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Stunde der Wahrheit

1. KAPITEL

Laura saß noch immer aufgewühlt am Tisch in Gregors Wohnung. Gerade war Alexander gegangen.

Sie hatte ihn schon wieder angelogen. Aber was hätte sie tun sollen? Alexander hatte das Buch mit den Babynamen gefunden, das Gregor ihr geschenkt hatte, und ihr auf den Kopf zu gesagt, dass sie schwanger sei. Sie hatte ihm weisgemacht, ihre Übelkeit rühre nur von einem Magen-Darm-Infekt her, und behauptet, dass das Buch Helen gehören würde. Die habe es vergessen, nachdem Gregor ihr geholfen habe, einen Namen für ihr Baby zu finden. Das hatte er ihr gerade so abgekauft, obwohl es natürlich schon ein wenig unwahrscheinlich klang, dass die Mutter von Alexanders Kind bei dieser Sache ausgerechnet Lauras Verlobten um Rat fragte. Und plötzlich war da wieder diese Nähe zwischen ihnen gewesen …

Eigentlich müsste ich die Hochzeit absagen, dachte sich Laura bitter, ich belüge den Mann, den ich liebe, weil ich das Kind eines anderen erwarte.

„Sie sind da!“

Laura schreckte hoch. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass Gregor die Wohnung betreten hatte. „Wer?“, fragte sie stirnrunzelnd.

Gregor hielt ein kleines Kästchen in die Höhe. „Wurden heute Morgen geliefert. Ich konnte es kaum abwarten, sie dir zu zeigen.“ Er ließ den Verschluss aufschnappen und sah Laura glücklich an. „Jetzt sag doch was.“

„Sie sind schön.“ Sie starrte auf die Ringe und lächelte gequält, während Gregor nach ihrer Hand griff.

„Der Juwelier hat gesagt, wir sollen sie noch mal probieren.“

„Das bringt Unglück“, murmelte Laura, „vor der Hochzeit.“

Ihr Ring passte im Gegensatz zu seinem wie angegossen. „Wunderschön.“ Gregor küsste ihre Hand.

„Gregor …“

„Du wirst die schönste Braut der Welt sein.“

Laura zwang sich zu einem Lächeln. Endlich bemerkte Gregor, dass etwas nicht stimmte. „Was ist mit dir? Geht’s dir immer noch schlecht?“

„Ich bin nur ein bisschen müde“, antwortete sie leise.

„Willst du dich hinlegen?“

Laura nickte, gab ihm den Ring zurück und ließ sich auf das Sofa sinken. Seufzend legte sie sich hin.

Gregor setzte sich zu ihr und streichelte sanft ihren Bauch. „Na, wie geht’s denn unserem Isidor?“

„Isidor?“ Laura sah ihn gereizt an. Was hatten die Männer nur mit diesem Namen?

„Stand in dem Namensbuch. Isidor ist doch zum Brüllen.“

„Das fand Alexander auch.“ Sie atmete tief durch. „Er war vorhin da und hat sich erkundigt, wie’s mir geht.“

Gregor sah sie erstaunt an. „Und da hast du ihm von dem Baby erzählt.“ Amüsiert fügte er hinzu: „Ich wusste gar nicht, dass Alexander Saalfeld und ich denselben Humor haben. Wie hat er’s denn aufgenommen?“

„Was?“

„Na, was wohl?“, lächelte Gregor. „Dass wir beide, er und ich, praktisch zeitgleich Vater werden.“

„Ich hab’s ihm nicht gesagt“, flüsterte Laura mit erstickter Stimme und beichtete, was sie Alexander vorgeflunkert hatte.

„Ich verstehe es nicht. Warum darf er nicht wissen, dass du ein Kind von mir erwartest?“ Gregor hatte sich erhoben und lief im Zimmer auf und ab. „Soll er glauben, er bekommt den Stammhalter der Familie Saalfeld?“

„Blödsinn.“ Laura setzte sich auf. „Ich will es einfach noch nicht rumposaunen. Nicht, bevor ich nicht ein bisschen weiter bin.“

Gregor sah sie forschend an. „Weißt du, was ich glaube? Du hast Angst, dass er eifersüchtig wird, wenn er es erfährt. Er hat dich nie wirklich losgelassen, und das spürst du.“

Laura schüttelte energisch den Kopf. „Fang bitte nicht wieder damit an.“

„Dann sag mir: Was ist dabei, wenn du deinem Lieblingsbruder erzählst, dass du von deinem Lieblingsmann schwanger bist?“ Er blieb vor ihr stehen und sah sie fragend an.

Laura schluckte. „Gar nichts.“

„Und wegen gar nichts so ein Aufstand? Lügen wegen nichts? Kannst du mir mal sagen, wie ich das mit dem Buch Helen erklären soll?“ Laura reagierte nicht. „Ich bin eure Geheimniskrämerei so leid!“, rief Gregor. „Wir heiraten in zwei Tagen! Du bekommst ein Kind von mir! Verstehst du denn nicht – ich will es am liebsten der ganzen Welt erzählen!“ Er beugte sich zu ihr hinunter, um sie zu umarmen, doch sie wehrte ihn ab.

„Lass …“ Sie brach in Tränen aus.

Gregor sah sie erschrocken an. „Laura … Tut mir leid. Ich war ein bisschen heftig.“ Vorsichtig berührte er ihre Wange. „Hast du Angst, du könntest unser Kind verlieren? Oder dass es nicht gesund ist? Willst du deswegen noch warten?“ Als sie nickte, strich er über ihr Haar. „Ich verstehe ja, dass du dir Sorgen machst. Das macht jede werdende Mutter durch.“ Laura schniefte. „Aber unser Baby ist kerngesund. Das spüre ich.“ Zärtlich wischte er die Tränen aus ihrem Gesicht. „Wir kriegen das alles hin, Frau Bergmeister. Meinst du nicht auch?“

Barbara von Heidenberg und Johann Gruber wirkten ertappt, als der Küchenchef des „Fürstenhofs“ sich vor ihnen aufbaute und sie streng musterte.

„Haben Sie etwa Ihre Liebe zum Landleben entdeckt?“, fragte Robert sarkastisch.

„Das passt doch gar nicht zu mir“, lächelte Barbara souverän, während Johann dem Schlagabtausch der beiden hilflos lauschte. „Ich spiele den Friedensengel.“

Robert zog die Augenbrauen nach oben. „Sie sind doch viel besser in der Rolle des Racheengels.“

„Na, na, na!“ Barbara gab sich betont liebenswürdig. „Wie Sie sicher wissen, gab es Differenzen zwischen Ihrem Vater und Herrn Gruber, was die künftige Zusammenarbeit angeht.“

Robert nickte langsam.

„Ich wollte sehen, ob eine gütliche Einigung möglich ist.“

„Ja, ich verstehe gar nicht …“, begann Johann stockend und unterbrach sich unsicher.

„Und? Was hat Sie aus Ihrer Küche gelockt?“, warf Barbara schnell ein.

„Dasselbe.“ Robert blitzte sie angriffslustig an. „Ich und meine Tante möchten, dass Herr Gruber mit meinem Vater ins Geschäft kommt.“

„Wer hätte gedacht, dass Sie sich einmal zum Anwalt Ihres Vaters aufspielen …“ Barbara sah ihn abschätzig an.

„Mir scheint, er braucht einen“, erwiderte Robert und wandte sich an Johann, „besonders, was Sie und Ihren Vertrag betrifft, Herr Gruber.“

„Ich verstehe die ganze Aufregung nicht …“, begann Johann von Neuem. Verzweifelt streckte er Robert den Entwurf entgegen. „Hier, der Vertrag, über den sich Ihr Vater so aufgeregt hat …“, log er, während Barbara ihm einen missbilligenden Blick zuwarf, „völlig grundlos. Da stehen ganz normale Sachen drin.“

Robert überflog die Papiere. „Also, soweit ich das beurteilen kann, sind das ganz normale Vertragskonditionen“, sagte er zu Johann.

„Werner ist sogar im Vorteil“, mischte Barbara sich ein und nahm den Entwurf rasch wieder an sich. „Dem ‚Fürstenhof‘ als Investor wird ein breiterer Spielraum eingeräumt als üblich.“

„Sie haben das Ding also auch schon studiert?“

„Muss ich mich wiederholen? Deswegen bin ich hier.“

„Also, wenn der Vertrag in Ordnung ist“, platzte Johann dazwischen, „warum schmeißt Herr Saalfeld mich dann aus seinem Büro?“

Robert sah ihn nachdenklich an. „Mein Vater kann manchmal ziemlich temperamentvoll sein.“

„Ich versteh nicht viel von Geschäften. Aber sollte man Gefühle bei so was nicht außen vor lassen?“ Johann zuckte mit den Schultern.

„Ich verstehe es auch nicht so ganz. Sie?“, fragte Robert Barbara süffisant.„Wo Sie mit meinem Vater doch so … vertraut sind?“ Ihren eisigen Blick ignorierend, wandte er sich wieder an Johann. „Ich rede mal mit meinem Vater. Wäre doch gelacht, wenn sich da keine Lösung findet. Sie haben doch nichts dagegen, wenn ich den mitnehme …?“

„Das geht nicht.“ Johann räusperte sich und griff schnell nach dem Vertrag. „Ich habe nur das eine Exemplar.“

Barbara warf ihm, ohne dass Robert es bemerkte, einen zufriedenen Blick zu.

„Wenigstens habe ich ihm den Vertrag nicht gegeben“, rechtfertigte Johann sich, kaum dass Robert den Bauernhof verlassen hatte. „Was sollte ich denn machen? Er wäre doch misstrauisch geworden, wenn ich ihm den Papierkram nicht gezeigt hätte.“

Barbara lächelte verächtlich. „Der doch nicht. Robert Saalfeld versteht von geschäftlichen Dingen noch weniger als Sie und die Exnonne zusammen.“

„Was ist schon dabei, wenn jemand den neuen Vertrag sieht?“, fragte Johann unangenehm berührt. „Das ist doch jetzt die gültige Fassung.“

„Herr Gruber, sind Sie eigentlich so dumm oder tun Sie nur so? Dieser Vertrag ist ausschließlich für Ihre Liebste bestimmt.“

„Elisabeth ist nicht meine …“

„Um die Sache abzuschließen“, stellte Barbara klar, „Sie haben jetzt nur noch ein Ziel: Elisabeths Herz und ihr Geld.“ Sie sah ihn eindringlich an. „Jetzt, wo Werner Saalfeld sich ‚beleidigt‘ aus dem Geschäft zurückgezogen hat, können Sie sich ganz auf die gute Elisabeth konzentrieren.“

Johann trat von einem Fuß auf den anderen. „Aber der junge Herr Saalfeld …“

„Hat Sie nicht mehr zu kümmern.“ Es wurmte Barbara, dass sie eben ganz zufällig erfahren hatte, dass Robert für Miriam eine Wiese von Gruber gepachtet hatte, um dort die Pflanzen für die Botanik-Diplomarbeit ihrer Tochter anzubauen.

„Was kann ich dafür, dass Elisabeths Neffe plötzlich auch was von mir will?“, verteidigte sich Johann.

Barbara sah ihn verächtlich an. „Leute wie Sie können nie was für irgendwas.“

„Wollen Sie mich hier zum Sündenbock machen?“, fragte Johann kühl. „Wenn Ihr Plan nicht funktioniert, ist das Ihr Problem, nicht meins.“

„Irrtum, mein Lieber“, entgegnete Barbara. „Wenn mein Plan nicht funktioniert, haben Sie ein Problem.

„Ja. Weil Sie dem Staatsanwalt was von Subventionsbetrug erzählen wollen.“

„Und dann geht dieser ganze Misthaufen – pardon, Hof – den Bach runter.“ Sie sah ihn herablassend an. „Und Sie gehen ins Gefängnis.“

„Vater streitet natürlich alles ab, wie immer“, sagte Robert ernst. „Aber ich denke trotzdem, da ist was faul.“ Während er in der Küche das Abendgeschäft vorbereitete, berichtete er Elisabeth von seinem vormittäglichen Besuch auf dem Bauernhof. Im Anschluss an seine Begegnung mit Barbara hatte er seinen Vater aufgesucht und ihn mit seinem Verdacht konfrontiert, er würde mit ihr und Gruber gemeinsame Sache machen. Werner hatte das selbstverständlich weit von sich gewiesen und Elisabeths Jugendliebe beschuldigt, auf die Tränendrüse zu drücken und gleichzeitig die Hand aufzuhalten. Wenn seine Schwägerin unbedingt Herz und Vermögen an diesen Mann verlieren wolle, sei das ihre Sache – er, Werner, würde das jedenfalls nicht länger mitmachen.

„Nur, weil Frau von Heidenberg bei Johann auftaucht?“ Elisabeth sah ihren Neffen ungläubig an.

„Die steht doch nicht aus Spaß im Dreck! Ich sag dir, die stecken unter einer Decke!“

„Und Werner noch dazu? Robert, das ist absurd!“

„Ich weiß“, nickte er. „Trotzdem: Du solltest Gruber nicht trauen.“

„Ich kenne Johann ein bisschen länger als du“, erwiderte Elisabeth. „Ich lege meine Hand für ihn ins Feuer.“

„Das ehrt dich, aber überleg doch mal …“ Robert kratzte sich nachdenklich an der Nase. „Vielleicht ist es kein Zufall, dass du ihm gerade jetzt wieder begegnest.“

Elisabeth zog die Augenbrauen hoch und blickte ihren Neffen fragend an. „Wieso?“

„Gruber ist hoch verschuldet. Du bist wohlhabend. Kann doch sein, dass er auf dein Geld spekuliert.“

„Wie kannst du so über ihn reden?“, entgegnete sie kopfschüttelnd.

„Elisabeth, ich will dich nicht kränken, aber ich kann dich doch nicht in dein Unglück laufen lassen.“

„Mir scheint“, erwiderte sie bitter, „du willst eher verhindern, dass ich glücklich werde.“

Robert schüttelte langsam den Kopf. „Du weißt, dass das nicht stimmt. Gruber mag ja sauber sein, aber Werner …“

Elisabeth beruhigte sich. „Werner ist gerissen, doch er ist kein ausgemachter Betrüger.“

„Und Barbara?“

„Der traue ich jede Hinterlist zu.“

„Du kennst sie. Barbara geht Werner um seinen nicht vorhandenen Bart, bis der deinem Johann den Hof abluchst. Hör auf mich“, sagte Robert eindringlich. „Warte es ab! Gib Johann erst mal keinen Kredit.“

Elisabeth nickte nachdenklich. Vielleicht hatte er recht.

Kurze Zeit später saß Elisabeth mit dem Mann, vor dem ihr Neffe sie gewarnt hatte, an einem Tisch im Hotelrestaurant und betrachtete ihn aufmerksam. Johann wirkte ein wenig verkrampft.

„Danke, dass du mich angerufen hast“, sagte er steif. „Ich wollte dir das sowieso vorbeibringen.“ Er reichte ihr einige Papiere. „Der Vertrag, über den dein Schwager sich so aufgeregt hat.“

„Ach so, ja, danke“. Elisabeth legte das Dokument beiseite, ohne einen Blick darauf zu werfen.

Johann beobachtete sie sichtlich irritiert. „Schau mal rein, dann siehst du, dass dieser Streit überflüssig war.“

„Da bin ich mir sicher. Ich lese ihn später.“

„Dann können wir uns ja überlegen, wie wir jetzt weitermachen“, brummte er erleichtert. „Wir zwei.“

Elisabeth nickte langsam. „Wären wir wirklich nur zu zweit?“, fragte sie plötzlich. „Kann es nicht sein, dass da noch andere mitmischen? Im Hintergrund?“

Johann sah sie für einen Moment sprachlos an, bevor sich seine Miene verfinsterte. „Wie kommst du denn auf so was?“, rief er empört.

„Frau von Heidenberg war bei dir.“

„Hat das dein Neffe erzählt? Die war nur da, um sich nach dem Streit zu erkundigen.“

„Nur deswegen?“, fragte Elisabeth misstrauisch.

„Du bist eine richtige Saalfeld!“ Johann ging zum Angriff über. „Witterst überall Intrigen! Aber das kann nur der, der selbst welche anzettelt.“

„Nicht so laut“, versuchte sie, ihn zu beruhigen. „Wir sind hier nicht allein. Die Gäste …“

Johann funkelte sie an. „Die sind mir wurscht.“

„Entschuldige, ich wollte dir nichts Böses unterstellen“, sagte Elisabeth beschwichtigend. „Aber so eine Frage muss erlaubt sein. Schließlich geht es um viel Geld.“

Doch es war zu spät. Johann stand auf und griff nach dem Vertrag. „Dein Geld kannst du behalten, das brauche ich nicht“, sagte er stolz und sah auf sie hinunter. „Ich brauche gar nichts von dir.“

Elisabeth sah ihm betroffen hinterher.

Indes schenkte Werner Barbara und sich in der Wohnung der Saalfelds einen Digestif ein.

„Und?“, fragte er. „Was war so wichtig, dass du nicht kommen konntest?“ Sie hatte ihn nicht wie vereinbart zu seinem Termin beim Bürgermeister begleitet, bei dem über den geplanten Parkplatz-Bau gesprochen werden sollte.

„Geschäfte“, lächelte sie.

„Seit wann machst du mit Gruber Geschäfte?“

Der Schreck ließ sie unwillkürlich zusammenzucken, doch sie hatte sich ebenso schnell wieder im Griff. „Ausnahmsweise ging es mal nicht um meine Geschäfte, sondern um die deiner Familie“, antwortete sie und rang sich ein Lächeln ab. „Robert hat von Gruber ein Feld für Miriams Forschungen gepachtet. Ist das nicht reizend?“

„So sind wir Saalfelds.“ Werner tätschelte ihre Hand.

Tatsächlich war Robert ihr ein Dorn im Auge, und dass Miriam, die für ihre Diplomarbeit jetzt plötzlich nicht mehr Orchideen, sondern die medizinische Wirkung essbarer Kräuter erforschen wollte, sie am Nachmittag in aller Deutlichkeit aufgefordert hatte, ihr nicht mehr hinterherzuspionieren, wurmte Barbara gewaltig. Sie zwang sich, an etwas anderes zu denken. „Im Übrigen hattest du recht“, sagte sie. „Es macht keinen Sinn, auch nur einen Cent in den maroden Schuppen zu investieren.“

„Hast du daran gezweifelt?“

„Ich wollte mich selbst davon überzeugen.“ Sie hauchte Werner einen Kuss auf die Wange.

Werner schloss die Augen. „Hm.“

„Wobei … marode ist ja nicht nur der Schuppen … sondern auch der Mann.“ Sie sah ihn ernst an. „Ich denke an die arme Elisabeth.“

Werner lachte. „Barbara, du denkst nie an jemand anderen als an dich selbst. Und ganz bestimmt nicht an Elisabeth.“

„Aber immer an dich“, schnurrte sie und ließ sich auf die Stirn küssen. „Sie ist so unerfahren. Im Geschäftlichen, in der Liebe …“

„Was erwartest du von jemandem, der fast sein ganzes Leben hinter Klostermauern verbracht hat?“, fragte Werner süffisant.

„Eben. Und da verliert sie ihr Herz ausgerechnet an diesen bankrotten Tölpel.“ Barbara hatte nicht bemerkt, dass das Thema für Werner längst beendet war und plapperte amüsiert weiter. „Es hat schon fast etwas Komisches … Das welke Blümelein und die knorrige Distel …“

„Jetzt hör auf!“, fiel Werner ihr ungehalten ins Wort. „Jeder hat ein Recht auf einen zweiten Frühling.“

„Natürlich“. Sie sah ihn zerknirscht an. „Ich will sie nicht beleidigen, ich mache mir nur Gedanken, ob …“

„Bei all ihren Marotten – Elisabeth ist Charlottes Schwester. Ich respektiere sie, egal bei wem sie … aufblüht.

„Du hast mich falsch verstanden. Auch wenn sie nicht meine Freundin ist, ich will nicht, dass sie unglücklich wird.“

Doch Werner sah sie nur missmutig an.

Laura hatte nach ihrem Gespräch mit Gregor am Vortag nicht besonders gut geschlafen.

Noch ein Tag bis zur Hochzeit!

Und ihr Gewissen quälte sie.

Da war es noch das geringste Problem, dass sie vergessen hatte, mit Tanja nach München zu fahren, um ihr Brautkleid abzuholen. Lauras Gedanken drehten sich auch jetzt, während sie auf einer Bank im Park saß und ihr Gesicht der Nachmittagssonne entgegenstreckte, nur um eines: Sie hatte Gregor immer noch nicht die Wahrheit gesagt. Ob sie damit bis nach der Hochzeit warten sollte, wie Tanja es ihr ganz pragmatisch vorgeschlagen hatte? Sagen musste sie es, da hatte Robert recht: Lange würde sie Alexander nicht mehr verheimlichen können, dass sie schwanger war – und Gregor nicht, von wem. Sie lächelte traurig vor sich hin.

„Ein Cent für deine Gedanken!“

Laura blinzelte erschrocken ins Licht.

Gregor.

„Du siehst so traurig aus“, bemerkte er, während er seinen Werkzeugkasten abstellte und sich neben sie setzte. „Was machst du überhaupt hier? Dein Arzt hat dir strengste Ruhe verordnet.“

Sie lächelte ihn tapfer an. „Ich weiß. Aber ich hab’s daheim nicht mehr ausgehalten. Und es geht mir wieder ganz gut.“ Sie kuschelte sich in seinen Arm. „Bei der Arbeit kann ich wenigstens abschalten.“

Gregor nickte beruhigt und streichelte zärtlich über ihren Bauch. „Unser Baby …“

Laura zuckte zurück. „Nicht hier draußen, bitte … vor allen.“

Gregor sah sie irritiert an. „Hauptsache, du tust morgen vor dem Altar nicht auch noch so, als gehörten wir nicht zusammen.“

„Darum geht’s doch gar nicht.“

„Ich weiß. Tut mir leid.“ So sehr die Heimlichtuerei ihm auch auf die Nerven ging – er respektierte Lauras Wunsch.

„Hast du was?“, fragte Laura.

„Ich bin gerade ein bisschen angesäuert wegen Alexander“, antwortete er. „Wir hatten eben einen kleinen – wie sagt man so schön – Hahnenkampf.“

Genauer gesagt: Erst hatte Alexander ihn wegen seines angeblichen Geschenks an Helen – dem Buch der Namen – angepflaumt und ihm dann von einer angeblichen Tradition der Saalfelds berichtet, nach der die Kinder nach ihren Vorfahren benannt wurden: Ein Junge würde dementsprechend Gustav heißen, und das Buch sei völlig unnötig gewesen. Schließlich waren sie sich darüber in die Haare geraten, wer sich um welche Frau zu kümmern hatte und das zu wenig tat.

„Erst ging’s um Helen. Und dann um dich“, seufzte er.

„Um mich? Wieso denn?“, fragte Laura alarmiert.„Kannst du das nicht endlich mal lassen?“

„Er hat angefangen.“

„Warum?“

„Der Mann ist kreuzunglücklich. Im Grunde tut er mir leid.“ Laura blickte ihn verwundert an. „Er wird zwar Vater. Aber die Mutter seines Kindes liebt ihn nicht mal.“ Sein Blick wurde zärtlich. „Ich dagegen, ich heirate morgen die Frau meines Lebens. Und Mutter meines Kindes.“ Voller Liebe sah er Laura in die Augen. „Als Sophia gestorben ist, dachte ich, ich kann nie wieder froh sein. Aber jetzt … Du ahnst nicht, wie glücklich ich bin. Ich habe dir viel zugemutet. Dich angelogen über meine Vergangenheit, meine Identität. Dir nicht gesagt, dass ich vielleicht zeugungsunfähig bin. Aber du …“ Er schluckte. „Du hast mir alles verziehen. Ich weiß nicht, ob ich das an deiner Stelle getan hätte.“

Lauras Stimme klang rau, als sie leise antwortete: „Wenn man jemanden liebt, kann man doch alles verzeihen, oder?“

„Wenn man Laura Mahler heißt … schon.“ Er sah sie gerührt an. „Ich liebe dich. Ich liebe dich so sehr.“

Eine Träne kullerte langsam Lauras Wange hinunter.

„Ich hoffe, das sind Freudentränen“, scherzte Gregor liebevoll und nahm Laura in den Arm. „Weine nur. Das ist ganz normal. Die Hormone, die Anspannung. Schh … alles wird gut.“

„Nichts wird gut. Nichts!“ Laura straffte die Schultern und sah Gregor verzweifelt an. „Gregor, das Kind … mein Baby … es ist vielleicht nicht von dir.“

Gregor starrte sie entgeistert an. „Was sagst du da?“

„Alexander …“, stammelte sie mit tränenerstickter Stimme. „Möglicherweise ist Alexander der Vater.“

2. KAPITEL

Gregor saß wie versteinert neben Laura und starrte sie fassungslos an.

„Du hast mit Alexander geschlafen?“, sagte er tonlos wie zu sich selbst.

„Es war nur das eine Mal“, beteuerte Laura verzweifelt, „und das … das hätte nie passieren dürfen. Ich weiß. Aber …“ Ein Blick zu Gregor ließ sie hilflos innehalten. „Sag doch was! Bitte! Brüll rum, schrei mich an, was du willst. Aber bitte … Sitz nicht einfach so da.“ Keine Reaktion. „Vielleicht ist das Kind ja auch von dir. Ist sogar eher wahrscheinlich. Ein Mal gegen … ich weiß nicht, wie oft wir beiden in der Zeit miteinander geschlafen haben.“

„Darum geht es nicht.“

„Worum dann?“

„Du und Alexander … wann war es?“

Laura blickte verschämt zu Boden. „Als … als du weggegangen bist.“

„Als ich es nicht mehr ausgehalten habe, dass du dich nicht wirklich für mich und gegen Alexander entscheiden konntest?“ Gregor wirkte vollkommen durcheinander.

„Da gab es noch andere Sachen, weswegen du in München warst …“

Verzweifelt fiel er ihr ins Wort. „Ich wollte klare Verhältnisse schaffen – für mich … und für dich. Dabei hattest du dich längst entschieden.“

„Was?“, stieß Laura schockiert hervor.

„Was war ich bloß für ein Idiot! Ich hab’s von Anfang an gewusst. Ich hab’s dir sogar gesagt.“ Voller Bitterkeit begegnete er Lauras verständnislosem Blick. „Du liebst Alexander. Du hast ihn immer geliebt. Immer!“

„Nein …“ Laura spürte, wie ihr Herz sich schmerzvoll zusammenzog.

„Warum hättest du denn sonst wieder mit ihm geschlafen?“ Er drehte sich um und rannte davon.

Laura lief ihm hinterher. „Bitte, Gregor, bleib stehen.“ Sie holte tief Luft. „Du kannst dich jetzt nicht einfach verdrücken. Wir heiraten morgen!“

Abrupt blieb er stehen und musterte sie mit einem kühlen Blick. „Warum sollten wir?“

„Es stimmt“, sagte sie eindringlich. „Ich habe Alexander geliebt. Und es hat sehr lange gedauert, bis ich darüber hinweg war. Es gab Rückfälle. Aber das ist jetzt vorbei. Das schwöre ich. Ich liebe dich. Nur dich.“ Sie spürte, wie verletzt er war, und der Kloß in ihrem Hals wurde immer größer „Er ist mein Bruder, verdammt!“

„Mit dem du immer noch schläfst“, erinnerte er sie bitter an ihren Fehltritt, „und der vielleicht der Vater deines Kindes ist!“

Laura ließ den Kopf sinken. „Ich wünschte, es wäre nicht geschehen. Mehr als alles andere auf der Welt“, flüsterte sie. „Kannst du mir denn nicht verzeihen? Bitte …“ Sie schmiegte sich an ihn. „Soll denn wegen diesem einen Mal … diesem einen verfluchten Mal alles vorbei sein?“

Gregor seufzte, bevor er sich sanft von ihr löste und einen Schritt zurückwich. Er berührte ihre Schulter und sah ihr fest in die Augen. „Dieses eine Mal … Das war das eine Mal zu viel.“

„Was soll das heißen?“

„Hör endlich auf, mir etwas vorzumachen. Mir und dir selbst.“

„Aber …“

„Lass uns den Tatsachen ins Auge blicken.“

Lauras Herz klopfte bis zum Hals. Sie fühlte sich hilfloser denn je. Nach einer Weile fragte sie leise: „Was wird denn nun?“

„Das fragst du noch?“

Sie schluckte. „Es … es ist also Schluss?“

Gregor nickte traurig.

„Aber … wir heiraten morgen …“

„Nein. Das tun wir nicht.“

„Bitte …“ Tränen rannen über ihre Wangen. „Ich brauche dich.“

Gregor sah sie traurig an. „Nein. Mich brauchst du sicher nicht.“

„Renovierung in Eigenarbeit … Was ist das denn für ein Unsinn?“ Barbara war außer sich, als sie Johann auf dem Waldweg gegenüberstand. Sie war fuchsteufelswild. Gerade hatte sie Elisabeth getroffen, die alte und völlig staubige Arbeitsklamotten trug, und die hatte ihr erzählt, sie würde den Hof, nun, da alle Investoren abgesprungen seien, zusammen mit Gruber selbst renovieren. „Sie sollen Frau Saalfeld dazu bringen, Ihnen einen Kredit zu geben!“

Johann ließ die Axt sinken, die er geschultert hatte. „Das ist nicht so einfach …“, sagte er. „Schließlich hat ihr Neffe uns beide ertappt. Und sie hatte mich im Verdacht, mit Ihnen gemeinsame Sache zu machen. Es war gar nicht so einfach, ihre Bedenken zu zerstreuen.“

„Sie Held!“ Barbara klatschte voller Ironie in die Hände. „Wir haben eine Abmachung. Und wenn Sie sich an die nicht halten …“

„… lassen Sie meine kleinen Ungenauigkeiten mit den EU-Geldern auffliegen, ich weiß“, seufzte Johann.

„Also: Tun Sie, was ich Ihnen gesagt habe.“

„Habe ich ja versucht. Aber Elisabeth wollte den Vertrag erst in Ruhe lesen, bevor sie ihn unterschreibt.“

„Sie haben ihn ihr doch nicht etwa dagelassen?“, fragte Barbara alarmiert.

„Ich habe ihn wieder mitgenommen.“

„Wenigstens etwas.“ Besonders beruhigt wirkte Barbara dennoch nicht.

„Und wegen der Arbeiten …“, fuhr Johann ein wenig hilflos fort. „Plötzlich stand sie mit dem Sonnbichler samt Mischmaschine vor der Tür. Hätte ich sagen sollen: ‚Verschwindet‘? Das ging doch nicht.“ Als Barbara nachdenklich nickte, fügte er hinzu: „Ich konnte ihr doch nicht erzählen, dass ich ihr Geld will, nicht ihre Hilfe.“ Tatsächlich war er ganz schön überrascht gewesen, als die beiden am Morgen plötzlich in Arbeitsmontur vor ihm gestanden und ihm erklärt hatten, dass sie beim Sanieren helfen wollten, aber als sie dann zu dritt angepackt hatten, hatte das richtig Spaß gemacht. Sogar gesungen hatten sie dabei. Für mich soll’s rote Rosen regnen von der Knef, das war damals ihr Lied gewesen … Aber das würde der von Heidenberg bestimmt nicht gefallen.

„Sonnbichler, dieser Schwalbenschwanz … der ist auch mit von der Partie?“

Johann nickte. „Ja.“

„Das gefällt mir gar nicht.“

„Der ist eher auf unserer Seite.“

Barbara sah ihn überrascht an. „Was?“

„Er glaubt auch, dass es keinen Zweck hat, den Hof allein zu renovieren“, erklärte Johann.

Barbara nickte langsam. „Gut. Solange Sonnbichler uns nicht in die Parade fährt … Aber dieser Schwachsinn mit dem Umbau muss aufhören! Sofort!“

„Ja“, antwortete Johann, ohne zu wissen, wie das gehen sollte.

„Und dann sorgen Sie dafür, dass Frau Saalfeld endlich den Vertrag unterschreibt, klar?“

Barbaras Worte hallten noch in Johanns Ohren wider, als er wenig später in der Hotellobby auf Alfons Sonnbichler wartete, der an der Rezeption stand und gerade neue Gäste eincheckte. Endlich winkte der Chefportier ihn in Richtung Personalraum und setzte sich mit ihm an einen Tisch.

„Wir müssen die Renovierung stoppen“, sagte Johann eilig und griff nach dem Wasser, das Alfons ihm eingeschenkt hatte.

„Natürlich ist das Haus in einem richtig erbärmlichen Zustand.“

„Das schaffen wir nie und nimmer allein. Zwei alte Männer und eine Frau“, bestätigte Johann.

Alfons grinste. „Alte Männer, na, na, na.

„Machen wir uns nichts vor, wir reißen keine Bäume mehr aus. Und selbst wenn … Wir verstehen alle nicht genug vom Bauen.“ Johann sah Alfons zweifelnd an. „Mal abgesehen davon, dass Sie Ihren Beruf haben. Und ich auch noch meinen Hof versorgen muss.“

Alfons nickte nachdenklich. „Das stimmt natürlich.“

„Und haben Sie sich mal überlegt, wie gefährlich das alles ist?“, legte Johann nach. „Da ist so vieles baufällig … Was passiert, wenn eine Wand einstürzt? Oder eine Decke runterkommt?“

„Deshalb habe ich Elisabeth auch vorgeschlagen, einen Architekten hinzuzuziehen.“

Johann lachte auf. „Wovon soll ich den denn bezahlen?“

„Der Herr ist Stammgast hier im ‚Fürstenhof‘“, sagte Alfons bedächtig. „Der würde sicher einen Sonderpreis …“

„Stammgast im ‚Fürstenhof‘“, unterbrach Johann ihn. „Was für den ein Sonderpreis ist … davon kann ich wahrscheinlich ein ganzes Jahr leben.“

Alfons sah ihn nachdenklich an.„Haben Sie schon mit Elisabeth über Ihre Bedenken gesprochen?“

„Sie kennen sie doch“, schüttelte Johann den Kopf. „Das ist eine Saalfeld. Die hört auf niemanden. Und auf mich schon gar nicht.“

„Sie glauben also, Frau Saalfeld hat sich mit der Renovierung verrannt?“

„Hat sie.“ Johann nickte. „Das schaffen wir nie.“

„Dann müssen Sie mit ihr reden.“

Johann seufzte. „Sie hört doch nicht auf mich. Aber vielleicht auf Sie …“

„Gregor weiß es. Alles.“ Lauras Augen füllten sich mit Tränen. Seit ihr Verlobter ihr gesagt hatte, dass es keine Hochzeit geben würde, hatte sie sich wie in Trance bewegt und weder Alexanders Fragen nach dem Blumenschmuck noch Roberts nach den Tischkarten wirklich wahrgenommen. Schließlich hatte sie sich in die Küche geflüchtet, wo Robert sie gefunden hatte.

„Alles?“ Robert saß ihr gegenüber und hielt ihre Hände fest in den seinen.

Sie nickte. „Dass ich noch mal mit Alexander geschlafen habe. Und er also auch als Vater infrage kommt.“

„Wie hat er es rausgekriegt?“

„Ich habe es ihm gesagt“, schluchzte sie. „Ich konnte nicht mehr lügen.“

„Und jetzt?“, fragte er vorsichtig.

„Es ist aus.“

Robert gelang es, nachdem er den ersten Schock verdaut hatte, Laura so weit zu trösten, dass sie ...

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