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Stürmisches Wiedersehen mit dem Milliardär

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PROLOG

St. Moritz, Februar 2017

Antonio Di Marcello ließ sich den 1946er Macallan auf der Zunge zergehen, sodass der feine Geschmack sich mit dem Adrenalin vermischte, das nach dem Para-Ski-Wettkampf, den er gerade zusammen mit Sebastien Atkinson, Stavros Xenakis und Alejandro Salazar hinter sich gebracht hatte, noch immer durch seine Adern rauschte. Es war die ultimative Herausforderung gewesen, doch wie es schien, war das heute für Sebastien, Gründer des elitären Extremsport-Clubs aus der Studienzeit in Oxford, noch nicht genug.

Sebastien, einige Jahre älter als die anderen, hatte schon vor Jahren die Rolle des Mentors übernommen, doch das Unglück hatte ihn verändert … Es hatte sie alle verändert. Einen guten Freund im Himalaja aus den Schneemassen einer Lawine auszugraben würde wohl jeden verändern. Und nachdem er dem Tod so knapp von der Schippe gesprungen war, hatte Sebastien damals das Undenkbare getan – er hatte geheiratet. Und war bis heute glücklich mit seiner Frau.

Antonio studierte die drei anderen Männer. Die Atmosphäre war seltsam angespannt. Wieso? Normalerweise würden sie sich längst mit den drei platinblonden Schönheiten amüsieren, die ihnen unmissverständliche Blicke zuwarfen. Aber der heutige Abend verlief irgendwie anders.

„Wie geht’s deiner Frau?“, erkundigte Stavros sich bei Sebastien und schraubte die Spannung damit unabsichtlich noch höher.

„Sie ist auf jeden Fall angenehmere Gesellschaft als du. Du hast ja heute miserable Laune.“ Sebastien schien es darauf anzulegen, Themen anzusprechen, die eigentlich tabu waren.

„Mein Großvater droht mir, mich zu enterben, wenn ich nicht bald heirate. Ich würde ihm ja zu gern sagen, er soll zur Hölle fahren, aber …“ Stavros brach ab und nahm lieber noch einen Schluck von dem edlen Scotch.

Antonio wusste genau, unter welchem Druck der Freund stand. Er selbst hatte unter dieser Art Druck von seiner Familie nachgegeben und Eloisa geheiratet. Die Heirat hätte zwei große alte Familien zu einer Dynastie zusammenschweißen sollen, aber die Ehe war von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen. Damit war er in der Gruppe der Einzige, der bereits geschieden war, und die Erfahrung hatte einen bitteren Geschmack in seinem Mund hinterlassen.

„Wegen deiner Mutter verzichtest du darauf.“ Alejandro starrte dumpf in die goldene Flüssigkeit in seinem Glas. Wie Antonio und Stavros hatte auch er ein Vermögen geerbt und es mit seiner Arbeit stetig vergrößert. Er hob den Kopf und sah abschätzend zu Sebastien hinüber, dem Selfmade-Milliardär, der sich aus dem Nichts nach oben gearbeitet hatte. Spürte auch Alejandro, dass irgendetwas in der Luft lag?

„Denkt ihr manchmal nicht auch, dass wir viel zu viel Zeit damit verbringen, Geld zu scheffeln und oberflächlichen Vergnügungen nachzujagen, ohne die wirkliche Bedeutung des Lebens zu begreifen?“ Sebastien schaute in die Runde und vergaß für einen Moment das Pokerspiel.

Antonio erhöhte seinen Einsatz, warf einige Chips in die Mitte des Tisches. „Vier Drinks, und schon fängt er an zu philosophieren.“

„Ich meine das ernst. Dort, wo wir angekommen sind, stehen doch nur noch Zahlen auf dem Papier, ohne dass es etwas an unserem Leben ändern würde. Glück kann man nicht kaufen.“ Sebastien ging mit und schob einen Stapel seiner Chips in die Mitte. In der Stille, die folgte, musterte er seine Freunde eindringlich.

„Es ermöglicht einige sehr angenehme Ersatzbefriedigungen.“ Antonio nahm noch einen Schluck Scotch, lehnte sich grinsend in den Stuhl zurück. Worauf immer Sebastien hinauswollte, es war etwas Großes. Das Pokerspiel war das Letzte, woran Antonio jetzt noch dachte.

Sebastien verzog den Mund. „Wie deine Autos? Deine Privatinsel, Alejandro? Und du, Stavros, wann nutzt du die riesige Jacht, auf die du so stolz bist? Wir kaufen uns teure Spielzeuge und gehen oft und gerne Risiken ein, aber … verschafft uns das Zufriedenheit? Erfüllt es unsere Seelen?“

„Was schlägst du vor? Sollen wir in ein Kloster eintreten?“, spottete Alejandro. „Wir geben alle weltlichen Besitztümer auf und finden Erleuchtung?“

„Ich gehe jede Wette ein … keiner von euch würde zwei Wochen ohne Vermögen und Familiennamen überleben“, behauptete Sebastien provozierend.

„Könntest du das denn?“, fragte Stavros sofort. „Willst du freiwillig wieder an den Punkt zurück, bevor du reich warst? Hunger macht auch nicht glücklich.“

„Um genau zu sein, ich spiele mit dem Gedanken, mit der Hälfte meines Vermögens eine Stiftung zu gründen – einen internationalen Rettungsdienst. Nicht jeder hat Freunde, die ihn aus einem Schneeberg ausgraben.“

„Ist das dein Ernst?“, entfuhr es Alejandro. Sebastien gehörte jetzt auf jeden Fall die gesamte Aufmerksamkeit. „Wie viel ist das? Fünf Milliarden?“

„Geld kann man nicht mit ins Grab nehmen“, sinnierte Sebastien weiter. „Monika ist Feuer und Flamme, aber ich denke noch darüber nach. Ich sag euch was … wenn ihr zwei Wochen ohne Kreditkarte überlebt, mache ich es.“

Auch wenn Sebastien es in die Runde gesprochen hatte, so hatte Antonio doch das Gefühl, dass diese Herausforderung insbesondere ihm galt.

„Und wann soll Stichtag sein? Schließlich haben wir alle Verpflichtungen.“ Alejandro sah zu Stavros, dann zu Antonio.

„Klar, verständlich. Räumt erst alle möglichen Hindernisse aus dem Weg, und wartet auf den Startschuss von mir. Und dann folgen zwei Wochen in der realen Welt.“

Es gelang Antonio nicht, das ungute Gefühl abzuschütteln. So hätte der Abend nicht verlaufen sollen. Sie hatten gerade einen kräftefordernden Wettkampf hinter sich gebracht, doch das, was Sebastien da vorschlug, setzte allem die Krone auf.

„Du riskierst also die Hälfte deines Vermögens für eine so alberne Wette?“, hakte Alejandro ungläubig nach.

„Wenn ihr eure liebsten Spielzeuge als Einsatz bringt.“ Sebastien nickte gelassen.

„Die Wette gilt. Ich mache mit.“ Stavros war der Erste, der zusagte.

Die drei Herausgeforderten tauschten Blicke, und Antonio sah den gleichen Argwohn in den Augen der beiden anderen, den auch er empfand. Was genau plante Sebastien, und wie stand das in Zusammenhang mit diesen zwei Wochen ohne ihre Kreditkarten, ihrem Reichtum und ihre bekannten Namen?

1. KAPITEL

Vier Monate war es her, dass Antonio bei Sebastiens Wette eingeschlagen hatte. Heute war der Startschuss für ihn gefallen. Zwei Wochen ohne das weiche Polster seines Scheckbuchs im Rücken. Für vierzehn Tage wären Stavros und Alejandro die einzige Verbindung zu dem Leben, wie er es kannte. Sie alle fragten sich noch immer, was genau Sebastien mit dieser Wette bezweckte.

Antonio schloss die Tür des kleinen möblierten Apartments, das Sebastien für ihn besorgt hatte, hinter sich. Der Lärm der geschäftigen Mailänder Straßen war deutlich zu hören. Ungläubig sah er sich um. Das musste ein Witz sein!

Auf einer schmalen schwarzen Couch an einer Wand lag ein Stapel ordentlich gefalteter Wäsche, darauf ein Briefumschlag, daneben ein Paar Arbeitsschuhe. Antonio konnte nur hoffen, dass dieses Sofa nicht auch als Bett herhalten sollte!

Seine Designerschuhe klickten laut bei jedem Schritt auf den schlichten weißen Fliesen, als er zur Couch ging und den Umschlag aufnahm, der an ihn adressiert war. Also kein Witz, er war richtig hier. Er stieß einen derben Fluch aus.

Mal ganz davon abgesehen, dass Mailand die Stadt war, in der er für die wenigen Monate, die seine Ehe gedauert hatte, mit seiner damaligen Frau gelebt hatte, und seine Eltern, von denen er sich entfremdet hatte, hier wohnten, war es auch die Stadt, in der er der einzigen Frau begegnet war, die je seine Familienloyalität auf die Probe gestellt hatte. Das Verlangen nach ihr hatte ihn halb in den Wahnsinn getrieben, aber letztendlich hatte das Pflichtgefühl gesiegt. Doch das eine Wochenende mit Sadie Parker hatte ihn wünschen lassen, die Dinge ständen anders … er wäre ein anderer, dessen Zukunft nicht bereits von einer Familie verplant war, der der Name wichtiger war als alles andere.

Frustriert öffnete er den Umschlag und las:

Willkommen zu Hause!

Für die nächsten zwei Wochen gibt es keinen Antonio Di Marcello, du bist jetzt Toni Adessi. Sobald du dich umgezogen hast, meldest du dich bei Centro Auto Barzetti gleich gegenüber. Dort wirst du für die nächsten zwei Wochen arbeiten.

Um Stavros, Alejandro oder mich zu kontaktieren, benutze ausschließlich das bereitgestellte Handy, sonst nimmst du zu niemandem Kontakt auf … und lasse auf keinen Fall deine Tarnung auffliegen. Du hast zweihundert Euro für vierzehn Tage, teile sie dir gut ein. Wenn du damit auskommst, spende ich den ersten Betrag für den internationalen Rettungsdienst.

Nutze die Zeit weise, Antonio. Bei der Wette geht es nicht darum, Autos zu reparieren, sondern deine Vergangenheit.

Sebastien

Den letzten Satz blendete Antonio aus, stattdessen nahm er das uralte Handy auf und sah die gespeicherten Nummern nach. Nicht mehr als drei – Stavros, Alejandro, Sebastien.

Antonio fluchte laut. Mit einem erbärmlichen Handy wie diesem konnte man kein Unternehmen leiten. Hier gab es nicht einmal einen Laptop, nur einen lächerlich kleinen Fernseher. Sebastien meinte es ernst – kein Kontakt zu seinem richtigen Leben.

Sein erster Impuls war es, sich umzudrehen und zu gehen, doch damit hätte er nicht nur die Wette verloren, es wäre auch das vorzeitige Ende einer dringend benötigten Koordinationsstelle, die Leben rettete. Das Unglück damals hätte Sebastien fast aus ihrer Mitte gerissen. Und vor allem hatte das hier mit Ehre zu tun. Ehre war alles. An den Ehrencodex hielt sich jeder von ihnen. Immer.

Er starrte auf den Kleiderstapel. T-Shirts, Jeans und mehrere Overalls, inklusive authentischer Ölflecke. Aufgeben war keine Option. Er würde Sebastien schon zeigen, dass er diese bizarre Wette gewinnen konnte. Er mochte mit dem silbernen Löffel im Mund geboren worden sein, aber erst seit er am Ruder des Familienunternehmens stand, hatte das Bauunternehmen internationalen Ruf erworben. Er hatte mindestens genauso hart gearbeitet wie Sebastien. Familienvermögen war keine so großartige Sache, wie der Gründer ihres Clubs annahm.

Was immer Sebastien sich für ihn ausgedacht haben mochte, er musste Stavros und Alejandro warnen, wie ernst es dem Mann mit der Herausforderung war.

Wenigstens hatte dieses Uralt-Handy eine Kamera. Also schoss er ein Foto von dem Kleiderstapel und den zweihundert Euro und mailte es an die beiden.

Das bin ich – für die nächsten zwei Wochen. Toni Adessi, Automechaniker, wohnhaft in Mailand (ausgerechnet!) Seht euch vor, Sebastien meint es ernst.

Antonio zog seinen Maßanzug aus und hing ihn über einen Stuhl, nahm Jeans und T-Shirt und stieg dann in einen Blaumann. Dann noch die Arbeitsschuhe, die Sonnenbrille –, er trug immer Sonnenbrille, aber keine solchen billigen Plastikmodelle! – und schließlich stülpte er die Baseballkappe über die schwarzen Locken. Immerhin hatte er sich an Sebastiens Anweisung gehalten und sich seit zwei Wochen nicht mehr rasiert – was seiner PA ernsthafte Sorgen bereitet hatte. Der Vollbart sah nicht nur ungepflegt aus, er war auch unbequem.

Als er sich im Spiegel betrachtete, erkannte er sich selbst nicht wieder. Antonio Di Marcello, reicher Erbe und erfolgreicher Geschäftsmann aus eigener Kraft, existierte nicht mehr.

In den klobigen Boots – getragen! Darüber wollte Antonio besser nicht genauer nachdenken! – stapfte er zum Fenster und sah auf die andere Straßenseite zu der Werkstatt. Er konnte nicht anders, er musste grinsen. Sebastien hatte seine Hausaufgaben gemacht. Nicht nur hatte der Mann an Antonios Leidenschaft für Automotoren gedacht, er hatte ihn auch nach Mailand geschickt, Heimatstadt seiner Eltern.

Seit der Scheidung war er nicht mehr hier gewesen … drei Jahre. War das die eigentliche Herausforderung? Dass er seine Vergangenheit in Ordnung bringen musste? An der Ehe war nichts zu reparieren, die war gescheitert. Sebastien war der Einzige, der die Wahrheit kannte und von dem Versprechen wusste, das Antonio seiner Exfrau gegeben hatte. Also warum Mailand? Um die Beziehung zu seinen Eltern zu kitten?

Kurz blitzte das Bild seiner Exfrau vor seinen Augen auf, doch wie jedes Mal übernahm sofort Sadie Parkers Bild, die eine Frau, die auf dem besten Wege gewesen war, ihm das Herz zu stehlen. Sadie und er hatten ein wildes Wochenende hier in Mailand verbracht, bevor er dem Druck seines herrischen Vaters nachgegeben und Eloisa geheiratet hatte. Schon nach dem ersten Kuss war Sadie die Frau gewesen, die er wirklich gewollt hatte, die er für sich gewählt hätte, hätten Tradition und Familienloyalität ihn nicht wie ein Tonnengewicht zu Boden gedrückt. Hätte er damals gewusst, was er heute über seine Exfrau wusste … er hätte Sadie niemals gehen lassen. Zumindest nicht, bis er selbst es so entschieden hätte.

Aber solche Gedanken brachten jetzt nichts ein. Er hatte zwei Wochen vor sich, die er als anderer Mensch durchstehen musste. Zwei Wochen, um Sebastien zu zeigen, dass er jede Herausforderung annahm und auch bestand.

Mit diesem Entschluss schüttelte er Antonio Di Marcello ab und zog die Apartmenttür auf. Es war Toni Adessi, der die Straße zur Werkstatt überquerte, um eine Arbeit anzutreten, von der er als kleiner Junge immer geträumt hatte, damals, als der Gärtner seiner Eltern, ein großer Fan von Autorennen und Rennwagen, ihn unter die Fittiche genommen und ihm vieles beigebracht hatte.

Er arbeitete noch keine zwei Stunden, als er verstand, weshalb Sebastien ausgerechnet diese Werkstatt für ihn ausgesucht hatte. Antonio hatte nämlich zufällig nach oben gesehen, dort, wo hinter der hohen Fensterwand wohl das Büro lag, und glaubte zu halluzinieren. Natürlich, anders konnte es nicht sein. Schließlich war er wieder in Mailand und hatte an Sadie Parker gedacht. Sie suchte ihn ja immer wieder heim wie ein Geist. Sadie Parker, die einzige Frau, die ihn sich nach Dingen hatte sehnen lassen, die er nicht haben konnte. Die einzige Frau, die er verlassen hatte, bevor er bereit dazu gewesen war. Also wandte er sich wieder der Kundin zu und kaschierte den Schock mit seinem berüchtigten Charme.

Doch er warf immer wieder einen Blick nach oben zu der Glasfront. Und ja, es war Sadie, eindeutig. Sie redete gerade mit jemandem, und Antonio nutzte diesen unerkannten Moment, um sie sich genauer anzusehen. Wie gut er sich an ihr seidiges Haar erinnerte, an ihre vollen weichen Lippen …

Die Kundin stellte ihm eine Frage und holte ihn zurück in die Gegenwart – und zu der Tatsache, dass er die Wette verloren hätte, sobald seine Tarnung aufflog. Aber er würde nicht zulassen, dass ein hübsches Gesicht aus der Vergangenheit ihm diese Herausforderung verdarb, noch bevor sie richtig angefangen hatte. Versagen kam unter keinen Umständen infrage. Er hatte schon viel Riskanteres mit Bravour überstanden.

Sadie beobachtete den neuen Mechaniker durch das Fenster. Sie war sicher, dass sie ihn noch nie gesehen hatte, dennoch kam er ihr irgendwie bekannt vor. Er hatte soeben einen Satz Reifen für eine Kundin gewechselt, und die Art, wie er sich bewegte, hatte etwas in ihr angerührt und ihre Neugier geweckt.

Der Mann besaß frappierende Ähnlichkeit mit Antonio Di Marcello, dem Mann, der ihr vor vier Jahren an einem einzigen Wochenende das Herz gestohlen und es ihr damit unmöglich gemacht hatte, einen anderen Mann zu lieben. Sie hatte Antonio nie vergessen können, sosehr sie sich auch bemüht hatte. Wie auch, wenn sie jeden Tag ihren kleinen Sohn vor sich hatte, das Kind, dem Antonio den Rücken gekehrt hatte.

„Der Neue heißt Toni Adessi.“ Ihre Kollegin Daniela gesellte sich zu ihr ans Fenster. „Sieht umwerfend aus, richtig heiß, was?“

„Möglich.“ Sadie konnte den Blick nicht abwenden, auch wenn der Neue Erinnerungen an ein romantisches Wochenende wachrief. Doch dann ließ sie die Schotten im Kopf herunterfahren. Sie durfte nicht zulassen, dass irgendein bärtiger Fremder sie aus dem Konzept brachte … nur weil er sie an Leos Vater erinnerte. „Aber bestimmt gefährlich.“

Daniela lachte. „Wie meinst du das?“

„Sieh ihn dir doch an, dem tropft der Charme ja aus allen Poren. Der hält sich für etwas Besonderes – Gottes Geschenk an die Frauen.“ Sie wusste, das war unfair. Sie sah Antonio Di Marcello vor sich und projizierte dessen Fehler auf den neuen Mechaniker. Aber es war schwer, das nicht tun, wenn der Mann wirklich genau die gleiche Gestik hatte wie jener, der sie fallen gelassen hatte, um eine andere Frau zu heiraten, eine, die besser zu seiner Stellung passte. Dass das eine Wochenende ihn zum Vater gemacht hatte, hatte er ignoriert.

Nein, das konnte unmöglich Antonio sein, versicherte Sadie sich still. Antonio würde sich nie dazu herablassen, einen simplen Job wie ein normaler Mann zu übernehmen. Genau wie er sich nie dazu herablassen würde, ein normales Mädchen zu heiraten. Das hatte seine Mutter unmissverständlich klargemacht.

„Was immer Leos Vater dir angetan hat … das musst du endlich vergessen und den nächsten Schritt tun, sonst wirst du nie Liebe und Romantik finden.“ Daniela wiederholte eigentlich nur, was ihre Mutter auch immer sagte. Und beide hatten sie recht. Sadie hatte ja auch geglaubt, sie wäre auf dem richtigen Weg, sie hoffte längst nicht mehr, dass Antonio Di Marcello Interesse für seinen Sohn entwickeln würde … bis dieser neue Mechaniker aufgetaucht war und damit die alten Wunden wieder aufriss.

„Leo und ich sind zufrieden, so wie es ist.“ Es gelang ihr nicht, den leicht aggressiven Ton aus der Stimme heraushalten. Es behagte ihr ganz und gar nicht, daran erinnert zu werden, dass Antonio sie damals hatte sitzen lassen, um eine andere zu heiraten. Sie hatte versucht, ihn zu kontaktieren, hatte ihn wissen lassen wollen, dass er Vater wurde. Sie war sogar zu der riesigen Villa gegangen, die seiner Familie gehörte, und hatte sich von seiner Mutters überheblicher Miene herunterputzen lassen, doch von Antonio hatte sie nie wieder gehört.

„Es kann nicht schaden, ein wenig Spaß zu haben und ein bisschen zu flirten. Du bist erst dreiundzwanzig – viel zu jung, um den Männern schon abzuschwören.“

„Das werde ich ganz bestimmt nicht …“

„Warum denn nicht? Oh schau, er kommt nach oben.“ Daniela kicherte wie ein Teenager, und dann drehte sie sich zu Sadies Entsetzen um und verließ das Büro.

Sadie stockte der Atem, als der neue Mechaniker das Büro betrat. Wie, hatte Daniela gesagt, hieß er noch?

„Kann ich etwas für Sie tun?“ Sein Anblick brachte sie dermaßen durcheinander, dass sie ihr erlerntes Italienisch vergaß und automatisch in ihre Muttersprache Englisch verfiel.

„Sie sind Engländerin?“

Die Stimme des Mannes war rau, so ganz anders als die von Antonio, und er sprach mit schwerem Akzent. Sadie entspannte sich … zumindest ein wenig. Die Ähnlichkeit dieses Mannes mit dem Vater ihres Kindes hatte die Vergangenheit wieder aufgewühlt, aber mit dem Vollbart und den etwas zu langen Locken, die unter der Kappe herauslugten, konnte er niemals Antonio sein. Antonio hatte immer auf jedes Detail geachtet, sowohl im Geschäfts- als auch im Privatleben.

„Ist das ein Problem für Sie?“ Nicht gerade sehr freundlich, nicht wahr? Aber seine unverfrorene Musterung machte sie nervös. Er hatte also auch weder die Manieren noch die Gewandtheit, die Antonios zweite Natur gewesen waren. Hinter ihrem Schreibtisch nahm sie sich ebenfalls die Freiheit, ihn genauer zu studieren. Nein, das war sicher kein Mann, mit dem sie „ein wenig Spaß“ haben wollte.

„Nein, cara.“ Mit einer lässigen Geste warf er den Arbeitsauftrag auf den Schreibtisch und ging wieder. Doch in der Tür drehte er sich noch einmal um und lächelte … zumindest glaubte sie, dass er lächelte. Der ungepflegte Bart machte es schwierig, das genau zu erkennen. „Für die Herausforderung einer Frau bin ich immer zu haben, ganz gleich, welche Nationalität sie hat.“

Sadie schnappte nach Luft. Die Unverschämtheit, die dieser Kerl besaß! Wenn er sich einbildete, sie wäre seine nächste Herausforderung, dann hatte er sich gründlich geirrt! Sie ging zum Fenster und schaute in die Werkhalle hinunter, und der grobe Kerl warf ihr doch tatsächlich eine Kusshand zu!

Erbost drehte sie sich zu Daniela um, als diese wieder ins Büro kam. „Wenn du glaubst, mit so einem wie dem da würde ich mich einlassen, dann bist du völlig auf dem Holzweg.“

„Hey, ich habe nicht von Heirat gesprochen.“ Daniela grinste. „Nur ein wenig Spaß.“

„Auf gar keinen Fall. Ich muss an Leo denken.“ Damit setzte Sadie sich an ihren Schreibtisch und nahm ihre Arbeit wieder auf. Allerdings fiel es ihr schwer, sich auf die Zahlen zu konzentrieren, die vor ihr lagen.

Wer immer dieser Mann war, er hatte an einem einzigen Vormittag alles zunichtegemacht, was sie in den drei Jahren seit Leos Geburt erreicht hatte – er hatte Antonio Di Marcello aus der Versenkung gezerrt. Schon allein aus dem Grund wollte sie absolut nichts mit Toni Adessi zu tun haben.

Verbissen machte Antonio sich an die nächste Reparatur. Er konnte kaum glauben, dass er gerade ungeschoren davongekommen war. Er war sicher gewesen, dass Sadie ihn erkennen würde. Argwohn und Misstrauen hatten in ihren grünen Augen gestanden. Er schickte ein stilles Dankgebet zum Himmel, dass er Sebastiens Rat befolgt und sich mit dem Vollbart eine natürliche Verkleidung zugelegt hatte.

Gegen Feierabend sah er Sadie, Jacke über dem Arm und Handtasche auf der Schulter, die Halle auf das offen stehende Tor hin durchqueren. Sie war noch schöner, als er sie in Erinnerung hatte. Damals war sie neunzehn gewesen, jetzt, vier Jahre später, war sie weiblicher, begehrenswerter, noch sexier … und es brachte ihn schier um, dass er sich nicht zu erkennen geben durfte und sie beide da wieder ansetzen konnten, wo sie damals abgebrochen hatten. Heute hingen keine Pflichten mehr über ihm wie eine dunkle Wolke, nie wieder würde er sich den Manipulationen seiner Eltern beugen.

Er war Sadies „Erster“ gewesen, der Grund, wie er sich sagte, weshalb es ihm nie gelungen war, die Erinnerung an jene beiden Nächte mit ihr abzuschütteln. Jetzt war er hier, aber er konnte nichts unternehmen. Sollte sie seine wahre Identität herausfinden, bevor die zwei Wochen vorüber waren, hätte er alle Freunde im Stich gelassen und Sebastien bewiesen, dass er recht hatte. Absolut inakzeptabel.

Nein, Sadie Parker würde warten müssen, bis Antonio Di Marcello wieder auferstand. Aber das sollte Toni Adessi nicht daran hindern, ein wenig mit ihr zu flirten und das Gelände schon mal vorsichtig auszukundschaften, oder?

„Na? Heute Abend schon was vor?“ Er grinste breit, als sie sich zu ihm umdrehte und missbilligend den Mund verzog. Diese grobschlächtige Art untermauerte seine Tarnung auf jeden Fall ganz prächtig.

„Allerdings. Ich hole meinen Sohn von der Kindertagesstätte ab.“

Sie hatte ein Kind?

Die Neuigkeit traf ihn wie ein Vorschlaghammer. Seine Sadie mit einem anderen Mann? Die Vorstellung stieß ihm bitter auf. Natürlich hatte er kein Recht, sich darüber aufzuregen, war er es doch gewesen, der die Beziehung beendet hatte, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Er hatte die ganze Zeit gewusst, dass er würde heiraten müssen, so wie es von ihm erwartet wurde. Er hatte auch kein Problem mit der Aussicht auf die Heirat mit Eloisa gehabt, schließlich kannten sie sich von Kindheit an. Er hatte in Eloisa eine Freundin gesehen.

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