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Stunden des Glücks

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. Dank
  8. Stammbaum
  9. Weitere wichtige Personen
  10. Erstes Buch
    1. Kapitel 1
    2. Kapitel 2
    3. Kapitel 3
    4. Kapitel 4
    5. Kapitel 5
    6. Kapitel 6
    7. Kapitel 7
    8. Kapitel 8
    9. Kapitel 9
    10. Kapitel 10
    11. Kapitel 11
    12. Kapitel 12
    13. Kapitel 13
  11. Zweites Buch
    1. Kapitel 14
    2. Kapitel 15
    3. Kapitel 16
    4. Kapitel 17
    5. Kapitel 18
    6. Kapitel 19
    7. Kapitel 20
    8. Kapitel 21
    9. Kapitel 22
    10. Kapitel 23
    11. Kapitel 24
    12. Kapitel 25
  12. Drittes Buch
    1. Kapitel 26
    2. Kapitel 27
    3. Kapitel 28
    4. Kapitel 29
    5. Kapitel 30
    6. Kapitel 31
    7. Kapitel 32
    8. Kapitel 33
    9. Kapitel 34
    10. Kapitel 35
  13. Viertes Buch
    1. Kapitel 36
    2. Kapitel 37
    3. Kapitel 38
    4. Kapitel 39
    5. Kapitel 40
    6. Kapitel 41
    7. Kapitel 42
    8. Kapitel 43
    9. Kapitel 44
    10. Kapitel 45

Über die Autorin

Marcia Willett wurde 1945 als jüngste von fünf Schwestern in Somerset geboren. 1969 heiratete sie einen Marineoffizier, ein Jahr später wurde Sohn Charles geboren. Inzwischen lebt Marcia Willett mit ihrem zweiten Ehemann Rodney und einem Neufundländer in Devon, wo sie sich hauptsächlich dem Schreiben von Romanen widmet.

Marcia Willett

Stunden
des Glücks

Roman

Aus dem Englischen von
Michaela Link

Für Paula

Dank

In diesem letzten Band der Trilogie möchte ich diejenigen Personen aufführen, die mir besonders hilfreich waren. Ich danke Dr. John Halliday, Phil und Jeannie Higgins, Yvonne Holland, Bob und Maya Mann sowie Michael und Carolyn Winterton, die mir großzügig und geduldig ihr Spezialwissen zur Verfügung gestellt haben. Charles Keay und Hannah Leach schulde ich Dank für ihre unschätzbare Hilfe bei meinen Recherchen. Außerdem möchte ich mich wieder bei Pater Iain Matthew vom Orden der Unbeschuhten Karmeliter für die Erlaubnis bedanken, seine Übersetzung des »Gebets einer liebenden Seele« des Heiligen Johannes vom Kreuz zu benutzen.

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Weitere wichtige Personen

Caroline James (1928–) war eine Freundin von Prue Clark (Carolines ältere Schwester ging mit Prue zusammen zur Schule.) Sie wurde als Kinderfrau für die verwaisten Chadwick-Kinder eingestellt.

Cynthia Janice Tulliver – auch Sin genannt – ist Kits beste Freundin

Clarence Prior – auch Clarrie genannt – ist Kits Nachbar und Freund.

Erstes Buch

Sommer 1986

1

Das goldene Strahlen des sommerlichen Zwielichts verblasste zu einem stillen, schattigen Abend; schwere, süße Düfte trieben in der warmen Luft, und im Obstgarten sang eine Drossel.

Der alte Mann lehnte sich auf seinem Stuhl ein wenig zurück, streckte die verkrampften Beine aus, nahm die Brille ab und massierte sich mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken. Theo Chadwick war Ende achtzig, aber noch immer ein Hüne von einem Mann, groß und mit breiten Schultern. Sein einstmals schwarzes Haar war jetzt grau, wenn auch nach wie vor dicht, und seine von Natur aus schlanke Gestalt war so dünn, dass sie beinahe hager wirkte. Sein Artikel für das Quarterly Defence Journal lag vor ihm auf der schon stark abgenutzten ledernen Oberfläche seines Schreibtischs. Der Artikel war fast fertig, mehrere Seiten, die er mit seiner kleinen, klaren Handschrift bedeckt hatte. Aber an diesem Abend war er nicht recht bei der Sache, und es fiel ihm schwer, sich zu konzentrieren. Der herrliche Gesang der Drossel, diese fließende Abfolge lyrischer Phrasen, wäre allein schon eine Entschuldigung für seine Unaufmerksamkeit einem komplizierten Thema gegenüber gewesen. Aber Theo wusste, dass in Wahrheit nicht die Drossel dafür verantwortlich war.

Der Grund für diese Ablenkung war vielmehr Fliss’ Rückkehr aus London. Seine Großnichte war dort gewesen, um einige Tage mit Miles zu verbringen, ihrem Mann, der von Hongkong aus dorthin gekommen war. Die beiden Jahre ihrer Trennung waren nun vorüber, und Fliss musste entscheiden, ob sie ihrem Mann auf Dauer nach Hongkong folgen wollte. Während der vierzehn Jahre ihrer Ehe hatte Miles die Zügel fest in der Hand gehalten. Als er den Managerposten bei einer Import-Export-Firma in Hongkong angenommen hatte, ohne vorher mit Fliss darüber zu sprechen, war ihr klar geworden, dass sie an dieser Stelle eine Grenze ziehen musste. Sie hatte weder ihre Familie und ihr Land verlassen noch dauerhaft in Hongkong leben wollen. Ihrer Meinung nach waren ihre Zwillinge mit elf Jahren zu jung, um sie in England in einem Internat zurückzulassen, und sie war zutiefst verletzt – wenn auch nicht besonders überrascht – gewesen, dass Miles ihre Gefühle nicht einen einzigen Augenblick lang in Betracht gezogen hatte. Nach mehreren langen, schmerzlichen Szenen war Fliss wieder auf The Keep gezogen, den Familiensitz der Chadwicks in der Nähe von Totnes in Devon, zurück zu ihrem Großonkel Theo, ihrer Tante Prue und zu Caroline, der einstigen Kinderfrau von Fliss und ihren Geschwistern.

Schon nach den ersten Monaten in Hongkong war Fliss auf Miles’ Bitte hin für zwei Wochen zu ihm geflogen, und am nächsten Weihnachtsfest war sie abermals dort gewesen, diesmal mit den Zwillingen, Jamie und Bess. Im Herbst hatte sie nach achtzehnmonatiger Trennung dann eine weitere Reise nach Hongkong unternommen.

»Da ist eine Frau im Spiel«, hatte Fliss nach diesem dritten Besuch Theo anvertraut. »Nun ja, das hätte ich mir wohl denken können. Schließlich ... Warum auch nicht?«

Theo, der das zarte Gesicht seiner Großnichte beobachtete, versuchte, sich ein Bild davon zu machen, was sie empfand. Er fragte sich, ob er es sich nur einbildete, dass sie ihrer Großmutter immer ähnlicher wurde, seiner Schwägerin Freddy Chadwick, die er so sehr geliebt hatte. Fliss war zwar nicht so hoch gewachsen, wie Freddy es gewesen war, aber dafür gab es andere Gemeinsamkeiten: Die Art, wie sie unbewusst das Kinn vorreckte und die Schultern straffte, das dichte, blonde Haar, das sie zu einem Nackenknoten geschlungen trug – all diese Dinge verschlugen ihm bisweilen die Sprache. Er wusste, Fliss fühlte sich moralisch immer noch an Miles gebunden, und es musste ein Schock für sie gewesen sein, dass er diese Phase der Trennung nicht im gleichen Licht sah. Auch Theo war ziemlich schockiert, aber er ließ seiner Großnichte Zeit, sich über ihre eigenen Gefühle klar zu werden, und schließlich lächelte sie ihm zu.

»Ich bin wütend«, erklärte sie ihm ehrlich. »Nicht wirklich eifersüchtig oder verletzt. Nur wütend. Oh, die beiden waren natürlich recht diskret, aber keiner von ihnen konnte diesen winzigen Anflug von Triumph so ganz verbergen. Weißt du, was ich meine? Er musste mir einfach demonstrieren, dass eine andere Frau ihn sehr wohl würde haben wollen, wenn ich ihn nicht wollte, und sie konnte einfach nicht widerstehen, sich ein klein wenig besitzergreifend zu zeigen. ›Oh, das war ein Spaß, nicht wahr, Miles? Weißt du noch, Miles? Nein, was haben wir gelacht‹, und so weiter.«

Ihre unerwartete Nachahmung – die überlaute Stimme und der verschämte und doch verschlagene Gesichtsausdruck – führte Theo die unbekannte Frau deutlich vor Augen. Er konnte sie direkt vor sich sehen – aufgetakelt, mit einem harten Gesicht, makellos zurechtgemacht, berstend vor Selbstbewusstsein und doch ein wenig unbehaglich in Anwesenheit der rechtmäßigen Ehefrau –, und um Fliss’ willen durchzuckte ihn ein Stich des Zorns.

»Ich habe abgrundtiefe Gleichgültigkeit vorgeschützt, durchmischt mit gerade eben einer Spur Abscheu«, fuhr Fliss fort. Sie hatte bei der Erinnerung an diese Szene das Kinn vorgereckt – trotz ihrer Beteuerungen war sie doch ein wenig gekränkt gewesen –, und wieder einmal fühlte Theo sich schmerzlich an Freddy erinnert. »Das hat die beiden in ihre Schranken gewiesen.«

»Davon bin ich überzeugt«, antwortete er vorsichtig. »Hat sie, diese Frau, irgendwelche echten Probleme gemacht?«

»Es hilft«, erwiderte sie, und die Erinnerung daran war ihr offensichtlich angenehm, »dass ich gut fünfzehn Jahre jünger bin als sie. Sie ist nämlich in Miles’ Alter. Über fünfzig und sieht auch so aus. Sie ist die Witwe eines Marineoffiziers.«

Jetzt, da die verabredete Zeit der Trennung zu Ende war, hatte Miles Fliss anscheinend ein Ultimatum gestellt: Entweder sie zog sofort zu ihm nach Hongkong, oder er würde die Scheidung einreichen, um die Witwe zu heiraten.

Theo schob seinen Stuhl zurück, stand auf und schlenderte zum Fenster hinüber. Die Hände in den Taschen, blickte er in den schattigen Hof hinunter und fragte sich, inwieweit das Ganze möglicherweise ein Bluff von Miles war. Nicht zum ersten Mal wünschte er, Freddy sei noch am Leben, um ihm zu raten. Er wusste, dass Freddy in beinahe jeder anderen Situation von der Heiligkeit des Ehegelübdes gesprochen hätte, aber in Fliss’ Fall gab es da eine gewisse Komplikation. Nachdem die Mau-Mau ihre Eltern und ihren älteren Bruder James ermordet hatten, war Fliss mit ihrem jüngeren Bruder Mole und ihrer kleinen Schwester Sooz aus Kenia zu ihrer Großmutter auf The Keep zurückgekehrt. Fliss’ Zuneigung zu ihrem älteren Vetter Hal hatte sich zu einer durch nichts zu erschütternden Liebe entwickelt. Freddy und Hals Mutter, Prue, hatten diese Liebe – oder »Vernarrtheit«, wie sie es damals nannten – eines Tages entdeckt und sofort ihre ganze Autorität in die Waagschale geworfen, um die beiden zu trennen. Vetter und Cousine ersten Grades sollten vor allem dann besser nicht heiraten, wenn sie Kinder eineiiger Zwillinge waren. Erst später hatte Freddy sich ernsthaft gefragt, ob sie Fliss zu der Heirat mit Miles wirklich hätte zureden sollen. Die Tatsache, dass ihre Großmutter diesen vernünftigen, verlässlichen, älteren Mann sehr schätzte, hatte Fliss eindeutig beeinflusst. Einzig Theo hatte seinerzeit Zweifel geäußert, aber selbst er hatte sich – zu seiner ewigen Schande – davon überzeugen lassen, dass Miles Fliss glücklich machen würde.

Jetzt stand die Ehe auf der Kippe, und obwohl Fliss in ihrer Loyalität Miles gegenüber niemals geschwankt hatte, liebte sie noch immer Hal, dessen eigene Ehe durch andere Komplikationen belastet wurde ...

Theo ließ sich auf dem Fenstersitz nieder, schloss die Augen, öffnete seinen Geist und suchte dort Zuflucht, wo er sie sein Leben lang gefunden hatte: in der geheimen, stillen Nähe zu Gott.

Direkt unter seinem Fenster, auf der Bank im Hof, lauschte Fliss dem Gesang der Drossel im Obstgarten und sah zu, wie die Rosen langsam zu blassen, körperlosen Gestalten wurden, die auf der hohen Steinmauer beinahe geisterhaft wirkten. Sie versuchte noch immer, sich mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass der Miles, den sie soeben in London getroffen hatte, zu einer unbekannten Größe geworden war: zu einem Menschen, den sie nicht recht wieder erkannte. In Hongkong waren so viele Erinnerungen wieder wach geworden; die Gemälde und der Zierrat aus dem Haus in Dartmouth waren dort gewesen, und sie hatten ein oder zwei Freunde besucht – dadurch war eine Vertrautheit zwischen ihnen entstanden, die die Situation ein wenig entkrampft hatte, sodass Fliss ihre Scheu Miles gegenüber recht schnell verloren hatte. Sie hatten sogar viel Spaß miteinander gehabt, und Fliss hatte sich an die frühe Zeit ihrer Ehe erinnert gefühlt, bevor die Zwillinge auf die Welt gekommen waren. Dennoch hatte es gewisse Spannungen gegeben. Bei ihrem ersten Besuch in Hongkong war ihr Miles mit einer liebevollen Einstellung begegnet, als wollte er sagen: »Jetzt siehst du mal, was du alles verpasst, du dummes Mädchen«. Diese Haltung hatte in Fliss die schlimmsten Befürchtungen geweckt. Er hielt sie zwar wirklich für stur und recht töricht, dennoch war ihr bewusst gewesen, dass hinter seinem Gehabe das echte Verlangen lag, sie zu beeindrucken und auf seine Seite zu ziehen. Die überfüllten Straßen und Neonlichter, das geschäftige Treiben, der Lärm und die Gerüche, das Gewimmel im Hafen und die vertrauten, grünen Star-Fähren, die zwischen Kowloon und dem Festland hin- und hertuckerten – all diese Dinge beschworen lebhafte Erinnerungen herauf, aber ...

»Aber das hier ist nicht mein Zuhause«, rief sie gegen Ende ihres ersten Besuchs verzweifelt aus. »Kannst du das nicht verstehen, Miles? Ich passe nicht hierher. Ich würde mich hier fühlen wie ...« Sie suchte nach einem Bild, das er begreifen konnte, und gab es auf. »... wie ein abgetrennter Arm oder ein Bein. Unbehaglich und unbeholfen. Elendig fehl am Platz.«

Er schüttelte den Kopf, lächelte ungeduldig und bestand darauf, dass sie es nur versuchen müsse ...

»Ich habe zwei Jahre lang hier gelebt«, rief sie ihm ins Gedächtnis. »Es ist nicht so, als wüsste ich nicht, wie das Leben hier ist. Ich kritisiere es gar nicht, ich fälle kein Urteil darüber. Es ist nur einfach nichts für mich

Daraufhin wurde er mürrisch – sie bemerkte, dass er mehr denn je trank – und warf ihr Undankbarkeit und Egoismus vor. Sie erinnerte ihn daran, dass er diesen Job nicht zwangsläufig hätte annehmen müssen, ohne sich mit ihr zu besprechen oder an die Zwillinge zu denken. Bei der Erwähnung von Jamie und Bess wurde Miles’ Gesicht vollkommen ausdruckslos, und Fliss verspürte wieder diese alte, scharfe Verzweiflung. Sie kämpfte gegen den Drang an, das Ganze einfach aufzugeben, und schlug vor, dass sie mit den Zwillingen zu Weihnachten zurückkommen würde. Miles’ Miene hellte sich ein wenig auf, zweifellos hoffte er im Stillen, dass die Kinder sich vielleicht in Hongkong verlieben und sich auf seine Seite schlagen würden.

Die elfjährigen Zwillinge waren bei Fliss’ Heimkehr Feuer und Flamme für den Plan gewesen – zum einen, weil sie ihren Vater wiedersehen würden, zum anderen, weil es eine Rückkehr an den Ort ihrer Geburt sein würde ...

Fliss rutschte auf der Bank hin und her und schauderte ein wenig in der kühlen Abendluft, als sie an diese Zeit zurückdachte. Welcher sechste Sinn hatte in Jamie und Bess den Verdacht geweckt, dass sie manipuliert wurden? War es die ungewohnte Freundlichkeit ihres Vaters ihnen gegenüber gewesen, seine seltsame Beflissenheit, sie zu unterhalten und sie zu beeindrucken, die sie vorsichtig gemacht hatte? Zuerst fühlten sie sich geschmeichelt, dann waren sie verwirrt; ihre ursprüngliche Begeisterung verblasste nach und nach zu einer höflichen, gehorsamen Duldung seiner schwärmerischen Ergüsse. Diese Einstellung seiner Kinder irritierte Miles, und die alten Feindseligkeiten flammten erneut auf, bis er den Zwillingen schließlich wieder mit der gewohnten Gleichgültigkeit gegenübertrat. Seither hatten sie ihren Vater nur zweimal flüchtig gesehen, als er für ein paar Tage nach London geflogen war. Miles hatte sich geweigert, nach The Keep zu kommen, und die Begegnungen im Hotel waren ziemlich angespannt verlaufen, obwohl sie sich alle die größte Mühe gegeben hatten, so zu tun, als wären sie noch immer eine richtige Familie.

Ich kann ihm eigentlich keinen Vorwurf machen, dass er sich mit Diana eingelassen hat, dachte Fliss. Wir alle haben auf die eine oder andere Weise seinen Stolz verletzt. Er wäre vielleicht viel glücklicher mit ihr – aber es war trotzdem ein gewisser Schock.

Jetzt fragte sie sich, ob ihre Antwort auf sein Ultimatum nicht von vornherein festgestanden hatte und ob Diana nicht bereits darauf wartete, in ihre, Fliss’, Fußstapfen zu treten. Schließlich hatte sie Miles wenig Hoffnung auf eine Versöhnung gelassen. Diese letzten Tage in London waren beinahe demütigend gewesen. Miles war auf eine schroffe, betont fröhliche Art und Weise freundlich gewesen, er hatte ihr den Arm oder die Schulter getätschelt, wie es früher seine Gewohnheit gewesen war, und er hatte sie mit einer seltsamen Mischung aus Toleranz und Ungeduld behandelt. Wieder einmal weigerte er sich, nach Devon zu fahren, und ließ keinen Zweifel daran, dass er jetzt, da die beiden Jahre vorüber waren, hergekommen war, um ihre Antwort zu hören, und nicht, um mit müßigen Freundlichkeiten ihrer Verwandtschaft gegenüber seine Zeit zu vergeuden. Er war nicht in Stimmung für weitere Verzögerungen und versuchte gar nicht, sich vorsichtig an das Thema heranzutasten. Es demütigte sie zutiefst, dass er von ihr erwartete, ein oder zwei Stunden nach ihrem Eintreffen bereits das Bett mit ihm zu teilen – obwohl sie das in Hongkong durchaus getan hatte –, und sie begriff endlich, dass er ein anderer geworden war, aber inwiefern?

Fliss zog die Knie auf die Bank und schlang die Arme um beide Beine. Jetzt, da sie darüber nachdachte, fand sie, dass Miles ein Fremder für sie geworden war. Er erschien ihr wie ein ferner und recht schwieriger Verwandter; wie ein Onkel vielleicht, den man kaum kannte? Dennoch war es merkwürdig, dass er ihr in London weniger vertraut erschien als in Hongkong. Seine leicht brutale, beinahe belustigte Art, an die körperliche Seite ihrer Beziehung heranzugehen, hatte sie schockiert, und außer Stande, eine Vertraulichkeit zu heucheln, die ihr so offensichtlich abhanden gekommen war, hatte sie ihm erklärt, dass sie zumindest in der ersten Nacht bei ihrer Cousine bleiben würde, bei Kit, Hals Zwillingsschwester, die in Hampstead lebte. Miles hatte ihre Reaktion mit einem Schulterzucken abgetan, das so viel besagte wie: »Na ja, etwas anderes habe ich gar nicht erwartet«, und hatte sie ohne weiteres ziehen lassen. Sie hatte sich wie ein Schulmädchen gefühlt – aber das zumindest war in ihrer Beziehung nichts Neues –, und sie war ihrer Cousine mit einer Erleichterung, die an Hysterie grenzte, in die Arme gefallen. Überrascht von diesem Gefühlsausbruch ihrer sonst so zurückhaltenden Cousine, schenkte Kit ihr einen großen Drink ein und drückte sie in einen Sessel, um sie ins Kreuzverhör zu nehmen. Ausnahmsweise einmal kapitulierte Fliss’ angeborene Neigung, sich wie eine Auster in sich selbst zurückzuziehen, vor Kits unverhohlener Sorge und Zuneigung, und sie beantwortete ihre Fragen mit beinahe verheerender Freimütigkeit.

»Vielleicht«, überlegte Kit schließlich laut, »vielleicht hast du unbewusst darauf gewartet, dass er nachgeben würde, verstehst du? Dass er vorschlagen würde, nach England zurückzukommen und sich hier einen Job zu suchen, damit ihr alle wieder zusammen sein könnt?« Sie sah Bestürzung in der Miene ihrer Cousine und zog die Augenbrauen hoch. »Andererseits aber«, murmelte sie trocken, »ist das vielleicht auch eine Schnapsidee von mir.«

»Es fühlt sich diesmal einfach so anders an«, erwiderte Fliss, der die richtigen Worte fehlten, leise.

»Natürlich tut es das, Cousinchen«, antwortete Kit geduldig. »Das liegt daran, dass die Zeit der Entscheidung gekommen ist. Die Uhr deiner Freiheit ist gerade abgelaufen, Schätzchen.«

Keine der beiden Frauen hatte an diesem Abend Hal erwähnt.

Als Fliss schließlich ihren ganzen Mut zusammengenommen und Miles erklärt hatte, dass ihre Antwort »Nein« lauten müsse, hatte er sich geweigert, diese Entscheidung zu akzeptieren, und erklärt, dass er noch vierzehn Tage in London bleiben würde, bevor er nach Hongkong zurückkehrte, und dass er am Ende dieser Frist noch einmal mit ihr sprechen würde. Verwirrt von seiner Reaktion und verärgert über seine Sturheit, hatte Fliss den Zug zurück in den Westen genommen, verfolgt von dem quälenden Gefühl, dass sie das alles noch einmal würde durchmachen müssen, bestürmt von den vertrauten Dämonen, die da Schuld und Selbstzweifel hießen. Während der ganzen Fahrt hatte sie dann versucht, ihre wahren Gefühle für Miles zu analysieren ...

Jemand rief ihren Namen. Plötzlich fiel Licht durch die Flurfenster und projizierte helle Rechtecke mit schwarzen Gittern dazwischen auf den gepflasterten Fußweg. Fliss rappelte sich mit steifen Gliedern hoch und ging eilig ins Haus.

2

Miles lag auf seinem Bett und lauschte den Geräuschen Londons, die von draußen durch das Fenster seines Hotelzimmers drangen. Ein Glas mit reichlich Whisky darin stand in bequemer Reichweite. Die Arme hinterm Kopf verschränkt, die Beine übereinander gelegt, starrte er zu der wenig inspirierenden Decke hinauf und fluchte von Zeit zu Zeit leise vor sich hin. Er hatte ein gewaltiges Glücksspiel gewagt, dass sich nicht ausgezahlt hatte, und jetzt versuchte er zu entscheiden, wie er aus dieser ziemlich aussichtslosen Situation noch das Beste machen konnte. Warum war er nur so dumm gewesen, bei Fliss einen Bluff zu wagen und ihre Eifersucht zu erregen, um sie dazu zu bringen, am Ende doch noch nachzugeben? Er erinnerte sich gut an ihren kühlen Blick, der wie kaltes Wasser über Diana geflossen war: diesen winzigen, beinahe verächtlichen Blick, als die ältere Frau sich ihm gegenüber so vertraulich gegeben hatte; das kaum wahrnehmbare gleichgültige Schulterzucken, als er angedeutet hatte, dass er sich zu dieser nicht mehr jungen Witwe hingezogen fühlte. Ihre Reaktion hatte ihn in gleichem Maße beschämt und erzürnt, und doch hatte irgendein böser Dämon ihn dazu getrieben, noch weiterzugehen – wobei Diana ihn ermutigt hatte –, um bei Fliss eine deutlichere Reaktion zu provozieren. Was, so überlegte er jetzt, hatte ihn nur auf den Gedanken gebracht, ein Ultimatum würde vielleicht das Wunder wirken, auf das er hoffte?

Mit einem lauten Stöhnen dachte er daran, wie Fliss ihm erklärt hatte, dass ihre Antwort »Nein« lauten müsse. Schließlich richtete er sich im Bett auf, rückte sich die Kissen zurecht, sodass sie seinen Rücken stützten, und griff nach dem Glas. Trotz ihrer Abneigung gegen Hongkong beziehungsweise ihrer Weigerung, auf Dauer fern von ihrem eigenen Land und ihrer Familie zu leben, hatte er das Gefühl, dass Fliss ihm immer noch sehr zugetan war. Während der beiden letzten Jahre hatte es immer wieder Gelegenheiten gegeben, da sie in die vertraute Kameradschaft von früher zurückgefallen waren. Fliss hatte dann spontan nach seiner Hand gegriffen, ihn mit der ihr eigenen, ganz besonderen Wärme angelächelt und auf eine sehr frauliche Weise kleine Dinge für ihn getan, die zu seinem Wohlbehagen und seinem Glück beitrugen. Miles biss die Zähne zusammen. Er konnte sie nicht gehen lassen. Er würde das nicht zulassen. Jene Zähigkeit, die so typisch für ihn war, weigerte sich schlichtweg, sich ein Szenario auszumalen, das ihren Verlust einschloss. Seine Liebe zu Fliss stand nicht infrage, hatte nie infrage gestanden, trotz ihres Vorwurfs, dass er sie nicht genug liebte, um den Job in Hongkong aufzugeben. Wie gut er sich an die Szene in dem Haus in Above Town erinnerte! Wie sehr Fliss der alten Mrs. Chadwick ähnelte: selbstherrlich, unzugänglich, entschlossen. Es war das erste Mal in vierzehn Ehejahren gewesen, dass sie sich ihm offen widersetzt hatte. Oh, es hatte Augenblicke gegeben, in denen sie ... Miles rief sich scharf zur Ordnung – er hätte um ein Haar das Wort »ungehorsam« benutzt. Während er nachdenklich an seinem Whisky nippte, gestand er sich ein, sie oft von oben herab behandelt zu haben. Sie war so viel jünger als er, dass es richtig zu sein schien, auf sie Acht zu geben, sie vor jeder Sorge zu schützen. Es war nur natürlich, dass er wusste, was das Beste war. Die Geburt der Zwillinge hatte Sand ins Getriebe ihrer engen Beziehung und ihrer Freiheit gestreut, und er war bereit zu akzeptieren, dass es möglicherweise taktlos, ja sogar kränkend gewesen war, sich gar so offen auf die Zeit zu freuen, wenn die Kinder erwachsen sein würden und er und Fliss ein neues gemeinsames Leben beginnen konnten. Zugegeben, vielleicht war es unrealistisch von ihm gewesen, von Fliss die gleiche Einstellung zu erwarten. Dazu liebte sie Jamie und Bess viel zu sehr, und sie hatte es offensichtlich genossen, sie aufwachsen zu sehen. Trotzdem war es eine unleugbare Tatsache, dass viele Männer keine geborenen Väter waren und es ihnen schwer fiel, ehrliches Interesse für kleine Kinder aufzubringen. Das war keine Schande. Er hatte versucht, sich diese Gleichgültigkeit – welch ein unschönes Wort, doch ihm fiel auf Anhieb kein passenderes ein – nicht anmerken zu lassen, hatte sich bemüht, keine Situationen heraufzubeschwören, in denen Fliss zwischen ihm und den Zwillingen wählen musste, obwohl sie, als es um den Job in Hongkong gegangen war, keinen Zweifel daran gelassen hatte, wem ihre Loyalität galt ... Miles biss sich auf die Unterlippe und fragte sich, ob sich da nicht Groll in seine rückblickende Betrachtung ihrer Beziehung schlich.

Während er das Glas auf dem Bauch balancierte und die Beine wieder übereinander schlug, gab er sich große Mühe, seine Ehe aufrichtig Revue passieren zu lassen. Es hatte Augenblicke des Zweifels gegeben ... Er zuckte im Geiste die Schultern und verteidigte sich. Nun, das war in Ordnung. Gewiss erlebte jeder verheiratete Mensch, wenn er absolut ehrlich war, hie und da einen Moment der Unsicherheit. Der Punkt war, dass er, Miles, nie aufgehört hatte, Fliss zu lieben. Er war bereit zuzugeben, dass sie ihn gelegentlich verärgert hatte, dass es ihm lieber gewesen wäre, sie hätte ein wenig mehr aus ihren natürlichen Reizen gemacht ... Plötzlich sah er noch einmal Fliss und Diana nebeneinander stehen. Fliss, noch keine vierzig, schlank, natürlich, schlicht, leger; Diana, bis auf das letzte gefärbte Haar und den letzten lackierten Fingernagel eiserne Selbstbeherrschung, eifrig, wachsam, bereit, jederzeit aktiv zu werden. Er verschloss die Augen vor seiner eigenen Verlegenheit. Was für ein Narr er gewesen war. Aber egal! Das alles konnte man vergessen, konnte es beiseite schieben. Schließlich hatte nicht viel dahinter gesteckt, und das Gerede von Heirat war ein reiner Bluff gewesen. Wenn Diana diesbezüglich irgendwelche Hoffnungen hegte, so hatte er sie ganz sicher nicht darin ermutigt. Nein, das alles konnte man getrost vergessen. Der Punkt war: Was sollte er jetzt tun?

Ihm kam der Gedanke, dass Fliss während dieser letzten beiden Jahre erwachsen geworden war. Die Auseinandersetzung und ihre Weigerung zuzulassen, dass er weiterhin ihr Leben beherrschte, hatten den Wendepunkt dargestellt. Er durchforstete seine Erinnerung und versuchte sich darauf zu besinnen, ob es vor dem Streit um den Job in Hongkong schon irgendwelche ernsthaften Anzeichen einer Rebellion gegeben hatte. Hatte er Fliss während dieser vierzehn Jahre wirklich Raum gegeben, um zu wachsen? Sie war so jung gewesen, so zauberhaft und verletzlich, als er sie damals in Dartmouth kennen gelernt hatte, als er Hals Führungsoffizier gewesen war. Wie alt war sie damals gewesen – achtzehn, neunzehn? Ihm kam es so vor, als hätte sie sich niemals verändert, wie eine Fliege im Bernstein war sie eingefroren in seinem ersten romantischen Bild von ihr. Nachdem er einen weiteren Schluck Whisky getrunken hatte, durchlebte er noch einmal das Gefühl des Jubels, das ihn durchströmt hatte, als sie ihn damals endlich angerufen hatte, nach fünf Jahren des Wartens und der Hoffnung, dass sie eines Tages etwas anderes in ihm sehen könnte als einen Freund. Sie habe sich plötzlich einsam gefühlt, hatte sie gesagt, sie habe Angst vor dem Wochenende und brauche jemanden zum Reden ... Noch heute hatte er keine Ahnung, warum sie ihn gewählt hatte und nicht ein anderes Mitglied des so eng verbundenen Chadwick-Clans.

Miles schluckte das unvertraute Gefühl sentimentaler Tränen herunter, stellte sein Glas auf den Nachttisch und griff nach dem Telefon. Er wusste jetzt genau, was er tun musste, um die lange Belagerung zu beginnen, mit der er sie vielleicht zurückgewinnen konnte. Und wenn es noch einmal fünf Jahre dauerte, er würde es aussitzen. Er hatte es einmal getan; er konnte es wieder tun.

Der Garten war erfüllt von den Geräuschen des frühen Sommers; ein unsichtbares Gurren und Summen, ein raschelndes Gemurmel stiller Aktivität. Rex, der Golden Retriever, hatte sich vor dem nachmittäglichen Sonnenschein in den Schatten unter den riesigen Zweigen der Rhododendren geflüchtet. Ein dichter Vorhang prächtiger Blüten, die ihrer alljährlichen, atemberaubenden, vielfarbigen Schönheit entgegenstrebten, säumte den Rasen und verbarg den Küchengarten, der dahinter lag. Ausgestreckt auf der trockenen, nackten Erde unter den Rhododendren, nahm Rex von all dieser Schönheit nichts wahr. Die Nase auf die Pfoten gebettet, beobachtete er die Gruppe auf dem Rasen – insbesondere Podger.

Es war ein friedliches Bild. Fliss lag da, als wäre sie auf der Karodecke festgewachsen, Arme und Beine entspannt von sich gestreckt, das Gesicht dem goldenen Sonnenlicht zugewandt. Reglos, aber wachsam lauschte sie ihrer Tante Prue, die vor dem Kräuterbeet kniete und mit einem besonders hartnäckigen Hahnenfuß kämpfte, der seine Wurzeln in aller Heimlichkeit tief in den Boden gesenkt hatte. Prue wusste, dass Freddy in ihrem Garten niemals eine solche Anarchie zugelassen hätte, aber Prue – deren Gärtner-Leidenschaft erst spät im Leben erwacht war – besaß weder die Skrupellosigkeit noch die bedingungslose Hingabe ihrer Ehrfurcht gebietenden verstorbenen Schwiegermutter, die mehr als sechzig Jahre hier auf The Keep gelebt hatte, die meisten davon als Witwe. Prue selbst war jetzt seit über vierzig Jahren verwitwet, und wie Freddy hatte sie ihre Zwillinge allein großziehen müssen.

Prue, die in Bezug auf Fliss’ Vernarrtheit in Hal mit Freddy gemeinsame Sache gemacht hatte, kämpfte, soweit es Fliss betraf, mit Schuldgefühlen. Während sie tief in der Erde nach den Wurzeln des Hahnenfußes forschte, überlegte sie, welchen Rat Freddy ihrer Enkelin in dieser Situation wohl gegeben hätte. In gewisser Weise war Fliss Freddy sehr ähnlich, und Prue, eine umgängliche, sanfte und übermäßig großzügig veranlagte Frau, zögerte, ihr zu raten. Sie wusste um ihre eigenen Unzulänglichkeiten, ganz zu schweigen von ihren Leistungen, wenn es um kluge Urteile ging. Aber trotzdem war ihr klar, dass sie diesmal sprechen musste. Gerade jetzt war ein günstiger Augenblick dafür: Caroline buk einen Kuchen für den Tee, und Theo hatte sich in seinem Arbeitszimmer verbarrikadiert. Nur Podger, Fliss’ Nichte, war bei ihnen, und da sie noch keine vier Jahre alt war, stand zu bezweifeln, dass sie alt genug war, um sich für Fliss’ Dilemma zu interessieren. Prue legte den Pflanzenheber auf die Wiese, griff nach den widerborstigen, erdverkrusteten Tentakeln und bereitete sich innerlich auf das vor ihr liegende Gespräch vor. Gleichzeitig rief sie sich in Erinnerung, dass Fliss das Thema von sich aus vor kurzer Zeit angesprochen hatte.

»Mir ist klar, dass es ganz falsch ist, sich da einzumischen«, begann Prue ziemlich atemlos, wohlwissend, dass sie genau das gerade tun wollte, »aber ich muss einfach sagen, was ich denke: Ich finde, die Tatsache, dass Miles sich weigert, ein Nein als Antwort zu akzeptieren, zeigt, dass er dich immer noch liebt ... Nein, nicht diesen Pflanzenheber, Podger. Siehst du, wie scharf die Kanten sind? Wo ist denn diese schöne kleine Forke, die wir für dich gekauft haben? Ah, da ist sie ja. Das ist besser. Braves Mädchen ... Das heißt nicht, Fliss, dass ich finde, du solltest nach Hongkong gehen – ich denke, in diesem Punkt hat Miles sich sehr schlecht benommen –, aber vielleicht wäre er jetzt bereit, sich etwas flexibler zu zeigen. Oh, Fliss, ich möchte nur, dass du dir absolut sicher bist ...«

Podger hockte sich hin und wickelte sich nachdenklich das Haar um den Finger, während sie ihre Großtante Prue betrachtete. Sie hatte ihre eigene kleine Plastikforke verächtlich beiseite geworfen und wartete jetzt auf eine neue Gelegenheit, sich das größere, schwerere Werkzeug zu schnappen, das kurz zuvor im Blumenbeet zu überaus befriedigenden Ergebnissen geführt hatte. Sie hatte ein ziemlich tiefes Loch in der weichen Erde zu Stande gebracht, in dem sie Rex’ Ball vergraben hatte, und jetzt hatte sie sich entschlossen, ein paar Sandkuchen zu backen. In der Zwischenzeit war sie damit zufrieden, hier in der warmen Sonne zu sitzen und ein Auge auf Rex zu haben, der jetzt aus seiner Zuflucht unter den Rhododendren hervorgekommen war und mit wedelndem Schwanz auf dem Rasen nach seinem Ball suchte. Müßig lauschte sie auf das Gespräch, das an ihr vorüberzog. Nach Mummy liebte sie Tante Prue am allermeisten, und sie konnte sehen, dass sie heute irgendwie anders war ... Podger runzelte die Stirn und lutschte nachdenklich am Daumen. Aus irgendeinem Grund musste sie heute Nachmittag, wann immer sie Tante Prue ansah, an Mrs. Tittlemouse denken.

»›Tiddly, widdly, widdly, Mrs. Tittlemouse‹«, murmelte sie, ohne den Daumen aus dem Mund zu nehmen, und Tante Prue strahlte sie an; einen Augenblick lang vergaß sie ihre Sorgen und zog Podger kurz an sich.

»Ja, Schätzchen. Nach dem Tee erzählen wir eine Geschichte, ja? Du darfst sie dir aussuchen ... Glaub ja nicht, ich könnte mir nicht vorstellen, was du empfindest, Fliss, aber die Liebe ist so ein überaus kostbares Gut. Ach, herrje.« Prue hockte sich hin und strich sich das weiche, graue Haar aus der Stirn. An ihren Händen klebte Erde und hinterließ einen Fleck auf ihrer Wange. »Ich habe Caroline versprochen, dass ich mich nicht einmischen würde.«

Fliss, die flach auf der karierten Decke lag, streckte sich beinahe genüsslich.

»Mir wäre es lieber, du würdest sagen, was du denkst«, murmelte sie. Dann drehte sie sich langsam auf die Seite und legte das Gesicht auf die verschränkten Arme. »Schließlich ist es kein Geheimnis.«

»Nun denn.« Prue ließ erleichtert von der hartnäckigen Hahnenfußwurzel ab und setzte sich auf die Decke neben Fliss. »Ich weiß, dass ich als Eheberaterin keine Qualifikationen aufweise, aber ... oh, Flissy, Liebes, überleg es dir gut, ob du dich von Miles scheiden lassen willst. Es ist ein so gewaltiger Schritt, und es ist nicht einfach, allein zu sein, ohne einen Mann. Ich weiß, du hast uns alle, und wir alle lieben dich, aber das ist nicht dasselbe. Es ist wahrscheinlich altmodisch zu sagen, dass Frauen einen Mann brauchen, doch ich glaube, es ist die Wahrheit.«

»Caroline scheint recht gut ohne ausgekommen zu sein«, erwiderte Fliss leise, »ganz zu schweigen von Großmutter. Und von dir, wenn ich es recht bedenke.«

Prue setzte sich bequemer hin, und Podger, die sah, dass die beiden Frauen ganz in ihr Gespräch vertieft waren, griff verstohlen nach dem Pflanzenheber. Sie schob ihn hinter sich und heftete dabei einen arglosen Blick auf ihre älteren Verwandten, damit sie sich nicht plötzlich ihrer erinnerten.

»Ich wusste, dass du das sagen würdest.« Prue fand an diesem Gespräch inzwischen beinahe Gefallen. »Aber es ist nicht ganz dasselbe. Caroline war nie verheiratet, hatte niemals Kinder, und Freddy hat sich mehr oder weniger vor dem Rest der Welt abgeschottet. Natürlich gehörte sie zu einer anderen Generation. Es war nicht immer leicht, eine neue Ehe einzugehen.«

»Aber du hast es doch auch nicht getan«, protestierte Fliss. »Ich meine, du hast nicht wieder geheiratet. Nun ja, da war natürlich Tony, aber ...«

»Ich habe Johnny so schrecklich vermisst.« Bei der Erinnerung an ihren Mann trat tiefer Schmerz in Prues Augen. »Ich dachte eine Zeit lang, Tony könne seinen Platz einnehmen, doch es hat einfach nicht funktioniert. Als er mich verließ, war es fast eine Erleichterung für mich.«

»Aber ich dachte, du hättest gesagt, Frauen brauchen einen Mann.«

»Das tun sie auch.« Prue hielt inne, um Ordnung in ihre verworrenen Gedanken zu bringen. »Was ich dir zu erklären versuche, ist Folgendes: Wenn zwischen euch noch Liebe ist, solltest du diese Liebe nicht sterben lassen. Erst recht nicht, wenn Kinder betroffen sind. Zwischen mir und Tony gab es keine echte Liebe. Johnny war meine erste und einzige Liebe, und kein anderer Mann konnte je ganz an ihn heranreichen. Es war falsch von mir, Tony zu heiraten, obwohl ich John noch immer liebte, auch wenn er tot war. Tony war immer zweite Wahl.«

Sie brach ab, denn sie musste an Fliss’ Liebe zu Hal denken. War auch ihre erste Liebe ihre einzige Liebe gewesen? War Miles nur der Zweitbeste gewesen? Ein langes Schweigen folgte. Hals Schatten lag so deutlich zwischen ihnen, als stünde er bei ihnen auf dem Rasen. Dort, inmitten der Geräusche des Sommernachmittags, sah Prue der Tatsache ins Auge, dass sie sich davor fürchtete, Fliss’ Freiheit könne Hal einen sehr guten Grund liefern, aus seiner eigenen kränkelnden Ehe auszubrechen, sich von Maria, seiner ermüdenden und eigensüchtigen Frau, scheiden zu lassen. Prue wollte nicht, dass es so weit kam. Natürlich wünschte sie ihrem Sohn alles Glück der Welt, doch da waren die Jungen zu bedenken, Jolyon und Edward, ganz zu schweigen von Hals Karriere als Marineoffizier ...

Nach einer Weile griff Prue nach Fliss’ Hand und drückte sie fest. »Verzeih mir«, bat sie demütig. »Carolines Rat war gut. Ich habe kein Recht, mich einzumischen. Wir alle haben auf die eine oder andere Weise unsere Vorurteile.«

Fliss erwiderte den Händedruck der älteren Frau voller Dankbarkeit. »Es ist schon gut. Ehrlich, du versuchst nur, mir zu helfen. Ich wünschte, ich wüsste, was ich tun soll. Ich drehe mich ständig im Kreis. Jedes Mal, wenn ich mich für irgendetwas entscheide, sehe ich einen anderen Aspekt der Dinge, und alles fängt wieder von vorne an.«

Podger spürte, dass die Aufmerksamkeit der beiden Frauen um gänzlich andere Dinge kreiste, und nutzte die Gelegenheit, um aufzustehen, den Pflanzenheber unbeholfen hinter dem Rücken versteckt. Ohne die beiden auf der Decke aus den Augen zu lassen, schob sie sich vorsichtig rückwärts davon.

»Lass dich nicht von ihm einschüchtern«, rief Prue unglücklich. »Lass dir Zeit zum Nachdenken.«

Fliss begann zu lachen. »Ich hatte zwei Jahre, um nachzudenken«, rief sie ihrer Tante ins Gedächtnis. »Das Problem ist, dass ich im Grunde genau das überhaupt nicht getan habe. Ich habe die Entscheidung bis zum allerletzten Moment hinausgezögert. Um ehrlich zu sein, ich habe Todesangst.«

Bevor Prue antworten konnte, erklang vom Hof her ein fröhliches Hupen, und eine Wagentür wurde zugeschlagen. »Susanna«, rief sie beinahe erleichtert. »Fred braucht sicher eine Tasse Tee. Also, wo um alles in der Welt ist Podger abgeblieben, und was um Himmels willen sucht Rex im Blumenbeet?«

Sie rappelte sich hoch, schimpfte nachsichtig mit Rex und rief nach Podger. Fliss, die sich langsamer erhoben hatte, überquerte den Rasen, um ihre Schwester zu begrüßen. Kurz darauf erschien Caroline an der Terrassentür.

»Oh, da seid ihr ja«, stellte sie fest. »Susanna und Fred sind gerade angekommen. Der Tee steht in der Halle bereit, und ich bin davon überzeugt, dass Podgers Hände dringend gewaschen werden müssen. Schenk du doch schon einmal allen ein, ja, Flissy, Liebes ...?«

Wenige Sekunden später lag der Garten verlassen im nachmittäglichen Sonnenschein. Rex, der Prues Schelte ruhig hingenommen und seinen erdverkrusteten Ball wieder gefunden hatte, war zu seinem Platz unter den Rhododendren zurückgekehrt. Während er dort lag und sich die Erde von den Pfoten leckte, kam ihm der Gedanke, dass es in der Halle Kuchen und Scones zum Tee geben würde. Versonnen grübelte er über diesen Umstand nach. Podgers Hang zu Schelmereien bescherte ihm häufig Probleme, und die Vergeltungsmaßnahmen der Erwachsenen führten im Allgemeinen dazu, dass der wahre Schuldige ein schlechtes Gewissen bekam und sich mit Opfergaben bei ihm, Rex, entschuldigte. Heute würde Podger vielleicht ein besonders schlechtes Gewissen haben. Also erhob sich Rex, tappte zum Wintergarten hinüber, drückte mit der Schulter die halb geöffnete Tür auf und ging weiter in den Innenhof. Nur Podger sah ihn in die Halle kommen. Sie brach ein großzügiges Stück von dem Rosinenbrötchen auf ihrem Teller ab und ließ es unauffällig neben sich zu Boden fallen. Rex legte sich dicht zu ihren Füßen hin, und als er ihre kleine Hand auf seinem Kopf spürte, stieß er einen zufriedenen Seufzer aus und begann zu fressen.

3

Und liebst du ihn immer noch?«, fragte Susanna neugierig. Sie besah sich das Foto, das die Zwillinge mit ihrem Vater zeigte, und stellte es dann auf den Sekretär zurück, um den Blick durch das Wohnzimmer im ersten Stock wandern zu lassen, das einst Großmutters privates Reich gewesen war. »Ich kann sie immer noch hier vor mir sehen, du nicht auch? Wie sie da sitzt und Briefe schreibt oder sich irgendein Konzert im Radio anhört.« Erleichtert, dass Susanna von ihrer ersten Frage abgelenkt war, sah sich Fliss ebenfalls um.

»Am Anfang hat es mich ganz schön aus dem Gleichgewicht gebracht«, gab sie zu. »Aber Onkel Theo und Prue haben ja so energisch darauf bestanden, dass ihre Räume benutzt werden sollten. Zunächst erschien es mir wie eine Art Sakrileg, doch dann fand ich es sehr bald überaus tröstlich. Es war so wichtig für mich, nach Hause kommen zu können, als Miles nach Hongkong gegangen war ...«

Sie zögerte und fragte sich, ob Susanna sich wohl an ihre frühere Nachfrage erinnern würde, aber ihre jüngere Schwester war mit ihren Gedanken in der Vergangenheit, und ihr Gespräch über Miles war darüber in Vergessenheit geraten. Fliss beobachtete sie. Auch hochschwanger besaß Sooz noch immer die Eigenschaften, die sie als Kind gekennzeichnet hatten: Sie war positiv, fröhlich, ungeheuer vital und besaß dabei dennoch eine tiefe innere Gelassenheit. Jetzt sah sie nachdenklich vor sich hin, ihr kinnlanges, glänzendes, dunkles Haar hatte sie sich nachlässig hinter die Ohren geschoben, und ihre nackten Arme und Beine waren bereits sonnengebräunt.

»Es lag einfach daran«, fuhr Susanna nun fort, »dass sie uns die Mutter ersetzen musste. Es muss ein schrecklicher Schock für sie gewesen sein, nicht wahr? Nicht nur zu erfahren, dass Mummy, Daddy und Jamie einen so schrecklichen Tod gefunden hatten, sondern plötzlich auch noch uns drei am Hals zu haben. Allzu jung kann sie damals immerhin nicht gewesen sein.«

»Sie war über sechzig.« Fliss ließ sich auf dem Fenstersitz nieder. »Und du warst noch keine zwei, und dann war da noch Mole, der durch den Schock das Sprechen verlernt hatte ...« Sie verfiel in Schweigen bei der Erinnerung an jene schrecklichen Wochen der Angst und an die anschließende Erleichterung, wieder auf The Keep zu sein und sich sicher fühlen zu können. »Natürlich waren Ellen und Fox einfach wunderbar. Hast du eigentlich irgendwas von all dem in Erinnerung behalten, Sooz?«

Ihre Schwester ließ sich mit einem Seufzer in einen der tiefen, behaglichen Armsessel sinken.

»Eigentlich nicht«, antwortete sie. »Ich versuche, mich an sie zu erinnern – du weißt schon, an Mummy, Daddy und Jamie –, aber ich weiß nicht, wie viel davon echte Erinnerung ist und wie viel sich auf die Dinge gründet, die man mir erzählt hat. Ich bin von uns dreien im Grunde am besten davongekommen. Dies hier war meine Kindheit. Hier bei Großmutter, Ellen und Fox, die sich um uns gekümmert haben, und natürlich bei Onkel Theo. Erst später, als ich aufs College ging, wurde mir klar, dass meine Kindheit nicht ganz so verlaufen war wie die meiner Kommilitonen. Eine Weile hat mich das ziemlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Irgendjemand sagte mal, unser Leben hier sei ein Anachronismus, weil wir von Großmutters Generation erzogen worden sind, und es war mir schrecklich, nicht normal zu sein.«

Fliss schnaubte verächtlich. »Was ist denn normal?«

»Ich frage mich trotzdem manchmal, ob wir nicht als Familie ein bisschen seltsam sind«, beharrte Susanna. »Die Chadwicks scheinen sich sehr gut darauf zu verstehen, allein zu leben, nicht wahr? Nun ja, nicht allein, nur eben ohne Partner. Großmutter, Onkel Theo, Mole, Kit, Prue. Selbst du scheinst während der letzten beiden Jahre absolut glücklich gewesen zu sein.«

»Prue hat vorhin etwas ganz Ähnliches gesagt.« Fliss schob sich die Ärmel ihrer blauen Jeansbluse über die Ellbogen und schlang sich das blonde Haar zu einem lockeren Knoten im Nacken. »Du und Gus, ihr seid anscheinend das einzige glücklich verheiratete Paar in der ganzen Familie. Da hast du’s also. Du bist doch normal.«

»Mir fällt auf, dass du Hal und Maria nicht mitzählst«, bemerkte Susanna scheinbar gleichgültig. »Es war wunderbar, als Hal in Devonport stationiert war, findest du nicht auch? Was für ein Jammer, dass Maria nicht hierher ziehen will, obwohl ich natürlich verstehe, dass sie in Edwards Nähe sein möchte, solange er noch so jung ist. Vielleicht erlaubt sie ihm ja jetzt, ins Internat zu gehen, nachdem er sich eingelebt hat. Es muss doch zwei Jahre her sein, dass er dort angefangen hat, oder?«

»Zwei Jahre«, stimmte Fliss zu. »Die Probezeit hat er hinter sich. Er ist jetzt ordentliches Mitglied des Chors, und alle sind begeistert.«

Susanna schob sich ein Kissen ins Kreuz. »Auch Jolyon?«

»Auch Jolyon«, bekräftigte Fliss entschieden. »Jolyon war nie eifersüchtig auf seinen Bruder, das weißt du doch. Er ist ein Schatz.«

»Oh, Jo ist in Ordnung«, stimmte Susanna beiläufig zu. »Aber all die Aufmerksamkeit, die seinem kleinen Bruder zuteil wird, muss ihm doch manchmal gegen den Strich gehen. Ich freue mich ja so darüber, dass er in Herongate mit Bess wirklich glücklich ist. Mir schien es immer ein wenig hart, dass er ins Internat geschickt wurde, damit Maria nach Salisbury ziehen konnte, um sich um Edward zu kümmern.«

»Es war schwierig, es allen recht zu machen«, bemerkte Fliss nach kurzem Bedenken. »Aber das Stipendium war eine zu große Chance, um es auszuschlagen, und am Ende hat doch alles gut funktioniert.«

»Ich hätte allerdings gedacht, dass Maria ein wenig häufiger herkommen würde, da Hal doch immer hier war, wenn das Schiff im Hafen lag, und Jo mit den Zwillingen über die Ferien nach Hause kam. Aber wie dem auch sei, sie ist die Frau eines Marinesoldaten und muss an Trennungen gewöhnt sein.«

»Ich glaube, sie haben das Beste für beide Kinder getan.« Fliss gab sich alle Mühe, gelassen zu klingen. »Hal hat seinen Urlaub jedes Mal in Salisbury verbracht. Nur wenn das Schiff bloß ein paar Tage im Hafen lag, ist er hier geblieben. Schließlich ist er der Kapitän. Er musste sowieso oft in Hafennähe bleiben. Für Prue war es natürlich herrlich, ihn hier zu haben, sodass sie ihn verwöhnen konnte, ohne Maria gegen sich aufzubringen.«

Susanna kicherte. »Sie ist eine richtige Glucke. Es war eine schöne Zeit, nicht wahr? Vor allem, als Moles U-Boot auch noch in Devonport stationiert war. Janie schwebte im siebten Himmel. Als Mole nach Northwood versetzt wurde, war der Jammer dann riesengroß.«

»Es wäre wunderbar, wenn er und Janie sich zusammenraufen würden«, gab Fliss zu. »Aber ich kann es mir nicht vorstellen. Nicht nach all dieser Zeit. Er kennt sie schließlich schon seit Jahren, seit du im College warst.«

»Er kann sich nicht dazu überwinden, eine Bindung einzugehen.« Susanna runzelte leicht die Stirn. »Das alles hat seine Wurzeln in der Sache in Kenia. Er hat eine Heidenangst, dass den Menschen, die er liebt, etwas Schreckliches zustoßen könnte, wenn er nicht da ist, um sie zu beschützen. Es ist immer ganz furchtbar für ihn, wenn ich schwanger bin, weil ich bei der Geburt sterben könnte, und er macht sich Sorgen um die Kinder, weil sie so verletzlich sind. Es ist wirklich seltsam, dass er zur U-Boot-Flotte gegangen ist. Man sollte meinen, er hätte sich einen sicheren Job gesucht, nicht wahr?«

»Ich glaube, das Problem ist vielschichtiger. Ohne unsere Familientragödie wäre er wahrscheinlich ein ganz normaler junger Mann geworden. Aber der gewaltsame Tod unserer Eltern und Jamies hat ihm die Zerbrechlichkeit des Lebens bewusst gemacht, und zwar, als er noch viel zu jung war, um mit so etwas fertig werden zu können. Es geht ihm heute schon so viel besser als früher, doch der Schatten ist immer noch da. Er muss ständig darum kämpfen, diesen Schatten unter Kontrolle zu halten. Die Männer der Chadwicks waren stets bei der Marine, und es war schrecklich wichtig für ihn zu beweisen, dass auch er dazu im Stande ist. Wie dem auch sei, ich glaube nicht, dass er in Janie verliebt ist. Er hat sie sehr gern, aber Mole wird schon eine große Leidenschaft brauchen, um seine Angst zu überwinden.«

»Ich weiß.« Susanna seufzte bedauernd und zuckte dann die Schultern. »Es wäre einfach so ungemein bequem, abgesehen von allem anderen – ich meine, dass sie mit Gus zusammenarbeitet und so ein guter Kamerad ist, aber ich fürchte, du hast Recht. Es hat keinen Sinn, nur aus Bequemlichkeitsgründen zu heiraten. Und da wir gerade beim Thema sind ...«

»Sollten wir nicht besser runtergehen und mal sehen, was die Kinder so treiben?« Fliss warf einen Blick auf ihre Armbanduhr, stand auf und hielt ihrer Schwester die Hand hin.

»Ich bin durchaus im Stande, einen Wink mit dem Zaunpfahl zu verstehen«, erwiderte Susanna friedfertig und ließ sich dann von Fliss hochziehen. »Ich dachte nur, du würdest vielleicht darüber reden wollen.«

»Das will ich eigentlich auch«, gestand Fliss. »Aber wenn ich damit anfange, gerate ich nur immer mehr durcheinander. Weißt du, was ich meine?«

»Ich denke schon.« Gemeinsam schlenderten sie in den Flur hinaus. »Das Problem ist, wir möchten alle unseren Senf dazugeben, und dabei brauchst du lediglich jemanden, der dir bestätigt, was du selbst darüber denkst.«

»Wenn ich nur wüsste, was das ist«, murmelte Fliss. »Wie auch immer, kümmer dich nicht darum. Ich hoffe, es wird wieder ein Mädchen, das da bei dir unterwegs ist, Sooz. Diese neue Generation von Mädchen ist ohnehin schon zahlenmäßig unterlegen – auf ein Mädchen kommen zwei Jungen.«

»Ob ich mit einer weiteren Podger fertig würde?«, überlegte Susanna laut. »Was für ein ernüchternder Gedanke! Ah, hm. Ich muss die Kinder nach Hause und ins Bett bringen und Gus etwas zum Abendessen zubereiten. Höre ich da jemanden singen?«

»So könnte man es nennen.«

Mehrere Stimmen – Podgers Quieken und Freds heiseres Brummen vermischten sich mit Prues hellem, hübschem Sopran – wehten aus der Halle herauf, und die beiden Frauen gingen die Treppe hinunter, um sich zu den anderen zu gesellen.

Als Fliss später am Abend mit Rex hinter The Keep spazieren ging, hallte Susannas Frage in ihrem Kopf nach. »Und liebst du ihn immer noch?« Lange Schatten, indigoblau und purpurn, fielen über den Hügel, und zwei Krähen flatterten mit gleichnamigem ruderndem Flügelschlag heimwärts. Die Sonne versank sanft in einer Armada verwehter, dauniger Wolken, die von Westen heranzogen, und plötzlich strömte ein warmes, strahlendes, betörendes Gold an ihren flauschigen Rändern entlang und durchtränkte sie mit Farbe. Fliss, die sich Carolines wattierte Jacke vom Haken an der Hintertür genommen hatte, schob die Arme in die Ärmel und seufzte vor Behagen. Sie hatte den Sonnenuntergang schon unzählige Male von diesem Hügel aus beobachtet, aber das prachtvolle, in stetiger Veränderung begriffene Bild schlug sie Jahr um Jahr, Monat um Monat immer wieder aufs Neue in seinen Bann. Dies war ihr Zuhause, diese uralte Hügelfestung, wo ihre Vorfahren aus dem Granit des alten Forts The Keep erbaut hatten; dies war der Ort, an den sie gehörte. Jetzt, da es zu spät war, wusste sie, dass sie Miles niemals hätte heiraten dürfen – dass ihre Hinwendung zu ihm eine Reaktion auf die Neuigkeit von Hals Verlobung gewesen war –, aber was im Rückblick so klar zu erkennen war, war ihr damals ganz anders erschienen. »Und liebst du ihn immer noch?«

Fliss schob die Hände tief in die Taschen und folgte Rex zum Fluss hinunter. Die Frage sollte wohl eher lauten: »Hast du ihn jemals geliebt?« Instinktiv schreckte sie davor zurück zuzugeben, dass sie ohne Liebe geheiratet hatte – und außerdem, wäre es wirklich die Wahrheit? Sie liebte Miles nicht so, wie sie Hal liebte, doch es gab viele verschiedene Arten von Liebe, und wer wollte sagen, dass die eine Art nicht genauso gut von Erfolg gekrönt sein konnte wie die andere? Sie hatte Miles geliebt – oh, nicht mit der überwältigenden Leidenschaft, die sie für Hal empfunden hatte, aber mit einer sehr viel sanfteren, ruhigeren Liebe. Miles war stark, tröstlich und entschlossen gewesen, und sie hatte sich an ihn gelehnt und war dankbar für seinen Schutz gewesen. Seine Liebe hatte ihr gestattet, ihren Stolz zu bewahren. Damals war das das Einzige gewesen, was gezählt hatte. »Und liebst du ihn immer noch?«

Das war es, was jetzt zählte. Wenn Hal frei gewesen wäre, wenn keine Kinder in die Sache verwickelt wären, dann wäre ihr die Entscheidung leichter gefallen, das wusste Fliss. Ihre eigenen Kinder würden wahrscheinlich nicht allzu sehr unter einer Scheidung von Miles leiden. Zu spät hatte sie begriffen, dass Kinder nicht Teil seines Plans waren; er war nie im Stande gewesen, sich ihnen wirklich zuzuwenden. Miles war großzügig und streng gewesen, hatte seine Verantwortung ihnen gegenüber erkannt, aber er hatte sie nicht geliebt. Jetzt, nach zwei Jahren der Trennung, wäre es einfach, die Kluft größer werden zu lassen, sodass die endgültige Trennung, soweit es Jamie und Bess betraf, mehr oder weniger schmerzlos sein würde, aber ... Hal war nicht frei, und sie wussten beide, dass Jolyon und Edward furchtbar leiden würden, sollten ihre Eltern sich trennen. Vor allem Jolyon würde es zu spüren bekommen. Er hatte bereitwillig zugestimmt, ins Internat zu gehen – so sehr ihn diese Aussicht auch erschreckt hatte –, sofern es das Leben für seine Mutter und Edward erleichterte und die Familie als solche bestehen blieb. Hal hatte Jolyon damals fest zugesagt, dass die Gefahr einer Scheidung nicht bestand, dass er und Maria einander liebten, dass Jolyon nichts zu befürchten hatte. Hal würde seinem Sohn gegenüber nicht wortbrüchig werden.

Während Fliss den ausgetretenen Viehwegen folgte, die sich den Hügel hinabschlängelten, kämpfte sie das vertraute Gefühl des Grolls nieder. Ihre Cousine Kit, Hals Zwillingsschwester, hatte ihr im Vertrauen erzählt, dass Maria eine Affäre mit einem ehemaligen Freund hatte, dem Juniorpartner ihres Vaters. Das war mit ein Grund, warum sie so bereitwillig wieder nach Salisbury gezogen war, als man Edward das Stipendium an der Schule der Kathedrale angeboten hatte. Das Architektenbüro ihres Vaters lag in Salisbury, wo dieser Adam Wishart inzwischen lebte, und Maria hatte ihre Chancen während dieser letzten beiden Jahre, in denen Hal auf See gewesen war, aufs Beste genutzt. Allerdings wollte Adams Frau nichts von einer Scheidung hören, und Maria hatte nicht die Absicht, Hal zu verlassen, solange nicht ein anderer Beschützer zur Stelle war.

Ich bin deshalb so wütend, weil sie damit durchkommt, dachte Fliss. Sie betrügt Hal, manipuliert die Jungen und kommt ungeschoren davon, während Hal und ich versuchen, uns so zu benehmen, als wären wir nichts weiter als gute Freunde. Es ist widerlich.

»Ihr seid mir doch zwei Idioten«, hatte Kit rundheraus erklärt. »Ich kann einfach nicht glauben, dass ihr nicht die Gelegenheit beim Schopf packt und etwas Dampf ablasst. Oh, mir ist natürlich klar, dass es unmöglich auf The Keep passieren könnte, wo Ma und Onkel Theo überall herumwuseln – ziemlich nervenaufreibend, da gebe ich dir Recht. Aber warum kommt ihr nicht hierher? Die gute alte Sin verbringt neuerdings den größten Teil ihrer Zeit unten bei Andrew, und ich könnte mich mal für ein Wochenende verziehen. Du brauchst nur ein Wort zu sagen. Ehrlich, Schätzchen, es ist verrückt. Jeder weiß, wenn Großmutter und Ma damals nicht ihren Senf dazugegeben hätten, wärst du längst mit Hal zusammen. Ihr habt euch jahrelang geliebt. Na schön, ich kenne all diese Geschichten über Vetter und Cousine, die komische Kinder bekommen, und ich weiß, dass unsere Väter eineiige Zwillinge waren, aber das spielt doch heute keine Rolle mehr. Du und Hal, ihr werdet jetzt ja keine weiteren Kinder wollen. Also, was hält dich davon ab, dir ein paar Stunden Glück zu gönnen?«

»Ich habe Onkel Theo ein Versprechen gegeben«, hatte Fliss gemurmelt – und Kit hatte vor Verzweiflung den Kopf geschüttelt und mit einem Ausdruck der Ungläubigkeit die Augen verdreht.

»Ich fasse es einfach nicht«, hatte sie gerufen, weil sie sah, dass ihre Bemühungen, ihrem Bruder und ihrer Cousine zu helfen, zum Scheitern verurteilt waren. »Wir leben in den Achtzigerjahren, oder sind mir da vielleicht zwei oder drei Jahrzehnte irgendwie abhanden gekommen?«

»Für dich ist das etwas ganz anderes.« Fliss hatte versucht, sich zu verteidigen. »Prue war nie so streng zu dir, wie Großmutter es mit uns war. Du bist ein Kind deiner Generation, ein Kind der Sechziger. Du tust, was dir gefällt. Ich hinke wahrscheinlich tatsächlich drei Jahrzehnte hinter dir her, aber ich kann nun mal nicht dagegen an. Außerdem geht es Hal genauso. Er hat Jo versprochen, dass Maria und er zusammenbleiben. Ich denke, wir beide spüren, dass es gefährlich wäre, auch nur für einen einzigen Nachmittag all diese Dinge zu vergessen. Wenn wir erst einmal anfangen, ist es vielleicht keinem von uns beiden mehr möglich, einen Schlussstrich zu ziehen.«

»Ganz wie du meinst, aber schieb nicht mir die Schuld in die Schuhe, wenn es eines Tages mal ›Bumm‹ macht und ihr beide geplatzt seid«, brummte Kit. »Außerdem, was für ein masochistischer Bastard hat eigentlich die Liebe erfunden? Für uns Chadwicks ist sie jedenfalls eine Art schrecklicher Krankheit, hab ich nicht Recht? Wir kriegen diese Krankheit einmal, dann sind wir für den Rest unseres Lebens immun dagegen. Nur leider kommen wir über diesen einen ersten Schmerz nicht hinweg.«

»Und liebst du ihn immer noch?«

Während Fliss nun am Fluss stand und die Mücken in ihrem ewigen, schimmernden Zwielichttanz über dem schnell strömenden Wasser beobachtete, fragte sie sich, ob Kit nicht vielleicht Recht gehabt hatte. In welchem Fall sich eine neue Frage stellte: War es vernünftig, wenn sie, Fliss, auch nur darüber nachdachte, es eventuell noch einmal mit Miles zu versuchen? War es ihm gegenüber fair? Oder ihr gegenüber? Wenn man Hal mal ganz außen vor ließ (falls das möglich war), was wäre das Richtige für Miles, sie selbst und ihre Kinder?

Rex rieb sich an ihrem Bein und legte ihr einen durchweichten, tropfnassen Stock zu Füßen. Die Ohren gespitzt und mit wedelndem Schwanz, musterte er den Stock, dann blickte er zu Fliss auf, wobei ihm die Zunge voller Erwartung aus dem Maul hing.

»Na schön«, meinte sie. »Los gehts. Passt du auch auf?«

Sie warf den Stock, so weit sie konnte – in Richtung des Wäldchens –, und folgte dem davonjagenden Rex dann langsam. So viele Erinnerungen knüpften sich an diesen Hügel, den Fluss, der sich durch das Tal unten in Richtung See schlängelte, und das Wäldchen mit den hohen Bäumen und seinem düsteren, rätselhaften Innenleben; Erinnerungen, die eine Zeitspanne von dreißig Jahren umfassten. Eines stand jedenfalls fest: Sie konnte sich nicht dauerhaft in Hongkong niederlassen. Nein, in diesem Punkt musste sie fest bleiben. Sie hatte Miles ihre Antwort gegeben, und sie musste dazu stehen.

Eine Stimme, die nach ihr rief, mühte sich, den Hügel zu überwinden, und als Fliss sich umdrehte, um zum Haus zurückzublicken, sah sie Caroline winkend auf sich zukommen. Fliss winkte zurück, und ein unerwarteter Stich der Angst bemächtigte sich ihrer. Es gab keinen Grund zu glauben, Caroline sei nicht nur hergekommen, um ihr ein wenig Gesellschaft zu leisten, wie sie es manchmal tat, aber noch während Fliss sich all das vor Augen führte, eilte sie auch schon, ohne zu überlegen, den Pfad hinauf und Caroline entgegen; alle möglichen Ängste kreisten in ihrem Kopf. War mit den Zwillingen alles in Ordnung? Oder war es Onkel Theo? Oder Hal ...?

»Was ist passiert?«, fragte sie atemlos, als sie auf dem schmalen Weg voreinander standen. »Tut mir Leid.« Sie versuchte, ihre Panik wegzulachen. »Einen winzigen Augenblick lang dachte ich ...« Sie starrte Caroline an. »Was ist passiert?«

»Nichts Schlimmes«, beschwichtigte Caroline sie schnell. »Natürlich nicht. Tut mir Leid, ich wollte dir keinen Schrecken einjagen. Es ist nur etwas merkwürdig, das ist alles. Miles hat gerade angerufen und bittet darum, dass du ihn zurückrufst.«

»Das geht in Ordnung«, erwiderte Fliss und entspannte sich. Miles war weniger erschreckend als diese kurzen Fantasiebilder. »Ich dachte mir so etwas schon. Ich habe beinahe damit gerechnet.«

»Ja«, sagte Caroline, während sie weiter den Pfad hinaufstiegen; Rex bildete das hechelnde Schlusslicht. »Ja, ich hatte da auch schon so eine Ahnung. Aber das Seltsame ist, dass er sich nicht länger in London aufhält. Es scheint, als wäre er nach Dartmouth gefahren, und er hofft, dass du dorthin kommst.«

4

Miles, der in seinem Zimmer im »Royal Castle Hotel« lag, wachte plötzlich auf. Er blieb ganz still liegen, besah sich die Muster, die die Sonne auf die Wand zeichnete, und lauschte dem Geschrei der Möwen. Es war seltsam, wieder in Dartmouth zu sein, aber nicht in dem engen Haus in Above Town, das ihm mehr als zwanzig Jahre gehört hatte. Die Aufregung krampfte ihm den Magen zusammen. Heute würde er sie sehen; heute würde er von neuem anfangen. Diese Aufregung, durchmischt mit Nervosität und Optimismus, verwirrte ihn. Er fühlte sich etwa so wie vor zwei Jahren, als er von dem Job in Hongkong erfahren hatte, aber damals waren diese Gefühle untrennbar verbunden gewesen mit der Herausforderung einer neuen Karriere nach fünfundzwanzigjähriger Laufbahn bei der Marine. Um fair zu sein, rief er sich ins Gedächtnis, hatte er darin gleichzeitig den Anfang eines neuen Lebens für sich selbst und Fliss gesehen, doch jetzt wurde ihm klar, dass er zu viele Dinge für selbstverständlich gehalten hatte. Er war davon ausgegangen, dass sie beide einfach da wieder anfangen würden, wo sie bei der Geburt der Zwillinge aufgehört hatten. Er hatte nicht einkalkuliert, dass Fliss sich verändert haben könnte, dass sie möglicherweise andere Bedürfnisse hatte; er hatte erwartet, dass sie sich genauso sehr darüber freuen würde wie er selbst und bereit war, ihn in seiner neuen Rolle zu unterstützen. Wie wütend er gewesen war, als sie sein Recht hinterfragt hatte, Entscheidungen zu treffen, die sie gemeinsam betrafen, ohne sich mit ihr zu besprechen; wie verletzt er gewesen war, als sie sich geweigert hatte, die Zukunft im selben Licht zu sehen wie er; wie schockiert er gewesen war, als sie beschloss, ihn nicht zu begleiten, und stattdessen eine zweijährige Auszeit vorgeschlagen hatte. Es entsprach der Wahrheit, dass er eine Stellung innerhalb des Vereinigten Königreichs hätte finden können, aber er war so besessen von den Plänen für seine neue Karriere gewesen, dass er keine Alternativen in Betracht gezogen hatte. Fliss war seine Frau, und ihr Platz war an seiner Seite. Seine Wut und sein Groll machten es ihm unmöglich nachzugeben, obwohl er insgeheim bis zum letzten Augenblick gehofft hatte, dass sie einlenken würde. Aber selbst dann noch und trotz des Schmerzes, sie zurücklassen zu müssen, hatte die Aussicht auf dieses neue Leben seinen Kummer gedämpft. Es war jedoch nur eine Frage von Monaten gewesen, bis er an sie geschrieben und sie gebeten hatte, ihn zu besuchen. Um ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, musste er zugeben, dass sie stets bereit gewesen war, unverzüglich auf seinen Wunsch zu reagieren. Er versuchte, sich daran zu erinnern, was er während ihrer kurzen Besuche in Hongkong in den vergangenen zwei Jahren empfunden hatte. Seine Reaktion war damals eine andere gewesen: Erregung, ja, aber überlagert von dem beruhigenden Bewusstsein seiner eigenen Wichtigkeit. Das konnte er jetzt zugeben.

Unbewusst habe ich versucht, sie einzuschüchtern, um sie zum Nachgeben zu bewegen, dachte er. Ich wollte ihre Sinne benebeln mit dem, was ich erreicht hatte, und mit dem großartigen Leben, das wir zusammen dort draußen hätten haben können. Ich habe immer geglaubt, dass sie früher oder später einlenken und zu mir kommen würde.

Miles schob die Bettdecke zurück und blieb einen Augenblick lang gähnend auf der Bettkante sitzen. Trotz seiner fünfundfünfzig Jahre hatte er nichts von seiner breitschultrigen, untersetzten Stärke eingebüßt, und obwohl das zerzauste braune Haar reichlich graue Strähnen aufwies, verliehen sein scharfer Blick und die Autorität seiner Ausstrahlung seinem Aussehen eine gewisse Jugendlichkeit. Nichts von all dem interessierte ihn jedoch auch nur im Mindesten. Miles war nicht der Mann, der seine Zeit mit Überlegungen verschwendete, auf welche Weise er seine körperlichen Vorzüge am besten in Szene setzen konnte. Seine ganze Willenskraft konzentrierte sich darauf, die vor ihm liegenden Schwierigkeiten zu meistern: Seine Gedanken huschten hin und her, hielten Ausschau nach Schwächen und Stärken und wogen verschiedene Strategien ab. Fliss, das wusste er, würde sich von nichts Geringerem überzeugen lassen als von einem echten Gesinnungswechsel und einer radikalen Neueinschätzung der Situation. Während der letzten Tage in London hatte er ausgiebig und gründlich nachgedacht und versucht, so ehrlich wie nur möglich zu sein, und er hatte Selbstrechtfertigungen und Selbstmitleid zu Gunsten der Wahrheit beiseite geschoben. Es war eine schmerzliche und demütigende Angelegenheit gewesen – und er hatte noch immer einen sehr weiten Weg vor sich –, doch er arbeitete daran. Seine Ehe stand auf dem Spiel, und Fliss’ Reaktion hatte ihn so sehr schockiert, dass er endlich aus jahrelanger Selbstgefälligkeit aufgewacht war.

Miles erhob sich und tappte zu dem Kaffeeautomaten hinüber, nicht ohne das Dahinscheiden des guten, altmodischen Zimmerservices zu bedauern und voller Abneigung die üblichen verschiedenen Milchersatzpülverchen zu begutachten. Da er seinen Kaffee stets schwarz trank, war diese Untersuchung lediglich eine Angewohnheit, eine rebellische Geste gegen das Absinken des Niveaus, aber er tat gern so als ob, während er das Kaffeetütchen aufriss und das Instantpulver in die Tasse schüttete. Während er darauf wartete, dass das Wasser im Kessel kochte, trat er ans Fenster und blickte auf die Stadt hinaus.

Es war Ebbe. Im Yachthafen lagen die kleinen Boote unordentlich auf dem hellen, weichen Schlamm, verloren und nutzlos, bis das Wasser zurückkam. Auf der Mauer über ihnen putzte sich ein Schwan mit klobig geschwellter Brust auf einwärts gekehrten Schwimmfüßen. Auch er wartete auf die Leben schenkende Flut. Vor einer Ladentür, wo sich aus hängenden Körben leuchtende Blumen ergossen, stand ein Mädchen auf einer Trittleiter und bewässerte die Pflanzen mit einer Gießkanne. Schon bald würden die Bewohner des Städtchens ihren alltäglichen Aufgaben nachkommen; sie würden einen Bogen um die Touristen machen, die müßig auf den Gehsteigen standen, sie würden an ihnen vorbeieilen, während sie durch schmale, mittelalterliche Straßen schlenderten. Als die junge Frau ein paar Worte mit einer Freundin tauschte, wurde Miles mit einem Gefühl des Erschreckens bewusst, dass man auch ihn für einen Touristen halten konnte, und es überraschte ihn, wie sehr er sich wünschte, hier akzeptiert zu werden und in diese Stadt zu gehören, in der all seine Wurzeln – soweit er welche besaß – lagen. Am Rande wurde ihm klar, dass Fliss auf ähnliche Weise an The Keep hing, dass sie an ihrem eigenen kleinen Teil von Devon festhielt, und in seiner neuen, schmerzlichen Demut ließ er es zu, dass ihm diese Erkenntnis nahe ging.

Hinter ihm kochte das Wasser, und er bereitete sich einen Kaffee zu, ging dann mit der Tasse zum Fenster zurück und sah zu, wie die Stadt unter ihm zum Leben erwachte. Plötzlich hatte er das starke Verlangen, dort draußen zu sein, am Ufer entlangzuspazieren und die weiche, warme Brise auf dem Gesicht zu spüren. Nachdem er seine Armbanduhr zwischen seinen anderen Habseligkeiten auf dem Nachttisch hervorgekramt hatte, sah er, dass noch Zeit für einen kurzen Spaziergang vor dem Frühstück blieb. Während er schluckweise von der heißen, schwarzen Flüssigkeit trank, zerrte er aus dem Kleiderschrank und der kleinen Truhe einige Kleidungsstücke heraus und warf sie aufs Bett. Dann blickte er ein letztes Mal zum Fluss hinunter, stellte die leere Tasse auf das Tablett und verschwand in der Dusche.

Die Bar war leer, als Fliss die Tür öffnete und hineinspähte. Es überraschte und ärgerte sie gleichzeitig, dass ihre Hand auf dem Türknauf ein wenig zitterte, und sie blieb einen Augenblick reglos stehen und schluckte ihre Nervosität herunter. Es war jene stille Stunde zwischen dem Aufbruch säumiger Mittagsgäste und dem Erscheinen der Gäste, die zum Tee kamen, und es herrschte eine Atmosphäre der Trägheit, als legten die Angestellten in einem anderen Raum die Füße hoch und überließen das Hotel vorübergehend sich selbst. Als Fliss’ Augen sich an die schummrige Beleuchtung gewöhnt hatten – ein ziemlicher Schock nach dem grellen Licht des sonnigen Nachmittags –, sah sie, dass doch jemand hinter der Theke stand, am anderen Ende des Raums, wo sich der Kaffeeautomat befand. Sie zögerte, denn irgendwie widerstrebte es ihr zu fragen, ob jemand eine Nachricht für sie hinterlassen habe. Es war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass Miles nicht da sein könnte, um sie zu empfangen, und sie argwöhnte sofort, dies könne trotz seiner versöhnlichen Worte eine neuerliche Machtprobe sein. Vielleicht hoffte er, dass ihr am Ende nichts anderes übrig bleiben würde, als nach oben in sein Zimmer zu kommen.

Fliss drehte sich auf dem Absatz um, riss die Tür auf und prallte im Hinauseilen mit Miles zusammen, der im Laufschritt in die Bar zurückkehrte.

»Entschuldige«, stieß er atemlos hervor. »Es tut mir Leid, wirklich. Ich bin Jeff Burns über den Weg gelaufen. Ich hatte keine Ahnung, dass er jetzt am College ist, und ich bin einfach nicht weggekommen.« Er sah ihr ins Gesicht, und da er ihre Miene richtig deutete, schob er sie in die Bar zurück, damit sie nicht die Flucht ergriff und verschwand. »Bitte. Sei nicht wütend. Ich bin nur weggegangen, weil der Kellner versuchte, um mich herum zu putzen, und dann bin ich Jeff direkt in die Arme gelaufen. Er hörte einfach nicht auf zu reden. Ich dachte schon, ich würde ihn ohnmächtig schlagen müssen, um wegzukommen.«

Er sah so unglücklich aus, so gar nicht wie der Miles, den sie kannte, dass sie lachen musste, wenn auch gegen ihren Willen. Seine Erleichterung war unverkennbar, und er fiel in ihr Gelächter ein, wobei er sie immer noch am Handgelenk festhielt und sie so daran hinderte, sich von ihm zu entfernen. Aus Verlegenheit über die seltsame Mischung von Zärtlichkeit und Furcht in seinen Zügen wandte sie den Blick ab, und er ließ sie hastig los und sah sich um.

»Um diese Tageszeit ist es hier so still wie auf einem Friedhof«, bemerkte er. »Deshalb habe ich diesen Treffpunkt vorgeschlagen. Ich hatte das Gefühl, dass wir uns auf neutralem Boden begegnen sollten. Tee?«

»Ja.« Sie machte sich an dem Riemen ihrer Tasche zu schaffen, um Miles nicht noch einmal ansehen zu müssen. »Ja, bitte.«

»Ich weiß nicht genau, wie das hier gehandhabt wird.« Er klimperte mit den losen Münzen in der Tasche seiner Cordhose und blickte zur Theke hinüber. »Ein Scone vielleicht? Oder ein Sahnetörtchen?«

»Nein.« Sie schüttelte hastig den Kopf. »Nein, danke. Tee wäre wunderbar.«

Er wandte sich ab und schlenderte an der Theke entlang, und sie sah sich um und überlegte, an welchem Tisch sie am ehesten ungestört sein würden. Dann setzte sie sich ans Fenster und beobachtete die Passanten, bis Miles zurückkam und ihr gegenüber Platz nahm.

»Also ...«

Wieder brachte sein forschender Blick sie aus dem Gleichgewicht, doch diesmal sah sie ihn direkt an und zog die Augenbrauen ein wenig in die Höhe.

»Danke, dass du gekommen bist, Fliss. Es tut gut, dich zu sehen.«

Im Kopf formulierte sie verschiedene Sätze, formulierte sie um und entschied sich am Ende für die direkte Methode.

»Ich bin mir nicht ganz sicher, worum es hier eigentlich geht.« Sie bemühte sich um einen leichten, freundschaftlichen Tonfall. »Ich habe meine Meinung nämlich nicht geändert.«

»Davon bin ich überzeugt. Mir ist klar, dass es keinen Grund gibt, warum du das tun solltest, aber ich wollte trotzdem mit dir reden. Um dir zu sagen, dass ich seit unserer letzten Begegnung viel nachgedacht habe.«

Sie wartete ab und lehnte sich auf dem gepolsterten Stuhl zurück, denn sie wollte nicht auf diese Bemerkung eingehen. Miles runzelte die Stirn und sammelte seine Gedanken, und sie verspürte flüchtig Mitleid mit ihm.

»Das Problem ist«, fuhr er fort und sah sie mit einem kläglichen, ängstlichen Blick an, »mir ist inzwischen bewusst geworden, dass ich im Laufe der Jahre ziemlich anmaßend gewesen bin.«

Daraufhin brach sie in ein spontanes und aufrichtiges Gelächter aus, und er beobachtete sie lächelnd.

»Oh, Miles«, erwiderte sie kopfschüttelnd, »also ehrlich ...«

»Ich weiß.« Er war durchaus bereit, sich selbst auf die Schippe zu nehmen. »Es hat ja lange genug gedauert, was? Aber ich kann da nicht viel machen, außer dir zu versichern, dass es mir Leid tut. Nein, nein«, unterbrach er sich, da er ihr kleines Stirnrunzeln richtig gedeutet hatte. »Ich weiß, dass die Sache nicht annähernd so einfach ist. Das hier ist nur der Anfang. Als du damals in London Nein gesagt hast, ist mir klar geworden, dass ich nie wirklich akzeptiert hatte, dass du mich tatsächlich verlassen wolltest. Nicht tief innerlich. In meiner Arroganz habe ich geglaubt, du würdest zu mir zurückkehren. Es waren zwei seltsame Jahre, während ich mich da draußen in meinen Job eingearbeitet und Boden unter den Füßen gewonnen habe. Die Sache hat sich nicht allzu sehr von einem Auslandsposten in der Marine unterschieden, und ich konnte mir ohne große Mühe einreden, dass wir nach Ablauf der beiden Jahre wieder zusammen sein würden.«

»Wobei sich das Ganze durchaus in einem Punkt von einem Marinejob unterschied«, wandte Fliss leise ein, während er Atem holte, »wenn es nämlich ein Posten bei der Marine gewesen wäre, wärst du anschließend nach Hause zurückgekehrt. Du wärest nicht dort geblieben.«

»Das ist mir bewusst.« Der Kellner kam mit dem Tee, und Miles lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und wartete, bis sie wieder allein waren. »Das ist absolut richtig.« Als der Kellner sich zurückgezogen hatte und Fliss nach der Teekanne griff, beugte Miles sich vor und fuhr eindringlich zu sprechen fort: »Also, wie würde deine Antwort lauten, wenn das jetzt der Fall wäre?«

Sie sah ihn verwirrt an und ließ für den Augenblick von Tassen und Untertassen ab. »Wie meinst du das?«

Er zuckte die Schultern. »Nur so. Wenn es hier nicht um einen Marineposten ginge und ich nach Hause kommen würde, wie würdest du dazu stehen?«

Da sie hinter seiner Frage eine Art Falle witterte, runzelte sie ungeduldig die Stirn. »Aber so ist es nicht. Was hat es für einen Sinn, über hypothetische Situationen nachzudenken?«

»Ich versuche herauszufinden, ob du eine Abneigung gegen Hongkong hast oder gegen mich. Verstehst du?«

»Ich denke schon.« Sie begann, den Tee einzuschenken. »Aber es ist nichtsdestotrotz irrelevant, nicht wahr?«

»Es könnte relevant sein.«

Während sie ihm die Teetasse reichte, musste sie ein leises Zittern der Furcht unterdrücken. »Wie das?«

Er ließ mehrere Zuckerwürfel in die weiße Porzellantasse fallen und rührte langsam den Tee um, den Blick auf die dampfende Flüssigkeit gerichtet.

»Erinnerst du dich an den Tag, an dem du mich aus deiner Schule in Gloucestershire angerufen hast? Du warst einsam. Weißt du noch? Ich bin hingefahren, habe dich hierher zurückgebracht, und wir hatten ein wunderschönes Wochenende zusammen ...«

»Tu das nicht, Miles«, entgegnete sie wütend. Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und drückte die Schultern durch. »Das ist nicht fair. Ich werde mich nicht von sentimentalen Erinnerungen hinreißen lassen. Was zählt, sind Taten. Entschuldigungen und Versprechungen bedeuten nichts, wenn ihnen keine Taten folgen. Oh, ich weiß, das ist eine wunderbar altmodische Feststellung, nicht wahr? Wie sie meiner viktorianischen Großmutter würdig gewesen wäre? Vielleicht ist es so, aber das sind eben meine Empfindungen ...«

»Bitte.« Er schüttelte den Kopf. »Einen Augenblick mal. Ich versuche nicht, dich zu beschwatzen. Ich möchte nur, dass wir das ganze Bild im Auge behalten. Von Anfang an war es mein Wunsch, dich zu beschützen – und was könnte in dieser modernen Welt viktorianischer sein als das? –, und du hast mir den Eindruck vermittelt, dass du das akzeptierst. Nein, warte, ich versuche nicht, mein Verhalten zu rechtfertigen, ich möchte lediglich herausfinden, an welcher Stelle alles schief gegangen ist. Ich begreife jetzt, dass ich dir nicht genug Raum gelassen habe, um erwachsen zu werden. Ich habe den Zwillingen gegrollt, weil sie sich zwischen uns gestellt haben, und mir ist inzwischen klar, dass ich einfach darauf gewartet habe, dass die Zeit vergeht und ich die Fäden wieder aufnehmen kann. Ich habe dir gestern Abend am Telefon erzählt, dass ich viel nachgedacht habe, Fliss. Ja, reichlich spät, und ich kann nur hoffen, dass es noch nicht zu spät ist.«

Fliss beobachtete ihn und versuchte, ihn zu durchschauen. Sie wollte sich nicht von ihm beeindrucken lassen.

»Also, welche Schlussfolgerungen ziehst du daraus?«, fragte sie schließlich und hasste sich für ihre kühle Teilnahmslosigkeit; gleichzeitig hatte sie furchtbare Angst, dass er sie in die Knie zwingen würde, indem er an den allgegenwärtigen Dämon der Schuldgefühle appellierte.

Er seufzte, lächelte sie an und strich ihr mit dem Finger über den Handrücken.

»Du hattest Recht mit deinem Vorwurf, dass ich dich nicht genug liebe«, bekannte er sanft. »Ich wollte partout nach Hongkong gehen, und ich habe dafür unsere Ehe aufs Spiel gesetzt. Ich darf nicht hoffen, dass du vielleicht verstehst, wie ich mich gefühlt habe. Nach all den Jahren bei der Marine habe ich wahrscheinlich einfach erwartet, dass du deine Sachen packen und mir folgen würdest, nur dass es in diesem Fall eben nicht um die Marine ging. In dem Punkt hattest du absolut Recht. Wenn du einen Seemann heiratest, rechnest du mit Störungen und Trennung, aber ich hätte nicht nach Hongkong gehen müssen. Ich hatte Alternativen, und ich habe mich für Hongkong entschieden statt für dich, nur dass ich es so nicht gesehen habe oder nicht so sehen wollte. Ich habe dich immer geliebt, aber nicht genug, um all meine Pläne über Bord zu werfen und auf die Aussicht auf eine neue Karriere zu verzichten. Aber ich denke, dahinter steckte nur die Tatsache, dass ich niemals geglaubt habe, du würdest mich wirklich verlassen.« Er zuckte mit den Schultern. »Ich bin ein arroganter Mistkerl, Fliss, aber das wusstest du ja schon, nicht wahr?«

Es herrschte Schweigen, bis Fliss die geballten Fäuste, die auf ihrem Schoß lagen, öffnete und sich ein wenig entspannte.

»Ja«, gab sie zu. »Das wusste ich. Aber am Anfang war es wohl das, was ich gebraucht habe. Es ist nicht deine Schuld, dass ich erwachsen geworden bin.«

Er stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, der von Herzen kam.

»Gott segne dich«, sagte er. »Ich habe alle Hinweise übersehen und bin einfach weitergestolpert, der reinste Hans Guck-in-die-Luft, und jetzt stehe ich hier an der Kreuzung, und wo immer ich hinschaue, lese ich: ›Keine Durchgangsstraße‹.«

»Oh, Miles.« Mitleid und Verärgerung rangen miteinander, dann fuhr Fliss fort: »Versuch zu verstehen, dass ich die Zeit nicht zurückdrehen kann. Ich konnte nichts dagegen tun, dass ich erwachsen geworden bin. Selbst wenn ich es wollte – und ich will es nicht –, ich kann nicht an den Punkt zurückkehren, an dem wir vor sechzehn Jahren waren.«

»Das verlange ich auch gar nicht von dir«, versicherte er schnell. »Ich bitte dich nur, noch nicht aufzugeben. Ich habe alles durchdacht. Angenommen, ich arbeite bis zum Ende meines Vertrages und komme dann nach Hause? Ich würde wahrscheinlich zum Londoner Büro überwechseln können. Angenommen, ich könnte das tun, was wäre dann?«

Sie starrte ihn an, zu schockiert, um zu sprechen. Ihr Gesichtsausdruck entlockte ihm ein Lächeln, und er biss sich auf die Unterlippe. Das Schweigen zog sich schmerzhaft in die Länge.

»Nun«, meinte er schließlich in dem Bemühen, locker zu wirken, »das war wohl ein echter Gesprächskiller. Sag mir wenigstens, dass du darüber nachdenken wirst. Bitte?«

»Meinst du das ernst?«

»Absolut ernst. Ich liebe dich, Fliss. Mein Ultimatum war nichts anderes als heiße Luft. Ein weiterer Versuch, dich dazu zu zwingen, zu mir zurückzukehren. Diana bedeutet mir gar nichts. Das war ein überzogener Versuch, dich eifersüchtig zu machen, aber nicht einmal das ist mir gelungen, nicht wahr? Du hast mich lediglich dafür verachtet, und das mit Recht. Bitte, denk wenigstens darüber nach. Es würde weitere Jahre der Trennung bedeuten, aber du könntest mich vielleicht ab und zu besuchen kommen, und dann könnten wir darüber nachdenken, wie es später weitergehen soll. Ich könnte von London aus übers Wochenende herkommen, wenn du in Devon bleiben möchtest, und du könntest fürs Theater und solche Dinge in die Stadt kommen ...«

Miles brach ab und trank den lauwarmen Tee; er fühlte sich plötzlich vollkommen verausgabt, hatte keinen Funken Energie mehr übrig. Fliss verspürte ein jähes Aufflackern von Zuneigung zu ihm, die Sehnsucht, ihm entgegenzukommen, und erstickte diese Regung im Keim. Sie musste Gewissheit haben, dass es ihm absolut ernst war, dass es nicht nur Gerede war, das zu nichts anderem führen würde, als sie in eine Position der Unterwürfigkeit zurückzudrängen.

»Natürlich werde ich darüber nachdenken«, begann sie vorsichtig – und er sah sie mit solcher Freude und Dankbarkeit an, dass es ihr für den Augenblick die Sprache verschlug.

»Gott segne dich«, wiederholte er, »oh, Gott segne dich, mein geliebtes Mädchen. Ich kümmere mich um die Angelegenheiten in Honkong und stelle fest, was sich da machen lässt. Oh, Fliss ...«

Sie erlaubte ihm, ihre Hand zu nehmen und sie an seine Wange zu drücken, aber die ganze Zeit über war ihr fast schwindelig vor Angst, und in ihren Gedanken herrschte wirres Durcheinander. Miles spürte es und zog sich ein wenig zurück, sodass sie Abstand gewinnen konnte. Er versprach ihr, nichts zu überstürzen, und gab ihr Recht, dass sie reichlich Zeit zum Nachdenken brauchte.

Wieder in seinem Zimmer, lief er ans Fenster und sah der aufrechten, schlanken Gestalt nach, wie sie die Straße überquerte und in der Mayor’s Avenue verschwand. Er kämpfte den Drang, in Tränen auszubrechen, nieder, legte die Stirn an das kühle Glas und blickte auf das Bild hinab, das sich ihm dort unten bot. Inzwischen hatte die Flut eingesetzt, und die Boote, die ins Leben zurückgekehrt waren, wiegten sich sanft in ihren Leinen, während der Schwan, elegant und wie verwandelt, feierlich zwischen ihnen hindurchglitt.

5

Oben in seinem Adlerhorst im obersten Stockwerk des Hauses in Hampstead bereitete Clarence Prior das Frühstück zu. Das Haus im South Hill Park war seit Generationen in Familienbesitz und wurde von denjenigen Familienmitgliedern, die auf der Durchreise, zu einem Zahnarzttermin oder einem Theaterbesuch nach London kamen, als Stützpunkt benutzt. Als einige Jahre nach dem Krieg der hochbetagte Prior starb, der dort gewohnt hatte, beschloss die Familie, das Haus umzubauen und mehrere Wohnungen dort einzurichten. Die Wohnung im Erdgeschoss sollte weiter von der Familie benutzt werden können, während man die beiden anderen Stockwerke an Freunde der Familie oder an gleich gesinnte Menschen mit guten Referenzen vermieten wollte. Clarries Vetter Andrew, der derzeitige Eigentümer, benutzte die Wohnung im Erdgeschoss als eine Art Schlupfloch; er kam regelmäßig nach London, um seinen Verpflichtungen in verschiedenen Vorständen nachzukommen, denen er angehörte, oder um in die Oper zu gehen, die er glühend liebte. Die Wohnung im obersten Stockwerk hatte er dann mit Freuden Clarrie angeboten, als dieser Anfang der Sechzigerjahre als Witwer aus Indien zurückgekehrt war, und Clarrie hatte nach einiger Zeit Kit und Sin in den Haushalt eingeführt und vorgeschlagen, die beiden Frauen sollten sich um die Wohnung im ersten Stock bemühen, sobald sie frei würde. Jetzt, neun Jahre später, kam es ihnen vor, als wären sie alle schon seit einer Ewigkeit zusammen.

Die Küche war ein fröhlicher Raum mit einem Fenster, von dem aus man einen Blick auf die verschlungenen Gassen und das Gewirr der Dächer von Hampstead hatte. Clarrie kochte gern und verbrachte den größten Teil seines Lebens in der Küche, sodass in dem großen, quadratischen Raum eine behagliche, geschäftige Atmosphäre herrschte: Bücher standen achtlos aneinander gelehnt auf Regalen und purzelten oft von dem großen Kieferntisch herunter; um einen großen Aschenbecher auf dem Küchentisch schlang sich eine Hundeleine; auf dem Abtropfbrett stand eine Schale mit Trockenfrüchten zum Einweichen neben einem Topf mit Geranien, der auf Wasser wartete. An diesem Sonntagmorgen hatten er und Fozzy, sein Rauhaardackel, bereits den üblichen Spaziergang absolviert, und Fozzy lag zusammengerollt in seinem Korb neben dem Armsessel am Fenster.

Clarrie schlug vorsichtig ein Ei in die Bratpfanne und seufzte schwer. Die vergangenen neun Jahre waren seine glücklichsten gewesen, seit er als junger Ehemann in der indischen Armee gedient hatte. Er hatte seinen Vetter Andrew sehr gern, einen stillen, sanften Mann, der an die unsensible und dominante Margaret gebunden war, eine Frau, die den Pflichten der Mutterschaft ausgewichen war und die Gesellschaft von Tieren vorzog. Clarrie hatte ihr den Spitznamen Memsahib gegeben, denn es missfiel ihm, wie sie Andrew manipulierte und demütigte. Sie kam – zur großen Erleichterung aller – nur selten nach London, da sie lieber in Wiltshire bei ihren Eseln, Hühnern und den beiden betagten Labradorhunden blieb, aber sie hatte klargestellt, dass sie Kit und Sin zutiefst missbilligte. Andrew hatte all seine Fähigkeiten als Friedensstifter in die Waagschale werfen müssen, um ihre Abneigung so weit zu beschwichtigen, dass sie sich mit den beiden Frauen als Mieter abfand. Clarrie verehrte Kit und Sin gleichermaßen. Er hatte mit Sin im Britischen Museum gearbeitet und sie im Laufe der Jahre sehr lieb gewonnen. Als die Wohnung im ersten Stock frei geworden war – zur gleichen Zeit, als er sich aus dem Berufsleben zurückzogen hatte –, hatte er ihr mit Freuden die Möglichkeit gegeben, hier einzuziehen. Kit und er fühlten sich sehr schnell zueinander hingezogen; schon bald nahm sie ihn mit nach The Keep, damit er die anderen Mitglieder der Familie Chadwick kennen lernte. Es war inzwischen nichts Ungewöhnliches mehr für ihn, wenn er Hal oder Mole im Treppenhaus begegnete, wenn diese Termine im Verteidigungsministerium hatten. So selbstsicher und unabhängig er war, genoss Clarrie es sehr, zu diesen Menschen zu gehören, angefangen von dem charmanten, älteren Theo bis hin zu der kleinen, entzückenden Podger, die kurz vor Weihnachten mit Fred, ihrem Bruder, und Susanna, ihrer Mutter, Hausgäste gewesen waren, um eine Vorstellung von Peter Pan zu besuchen.

Es war sowohl für Kit als auch für Clarrie ein Grund zur Freude gewesen, dass sich Andrews und Sins Freundschaft langsam zu einer Liebe ausgewachsen hatte, einer Liebe, die während der beiden letzten Jahre immer stärker geworden war, sodass es den beiden inzwischen fast unmöglich war, eine Trennung voneinander auszuhalten. Nach mehr als dreißig Jahren einer elenden, wenn auch treuen Existenz blühte Andrew auf und verströmte ein von Dankbarkeit erfülltes Glück, das absolut entwaffnend war, während Sin, deren Liebesaffären nie zu etwas Dauerhaftem geführt hatten, so selig war, dass es Kit beinahe erschreckte. Während der letzten Monate war jedoch immer deutlicher geworden, dass sie etwas wegen Margaret unternehmen mussten. Aber was? In ruhigen Augenblicken sah Andrew ein, dass ein Mann von sechzig Jahren, der leidenschaftlich verliebt war, sehr wohl zum Gegenstand des Spottes werden konnte, und er wusste, dass Margaret ihn niemals ernst nehmen würde. Als in sich gekehrter und vorsichtiger Mann schreckte er davor zurück, seine Gefühle ausgerechnet der unsensiblen Margaret zu offenbaren, die als seine Frau der letzte Mensch war, von dem man erwarten konnte, dass sie Mitgefühl für die beiden Liebenden zeigen würde.

»Es ist egal, was sie denkt«, hatte Clarrie ungeduldig festgestellt. »Besser, du erzählst es ihr, als dass sie selbst dahinter kommt. Bring es hinter dich, Mann, und zieh einen Schlussstrich.«

»Aber wir müssen auch ihre Gefühle bedenken«, hatte Andrew erwidert. »Sie ist nicht mehr jung. Das müssen wir berücksichtigen. Wir wollen nicht auf ihre Kosten glücklich sein.«

Clarrie hatte verächtlich in seinen dichten, weißen Schnurbart geprustet.

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