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Stupid Crazy Love Story

Stacy Kramer und Valerie Thomas

Stupid Crazy Love Story

Regel Nr. 1: Küssen verboten – Regel Nr. 2: Küss mich!

Aus dem Amerikanischen von Stefanie Lemke

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Inhaltsverzeichnis

Tag der Abschlussfeier Freitag, der 25. Juni

Prolog

Zwei Tage zuvor Mittwoch, der 23. Juni

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Der nächste Tag Donnerstag, der 24. Juni

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Tag der Abschlussfeier Freitag, der 25. Juni

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PROLOG

Kylie:

Als ich aufwache, scheint die Sonne gnadenlos ins Zimmer.

Wie spät ist es? Wo bin ich?

Verwirrt blinzle ich mit den Augen. Das Licht ist echt brutal. Ich habe hämmernde Kopfschmerzen, meine Kehle brennt und mein Magen rebelliert. Fühlt sich so ein Kater an?

Keine Ahnung. Ich hatte noch nie einen. Jedenfalls bis heute.

Ich schließe die Augen wieder, hole ein paarmal tief Luft und liege ganz still, während ich versuche, meine Gedanken zu sortieren. Gestern Abend war einer der großartigsten Abende meines Lebens. Glaube ich. Es könnte aber auch genauso gut einer der schlimmsten gewesen sein. Ab einem gewissen Punkt kann ich mich an nicht besonders viel erinnern.

Ich wage einen erneuten Versuch, die Augen zu öffnen. Ganz langsam sehe ich mich um, wobei ich aufpasse, keine ruckartigen Bewegungen zu machen. Mein Blick fällt auf ein mir unbekanntes Schlafzimmer. In einer Ecke steht eine Kommode, auf der ein einziges Durcheinander von Schneekugeln, Stofftieren und Barbiepuppen herrscht. Zwischen zwei Fenstern hängt ein Poster von einem flauschigen weißen Kätzchen mit einer riesigen lila Schleife um den Hals. Der Rollladen des einen Fensters ist halb heruntergelassen, durch das andere knallt erbarmungslos die Sonne herein. Ist es morgens immer so hell?

Ich wende den Blick ab und da sehe ich ihn. Den wunderschönen, halb nackten Jungen, der neben mir liegt. Und schläft.

Oh. Mein. Gott. Max.

Auf einmal fällt mir der gestrige Tag wieder ein und ich bin hellwach.

Ich bin in Ensenada. Mit Max Langston. In Manuels Haus.

Wie ich letzte Nacht hierher und ins Bett gekommen bin, weiß ich leider nicht mehr. Und leider bin ich nicht dort, wo ich eigentlich gerade sein sollte, nämlich in meinem Bett, zu Hause, um mich auf meine Abschlussrede an der Highschool heute Nachmittag vorzubereiten. Das hier ist definitiv alles andere als das ideale Szenarium für den Morgen meiner Abschlussfeier.

Erinnerungsfetzen an die letzte Nacht flackern auf. Einzelne Szenen tanzen vor meinen Augen und verschwinden wieder, kurze Sequenzen, deren Abfolge keinen Sinn ergibt. Als würde ich einen Filmtrailer sehen, nur dass statt Kate Hudson oder Kristen Stewart ich die Hauptdarstellerin bin. Ich, wie ich mit Max im Meer schwimme. Max und ich, wie wir auf dem Pier feiern und trinken (viel trinken). Max und ich, wie wir uns küssen (viel küssen). Und dann … wird die Leinwand schwarz.

Beim Versuch, mich aufzusetzen, wird mir schwindelig, also lege ich mich gleich wieder hin. Warum in aller Welt trinken die Leute eigentlich Alkohol, wenn man sich am Morgen danach so elend fühlt?! Vielleicht weil man sich am Abend zuvor einfach verdammt gut gefühlt hat. So viel weiß ich immerhin noch.

Zu behaupten, dass ich mich eher selten in so einer Situation befinde, wäre noch maßlos untertrieben. Ich halte mich eigentlich immer an die Regeln, sogar wenn es gar keine gibt. Ich höre zu. Und ich tue, was von mir erwartet wird. In den vier Jahren auf der Highschool gab es fürmich keinen Alkohol, keine Partys und keinen Freund. Und jetzt liege ich hier neben einem Jungen, den ich kaum kenne, in einem Haus, in dem ich gestern zum ersten Mal war, in einer Stadt, in der ich nicht wohne. So etwas kann einfach nicht gut enden. Jedenfalls nicht für Mädchen wie mich.

Was habe ich mir nur dabei gedacht? Wahrscheinlich gar nichts. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich einfach total gehen lassen. Ich habe mich abgeschossen. Es war berauschend. Süchtig machend. Aber einen Tag vor der Abschlussfeier vielleicht nicht unbedingt die beste Idee.

Ich sehe auf die Uhr. Kurz vor sieben. Die Abschlussfeier beginnt in fünf Stunden in La Jolla, Kalifornien, also gut zwei Stunden von hier. Und das ohne einen Stau vor der Grenze. Denk nach, sage ich mir. Aber mein Hirn weigert sich zu arbeiten. Mehr als ein tiefes, dumpfes Rauschen bekomme ich nicht. Einen Großteil dieses Schlamassels habe ich mir natürlich selbst zuzuschreiben. Hätte ich doch bloß nicht diesen Typen auf dem Motorrad verfolgt. Und wäre ich doch bloß nicht in diesen Truck gestiegen. Und hätte ich doch bloß nicht Will verloren und so verdammt viel Tequila getrunken …

Mein Gedankengang wird jäh unterbrochen, als mir Max seinen muskulösen, gebräunten Arm um die Taille legt. Ich kann nicht weiteratmen. Neben mir liegt der gut aussehende, sexy Max Langston, dessen grüne Augen tödliche Waffen sind, dessen schiefes Lächeln unwiderstehlich und dessen Charme legendär ist und mit dem ich in den letzten sechs Schuljahren kaum ein Wort gesprochen habe – bis vor drei Tagen. Selbst wenn ich überhaupt keine Ahnung von Wahrscheinlichkeitsrechnung hätte, würde ich sagen, die Chancen, dass das hier gerade wirklich passiert, sind unfassbar niedrig und trotz allem liegen wir hier nebeneinander, unsere Körper berühren sich und mein Gesicht fühlt sich brennend heiß an.

Max ist nackt bis auf die Boxershorts, die so tief sitzen, dass ich seine unteren Bauchmuskeln sehen kann – die, die aussehen wie die oberen Enden eines V. Er rückt näher an mich heran. Meine Sinne befinden sich in höchster Alarmbereitschaft, während sich unsere Glieder ineinander verschlingen, bis sie wieder in einer bequemen Position zum Liegen kommen. Max’ Finger bewegen sich langsam unter mein T-Shirt und streicheln meinen Bauch. Er umkreist meinen Bauchnabel. Seine Berührung ist zärtlich und gleichzeitig absolut elektrisierend. Beinahe nicht auszuhalten. Seine weichen, vollen Lippen streichen über meinen Hals. Er hat so früh am Morgen noch nicht einmal Mundgeruch, wahrscheinlich ganz im Gegensatz zu mir.

»Hey du«, sagt Max und lächelt träge. »Wir haben ganz schön viel getrunken gestern.«

»Ja«, sage ich in der Hoffnung, dass er weiterredet, damit ich eine ungefähre Ahnung davon bekomme, was noch so alles passiert ist, nachdem meine Festplatte den Geist aufgegeben hat.

»Ich hoffe, wir haben nichts Dummes gemacht«, versuche ich, mehr aus ihm herauszukitzeln.

»Oh, ich bin ziemlich sicher, das haben wir.« Max lacht leise, dann schließt er wieder die Augen.

Das ist alles? Mehr verrät er mir nicht?

Ich weiß natürlich nicht, an wie viel er sich noch erinnert. Aber es gefällt mir, dass er anscheinend in keinster Weise unangenehm überrascht ist, neben mir aufzuwachen. Wie kann er nur so früh am Morgen schon so verdammt gut aussehen? Ich weiß nur eins, ich stecke ganz schön tief in der Patsche.

Was ist letzte Nacht passiert? Eine beunruhigende Mischung aus Freude und Panik überkommt mich. Ich fange an zu schwitzen, was eindeutig nicht besonders attraktiv ist. Was verdammt noch mal habe ich getan? Ich habe heute meine Abschlussfeier, im Sommer einen Praktikumsplatz beim San Diego Arts Council, im Herbst einen Platz an der New York University – und Eltern, die total ausrasten werden. Ich bin seit vierundzwanzig Stunden einfach verschwunden. Ich bin mit Max in Mexiko.

Dabei hatte ich noch nie einen Freund.

Und ich hatte noch nie Sex.

Oder doch?

Oh, Mist. Mist, Mist, Mist.

Sosehr ich mir auch den Kopf zerbreche, all das, an das ich mich nicht erinnern kann, bleibt hinter einem dunklen Vorhang versteckt. Ich gucke wieder zu Max und für einen flüchtigen Moment löst sich meine Angst in Luft auf. Er sieht so schön und zufrieden aus, wie er gerade wieder einschläft, wie seine Brust sich mit jedem Atemzug hebt und senkt. Es ist einfach überwältigend.

Ich wende den Blick ab und die Panik kehrt mit voller Wucht zurück.

Ich brauche einen Plan. Ich setze mich auf und in dem Moment sehe ich Lily Wentworth, die auf dem Flur steht und mich fassungslos anstarrt.

1 Kylie:

Ms Murphy leiert die Liste der Namen herunter, die sie für die Englisch-Hausaufgabe paarweise zusammengestellt hat: »Brendon und Julie, Nadia und Sam, Kylie und Max …«

Moment, was?! Kylie und Max? Schlechte Idee. Sehr schlechte Idee. Die ganzen sechs Jahre auf der Freiburg Academy habe ich es geschafft, jegliche Interaktion mit Max Langston zu vermeiden. Wir befinden uns an entgegengesetzten Enden des sozialen Spektrums – was wahrscheinlich der Grund dafür ist, dass Ms Murphy uns zusammengetan hat. Sie ist einfach abgrundtief böse.

»Hausaufgaben? Oh nee!«, platzt es aus Lily Wentworth heraus, deren Kopf gerade in einer wahrscheinlich ein paar Hundert Dollar teuren, großen Ledertasche steckt. Sie sieht Leute nie direkt an, sondern schaut immer mit unruhigem Blick an allen vorbei, so als würde sie ständig auf der Suche nach etwas oder jemand Besserem sein.

»Morgen ist doch der letzte Schultag …«, quengelt sie weiter.

»Eigentlich sollten wir echt keine Hausaufgaben mehr aufbekommen«, fügt Charlie Peters hinzu.

Keiner hält sich mehr an die Regeln. Und es scheint auch niemanden zu wundern, dass die beiden Mistress Murphy widersprechen, wie Will und ich sie zu nennen pflegen (wir sind uns ziemlich sicher, dass sie nachts als Domina arbeitet). Sie lässt sich Jahr für Jahr immer wieder neue Sachen einfallen, wie sie ihre Zöglinge quälen kann.

»Und genau darum gebe ich Ihnen diese Aufgabe, Mr Peters. Ich habe genug von Zwölftklässlern, die das letzte Halbjahr absitzen, als wäre die Schule schon vorbei. Wenn Sie Ihr Gehirn nicht trainieren, verkümmert es. Und ehe Sie sich versehen, sitzen Sie auf der Straße und betteln. Und ich werde Ihnen dann ganz bestimmt nichts geben«, sagt Mistress Murphy.

Heftig.

Ein Lächeln huscht über Ms Murphys scharfkantiges, verkniffenes Gesicht. Ihr macht das hier anscheinend Spaß. Sie ist ganz eindeutig in der SM-Szene unterwegs. Ich kann mir regelrecht vorstellen, wie sie ganz in Leder gekleidet die nietenbesetzte Reitgerte hält, während ein armer Kerl zu ihren Füßen um Gnade bettelt. Alle um mich herum seufzen. Doch im Gegensatz zu den anderen macht mir ein letzter Aufsatz nichts aus. Wenn ich eine oscarprämierte Drehbuchautorin werden will, kann ich auch gut noch etwas an meinen Schreibkünsten feilen. Ich habe allerdings ein Problem damit, mit Max zusammenzuarbeiten. Und es ist offensichtlich, dass auch er nicht besonders scharf darauf ist.

»Scheiße, nicht Kylie Flores. Die macht das nachher noch wirklich!«, sagt Max laut genug, damit alle um ihn herum es hören können, inklusive mir. Was für ein Arsch.

Ein paar Leute lachen. Haha. Witzig. Max ist vielleicht perfekt, was sein Äußeres angeht, aber wie es in seinem Kopf aussieht, ist mal eine ganz andere Sache. Wenn er auch nur einen einzigen Gedanken darin hätte, würde der vor Einsamkeit eingehen. Wie alle auf der Freiburg ist Max ein verwöhnter, reicher Snob, der auf einem öden Meer von Privilegien treibt und sich in vollkommener und seliger Unwissenheit darüber befindet, wie der Rest der Welt lebt.

Alle auf der Freiburg bis auf Will. Gott sei Dank habe ich Will. Ohne ihn hätte ich hier niemals überlebt.

Nur noch zwei Tage, dann liegt die Freiburg Academy hinter mir. Ich werde in dem Wissen, dass das Schlimmste vorbei ist und das Beste noch vor mir liegt, nach New York fliegen, um dort auf die NYU zu gehen. Die Welt wird mich mit offenen Armen empfangen – mich und meinen beißenden Sarkasmus (der auf der Freiburg leider so gut wie nie verstanden wird), mein hitziges Temperament (das ich vielmehr als Zeichen ausgeprägter Leidenschaft denn als mangelnde Selbstkontrolle verstehe) und mein unkonventionelles Erscheinungsbild (ich bin halb Mexikanerin, halb Jüdin, was zwar auf dem Papier toll aussieht, aber nicht im grellen Tageslicht von La Jolla). Der Abschlussjahrgang der Freiburg kann mir den Buckel runterrutschen. Ich werde endlich frei sein von den gesellschaftlichen Fesseln, die mich hier binden.

Okay, das war jetzt vielleicht ein bisschen übertrieben. Nicht gerade das Beste, was ich jemals geschrieben habe. Hört sich eher an wie der Spruch auf einem Aufkleber oder in einem Glückskeks als wie eine tatsächliche Erkenntnis, aber besser kann ich es gerade nicht ausdrücken, und ich glaube, was ich sagen wollte, ist rübergekommen. Die Freiburg Academy kotzt mich an. Schlicht und ergreifend.

»Ihr werdet euch gegenseitig interviewen und einen Aufsatz von tausend Wörtern darüber schreiben, welche beiden Bücher euch während eurer Zeit auf der Freiburg am meisten beeindruckt haben. Abgabetermin ist morgen, am letzten Schultag. Wer nichts abgibt, bekommt eine Sechs, die in die Abschlussnote für dieses Halbjahr eingehen und somit Einfluss auf euren Gesamtnotendurchschnitt haben wird. Das College eurer Wahl würde darüber sicherlich nicht besonders erfreut sein«, verkündet Mistress Murphy.

Allen anderen ist das wahrscheinlich herzlich egal, aber bei mir trifft ihre Drohung einen empfindlichen Nerv. Ich muss diesen Aufsatz schreiben. Bisher bin ich diejenige mit dem besten Notendurchschnitt, was ein lang gehegtes Ziel von mir war. Eine Sechs könnte das schlagartig ändern und mich auf Platz zwei zurückfallen lassen. Auf einer Privatschule wie der Freiburg, auf der es hauptsächlich um Wettbewerb geht, ist die Spitze ein begehrter Platz und sie erfordert ständige Wachsamkeit.

Max’ Lieblingsbuch ist garantiert so etwas dermaßen Offensichtliches, dass es einem im Kopf wehtut. Der Fänger im Roggen wahrscheinlich oder, schlimmer noch, Das Guinness-Buch der Rekorde.

Nach der Stunde gehe ich direkt zu Max, der mit Lily (der Super-Freundin) und seinem besten Freund Charlie Peters vor seinem Spind steht. Max und Lily sind seit Anfang des Schuljahrs zusammen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der hübscheste Junge und das bestaussehendste Mädchen der Schule ein Paar werden würden. Wären die beiden nicht zusammengekommen, wäre die Welt wahrscheinlich aus den Fugen geraten. Alle tun so, als würden die beiden irgendeiner königlichen Familie oder so angehören. Es war absolut vorhersehbar und gerade deshalb ist es gleichzeitig so was von bescheuert, dass ich mir am liebsten die Augen auskratzen würde. Als ich näher komme, höre ich, wie sie sich gerade über die Abschlussparty dieses Wochenende bei Charlie unterhalten, zu der ich natürlich nicht eingeladen bin. Über den DJ, die Musik, das Essen. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, dass sie einen Flug zum Mond planen, so aufgeregt, wie sie sind.

Natürlich bin ich wie alle zur offiziellen Abschlussfeier der Freiburg Academy eingeladen, aber dahin gehen nur diejenigen, die nicht zur inoffiziellen und daher angesagten Abschlussparty bei Charlie eingeladen sind. So sind nun mal die gesellschaftlichen Regeln auf der Freiburg. Und somit werden auf der offiziellen Feier nur Loser sein. Vielen Dank auch, da bleibe ich lieber zu Hause.

Ich werde zusammen mit Will meine eigene Party feiern. Wir machen einen John-Woo-Filmabend mit In-N-Out-Burgern. Das ist unser jährliches Ritual zum Ende des Schuljahrs. Bei dem Gedanken daran fange ich jetzt schon fast an zu heulen. Das Ende einer Ära. Ich werde Will so was von vermissen. Ob es einen Will auf der NYU für mich geben wird? Unwahrscheinlich. So leicht tue ich mich nicht damit, neue Freundschaften zu schließen.

»Ich bin für ’ne gute Mischung an Old-School-Songs. Prince und Parliament und so«, sagt Max.

»Prince? Ist das dein Ernst?«, nörgelt Lily. »Maxie, du hast einen Musikgeschmack wie mein Dad.«

»Es können eben nicht alle so hip sein wie du«, antwortet Max. Er sagt es mit einem Lächeln auf den Lippen, aber ich habe ganz sicher eine Spur von Verärgerung in seiner Stimme gehört, was mich irgendwie überrascht. Max und Lily scheinen sonst immer derart verliebt zu sein, dass mir regelmäßig schlecht davon wird. Wahrscheinlich bilde ich mir seine Gereiztheit bloß ein.

»Nein, Schatz, das können wohl wirklich nicht alle«, erwidert sie bissig. Und dann legt sie die Hände auf Max’ Gesicht und küsst ihn, mehr als ausgiebig. Charlie steht einfach daneben. Er hat den einsamen Auftrag des loyalen Freunds, der gleichzeitig das fünfte Rad am Wagen ist. Wahrscheinlich ist das hier gerade ein wichtiger Bestandteil des öffentlichen Zurschaustellens ihrer Liebe. Ich sehe weg, weil ich mich sonst wahrscheinlich übergeben müsste.

Ich räuspere mich. Bloß schnell meinen Text sagen und dann nichts wie weg hier.

Max, Charlie und Lily sehen mich belustigt an.

»Lass mich raten, du willst über den Aufsatz für Ms Murphy reden«, sagt Max und lacht.

»Äh, ja. Stimmt«, antworte ich. So schnell lasse ich mich nicht unterkriegen.

»Mann, du hattest ja so recht«, sagt Max zu Charlie.

»Vergiss es, Kylie. Noten sind jetzt egal«, meint Charlie.

»Mir nicht. Ich will keine Sechs in Englisch. Ich mache die Aufgabe, und da ich einen Partner dafür brauche«, sage ich und wende mich an Max, »wirst du sie mit mir zusammen machen müssen.«

Was ich nicht erwähne, ist, dass ich meine Position als Jahrgangsbeste nicht verlieren will. Zufälligerweise weiß ich nämlich, dass Sheldon Roth nur 0,02 Punkte hinter mir liegt und mir damit ganz dicht auf den Fersen ist, gefolgt von Patrick Bains und … Lily. (So gerne ich sie auch als Idiotin abschreiben würde, sie ist leider keine. Sie hat den Jackpot geknackt: Sie ist reich, hübsch und intelligent.) Ich stehe vielleicht schon als Abschlussrednerin auf den Programmen der Abschlussfeier, aber das hat nichts zu sagen. Mit einem einzigen schlechten Aufsatz in Englisch kann ich von Sheldon überholt werden. Das hier ist ein knallharter Wettbewerb und ich habe vor, ihn zu gewinnen.

»Machst du Witze?«, fragt Max. »Die Murphy kann zur Hölle fahren.«

»Tut mir leid, aber ich hab ein Stipendium für die NYU und ich muss auf meinen Schnitt achten … « Wenn ich mich doch nur nicht dauernd entschuldigen würde. Ich wünschte, ich könnte stattdessen mit einer genialen Retourkutsche aufwarten, die sie alle verstummen lässt. Doch leider nein. Meine Schlagfertigkeit verdünnisiert sich vor diesen Leuten. Dabei gebe ich nicht mal viel darauf, was sie von mir denken. Sie sind nur offenbar von einem anderen Stern und ich habe keine Ahnung, wie ich mit ihnen kommunizieren soll. Die beliebten Leute sind vom Mars. Der Rest ist aus einer fernen Galaxie, von der noch niemand gehört hat.

Lily verdreht die Augen. »Oh Gott. Du bist ja so eine Streberin, Kylie. Nimm das doch nicht so ernst. Ein einziger blöder Aufsatz für die Murphy zählt überhaupt nichts. Sie versucht doch nur, uns Angst einzujagen, weil es ihre letzte Gelegenheit ist, uns eins reinzuwürgen.«

Sie hat recht. Mistress Murphys Worte sind eine leere Drohung und entbehren jeder Grundlage. Mein Stipendium bleibt davon unberührt und ich werde immer noch die Jahrgangsbeste sein. Aber ich kann Hausaufgaben nicht einfach ignorieren. Die Zusage von drei Elite-Unis (Brown, Pennsylvania und Princeton, die ich – sehr zum Verdruss meiner Eltern – alle zugunsten der NYU und ihres Filminstituts, das regelmäßig neue Stars hervorbringt, ausgeschlagen habe) habe ich bestimmt nicht bekommen, weil ich das hier nicht ernst nehme. Ich habe noch nie etwas nicht ernst genommen. Und ich werde garantiert nicht jetzt damit anfangen.

»Mal im Ernst, Kylie. Kein Mensch macht die Hausaufgabe«, fügt Max grinsend hinzu und lässt seine perlweißen Zähne aufblitzen. Ich blicke schnell auf den Boden, aus Angst, dass mich der Mut verlässt, wenn ich ihn nur eine Sekunde länger ansehe. Er ist wirklich unglaublich sexy. So sexy, dass es in den Augen wehtut.

»Nach der sechsten Stunde hab ich Zeit, dann können wir uns treffen. Sollte ja nicht besonders lange dauern. Ich, äh … ich kann deinen Aufsatz auch schreiben, wenn du willst.« Ich werde das hier hinbekommen. Egal, wie tief ich sinken muss. Und, mal ehrlich, mit dem Angebot, Max’ Aufsatz zu schreiben, bin ich schon ganz unten angekommen. Auf der NYU wird es hoffentlich mehr um Leistung gehen und weniger um Geld und gutes Aussehen. »Zehn Minuten, mehr brauche ich nicht. Und die Aufsätze kann ich heute Abend zu Hause schreiben«, sage ich.

»Okay, cool, dann schreib halt meinen Aufsatz«, sagt Max.

Scheiß drauf. Ich werde diese Leute hier nie wiedersehen. Ich habe vor, als Jahrgangsbeste abzuschließen und danach das Weite zu suchen.

»Bis später«, sagt Max. Dann legt er den Arm um Lily, zieht sie zu sich heran und die beiden fangen wieder an zu knutschen. Mit Zunge und allem. Vielen Dank auch. Einmal war einfach nicht genug.

Noch zwei Tage. Ich zähle die Stunden …

2 Will:

Kylie sieht mich noch nicht einmal, so schnell läuft sie den Gang hinunter. Sie starrt auf den Boden und trägt ihre übliche Uniform: graue Jeans, weißes T-Shirt und diesen arschlangweiligen, schäbigen Schal, den ihr ihre Großmutter vor tausend Jahren oder so gestrickt hat. Meine beste Freundin braucht eindeutig ein neues Styling. Und ich wäre der perfekte Style-Berater, wenn Kylie dem Thema Mode gegenüber nur ein bisschen aufgeschlossener wäre. Aber all die schönen Klamotten, die ich ihr über die Jahre geschenkt habe, hängen noch mit den Schildern dran in ihrem Schrank und warten darauf, irgendwann wieder zurück in die Zivilisation zu entkommen.

Wenigstens trägt sie nicht mehr diese komischen Ugg-Boots, die aussehen wie riesige Fußtumore aus Wildleder. Als ich das letzte Mal bei ihr war, habe ich die Dinger einfach weggeschmissen. Kylie vor sich selbst zu bewahren, ist ein Fulltime-Job, das ist mal klar. Und ich bin wie dafür geboren. Wirklich schade, dass ich das nicht zu meinem Beruf machen kann.

»Hey, du da! Du kommst also aus Afrika. Und wieso bist du weiß?« rufe ich ihr zu.

»Oh mein Gott, Karen, man fragt Menschen nicht, wieso sie weiß sind«, antwortet sie prompt.

Girls Club. Wir können das Drehbuch auswendig. Von diesem Film und ungefähr noch tausend anderen. Die Anzahl an Stunden, die wir filmguckenderweise zusammen verbracht haben, ist beängstigend. Manchmal haben wir denselben Film viermal hintereinander gesehen, ohne Pause. An manchen Wochenenden sind wir kaum an die frische Luft gekommen. Ich könnte behaupten, das liegt daran, dass wir leidenschaftliche Filmliebhaber sind, aber ich weiß, dass mehr dahintersteckt. Wir ziehen beide, aus unterschiedlichen Gründen, das Leben auf dem Bildschirm dem in der realen Highschool-Welt vor. Das behauptet jedenfalls meine Psychotherapeutin. Kylie wird einmal Drehbuchautorin und ich … wer weiß? Ich habe jede Menge Zeit und Geld, weswegen ich mir darüber im Gegensatz zu Kylie keine großen Sorgen mache.

Kylie läuft weiter. Ich muss mich beeilen, sie einzuholen. Ein paar vereinzelte Locken aus ihrem Pferdeschwanz haben sich selbstständig gemacht. Kylie trägt ihre umwerfende Mähne immer so streng zurückgekämmt, dass es aussieht, als würde sie einen Helm tragen. Sie sollte ihre sexy Latina-Locken wirklich mehr zur Geltung bringen. Wenn sie wollte, könnte sie mit ihrer bronzefarbenen Haut, den goldenen Augen und diesen unglaublich langen schwarzen Wimpern wie ein Filmstar aussehen. Die Sista ist einfach wahnsinnig sexy, sogar in einem Aufzug, in dem Marilyn Monroe wie ein Neutrum wirken würde. Leider ist sie sich dessen überhaupt nicht bewusst. Sie denkt ernsthaft, sie wäre hässlich. Das macht mich echt fertig.

»Du hast dich mal wieder selbst übertroffen«, sagt Kylie, nachdem sie kurz mein Outfit gemustert hat. »Willst du Alvarez zum Äußersten bringen?«

»Insgeheim steht er doch drauf.«

Ich mache unseren Direktor wahnsinnig. Die Freiburg ist eine derart spießige Hetero-Schule in einer derart spießigen Hetero-Stadt, dass meine Röcke und Kleider unseren Rektor, Mr Alvarez, nicht besonders erfreuen. Letztes Jahr hat er deswegen noch meine Eltern in die Schule bestellt, aber inzwischen hat er es wohl aufgegeben. Genau wie meine Eltern.

»Sehe ich nicht scharf aus?«, frage ich Kylie und drehe mich auf den schwarzen, mörderisch hohen Plateauschuhen (bei ebay gekauft). Dazu trage ich eine hautenge limettengrüne Jeans und ein wahnsinnig toll geschnittenes schwarzes Kleid von Marc Jacobs, das ich mir – ohne Erlaubnis – von meiner Schwester geborgt habe. Ich weiß. Mein Schwulsein schreit einen direkt an. Ich bin sozusagen schon »out« zur Welt gekommen. Und von Jahr zu Jahr wurde mein unstillbares Bedürfnis, diesen konservativen Verein hier vor den Kopf zu stoßen, immer größer. Dieses Jahr habe ich es sozusagen auf die Spitze getrieben. Ich breche mit allen Kleidungs-Codes. Ich werde mich aus dieser Stadt verabschieden, und zwar mit Stil.

»Oh ja. Du siehst hammer aus. Sogar in diesem grässlichen Neonlicht«, sagt Kylie. Kylie ist die Einzige, die mich schon immer so akzeptiert hat, wie ich bin.

»Tja, ich weiß nun mal, wie es geht. Apropos, ich habe da noch eine kleine Überraschung für Charlie Peters. Ein Abschlussgeschenk sozusagen. Du musst mir nur helfen, ihn in die Jungstoilette zu bekommen.«

Kylie und ich sagen immer Charlie Peters zu Charlie Peters. Wir könnten ihn auch einfach Charlie nennen, aber das ist eine von den Sachen, die unsere Freundschaft ausmachen.

»Ach, hör schon auf. Charlie Peters ist definitiv nicht schwul«, sagt Kylie. »Du denkst doch, alle Welt ist schwul.«

»Die meisten sind es ja auch. Sie wissen es nur noch nicht.«

»Okay, wie auch immer. Pass auf, Will, ich hab’s eilig. Ich muss in die Bibliothek.«

Offensichtlich ist sie gerade nicht zu Scherzen aufgelegt.

»Die Bibliothek? Die Schule ist vorbei, Süße. Finito.«

Kylie ist so eine krasse Streberin, dass ich mir echt Sorgen um sie mache. Wer soll sich denn bitte an der NYU darum kümmern, dass sie mal ausspannt und Modern Family und Fringe guckt? Wahrscheinlich werde ich extra aus Berkeley einfliegen müssen, um sie zum Chillen zu zwingen.

»Wir haben noch eine letzte Hausaufgabe von Mistress Murphy bekommen.«

»Jetzt sag bitte nicht, dass du sie machen willst. Es wird sich nicht negativ auf deinen Charakter auswirken, wenn du sie nicht machst. Im Gegenteil. Das verspreche ich dir.«

»Ich werde sie machen. Und auch die von Max Langston. Wir sind nämlich in einem Team.«

»Kylie, Kylie, Kylie.«

»Er macht sonst nicht mit. Und ich kann die Hausaufgabe nicht einfach nicht machen. Ich kann einfach nicht. Auf der NYU wird es besser. Bestimmt«, versucht Kylie, mich zu besänftigen.

»Wohl kaum.« Aber wer weiß, vielleicht hält New York ja die Antwort für sie bereit. San Diego, genauer gesagt, La Jolla, wirft wahrhaftig nur Fragen auf.

»Wahrscheinlich hast du recht.«

»Na ja, immerhin bekommen wir jetzt den schönen Max Langston zu sehen.« Normalsterbliche wie wir haben üblicherweise nämlich keinen Kontakt mit den Max Langstons dieser Welt.

»Wir?«, fragt Kylie, wobei sie mir einen warnenden Blick zuwirft.

»Ich komme mit.« Vom Nebentisch in der Bibliothek werde ich einen ausgezeichneten Blick auf Max haben.

»Will, hast du nichts Besseres zu tun?«

»Leider nein.«

»Das macht das Ganze nicht gerade einfacher.«

»Ihr werdet mich kaum bemerken.«

»Du bist unmöglich.« Kylie streckt mir die Zunge raus.

Und ich strecke ihr die Zunge raus. So kommunizieren wir ungefähr siebenhundertmal am Tag. Ich liebe sie. Ich würde ihr einen Lungenflügel und ein Bein spenden. Ich hoffe nur, dass es niemals dazu kommt.

Wir setzen uns also an einen Tisch in der Bibliothek und warten auf Max. Dann ziehe ich ein paar lange goldene Chandelier-Ohrringe aus der Tasche und halte sie Kylie hin.

»Die musst du zur Abschlussfeier tragen. Du brauchst etwas Auffälliges für die Bühne. Damit wirst du großartig aussehen, mit offenen Haaren und …«

»Will, du hast doch versprochen, nichts mehr von deiner Schwester zu klauen.«

»Aber du bist Jahrgangsbeste, Schätzchen. Du brauchst etwas Besonderes. Und Annie wird gar nicht merken, dass sie fehlen. Sie hat Tonnen davon.«

»Das ist lieb gemeint, ich weiß es wirklich zu schätzen, aber ich werde nichts von deinen geklauten Sachen annehmen. Sorry.«

Manchmal verfluche ich Kylie und diesen Moral-Kompass, den sie um den Hals trägt. Meine Schwestern haben so viel Zeugs, das ist schon fast abartig. Ich will doch nur ihre Schätze mit Kylie teilen.

»Dann lass mich wenigstens ein Kleid für die Abschlussfeier für dich kaufen.«

»Will, ich meine es ernst. Hör auf.«

Also lasse ich das Thema erst einmal fallen, aber ich schwöre mir, es vor Freitag wieder aufzunehmen. Kylie verdient einfach ein umwerfendes Kleid für ihren großen Auftritt, wenn sie die Abschlussrede hält und uns allen der Mund offen stehen bleiben wird. Unter ihrem Talar und Hut wird es zwar nicht zu sehen sein, aber es geht ums Prinzip.

Kylie und ich sind eigentlich ganz schön verschieden. Auf einer Schule mit Sprösslingen der wohlhabendsten Familien La Jollas bin ich eins der reichsten Kids, während Kylie eine der fünf Stipendiaten ist. Wir sind uns am ersten Tag der siebten Klasse begegnet, im abgelegensten Winkel der Cafeteria, denn im Zentrum von Reich & Schön wollte man uns nicht haben. Kylie war neu auf der Schule und ich war, tja, ich. So sind wir am gleichen leeren Tisch gelandet, an dem außer uns nur noch Justin Wang saß, der wie in Trance mit seinem Nintendo kommunizierte.

Ungefähr zehn Minuten lang sagte keiner von uns ein Wort. Als ich es nicht mehr länger aushielt, fragte ich Kylie schließlich: »Ist dir klar, dass es ohne Trigonometrie überhaupt keine Technik gibt?«

Ohne auch nur eine Sekunde zu zögern, antwortete Kylie: »Und ohne Lampen würde es kein Licht geben.« Wobei sie noch nicht einmal von ihrem Pizza-Bagel aufsah.

»Das gibt’snicht«, sagte ich. Wie groß war die Wahrscheinlichkeit, dass die Neue aus Breakfast Club zitieren konnte?

»Wieso nicht?«, fragte Kylie. Und dann sah sie auf und lächelte mich an. Die Kleine hat ein umwerfendes Lächeln. Ihr ganzes Gesicht strahlt, wenn sie lächelt. »Breakfast Club ist einer meiner absoluten Lieblingsfilme.«

»Es ist ein Meisterwerk«, pflichtete ich ihr bei. Und seitdem sind wir beste Freunde.

Kylie zwirbelt eine Haarsträhne um ihren Finger und starrt auf die Uhr. Sie ist angepisst. Wir warten bereits seit dreißig Minuten und von Max ist weit und breit nichts zu sehen. Was nicht besonders überraschend ist. Da springt Kylie auf und rennt zur Tür. Und weg ist sie. Oh-oh.

Mit Kylies Temperament ist nicht zu spaßen. Sie sah aus, als würde sie gleich ausflippen. Ich liebe ihre Ausraster. Und da wir der Abschlussfeier inzwischen gefährlich nahe sind, könnte dies tatsächlich Kylies letzter Auftritt sein. Ich laufe ihr hinterher, was in diesen verrückten Plateauschuhen kein leichtes Unterfangen ist. Vielleicht sollte ich mir mal ein Paar Turnschuhe zulegen.

3 Kylie:

Ich hasse es, wenn Leute unpünktlich sind. Unpünktlichkeit steht ganz oben auf der Liste meiner persönlichen Lieblingsärgernisse. Egoismus, Narzissmus und Dummheit folgen kurz darauf. Kaum zu glauben, aber Max scheint all diese Eigenschaften in sich zu vereinen.

Doch damit wird er mir nicht davonkommen. Es ist mir vollkommen egal, wie gut aussehend oder beliebt er ist. Auf einmal werde ich von einer unkontrollierbaren Wut gepackt, und ehe ich es mich versehe, laufe ich zum Sportzentrum. Für jeden anderen Menschen wäre dies sozialer Selbstmord, aber ich war schon tot, als ich vor Jahren hier angefangen habe.

Ich bin mir ziemlich sicher, Max auf dem Squash-Court zu finden, und renne über den Schulhof zum Sportzentrum. Will torkelt und hüpft auf seinen lächerlichen Plateauschuhen hinter mir her. Ich hoffe, dass er auf der Berkeley weniger das Bedürfnis verspürt, seine Sexualität wie ein Verdienstabzeichen zur Schau stellen zu müssen. Zufälligerweise weiß ich nämlich, dass Will seine maßgeschneiderten Anzüge und ausgewaschenen Levi’s viel lieber mag. Eines Tages wird er sich vielleicht wohl genug in seiner Haut fühlen, um unauffälligere Klamotten zu tragen. Oder wenigstens bequemere Schuhe zu wählen.

Ich reiße die Tür zu den Sporthallen auf und marschiere die Treppe zum Squash-Court hinunter. Will ist mir dicht auf den Fersen, doch dann knickt er um und fällt die letzten Stufen herunter, bis er schließlich neben der Zuschauerbank zum Liegen kommt.

Lily sieht kichernd auf Will herab. »Deswegen tragen Männer wahrscheinlich keine Absätze, William.« Lilys Busenfreundinnen Stokely Eagleton und Jemma Pembolt, die neben ihr sitzen, gackern wie auf Kommando.

Wenn das hier ein Actionfilm wäre, mit mir als Hauptdarstellerin, würde ich jetzt den Bleistiftrock hochreißen, weit mit dem Bein ausholen und alle drei mit einem schwungvollen Tritt gegen ihre Köpfe außer Gefecht setzen. Dann würde ich mir über den Rock streichen, den Lippenstift nachziehen, einen Fussel vom Ärmel zupfen und mit einem Lächeln auf den Lippen davonschlendern. Nur sind wir hier leider nicht im Film. Das hier ist mein jämmerliches Leben. Und ich bin nun mal keine Actionheldin.

Also werfe ich Lily und Begleitung bloß einen bösen Blick zu, dann beuge ich mich zu Will hinunter und frage: »Alles okay?« Nicht gerade oscarreif.

»Mir ging’s noch nie besser.«

Ich helfe Will auf die Bank. Er beißt sich auf die Unterlippe und reibt sich das Bein.

»Sicher?«, frage ich.

»Wird schon gehen. Brich meinetwegen bitte nicht die Show ab. Du weißt doch, wie sehr ich die Pause nach dem Höhepunkt der ersten Hälfte liebe«, sagt Will.

Also lasse ich Will auf der Bank zurück und marschiere auf den Squash-Court, wo Max gerade mitten in einem hitzigen Match mit Charlie ist. Ich weiß, dass das keine gute Idee ist, aber es ist mir so was von egal. Max Langston und seine Leute machen, was sie wollen, wann immer sie wollen, mit wem es ihnen gefällt. Ich hab eindeutig genug davon.

Ich bin so auf meinen Kampf um Gerechtigkeit fixiert, dass ich den Squash-Ball erst wahrnehme, als er mich am Hintern trifft.

Lily und ihre Hyänen lachen hysterisch.

»Kylie, verdammt, mach dich vom Acker«, ruft Charlie. Max und er dreschen weiter auf den Ball ein, als wäre ich gar nicht da.

Zum zweiten Mal heute sieht Max mich an und verdreht die Augen. Ich fühle mich nackt und lächerlich, wie ich da so mitten auf dem Squash-Court stehe und der Ball mir um die Ohren fliegt.

»Max und ich waren vor vierzig Minuten verabredet«, erkläre ich. Noch während ich versuche, mich in dieser Angelegenheit nicht unterkriegen zu lassen, begreife ich, dass das hier meine wohl schlechteste Idee seit Langem ist.

»Ups, meine Schuld. Das Spiel hat länger gedauert. Und ganz offensichtlich werden wir unsere Verabredung jetzt nicht nachholen. Würdest du also bitte vom Court gehen?«, erwidert Max.

»Nein, werde ich nicht. Du bist so unglaublich unverschämt, das ist echt hammer. Ich meine, bist du in einem Stall aufgewachsen oder was?« Es ist mir durchaus bewusst, was für ein schräger Kommentar das ist, aber ich bin gegenüber Leuten wie Max Langston leider immer noch nicht besonders schlagfertig.

»Wohl kaum. Aber ein Stall wäre immerhin noch besser gewesen als ein Wohnwagen. Oder werden die Dinger heutzutage Mobilheime genannt?«, fragt Charlie.

Damit will Charlie offenbar darauf anspielen, dass ich in Logan Heights wohne, nicht gerade dem vornehmsten Teil San Diegos. Von dort sind es gerade mal zwanzig Kilometer nach La Jolla, aber es fühlt sich an, als läge ein ganzes Universum dazwischen. Unser schäbiges, kleines Mietshaus würde in Charlies Gästeklo passen. Schätze ich zumindest, denn ich habe sein Zuhause noch nie zu sehen bekommen und daran wird sich auch so schnell nichts ändern.

Charlies Bemerkung lässt mich augenblicklich an die Decke gehen. Ich merke noch, wie meine Wut hochkocht und auf den Squash-Court überläuft, und im nächsten Moment habe ich auch schon das dringende Bedürfnis, Charlie zu verprügeln. Ich trete ihm mit voller Wucht gegen das Schienbein. Von den Zuschauerplätzen höre ich Will nach Luft schnappen. Charlie jault vor Schmerz auf und geht in die Knie. Was für ein Schauspieler. So schlimm war das ja wohl nicht, oder? Es ist mir zwar etwas unangenehm, Gewalt gebrauchen zu müssen, aber wenigstens habe ich jetzt ihre Aufmerksamkeit.

»Sag mal, spinnst du?«, keucht Charlie.

»Was hast du eigentlich für ein verdammtes Problem, Kylie?«, fragt Max.

»Du bist mein Problem, Max.«

Ein paar andere Leute sind herübergekommen, um sich die Show anzusehen. Ich werde knallrot. Aber ich ziehe nicht den Schwanz ein. Ich darf jetzt keinen Rückzieher machen. Ich bin schon zu weit gegangen, also kann ich die Sache auch durchziehen. Recht geht vor Macht. Denke ich. Hoffe ich.

»Ich finde, das hier ist der perfekte Zeitpunkt für unser Interview«, sage ich und hole mein Notizbuch hervor. Ich verharre mit dem Stift über der aufgeschlagenen Seite. »Du bist da. Ich bin da. Besser geht’s nicht, oder?«

Alle sehen mich an, als wäre ich gerade einem Horrorfilm entstiegen.

»Also, was ist dein Lieblingsbuch?«, frage ich Max.

»Kylie, lass uns das später machen. Ich bin hier in einer halben Stunde fertig.« Max klingt beinahe versöhnlich.

»Scheiß auf dich, Max! Du hast heute schon genug von meiner Zeit verschwendet. Ich habe keine Lust, noch länger auf dich zu warten. Wir machen es jetzt.«

Himmel, wer sagt denn so was im wirklichen Leben? Ich, offensichtlich. Ich lasse alles raus. Ich bin vollkommen neben der Spur. Wenn ich damit nur bis nach meiner Abschlussrede gewartet hätte. Jetzt wird die ganze Schule über mich lachen, wenn ich auf der Bühne stehe. Wird mir überhaupt jemand zuhören, während ich die Rede halte, an der ich seit Monaten gearbeitet habe? Aber jetzt ist es zu spät, mir darüber Gedanken zu machen.

Max’ Gesichtsausdruck wechselt von beschwichtigend zu angepisst. »Weißt du, was, Kylie? Scheiß auf dich. Und scheiß auf unseren Deal. Du bist doch eh die einzige, die so bescheuert ist und diese Hausaufgabe machen will. Ich wollte nur nett sein, aber Scheiße, vergiss es. Außerdem bin ich mitten in einem Match. Also sieh zu, dass du vom Court verschwindest.«

Und damit wirft Max den Ball an die Wand und verfehlt meinen Kopf nur um wenige Zentimeter. Er ist ein sehr guter Spieler, also muss ich davon ausgehen, dass er das mit Absicht gemacht hat. Ich habe diesen Kampf und den Krieg verloren. Ich schleiche mich vom Court. Ich bin immer noch geladen, aber jetzt mischt sich meine Wut mit dem bitteren Nachgeschmack der Erniedrigung. Mit gesenktem Kopf eile ich zum Ausgang, ohne dem Publikum auf den billigen Plätzen Beachtung zu schenken.

Draußen holt Will mich ein und hakt sich bei mir unter. »Du hast mich schon mit ›Scheiß auf dich, Max‹ restlos überzeugt. Du warst einfach großartig!«

Ich sage nichts. Ich bin zu sehr damit beschäftigt, mich selbst fertigzumachen. Warum kann ich nicht einfach mal fünfe gerade sein lassen und Mistress Murphys blöde Hausaufgabe knicken? Will weiß ganz genau, dass ich gerade innerlich mit mir selbst im Ring stehe. Er hat mir schon öfter bei solchen Boxkämpfen zugesehen.

»Sein Hintern ist auch nicht mehr das, was er mal war. In der Siebten hatte er echt noch einen süßen, knackigen Hintern. Aber langsam kriegt er einen Hängearsch. Das ist kein gutes Vorzeichen für sein mittleres Lebensalter«, versucht Will, mich aufzuheitern.

»Du weißt ganz genau, dass das nicht wahr ist.«

»Ich weiß. Er hat einen unglaublichen Arsch, ganz zu schweigen von seinem Waschbrettbauch und diesem Bizeps …«

»Will, halt die Klappe.«

»Sorry, tut mir leid.«

»Ich hasse diese Schule.«

»Ich auch. Aber wart’s nur ab. Du wirst die NYU rocken!«

Ich bin Will wirklich dankbar für seine Unterstützung. Trotzdem befürchte ich, dass ich weder auf der NYU noch sonst irgendwo großartig anders sein werde. Vielleicht liegt es ja gar nicht an der Freiburg, sondern an mir? Vielleicht passe ich einfach nirgendwo rein, so wie mein Bruder Jake? Versteht mich nicht falsch, die Freiburg ist definitiv beschissen und schuld an den meisten meiner gesellschaftlichen Defizite. Außer Will hatte ich hier nicht besonders viele Freunde. Aber trotzdem frage ich mich, ob das nicht zum Teil vielleicht auch meine Schuld war.

»Na ja, warten wir mal ab …«, sage ich zu Will, während mir die Unsicherheit wie ein fieser Ausschlag über die Haut kriecht.

»Hör auf. Du bist etwas ganz Besonderes. Lass dir von denen bloß nichts anderes einreden. Du bist ein wunderbarer Mensch. Vergiss das nicht.« Will lässt sich nicht davon abbringen.

»Ich weiß nicht. Ich kann es einfach nicht fassen, dass ich so ausgerastet bin. Das war voll peinlich.«

»Es war Ehrfurcht gebietend. Du bist meine Heldin.« Will zieht mich zu sich und umarmt mich. »Wie wär’s mit einem Frozen Yoghurt bei Pink Berry? Ich lad dich ein.«

»Ich kann nicht. Ich muss auf Jake aufpassen.« Ich löse mich aus seiner Umarmung und mache mich auf den Weg.

»Du Loser.«

»Leck mich.«

»Rufst du nachher an?«, beendet Will das Zitat aus Eiskalte Engel. Dann winkt er und verschwindet auf dem Schulhof.

Ich muss nach Hause. Ich bin schon viel zu spät dran.

4 Max:

»Was für ein Scheiß, Alter«, sagt Charlie.

»Sie ist eben ein totaler Freak«, sage ich. Was ich nicht sage, ist, dass Kylie recht hat. Ich kann manchmal ein ganz schönes Arschloch sein. In der Rolle fühle ich mich eigentlich ziemlich wohl. Kurz gesagt, die Leute lassen mir eine Menge Mist durchgehen.

Die Sache ist, ständig will irgendjemand was von mir. Würde ich immer Rücksicht auf die Gefühle anderer nehmen, würde ich überhaupt nichts geregelt kriegen. Ich kann mich nicht den ganzen Tag um den Kram anderer Leute kümmern. Und Ms Murphys Hausaufgabe ist ganz klar nicht mein Problem, sondern Kylies.

Ich sollte das alles einfach vergessen. Normalerweise würde ich das auch. Aber als mein Dad zum zweiten Mal im Krankenhaus gelandet ist, habe ich mir geschworen, nicht mehr so ein egoistisches Schwein zu sein, denn damit wird man nicht wirklich glücklich im Leben. Jedenfalls hat es bei meinem Dad nicht funktioniert.

»Sie hat mich getreten. Volle Kanne. Die Frau hat ernsthafte Probleme«, sagt Charlie.

»Absolut«, sage ich. Aber trotzdem tut sie mir irgendwie leid. Kylie nimmt immer alles so verdammt ernst. Und niemand außer dem durchgeknallten Will Bixby will sich mit ihr abgeben. Aber wie kann man sich wegen so etwas nur derartig aufregen? Ich kann mich nicht daran erinnern, mir jemals wegen Hausaufgaben so einen Kopf gemacht zu haben.

»Konzentrier dich aufs Spiel«, sagt Charlie. Er führt. Es steht acht zu sieben. Kylie hat mich total durcheinandergebracht.

»Ich geb mir Mühe.« Aber das ist einfacher gesagt als getan. Charlie schlägt auf und ich haue daneben. Zweimal hintereinander. Dabei war es noch nicht mal ein guter Aufschlag. Der Ball prallt an der Stirnwand ab und bleibt auf guter Höhe, sodass ich ihn ganz leicht hätte erwischen können. Stattdessen verschwende ich meine Gedanken an Kylie.

Ich springe ein paarmal. Schüttle den Kopf. Okay. Weiter geht’s.

Charlie schlägt auf. Ich laufe zum Ball und schlage ihn mit voller Wucht zurück. Charlie macht einen Satz, aber verfehlt den Ball. Mein Aufschlag. Ich spiele den Ball. Er trifft auf die Stirnwand, dann die Seite, bevor er über den Boden kullert. Punkt für mich. Charlie bleibt nichts anderes übrig, als meine Vorherrschaft auf dem Court anzuerkennen. Ich bin wieder voll da. Und Kylie Flores ist weg.

5 Kylie:

»Oktober 1972«, rufe ich Jake zu, als ich nach Hause komme. Jake sitzt auf dem kastanienbraunen Sessel neben dem Sofa, eine Schüssel mit Karotten auf dem Schoß, und wartet auf mich. Ich hänge meinen Rucksack an die Garderobe und steige über einen riesigen Haufen Wäsche vor der Treppe. Keine Ahnung, ob die gewaschen ist oder dreckig.

Jake lächelt mich an, als hätten wir uns seit zehn Jahren nicht gesehen. Irgendwie ist es schon nett, jeden Tag so enthusiastisch begrüßt zu werden. Auch wenn Jakes Gehirn durch das Asperger-Syndrom irgendwie anders funktioniert, ist es schön, von jemandem so gemocht zu werden. Es gibt nicht gerade besonders viele Menschen, von denen ich das behaupten könnte.

»Hurrikan Dimitri«, ruft er triumphierend. »In Galvaston in Texas sind sieben Menschen gestorben und innerhalb von zwei Tagen fielen dreißig Zentimeter Niederschlag.« Jakes Augen leuchten vor Aufregung.

»Okay … Dezember 1956.«

»Hurrikan Meredith. Jamaika hatte sechs Tage lang keinen Strom. Windgeschwindigkeiten von bis zu 235 Kilometern pro Stunde.« Jake springt auf und die Möhrchen fallen auf den Boden. Mit dreizehn ist Jake schon genauso groß wie ich, und er steht immer unter Strom. Nach diesem unglaublich miesen Schultag geht er mir damit gehörig auf die Nerven, aber ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen.

»Jakie, heb die Möhren wieder auf«, sage ich.

Jake guckt mich mürrisch an. »Nein.«

Ich schlage einen sanfteren Ton an. »Bitte heb die Möhren auf. Und dann spielen wir weiter.« Ich schlinge die Arme um ihn. »Hattest du einen schönen Tag?«

»Ja. Wir haben heute über Plastikmüll in den Ozeanen gesprochen«, antwortet Jake, begierig, mir mehr zu erzählen. Ich lächle. Egal, wie ätzend mein Tag war, Jake bringt mich immer zum Lächeln. Seine Leidenschaft für Details aller Art ist ansteckend. Bis sie nervt.

»Hattest du auch einen schönen Tag, Kylie?«, fragt Jake. Er lernt in der Schule auch Umgangsformen und wie man sich in andere hineinversetzt – etwas, was ihm nicht gerade zufliegt. Aber so langsam scheint der Unterricht Wirkung zu zeigen. Sonst ist Jake meistens so mit seiner eigenen Welt beschäftigt, dass er vergisst zu fragen, wie es mir geht. Nicht dass mir das etwas ausmachen würde. Es ist ganz erholsam, mal einige Zeit in einer anderen Realität zu verbringen.

»Mein Tag war großartig«, lüge ich. Die Wahrheit würde ihn bloß verwirren und deprimieren, genau wie mich. Jake hat nur ein begrenztes Verständnis von komplizierten sozialen Beziehungen, wovon mein Leben leider randvoll ist.

»Meiner auch.« Jake lächelt und freut sich. »Ich mag es, wenn wir beide einen schönen Tag hatten.«

Ich zeige auf die Möhren auf dem Boden. »Was ist mit den Möhrchen?«

Jake geht widerwillig auf alle viere und sammelt ein paar Karotten auf. Zum Spaß schnipst er eine unters Sofa und dann beobachtet er mich, um zu sehen, wie ich reagiere. Aber ich tue so, als hätte ich nichts bemerkt. Ich bin einfach viel zu fertig.

Jake steht auf und sieht mich erwartungsvoll an.

»Okay, der Nächste geht andersrum. Hurrikan Dana«, sage ich.

»Ah. Das weiß ich!« Vor Aufregung fängt Jake an zu zittern.

Jake ist schlau. Erschreckend schlau. Die Leute halten ihn für dumm, weil er eine Behinderung hat, aber da täuschen sie sich. Wenn überhaupt ist er durch sein Superhirn behindert. Die Möhren liegen schon wieder auf dem Boden.

Da kommt Mom die Treppe heruntergelaufen, ihr Schwesternkittel steht offen, die viel zu vollgestopfte Handtasche baumelt an ihrem Arm. »Kannst du heute das Abendessen machen?«

Sie kniet sich hin und fängt an, die Möhren aufzusammeln.

»Mom, bitte lass das. Jake kann das allein. Nicht wahr, Jake?«

Jake sagt nichts.

Mom sammelt weiter die Karotten auf, während sie sich mit nur einer Hand den Kittel zuknöpft. »Ach Kylie. Es sind doch nur ein paar Möhrchen. Sei nicht so streng mit ihm.«

Jake sieht mich an und wir denken wahrscheinlich gerade das Gleiche: Er ist mal wieder davongekommen, wie immer.

»Hier, Süße.« Mom reicht mir einen Zettel mit einem komplizierten Schaubild darauf. »Er muss davon drei Übungen mit je fünfzehn Wiederholungen machen, okay? Und außerdem diese Hüpfübung mit ausgestreckten Armen, die uns die Ärztin neulich gezeigt hat. Um den Gleichgewichtssinn zu trainieren. Und vergiss die Tabletten nicht. Im Kühlschrank ist noch Salat, aber du kannst auch Nudeln oder so machen. Dad müsste in einer halben Stunde zu Hause sein. Er ist einen Tag früher zurückgekommen.«

Mom arbeitet an vier Abenden die Woche als Pflegerin in einem Altenheim. An diesen Abenden bin ich alleine für Jake zuständig. Und für Dad, wenn er denn da ist. Ich frage mich, wie das gehen soll, wenn ich nicht mehr hier wohne. Dad kümmert sich ja um nichts anderes als um sich. Okay, er mäht den Rasen und bringt den Müll raus, so typische Dad-Sachen eben. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man glatt darüber lachen.

»Und kannst du dich um die Wäsche kümmern, Kyles?«

»Ist das da gewaschen oder dreckig?«, frage ich und zeige auf den Berg von Klamotten auf dem Fußboden.

Mom sieht den Haufen verwirrt an, dann sagt sie: »Ich weiß es nicht mehr. Kannst du das rausfinden?«

»Klar«, antworte ich. Was bleibt mir auch anderes übrig?

Mom gibt Jake einen Kuss auf die Wange, rauscht zur Tür hinaus und winkt uns noch einmal zu. »Tschüss, ihr zwei. Ich hab euch lieb.«

Ich sehe auf die Uhr. Mom wird mal wieder zwanzig Minuten zu spät zur Arbeit kommen. Wie so oft.

»Ich weiß die Antwort. Kann ich sie dir sagen? Kann ich sie dir sagen?« Jake hat die ganze Zeit geduldig abgewartet und jetzt will er mir unbedingt die Frage beantworten, die ich schon längst vergessen habe. Er hat auf seiner neuen Schule enorme Fortschritte gemacht. Es ist wirklich beeindruckend, was er kann, wenn er nur will. Noch vor einem Jahr hätte er niemals so lange warten können.

»September 1987. In Grenada kam es zu schlimmen Überschwemmungen. In Grenada kam es zu schlimmen Überschwemmungen!!«

»Du bist toll, Jake«, sage ich. Und ich meine es auch so.

Jake könnte die nächsten zehn Stunden so weitermachen. Für den Rest seines Lebens wird er so weitermachen. Außerdem kann er jeden der sechsunddreißig Busfahrpläne des Großraums von San Diego auswendig.

Ich wühle mich durch den Berg von Klamotten. Zum Glück sind die Sachen sauber. Eine Aufgabe weniger zu erledigen. Ich klaube die Wäsche vom Boden auf und mache mich auf den Weg in mein Zimmer.

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