten auf den Wüstenbewohner äußerst exotisch.

Diese Kriegsbeute sollte ich vor Almereth vielleicht verbergen. Schließlich habe auch ich mir eine Belohnung verdient.

Nach und nach verstummte der Kampfeslärm. An seine Stelle traten jammerndes Klagen von weinenden Frauen und Kindern und lautstarke Verwünschungen von gefesselten Männern. Halios begutachtete seine Ausbeute mit einem Gefühl der Zwiespältigkeit. Diese verbarg er nicht vor seinen Männern.

„Zu sagen ich wäre stolz auf euch, wäre gelogen. Wir haben vier Tote und mehrere Verwundete zu beklagen! Und das bei einem Kampf gegen Bauern und Weiber! Mir scheint ihr vergesst, wer ihr seid! Zu viele Dörfler sind entkommen und sie werden alle warnen, die sich noch im Tal aufhalten. Fürst Almereth wird wissen wollen, warum vier Mitglieder der Götterklingen tot sind. Vier Männer, welche angeblich zu den besten Kämpfern Talamarimas zählen! Wir sind hergekommen um frische Arbeiter zu finden und somit unsere Verluste aus der Schlacht um Elamehr auszugleichen. Und jetzt haben wir Tote zu beklagen.“ Halios bemerkte, dass seine strafenden Worte Spuren hinterließen. Zeitgleich beunruhigte in dieser Umstand. Bewies es doch, dass die Soldaten etwas von ihrer Entschlossenheit und Kaltblütigkeit eingebüßt hatten. „Nun gut. Jetzt soll nicht der Zeitpunkt für eine Lehrstunde sein. Schafft die Gefangenen auf Karren und setzt das Dorf in Brand.

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