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Stumme Schuld

Eine stumme Frau gibt sich mittels Gebärden als Mörderin ihres Ehemannes aus – ein Fall für die Zürcher Privatdetektivin Nora Tabani. Doch als die sprachlose Sophia Maar der Detektivin den Toten zeigen will, ist keine Leiche zu sehen. Tabani glaubt deshalb nicht an einen Mord. Am nächsten Tag wird Stefan Maar tot in einer Kiesgrube entdeckt und Sophia ist untergetaucht. Tabani beginnt zu ermitteln und stößt auf etliche Personen, die von Maars Tod profitieren, nicht zuletzt dessen Stiefvater. Dann kommt sie einem grausigen Geheimnis aus Sophias Kindheit auf die Spur. Ist diese eine kranke Frau, die an einem Schuldkomplex leidet oder eine eiskalte Mörderin, die raffiniert mit ihrer Sprachlosigkeit spielt? Erneut wird ein Toter gefunden, und ein Abgrund tut sich auf, der Nora Tabani selber in Lebensgefahr bringt.

Mitra Devi wurde 1963 in Zürich geboren, schreibt und malt seit ihrer Jugend. Sie lebte zwei Jahre in Israel und ein halbes Jahr in Indien. Nach mehreren Ausstellungen und verschiedenen Jobs wie Gärtnerin, Sozialbegleiterin und Marionettenbauerin gelang ihr 2003 ein Erfolg mit ihrem Erstling „Die Bienenzüchterin“. Es folgten vier weitere Bücher. 2007 lebte sie ein halbes Jahr als Krimi-Stadtschreiberin in Leipzig. „Stumme Schuld“ ist der erste Nora Tabani-Krimi.

Mitra Devi

STUMME SCHULD

Der erste Fall für Nora Tabani

PENDRAGON

Prolog

Das Wasser war eisig. Erst füllten sich ihre Stiefel, dann kroch die Kälte höher, Knie, Oberschenkel, Hüfte hinauf. Furchtlos ging sie weiter. Irgendwo im Wald krähte ein Eichelhäher, ein letzter milchiger Sonnenstrahl schien zwischen den Bäumen hindurch und traf auf den Weiher. Der Boden war weich. Schlammiges Laub wirbelte auf, bei jedem Schritt, den sie tat. Der Rock wurde schwer, schlappte um ihre Beine. Ihre Hände berührten das modrige Wasser, tauchten ein, ihr Bauch verschwand, dann Brust, Schultern und Hals. Ihr letzter Blick galt einem blattlosen Baum, der vom Blitz bis zu den Wurzeln hinunter in zwei Teile gespalten war. Seine Äste ragten wie gichtige Finger zum Himmel, reglos und schwarz. Sie atmete aus, versank, ergab sich dem Sumpf. Das Ende war nah, und es war gut. Ihre Schuld wurde getilgt, ihre Tat ertränkt im Schlamm. Sie war ein Monster, und Monster sterben grausam. Das eiskalte Wasser drang ihr in Mund und Nase, füllte Lunge und Magen. Es war ein kurzer Kampf. Wider Willen begann sie zu japsen und zu prusten, schluckte die brackige Brühe, spie und schlug um sich, dann verlangsamten sich ihre Bewegungen. Ihre Arme erschlafften, ihr Atem stand still.

Montag

Normalerweise hat man eine Leiche ohne Mörder. Sie hatten eine Mörderin, geständig, vernünftig, höflich – und keine Leiche.

Es war an einem verregneten, windigen Novembermorgen, ockerbraune Blätter wirbelten durch die Straßen und klatschten wie nasse Lappen gegen die Fensterscheiben, als Jan seinen Kopf in Noras Büro streckte und sagte: „Da behauptet eine Frau, ihren Mann umgebracht zu haben.“

Erst dachte Nora Tabani an einen Scherz ihres Kollegen, doch Jans Gesichtsausdruck, eine Mischung aus Überforderung und Neugierde, ließ sie aufhorchen.

Erst vor einem halben Jahr hatte sie, nach fünf Jahren bei der Polizei, das kleine Detektivbüro im Zürcher Seefeldquartier eröffnet. Noch immer roch es nach frischer Farbe, noch immer standen zwei ungeöffnete Schachteln im Gang, an die Nora sich bis jetzt noch nicht gewagt hatte, da sie ein unübersichtliches Gewühl elektronischer Kabel darin vermutete, ohne die all ihre Geräte jedoch erstaunlich gut funktionierten. Einen Mord hatten sie noch nie gehabt. Gestohlene Handtaschen, entlaufene Edelpudel, Unterschlagungen und Seitensprünge, einmal sogar einen Kunstraub im großen Stil, der sich allerdings später als raffinierter Versicherungsbetrug herausgestellt hatte – aber noch nie einen Mord.

Jan, noch immer zwischen Tür und Angel, fügte hinzu: „Und sie ist stumm.“

Dann trat er einen Schritt zur Seite und bevor Nora fragen konnte, was er damit meinte, ließ er die Fremde herein und zog sich mit sichtbarer Erleichterung zurück.

Nora schätzte die Frau auf Mitte zwanzig. Schlanker Körper, grazile Hände, ein langer, kastanienbrauner Pferdeschwanz, der mit einem Gummiband lose zusammengehalten wurde. Ein mausgrauer Rock bedeckte Knie und Waden, der groben, durchnässten Strickjacke fehlten zwei Knöpfe, und die viel zu großen Männerstiefel hinterließen auf dem Holzboden ovale Pfützen. Ihre Lippen waren rissig und zitterten vor Erregtheit. Dennoch hatte sie etwas kaum wahrnehmbar Erhabenes an sich.

Aschenputtel, schoss es Nora durch den Kopf. Verstoßen, in Lumpen gehüllt, doch in Wirklichkeit eine Prinzessin.

„Wie kann ich Ihnen helfen, Frau …?“

Die Fremde spielte unruhig mit einem Schreibstift.

„Verstehen Sie mich? Ich meine …“, Nora suchte nach den richtigen Worten und verhedderte sich. „Sind Sie … Können Sie überhaupt hören?“ Mist, das war nicht gerade feinfühlig. Wenn Jan ihr doch nur mehr Informationen über diese Frau gegeben hätte.

Doch die andere schien nicht beleidigt zu sein, nickte eindringlich, dann hielt sie Nora einen zerknitterten Zettel hin, auf dem in kindlicher Schrift die Worte Ich habe meinen Mann umgebracht standen. Sie starrte Nora erwartungsvoll an.

Diese war einen Moment ratlos. Wenn es sich bei dieser Frau tatsächlich um eine Mörderin handelte, war sie in einem Detektivbüro am falschen Ort. „Möchten Sie nicht lieber zur Polizei gehen? Ich könnte für Sie anrufen.“

Die Frau schüttelte vehement den Kopf und klopfte mehrmals mit dem Finger auf ihren Zettel. Ein Ausdruck lag in ihrem Gesicht, der Nora einen Schauer über den Rücken jagte.

Was es auch immer mit dieser Frau auf sich hatte, Nora steckte in ihrem momentanen Fall ziemlich fest und konnte eine echte Herausforderung gebrauchen. Sie dachte an die 86-jährige Frau Zwicker, welche sie vor einigen Tagen beauftragt hatte, den Lustmolch zu schnappen, der ihr allnächtlich obszöne Anrufe bescherte, welche sie Nora wortgetreu mit viel Liebe zum Detail und mit vor Aufregung rosigen Wangen schilderte. Nora hatte – die Feministinnen aller Welt würden sie aus ihrem Club werfen – von Anfang an den Verdacht gehabt, die Anrufe entsprängen Frau Zwickers Wunschfantasien. Doch die alte Dame zahlte gut und brachte jedes Mal, wenn sie in Noras Büro kam um sich über die „Fortschritte der Ermittlungen“, wie sie es nannte, zu informieren, ihre unübertrefflichen selbstgebackenen Vanille-Plätzchen mit, mit denen sie sich ein Plauderstündchen bei Nora erkaufte.

Sie scheuchte die Gedanken beiseite und kam zurück in die Realität, die da tropfend vor ihr stand. Dann schob sie den Berg Rechnungen, Mahnungen, Quittungen und Protokolle mit einer großzügigen Bewegung auf die eine Seite ihres Schreibtisches um freie Bahn zu haben und wies auf den anderen Stuhl: „Bitte nehmen Sie Platz.“

Folgsam, Nora nicht aus den Augen lassend, setzte sich die Frau. Sie kramte in der Jackentasche, brachte ein zerfleddertes Notizbüchlein hervor und schrieb mit dem Stift in der linken Hand die Worte Bitte verhaften Sie mich nieder.

So einen Fall hatte Nora definitiv noch nie gehabt. „Ich bin nicht befugt, Sie zu verhaften. Wie heißen Sie überhaupt?“ Da war es wieder – immer wenn sie sich hilflos fühlte, ließ ihre Höflichkeit zu wünschen übrig.

Die Fremde kritzelte etwas in ihr Notizbüchlein und schob es zu Nora herüber.

Sophia stand darauf.

„Nun, Sophia, was ist denn genau geschehen?“

Sophia tippte wieder auf ihr Bitte verhaften Sie mich, diesmal mit drängender Ungeduld.

„Ich könnte Ihnen die Nummer einer guten Anwältin geben“, schlug Nora vor.

Die andere schüttelte erneut den Kopf, griff nach Noras Hand und drückte mit erstaunlicher Kraft zu. In ihren aufgerissenen Augen standen Worte, fordernde, verzweifelte, doch Nora verstand sie nicht. Das hier würde keine einfache Sache werden.

Sophia ließ Noras Hand los und schrieb Kommen Sie in meine Wohnung, und als Nora zögerte, fügte sie mit großen, doppelt unterstrichenen Druckbuchstaben hinzu: Bitte.

Nora nickte. „Gut. Geben Sie mir fünf Minuten.“

*

Sie ging aus dem Büro, wo Jan mit hochrotem Kopf von der Türe stolperte und sich mit fahriger Bewegung sein schütteres Haar aus der Halbglatze strich. „Ich hab nicht wirklich gelauscht, Chef. Ich dachte nur, falls du Hilfe brauchst …“

Nora schloss die Tür hinter sich und verdrehte grinsend die Augen. „Wie oft muss ich dir das noch sagen! Erstens bin ich nicht dein Chef, wir sind ein Team.“

„Warum krieg’ ich dann immer zum Ende des Monats Geld von dir?“

„Ein Punkt für dich. Zweitens hätt’ ich dir später sowieso alles brühwarm erzählt.“ Sie hielt kurz inne und sinnierte über Sophia nach. „Merkwürdige Frau. Ich weiß nicht, was ich von ihr halten soll. Und drittens, ruf’ bitte die Zwicker an, sie soll erst am Nachmittag vorbeikommen, ich hätte einen neuen Fall.“

„Und wenn sie schon unterwegs ist?“

Täuschte sie sich oder war da ein gieriges Glitzern in seinen Augen?

„Dann isst du in Gottes Namen die Plätzchen allein“, sagte sie.

„Okay, Chef.“

Nora schlang ihren roten Schal um den Hals und schlüpfte in die Lederjacke. Dann blieb sie einen Moment stehen und wandte sich nochmals um. Sie ging in die Küche, öffnete das Schränkchen über dem Spülbecken, rückte Zuckerglas und Kaffeedose zur Seite. Eine Motte flatterte davon. Nora schlug nach ihr und verpasste sie. Hinter dem Olivenöl, dessen Verfalldatum längst abgelaufen war, fand sie ihre Waffe, die sie seit Monaten nicht mehr in der Hand gehalten hatte. Das Geschenk ihres Vaters. Ein spitzer Stich bohrte sich in ihren Magen, als sie an ihn dachte. Er hatte ihr die mattglänzende Pistole an einem trüben Tag wie diesem in ihrem Lieblingsrestaurant überreicht. „Smith & Wesson Target Champion“, hatte er mit Stolz gesagt. „Kaliber .45 ACP. Die Gleiche, die ich habe. Ich nenne sie nur meine Champ. Du wirst dir einen Waffenschein besorgen und wir werden zusammen zum Schießstand ziehen und üben!“ Er sah seine Tochter so an, wie er es immer tat, wenn ihm bewusst wurde, was für prächtige Gene er da weitervererbt hatte. Dann verdüsterte sich seine Miene, als sei er innerlich weit weg. Leise sagte er: „Ich hoffe, du wirst sie nie brauchen.“ Zwei Wochen später war er tot. Erschossen von seiner eigenen Champ. Und Nora hatte ihren Beruf als freie Fotografin an den Nagel gehängt und war zur Polizei gewechselt.

Fünf Jahre war das her. Warum hörte sie nicht endlich auf, darüber nachzugrübeln? Warum zerbrach sie sich den Kopf über Dinge, die sie nicht ändern konnte? Weil Vater keiner Seele etwas zuleide getan hat, dachte sie erregt, weil sein Mörder noch immer frei herumläuft! Weil alles in mir nach Gerechtigkeit schreit!

Sie stützte sich am Spülbecken auf, betrachtete ihr Gesicht, das sich verzerrt im Chromstahl spiegelte. Sah ihre Augen. Sah seine Augen. Dann riss sie sich aus den Erinnerungen und steckte die Waffe ein. Als sie ins Büro zurückkehrte, saß Sophia noch in derselben Stellung da, in der sie sie verlassen hatte, eine Statue, die ins Leere starrte.

„Lassen Sie uns aufbrechen“, sagte Nora und machte eine auffordernde Handbewegung. Augenblicklich erhob sich Sophia.

Beim Hinausgehen öffnete Nora den Schirm und meinte zu Jan: „Wir haben Motten in der Küche.“

Er nickte, den Blick unsicher auf Sophia gerichtet. „Ich weiß.“

Draußen tobte der kalte Wind und fegte den Schirm fast aus Noras Hand, stülpte ihn auf die falsche Seite, so dass sie ihn nur mit größter Mühe zusammenfalten und, nass wie er war, in ihre Jackentasche stecken konnte. Der Regen klatschte auf den Asphalt, rann von den Hausdächern in ihren Kragen und weichte ihre Turnschuhe auf, die auf dem zermantschen Laub ohnehin kaum Halt fanden.

Ein derber Fluch lag ihr auf der Zunge, dann erinnerte sie sich daran, dass Sophia zwar stumm, aber nicht taub war. Sophia überquerte mit ausdrucksloser Miene die Seefeldstraße, als nähme sie das Wetter gar nicht wahr, warf auf der gegenüberliegenden Seite einen Blick auf den Fahrplan der Buslinie 33, schüttelte den Kopf und ging weiter. Warten schien nicht ihr Ding zu sein. Nora trottete hinter ihr her, die Höschgasse entlang. Nach ein paar Minuten überquerten sie die Zollikerstraße und eilten weiter hinauf. Während Nora bis auf die Haut nass wurde und ihre triefenden Socken schmatzende Geräusche von sich gaben, fuhren zwei Busse an ihnen vorbei, in denen die Leute trocken und wohlig hinter beschlagenen Fenstern saßen. Na ja, nass zu werden war nicht das Ärgste an ihrem Job.

Nach zehn Minuten Fußmarsch bogen sie in die Hammerstraße ein, kamen an mehreren blauen Altglascontainern vorbei, auf welche die schweren Tropfen prasselten und gelangten zu Sophias Haus. Eigentlich eine schöne Wohngegend, dachte Nora, mit Blick auf den Botanischen Garten, doch bei diesem Wetter schien über allem eine Traurigkeit zu liegen. Das alte, hässliche Gebäude stand zwischen zwei herausgeputzten Mehrfamilienhäusern. Es gab einen Lift, doch sie nahmen die Treppe. Die Eingänge zu den einzelnen Wohnungen waren durch Balkone, die sich der ganzen Fassade entlang zogen, zu erreichen. Die Vorderfront des Baus war wegen Renovierungsarbeiten in grobes Sacktuch gehüllt und mit Montagebrettern versehen. Zwei Bauarbeiter saßen im Trockenen auf leeren Farbkübeln und rauchten. Überall lag Gipsstaub, in den viele feuchte Sohlen ihre Muster gezeichnet hatten. Sie stiegen über liegen gebliebene Werkzeuge, Sophia kramte nach dem Schlüssel, öffnete die Eckwohnung im zweiten Stock und trat ein.

Stefan und Sophia Maar stand neben der Klingel.

Nora strich ihre Turnschuhe auf der Fußmatte ab und ging hinter Sophia hinein. Die Wohnung war dunkel, alle Vorhänge gezogen. Es roch leicht abgestanden, als wären die Räume eine Weile nicht mehr gelüftet worden. Der farbige Flickenteppich im Gang schien neu zu sein und Nora erinnerte sich genau so einen kürzlich in einer Werbung gesehen zu haben. Die Einrichtung bestand aus hellen Ikea-Möbeln. Überall standen Pflanzen; ein Dutzend winzige Kakteen in Miniaturtöpfchen auf dem Fenstersims, zwei Palmen neben dem Sofa, ein undefinierbares Riesenblättergewächs beim Esstisch, und von der Decke hing eine Efeupflanze, die von einer Seite des Zimmers bis zur anderen wucherte.

Sophia durchquerte eilig das Wohnzimmer, als wollte sie die ganze Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich bringen. Sie riss die Tür neben dem offenen Badezimmer auf – und erstarrte.

Bestürzung überzog ihr Gesicht. Dann begann sie wild mit ihren Händen zu gestikulieren, packte Nora am Ärmel und zog sie zu einem niedrigen, sechseckigen Glastischchen. Ein paar Bücher waren darauf gestapelt, ein voller Aschenbecher stand daneben und zwei Gläser, in denen noch Reste von Rotwein klebten. Sophia fuhr mit ihren Fingern über die eine Glaskante des Tischs, rieb aufgeregt daran herum, als suchte sie nach Spuren, die eben noch hier gewesen waren, dann starrte sie Nora wie ein aufgescheuchtes Tier an.

„Was ist los, Sophia? Schreiben Sie es mir auf, damit ich es verstehe.“

Doch Sophia griff nicht nach ihrem Notizbüchlein. Sie untersuchte die Glasplatte mit wachsender Verzweiflung, schaute unter den Tisch, betastete den Parkettboden, dann stieß sie einen kleinen, spitzen Ton aus, den ersten, den Nora je von ihr gehört hatte. Sie fegte den Bücherstapel zu Boden und irrte aufgeregt im Zimmer hin und her. Tränen rannen über ihre Wangen.

Nora sah ein zerwühltes Doppelbett, einen Schreibtisch mit Computer drauf und Drucker drunter, sie sah Bücherregale, eine Stereoanlage, daneben eine Reihe CDs, ein Poster von Che Guevara, zwei Pflanzen unter dem Fenster und eine in der Ecke, ein Wandschrank, der offen war und den Blick auf die Kleidung eines sportlichen jungen Mannes freigab – sie sah die Art von Unordnung, die auf unerklärliche Weise etwas Sympathisches an sich hat.

Aber sie sah keine Leiche. Und das schien genau dasjenige zu sein, was Sophia zutiefst beunruhigte.

*

Als Nora sich auf den Rückweg machte, regnete es noch heftiger und der Wind heulte durch die Straßen. Es lohnte sich gar nicht, den Schirm aufzuspannen. Die einzelnen Tropfen waren zu fingerdicken Bindfäden geworden, durch die Nora im Laufschritt eilte. Sie lief zum Hegibachplatz hoch, wo gerade ein 33-er Bus unter spritzenden Wasserfontänen heranbrauste und sprang auf. Sie schüttelte sich wie ein junger Hund und setzte sich neben einen Mann, der mit verkniffenem Gesicht aus dem Fenster starrte. Der Bus fuhr los.

Sie fühlte sich miserabel. Sophia hatte sich nicht helfen lassen wollen. Nora hatte ihr angeboten, einen Anwalt aufzutreiben, sie zur Polizei zu begleiten, dann, einer Eingebung folgend, sie zu einem psychologischen Beratungsgespräch anzumelden. Nein, Nora glaubte nicht an einen Mord. Wo sollte die Leiche denn hingekommen sein? Von mysteriösen Unbekannten weggeschleppt? Am Glastisch, an dessen Kante, wie es schien, Noras Ehemann mit dem Kopf hätte aufgeschlagen sein sollen, waren keine Spuren zu sehen gewesen. Kein Blut, keine Haare, keine Scherben oder Sprünge. Und wenn Sophia wirklich eine Mörderin war, wie sie behauptete, wieso sollte die Leiche dann von jemand anderem weggeschafft worden sein? Hatten sie gemeinsame Sache gemacht? Sophia und ihr Geliebter? Allein schon der Gedanke daran schien vollkommen abwegig. Und wenn Sophia getötet hatte, weshalb hätte sie dann den Toten verschwinden lassen sollen, nur um sich danach bei einer wildfremden Detektivin selbst des Mordes zu bezichtigen? Amnesie? Hatte sie verdrängt, wie sie die Leiche beseitigt hatte? Abgesehen von dieser weit hergeholten Möglichkeit wäre dazu ein erheblicher physischer Kraftakt nötig gewesen. Sophia roch nicht nach Alkohol und machte nicht den Eindruck, unter Drogen zu stehen. Wie Nora es auch drehte und wendete, das Ganze machte keinen Sinn. Die Erklärung, die ihr am wahrscheinlichsten erschien, war, dass Sophia Maar an der Wahnvorstellung litt, eine Mörderin zu sein, warum auch immer.

Deshalb hatte Nora ihr eine psychologische Beratung empfohlen, die Sophia jedoch mit solcher Heftigkeit von sich gewiesen hatte, als wären die letzten Jahre ihres Lebens eine einzige Odyssee durch alle möglichen psychiatrischen Institutionen gewesen.

Sie hatte Nora aus der Wohnung gedrängt und die Tür ins Schloss geknallt. Den verzweifelten Ausdruck in Sophias Augen würde Nora nie mehr vergessen. Sie hatte auf der ganzen Linie versagt, von Anfang an das Falsche getan. Doch was wäre das Richtige gewesen? Was hätte Jan getan, dessen Ruhe und Bedachtheit sie manchmal beneidete, während sie so oft übers Ziel hinausschoss?

Als hätte er ihre Gedanken geahnt, klingelte die Schweizer Nationalhymne in Noras Innentasche. Auf dem Display ihres Handys erschien Jans Namen. Nach dem Kauf ihres neuen Mobiltelefones hatte Nora die verschiedensten Klingeltöne ausprobiert, nur um zu merken, dass unzählige andere dieselbe benutzten, was oft zu komischen Situationen führte. Der Verkäufer hatte ihr geraten, diejenige Melodie zu wählen, die garantiert niemand anders heruntergeladen hatte. Nora hatte ihn mit großen Augen angesehen, worauf der wackere Mann voller Inbrunst „Trittst im Morgenrot daher“ zu singen begann. Und tatsächlich – nachdem sie die patriotischen Töne auf ihr Handy geladen hatte, kam es nie mehr zu Verwechslungen. Allerdings oft zu eigentümlichen Blicken.

„Jan?“, sagte sie, „was gibt’s?“

Seine Stimme hatte einen besorgten Unterton. „Bist du noch bei ihr? Ich wollte nur fragen, wie es läuft.“

„Es war eine kurze Sache. Keine Leiche. Sie hat mich aus dem Haus gejagt, als sie merkte, dass ich ihr den Mord nicht abnahm.“

„Oh, das klingt nicht gut. Warst du vielleicht etwas ungestüm?“

Nora lachte bitter auf. „Streu kein Salz in meine Wunden. Ich war nicht gerade einfühlsam und mache mir schon genug Vorwürfe.“

„Ach, komm, Chef, ich bin sicher, du hast das Bestmögliche getan.“

„Sophia hätte Hilfe gebraucht, und ich konnte sie ihr nicht geben.“

„Aber weißt du, was ich gemacht habe?“

Das hingegen klang mächtig stolz. „Du hast im Internet über Stummheit recherchiert und bist fündig geworden.“

Jan lachte auf. „Und weißt du, was ich erfahren habe? Stummheit kann viele Ursachen haben …“

„Nächster Halt: Fröhlichstraße“, tönte es aus dem Lautsprecher, und Nora sagte: „Ich bin in fünf Minuten bei dir.“ Das Erste, was sie auf Jans Pult entdeckte, war ein Teller voller Krümel und Puderzuckerreste.

„Frau Zwicker war hier!“, rief sie, und das Wasser lief ihr im Mund zusammen. Sie eilte ins Badezimmer, rubbelte ihre Haare trocken, dann hängte sie die tropfende Jacke über die Handtuchstange, zog ihre durchweichten Schuhe und Socken aus und stellte sie auf die Heizung. Mit klammen Füßen schlüpfte sie in ihre Birkenstock-Sandalen. Sie ging in ihr Büro, wo Jan ihre Ration, vier verführerische Vanilleplätzchen mit einer Serviette neben ihrem Computer drapiert hatte. Gierig stopfte sie sich das erste in den Mund.

„Sie sind einfach himmlisch. Man sollte sie heiraten.“

„Die Plätzchen?“

„Die Zwicker.“

Jan lehnte am Türrahmen und lächelte kurz. Er hielt eine Notiz in der Hand, auf der Nora die schnörkelige Schrift ihrer Klientin erkannte. „Heute hat sie folgenden Anruf erhalten. Ich zitiere: Sie werden nicht mehr lange leben, Ihr Ende kommt bald und es wird grausam sein.

„Hoppla“, sagte Nora und schluckte den letzten Bissen herunter. „Seit wann kriegt sie Morddrohungen? Bis jetzt waren es doch nur mehr oder weniger harmlose Sprüche.“

Jan rückte seine Brille zurecht und vergrub seine Hände in den Hosentaschen. „Anfänglich mag es ihr vielleicht noch geschmeichelt haben, der erste Anruf war ja ein schwülstiges Kompliment. Doch mit jedem Mal wird es ärger.“

Ihre Augen sind wie tiefe Bergseen, Ihre Lippen wie blühende Rosen“, erinnerte sich Nora. „Das klang so nach alter Schule, dass ich gar nicht anders konnte, als mir das Lachen zu verkneifen und gleichzeitig die Phantasie einer rüstigen Dame zu bewundern. Als die Inhalte dann immer obszöner und beleidigender wurden, konnte ich mir zwar keinen Reim mehr darauf machen, aber …“

„Aber Ihr Ende wird grausam sein ist nicht mehr zum Lachen“, beendete Jan den Satz.

„Nein, ist es nicht.“

„Dass Täter, ob es sich nun um Gewaltverbrecher oder nur um anonyme Anrufer handelt, die Aggressivität ihrer Aktionen, oder in diesem Fall, ihrer Wortwahl stetig steigern, ist bekannt. Das spricht gegen die Theorie der blühenden Phantasie einer alten Dame.“

„Du hast Recht“, stimmte Nora nachdenklich zu. Anscheinend machte sie den gleichen Fehler immer wieder. Hätte sie Sophia nicht auch Glauben schenken sollen? War die stumme Frau eine Mörderin im Affekt, hatte sich in ihrer Reue und Verzweiflung an eine Detektivin gewandt und die verweigerte ihr nun die Hilfe?

„Du verfügst über eine bessere Menschenkenntnis als ich“, sagte sie.

„Zieh dich nicht runter, Chef. Wir sind doch ein gutes Team. Ich bin für die Gefühle zuständig und du für die Taten.“ Er grinste, doch Nora bemerkte hinter seinen Worten einen traurigen Unterton.

Für sie war er der ideale Partner. Verlässlich bis zur Perfektion, klug und sorgfältig, mit untrüglichem Gespür für ihre Stimmungen, dazu mit Computerkenntnissen ausgestattet, von denen sie nur träumen konnte. Doch sie ahnte, dass er viele Abende einsam verbrachte. Allerdings konnte sie sich da auch täuschen. Nur weil er wenig über sich sprach, hieß das nicht, dass er nicht rauschende Partys feierte und exotische Hobbys pflegte. Obwohl Nora das eher nicht glaubte. Ob er momentan eine Freundin hatte, wusste sie nicht. Sie hatte das Thema einmal angesprochen, daraufhin hatte er geschwiegen und sie so angeschaut, als wäre nur schon die Vorstellung, eine Frau könnte sich für ihn interessieren, völlig absurd. Er war bald neununddreißig, also sechs Jahre älter als sie, und im Gegensatz zu ihrer sportlichen Figur, besaß er nicht gerade das, was man einen schlanken Körper nannte. Nachdem sie ihr Büro eröffnet und es für einige Wochen allein geführt hatte, hatte sie ihn vor drei Monaten per Inserat gefunden – ein arbeitsloser Feinmechaniker ohne detektivisches Vorwissen. Sie war sich sehr schnell sicher gewesen, den Richtigen für den Job zu haben. Etwas Vertrauenswürdiges und zutiefst Ehrliches ging von ihm aus, das hatte den Ausschlag gegeben. Alles andere war erlernbar.

„Du bist ganz woanders, stimmt’s?“, fragte er.

„Entschuldige.“ Nora leckte sich die Zuckerreste von den Fingern und strich die Hände an der Serviette ab. „Wie bist du mit Frau Zwicker verblieben?“

„Ich sagte ihr, sie könne morgen um 16.00 Uhr nochmals vorbeikommen, wir würden eine neue Strategie entwickeln.“

„Neue Strategie. Klingt gut. Woher wir die auch immer nehmen werden. Aber wir kriegen diesen Kerl, das versprech’ ich dir. Ich will, dass die alte Dame wieder in Ruhe schlafen kann.“ Wehmütig fügte sie hinzu: „Auch wenn wir ihre Plätzchen für den Rest unseres Lebens vermissen werden. Und nun zeig mir, was du gefunden hast.“

Sie gingen in Jans Büro, das vollgestopft war mit Büchern, Ordnern, Ablagesystemen, alles übersichtlich aufgereiht und alphabetisch geordnet, aber überfüllt bis unter die Decke. Er hatte das kleinere Zimmer erhalten, fast eine Abstellkammer, mit Blick auf die gegenüberliegende Hausmauer, da er keine Klienten empfangen musste und, wie er sagte, keine Aussicht sondern Wände für seine Regale brauchte. Jan besaß Bücher über Giftpflanzen und Scheidungsrecht, über Waffenkunde, Ahnentafeln und die Verwesungsprozesse im menschlichen Körper, dazwischen standen ein 24-bändiges Lexikon und etliche Wörterbücher. In der Mitte des Schreibtisches glänzte seine neueste Anschaffung, ein schicker neuer Laptop, der in Sekundenschnelle das ausführte, wozu Noras Steinzeitcomputer minutenlang unter ständigem Surren, Flirren und Knacken benötigte. Einsteins e = mc² flimmerte in allen Regenbogenfarben als Schoner über den Bildschirm.

Jan zog einen zweiten Stuhl zum Schreibtisch, setzte sich und rückte etwas zur Seite, so dass sie Platz nebeneinander hatten. Dann drückte er die Eingabetaste, worauf Einsteins Formel verschwand und die geöffnete Website über Stummheit erschien.

„Ich bin auf medizinischen, psychologischen und forensischen Seiten gewesen“, erklärte er. „Sogar auf esoterischen. Du weißt schon, Stummheit als Folge schlechten Karmas und so. Doch diese hier scheint mir am seriösesten und ausführlichsten.“

Nora studierte die Überschriften.

Stummheit nach einem Unfall bzw. Mund-Rachen-Verletzung

Stummheit bei Krankheit / Kehlkopfkrebs

Stummheit bei Gehörlosigkeit / Gebärdensprache

Stummheit nach psychischem Trauma / Traumatherapie Angeborene Stummheit

„Nummer Vier“, sagte sie.

„Ja, eben da war ich. Es wird dich interessieren.“

Er klickte die vierte Überschrift an, und es erschien eine lange psychologische Abhandlung, die an den Rändern mit Bildern versehen war. KZ-Überlebende, Opfer von Naturkatastrophen und Verbrechen, kleine Kinder, die mit großen, leeren Augen ihre Teddys an sich drückten.

Nora las:

Stummheit kann viele Gründe haben. Können medizinische Ursachen – Unfall, Krankheit, angeborene sprachliche Fehlentwicklung – ausgeschlossen werden, muss von einem psychischen Trauma ausgegangen werden. Ein Trauma ist eine akute, schwere Überlastung des Zentralnervensystems. Ist das psychische System traumatisiert, reagiert der Körper, in dem er auf das „Notprogramm“ umstellt, Gefühle, Gedanken und die Motorik blockiert zu Gunsten der überlebenswichtigen Organe. Dieser Zustand der „gefrorenen Gefühle“ kann Tage, Wochen oder Monate dauern. Etwa ein Drittel der Betroffenen ist psychisch in der Lage, ein traumatisches Erlebnis einigermaßen unbeschadet zu überstehen. Ein zweites Drittel leidet sporadisch unter posttraumatischen Symptomen (siehe PTSD). Das letzte Drittel lebt nie mehr wie zuvor, Denken, Fühlen und Handeln bleiben auf Dauer gestört. Besonders bei dem noch unreifen kindlichen Gehirn – im Bereich Zwischenhirn und Mandelkern (siehe Hippokampus / Amygdala) – können seelische Eindrücke tiefste Spuren hinterlassen. Als Traumata gelten das Erleben oder Beobachten von körperlichen, seelischen und sexuellen Misshandlungen, Vernachlässigung, die Bedrohung von Leib und Leben, wie Naturkatastrophen, Mord, Vergewaltigung, Krieg, etc. Ein Trauma ist selbst dann eine psychophysische Erfahrung, wenn das traumatische Ereignis dem Körper keinen unmittelbaren Schaden zufügt.

Es folgten Beispiele von Vietnamveteranen und Holocaustopfern, dann autobiografische Berichte von Zeugen und Überlebenden der Terroranschläge des 11. Septembers 2001 und der Tsunamikatastrophe 2004 in Südostasien. Weiter unten las Nora:

Posttraumatische Belastungsstörungen (siehe PTSD), wie sie im ICD 10 und DSM IV beschrieben werden, können unter anderem folgende Reaktionen und Spätfolgen auslösen:

Angstzustände und erhöhte Schreckhaftigkeit

Alpträume und Schlafstörungen

häufiges, intensives Wiedererleben (flashbacks) des Traumas

Vermeidung von Reizen, die mit dem Trauma zu tun haben

Gefühle von Empfindungslosigkeit, Einsamkeit, Entfremdung

Konzentrations- und Leistungsstörungen

Beeinträchtigung der Wahrnehmung der Umwelt, des eigenen Körpers, der eigenen Gefühle

somatische Folgen wie chronische Schmerzen

Amnesie

Stummheit

Jeder einzelne Punkt war weiter unten ausführlicher beschrieben. Nora klickte auf Stummheit und erfuhr, dass während eines Traumas die Aktivität der linken Hirnhemisphäre zurückgehe, insbesondere der Teil der Sprachverarbeitung, was zu vorübergehender Unfähigkeit, Worte zu formulieren, bis, in seltensten Fällen, dauerhafter Verstummtheit führen könne. Sie las die Geschichte eines türkischen Jungen, der nach einem Erdbeben acht Tage lang in einem verschütteten Keller überlebt hatte und nachdem er gefunden wurde, seine Sprache verloren hatte und sich im Folgenden nur noch schriftlich, mit Kreide und einer kleinen Schiefertafel, die er stets auf sich trug, verständigte.

„Wir wissen nicht“, gab Jan zu bedenken, „ob Sophia wirklich aus psychischen Gründen verstummt ist. Wir kennen sie ja kaum.“

„Glaubst du an einen Unfall oder Kehlkopfkrebs, wenn du sie so vor dir siehst?“

„Eigentlich nicht. Aber wir sollten keine voreiligen Schlüsse ziehen. Bis jetzt wissen wir nichts über sie, außer dass sie sich für eine Mörderin hält, die dir, so wie es aussieht, die Leiche ihres Mannes zeigen wollte, diese aber verschwunden war.“

Nora stand auf. „Ich werde sie anrufen. Sie braucht Hilfe.“

„Sophia nimmt vermutlich kein Telefon ab.“

„Aber ihr Mann. Wenn er noch lebt.“

*

Die Dunkelheit war durchdringend. Kalt und still wie in einem Grab. Ihr flattriger Atem war das einzige Geräusch hier unten. Es roch muffig. Nach alten Kleidern, feuchten Decken, Mottenkugeln. Sie kauerte in einer Ecke. Ihre Finger hielten die raue Holzlatte umklammert, spitze Späne bohrten sich in ihre Haut. Taptaptap. Was war das? Schritte? Sie hielt den Atem an, machte sich klein, ganz klein. Taptaptap. Ein Schweißtropfen löste sich von ihrer Stirn, perlte hinunter und blieb an den Wimpern hängen. Sie spürte ein flinkes Wesen mit acht Beinen über ihren Unterarm krabbeln, über ihre Härchen klettern, sich abseilen, verschwinden. Das Klopfen des Herzens dröhnte in ihrem Kopf. Ihre Zähne pressten die Zunge zusammen, sie fühlte den dumpfen Schmerz, schmeckte ihr Blut. Lauschte. Sie hatte Angst, quälende Angst. Und das war gut. Angst war die Strafe für ihre Schuld. Die Sühne für ihre Tat. Sie war ein Monster. Taptaptap, jetzt leiser. Sie wagte keine Bewegung. Ihre Waden waren eingeschlafen, ihre Füße taub. Die Schritte entfernten sich, die Stille kam zurück, ihre Lunge entließ den angehaltenen Atem. Ihre Augen starrten ins Dunkel.

*

Gegen vier Uhr hatte sich Nora durch einen Berg Papierkram gearbeitet, die Nummer von Sophia und Stefan Maar herausgesucht, zweimal angerufen, ohne dass jemand ans Telefon gegangen wäre, und nun wollte sie Schluss machen für heute. Sie schickte Jan nach Hause. Dann verstaute sie ihre Champ wieder im Küchenschrank, löschte das Licht, verließ ihr Büro und stieg die Treppen ins vierte Stockwerk hoch.

Wieder einmal dachte sie, wie praktisch doch ihre Wohn- und Arbeitssituation war. Seit fünf Jahren lebte sie nun in der Mansarde in diesem alten Haus in der Seefeldstraße. In wenigen Minuten war sie zu Fuß am See, wo Enten schnatterten, Möwen kreischten, wo schattige Bäume, Bänke an den Wegen und große Steine direkt am Wasser zum Verweilen einluden. Wo im Sommer Eisverkäufer und im Winter Marronihäuschen lockten. Wo am Morgen früh die große Stille zu finden war – bevor sonnenhungrige Frisbeespieler, Bob Marley hörende Kiffer, gelangweilte Mütter mit kreischenden Kindern und Teenies mit ratternden Skateboards in Massen einfielen und Berge von Abfall hinterließen.

Als die Wohnung in der ersten Etage vor einem halben Jahr frei geworden war, kaum dass sie sich entschieden hatte, sich als Detektivin selbständig zu machen, war das wie ein Geschenk des Himmels gewesen. Sie mietete sie sofort dazu, und da das Haus nicht, wie die meisten im teuren Seefeldquartier, renoviert worden war, war das Ganze bezahlbar. Im Gegensatz zu ihrer Mansarde, die aus einem einzigen Zimmer mit Kochnische und kleinem Bad bestand, verfügte ihr Büro über zwei Zimmer, einen großzügigen Eingangsbereich, der Platz bot für eine Garderobe und zwei rote Sessel für die Kundschaft, sowie ein Badezimmer. In der Küche, die den Namen auch verdiente, bekochte Jan sie ab und zu. Nora vermutete, dass er sich Sorgen um ihre Gesundheit machte, weil sie sich allzu oft von Tiefkühlpizzas und Sandwiches ernährte. Sie hatte ihren neuen Arbeitsort zweckgemäß und dennoch behaglich eingerichtet und voller Stolz das Schild Nora Tabani & Jan Berger, Privatdetektive. Ermittlungen und Nachforschungen an der Haustür neben dem Aushangsschild Salon Gaby angebracht.

Gaby, die ihren Friseursalon im Untergeschoss führte, üppig geschminkt, mit pechschwarz gefärbten langen Haaren und glitzernden Klunkern an den Ohren, hatte Nora damals misstrauisch angeschaut: „Detektivin bist du? Schleichst du etwa untreuen Ehemännern hinterher?“

Wie Gaby mit Nachnamen hieß, wusste niemand im Haus, vermutlich nicht einmal sie selber. Das ganze Gebäude roch nach Rauch, Bleich- und Färbemitteln, denn Gaby weigerte sich, die Fenster zu öffnen – , ihre rauchenden, dauergewellten Kundinnen könnten sich ja erkälten – , und entließ ihre Gerüche ins Treppenhaus. Alle Bitten der Hausbewohner nach reiner Luft verpufften buchstäblich im Haarspray. Die Atmosphäre war deswegen unter den Mietern immer frostiger geworden, so dass sich Nora vor zwei Wochen geopfert hatte, aktiv etwas für den Hausfrieden zu unternehmen: Sie meldete sich für einen Haarschnitt an. Ihre braunen Haare wurden kurz und bündig geschnippelt, strähnig gezupft und hellblond gebleicht. Es sah nicht einmal schlecht aus, Gaby verstand ihr Handwerk, doch Frieden brachte es natürlich nicht.

Mario und Giovanna Cavallo vom dritten Stock hatten Nora mit ihrer neuen Frisur kaum erkannt und Fräulein Schneider – sie hingegen schien keinen Vornamen zu besitzen und bestand auf dem „Fräulein“ – von der zweiten Etage hatte, als sie Nora mit dem frischen Haarschnitt sah, nur gemurmelt: „Blond. Auch Sie.“

Nora öffnete ihre Wohnung und trat ein. Ihr erster Blick galt wie immer Gregor.

„Hallo, mein Lieber“, sagte sie.

Das grün-gelbe Chamäleon, das sich je nach Lust und Laune mal schriller, mal dezenter färbte, starrte reglos vor sich hin. Im Moment war Gregor ockerfarben, um die Nasenhöcker etwas heller.

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