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Stürzt die Götter vom Olymp

Impressum

Mit Beiträgen von Konstantin Wecker, Asteris Kutulas und Stephan Kaufmann sowie 50 Fotos des Autors

ISBN 978-3-8412-0774-6

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Aufbau, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet.

Einbandgestaltung hißmann, heilmann, hamburg

unter Verwendung eines Motivs von © NOHH/VISUM

E-Book Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig, www.le-tex.de

www.aufbau-verlag.de

DIE ERSTE REISE:
ALL-INCLUSIVE-PLUS IM PARADIES

Im Reiseführer hatte ich gelesen, dass Griechen gegen 14 Uhr Mittag essen. Doch in den Touristenhochburgen gilt diese griechische Zeitrechnung wahrscheinlich nicht mehr, denn als ich um 13 Uhr im großen Speisesaal des 5-Sterne-Hotels »Oceania Club« in Nea Moudania einen freien Tisch suche, schleppen die weiß und blau gekleideten Kellnerinnen und Kellner schon schwere Tabletts mit oft noch halbvollen Tellern und Gläsern im Slalom durch die eng gestellten Tische und schütten Fleisch und Fisch, Salat und Spaghetti in die Abfalltonnen, gießen Wein und Bier in den Ausguss, wischen die Tische ab, legen neue Deckchen, Teller und Bestecke wie in einem Nobelrestaurant millimetergenau nebeneinander und bringen im Laufschritt neues Bier, neuen Wein und neues Wasser für die neuen Gäste.

Küchenjungen füllen ständig die in der Mitte des Restaurants stehenden Desserttische mit fettigen Torten und Törtchen, buntverzierten dickbäuchigen Marzipanschweinen, honignassem Kuchen, sahnigem Eis und Schokosoße auf.

Regelmäßig schreitet der Küchenchef die 25 Meter lange Front der aufgebauten Speisen ab. Dabei würdigt er die Gäste keines Blickes, schaut nur mit Argusaugen auf das Büfett und bewegt sich so gerade und bedächtig, dass seine sehr hohe weiße Mütze nicht einen Zentimeter ins Wanken gerät. Im Laufen zwirbelt er die linke Seite seines schwarzen Bartes, rückt drei Salatschüsseln gerade, zupft das andere Ende seines Bartes, legt zwei Löffel neben die Pfanne mit gebratenen Rosmarinkartoffeln, glättet die linke Seite des Bartes, ordnet die Kuchenstücke symmetrisch und streicht über das rechte Bartende.

Der stolze Grieche scheint zufrieden mit sich und dem Büfett, auf dem wahrscheinlich alles zu finden ist, was ausländische Touristen in Griechenland essen möchten: pürierte Tomatensuppe oder cremige Champignonsuppe. In Scheiben geschnittene Gurken, Tomaten, Möhren, Rote Bete, Zwiebeln und Rettiche. Blätter von Rucola, Endivien, Minze und Kopfsalat. Schalotten von Zwiebeln und Stängel von Dill. Gebratene Zucchini und gefüllte Paprika. Spaghetti mit Sauce Bolognese. Putenfilets gegrillt mit Pilzen und Zwiebeln, Putenfilets gebraten mit Kartoffeln und Tomaten, Putenfilets gedünstet in Möhren und Erbsen. Rindfleischwürfel und Leber mit grünen Bohnen. Hackfleischklößchen, gebratene Auberginen und verschieden belegte Pizzen. Gebratene Würstchen, gegrillte Fische und Hähnchenschenkel in Sahnesoße …

Nur Gyros fehlt. Und der Knoblauch im Tsatsiki!

Ich grüße den Küchenchef leise: »Kalimera – Guten Tag.« Er beugt Kopf und Mütze zu mir hinunter und lächelt. Als ich wie ein kleines Kind den großen Mann an seinem weißen weiten Kochärmel bis zur Tsatsiki-Schüssel ziehe und ihm, indem ich tief Luft hole und kräftig durch die Nase atme, klarmachen will, dass Knoblauch fehlt, versteht er mich nicht. Er geht in die Küche, schüttet Joghurt nach. Ich imitiere Essbewegungen und hauche ihn an. »Knoblauch fehlt!« Er gießt Olivenöl dazu. Und wartet, bis ich mein Wörterbuch vom Tisch geholt habe. »Skordo – Knoblauch.« Er schüttelt den Kopf. Hier würden keine Griechen essen. Nur Angli, Jermani und Europai. Deshalb macht er Tsatsiki ohne Knoblauch.

Ein Kellner fragt mich in gebrochenem Deutsch: »Beer? Wein? Wosser?« Weil ich noch nicht weiß, ob ich Fleisch oder Fisch esse, bestelle ich Rosé. Er bringt mir einen halben Liter Roten. Hier ist alles inklusive. »Trinken und Essen in Griechenland, so viel Sie wollen und so viel Sie können!«, hatte der deutsche Reiseprospekt für den All-inclusive-plus-Aufenthalt im »besonders familienfreundlichen« 5-Sterne-Hotel geworben. Das Plus: Der Zimmerkühlschrank wird täglich kostenlos mit Bier, Wein, Saft und Wasser aufgefüllt. Den Flug hinzugerechnet, kostet der Luxus am Ägäischen Meer für eine Aprilwoche knapp 500 Euro.

Ich nehme gebratene Zucchini und gegrillten Fisch. Als ich mir Obst hole, stellt der Kellner, obwohl meine erste noch nicht leer ist, eine zweite Karaffe Wein auf den Tisch. Beim Zurückgehen verfolgt ihn ein Trupp von »hands up« schreienden Kindern, die sich, mit ihren Spielgewehren zwischen den Tischen Deckung suchend, bekämpfen und arbeitende Kellner und essende Touristen gleichermaßen erschießen. Dutzende Tote. Jeder wird von den Kindern bejubelt. Und die Eltern lächeln.

Ich zwinge mich, aus dem Fenster zu schauen. Unten am Pool sind die Stühle nicht mit Reservierungshandtüchern belegt. Auf die Wasserfläche regnet es Blasen.

Am Nachbartisch sagt ein vielleicht 50-jähriger Mann in gelbem Diesel-T-Shirt: »Nu sparen die Griechen sogar schon mit ihrer Sonne.« Und schlägt mir vor: »Machen wir heute also einen Bartag und trinken zusammen ein paar Whisky.«

Vielleicht gehe ich mit, weil diese Reise auch bei Lidl angeboten wurde und mir eine befreundete Reiseunternehmerin prophezeit hatte: »Bei Lidl kaufen und buchen vor allem die sozialen Unterschichten. Du wirst im Hotel interessante Leute treffen, die sich zu Hause solch einen All-inclusive-plus-Exklusivurlaub nie leisten, aber gute Geschichten erzählen können.«

Der Diesel-Mann gehört, wie er sagt, nicht zu den sozialen Unterschichten und kennt auch keine guten Geschichten. Er ist Busfahrer bei der BVG. Aber er weiß, wie man sich an einer Bar, an der es eigentlich keinen Platz mehr gibt, doch noch einen Platz erkämpft. Man schiebt zwei Hocker mitsamt den darauf Sitzenden auseinander. Bevor wir einen Whisky trinken, verlangt er, dass der Kellner, der trotz seines kurzgeschorenen Kopfes noch wie ein Kind aussieht, ein Radler, »aber mit viel Bier«, bringt. Der Kellner fragt: »Please, Mister?« Der sagt nun sehr laut: »Nu, Bier und Brause zusammenschütten, ein Radler!« Der Kellner versteht ihn immer noch nicht. Mein Nachbar schreit: »Wenn wir im Urlaub unser Geld hierherbringen, damit ihr eure Schulden bezahlen könnt, dann lernt dafür wenigstens die Namen von deutschen Getränken.«

Ich versuche zu vermitteln, doch der Kellner versteht auch mein bruchstückhaftes Griechisch nicht. Auf Englisch erklärt er dann, dass er kein Grieche, sondern ein Lette ist. Und ergänzt, erfreut auf mein Russisch reagierend: »Die wenigsten Kellner hier sind Griechen. Die meisten kommen aus Rumänien, Litauen, Georgien und Lettland. Wir sind für den griechischen Besitzer nur halb so teuer wie seine arbeitsuchenden Landsleute. Polowina! Polowina! – Hälfte! Hälfte!«

Statt Whisky trinke ich einen Wodka. Der Kellner bringt mir sto Gramm.

Obwohl mich der gelbe Diesel-Mann, der nach dem Whisky noch Sekt mit Curaçao bestellt, zurückhalten will, ziehe ich meine Windjacke an und gehe hinaus in den Regen.

140 Stufen hinunter bis zum dunklen, still ruhenden Meer. Vom Rand der Sonnenschirme, die am Sandstrand in Reih und Glied stehen, tropft der Regen. Ich atme den frischen Geruch des Meeres, der sich mit dem süßen Duft von großen Kakteenblüten mischt, und genieße die Stille und die Einsamkeit. Weit entfernt bückt sich ein alter Mann in knielangen Hosen nach lebenden Muscheln. Es sieht aus, als ob er sich vor dem Meer verneigt. Die Wolken verharren ruhig über der Wasserfläche. Kein noch so schwacher Wind reißt ein Loch in das Grau. Und die weiß-blaue griechische Nationalflagge hängt als nasser Lappen reglos zwischen Eukalyptusbäumen. Die Schwalben fliegen tief.

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No Parking vor dem »Oceania Club«

Ich laufe durch das regenwarme, salzige Uferwasser, das die Füße nur behutsam umspielt, und bin – anders zwar, denn ich rechnete mit Sonne – an der griechischen Ägäis angekommen. Während mir der Regen vom Kopf ins Genick rinnt und von dort unter meine Jacke, erinnere ich mich an jenes erst vier Wochen zurückliegende Gespräch im Dönerladen unseres Dorfes Dietzhausen. Es war entscheidend, dass ich spontan nach Griechenland gefahren bin.

Ich hatte Ercan, den Pächter des Dönerladens, wie immer mit »Merhaba« gegrüßt. Wir kennen uns schon lange. Auch die zwei Männer, die am Stehtisch gebratene Nudeln mit Ei löffelten, kannte ich. Der Jüngere, vielleicht 30-Jährige, ist Computerspezialist. Zurzeit ohne Job. Hartz-IV-Empfänger. Der Ältere arbeitet, obwohl er schon Rente bekommt, noch stundenweise in einer Suhler Metallbude. Er erwiderte lachend und überdeutlich: »Guten Tag! In Deutschland – und Dietzhausen gehört zu Deutschland – wird deutsch gegrüßt! Außerdem spricht Ercan wahrscheinlich besser Hochdeutsch als du.«

Der Jüngere nickte und lobte den Türken: »Der redet anständig und arbeitet fleißig wie ein Deutscher. Hast dir die Deutschen zum Vorbild genommen, Ercan?«

Der zuckte, als würde er die Frage nicht verstehen, mit den Schultern und schenkte uns zur Begrüßung Apfeltee ein. Nach dem ersten Schluck sagte der Rentner: »Wenn wir in Griechenland, der Türkei, Portugal und den anderen südeuropäischen Ländern was zu sagen hätten, gäbe es in der EU keine faulen Schmarotzer mehr. Im Café sitzen, in der Sonne liegen, Siesta machen, nicht arbeiten, aber gut leben wollen. Nee!«

»Die Türkei ist nicht in der EU«, widersprach Ercan. »Wir haben unser Land bisher vor der Finanzkrise bewahrt. Die Griechen dagegen waren immer ein Volk von Sklaven, das erst viele Jahrhunderte von uns Türken regiert wurde und heute von der EU.«

Der Rentner ergänzte: »Doch diese Griechen arbeiten weniger als wir Deutschen, verdienen aber mehr und bekommen mehr Urlaub als unsereiner. Sie zahlen keine Steuern, gehen jedoch früher als wir in Rente.«

Ich fragte, woher er das alles so genau weiß. Er schlug die BILD auf, die Ercan täglich für seine Gäste auslegt. »Nein, heute steht mal nichts über die Pleitegriechen drin. Aber sonst …«

Als ich die Worte des Rentners bezweifelte, sagte der Computerexperte, dass ich die Fakten nachlesen könnte. »Schwarz auf weiß. Musst im Internet nur unter ›Griechenland – Schulden‹ oder ›Griechenland – Meinungen‹ googeln.«

Am nächsten Tag las ich unter https://community.t-online.de/community/forum/na1/2/griechenland:2D:krise.

»Deutscher Bürger«: »Sollen die undankbaren Griechen doch ihre Götter um Hilfe bitten. Ich mache keinen Urlaub mehr bei diesem Göttervolk, sollen die doch verhungern mit ihrer Undankbarkeit.«

»Kritiker«: »Undank ist der Griechen Lohn und Deutschlands Grab!!!!!! Jagt sie aus der EU und lasst sie wursteln wie sie wollen, vielleicht wollen sie eine Provinz der Türken werden, mit Zypern haben sie ja geübt.« (131 Unterstützer der Meinung, 13 Ablehnungen)

»Deutscher«: »wen kümmern überhaupt diese kleinen olivenbauern??? stehen ständig auf der strasse rum und verbrennen deutsche fahnen anstatt zu arbeiten.«

»Steuerzahler«: »- Hilfe einstellen,

- bereits gezahlte Gelder umgehend zurückfordern,

- aus EU werfen,

- Griechen in Deutschland höher besteuern,

- zu keinem Griechen mehr essen gehen,

- nicht in Griechenland in Urlaub fahren,

- keine Waren aus Griechenland kaufen usw.« (117 Unterstützer, 14 Ablehnungen)

»Niko«: »Liebe deutsche Bürger, eins solltet ihr nicht vergessen, dass der ganze Globus den Griechen vieles zu verdanken hat. Die Geschichte. Schreiben. Lesen. Ohne dies Wissen würden viele Völker noch in den Wäldern leben.« (Nur 5 Unterstützer, 37 Ablehnungen)

»Euroskeptiker«: »Schmeißt sie endlich raus, die Gyrosfresser!! Erst Bilanzen fälschen, dann Milliarden unserer Steuergelder kassieren, und jetzt wird Deutschland permanent verunglimpft. Fahren Sie mal in Urlaub und hören Sie sich das Geschwätz der Leute an gegenüber denjenigen, die Jahrzehnte das Geld in den Tourismus reingeschleppt haben. Undankbares Pack.«

»Bobi«: »Ich arbeite in einem Reisebüro und werde jedem Kunden abraten in dieses Land zu fahren und das Volk damit zu unterstützen. Raus mit denen aus der EU.«

Am übernächsten Tag buchte ich den Flug nach Thessaloniki und das »all inclusive plus«-Hotel in Nea Moudania.

Beim Abflug in Berlin-Schönefeld hatte ich mich heute früh nicht in die Warteschlange eingereiht, sondern bin als einer der Letzten zur Sicherheitsschleuse gegangen. Eine junge Frau mit schwarzen Haaren und schwarzen Augen wies mir den Weg durch das Labyrinth der aufgestellten Absperrbänder. Als ich vor der Kontrolle meine Wasserflasche austrank und sie in den übervollen Behälter warf, winkte die Frau einem strohblonden Jungen, der mit aufgehucktem Rucksack an der Eingangstür der Halle wartete, und drückte, damit er geradewegs zur Sicherheitskontrolle gehen konnte, die Labyrinth-Absperrung zur Seite. Er füllte den Rucksack mit Plasteflaschen, nickte der Frau dankbar zu und lief wieder hinaus. Sie brachte die Absperrbänder in die alte Ordnung. Auf ihrem Namensschild an der Dienstjacke stand »Salmar«, und ich fragte, ob sie aus Ägypten kommt.

»Nein, aus Jordanien.«

»Und der Junge mit dem Rucksack?«

»Aus Poland. Er hat keinen Job und holt immer, wenn ich hier stehe, die leeren Plasteflaschen.«

»Darf er das?«

»Das weiß ich nicht. Aber die Menschen, die fremd sind in Deutschland, müssen einander helfen.«

Sie fragte, wohin ich fliege, und als ich ihr mein Ticket zeigte, meinte sie, dass die Griechen in ihrer Heimat jetzt vielleicht noch schlechter dran sind als arbeitslose Polen in der Fremde. Und wünschte mir einen guten Flug.

Die Stewardessen geizten nicht mit freundlichen Begrüßungsworten. An allem anderen aber wird bei der griechischen – nein, es ist eine englische – Billigfluggesellschaft rigoros gespart. Sogar Wasser erhält man wie alle anderen Getränke, die man bei der Sicherheitskontrolle abgeben musste, nur gegen horrende Bezahlung. Ich saß an einem Notausgang, und der Steward erklärte mir, mit welchem der großen Hebel ich bei einer Notlandung zu Wasser oder zu Lande den zweiten Griff drücken muss, damit die Türblockierung aufgehoben wird und ich mit viel Kraftanstrengung die erste Klappe öffnen und dann die Tür zur Seite drücken kann. Ich verstand nichts, aber in der Nachbarreihe saß ein schwarzbärtiger Pope in einer dunkelbraunen Kutte und studierte, schon angeschnallt, andächtig ein hoffentlich heiliges Buch. Obwohl ich vor der Reise gelesen hatte, dass die griechisch-orthodoxen Popen in Griechenland vom Staat bezahlt werden, hoffte ich, dass dieser Pope trotzdem noch eine Verbindung zum Himmel hat und ich die Notausgangsklappe nicht öffnen muss.

Nachdem die Stewardessen Bier, Wein, Hamburger, Snacks, Schweizer Uhren, amerikanische Zigaretten, irischen Whiskey und deutsches Wasser verkauft hatten, landeten wir sicher.

Der April soll in Griechenland bei blauem Himmel schon 25 Grad warm sein, doch Thessaloniki empfing uns mit schwarzen Wolken und deutschen 10 Grad. Der Reiseleiter stellte, nachdem ich mich als erster ankommender Tourist bei ihm gemeldet hatte, sein »Schau-ins-Land«-Schild vorerst in die Ecke, bestätigte, dass es in Griechenland im April normalerweise schon wärmer ist, und fügte lakonisch hinzu: »Doch was ist in Griechenland heute noch normal?« Nach der Saison werde er z. B. arbeitslos sein und in den folgenden Monaten keine staatliche Unterstützung erhalten.

An der Auffahrtsstraße zum Terminal standen Autos im Halteverbot. Doch bevor die dort ständig patrouillierenden Polizisten Strafzettel schrieben, pfiffen sie sehr laut und sehr lange vor den falsch parkenden Autos mit ihren Trillerpfeifen. Verkehrssünder, die daraufhin in olympiaverdächtigem Tempo zu ihrem Wagen sprinteten, gingen straflos aus. Wer allerdings zu langsam war, so dass die Polizisten schon zu schreiben begonnen hatten, konnte sie am Strafvollzug nur noch hindern, indem er ihnen ein Scheinchen zusteckte.

In der Ankunftshalle hingen Suchplakate mit Fotos von Kindern aus orientalischen, asiatischen und afrikanischen Ländern. Der Reiseführer erklärte mir, dass es Kinder von Familien sind, die über Griechenland nach Mitteleuropa emigrieren wollten. »Sie haben ihre Kinder hier nicht verloren. Die meisten von ihnen wurden in Griechenland entführt, und die Eltern hatten keine Chancen, sie zu suchen, denn sie mussten als Flüchtlinge weiterziehen.«

Weil der Reiseleiter noch auf die nächste Maschine mit Touristen aus Deutschland wartete, verließ ich das Gebäude und atmete trotz der Kälte den Duft der schon grünen Wiesen und der an den Bäumen hängenden Orangen und Zitronen ein.

Die Fahrt im Kleinbus nach Nea Moudania führte durch die hässlichen Außenbezirke von Thessaloniki. Baubetriebe, Betonhochhäuser, Lagerhallen, Autoreparaturwerkstätten und Schrottplätze verschandelten die Landschaft. Aber der griechische Himmel sah, betrachtete man ihn durch die obere Hälfte der Frontscheibe des Busses, auf der ein blaues Farbraster klebte, nicht mehr pessimistisch grau aus, sondern erstrahlte im touristenfreundlichen, optimistischen Blau. Und auf einem der grünen Hügel stand eine schlossähnliche Fabrik, die Ouzo und den geharzten Wein Retsina herstellt.

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Die Bienenwaben des »Oceania Clubs«

Nach einer knappen Stunde erreichten wir in Nea Moudania die Ferienanlage »Oceania Club«: mehrere langgestreckte dreigeschossige Blocks, die neben- und hintereinander auf einem zum Meer hin abfallenden Hang stehen. Sie ähneln mit jeweils 50 bis 60 »Einfluglöchern« riesigen Bienenwaben. In der Mitte der Anlage befindet sich ein schmaleres, aber höheres Haus mit Rezeption, Restaurants, Bars, Fitnessräumen, Sauna und Schwimmbad.

An der Rezeption begrüßte mich eine Frau auf Deutsch: »Willkommen im schönen Griechenland!«, und servierte mir unaufgefordert Prosecco. Danach rief sie einen uniformierten Boy, der mich und meine Tasche auf einem Elektrokarren in großen Kurven um die Blocks zu meinem Zimmer kutschierte. Kaum hatte ich ausgepackt, musste ich mich sputen, um zum Mittagessen in den Speisesaal zu kommen.

Leider sind die Gebäude, obwohl man sie den Hang hinauf gebaut hat, nicht wie ein antikes Amphitheater so angeordnet, dass man von überall die Bühne der Handlung, also das Meer, sieht. Auch mir versperrt der vordere Block die Sicht auf das Meer, und weil ich es wegen der gepriesenen Familienfreundlichkeit des Hotels, sprich lärmender Kinder, vom Balkon auch nicht hören kann, gehe ich noch einmal hinunter.

Es hat inzwischen aufgehört zu regnen. Unterwegs erklingt aus einem kleinen Restaurant griechische Musik. Ich frage ein deutsches Ehepaar, das davorsitzt, ob man auch dort wie in dem riesengroßen zentralen Speisesaal »all inclusive plus« essen und trinken kann.

Nur mittags und nachmittags, erklärt mir die Frau. Um abends einen Platz zu erhalten, muss man sich drei Tage zuvor schon am Morgen anmelden. Genau wie für einen Platz in dem italienischen oder dem asiatischen Restaurant, die zum »Oceania Club« gehören.

Ich »spendiere« den freundlichen Informanten roten Wein und mir einen Ouzo ohne Eis.

Die beiden leben im bayerischen Weiden. Die Frau arbeitet noch einige Stunden als Pflegerin, er ist seit kurzem Rentner und erholt sich, wie er sagt, von seinem »anstrengenden Job im Finanzamt der Weidener Stadtverwaltung«.

Anscheinend ist ihm dieser Gesprächsbeginn im Land der akuten Finanzkrise nicht angenehm, denn er relativiert seine Arbeit im Finanzamt sofort. »Wir hatten natürlich keinen Einfluss auf die Spekulationen und die Krise des Euro. Wir kontrollierten nur – was in Griechenland wahrscheinlich nicht geschieht –, ob die kleinen Leute ihre Steuern ordentlich bezahlt haben. Und das machten wir sehr gründlich. Für die großen Finanzhaie waren wir nicht zuständig.«

Doch er möchte im Urlaub nicht über Geld und Politik sprechen.

Sie sind das zweite Mal in Griechenland und wollen sich Klöster und die antiken Stätten anschauen. Vor zwei Tagen haben sie Kassandra besucht, jenen Ort auf Chalkidiki, der nach dem König Kassandros (dem Gründer von Thessaloniki) benannt worden ist. »Nein, nicht nach der legendären Weissagerin, die in die Zukunft schauen und das Unheil voraussagen konnte«, erklärt der Ex-Finanzer. Und nun spricht er doch über Politik und den Brocken von 303,9 Milliarden Euro Schulden, der Griechenland, weil es sehr viel ärmer als das mit 2 166,3 Milliarden Euro verschuldete Deutschland ist, schmerzlich auf die Füße fallen wird. »Vor allem den Ärmeren. Die sind zwar nicht schuld an den Schulden und dem griechischen Elend, müssen aber wie immer alles ausbaden. Das Geld haben die Großen geklaut, versteckt und ins Ausland verschoben.«

Der Finanzbeamte glaubt nicht, dass Kassandra jetzt weissagen könnte, wie und ob die Griechen die Tragödie beenden werden. »Mit solch einer Prognose wäre sie heute wahrscheinlich überfordert.« Inzwischen gäbe es in Politik, Medien und Wissenschaft Hunderttausende falsche Seher, die den Menschen, damit sie manipulierbarer sind, entweder Angst machen oder ihnen im gleichen Atemzug das Paradies auf Erden versprechen würden.

Eine Weissagung traut er sich trotzdem zu. »Irgendwann wird das griechische Elend auch in Deutschland ankommen. Dann können die Leute ihre Häusle-Kredite nicht mehr bezahlen, und die Löhne und Renten werden nicht mehr zum Leben reichen.«

Von der naheliegenden Poolbar übertönen Lachen und russische Flüche die griechische Musik. Drei Männer diskutieren mit dem Kellner hinter dem Tresen, dass er den Wodka nicht in kleine Gläser füllen, sondern ihnen eine volle Flasche geben soll.

Einer von ihnen zeigt zum dunklen Wolkenhimmel und klopft sich mehrmals mit dem Zeigefinger gegen die Gurgel. »Tschto delat pri takoi plochoi pogode? – Was machen bei diesem schlechten Wetter?«

Der Grieche hinter der Theke versteht sie, rückt aber keine Flasche heraus. Er füllt ihnen lediglich die Saftgläser randvoll. Der Barkeeper ist vielleicht 25 Jahre alt, heißt Manos und lacht, als er mir sagt, dass er halb ein Grieche und halb ein Deutscher sein möchte. »Vom Griechen das Herz, vom Deutschen den Kopf. Griechen fühlen mehr, und Deutsche denken mehr.« Zuerst hat er Englisch, dann Deutsch gelernt und schließlich wegen der Touristen auch noch Russisch. »Die Russen wollen harte Sachen. Die trinken hier nur Wodka. Vor allem, wenn er nichts kostet. Aber es sind gute Menschen, die Russen.« Manos verdient, wie er sagt, für griechische Verhältnisse ungewöhnlich viel: 600 Euro im Monat. Seine Frau lebt mit zwei kleinen Kindern in Thessaloniki. »Einmal in der Woche sehe ich sie. Und dann beten wir zusammen zu Gott, dass ich meine Arbeit hier in der Saison behalte.«

Manche Hilfskräfte im »Oceania Club« würden nur 150 Euro verdienen. »Doch ein Stück Butter kostet inzwischen über 2 Euro und ein Liter Milch fast 2 Euro.« Seiner Mutter haben die Behörden die Rente von einem Tag zum anderen von 720 auf 360 Euro gekürzt.

Ja, er lebe hier im Paradies. »Aber leider nicht als Tourist!«

Um zu erfahren, wie viel die Putzfrauen, die Köche und Kellner, die Handwerker und Poolreiniger für ihre Arbeit im Paradies erhalten, gehe ich hinauf zur Rezeption und bitte um ein Interview mit dem zuständigen Manager der Ferienanlage.

Eine gut deutsch sprechende junge Frau fragt, wie lange ich noch hierbleibe.

»Sechs Tage.«

»Dann ist ein Termin kein Problem. Man wird Ihnen eine Nachricht ins Zimmer legen.«

Ihr Gesicht ist schmal wie das der Aphrodite, aber Elena stammt nicht aus Griechenland, sondern aus Russland.

»Meine Eltern wohnen noch in Russland, meine Schwester lebt schon in Koblenz, und ich bin froh, dass ich an der Rezeption arbeiten darf. Vielleicht weil ich vier Sprachen spreche und einen griechischen Freund habe. Ich bin 25 Jahre alt und erhalte 700 Euro. Wer noch nicht 25 ist, bekommt weniger. Meine erst 24 Jahre alte Kollegin nur 450 Euro.« Aber das dürfte mir nur der verantwortliche Manager erzählen. Sie hätte schon zu viel geredet.

Weil ein kleines Mädchen hinter dem Tresen immer wieder zu Elena läuft, die liebevoll den dunklen Wuschelkopf streichelt, sage ich: »Sie haben ein hübsches Mädchen.«

Aber Elena antwortet sehr leise und ein wenig errötend: »Es ist nicht meins. Ein Kind können wir uns jetzt nicht leisten.«

Am frühen Morgen laufe ich nach Nea Moudania. Zwischen Meer und dem Hang, auf dem das eingezäunte Touristenparadies steht, befindet sich ein promenadenähnlicher asphaltierter Uferweg. Doch ich ziehe meine Schuhe aus, stecke sie in den Rucksack und wate durch das kalte Wasser. Wenn schon Griechenland, dann auch richtig!

In einer Bucht, in der faule Hunde schlafend im Sand liegen und das Meer von einem großen Holzschiff nur das Gerippe übriggelassen hat, stochert eine alte Frau mit einem Stock im seichten Wasser. Sie trägt Gummigaloschen und weicht den Wellen geschickt wie ein junges Weib aus. Ärgerlich deutet sie auf meine nackten Füße und schüttelt sich, als ob sie unter ihrem dicken Anorak friert.

Als ich sie frage, was sie am Meer sucht, holt sie eine Handvoll perlengroße, glitzernde Muscheln und Steine aus einem Stoffsäckchen, das sie am Gürtel festgebunden hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie diese Winzlinge verkaufen will. Doch als hätte sie meine Bedenken geahnt, legt sie die kleinen Fundstücke zu kunstvollen Ornamenten geordnet in den Sand, zeichnet mit dem Stock einen Rahmen drum herum und erklärt, indem sie Daumen und Zeigefinger aneinanderreibt, dass sie Sandbilder an Touristen verkauft. Für einen Euro. Sie sucht lange, bis sie eine besonders bunte kleine Muschel findet. Schenkt sie mir und zeigt noch einmal, nun fürsorglich drohend, auf meine nackten Füße. Bevor ich meine Schuhe aus dem Rucksack holen kann, läuft sie zu einem Müllhaufen und sucht dort wahrscheinlich nach alten Latschen für mich. Ich winke ihr, gehe dann aber, bevor sie Latschen findet, schnell weiter und bleibe erst im Ort vor einem Zeitungskiosk stehen. In der Auslage ganz vorn glotzen mich auf der Titelseite des griechischen Nachrichtenmagazins »Crash«, wie für eine Verbrecherkartei abgelichtet, zwei zur Fahndung ausgeschriebene kurzgeschorene Köpfe an: Angela Merkel und Wolfgang Schäuble. »Wanted! – Gesucht!«

Wenige Schritte hinter dem Kiosk liegt der Hafen von Nea Moudania. Als ehemaliger Hochseefischer suche ich in allen Städten am Meer immer zuerst den Hafen. Die Fischerboote sind noch draußen. Am Kai liegen nur drei große Kähne. Auf Deck sind bis zu den Spitzen der Funkmasten weiße Polystyrolkisten gestapelt, in denen die frischen Fische eisgekühlt bis nach Thessaloniki gebracht werden können. Die Netze mit den braun-weißen Schwimmerkugeln liegen ordentlich zusammengelegt an Deck. Darüber hängen die frisch gewaschenen bunten T-Shirts und blauen Pullover der Besatzung.

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Am Hafen von Nea Moudania

Ein junger Mann, der die Kapuze seiner hellen Trainingsjacke frierend über den Kopf gezogen hat, wäscht am Kai Sardinen, die er von den Fischern geschenkt bekommen hat, einzeln unter dem Wasserhahn. Es riecht nach Fisch, Salz und den Dieselabgasen eines laut tuckernden Kühlaggregats. Ich genieße es, möchte mir auch Sardinen geben lassen und, statt mittags im »Oceania Club« zu schlemmen, die Fische in Olivenöl mit Zitronensalz braten und dazu Weißbrot essen und Wasser trinken! Aber als ich die fünf Männer, die an Bord im Halbkreis auf Kisten sitzen, beim Frühstück sehe – sie trinken Kaffee aus Plastebechern und essen gelben Paprika mit Brot –, traue ich mich nicht einmal, sie bei diesem Ritual zu fotografieren, geschweige denn sie in der Hoffnung, dass einer von ihnen mich versteht, weil er schon einmal als Billigarbeiter auf einem deutschen Schiff gefahren ist, zu fragen: »Nehmt ihr mich heute Nacht mit hinaus aufs Meer?«

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Die Basilika auf dem Hügel

Ich gehe still vorbei und denke: Wahrscheinlich ahnen sie, dass ich mir als Tourist am Morgen schon »all inclusive plus« den Bauch mit Schinken und Ei, mit gefüllten Auberginen, mit Käse, Honig und mit Kuchen vollgeschlagen habe. Sie könnten mich vielleicht fragen: Weshalb ihr Deutschen in Griechenland, aber wir Griechen nicht in Deutschland?

Die Basilika von Nea Moudania steht auf einem Hügel. Zwischen kunstvoll aus roten und weißen Ziegeln gemauerten Rundbögen, die von weißen Säulen gestützt werden, schmücken die griechische Nationalflagge und Ikonen mit Goldhintergrund das Äußere der Kirche. Ich laufe zweimal um die heiligen Bilder, aber alle Eingangstüren sind verschlossen.

Hundert Meter weiter steht dagegen die Tür eines Ladens weit offen. Dort verkauft eine vielleicht 40-jährige Frau mit einem dunklen Lockenkopf und einem sehr runden, lieben Puppengesicht Kerzen und Schatullen, goldene Kruzifixe, heilige Bücher und selbstgemalte Ikonen.

Mit Zeichensprache versuche ich zu erfahren, wann die Kirche geöffnet ist.

Sie antwortet in fast akzentfreiem Deutsch: »Natürlich immer am Sonntagvormittag.« Die Ikonenmalerin Melissi Wassiliki hat in Kiel studiert.

Ohne lange Vorrede erzähle ich ihr von dem Merkel-Schäuble-Verbrecher-Foto auf der Titelseite der griechischen Zeitschrift. Sie möchte die »ungeheuerliche Schweinerei« nicht entschuldigen, aber versuchen zu begründen. Vielleicht sei es aus Wut geschehen, weil Frau Merkel und Herr Schäuble, die sie als »Kommandeure der Troika« bezeichnet, nur die armen Griechen bluten lassen. »Weshalb nehmen sie das Geld nicht von den griechischen Bankern und Politikern? Und weshalb lassen sie zur Schuldentilgung nicht die Milliarden Euro beschlagnahmen, die reiche Griechen in der Krise an der Steuer vorbei auf deutschen Banken deponiert haben?«

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Die Ikonenmalerin

Melissi Wassiliki hat im vergangenen Jahr in Deutschland Vorträge über Ikonenmalerei gehalten und erlebt, wie Deutsche über die »faulen, korrupten Griechen« schimpfen. »Doch wahrscheinlich sind nicht nur die deutschen Medien für diese Vorurteile verantwortlich, sondern wir Griechen selbst, denn Griechen sagen alles immer sehr undiplomatisch. Die kleinen Leute unten reden schlecht über ihre Regierenden oben: ›Die sind korrupt!‹ Und die oben reden öffentlich sehr schlecht über die kleinen Leute unten: ›Die sind faul!‹ Wir Griechen sollten wie die Deutschen erst einmal still sein und nachdenken, bevor wir etwas öffentlich sagen!«

Sie macht den letzten Strich am Umhang einer Marien-Ikone, steckt den Pinsel in den Farbtopf und behauptet: »Von Malerei verstehe ich etwas. Doch von den wirtschaftlichen Zwängen, die zum Elend in Griechenland geführt haben, verstehe ich nichts. Vielleicht wurde die Krise ausgelöst, weil die Ratingagenturen schwache Länder ruinieren, indem sie deren Kreditwürdigkeit willkürlich herabstufen?« Ob ich wüsste, wer die Schuld an der griechischen Katastrophe hat.

»Nein, ich bin nach Griechenland gekommen, um es zu erfahren.«

»Wo wohnen Sie hier?«

»Im ›Oceania Club‹.«

»In der umzäunten Touristenburg? Dort oben werden Sie nicht verstehen, wie die Griechen unten leben. Manchmal verbrauchen die oben im Sommer so viel Wasser, dass für uns hier unten kaum noch ein Tropfen bleibt.« Die Ikonenmalerin gibt mir ihre Karte und sagt, ich soll noch einmal vorbeikommen. »Dann werden wir süßen Kaffee trinken und über die bittere Krise reden.«

Ich bin auch nach Nea Moudania gelaufen, um mir für alle Fälle – die Hoffnung stirbt als Letztes – Sonnenschutzcreme zu kaufen. Im ersten Supermarkt finde ich keine. Dafür Werbeprospekte mit Billigangeboten. Manos hat nicht übertrieben. Ein Liter Milch kostet 1,70 Euro, ein 250-Gramm-Stück Butter 2,70 Euro.

Als ich auch im zweiten Supermarkt keine Sonnenschutzcreme entdecke, frage ich eine Frau, die genauso hilflos wie ich zwischen den Regalen umherläuft. Sie spricht, »weil Eltern in Deutschland gearbeitet«, wie viele in der Gegend ein wenig Deutsch und schlägt vor, in ein kleines Geschäft zu gehen, in dem Sonnencreme nicht nur im Sommer verkauft wird. Unterwegs erzählt sie, dass sie seit Juni 2012 keine Arbeit hat. »Damals musste ich mein Geschäft in Nea Moudania schließen. Ich verkaufte Artikel für Hobby und Freizeit, aber in der Krise braucht der Mensch zuerst Geld für Essen. Da gibt er keinen Cent für Hobbys aus.«