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Stürmisches Wiedersehen auf Maynard Manor

1. KAPITEL

„Aber Chloé, ich brauche Sie doch hier.“ Mrs Armstrong sah sie vorwurfsvoll an. „Wissen Sie das denn nicht?“

Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Und denken Sie nur daran: ein ganzer Sommer in Südfrankreich! Wir werden ja viel unterwegs sein, dann hätten Sie die Villa ganz für sich. Klingt das nicht sehr verlockend?“

„Doch“, erwiderte Chloé Benson gelassen. „Aber wie ich bereits sagte, als ich meine Kündigung eingereicht habe: Ich habe eigene Pläne.“ Und darin ist das Schuften als Hausangestellte nicht vorgesehen, fügte sie in Gedanken hinzu. Auch wenn es sich um eine noch so lukrative Stelle handelt. Netter Versuch, liebe Dilys, aber ich verzichte dankend.

„Ich muss sagen, ich bin sehr enttäuscht“, sagte Mrs Armstrong in jenem leicht gereizten Ton, der bei ihr das Maximum an Lebhaftigkeit war. „Und ich weiß nicht, was mein Mann dazu sagen wird.“

Er wird sagen: „Tja, schade, Liebes“, und dann wird er sich wieder in die Financial Times vertiefen, wie immer, dachte Chloé und musste ein Lächeln unterdrücken.

„Wenn es Ihnen um die Bezahlung geht …“ Mrs Armstrong zog fast unmerklich die perfekt in Form gezupften Brauen zusammen. „Wenn Sie ein besseres Angebot bekommen haben, dann können wir uns sicher einigen.“

Im Gegenteil hätte Chloé am liebsten geantwortet. Nicht Geld lockte sie fort, sondern die Liebe.

Einen kurzen glücklichen Moment lang dachte sie an Ian und sah den großen Mann mit den breiten Schultern, den braunen Locken und den freundlichen blauen Augen vor sich. Chloé stellte sich vor, wie sie einander umarmten und sie zu ihm sagen würde: „Darling, ich bin endlich zurückgekommen, und diesmal werde ich bleiben.“

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, darum geht es nicht. Ich habe mich einfach entschieden, beruflich eine andere Richtung einzuschlagen.“

„Das ist aber schade. Sie sind doch wie geschaffen für Ihre derzeitige Tätigkeit!“

Musste man wirklich „wie geschaffen“ sein, um „Ja, Madam“ und „Natürlich, sofort, Madam“ zu sagen? Und wo lag die Kunst, dafür zu sorgen, dass ein mit sämtlichen technischen Errungenschaften ausgestatteter Haushalt reibungslos lief und dass die anderen Angestellten ihre Arbeit möglichst effizient erledigten?

Was auch immer bei seinen Geschäften in London passierte, in seinem Landhaus wollte der Milliardär Hugo Armstrong ein friedliches, ungestörtes Leben genießen. Ihm war deshalb wichtig, dass alle anfallenden Arbeiten schnell und ohne großes Aufhebens erledigt und die Rechnungen bezahlt wurden – und dass seine Gäste es bei ihm so komfortabel hatten wie in einem Luxushotel.

Er verlangte also nichts weniger als Perfektion, und während ihrer Zeit als Haushälterin hatte Chloé dafür gesorgt, dass er diese auch bekam. Sie hatte eine ganze Reihe Aufgaben zu bewältigen gehabt und sehr viel gearbeitet, doch das mehr als großzügige Gehalt hatte sie für diese und andere Unannehmlichkeiten mehr als entschädigt.

Ein nennenswertes Privatleben gestand man ihr dabei allerdings nicht zu, denn gerade zu Ostern und zu Weihnachten herrschte auf dem Anwesen viel Trubel. Chloé hatte nicht einmal zur Feier des dreißigsten Hochzeitstages von Onkel Hal und Tante Libby fahren können, weil die Armstrongs genau an jenem Wochenende eine große Feier veranstaltet und sie gebraucht hatten. In jenem Monat hatte sie eine großzügige Extraprämie erhalten. Doch das war nur ein schwacher Trost angesichts der Tatsache, dass Chloé jenen besonderen Tag nicht mit Menschen verbringen konnte, die sie sehr liebte und die für sie die einzigen echten Familienangehörigen waren. Andererseits hatte sie von Anfang an gewusst, dass sie bei dieser Arbeitsstelle praktisch rund um die Uhr zur Verfügung stehen musste.

Und in einer Woche würde ihre Zeit hier auch schon vorbei sein. Chloé hatte alles so vorbereitet, dass ihre Nachfolgerin ihre Arbeit nahtlos weiterführen könnte.

Als sie die Tür hinter sich schloss, musste sie sich eingestehen, dass ihre Wohnung ihr fehlen würde. Sie war zwar klein, doch es gab dort alles, was man brauchte, auch ein eigenes Badezimmer, eine teure Einbauküche und im Schlafzimmer ein riesiges Doppelbett.

Es würde bestimmt merkwürdig sein, künftig wieder in ihrem kleinen ehemaligen Kinderzimmer zu schlafen und von Tante Libby beim Gute-Nacht-Sagen eine Wärmflasche zu bekommen – ob sie diese nun brauchte oder nicht. Aber es wäre ja auch nicht für lange.

Vielleicht möchte Ian ja auch, dass ich noch vor der Hochzeit bei ihm einziehe, dachte Chloé glücklich. Sie würde dann ohne Zögern zustimmen. Es war an der Zeit, dass sein geduldiges Werben endlich belohnt wurde. Sie wusste gar nicht, warum sie so lange gezögert hatte. Chloé war mit ihren fünfundzwanzig Jahren noch Jungfrau und kam sich manchmal vor, als würde sie einer bedrohten Art angehören.

Und doch hatte das allein mit ihrem eigenen Wunsch zu tun. Aufmerksamkeit vom anderen Geschlecht hatte sie dank ihres zarten Teints, ihrer mandelförmigen braunen Augen mit den langen Wimpern und ihres sinnlichen Mundes schon als Teenager bekommen.

Chloé war sechzehn gewesen, als Ian während seines Studiums der Tiermedizin ein Praktikum in Willowford gemacht hatte. Und praktisch sofort hatte sie gewusst, dass er und sie füreinander bestimmt waren. Nach Abschluss seines Studiums kam er dann sofort zurück und fing in der Praxis ihres Onkels an.

Als auch Chloé mit dem Studium fertig war, machte er ihr einen Heiratsantrag. Doch sie gab sich zurückhaltend, weil sie erst ihre neu gewonnene Freiheit genießen wollte. Eigentlich hatte sie als Journalistin arbeiten wollen, doch in diesem Bereich war Arbeit nur sehr schwer zu bekommen. Also stellte sie sich stattdessen bei einer Agentur für die Vermittlung von Hausangestellten vor. Während die meisten ihrer Freundinnen ihre Finanzen durch Kellnern aufbesserten, entschied sich Chloé aufgrund der Schulung durch Tante Libby für Reinigungsjobs, fing frühmorgens an zu arbeiten und hatte schnell einen guten Ruf, weil sie zuverlässig, schnell und sorgfältig war. Einige spotteten über Chloés Weg, doch sie fand nichts dabei, denn sie verdiente sich ehrliches Geld durch ehrliche Arbeit.

Ian war jedoch nicht gerade begeistert, als sie ihm von der Stelle auf Colestone Manor erzählte, die sie in Aussicht hatte. „Das ist verdammt weit weg von hier!“, protestierte er. „Ich dachte, du würdest dir etwas in der Nähe suchen, sodass wir endlich mehr Zeit zusammen verbringen können!“

„Das werden wir ja auch“, erwiderte Chloé versöhnlich. „Aber die Stelle ist eine tolle Gelegenheit, richtig gut zu verdienen.“

„Ich verdiene ja auch nicht gerade schlecht“, stellte Ian ein wenig gereizt fest. „Du müsstest kein Leben in Armut führen.“

„Das weiß ich doch.“ Sie hatte ihn geküsst. „Aber hast du eine Vorstellung, wie teuer Hochzeiten heutzutage sind, selbst im kleinsten Rahmen? Onkel Hal und Tante Libby haben so viel für mich getan, und ich möchte ihnen diese Kosten ersparen. Außerdem wird die Zeit bestimmt ganz schnell herumgehen.“

Doch es war anders gekommen. Chloé wusste nicht, ob sie die Stelle angenommen hätte, wenn ihr klar gewesen wäre, wie anstrengend die Arbeit war. Die Armstrongs erwarteten, dass sie ihnen rund um die Uhr zur Verfügung stand. Der Kontakt mit Ian und ihrer Familie hatte sich deshalb im vergangenen Jahr größtenteils auf kurze Anrufe und hastig geschriebene Nachrichten beschränkt.

Aber das ist ja nun zum Glück vorbei, dachte Chloé. Jetzt konnte sie sich endlich auf ihre Zukunft konzentrieren und darauf, die ideale Nichte und die perfekte Verlobte zu sein. Dank ihrer Ersparnisse musste sie sich auch nicht sofort eine neue Stelle suchen. Sie konnte sich in Ruhe umsehen, die richtige Arbeit finden und ein paar Jahre dabei bleiben, bis sie und Ian sich entscheiden würden, eine Familie zu gründen. Alles wird sich fügen, dachte sie und seufzte glücklich.

Sie machte sich gerade einen Espresso, als es an der Tür klopfte und Tanya, das Kindermädchen der Armstrong-Zwillinge, den Kopf zur Tür hereinsteckte.

„In der Gerüchteküche brodelt es wie wild“, sagte sie. „Sag mir bitte, dass du nicht weggehst.“

„Doch, ich gehe weg“, erwiderte Chloé lächelnd.

„Was für eine Katastrophe!“ Tanya sank auf einen Stuhl und wirkte sehr niedergeschlagen. „Und bei wem soll ich dann künftig Zuflucht suchen, wenn mich die Gören wieder halb verrückt machen?“

„Wo sind sie jetzt denn? Hast du sie im Kinderzimmer an ihren Stühlen festgebunden?“, fragte Chloé.

„Nein, Dilys hat sie mit zu einer Teegesellschaft genommen. Da kann man ihr nur viel Glück wünschen.“

„Die Gastgeberin hat mein volles Mitgefühl.“ Chloé schenkte Espresso ein.

„Lass noch etwas für mich übrig. Ich muss mich schließlich in Südfrankreich um die Kleinen kümmern, wenn Dilys und Hugo von einer Villa und einer Jacht zur anderen düsen“, gab Tanya düster zu bedenken. „Mein einziger Trost war die Aussicht, dass du ebenfalls dabei sein würdest. Ich war mir sicher, dass Dilys dich dazu bringen würde, deine Kündigung zurückzunehmen.“

„Sie hat sich auch redlich bemüht“, erwiderte Chloé fröhlich und reichte Tanya eine Tasse Espresso. „Aber ich werde jetzt endlich mein eigenes Leben leben.“

„Hast du schon einen neuen Job in Aussicht?“

„Nein.“ Chloé zögerte einen Moment und fügte dann hinzu: „Ich werde heiraten.“

Tanya ließ den Blick zu ihrer ringlosen linken Hand gleiten. „Den Tierarzt, von dem du erzählt hast? Ich wusste nicht einmal, dass ihr verlobt seid.“

„Es ist auch noch inoffiziell. Als Ian um meine Hand angehalten hat, war ich noch nicht bereit dafür. Aber jetzt freue ich mich sehr darauf, mich häuslich niederzulassen“, sagte Chloé lächelnd.

„Meinst du nicht, dass dir das Leben auf dem Dorf nach all dem Glamour ein bisschen langweilig wird?“

Sie schüttelte den Kopf. „Daran hat mir nie viel gelegen, ebenso wenig wie dir. Für mich war diese Stelle immer nur Mittel zum Zweck.“ Chloé strich sich durch die dichten dunklen Locken. „Außer für meinen monatlichen Friseurbesuch und für den gelegentlichen Pizza-und-Kino-Abend mit dir habe ich kaum Geld ausgegeben. Ich habe also eine hübsche Stange Geld auf dem Konto“, fügte sie lächelnd hinzu. „Auf jeden Fall genug, um eine Hochzeitsfeier zu bezahlen und mich an der Renovierung von Ians Cottage zu beteiligen. Die ist nämlich dringend notwendig.“

Tanya zog die Augenbrauen hoch. „Sieht Ian das genauso wie du?“

Chloé seufzte gespielt resigniert. „Er ist der Ansicht, dass man in einer Küche nur einen Herd, eine Spüle und einen gebrauchten Kühlschrank braucht – und dass rostige Badewannen Antiquitäten sind. Ich werde ihn also noch ein bisschen erziehen müssen.“

Tanya hob ihre Espressotasse. „Viel Glück dabei! Aber vielleicht hat er deiner Rückkehr zu Ehren schon eine neue Küche einbauen lassen.“

„Er weiß ja noch gar nicht, dass ich wiederkomme. Ich will ihn überraschen.“

„Du scheinst dir seiner ja sehr sicher zu sein!“

„Ich bin mir sehr sicher, was unsere Beziehung angeht“, erwiderte Chloé gelassen. „Und ich kann es kaum abwarten, wieder in Willowford zu sein.“ Sie seufzte sehnsüchtig. „Es hat mir so gefehlt!“

„Es muss wirklich toll sein, wenn du deshalb freiwillig auf die Riviera verzichtest“, stellte Tanya fest. „Was ist denn so besonders an Willowford?“

„Eigentlich nichts. Es gibt weder Reetdachhäuser noch eine viktorianische Kirche.“

„Nicht einmal einen alten Gutsherren, der sich den Schnurrbart zwirbelt und den Dorfschönheiten nachstellt?“

Chloé lächelte ein wenig angespannt. „Das wäre nicht ganz Sir Gregorys Stil – nicht einmal, wenn seine Arthritis es zulassen würde.“

„Ist er verheiratet?“

„Verwitwet.“

„Kinder?“

„Zwei Söhne.“

„Der Erbe und der Ersatz“, stellte Tanya ironisch fest. „Das Übliche.“

Chloé biss sich auf die Lippe. „Nein. Der ‚Ersatz‘ spielt eigentlich keine Rolle mehr. Seit einem Zerwürfnis vor ein paar Jahren ist er eine Persona non grata.

„Ah!“ Tanyas Augen funkelten. „Was ist denn passiert?“

Chloé wandte den Blick ab. „Er hatte eine Affäre mit der Frau seines älteren Bruders. Alles sehr unschön. Sein Vater hat ihn dann des Hauses verwiesen.“

„Und was ist mit der Frau?“

„Sie ist damals auch weggegangen.“

„Dann sind die beiden also noch zusammen, sie und – wie heißt er eigentlich?“

„Darius Maynard“, antwortete Chloé. „Ich glaube nicht, dass irgendjemand weiß, was aus ihm geworden ist – oder dass es jemanden interessiert.“

Tanya atmete tief ein. „Offenbar ist Willowford ein Ort der heißen Leidenschaft und der verbotenen Begierde. Jetzt verstehe ich, warum du wieder zurückwillst. Und nicht zu vergessen: Der Erbe braucht eine neue Frau.“ Sie zwinkerte ihrer Freundin frech zu. „Das wäre eine deutlich bessere Partie als ein Tierarzt vom Lande.“

„Kommt gar nicht infrage!“ Chloé leerte ihre Tasse. „Ich glaube, dass eine ganze Reihe von Leuten Andrew Maynard für einen langweiligen Wichtigtuer hält und es Penny, die wirklich bildschön war, nicht zum Vorwurf machte, sich anderweitig umzusehen. Doch dass ihre Wahl ausgerechnet auf Darius fallen würde, hätte wohl niemand gedacht, denn er hatte schon damals keinen guten Ruf.“

Tanyas Augen funkelten. „Was meinst du damit?“

„Na ja, er ist von der Schule geflogen, hat getrunken, gespielt und mit der berüchtigtsten örtlichen Clique wilde Partys gefeiert.“ Chloé zuckte die Schultern. „Und es ging das Gerücht, dass er sogar an noch Schlimmerem beteiligt war, zum Beispiel an illegalen Hundekämpfen. Es war also niemand traurig darüber, als er verschwand.“

„Aber er klingt deutlich interessanter als sein Bruder.“ Tanya trank ihren Espresso aus. „Und jetzt werde ich die Abwesenheit der kleinen Monster dafür nutzen, das Spielzeugregal zu desinfizieren.“ Sie ging hinaus.

Tief in Gedanken wusch Chloé die Tassen ab. Warum, um alles in der Welt, hatte sie Tanya nur all diese Sachen über die Maynards erzählt? Das alles war doch schon sieben Jahre her. Doch plötzlich sah sie das Bild eines Mannes vor ihrem inneren Auge: sonnengebräunt, ein wenig arrogant, mit einem breiten sinnlichen Mund. Unter dichtem dunkelblondem Haar hervor hatte er die Welt, die ihn so verurteilt hatte, aus grünen Augen verächtlich und durchdringend betrachtet. Auch sein Vater hatte ihn für schuldig erklärt. Er war der Ehebrecher gewesen, der seinen Bruder hintergangen hatte und deshalb davongejagt worden war. Allerdings war das für Darius Maynard bestimmt keine allzu schlimme Strafe, dachte Chloé. Für ihn war Willowford immer zu klein und beschaulich gewesen.

Für sie dagegen war es der perfekte Ort. Hier wollte sie sich niederlassen und die nächste Generation aufziehen. Denn in Willowford hatte sie als kleines Kind ein liebevolles Zuhause gefunden, und es hatte Ian in ihr Leben geführt. An diesem Ort fühlte Chloé sich geborgen und sicher. Das lag nicht zuletzt an Sir Gregory. Der große, untersetzte Mann war trotz seiner eher unfreundlichen Ausstrahlung eine feste, verlässliche Stütze der kleinen Gemeinschaft gewesen, ähnlich wie sein Sohn. Andrew Maynard war gern draußen unterwegs, ging klettern und war auf distanzierte Art und Weise höflich.

Darius dagegen war immer anders als der Rest der Familie gewesen. Plötzlich musste Chloé an sein spöttisches, gelassenes Lächeln denken. „Ach, sieh an: Die kleine Chloé scheint ja endlich erwachsen geworden zu sein!“

Ihr wurde bewusst, dass sie den Rand der Spüle so fest umfasste, dass es schmerzte. Schnell ließ sie los.

Erinnerungen waren eine gefährliche Sache. Es war, als würde man mit einem Stock in den Tiefen eines stillen Sees herumstochern und den Schlamm aufwühlen. Jetzt reiß dich zusammen, ermahnte Chloé sich dann. Lass die Vergangenheit ruhen, das alles ist doch schon so lange her. Am besten ignorierte man die Ereignisse von damals, täte so, als hätte Sir Gregory immer nur einen einzigen Sohn gehabt – und dieser nicht Penelope Hatton geheiratet, die dann Darius in Versuchung geführt hatte.

Ich hatte noch nie eine so schöne Frau wie sie gesehen, dachte Chloé. Damals ging es uns allen so. Und ich war sehr neidisch auf sie. Aber jetzt ist alles anders: Ich freue mich auf die Zukunft mit dem Mann, den ich liebe. Und wenn Penelope das wüsste, würde sie mich vielleicht beneiden.

In Colestone hatte es geregnet, als Chloé losgefahren war, doch nun klarte sich der Himmel auf, und die Sonne lugte vorsichtig hinter den Wolken hervor.

Ein gutes Omen dachte sie zufrieden, schaltete einen Musiksender ein und summte fröhlich mit. Zu ihrer Überraschung hatte es sie sehr traurig gemacht, das Anwesen der Armstrongs zu verlassen. Immerhin war es während des vergangenen Jahres ihr Lebensmittelpunkt gewesen. Außerdem mochten die beiden Armstrongs zwar träge und ichbezogen sein – als Arbeitgeber waren sie auch sehr großzügig gewesen. Und Chloé hatte sich gut mit den anderen Angestellten verstanden.

Zum Abschied hatte sie eine wunderschöne Stiluhr geschenkt bekommen und mit Tränen in den Augen versichert, diese werde einen Ehrenplatz auf ihrem künftigen Kamin erhalten.

„Dich werde ich als Brautjungfer brauchen“, hatte sie Tanya ins Ohr geflüstert, als sie sich zum Abschied umarmt hatten.

„Sehr gern. Es sei denn, ich lande vorher im Gefängnis, weil ich die Zwillinge erwürgt habe.“

Mittags bestellte Chloé sich in einem Pub Schinkensandwichs und Kaffee, um sich für die letzten beiden Stunden der Fahrt zu stärken. Sie suchte sich einen geschützten Tisch im Garten des Pubs, wo die Bienen emsig das Geißblatt umsummten. Vor lauter Vorfreude auf das Wiedersehen mit geliebten Menschen war sie so aufgeregt, dass sie sich zum Essen zwingen musste. Bei der zweiten Tasse Kaffee zog sie ihr Handy aus der Tasche.

Am Vorabend hatte sie ihre Tante angerufen, um ihr zu sagen, wann sie ankommen würde. Libby war so herzlich gewesen wie immer, und doch hatte in ihren Worten ein merkwürdiger Unterton mitgeschwungen.

„Was ist denn los?“, hatte Chloé gefragt.

Tante Libby hatte gezögert. „Hast du Ian schon Bescheid gegeben, dass du zurückkehrst?“

„Nein. Ich will ihn doch überraschen!“

„Ja, Darling, ich weiß.“ Erneutes Zögern. „Aber ich finde, dass du ihn über dein Vorhaben, euer Leben so grundlegend ändern zu wollen, in Kenntnis setzen solltest.“

„Warum? Hat er eine schwere Herzerkrankung, sodass er die Aufregung möglicherweise nicht überleben würde?“, hatte Chloé amüsiert gefragt.

„Gott bewahre! Als ich ihn das letzte Mal gesehen habe, war er gesund und munter. Nein, ich muss nur immer wieder an diese schrecklichen Überraschungspartys denken, die den Gästen wesentlich mehr Spaß machen als den Hauptpersonen.“

Vielleicht hat Tante Libby doch nicht so unrecht, dachte Chloé und drückte den Speicherknopf mit Ians Nummer, erreichte aber nur seine Mailbox und hinterließ eine Nachricht. Vermutlich arbeitete er also.

Sie legte das Handy zur Seite und stellte sich glücklich vor, wie Ians Lächeln beim Wiedersehen seine Augen glänzen lassen und wie er sie küssen würde. Er ist es wirklich wert, dachte sie dankbar. Von nun an würde sie ihn nie wieder allein zurücklassen.

Fünf Meilen vor dem Ziel zeigte ihr das blinkende Warnlicht, dass der Tank fast leer war, dabei hatte die Anzeige eine Viertelstunde zuvor noch auf „halb voll“ gestanden. Chloé beschloss, den Wagen bald in Tom Sawleys Werkstatt überprüfen zu lassen. Zum Glück erreichte sie kurz darauf eine kleine Tankstelle.

An allen drei Zapfsäulen wurde getankt, also reihte Chloé sich in die kürzeste Warteschlange ein, stieg aus dem Wagen und streckte sich ein wenig. Da entdeckte sie hocherfreut Ians Jeep, der neben der Tankstelle parkte. Die Motorhaube war offen, und er lehnte sich über den Motor.

Chloé rechnete fest damit, dass Ian ihre Anwesenheit spüren würde, doch er war zu sehr mit dem beschäftigt, was er gerade tat. Also ging sie hin, strich ihm mit einem frechen Lächeln über den wohlgeformten Hintern, um ihm dann einen neckischen Klaps darauf zu geben.

Er schrie leise auf, stieß sich den Kopf an der Motorhaube und fluchte.

Chloé wich zurück – und wünschte inständig, der Erdboden würde sich unter ihr auftun, was leider nicht geschah. Also stand sie weiter da und betrachtete mit offenem Mund den Mann mit dem zerzausten blonden Haar und den aufgebracht funkelnden grünen Augen.

„Was, verdammt noch mal, soll das?“, fragte Darius Maynard wütend. „Bist du völlig verrückt geworden?“

2. KAPITEL

Chloé, deren Haut vom Scheitel bis zur Sohle zu brennen schien, wich noch einen Schritt zurück. Oh nein, dachte sie entsetzt und zutiefst verlegen.

„Du bist es!“, brachte sie mühsam heraus. „Was machst du denn mit Ians Jeep?“

„Es ist mein Jeep, und zwar schon seit acht Wochen“, entgegnete Darius schroff. „Cartwright wollte ihn gegen ein neueres Modell eintauschen.“

„Du bist seit zwei Monaten wieder hier?“

„Seit sechs Monaten, um genau zu sein. Auch wenn dich das nichts angeht, Miss Benson.“

Chloé errötete noch heftiger. „Ich … das wusste ich gar nicht.“

Warum war Darius, der doch für immer verstoßen worden war, wieder in Willowford? Sir Gregory war nicht der Typ, der den verlorenen Sohn mit offenen Armen empfing. Was wohl Andrew dazu sagte, der gehörnte Ehemann?

Und vor allem: Warum hatte Ian ihr nichts gesagt? Zum Beispiel: „Ich habe übrigens meinen Jeep verkauft – und zwar ausgerechnet an Darius Maynard!“

„Warum solltest du auch davon wissen?“ Gleichgültig zuckte Darius die Schultern. „Du warst schließlich nicht in der Gegend und konntest die Ereignisse hier also auch gar nicht mitbekommen.“

„Ich habe gearbeitet.“

„Das tun die meisten Leute. Oder verdient das bei dir besondere Anerkennung?“

Chloé schluckte ihre impulsive Entgegnung hinunter. Ich werde mich nicht auf einen Schlagabtausch mit Darius Maynard einlassen.

Denn er hatte recht: Was auch immer sie angesichts seiner Rückkehr empfand, es ging sie nichts an.

„Nein“, erwiderte Chloé deshalb nur und blickte auf die Uhr. „Und jetzt muss ich weiter.“ Sie atmete tief ein. „Ich entschuldige mich für … für das, was passiert ist. Es war einfach eine Verwechslung.“

„Das muss es wohl gewesen sein. Tuchfühlung war ja nicht gerade der Umgangston zwischen uns. Allerdings war mir auch nicht bewusst, dass du mit Cartwright so eine enge Beziehung hast.“

„Tja, offenbar bist du ebenfalls nicht auf dem neuesten Stand.“ Chloé wandte sich um. „Auf Wiedersehen, Mr Maynard.“

Als sie wieder in ihren Wagen gestiegen und auf die Willowford Road gefahren war, stellte sie fest, dass sie heftig zitterte. Das war doch wirklich zu albern. Gut, sie hatte sich ziemlich blamiert. Aber hätte sie jemand anders versehentlich an den Hintern gefasst, hätte derjenige wahrscheinlich einfach gelacht, sodass ihr das Ganze nicht so peinlich gewesen wäre. Doch es war ausgerechnet Darius Maynard gewesen, der Spitzenreiter unter den Menschen, die Chloé nie wiedersehen wollte. Und da Willowford so ein kleiner Ort war, würde sie ihm künftig kaum aus dem Weg gehen können.

Vielleicht war er ja aber auch nur vorübergehend hier. Hoffentlich dachte sie. Und außerdem werde ich mit den Vorbereitungen für unsere Hochzeit und mit meinem Leben mit Ian viel zu beschäftigt sein, um mich mit Maynard Manor und den Launen seiner Bewohner zu beschäftigen, ergänzte sie in Gedanken.

Nach etwa einer Meile wurde ihr klar, dass die Tankanzeige ihre Warnung ernst gemeint hatte: Langsam, aber unwiderruflich kam der Wagen zum Stehen.

Leise fluchend lenkte Chloé ihn an den Straßenrand. Hätte sie doch bloß getankt, anstatt die Tankstelle fluchtartig zu verlassen. Vielen Dank, Darius Maynard, dachte sie aufgebracht.

Sie hätte natürlich Onkel Hal anrufen und um Hilfe bitten können. Doch damit hätte sie sich zum zweiten Mal innerhalb eines einzigen Tages ...

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