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Stürmisches Wiedersehen in den Highlands

1. KAPITEL

Fassungslos und ein bisschen verwirrt starrte Rebecca auf den Baumstamm, der quer über der Fahrbahn lag. Ein Zittern durchlief ihren Körper.

Erst jetzt, nachdem der erste Schreck vorüber war, begriff sie langsam, wie knapp sie davongekommen war. Ein greller Blitz, der – wie auch in diesem Augenblick wieder – die dunkle Nacht für einen Augenblick erhellte, war ihre Rettung gewesen. Denn dadurch hatte sie das Hindernis, das die Straße versperrte, gerade noch rechtzeitig erkennen und im letzten Moment ausweichen können. Sonst wäre die Sache für sie vielleicht nicht so glimpflich ausgegangen.

Wobei das allerdings, wie sie sich zerknirscht eingestehen musste, nur für ihre körperliche Unversehrtheit galt. Denn weder der schicke rote Mini Cooper, den sie sich erst heute in Edinburgh gemietet hatte, noch ihre Sachen waren glimpflich davongekommen.

Unglücklich sah sie an sich herunter. Ihr schwarzer Rock war völlig durchnässt und dreckig, genau wie die hochhackigen Lederstiefel. Und selbst ihr froschgrüner Rollkragenpullover und die schöne bunte Cordweste aus der Secondhand-Boutique, auf die sie besonders stolz war, wiesen zahlreiche Schlammflecken auf. Aber schließlich hatte sie sich ja auch nur mühsam aus dem Wagen kämpfen können, nachdem dieser nach ihrer Vollbremsung neben dem umgefallenen Baum in den Graben geschlittert war, wo er jetzt mit verbeulter Front festsaß. Mehrfach war sie auf dem vom Regen aufgeweichten Boden ausgerutscht und hingefallen, bevor sie endlich die Asphaltdecke der Straße erreichte.

Frierend kreuzte Rebecca die Arme vor der Brust und rieb sich über die Oberarme, jedoch ohne die Hoffnung, dadurch Wärme in ihrem durchnässten Körper zu erzeugen. Tränen stiegen ihr in die Augen. Als wäre dieser Tag nicht schon schrecklich genug gewesen, dachte sie verzweifelt, doch hastig unterdrückte sie den Gedanken an das, was sie getan hatte, wieder. Erst einmal musste sie überlegen, wie es jetzt weitergehen sollte.

Das war schließlich ihre Spezialität: schwierige Situationen meistern. Damit hatte sie während der letzten anderthalb Jahres ihren Lebensunterhalt verdient. Denn wenn man als persönliche Assistentin für einen ruhelosen Boss wie Alan Fraser arbeitete, dann gehörten ständig neue Herausforderungen zum Alltag. Egal, um was es ging oder welche organisatorischen Schwierigkeiten ihr auch begegneten, sie fand fast immer eine Lösung, mit der alle zufrieden waren. Das war das Befriedigende an ihrem Job, das, was sie daran liebte.

Was du daran geliebt hast, erinnerte sie sich und spürte, wie ihr die Kehle erneut eng wurde. Das war jetzt vorbei. Sie würde das pulsierende London gegen die rauen schottischen Highlands tauschen und ganz neu anfangen.

Mit einem Anflug von Selbstmitleid blickte Rebecca auf die Rückleuchten des Mini und dann auf den umgefallenen Baum vor sich.

Was für ein Neuanfang, dachte sie und blinzelte in den Regen. Hatte sie es wirklich verdient, ganz allein im Dunkeln in einem Gewittersturm auf einer einsamen Landstraße in Schottland zu stehen, nur wenige Meilen von ihrem Ziel entfernt, aber doch zu weit weg, um es bei diesem schrecklichen Wetter zu Fuß zu erreichen – noch dazu in diesen verdammten hochhackigen Stiefeln, auf denen sie sich schon vorhin, auf ihrem Weg aus dem Graben, beinahe das Genick gebrochen hätte? Und das alles nur, weil sie den falschen Mann liebte …

Ein weiterer Blitz erhellte für einen Augenblick die Umgebung, und der direkt folgende laute Donnerschlag, der sie zusammenzucken ließ, erinnerte sie daran, dass sie dringend Schutz suchen musste. Das Gewitter war noch nicht vorbei, und weiter hier auf der Straße zu stehen machte ihre Lage nicht besser. Nur – wohin sollte sie gehen? Auf keinen Fall wieder ins Auto, das stand viel zu schräg im Graben, und der Boden war durch den Regen völlig aufgeweicht.

Aber was für Alternativen blieben ihr? Sie war seit einigen Meilen an keinem Haus mehr vorbeigekommen, und weil sie die Strecke gut kannte, wusste sie, dass vor Dunlochry auch keines mehr kommen würde. Nein, der Baum hatte sich wirklich den einsamsten Teil dieser Straße zum Umfallen ausgesucht.

Zu ihrer Linken öffnete sich jenseits des Straßengrabens nur freies Feld, und rechts lag ein Waldstück, das sich, wenn sie sich richtig erinnerte, auch noch den nahe gelegenen Hügel hinaufzog. Es gab nichts außer Bäumen und Büschen und einer überwachsenen alten Mauer, die neben der Straße entlanglief und …

Rebecca hielt inne und starrte auf die halb verfallenen, von Efeu überwucherten Steine.

Natürlich, dachte sie und spürte Erleichterung in sich aufsteigen. Warum hatte sie daran nicht gleich gedacht? Silvermill House stand zwar seit Jahren leer, aber sicher konnte sie dort Unterschlupf finden und das Ende des Unwetters abwarten. Spätestens morgen wurde die Straße bestimmt geräumt. Und bis dahin war alles besser, als weiter hier im Regen zu stehen.

Rebecca lief zur Mauer hinüber und blickte angestrengt in der Dunkelheit daran entlang. Doch erst im Schein des nächsten Blitzes sah sie, wonach sie gesucht hatte.

Das geschwungene Eisentor, das den Eingang zu dem alten Herrenhaus markierte, lag noch ein Stück weiter die Straße hinauf, einige Meter hinter der Stelle, wo der Baum den Weg versperrte. Es war verrostet und hing auf der einen Seite nur noch halb in den Angeln, sodass zwischen den beiden Teilen ein Spalt entstand, durch den sie sich zwängen konnte.

Mühsam stolperte sie über den teilweise überwachsenen Weg, der zwischen den Bäumen nur schwer auszumachen war. Die immer wieder aufzuckenden Blitze erwiesen sich jedoch erneut als Segen, denn sie halfen ihr, sich zu orientieren. Zum Glück kannte sie das Gelände auch noch ein bisschen von früher, weil sie als Kind manchmal in dem verlassenen Haus gespielt hatte.

Endlich, dachte Rebecca, als nach einer gefühlten Ewigkeit die Bäume einer Lichtung wichen und sie das Portal von Silvermill House vor sich sah. Das dreistöckige Gebäude mit der grauen Fassade und den beiden Giebeltürmen an beiden Seiten befand sich in einem besseren Zustand, als sie erwartet hatte. Das Dach war intakt, genauso wie die Fensterscheiben, hinter denen im fahlen Licht der Blitze jedoch nur unheimliche Schwärze gähnte.

Rebecca schluckte beklommen und blieb einen Moment zögernd stehen, während der Wind weiter an ihrem Rock riss und der Regen ihr über das Gesicht rann. Eigentlich hätte sie froh sein müssen, ihr Ziel endlich erreicht zu haben. Doch stattdessen spürte sie einen seltsamen Widerwillen, sich dem unheimlichen Haus noch weiter zu nähern.

Die alten Gruselgeschichten fielen ihr wieder ein, die sie als Kind über Silvermill House gehört hatte. Dass es hier spuken sollte. Weil der Geist von Duncan MacPherson, dem Erbauer des Hauses, keine Ruhe fand und darin umging. Und dass es deshalb schon so lange leer stand.

Rebecca erinnerte sich an das Bild des alten Duncan, das in der Halle von Silvermill House hing. Er war ein Vorfahr des jetzigen Lairds von Dunlochry gewesen, ein großer Mann mit tiefschwarzem Haar und einem so finsteren Gesichtsausdruck, dass sie als Mädchen davor zurückgeschreckt war.

Ein Schauer rann ihr über den Rücken, doch dann schüttelte sie energisch den Kopf, verärgert darüber, dass diese alten Erzählungen es tatsächlich noch immer schafften, ihr Angst zu machen. Das waren doch nur Ammenmärchen für die Touristen, die Dunlochry interessant machen sollten, nichts weiter. Es gab keine Geister. Punkt. Und selbst wenn, blieb ihr in ihrer momentanen Lage ohnehin nichts anderes übrig, als es mit dem alten Duncan aufzunehmen.

Entschlossen lief sie die Steinstufen zum Eingang hinauf und atmete erleichtert auf, als sie die große hölzerne Doppeltür erreichte. Der Mauervorsprung darüber war nämlich so tief, dass er den Regen abhielt, und das war zumindest ein Anfang. Jetzt musste sie nur noch ins Haus gelangen, dann hatte sie das Schlimmste überstanden.

Schnell ging sie zu dem linken der zwei steinernen Löwen hinüber, die oben auf dem Absatz zu beiden Seiten der Treppe den Eingang bewachten, und fuhr mit der Hand über die seitlichen Platten des schmalen Sockels. Eine davon war locker und ließ sich leicht zur Seite schieben, und dahinter ertastete sie erleichtert den inzwischen sehr rostigen Eisenschlüssel, der ins Schloss der großen Eingangstür passen würde. Er war also immer noch hier versteckt, so wie früher. Wie gut, dass sich manche Dinge nicht änderten!

Mit neuem Elan steckte Rebecca den Schlüssel ins Schloss und wollte ihn drehen. Doch frustriert stellte sie fest, dass er sich nur ein kleines Stück bewegen ließ und dann hakte. Sie probierte es mehrere Male, schob so fest sie konnte – ohne Erfolg. Offensichtlich war das Schloss eingerostet.

Erschöpft gab sie schließlich auf und ließ sich auf den Treppenabsatz sinken. Sie zog die Beine an und schlang die Arme fest um die Knie. Dann würde sie eben hier sitzen bleiben. Es war nicht das, was sie sich erhofft hatte, aber dieser Platz war zumindest trocken, weil der Regen sie unter dem breiten Mauervorsprung nicht erreichte. Vielleicht hätte sie einen besseren Unterschlupf irgendwo finden können, aber ihr fehlte einfach die Kraft, noch weiterzusuchen. Sie fror schrecklich in ihren nassen Sachen, und ihr war schon wieder zum Weinen zumute.

Alan musste den Brief, den sie ihm an der Hotelrezeption in Edinburgh hinterlassen hatte, inzwischen gefunden und gelesen haben. Sicher war er überrascht über ihre Kündigung, zumal sie sich eigentlich gerade gemeinsam auf einer Dienstreise befanden.

Schon am Mittwoch waren sie zusammen aus London angereist und hatten den gesamten gestrigen Donnerstag bis zum späten Abend in der Zentrale von Highland Ventures in Edinburgh verbracht. Das erfolgreiche schottische Investmentunternehmen, das Alan zusammen mit seinen beiden Freunden Rory MacKenzie und Derek Douglas gegründet hatte und dessen Londoner Filiale er seit gut einem Jahr leitete, stand kurz vor seinem zehnjährigen Jubiläum, und Alan, Rory und Derek waren zusammengekommen, um die Details für die Feierlichkeiten sowie einige anstehende Projekte zu besprechen.

Während der langen Gespräche war sie wie immer an Alans Seite gewesen, doch sie hatte sich kaum konzentrieren können. Die ganze Zeit über musste sie an das denken, was am letzten Wochenende in London passiert war, und es kostete sie eine fast unmenschliche Anstrengung, sich ihre Verzweiflung nicht anmerken zu lassen. Wenn Alan wenigstens irgendeine Regung gezeigt hätte. Aber er behandelte sie höflich und kühl, so als sei gar nichts zwischen ihnen vorgefallen – etwas, das sie nur mit Mühe ertrug.

Deshalb hatte sie auch nicht gezögert, als sie heute Morgen im Hotel überraschend auf dem Handy ein Anruf von James MacPherson, dem Laird ihres Heimatortes Dunlochry, erreichte. Es war fünf Jahre her, seit sie zuletzt miteinander gesprochen hatten, und als sie damals ging, war sie eigentlich entschlossen gewesen, nie mehr in das kleine Highland-Dorf zurückzukehren, in dem sie aufgewachsen war. Aber sie konnte dem alten Mann die Hilfe, um die er bat, nicht verweigern. Und außerdem war sein Angebot fast wie ein Wink des Schicksals, wie der Anstoß zu jenem Schritt, vor dem sie schon viel zu lange zurückschreckte.

Müde und erschöpft schloss Rebecca für einen Moment die Augen und lehnte den Kopf gegen die kalte Mauer. Sie musste einfach einen Schlussstrich unter ihre Zeit bei Highland Ventures ziehen. Denn das, was sie für ihren Boss empfand, hatte keine Zukunft, das wusste sie jetzt endgültig.

Es ist besser so, sagte sich sie sich zum tausendsten Mal. Sie musste neu anfangen, ihr Leben ganz neu ordnen. Und dafür war eine Reise nach Dunlochry ohnehin unumgänglich, auch wenn sie Angst davor hatte. Denn nur dort, in ihrem Heimatort, würde sie die Antworten finden, nach denen sie schon so lange suchte. Nur dort konnte sie endlich mit ihrer Vergangenheit ins Reine kommen.

Rebecca seufzte. Leider wollte ihr Herz ihrem Verstand bei dieser Entscheidung nicht so einfach folgen. Allein der Gedanke, Alan nicht mehr zu sehen, nicht mehr täglich in seiner Nähe zu sein, schmerzte sie mehr, als sie sich einzugestehen wagte.

Ihm hingegen würde es sicher nicht schwerfallen, sie zu ersetzen. Der Job an seiner Seite war eine gut bezahlte berufliche Herausforderung, um die sich Bewerber reißen würden. Vor allem werden sich die Bewerberinnen darum reißen, dachte Rebecca und spürte den nun schon vertrauten Stich. Für einen so attraktiven Boss wie Alan Fraser zu arbeiten war für viele sicher ein zusätzlicher Bonus. Und wenn der oder die Neue erst eingearbeitet war und alles wieder rund lief, würde Alan seine alte Assistentin bald vergessen haben.

Was war denn außerhalb der Arbeit auch schon erinnernswert an ihr? Rebecca schluckte. Schließlich gehörte sie definitiv nicht zu den Society-Schönheiten, mit denen er privat ausging. Sie war nicht groß und gertenschlank, sondern klein und eher kurvig. Das einzig Auffällige an ihren dunkelbraunen schulterlangen Locken waren die glitzernden Spangen, mit denen sie es zurücksteckte. Und mit ihrer Vorliebe für Secondhand-Klamotten in flippigen Farben konnte sie mit Alans eleganten Begleiterinnen ebenfalls nicht mithalten. Schon gar nicht, dachte sie verbittert, mit der stilsicheren und äußerst attraktiven Barbara Marsden.

Rebecca rang erneut mit den Tränen, kämpfte sie jedoch tapfer nieder. Es war einfach besser, wenn sie ging, bevor Alan ihr endgültig das Herz brach. Bevor er …

Ein Geräusch, das durch den Regen und das Heulen des Windes klang, riss sie abrupt aus ihren Gedanken. Angestrengt lauschte sie in die Dunkelheit. Spielte ihre Fantasie ihr einen Streich, oder rief da jemand ihren Namen?

Aber das war doch gar nicht möglich. Niemand wusste, dass sie hier in der Gegend war, nicht einmal der Laird. Sie hatte ihm zwar gesagt, dass sie so bald wie möglich kommen würde, aber keinen genauen Zeitpunkt genannt. Er würde heute Abend noch nicht mit ihr rechnen.

Wenn sie doch nur das Firmenhandy behalten hätte! Dann wäre sie jetzt wenigstens in der Lage, den Laird über ihre missliche Lage in Kenntnis zu setzen. Aber sie hatte es – zusammen mit ihrem Laptop – zu ihrem Kündigungsschreiben gelegt und an der Hotelrezeption in Edinburgh abgegeben. Wenn sie die Brücken schon hinter sich abbrach, dann richtig!

Eine wirklich tolle Idee, schalt sie sich selbst. Jetzt konnte sie niemanden um Hilfe rufen und saß hier fest, bis …

„Rebecca!“ Diesmal war die Stimme ganz deutlich zu hören, dunkel und dumpf klang sie über das Trommeln des Regens.

Mein Gott, dachte Rebecca verwirrt und kauerte sich noch ein wenig mehr zusammen. War sie noch bei Verstand? Wer rief sie denn da?

Der alte Duncan MacPherson, schoss es ihr durch den Kopf, und eine eisige Hand griff nach ihrem Herzen. Aber das war unmöglich. Es gab keine Geister. Sie musste sich das einbilden …

Angespannt lauschte Rebecca und wagte kaum zu atmen, doch es war nichts mehr zu hören außer dem Heulen des Windes.

Dann zuckte ein Blitz grell über den Himmel, und in seinem gespenstischen Schein sah sie einen Mann am Fuß der Treppe stehen. Groß und schwarzhaarig, genau wie auf dem Porträt in Dunlochry Manor.

Entsetzt schrie sie auf. Sie wollte zurückweichen, doch da war die Tür in ihrem Rücken. Von Panik erfasst, rutschte sie an dem glatten Holz hoch, bis sie zitternd auf den Beinen stand, den Blick immer noch auf die Stelle in der Dunkelheit gerichtet, an der sie die Erscheinung gesehen hatte.

„Rebecca?“ Die tiefe Stimme erklang erneut, diesmal viel näher – und viel menschlicher. Ein Lichtkegel tanzte die Stufen hinauf.

„Dem Himmel sei Dank“, sagte die Stimme, die Rebecca mit einem Mal schmerzhaft vertraut war, und dann stand der Mann, den sie einen Augenblick lang für den Geist von Duncan MacPherson gehalten hatte, auf dem Treppenabsatz und betrachtete sie besorgt im Schein der Taschenlampe, die er in der Hand hielt.

„Ist alles in Ordnung mit dir? Bist du verletzt?“

Rebecca schüttelte nur stumm den Kopf. Sie war viel zu sprachlos, um darauf zu antworten. Stattdessen glitt ihr Blick hinauf in das regennasse Gesicht, das sie so gut kannte, über die hohen Wangenknochen, die schöne gerade Nase und die geschwungenen Lippen, die so unwiderstehlich lächeln konnten. Aus dem tiefschwarzen Haar des Mannes tropfte Wasser auf seine hochgeschlossene dunkle Jacke.

„Alan“, hauchte sie ungläubig, als sie endlich ihre Stimme wiederfand. „Wie … wie hast du mich gefunden?“

„Ich sah deinen Wagen im Graben liegen und bin deinen Spuren gefolgt.“ Er musterte sie von oben bis unten und schien erst zufrieden, als er feststellte, dass sie bis auf ihre nassen Sachen und den Schlamm tatsächlich unversehrt war.

„Aber du wusstest doch gar nicht, wo ich hingefahren bin.“ Rebecca war immer noch fassungslos.

„Du hast der Empfangsdame im Hotel gesagt, du willst nach Hause, aber da du dir einen Wagen gemietet und nicht den nächsten Flieger nach London genommen hast, nahm ich an, dass du damit wohl den Wohnort deiner Familie meintest. Also habe ich im Büro in London angerufen und Gloria in deiner Personalakte nachsehen lassen, welcher Ort das ist. Und dann bin ich dir nachgefahren“, erwiderte Alan mit einem Schulterzucken.

Ihr Herz schlug schneller, als sie ihn anblickte. So viel Mühe hatte er sich gemacht?

„Und …“, sie schluckte, „… warum bist du gekommen?“

Alans Gesichtsausdruck verfinsterte sich und ähnelte mit einem Mal dem des alten Duncan auf dem Gemälde. Er griff in die Tasche seiner Jacke und zog den zerknitterten Umschlag mit ihrer Kündigung hervor.

„Um dich zu fragen, was das soll“, sagte er mit eisiger Stimme, aus der Mitgefühl und Sorge gewichen waren. „Ist das ein Scherz, Rebecca? Falls ja, dann solltest du mich inzwischen eigentlich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich für diese Art von Humor nichts übrig habe.“

Langsam schüttelte sie den Kopf.

„Das ist kein Scherz“, erwiderte sie leise. „Ich kann nicht länger für dich arbeiten.“ Alan betrachtete sie für einen Moment schweigend. „Das wirst du müssen“, meinte er dann. „Denn deine Kündigung ist hiermit abgelehnt.“

2. KAPITEL

„Aber du kannst die Kündigung nicht ablehnen!“, protestierte Rebecca. „Hast du die Ausstiegsklausel vergessen? Beide Parteien können das Arbeitsverhältnis ohne Angabe von Gründen mit sofortiger Wirkung kündigen. Und das tue ich jetzt eben.“

„Und was ist mit deinem Job? Du kannst doch nicht einfach so gehen. Wie stellst du dir das vor? Wir beide sollten jetzt schon längst wieder in London sein und dort die Verhandlungen mit Bernière vorbereiten. Hast du vergessen, dass man uns bereits am Mittwoch in Zürich erwartet?“

Rebecca spürte, wie Enttäuschung in ihr hochstieg. Für einen kurzen, verrückten Moment hatte sie wirklich geglaubt, Alan wäre ihretwegen gekommen. Weil er sie vermisste. Weil er nicht wollte, dass sie ihn verließ.

Doch es ging nicht um sie als Mensch, sondern nur um ihren Job. Er wollte nicht, dass sein effektiv organisierter Arbeitsalltag durcheinandergeriet. Das war alles. Natürlich.

Was hast du denn auch erwartet? Dass er hier im Regen auf die Knie fällt und dir seine Liebe gesteht? Nein, dachte Rebecca. Sie wusste es besser. Deshalb war sie ja gegangen. Weil es keinen Zweck hatte zu glauben, dass Alan Fraser ihre Gefühle jemals erwidern würde. Und weil sie nicht mit ansehen wollte, wie er eine andere heiratete …

Trotzig reckte sie das Kinn vor.

„Du wirst in Zürich erwartet, nicht ich“, erklärte sie. „Ich bin mir sicher, dass Gloria mich ersetzen kann, bis du eine neue Assistentin gefunden hast.“

„Ich will keine neue. Ich bin sehr zufrieden mit der alten“, erwiderte Alan, und sein Tonfall klang endgültig.

Rebecca schauderte, nicht sicher, ob es an der Kälte hier draußen lag oder an der Entschlossenheit, die sie in seinen Augen sah.

„Aber ich …“

„Lass uns das drinnen weiterdiskutieren“, schnitt er ihr das Wort ab, als er ihr Zittern bemerkte. Vorwurfsvoll musterte er noch einmal ihre schlammverschmierten Kleider. „Du bist völlig durchnässt. Wenn wir noch lange hier draußen stehen, holst du dir noch den Tod. Wieso bist du denn nicht ins Haus gegangen?“

Rebecca verschränkte die Arme vor der Brust.

„Weil das Türschloss klemmt“, erklärte sie abwehrend.

Alan betrachtete den eisernen Schlüssel für einen Moment skeptisch, dann drehte er ihn beinahe mühelos herum, drückte die Klinke herunter und stemmte sich gegen die schwere hölzerne Tür, die mit einem protestierenden Ächzen nachgab. Einen Moment später war der Weg ins Innere des Hauses frei.

„Jetzt nicht mehr“, meinte er lakonisch und bedeutete Rebecca mit einer Geste, zuerst hineinzugehen.

Mit steinerner Miene und immer noch verschränkten Armen stolzierte sie an ihm vorbei, fest entschlossen, sich nicht anmerken zu lassen, wie nervös er sie machte.

Ihre Schritte hallten unheimlich auf dem Steinfußboden der großen leeren Empfangshalle, und als der Lichtkegel von Alans Taschenlampe über die geschwungene Treppe nach oben glitt, staunte Rebecca wie jedes Mal, wenn sie das alte Herrenhaus betrat, über die aufwendigen Schnitzarbeiten an dem wuchtigen Geländer und der Holzvertäfelung, die Jagdszenen zeigten. Die zwei alten Ölgemälde, die sie noch aus ihrer Jugend kannte, hingen nach wie vor rechts und links der Treppe an den Wänden – sie zeigten den finsteren Duncan und seine Geliebte Lady Anna, die beide auf die unerwarteten Eindringlinge herunterstarrten.

„Genau wie früher“, murmelte Rebecca und dachte daran, dass sie diese Bilder schon damals unheimlich gefunden hatte – als es nicht stockdunkel draußen gewesen war.

„Früher?“, fragte Alan, der neben sie getreten war und die Taschenlampe jetzt durch den übrigen Raum gleiten ließ. „Dann kennst du dieses Haus?“

Rebecca nickte. „Ich habe als Kind manchmal hier gespielt. Das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin, liegt nur ein paar Meilen entfernt.“

„Dann weißt du doch sicher, wo sich das Kaminzimmer befindet.“

Sie sah ihn an und deutete dann auf die Tür direkt neben der Treppe.

„Dort ist ein Salon. Und wenn ich mich richtig erinnere, dann war da auch ein Kamin.“

Alan hielt mit der Taschenlampe auf die Türöffnung zu, und Rebecca folgte ihm rasch, weil sie nicht im Dunkeln allein bleiben wollte. Als sie wieder neben ihm stand, stieß sie erstaunt die Luft aus. Denn der Raum war nicht leer wie die Halle, sondern – zumindest teilweise – möbliert. Der Lichtkegel glitt über zwei Sideboards und eine hohe Vitrine, und in der Mitte des Raumes stand ein langer polierter Eichentisch mit geschwungenen Beinen.

„Ich dachte, das Haus wäre unbewohnt“, rief sie überrascht.

„Ist es auch“, bestätigte Alan. „Diese Möbelstücke muss der letzte Besitzer zurückgelassen haben.“ Sehr lange konnte das noch nicht her sein, denn die Staubschicht, die die Tischplatte und die Oberflächen der Schränke bedeckte, war nur dünn.

Erst in diesem Moment wurde Rebecca bewusst, wie lange sie schon aus Dunlochry fort war. Sie war davon ausgegangen, dass Silvermill House nach wie vor leer stand. Doch ob und wann in den vergangenen fünf Jahren jemand hier gelebt hatte, darüber war sie gar nicht informiert. Tante Mary hielt sie bei ihren Telefonaten zwar gelegentlich über den Dorfklatsch auf dem Laufenden, aber Rebecca konnte sich nicht erinnern, dass sie das alte Herrenhaus jemals erwähnt hätte.

„Vielleicht haben wir ja Glück, und er hat noch mehr zurückgelassen“, meinte Alan. Er leuchtete weiter suchend durch das Zimmer, und der Schein der Taschenlampe blieb an dem großen Kamin an der Schmalseite des Raumes hängen. Dort standen drei mit weißen Laken abgedeckte Möbelstücke, offenbar eine Couch und zwei Sessel.

„Gut“, murmelte er, dann drückte er Rebecca die Taschenlampe in die Hand. „Hier, halt das mal und leuchte dort drüben hin“, wies er sie an.

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