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Stürmische Zeiten auf Glenmore Island

1. KAPITEL

Die Fähre legte in den frühen Morgenstunden an.

Es war recht frisch an diesem Junitag, dunkle Wolken jagten über den Himmel. Umgeben von den anderen Fahrgästen, die ohne Auto an Bord gekommen waren, stand Ethan an der weißen Reling und wartete darauf, an Land zu gehen. Die kühle Brise zog spielerisch an seinem dunklen Haar und vermittelte einen Vorgeschmack auf das Wetter auf dieser einsamen schottischen Insel, das selbst im Sommer unbeständig war.

Trotz der frühen Stunde herrschte bereits reger Betrieb am Hafen. Die Leute kauften fangfrischen Fisch direkt von den einlaufenden Booten und unterhielten sich über Belanglosigkeiten. Von seiner Position oben auf der Fähre hatte Ethan einen guten Blick auf Cottages, ein Café, einen Souvenirladen und ein altmodisches Gemüsegeschäft mit kunstvoll arrangierten Gemüse- und Obstsorten, an denen kein Kunde achtlos vorbeigehen konnte. Eine kurvenreiche Straße führte vom Pier auf die Insel hinauf und verlief entlang der Küste, bis sie sich hinter einer Biegung Ethans Blicken entzog.

Er wusste auch so, wohin die Straße führte. Glenmore war ihm durch und durch vertraut, obwohl er zum ersten Mal den Fuß auf die Insel setzte.

Unwillkürlich ließ er eine Hand in die Sakkotasche gleiten und tastete nach dem Brief. Das hatte er schon unzählige Male getan, das Papier war inzwischen ganz zerknittert und die Schrift teilweise kaum noch lesbar. Das Lesen konnte er sich sparen, denn inzwischen kannte er den Inhalt auswendig.

Die Insel war so präzise und anschaulich beschrieben worden, dass sie ihm bereits vertraut war. Er meinte den eisigen Wind von den unwegsamen unwirtlichen Bergen zu spüren, die sich in der Inselmitte erhoben, und stellte sich vor, an der felsigen Küste spazieren zu gehen, die schon vielen Schiffen zum Verhängnis geworden war. In Gedanken hatte er im Segelboot den tiefen See überquert und war in der alten Burgruine herumgeklettert, die vor Jahrhunderten Schauplatz einer erbitterten Schlacht zwischen Kelten und Wikingern gewesen war. Glenmore konnte auf turbulente Zeiten und eine abwechslungsreiche Vergangenheit zurückblicken, was dem unbeirrbaren Freiheitsdrang der Inselbewohner zu verdanken war. Mit allen Mitteln hatten sie für ihre Unabhängigkeit gekämpft.

Freiheit – danach strebte doch jeder Mensch, oder? Jedenfalls war das einer der Gründe, warum Ethan auf die Insel gekommen war. Er musste den Fängen der Vergangenheit entkommen, die ihn schier zu ersticken schienen.

Am liebsten hätte er sofort den höchsten Berggipfel erklommen und sich anschließend in die eisigen Fluten des Atlantiks gestürzt. Vielleicht hätten ihm Tümmler Gesellschaft geleistet. Angeblich sollten sie sich in diesen Gefilden herumtreiben. Es war gut, dem Druck und den Erwartungen anderer Menschen zu entkommen. Doch das war nicht der eigentliche Grund für seinen Aufenthalt auf der Insel. Vielmehr war er hier, um etwas herauszufinden.

Er wollte Antworten auf seine Fragen erhalten.

Wenn es ihm auf dieser von wilder Schönheit geprägten einsamen schottischen Insel gefiele, wäre das umso besser.

Unvermittelt empfand Ethan ein tiefes Glücksgefühl, das ihn selbst überraschte.

Wohlmeinende Freunde und Kollegen hatten ihn für verrückt erklärt, als sie erfuhren, dass er sich auf einer abgelegenen schottischen Insel vergraben wollte. Hoch qualifiziert wie er war, hätte er nach Afrika mit all den medizinischen Herausforderungen zurückkehren oder wieder in dem renommierten Londoner Lehrkrankenhaus arbeiten sollen, in dem er seine Ausbildung erhalten hatte. Alle hatten zu bedenken gegeben, wie öde und langweilig das Inselleben sein würde. Nichts als eingewachsene Zehennägel, Krampfadern und alte Damen, die über die Plagen des Alters klagten. Spätestens nach einer Woche würde ihm die Decke auf den Kopf fallen.

Ein flüchtiges Lächeln huschte über Ethans markante Züge. Vielleicht sollten seine Kollegen recht behalten und sein Job würde ihn wirklich bald langweilen, doch in diesem Augenblick empfand er ein richtiges Hochgefühl.

Aber auch tiefe Trauer über einen unwiederbringlichen Verlust.

Tief atmete er die salzige Seeluft ein. Es wurde Zeit, die Fähre zu verlassen. Zeit, endlich anzufangen. Langsam löste er sich von der Reling, blieb aber gleich wieder stehen, als sein Blick auf ein großes schlankes Mädchen fiel, das sich einen Weg zwischen den Menschen am Kai hindurch bahnte, die auf das Andocken der Fähre warteten. Ihr Schritt war federnd und energiegeladen, als habe sie tausend Dinge zu erledigen, aber wenig Zeit. Freundlich grüßte sie nach links und rechts, wechselte einige Worte mit den Wartenden und setzte unbeirrt den Weg zur Fähre fort. Sie hatte langes Haar, das sie offen trug, ihr Lächeln war herzlich und freundlich, über eine Schulter hatte sie die Henkel einer großen Tasche gestreift. Anmutig wie eine Gazelle sprang sie jetzt auf die Gangway.

Als Mädchen konnte man sie eigentlich nicht mehr bezeichnen, sie war eine junge Frau von vielleicht Anfang zwanzig, die ausgesprochen lebendig und energisch wirkte.

Der Wind trug Wortfetzen zu Ethan herauf.

„Hallo, Kyla. Ohne Fahrkarte darfst du nicht an Bord.“ Ein breites Lächeln erhellte das wettergegerbte Gesicht des Kapitäns, als er auf die junge Frau zuschlenderte. Sie beugte sich vor und küsste ihn auf die Wange. In ihren Augen blitzte der Schalk.

„Ich will nur die Sachen abholen, die Logan auf dem Festland bestellt hat, Jim. Außerdem soll ich die Post und den neuen Doktor in Empfang nehmen.“

Ethan runzelte die Stirn. Kyla? Im Brief war von einer Kyla die Rede gewesen. Jetzt hatte er sie leibhaftig vor sich. Und sie war so wundervoll, dass er kaum den Blick von ihr abwenden konnte.

Der Kapitän hievte mit ölverschmierten Armen einen Sack an Land. „Den neuen Doktor?“

„Genau. Den haben wir auch auf dem Festland bestellt.“ Kyla bückte sich, um Jim mit dem schweren Sack zu helfen. „Hoffentlich taugt er was. Wenn nicht, schicken wir ihn postwendend zurück. Mein armer Bruder braucht dringend jemanden, der ihm in der Praxis hilft. Außerdem müsste er mal wieder eine Nacht durchschlafen.“

Jim musterte sie ungläubig. „Als Vater eines einjährigen Kindes kann er das wohl vergessen.“

Ethan beobachtete, wie Kylas hübsches Lächeln vorübergehend verflog. „Ach, das ist halb so wild. Meine Tante hat momentan ziemlich viel im Café zu tun, deshalb hat eine der Foster-Schwestern ihm in den vergangenen Wochen geholfen. Sie kann wirklich gut mit dem Baby umgehen. Das ist also kein Problem.“

„Noch nicht, aber warte, bis sie sich Hoffnungen macht und die Hochzeitsglocken läuten hört, wie alle Frauen, die mit deinem Bruder zu tun haben.“ Jim griff nach einem Paket und dem Postsack. „Hier sind die Sachen, Kyla. Du bist wirklich früh auf. Dabei kannst du doch erst spät ins Bett gekommen sein. Die Party gestern Abend hat richtig Spaß gemacht. Bleibst du morgens eigentlich nie länger im Bett liegen?“

Kyla verstaute die Post in ihrer Schultertasche und hob vorsichtig das Paket auf. „Wenn du jemanden für mich findest, mit dem es sich lohnt, länger im Bett zu bleiben, sag mir Bescheid, Jim. Bis es so weit ist, stürze ich mich lieber in die Arbeit. Jemand muss schließlich dafür sorgen, dass die Bewohner unserer Insel gesund und stark bleiben.“

„Du musst es nur sagen, wenn es dir in deinem alten Cottage zu einsam wird.“

Sie wollte ihm eine passende Antwort geben, wurde jedoch abgelenkt.

Erst einen Moment später wurde Ethan sich bewusst, dass es sein Anblick war, der sie abgelenkt hatte. Er selbst konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Ohne es zu merken, war er auf sie zugegangen, als würde er magisch von ihr angezogen. Diese plötzliche Erkenntnis beunruhigte ihn. Eigentlich hatte er seine Gefühle stets unter Kontrolle, insbesondere wenn es um Frauen ging.

Ungehalten über seine Reaktion sprach er Kyla kühl an. „Ich hörte gerade, dass Sie den neuen Doktor abholen wollen. Ich bin Dr. Walker. Ethan Walker.“ Gespannt beobachtete er sie und stellte dann erleichtert fest, dass sein Name ihr nichts zu sagen schien. Woher auch? Vielleicht würde er ihr seine Identität später verraten. Aber jetzt noch nicht, das würde seinen Aufenthalt auf der Insel nur unnötig komplizieren. Er brauchte Zeit, um sich einzugewöhnen und die Situation einzuschätzen.

Fasziniert beobachtete er, wie der Wind mit ihrem blonden Haar spielte und es ihr ins Gesicht wehte.

„Sie sind Dr. Walker?“ Der offene Blick, mit dem sie ihn abschätzte, spiegelte keine Spur von Schüchternheit oder Koketterie wider. Ethan wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihn postwendend zurück aufs Festland geschickt hätte, wenn ihr sein Anblick nicht gefallen hätte.

Eine seltsame Hitze breitete sich in ihm aus, und er rang sich ein Lächeln ab.

Für eine feste, tiefer gehende Beziehung war in seinem Leben kein Platz, daher vermied er sorgfältig alles, was dazu hätte führen können. Trotzdem hatte er einen Blick für weibliche Schönheit und fühlte sich von ihr angezogen.

Unter anderen Umständen hätte er der starken Anziehungskraft zwischen Kyla und ihm vielleicht mehr Beachtung geschenkt, doch eine Liebesbeziehung würde seine derzeitige Situation nur unnötig komplizieren.

Ethan versuchte, die überwältigende Reaktion seines Körpers zu analysieren. Es musste doch eine logische Erklärung dafür geben, dass er so unvermittelt verzehrende Lust empfand.

Natürlich war sie atemberaubend, aber er war mit Frauen von größerer Schönheit und Eleganz zusammen gewesen. Diese Bekanntschaften verbrachten den ganzen Tag damit, sich herauszuputzen, was man Kyla nicht gerade nachsagen konnte. Sie war von einer ungestümen Schönheit, das blonde Haar fiel ihr in ungebändigten Locken über die Schultern, und ihr Gesicht war ungeschminkt.

Doch sie hatte ein sehr gewinnendes Lächeln, und in ihren Augen blitzte die Lebensfreude. Sie wusste offensichtlich, was Glücklichsein bedeutete. Er hatte eine Optimistin vor sich, die das Leben in vollen Zügen zu genießen schien.

Als Ethan merkte, dass er sie noch immer starr anblickte, erinnerte er sich energisch an die Gründe, die ihn in den abgelegensten Winkel Schottlands geführt hatten. Weibliche Gesellschaft war darin nicht vorgesehen.

„Ich bin Kyla MacNeil, Logans Schwester.“ Sie klemmte sich das Paket unter den Arm und reichte Ethan die andere Hand. „Willkommen in Glenmore, Dr. Walker. Bitte kommen Sie mit, dann bringe ich Sie direkt zur Praxis und zeige Ihnen anschließend Ihr neues Zuhause.“

„Sie sind Logans Schwester?“ Erstaunt blickte er in ihre blauen Augen und versuchte, etwaige Ähnlichkeiten mit Logan festzustellen. „Er erwähnte seine kleine Schwester …“

„Das bin ich. Mit meinen fünfundzwanzig Jahren bin ich sechs Jahre jünger als er, also bin ich seine kleine Schwester. Wollen Sie nun meine Hand schütteln, Dr. Walker? Wenn nicht, ziehe ich sie zurück.“

Ethan konnte sich nicht erklären, wieso er dieser jungen Frau gegenüber so verlegen war. Er hatte doch Erfahrung mit Frauen … Schnell riss er sich zusammen, schüttelte ihre Hand und nickte dann Jim zu. „Vielen Dank fürs Mitnehmen. Wir sehen uns sicher mal wieder.“

„Wenn Sie der neue Doktor sind, würde ich Sie lieber nicht so bald wiedersehen, höchstens in der Kneipe oder wenn Sie die Insel verlassen.“ Jim machte den letzten Autos Platz, die über die Rampe von der Fähre fuhren. „Ich habe vor, gesund zu bleiben.“

„Apropos, wie kommst du mit deiner Diät klar?“ Kyla sah ihn fragend an, und Jim verzog das Gesicht.

„Seit du Maisie empfohlen hast, was ich essen soll, gibt es bei uns nur noch Fisch und Haferbrei. Kein Schinkenspeck, keine Eier. Und Käse habe ich zuletzt bekommen, als die Sonne mal schien. Das ist schon eine ganze Weile her. So macht das Leben keinen Spaß. Einen Vorteil hat die Sache allerdings: Logan ist sehr zufrieden mit meinen Cholesterinwerten. Seit ich das neue Medikament nehme, sind die Werte erheblich gesunken.“

„Ach ja, er hatte dir ein Statinpräparat verordnet. Freut mich, dass es wirkt. So, nun müssen wir aber los. Wenn ich mich nicht bald in der Praxis blicken lasse, wird Logan ungehalten. Pass auf dich auf, Jim. Für das Wochenende ist Sturm vorhergesagt.“

Jim wandte sich ab und beobachtete, wie der letzte Wagen über die Rampe rumpelte und auf den Hafendamm fuhr. „Glenmore wäre nicht Glenmore ohne Stürme.“

Kyla drehte sich zu Ethan um. „Haben Sie Ihren Wagen mitgebracht?“

„Ich war bis vor Kurzem im Ausland tätig und bin mit dem Zug gekommen. Mein Wagen wird aber heute noch geliefert. Ich habe die Praxisadresse angegeben.“

„Dann nehme ich Sie jetzt im Auto mit zur Praxis. Zu Fuß ist der Weg zu weit.“

Ethan nahm seinen Koffer in die andere Hand. „Kommen Sie, lassen Sie mich das Paket tragen.“

„Danke, wir schreiben jetzt zwar das einundzwanzigste Jahrhundert, aber ich weise nie eine ritterliche Geste zurück.“ Sie übergab ihm das Paket und schob die Träger ihrer Schultertasche zurecht. „Aber nicht fallen lassen, das ist der neue Defibrillator. Das Gerät hat eine Computerstimme. Wie ich meinen Bruder kenne, wird er sich mit dem Ding streiten, wenn es ihm Befehle erteilt.“

Gemeinsam gingen sie am Kai entlang zu Kylas Auto. Interessiert beobachtete Ethan, wie die junge Frau immer wieder angesprochen wurde.

„Hallo, Kyla.“ Eine ältere Frau überquerte die Straße, um mit Kyla zu reden. „Ich habe die Broschüre gelesen, die Sie mir mitgegeben haben. Sie wissen schon, was ich tun kann, um meine Knochen zu stärken.“

„Sehr gut, Mrs. Porter.“ Sie lächelte freundlich. „Alles in Ordnung?“

„Oh ja. Ich soll mich mehr bewegen und Gewichte heben. In die Turnhalle möchte ich in meinem Alter nicht mehr gehen, daher habe ich leere Milchflaschen mit Wasser gefüllt und benutze sie als Gewichte.“

„Das ist ja genial! Sollten Sie noch Fragen haben, finden Sie mich jederzeit in der Praxis, dort können wir uns in Ruhe unterhalten. Denken Sie bitte auch daran, Evanna nach dem Fitnesskurs zu fragen.“

Kaum hatten sie sich wieder auf den Weg gemacht, wurde Kyla erneut aufgehalten – dieses Mal von einem Fischer, der gerade sein Netz entwirrte. „Schwester MacNeil, bei mir müssen die Fäden gezogen werden.“

„Wie fühlt sich Ihr Bein denn an?“

„Es tut weh.“

Sie nickte verständnisvoll. „Das war ja auch ein ziemlich tiefer Schnitt. Sie müssen das Bein hochlegen, wenn Sie sich ausruhen. Schauen Sie am Freitag in der Praxis vorbei, dann ziehe ich die Fäden und sehe mir das Bein noch mal an. Wenn Sie Antibiotika brauchen, rede ich mit Logan.“

Sie ging weiter, wobei sie allen freundlich zunickte, lange Gespräche jedoch vermied.

Ethan bewunderte insgeheim, wie freundlich, fast herzlich die Inselbewohner miteinander umgingen. In London wäre das unvorstellbar. Dort sah jeder stur geradeaus und kümmerte sich nur um seine eigenen Angelegenheiten. „Sie scheinen hier wirklich jeden zu kennen.“

„Wir leben hier auf einer Insel, Dr. Walker. Da kennt jeder jeden.“ Sie strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn und musterte ihn fragend. „Haben Sie damit ein Problem?“

„Warum sollte ich?“

„Weil Sie ein Städter sind und das Leben in einer großen seelenlosen Stadt nun einmal anonym ist. Manchen Menschen gefällt das. Nicht jeder ist darauf erpicht, dass seine Nachbarn alles über ihn wissen.“

Ein Städter.

Ethan dachte an die Orte, an denen er bisher gearbeitet hatte. An den Staub, die Hitze, das menschliche Elend. Sie hatte ja keine Ahnung! Oh ja, er hatte auch Anonymität kennengelernt. So in der Art: Man rief, und keiner antwortete.

Kyla beschleunigte ihren Schritt, nickte einer älteren Frau zu und blieb dann stehen, um einem Kleinkind im Kinderwagen übers Haar zu streichen. „Es ist kaum zu glauben, dass er schon zwei Monate alt ist, Alice. Denk dran, ihn zum Impfen in die Praxis zu bringen.“ Im Weitergehen zog sie ihren Autoschlüssel aus der Jackentasche.

„Anonymität ist eine Sache“, sagte Ethan. „Aber was ist, wenn Sie freihaben? Wie schalten Sie ab und halten die Leute auf Distanz?“

„Eigentlich respektieren die Menschen hier, dass man auch ein Privatleben hat. Wenn ich Lippenstift aufgelegt habe, hochhackige Schuhe trage und ein Glas in der Hand halte, wissen sie, dass sie mich besser nicht auf ihre Krankheiten ansprechen sollten. Natürlich kennt hier jeder jeden, und das hat seine Vor- und Nachteile, je nachdem, wie man gestrickt ist und was man gerade tut. Wenn Sie nicht aufpassen, halten Sie an jeder Straßenecke eine Sprechstunde ab. Meistens macht mir das nichts aus, aber manchmal lege ich auch Wert auf mein Privatleben. So, nun müssen wir uns aber beeilen. Zur Praxis brauchen wir zehn Minuten mit dem Auto. Sie liegt im Dorf.“

Ethan sah sich erstaunt um. „Ich dachte, das hier sei das Dorf.“

„Nein, Dr. Walker, das ist der Hafen. Die Leute wohnen über die ganze Insel verteilt, was wirklich zum Schreien ist, wenn man einen dringenden Hausbesuch machen muss. Aber das werden Sie selbst bald merken.“ Sie blieb vor einem dunkelvioletten Kleinwagen stehen. „Steigen Sie ein! Wir fahren zuerst zur Praxis. Dort wartet mein Bruder schon auf Sie, dann bringe ich Sie zu Ihrem Cottage, bevor die Sprechstunde anfängt.“

„Das ist Ihr Wagen?“ Ungläubig betrachtete er das winzige Gefährt und erntete einen missbilligenden Blick von Kyla.

„Wagen Sie ja nicht, eine abfällige Bemerkung über die Farbe zu machen. Ich hänge sehr an meinem Auto. Sie sollten sich ebenfalls mit ihm anfreunden, Dr. Walker. Ohne meinen Wagen müssten Sie jetzt mit Ihrem Gepäck zu Fuß den Berg hinaufsteigen.“

Obwohl ihre Bekanntschaft erst wenige Minuten währte, war Ethan sich bewusst, dass Kyla eine warmherzige Frau mit hitzigem Temperament war. Diese Mischung faszinierte ihn. Zum ersten Mal seit Monaten musste er sich ein vergnügtes Lächeln verkneifen. „Sie werden es nicht glauben, aber knalllila ist meine Lieblingsfarbe“, behauptete er.

„Sehr komisch.“ Sie funkelte ihn an, musste dann aber doch lachen. „Na schön, ich sage Ihnen die Wahrheit: Ich habe das Auto auf dem Festland zu einem Spottpreis erworben. Offensichtlich mochte niemand sonst die Farbe.“

„Was Sie nicht sagen!“

„Sparen Sie sich Ihren Sarkasmus, Dr. Walker. Der Kofferraum ist offen, falls Sie Ihren Koffer loswerden wollen.“ Sie glitt hinter das Steuer, und Ethan gelang es irgendwie, das Gepäckstück in dem winzigen Kofferraum zu verstauen. Unter schmerzhaften Verrenkungen zwängte er seine hundertneunzig Zentimeter Körperlänge dann auf den Beifahrersitz.

„Die Farbe mag grässlich sein …“, murrte er leise, als er die Tür zuzog, „… aber wenigstens ist das Auto geräumig.“

„Beleidigen Sie etwa meinen Wagen?“ Sie sah ihn von der Seite an und lachte schallend. „Sie sehen vielleicht komisch aus.“

„Das Auto ist komisch, nicht ich.“

„Mit dem Wagen ist alles in Ordnung, aber Sie passen nicht hinein.“

„Wem sagen Sie das?“ Verzweifelt versuchte Ethan, es sich etwas bequemer zu machen. Vergeblich. Mit den Knien unterm Kinn saß er zusammengezwängt neben Kyla. „So geht es einigermaßen. Sie können losfahren. Wir sind hoffentlich bald da, sonst brauche ich am Ende der Fahrt eine Krankengymnastik. Aber so etwas gibt es auf dieser einsamen Insel sicher nicht.“

„Haben Sie eine Ahnung. Glenmore ist zwar etwas abgelegen, hat aber viele Einwohner. Für Krankengymnastik ist Evanna zuständig. Sie versteht sich sehr gut aufs Massieren, und mit schreienden Säuglingen und wehleidigen Erwachsenen kann sie auch gut umgehen.“ Sie ließ den Motor an, sah in den Rückspiegel und fuhr in halsbrecherischem Tempo die Küstenstraße entlang.

„Evanna?“ Ethan fragte sich, wie so ein winziges Auto so schnell fahren konnte. „Den Namen haben Sie vorhin schon mal erwähnt. Ist das die andere Krankenschwester und Arzthelferin?“

„Ja. Wir haben verschiedene Aufgabenbereiche. Evanna ist auch als Hebamme ausgebildet und ist zudem für Krankengymnastik zuständig. Wir bemühen uns, möglichst viele medizinische Bereiche abzudecken, damit die Inselbewohner nicht wegen jeder Kleinigkeit aufs Festland müssen.“

Durch das Seitenfenster sah Ethan die Küste nur so an sich vorbeifliegen und erhaschte einen flüchtigen Blick auf felsige Buchten und Sandstrände. Die Insel hatte eine wechselvolle Geschichte hinter sich, wie er sich erinnerte, und zahlreiche Schiffswracks lagen verstreut auf dem Meeresgrund.

Geistesabwesend betrachtete er das Meer. Er hatte so viele Fragen, wagte jedoch nicht, sie zu stellen, aus Furcht, er könnte dabei zu viel von sich preisgeben. Stattdessen wandte er den Kopf und musterte Kylas Profil. Sie hatte eine leicht nach oben gebogene Nase und lange dichte Wimpern. Eigentlich sehr niedlich, dachte er. In ihrem Gesicht spiegelte sich wider, dass sie ein glücklicher Mensch war. Er konnte weder Fältchen noch Schatten entdecken. Offenbar war sie mit sich und der Welt zufrieden.

„Starren Sie mich bitte nicht so an, Dr. Walker. Das macht mich nervös beim Autofahren.“

„Okay, dann werde ich jetzt lieber geradeaus schauen.“ Er lächelte matt. „Zumal diese schmale Küstenstraße dicht am Klippenrand entlangführt. Da will ich Sie lieber nicht ablenken.“

„Ich wohne schon seit meiner Geburt auf der Insel und kenne auf dieser Straße jede einzelne Bodenwelle. Übrigens bin ich so eine Art Mädchen für alles. Ich arbeite als Ernährungsberaterin, bin auf die Behandlung von Asthma und Diabetes spezialisiert, mache Schwangerschaftsberatung, momentan allerdings mit wenig Erfolg, die Bevölkerungszahl schrumpft zurzeit. Wenn jemand mich um die Pille bittet, lehne ich ab und empfehle, mehr Sex zu haben, um so vielleicht die Geburtenrate zu erhöhen. Wir brauchen viele Babys, sonst wird möglicherweise die Praxis geschlossen und die Schule gleich mit.“

Ethan lachte amüsiert. „Das ist ja ein ganz neuer Ansatz zur Familienplanung. Ist das Ihr Ernst? Besteht wirklich die Gefahr, dass die Schule geschlossen wird?“

„Nein, noch nicht.“ Lächelnd warf sie ihm einen schnellen Seitenblick zu. „Eigentlich florieren die Geschäfte auf der Insel, wir können uns nicht beklagen. Aber die Einwohnerzahl ist rückläufig. Das ist typisch für das Leben auf dem Land. Es ist den Menschen zu anstrengend. Sie wollen lieber in einer Großstadt wohnen. Wer die Insel einmal verlassen hat, kehrt in der Regel nicht zurück, sondern heiratet auf dem Festland und bekommt dort seine Kinder.“

Sie wechselte den Gang und raste in beängstigendem Tempo um die nächste Kurve.

„Fahren Sie immer so schnell?“

„Ich mache alles schnell. Dann schaffe ich nämlich doppelt so viel an einem Tag, was auf dieser Insel nur von Vorteil ist. Jetzt haben wir aber genug von mir geredet. Wovor laufen Sie weg, Dr. Walker?“

Angespannt wandte er sich ihr zu. „Wie kommen Sie darauf, dass ich vor etwas weglaufe?“

„Weil Menschen vom Festland nicht unbedingt hier in der abgelegenen Wildnis ihren Sommer mit Arbeit verbringen“, erklärte sie fröhlich. „Sie kommen her, um Abstand zu gewinnen und sich neu zu orientieren. Laufen Sie vor der Arbeit davon oder vor einer unglücklichen Liebe?“

Ethan dröhnte der Kopf. Natürlich hatte er erwartet, dass man ihm Fragen stellen würde. Aber doch nicht sofort! Er hatte sich noch gar keine Antworten zurechtgelegt. „Sind Sie immer so direkt?“

„Auf einer Insel kann man kein Geheimnis bewahren.“ Sie öffnete das Seitenfenster einen Spalt, und die Brise wehte herein und ließ ihr Haar flattern. „Daher sollten Sie lieber gleich mit der Wahrheit herausrücken.“

Ethan blickte sie starr an, bevor er sich abwandte und aus seinem eigenen Seitenfenster sah. Wenn er ihr sein Geheimnis verriete, würde sie wahrscheinlich sofort anhalten und ihn von den Klippen stoßen. „Ich diskutiere mein Sexleben nicht“, sagte er daher nur ausweichend.

„Gut. Aber danach hatte ich auch gar nicht gefragt. Es geht um Ihr Liebesleben.“

Sie hätte gut zu seiner Exfreundin gepasst. ‚Du bist herzlos, Ethan. Du lässt niemanden an dich heran‘, hatte die behauptet.

„Ich bin hier, weil Sie einen Arzt gesucht haben. Logan hat mir gesagt, dass er Unterstützung braucht.“

„Das stimmt. Trotzdem erklärt das noch nicht, wie ein so hoch qualifizierter Arzt wie Sie sich nach Glenmore verirrt.“

Als er nicht antwortete, fuhr sie fort: „Ist ja auch egal. Wir sind jedenfalls froh, Sie hier zu haben. Die vergangenen Monate waren ziemlich hart. Hat Logan Ihnen erzählt, dass er vor fast einem Jahr seine Frau verloren hat?“

Ethan verlagerte sein Gewicht auf dem Beifahrersitz, die Kopfschmerzen wurden schlimmer. „Ja, das hat er erwähnt“, antwortete er leise.

„Es war schrecklich.“ Kyla hielt das Lenkrad fest umklammert.

Ethan wurde übel. „Wie ist sie gestorben?“

„Nach der Geburt ihres Kindes.“ Kyla schüttelte traurig den Kopf. „Das kann man sich heutzutage gar nicht vorstellen, oder? Man liest es in der Statistik, kann aber nicht glauben, dass es jemandem passieren könnte, den man kennt. Schließlich sind ja alle Vorsorgeuntersuchungen durchgeführt worden. Logan gibt sich die Schuld an ihrem Tod, dabei hat er wirklich alles getan, was in seiner Macht stand. Sie hatte einen Herzfehler, von dem niemand etwas wusste.“

Ethan atmete tief durch. „Und wie kommt er mit der Kleinen zurecht? Es muss sehr hart für ihn sein.“

„Woher wissen Sie, dass es ein Mädchen ist?“ Sie warf ihm einen überraschten Blick zu. „Hatte ich das erwähnt?“

„Logan hat es mir erzählt“, behauptete Ethan schnell. „Kirsty ist jetzt elf Monate alt.“

„Genau. Sie ist eine ganz Süße. Laufen kann sie noch nicht, aber sie krabbelt wie ein Weltmeister. Man kommt kaum hinterher. Logan kommt gut mit ihr klar. Er ist ein guter Vater, außerdem wird er von allen unterstützt. Einer meiner Tanten gehört das Café am Hafen, das sie mit einer meiner Cousinen führt. Sie kümmern sich tagsüber oft um Kirsty.“

„Eine Ihrer Tanten?“

„Meine Großmutter hat ihren Beitrag zur Zukunftssicherung der Insel geleistet. Meine Mutter hat fünf Geschwister.“ Sie lächelte verlegen. „Ich habe fünf Tanten und elf Cousinen ersten Grades. Einige haben die Insel verlassen, aber die meisten sind hiergeblieben, was sehr praktisch für Logan ist. Der Glückliche hat seit Monaten nicht selbst kochen müssen. Es ist ziemlich nützlich, eine große Familie zu haben, oder?“

Die Vorstellung war Ethan so fremd, dass er keine Antwort wusste. Geschickt wechselte er das Thema. „Sie kochen also nicht gern?“

„Leider fehlt mir dazu das Talent. Aber ich esse gern.“

„Und Logan arbeitet seit seinem Examen auf der Insel?“

„Nein, nach dem Studium hat er zunächst in London gearbeitet, um Erfahrungen zu sammeln, auf die er sich hier auf der Insel stützen kann. Hier ist man auf sich allein gestellt, Dr. Walker, das erfordert Können und Selbstvertrauen.“ Sie betätigte den Blinker und bog auf einen kleinen Parkplatz ein. „Wir sind da. Das ist das Glenmore Medical Centre.“

Es war größer, als Ethan sich vorgestellt hatte. Das moderne Gebäude hatte eine Glasfront und war einem atemberaubenden weiß gestrichenen Haus angegliedert, von dessen Balkons man einen herrlichen Meerblick genießen konnte. „Ihr Bruder wohnt hier auch.“

„Ja. Die Praxisräume befinden sich im Anbau. Die Menschen kennen hier kein Pardon und stören Logan auch dann, wenn er in der Wanne liegt.“ Kyla lächelte und schaltete den Motor aus. „Aber ihm gefällt es hier.“

„Ihr Bruder ist hoch qualifiziert. Er hätte überall arbeiten können.“

„Ja, das stimmt.“ Sie griff nach hinten und nahm ihre Tasche vom Rücksitz. „Doch er hat sich für die Insel entschieden. Hier ist er aufgewachsen, hier wird er gebraucht.“

„Ihnen gefällt es auch, gebraucht zu werden“, stellte Ethan fest.

„Allerdings. Sie werden es nicht glauben, aber ich habe wirklich versucht, woanders zu leben. Doch das war nichts für mich. Ich fühle mich nur auf Glenmore heimisch. Hier ist mein Zuhause.“

„Das muss ein schönes Gefühl sein.“

„Irgendwo hat jeder sein Zuhause. Wo liegt Ihres, Dr. Walker? In London?“ Fröhlich lächelnd öffnete sie die Fahrertür.

Ethan dachte nach. „Das kommt darauf an, wie Sie ‚Zuhause‘ definieren. Ist es der Ort, wo Sie geboren sind, oder der, wo Sie aufgewachsen sind?“

Kyla musste einen Moment lang überlegen. „Eigentlich weder noch. Ein Zuhause ist dort, wo man sich wohlfühlt. Sie kommen irgendwo an und fragen sich plötzlich, warum Sie je fortgegangen sind, denn es ist der einzige Ort, an dem Sie wirklich sein möchten.“

Ethan musterte sie nachdenklich. „Dann habe ich wohl kein Zuhause“, sagte er leise. „Denn das Gefühl, das Sie gerade beschrieben haben, kenne ich nicht.“

2. KAPITEL

Kyla öffnete den Kofferraum und holte das Paket heraus. Es fiel ihr schwer, sich auf diese Aufgabe zu konzentrieren, denn gerade schob Ethan Walker sich vorsichtig vom Beifahrersitz des viel zu kleinen Wagens und streckte sich.

Während der Fahrt hatte sie seine Nähe nur allzu sehr gespürt. Die langen Beine hatten ihre berührt, und immer wieder hatte Ethan sie forschend von der Seite betrachtet. Diese intensiven Blicke hatten sie so sehr aus der Fassung gebracht, dass sie viel zu schnell gefahren war, um der Musterung möglichst bald zu entgehen.

Sie kannte jeden einzelnen Inselbewohner. Alle wirkten verlässlich und berechenbar. Ethan Walker schien das genaue Gegenteil zu sein.

Als ihr Bruder ihr den neuen Arzt beschrieben hatte, war vor ihrem geistigen Auge das Bild eines drahtigen bebrillten Akademikers aufgetaucht, der sich ein Leben lang der Forschung gewidmet und ein distanziertes Verhältnis zu seinen Patienten hatte.

Keinesfalls hatte sie erwartet, dass sein Anblick sie völlig aus der Bahn werfen würde.

Sie konnte den Blick kaum von ihm abwenden. Das lag nicht nur an seinem attraktiven Gesicht und dem athletischen Körper, sondern auch an seiner Aura, die Selbstbewusstsein und etwas Geheimnisvolles ausstrahlte. Kyla spürte, dass er seine Gefühle tief im Innern verborgen hielt. Was hatte er erlebt? Warum betrachtete er seine Umwelt mit so viel Sarkasmus?

Und was hatte ihn bewogen, sich in die schottische Wildnis zu begeben?

Er war ihrer Frage ausgewichen, das war verdächtig genug. Logan hatte erzählt, dass Ethan ein Überflieger und der jüngste Oberarzt aller Zeiten gewesen war. Das klang nach einem ehrgeizigen Mann, der nur seine Arbeit kannte. Wieso ließ ausgerechnet so einer die Karriere hinter sich und verschanzte sich an einem so abgelegenen Ort?

Es musste etwas mit seinem Liebesleben zu tun haben.

Auch dieser Frage war er ausgewichen. Typisch Mann! Wenn es um Gefühle ging, mauerten sie alle.

Kyla knallte den Kofferraum zu und beschloss, hartnäckig zu bleiben. So leicht gab sie nicht auf. Es würde sicher interessant werden, einige Zeit mit Ethan zu verbringen.

Dieser Gedanke überraschte sie, denn es war schon lange her, seit sie sich zuletzt für einen Mann interessiert hatte.

Das Problem des Insellebens, dachte sie und warf sich den Postsack über die Schulter, liegt darin, dass jeder jeden kennt. Es gab keine Überraschungen. Sie würde sich kaum Hals über Kopf in Nick Hillier, den Inselpolizisten, verlieben. Auch Alastair und sein Fischerboot würden ihr kaum im Traum erscheinen. Diese Männer waren ihr so vertraut, als gehörten sie zur Familie.

Aber Ethan – er war eine Überraschung. Die langen Sommertage versprachen diesmal viel interessanter zu werden, als sie es sonst waren.

Sie lächelte voller Vorfreude. Plötzlich konnte sie es kaum noch abwarten, mehr über ihn zu erfahren.

Energisch stieß sie die Tür zur Praxis auf.

Logan saß am Empfangstresen und tippte etwas in den Rechner. „Wir sind schon wieder völlig ausgebucht, Kyla. Hast du die alle angenommen?“

„Ich wünsche dir auch einen guten Morgen.“ Besorgt betrachtete sie ihren Bruder und suchte nach Anzeichen von Müdigkeit und Erschöpfung. Glücklicherweise vergeblich. Logan ist wirklich hart im Nehmen, dachte sie stolz. „Bist du die ganze Nacht hier gewesen?“

„Jedenfalls fühlt es sich so an.“ Er schob den Stuhl zurück und streckte sich. Sein Haar war dunkel und so lang, dass es den Hemdkragen berührte. Seine Augen waren so blau wie ihre. „Wenn ich mich heute mit all diesen Patienten beschäftigen soll, habe ich keine einzige freie Minute. Wir dürfen nicht so viele annehmen.“

Kyla sah ihn verzweifelt an. „Was schlägst du vor, du Blödmann? Soll ich sie wegschicken und sie bitten, sich einen anderen Tag für ihre Krankheit auszusuchen?“

„Du bist ja mal wieder sehr respektvoll, Schwesterherz.“ Lächelnd zwinkerte er ihr zu. „Ich wollte dir ja nur zu verstehen geben, dass ich hier der einzige Arzt bin und meine Zeit begrenzt ist.“

Temperamentvoll leerte sie den Postsack auf dem Tresen aus. „Du tust ja gerade so, als würde ich über die Insel ziehen, um auf Patientenfang zu gehen! Dabei kann ich gar nichts dafür, wenn die Leute Schlange stehen, um sich von dir behandeln zu lassen. Außerdem bist du ab sofort nicht mehr der einzige Arzt.“ Mit großer Geste wandte sie sich Ethan zu. „Hier ist deine Verstärkung. Ich habe Dr. Ethan Walker von der Fähre abgeholt. Wahrscheinlich hat sich das bereits bis zu dir herumgesprochen. Die Buschtrommeln waren in der vergangenen halben Stunde bestimmt kaum zu überhören. Wenn du ihn gut behandelst, hilft er dir bestimmt mit der Sprechstunde.“

„Hallo, Ethan. Freut mich, Sie kennenzulernen.“ Logan stand auf und schüttelte dem Kollegen die Hand, während Kyla den Kopf neigte und die beiden Männer musterte. Beide waren groß, dunkelhaarig und hatten breite Schultern. Damit hörte die Ähnlichkeit aber bereits auf. Ihr Bruder wirkte rau und markig, wie ein Mann, der sich gern im Freien aufhält, wohingegen Ethan einen eleganten und gewandten Eindruck machte – eher wie ein Städter – ein sehr anspruchsvoller Städter. Wahrscheinlich würde er es keine fünf Minuten auf Glenmore aushalten.

Kyla wandte sich ab und begann, die Post ordentlich zu einem Stapel aufzutürmen. Darum würde Jane, die Assistentin am Empfang, sich später kümmern.

Die beiden Männer unterhielten sich angeregt, als das Telefon klingelte. Kyla beugte sich über den Tresen, nahm den Hörer ab und meldete sich.

„Glenmore Medical Centre.“ Ihr Tonfall war fröhlich und freundlich. Logans warnenden Blick, ja nicht noch einen weiteren Patienten anzunehmen, ignorierte sie. „Guten Morgen, Janet. Wie geht es dir?“ Sie richtete sich auf und verzog das Gesicht. „Das ist ja furchtbar! Es tut mir schrecklich leid, das zu hören. Am besten, du lässt sie so, wie sie ist. Logan kommt sofort.“

Sie legte den Hörer auf und begegnete Logans ungläubigem Blick, als sie aufsah.

„Erinnere mich doch nachher daran, dich zu feuern. Ich werde eine launische, furchterregende alte Schreckschraube einstellen, die die Patienten abschreckt. Solltest du eben einen Hausbesuch zugesagt haben – zwei Minuten vor Beginn der Sprechstunde, dann erwürge ich dich mit bloßen Händen“, grummelte Logan. „Wofür hältst du mich eigentlich? Für übermenschlich?“

„Nein, nur für einen guten Arzt.“ Kyla notierte die Details auf einem Papierfetzen, ging zu ihrem Bruder und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Du bist ein guter, aber ausgesprochen launischer Arzt. Das war unsere Janet. Als sie heute Morgen vor Praxisbeginn noch schnell bei ihrer Mutter vorbeischaute, fand sie sie auf dem Boden liegend.“

„Gladys?“ Logan wirkte plötzlich sehr besorgt, und Kyla steckte ihm den Zettel in die Hand.

„Da siehst du es selbst! Deine Patienten sind dir wichtig, du willst es nur nicht zeigen. Du musst los, Logan, dieser Fall lässt sich nicht aufschieben.“

„Ich habe jetzt Sprechstunde. Ich kann nicht an zwei Orten gleichzeitig sein.“

„Du fährst jetzt zu Mrs. Taylor. Janet meint, sie hat sich wahrscheinlich das Bein gebrochen. Evanna und ich kümmern uns um die Patienten im Wartezimmer. Die meisten können wir wahrscheinlich selbst versorgen. Die anderen müssen eben auf dich warten.“ Kyla scheuchte ihn zur Tür. „Nun verschwinde endlich!“

„Ich übernehme die Sprechstunde.“ Ethan hatte dem Schlagabtausch zwischen den Geschwistern fasziniert und verwundert gelauscht. „Oder spricht etwas dagegen?“

Nachdenklich rieb Logan sich den Nacken. „Immerhin sind Sie die ganze Nacht unterwegs gewesen. Vielleicht sehnen Sie sich nach einer Dusche und ein paar Stunden Schlaf? Sie kennen die Patienten nicht. Wollen Sie noch mehr Gründe hören, die dagegen sprechen?“

Ethan rang sich ein Lächeln ab. „Ich bin ans Reisen gewöhnt. Duschen und ausruhen kann ich mich später. Und die Patienten muss ich sowieso kennenlernen. Warum also nicht gleich? Wenn ich Fragen habe, wird Kyla mir sicher helfen. Sicherheitshalber können Sie ja Ihr Handy eingeschaltet lassen, falls wir hier nicht weiterwissen.“

„Also gut.“ Logan griff nach seiner Arzttasche. „Wenn es sich um eine Hüftfraktur handelt, müssen wir einen Rettungsflug anfordern, Kyla. Ich melde mich.“

„Tu das.“ Kyla beobachtete, wie ihr Bruder durch die Tür ging, dann nahm sie einen Schlüsselbund. „Also, Dr. Walker. Sieht aus, als wären Sie jetzt im Dienst. Ich zeige Ihnen das Sprechzimmer und bringe Ihnen dann eine Tasse Kaffee. Der muss reichen, bis wir Zeit zum …“ Weiter kam sie nicht, denn in diesem Moment wurde die Tür aufgestoßen, und ein Riese von einem Mann stolperte herein. Er war blass, Schweißperlen standen ihm auf der Stirn, und er hielt eine Hand aufs Herz gepresst.

„Doug?“ Kyla eilte sofort zu ihm und legte stützend einen Arm um ihn. „Was ist passiert? Fühlst du dich nicht gut?“

„Schmerzen“, stieß er mit schmerzverzerrtem Gesicht hervor. „In meiner Brust. Ich war im Keller, um Bierkisten zu stapeln, als mir übel wurde. Und dann hatte ich diesen fürchterlichen Schmerz in der Brust.“

„Kann er sich irgendwo hinlegen?“

„Im Untersuchungszimmer.“

Ethan stützte den Mann auf der anderen Seite. Langsam gingen sie den Flur entlang zum Untersuchungszimmer. „Bitte legen Sie sich auf die Liege, Mr. …?“

„McDonald“, sagte Kyla schnell, stellte die Rückenlehne hoch und half dem Patienten auf die Liege. „Doug McDonald, sechsundfünfzig Jahre, ist seit drei Jahren wegen Bluthochdrucks in Behandlung. Er nimmt einen Betablocker, einen ACE-Hemmer und ein Statinpräparat.“

Ethan zog eine Augenbraue hoch, als er Dougs Puls fühlte und nach dem Stethoskop griff. „Kennen Sie alle Krankengeschichten auswendig?“

„So viele sind es ja nicht, Dr. Walker. Was brauchen Sie?“

„Wir fangen mit Sauerstoff an.“

„Das Gerät steht rechts neben Ihnen. Die Maske hängt dran. Sie wollen sicher auch einen Zugang legen. Ich kümmere mich darum.“ Schnell und umsichtig legte sie Kanüle und sonstiges Zubehör bereit. „Atme ganz normal weiter unter der Maske, Doug. So ist es gut. Ich binde den Arm ab, damit Sie eine Vene finden können, Dr. Walker.“

Ethan strich suchend über den Handrücken des Patienten. „Können wir ihn hier an einen Tropf anschließen?“

„Natürlich. Ich hole einen Beutel.“

„Sie haben gute Venen, Doug.“ Ethan desinfizierte den Handrücken und legte die Kanüle, als hätte er sein ganzes Leben lang nichts anderes getan.

Kyla nickte erleichtert und lockerte die Manschette um Dougs Oberarm.

„Das wird schon wieder, Doug. Bei Dr. Walker bist du in den besten Händen.“ An Ethan gewandt fügte sie hinzu: „Ich rufe die Daten im PC auf, dann können Sie selbst sehen, was Logan bisher gemacht hat.“ Sie schaltete den Rechner ein und schob das EKG-Gerät neben die Liege. „Der Computer braucht eine Minute.“

Doug stöhnte unter der Maske. „Ich habe schon lange befürchtet, dass das passieren könnte. Deshalb habe ich versucht abzunehmen. Mit dem Rauchen habe ich aufgehört, dafür habe ich mehr gegessen.“ Er verzog das Gesicht, als Ethan den Zugang zum Beutel öffnete. „Ich habe es wirklich versucht, aber es ist ganz schön schwer.“

„Keine Sorge, Doug, du hast das prima gemacht.“ Kyla sprach beruhigend auf ihn ein und legte die Manschette des Blutdruckmessgeräts um den anderen Arm. „Wir müssen erst mal feststellen, was eigentlich passiert ist.“ Sie maß den Blutdruck und zeigte Ethan das Ergebnis.

Er nickte. „Gut, dann machen wir jetzt das EKG.“

Kyla hatte bereits begonnen, die Kabel entsprechend zu setzen. „Bleib ganz ruhig, Doug. Dr. Walker ist ein Spezialist vom Festland. Normalerweise kostet eine Untersuchung bei ihm ein kleines Vermögen, aber du bekommst sie umsonst. Heute ist also dein Glückstag.“

Sie ignorierte Ethans amüsierten Gesichtsausdruck und konzentrierte sich auf ihre Arbeit.

Doug machte die Augen zu und rang sich ein Lächeln ab. „Fühlt sich aber nicht gerade wie ein Glückstag an, Kleines.“

Das Kosewort berührte Kyla zutiefst. Sie kannte Doug, seit sie auf der Welt war. „Ist es aber, weil ich Dienst habe“, behauptete sie lächelnd und schaltete das Gerät ein. „Bei uns bist du gut aufgehoben, Doug.“ Die ganze Zeit redete sie beruhigend auf ihn ein und sah nur auf, als ein dunkelhaariges Mädchen in blauer Uniform das Untersuchungszimmer betrat.

„Logan ist mir gerade in atemberaubendem Tempo auf der Küstenstraße entgegengekommen und sah sehr besorgt aus. Braucht ihr Hilfe?“, fragte sie besorgt. Ihr Pferdeschwanz wippte, als sie den Kopf drehte und den Patienten auf der Liege entdeckte. „Was hast du denn angestellt, Doug?“

„Das ist Ethan Walker, der neue Arzt. Ethan, das ist Evanna, die andere Krankenschwester auf der Insel. Logan ist unterwegs zu Janets Mutter, die gestürzt ist. Doug hat schlimme Schmerzen in der Brust. Könntest du bitte die Rettungsflieger alarmieren?“ Mit Blicken gab Kyla ihrer Freundin und Kollegin zu verstehen, dass es sich um einen dringenden Notfall handelte. „Doug muss ins Krankenhaus. Wir müssen deine Frau verständigen, Doug. Ist sie zu Hause?“

Evanna schlüpfte schnell hinaus, ohne weitere Fragen zu stellen. Erleichtert blickte Kyla ihr nach. Auf Evanna war Verlass. Sie würde dafür sorgen, dass der Hubschrauber so schnell wie möglich eintraf.

„Nein!“ Douglas’ Gesicht war blass und schweißfeucht. „Du darfst Leslie auf keinen Fall beunruhigen. Sie hat gerade genug mit Andrea zu tun, die gegen alles und jedes rebelliert. Da kann ich sie nicht auch noch mit meinem Herzinfarkt belasten. Denn das ist es doch.“

„Sie liebt dich, Doug.“ Kyla wandte sich wieder dem EKG-Gerät zu und beobachtete den Verlauf der Kurven. Was sie sah, gefiel ihr gar nicht, doch sie ließ sich nichts anmerken. Natürlich würde sie Dougs Frau informieren! „Überleg doch mal, was sie sagen würde, wenn sie erfahren würde, dass du einfach ohne sie zu einem Kurzurlaub aufs Festland geflogen bist?“

Der ST-Verlauf war auffällig. Dieses Bild hatte sie oft genug gesehen, als sie ein Praktikum in der Notaufnahme gemacht hatte.

Doug schüttelte nur den Kopf. „Sie plant schon lange einen Urlaub.“

„Na siehst du.“ Kyla machte Platz, damit Ethan das EKG analysieren konnte. „Der ST-Verlauf ist auffällig“, sagte sie leise. „Sie wollen ihm wahrscheinlich Heparin und Reteplase geben. Ich hole die Sachen.“ Sie las Bestätigung und Verwunderung in Ethans Blick.

„Haben wir Morphium und Nitroglyzerinspray vorrätig?“, fragte er.

„Selbstverständlich.“ Seine Frage amüsierte sie. Glaubte er wirklich, in einem rückständigen Nest zu arbeiten? Kyla schloss den Medikamentenschrank auf, fand, was sie brauchte, und bereitete alles vor. Gleichzeitig hörte sie zu, was Ethan zu Doug sagte.

„Ich fürchte, das EKG bestätigt Ihren Verdacht, Doug. Sie haben einen Herzinfarkt, der vermutlich durch einen Gefäßverschluss verursacht wurde.“ Sein Tonfall war ruhig. „Ich gebe Ihnen jetzt etwas, das das Blutgerinnsel auflöst.“

„Ach, darüber habe ich gelesen.“

„Prima. Wir müssen dafür sorgen, dass das Blut wieder ungehindert durch die Arterie fließt. Vorher muss ich Ihnen noch einige Fragen stellen.“

Doug nickte missmutig unter der Sauerstoffmaske. „Dabei kann ich Frage- und Antwortspiele nicht leiden. Wenn Sie Hauptstädte abfragen wollen, können wir es gleich vergessen. Ich habe die Schule mit sechzehn verlassen, um bei meinem Vater als Fischer einzusteigen.“

Ethan lächelte. „Leiden Sie an einer Bluterkrankung? Sind Sie in letzter Zeit operiert worden?“, fragte er schnell und nahm Kyla die Medikamente aus der Hand. „Wie lange brauchen die Rettungsflieger, und wo landen sie? Ich bin nicht sicher, ob er transportfähig ist“, fügte er hinzu.

„Die Sanitäter sind gut ausgebildet. Sie können aber auch mitfliegen. An Bord ist ein Defibrillator und alles andere, was Sie eventuell benötigen.“

Sorgfältig verabreichte Ethan dem Patienten die Medikamente. „Kann der Rettungshubschrauber hier landen?“

„Ja, vorausgesetzt, das Wetter spielt mit. Heute sollte das kein Problem sein.“ Kyla nahm ihm die leere Spritze ab und entsorgte sie. „Wir müssen im Krankenhaus Bescheid sagen.“

„Wenn ich mitfliege, ist kein Arzt mehr hier.“

Kyla lächelte. „Logan ist ja noch auf der Insel und kommt bald zurück. Bilden Sie sich nur nicht ein, unersetzlich zu sein, Dr. Walker“, fügte sie lächelnd hinzu und warf Doug einen beruhigenden Blick zu. „Wir Schwestern sind auch sehr vielseitig.“

Ethan beugte sich besorgt über Doug und fühlte seinen Puls. „Hat der Schmerz etwas nachgelassen?“

Doug nickte. „Ja, ich fühle mich schon besser“, sagte er, als Evanna zurückkam.

„Der Hubschrauber landet in einer Viertelstunde“, sagte sie in ihrer ruhigen freundlichen Art. „Ich habe den Patienten im Wartezimmer mitgeteilt, dass es eine kleine Verzögerung gibt, bis Logan zurück ist.“

Kyla sah auf. „Hast du mit ihm telefoniert?“

„Ja. Mrs. Taylor hat sich einige Abschürfungen am Bein zugezogen und muss genäht werden. Es ist aber nichts gebrochen. Ich habe vorgeschlagen, dass eine von uns zu ihr fährt, um mit ihr zu beratschlagen, wie sie solche Stürze in Zukunft vermeiden kann.“

Kyla runzelte die Stirn, als sie zum Telefon griff. „Sie sollte bei dir Krankengymnastik nehmen, Evanna. Ist sie gestolpert?“

„Keine Ahnung. Janet hat sie am Fuß der Treppe gefunden. Glücklicherweise ist nichts gebrochen, sonst müssten die Rettungsflieger Mrs. Taylor auch noch abholen.“ Evanna sah auf ihre Armbanduhr. „Wenn ihr hier ohne mich klarkommt, fange ich jetzt an, mich um Logans Patienten zu kümmern.“ Sie nickte ihnen zu und verschwand.

Kyla gab Ethan den Hörer. „Sie sprechen am besten mit dem Chefarzt der Kardiologie. Er heißt Angus Marsh und ist sehr nett.“ Sie wandte sich Douglas zu. „Wir müssen jetzt wirklich deine Frau verständigen, Doug. Sie wird den Rettungshubschrauber sehen, und irgendjemand wird ihr erzählen, wer der Patient ist. Dann regt sie sich nur noch mehr auf. Außerdem wird sie mich umbringen, weil ich ihr nicht Bescheid gesagt habe.“

In diesem Moment flog die Tür auf, und Leslie stürzte in den Untersuchungsraum.

„Wer braucht auf dieser Insel schon ein Telefon, wenn es Buschtrommeln gibt?“, stöhnte Kyla, trat von der Liege zurück und sah, wie Leslie sich die Hände an die Wangen legte.

„Was hast du denn nur angestellt, Douglas Rory Fraser McDonald?“

Doug gab ein schwaches Stöhnen von sich, aber die Zuneigung in seinem Blick war nicht zu übersehen. „Was tust du denn hier, Frau?“

„Ich wollte unten am Hafen bei Geoff Fisch kaufen. Er hat mir erzählt, dass du ganz blass ausgesehen hast und den Weg hier heraufgegangen bist.“ Entsetzt blickte Leslie auf das EKG-Gerät und wandte sich dann Kyla zu. „Was ist hier los, Schwester MacNeil?“

Hilfe suchend schickte Kyla einen Blick zu Ethan, doch der teilte seinem Kollegen am Telefon gerade Dougs Befund mit.

„Doug hat über Schmerzen in der Brust geklagt. Er hat wahrscheinlich einen Herzinfarkt erlitten. Es geht ihm so weit ganz gut. Es besteht kein Grund zur Aufregung. Sicherheitshalber überweisen wir ihn aber ans Krankenhaus. Das ist nur eine Vorsichtsmaßnahme. Der Hubschrauber muss jeden Moment landen.“

Leslie war fassungslos. „Du fliegst aufs Festland? Du hattest einen Herzinfarkt? Und wann gedachtest du mir das mitzuteilen, Doug? Zu Weihnachten?“

„Jetzt beruhige dich. Kyla wollte dich gerade anrufen. Früher ging es nicht, weil sie seit meiner Ankunft alle Hände voll zu tun hatte.“ Doug hatte die Augen geschlossen. Jedes Wort schien ihn anzustrengen. „Geh nach Hause, und kümmere dich um Andrea. Ich melde mich aus dem Krankenhaus.“

„Mit Andrea ist alles in Ordnung. Sie ist dreizehn und kann allein zur Schule gehen.“ Besorgt wandte Leslie sich um. „Kann ich mitfliegen?“, fragte sie Kyla bittend.

Die nickte. „Ich denke schon, aber das muss ich mit der Crew abklären. Du siehst blass aus, Leslie. Setz dich doch bitte einen Moment.“ Schnell holte sie einen Stuhl.

Dankbar nahm Leslie Platz. „Es geht gleich wieder“, versicherte sie. „Das ist nur der Schock.“

Ethan legte den Hörer auf, als Evanna zurückkehrte. „Der Hubschrauber ist gelandet. Die Sanitäter sind mit der Trage unterwegs.“

„Ich habe unseren Patienten gerade im Krankenhaus angemeldet.“ Ethan überflog noch einmal den Befund, dann half er den Sanitätern, Doug auf die Trage zu legen.

Kurz darauf befanden Doug und Leslie sich an Bord. Ethan folgte ihnen mit einem athletischen Sprung. „Wie komme ich zurück?“

Kyla lächelte frech. „Wenn Sie Glück haben, werden Sie zurückgeflogen. Wenn nicht, müssen Sie wohl schwimmen. Keine Panik, das Wasser ist zu dieser Jahreszeit schon recht warm. Bis später, Dr. Walker.“

Gebückt entfernte sie sich vom Hubschrauber mit den inzwischen kreisenden Rotoren und kehrte zur Praxis zurück. Das Wartezimmer war voll. Kyla berichtete den Patienten, was passiert war, und schätzte rasch ein, wen sie selbst behandeln konnte und um wen Logan sich kümmern musste.

„Aber Doug erholt sich doch wieder, oder?“, fragte Paula Stiles, die im Souvenirladen arbeitete, stellvertretend für alle Anwesenden.

Kyla beruhigte sie, ohne vertrauliche Informationen weiterzugeben, dann begab sie sich in ihr eigenes Sprechzimmer, schaltete den Rechner ein und wartete, bis das Gerät hochgefahren war. Was für ein Start in den Tag, dachte sie. Es war noch nicht einmal neun Uhr, und sie hatte das Gefühl, bereits einen vollen Arbeitstag hinter sich zu haben.

Sie mochte gar nicht daran denken, wie Ethan sich fühlen musste. Er war die ganze Nacht unterwegs gewesen, um die erste Fähre zu erreichen, und kaum war er auf der Insel eingetroffen, befand er sich bereits wieder auf dem Weg zum Festland. Aus Erfahrung wusste sie, dass er nur mit viel Glück vor dem Mittagessen zurück sein würde.

Hoffentlich verfügte der neue Doktor über Durchhaltevermögen, denn das würde er auf der Insel brauchen.

3. KAPITEL

Ihre erste Patientin war die Direktorin der Grundschule, die gehofft hatte, von Logan untersucht zu werden, um noch rechtzeitig vor Schulbeginn am Arbeitsplatz zu sein.

„Tut mir leid, dass Sie warten mussten, Mrs. Carne.“ Kyla lächelte entschuldigend und griff nach einem Kugelschreiber. „Wenn es um Ihr Asthma geht, können Sie mir sagen, welche Probleme Sie haben. Ich bespreche das dann später mit Logan.“

„Es ist tatsächlich mein Asthma.“ Ann Carne stellte ihre Handtasche auf den Fußboden und setzte sich. „Ich habe Probleme auf dem Sportplatz. Man stelle sich das vor: Ich unterrichte Sechsjährige und komme außer Atem.“

„Sechsjährige haben auch besonders viel Energie“, gab Kyla trocken zu bedenken. „Sie dürfen nicht unterschätzen, wie sehr sich das auf Ihre Atmung auswirkt. Als ich im vergangenen Jahr beim Sportfest der Schule war, bin ich allein vom Zuschauen erschöpft gewesen. Welche Probleme haben Sie? Benutzen Sie vor der Sportstunde das Inhalationsgerät?“

„Manchmal.“ Die Frage war Ann offensichtlich unangenehm. „Ich versuche, vor der Stunde ins Lehrerzimmer zu gehen, aber das ist nicht immer möglich.“

„Warum gehen Sie ins Lehrerzimmer?“

„Weil die Kinder nicht merken sollen, dass ich ein Inhalationsgerät benutze.“

Kyla sah die Lehrerin verständnislos an und überlegte, wie sie dem Problem möglichst taktvoll auf den Grund gehen sollte. „Machen Sie sich Gedanken um die Kinder oder um sich selbst?“

„Sowohl als auch, glaube ich. Es soll niemand wissen, dass ich krank bin, und die Kinder sollen keine Angst haben, ich könnte vor ihren Augen zusammenbrechen.“ Sie zuckte verlegen die Schultern.

„Warum sollten sie das denken?“ Kyla pochte mit dem Kugelschreiber auf den Tisch. „Unter den Schülern gibt es auch Asthmatiker. Die anderen Kinder sind also an den Anblick eines Inhalationsgeräts gewöhnt.“

„Aber nicht daran, dass eine Lehrerin es benutzt.“

Offensichtlich lag das Problem eher bei Ann als bei den Schülern. Nachdenklich lehnte Kyla sich zurück. „Es ist vor fast einem Jahr festgestellt worden, dass Sie an Asthma leiden, Ann. Wie gehen Sie mit der Krankheit um?“

Darauf wusste sie so schnell keine Antwort. „Ich kann es immer noch nicht glauben, dass ich darunter leide“, gestand sie schließlich ein. „Ich bin zweiundfünfzig. Es kann doch nicht sein, dass die Krankheit aus dem Nichts auftaucht.“

„Doch. Und mit dem Alter hat das gar nichts zu tun. Ganz viele andere Faktoren spielen dabei eine Rolle.“

„Ich kann mich aber einfach nicht an die Vorstellung gewöhnen.“

„Widerstrebt es Ihnen deshalb, das Inhalationsgerät zu benutzen?“, fragte Kyla vorsichtig. „Wenn Sie die Medizin nicht nehmen, sind Sie auch nicht krank. Ist es das?“

„Seit wann sind Sie so weise, Kyla MacNeil?“ Ann rang sich ein Lächeln ab. „Ich erinnere mich noch an die Zeit, als Sie sechs Jahre alt waren. Sie brachten einen Frosch mit in den Unterricht und versteckten ihn unterm Tisch.“

„Ich weiß. Der Frosch gehörte meinem Bruder. Er war ziemlich wütend auf mich.“

„Und er platzte in den Unterricht, um ihn sich zurückzuholen.“ Ann seufzte. „Ich bilde mir ein, noch immer jung zu sein. Ich fühle mich jung. Nur wenn ich in den Spiegel sehe, wird mir bewusst, wie die Jahre vergangen sind. Und natürlich auch, wenn mein Körper mich im Stich lässt.“

„Ihr Körper funktioniert noch sehr gut, er braucht nur ab und zu etwas Hilfe.“ Kyla zog ein Merkblatt aus der Schublade. „Sie sollten sich das mal durchlesen. Wir haben die Informationen letzte Woche erhalten, und ich finde sie ganz nützlich. Es werden Ratschläge gegeben, wie man mit einer Erkrankung lebt und sich ihr nicht unterordnet. Eigentlich ist das alles ganz logisch. Sie würden ja auch nicht auf Zahnbürste und Zahnpasta verzichten, oder? Die benutzen Sie, um Ihre Zähne zu erhalten. Und mit dem Inhalationsgerät wird Ihre Gesundheit erhalten.“

Ann griff nach dem Merkblatt. „Unter dem Aspekt habe ich das noch gar nicht betrachtet. Das ist eine gute Idee, Kyla“, fügte sie lächelnd hinzu.

„Versprechen Sie mir, in den kommenden zwei Wochen das Asthmaspray zu benutzen. Und dann kommen Sie wieder und berichten, wie es war. Aber gehen Sie vor den Kindern offen mit Ihrer Krankheit um. Wir versuchen, den Kindern beizubringen, dass es normal ist, ein Spray zu benutzen, wenn man unter Asthma leidet. Wenn sie merken, dass Sie die Krankheit vor ihnen verbergen, werden sie Probleme beim Umgang mit der Erkrankung haben.“

„Daran habe ich noch gar nicht gedacht, aber Sie haben natürlich recht, Kyla.“ Ann stand auf und lächelte ihr dankbar zu. „Sie haben sich ganz schön herausgemacht, Kyla, seit Sie Ihre Erdkundebücher vollgekritzelt haben. Darf ich fragen, wie es Doug geht, oder werden Sie mir dann raten, mich um meine eigenen Angelegenheiten zu kümmern?“

„Das würde ich meiner ehemaligen Schuldirektorin gegenüber niemals wagen.“ Kyla lachte. „Leider kann man noch nicht viel sagen.“ Offensichtlich war keinem Inselbewohner die Landung des Hubschraubers entgangen. „Unser neuer Doktor hat Doug begleitet. Hoffentlich bringt er bei seiner Rückkehr gute Nachrichten mit. Ich werde Ben bitten, einen Aushang an der Kneipentür anzubringen.“

„Das ist eine gute Idee. Wir fühlen alle mit Doug.“

„Ich weiß“, sagte Kyla lächelnd. „Wegen des Zusammenhalts auf der Insel bin ich nach Glenmore zurückgekehrt, Mrs. Carne. Alles Gute, und lassen Sie es nicht zu, dass die kleinen Monster Frösche mit ins Klassenzimmer bringen.“

Etwa eine Stunde nachdem Logan von seinem Hausbesuch bei Janets Mutter zurückgekehrt war und Kyla gerade ihre Sprechstunde beendet hatte, tauchte Ethan wieder auf.

Kyla zeigte ihm sein Sprechzimmer. Mit vereinten Kräften gelang es ihnen, die Patienten zügig zu versorgen, bis das Wartezimmer schließlich leer war. Evanna hatte derweil Janet am Empfang vertreten, wo das Team sich nach der Sprechstunde einfand.

„Wie sieht es mit Hausbesuchen aus?“, fragte Logan und musste ein Gähnen unterdrücken.

„Es steht nur einer auf der Liste. Helen McNair. Sie hat schlechte Nachrichten aus dem Krankenhaus erhalten und würde dich gern sprechen.“ Evanna griff nach dem Terminkalender. „Die anderen Patienten konnte ich überreden, heute Nachmittag in die Sprechstunde zu kommen. Bis dahin möchtest du sicher Dr. Walker einweisen.“

„Du hast tatsächlich Patienten überredet, auf meinen Hausbesuch zu verzichten?“ Logan zwinkerte ihr vergnügt zu. „Du bist mit sofortiger Wirkung befördert, mein Engel. Von jetzt an bist du unsere Empfangsdame und meine Lieblingsfrau.“

Kyla bemerkte, dass Evannas Wangen sich verräterisch gerötet hatten, und betrachtete neugierig ihren Bruder. Doch der hatte sich bereits abgewandt und blätterte in der neuesten Ausgabe einer medizinischen Fachzeitschrift. Offensichtlich war ihm völlig entgangen, was seine Koseworte bei ihrer Freundin angerichtet hatten.

Am liebsten hätte Kyla ihm eins auf den Schädel gegeben. Auf der ganzen Insel war Logan für sein Einfühlungsvermögen bekannt, aber wenn es um sein eigenes Glück ging, war er völlig unempfänglich.

Frustriert sortierte Kyla Karteikarten ein. Seit Catherines Tod war fast ein Jahr vergangen. Wie lange wollte Logan denn noch allein bleiben? Früher oder später würde sie die Sache wohl in die Hand nehmen müssen.

Als sie Evannas sehnsüchtigen Blick auffing, beschloss sie, nicht zu viel Zeit zu verlieren. „Heute Morgen war Ann Carne bei mir“, sagte sie und reichte ihrem Bruder einige Befunde.

„Tatsächlich?“ Logan lehnte sich im Sessel zurück und streckte die langen Beine von sich. „Und wie geht es unserer Lieblingsschuldirektorin?“

„Sie steckt immer noch den Kopf in den Sand. Wenn sie nicht bald einsieht, dass sie das Asthmaspray benutzen muss, wird das noch böse enden.“

Logan nickte nachdenklich. „Hast du ihr das zu verstehen gegeben?“

Kyla zog eine Augenbraue hoch. „Hältst du mich für so dämlich?“

„Darauf erwartest du doch wohl keine Antwort von mir, oder?“

„He, hört sofort auf, ihr beiden!“ Evanna ging schnell dazwischen und warf Ethan einen entschuldigenden Blick zu. „Beachten Sie die beiden nicht! Sie kabbeln sich ständig, wie das unter Geschwistern nun mal üblich ist. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Eigentlich lieben sie einander heiß und innig.“

Ethan verzog keine Miene. Ernst und angespannt saß er in seinem Sessel. Kyla wunderte sich. Sein Blick hatte etwas Trostloses. Am liebsten hätte sie gefragt, was ihn quälte. Ob ihm der burschikose Ton missfiel, der unter den Kollegen vorherrschte? Nein, das konnte es nicht sein.

Sie fing Logans Blick auf. „Kümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten“, flüsterte ihr Bruder ihr auf Gälisch zu.

Lächelnd antwortete sie in der gleichen Sprache: „Vielleicht möchte ich ihn ja zu meiner Angelegenheit machen.“

Logan verdrehte die Augen und stand auf. „Versteh einer die Frauen“, sagte er auf Englisch.

„Das wäre schön“, antwortete Kyla leise und ließ unwillkürlich den Blick zu Evanna gleiten. „Gib aber nicht auf, Logan. Übung macht den Meister.“

„Bei meiner Tochter bekomme ich genug Übung. Apropos, wenn wir hier fertig sind, werde ich die kommende Stunde meiner Kleinen widmen. Sie müsste jetzt gleich aufwachen. Dann bekommt sie ihr Mittagessen, mit dem sie sich über und über bekleckern wird. Ich würde Sie ja zum Mittagessen einladen, Ethan, aber Sie würden wahrscheinlich mit einer Ladung Gemüsebrei im Gesicht enden. Vielleicht sollten Sie die Zeit nutzen, sich häuslich einzurichten. Meine Schwester bringt Sie zum Cottage, das wir für Sie hergerichtet haben. Hoffentlich gefällt Ihnen das Haus. Mit dem Auto ist es innerhalb weniger Minuten zu erreichen. Wenn Sie etwas brauchen, sagen Sie bitte Bescheid.“

Ethans Miene hellte sich etwas auf. „Soll ich Ihren Hausbesuch übernehmen? Dann hätten Sie mehr Zeit für das Baby.“

„Das ist nett, vielen Dank. Aber ich nehme meine Tochter mit. Helen McNair freut sich schon auf ihren Besuch.“

Kyla lächelte. „Das ist eine gute Idee, Logan MacNeil. Das wird Helen auf andere Gedanken bringen.“

„Sie hat in letzter Zeit viel durchgemacht. Unser Besuch wird ihr guttun. Außerdem bäckt sie den besten Schokoladenkuchen von ganz Glenmore.“ Logan machte sich auf den Weg zu seinem Haus, das direkt an den Praxistrakt angrenzte.

Lächelnd wandte Kyla sich Ethan zu. „Sind Sie bereit für die nächste Fahrt in meinem Auto?“

„Das war ein aufregender Vormittag.“ Ethan, der wie ein Schlangenmensch auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, entwirrte seine Arme und Beine, stieg aus und folgte Kyla, die bereits auf einem zu zwei Cottages führenden Pfad unterwegs war. Vor ihnen lag das Meer, und er atmete die kühle salzige Brise tief ein. „Ist es immer so?“

„Manchmal.“ Sie stieß das Gartentor auf und ließ Ethan vorbei. „Oft ist entweder viel oder gar nichts los. Sie haben Ihre Sache gut gemacht.“

„War das ein Test?“

„Nein, aber wenn es einer gewesen wäre, hätten Sie ihn bestanden.“ Sie ließ das Tor zufallen und musterte Ethan. „Nicht böse sein! Nicht jeder ist für das Leben und die Arbeit auf einer Insel geschaffen. Hier erlebt man alles hautnah und steht in der Schusslinie. Macht Ihnen das etwas aus?“

„Nein.“ Ihm machte nur das heiße Verlangen etwas aus, das ihn durchflutete, wenn er Kyla nur anschaute. Er riss sich zusammen und konzentrierte sich auf den Blick über die Bucht. „Das ist ja eine fantastische Aussicht hier. Wer bewohnt das Haus sonst?“

„Es wird normalerweise den ganzen Sommer über an Feriengäste vermietet. Aber der Besitzer, Nick Hillier, hat in der vergangenen Saison schlechte Erfahrungen gemacht.“ Kyla fand den Schlüssel und schloss die Haustür auf. „Eine Clique aus London hat hier wilde Partys gefeiert und das Haus in völlig verwüstetem Zustand zurückgelassen. Deshalb hat Nick beschlossen, das Cottage diesen Sommer an den Aushilfsdoktor zu vermieten. Er nimmt an, dass so ein gut ausgebildeter Mann wie Sie sich zu benehmen weiß.“

„Ich werde mir Mühe geben.“ Ethan folgte ihr ins Haus, wobei er versuchte, ihren aufregenden Duft und das unglaublich schimmernde honigblonde Haar zu ignorieren. „Wer ist eigentlich Nick Hillier?“

„Unser Polizist. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Damals hat er zu gern meine Zöpfe zusammengebunden.“

Allein die Vorstellung verstärkte die Anspannung, unter der Ethan stand. Er wunderte sich über sich selbst, atmete tief ein und ließ die Schultern kreisen, um die Spannung etwas zu lösen. Noch wirkungsvoller wäre es gewesen, schwimmen oder joggen zu gehen. Irgendetwas, was seine Fantasie in die Schranken wies.

Er sah zu, wie Kyla Türen und Fenster öffnete, um Licht und Luft ins Haus zu lassen. Offensichtlich hielt sie sich gern in der freien Natur auf. „Sind Sie mit allen Inselbewohnern zur Schule gegangen?“

„Nein, aber mit den meisten in meinem Alter, die auch auf der Insel aufgewachsen sind. Hier kennt jeder jeden. Das hat allerdings auch Nachteile. Manchmal glaube ich, Ann Carne sieht in mir immer noch die kleine Rebellin, die den Streik gegen Schulmahlzeiten angezettelt hat.“ Als sie sich lächelnd zu ihm umwandte, wurde er erneut von heißem Verlangen durchflutet.

Ihr hübsches Lächeln wich einem ganz anderen Ausdruck, als sie einander gebannt anschauten.

Tu’s nicht, Ethan, warnte ihn seine innere Stimme. Nicht jetzt und nicht mit dieser Frau.

Schließlich war er aus einem anderen Grund auf die Insel gekommen.

„Sie haben gegen die Schulmahlzeiten protestiert?“ Er sah ihrem fragenden Blick an, dass ihr nicht entgangen war, wie heiser seine Stimme plötzlich klang.

„Ich war sehr wählerisch, was das Essen angeht, und habe lauthals gegen alles protestiert, was auf meinem Teller lag. Ich habe erwartet, dass alle protestieren würden, und den anderen Kindern befohlen, die Arme zu verschränken und das Essen zu verweigern, bis uns etwas Anständiges vorgesetzt werden würde.“

Ethan konnte sich das lebhaft vorstellen. Ihre saphirblauen Augen hatten sicher angriffslustig gefunkelt, das Kinn hatte sie wahrscheinlich herausfordernd gehoben. „Wie alt waren Sie damals?“

„Fünf.“ Sie lächelte fröhlich. „Meine Mutter hat gesagt, sie hätte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so geschämt. Sie wurde zur Direktorin bestellt, und ich wurde ausgeschimpft.“

Ethan erwiderte ihr Lächeln. „Haben Sie von da an brav zu Mittag gegessen?“

„Nein. Ich habe das Essen in meiner Serviette versteckt.“

„Aber man ist Ihnen auf die Schliche gekommen?“

„Ja, leider.“ Kyla öffnete eine weitere Tür und betrat das mit Parkettboden ausgelegte Wohnzimmer, dessen Glasfront den Blick auf die See freigab. „Aber nur weil ich so dumm war, die Serviette einmal in Mrs. Carnes Handtasche zu verstecken. Ich glaube, es war Lasagne oder so etwas Scheußliches. Zu meiner Überraschung hat man mich nicht von der Schule gewiesen. Aber ich musste unter Aufsicht essen.“

„Das ist nur zu verständlich.“ Ethan sah sich angetan um. „Es gefällt mir hier.“

„Sie hätten das Haus vor zwei Jahren sehen sollen. Es war völlig heruntergekommen. Ein Mann hat etwa neunzig Jahre lang hier gewohnt. Nachdem Nick das Haus gekauft hatte, war er jedes Wochenende mit der Renovierung beschäftigt. Wir haben alle geholfen.“ Sie ging zum Fenster und blickte hinaus aufs Meer. „Er hat Glück gehabt, es zu bekommen. Es gab viele Interessenten für das Cottage, denn die Lage gehört zu den besten auf Glenmore.“

„Warum haben Sie sich nicht um den Kauf des Hauses bemüht?“

„Das brauchte ich gar nicht.“ Sie wandte sich um und lächelte ihm amüsiert zu. „Mir gehört das Cottage nebenan. Bedenken Sie das bitte, bevor Sie sich morgens nackt in die Fluten stürzen, Dr. Walker. Oder seid ihr Typen aus dem Süden zu verweichlicht, um im Atlantik zu schwimmen?“

Wollte sie ihn etwa herausfordern? Er hielt ihrem Blick stand. „Ich kann ganz gut schwimmen.“

Sie ließ den Blick zu seinen Schultern gleiten, als wollte sie den Wahrheitsgehalt seiner Behauptung überprüfen, und plötzlich stieg die Spannung zwischen ihnen ins Unermessliche. Ethan spürte ein gefährliches Prickeln.

„Dann kann ich also während meines Aufenthalts hier wohnen bleiben?“, fragte er mit verdächtig rauer Stimme. Ob Kyla das aufregende Knistern auch gespürt hatte?

„Sie können hierbleiben, so lange Sie wollen. Wenn Sie abreisen, ist es Winter, dann kommen sowieso keine Feriengäste mehr. Ab November gehört Glenmore wieder allein den Inselbewohnern.“ Sie betrachtete ihn noch einen Moment lang, dann ging sie zur Terrassentür hinüber. Sie bewegte sich wie eine Tänzerin. Doch als sie die Hand hob, um einen Schalter zu betätigen, bemerkte Ethan, wie sie bebte. „Wenn Sie den Schalter nach rechts kippen, öffnet sich die Tür. Der Garten grenzt direkt an den Strand. Sie müssen nur daran denken, bei Sturm die Tür geschlossen zu lassen, sonst sind Sie wochenlang damit beschäftigt, den Sand aus dem Wohnzimmer zu fegen.“

„Sturm?“ Ethan ließ den Blick über den strahlend blauen Himmel gleiten. Ich muss mich von ihr fernhalten, dachte er. Sehr fern! „Jim, der Kapitän, hat auch etwas von Stürmen gemurmelt. An einem so windstillen Tag wie heute kann man sich gar nicht vorstellen, dass hier ein Sturm wüten könnte.“

„Das werden Sie noch früh genug erleben.“ Kyla lachte leise. „Hoffentlich mögen Sie abwechslungsreiches Wetter, Dr. Walker, und einen gelegentlichen Orkan. Wenn Sie sich davor fürchten, haben Sie hier ganz schlechte Karten.“

„Ich bin kein ängstlicher Typ.“ Er wandte sich um, denn es fiel ihm schwer, im gleichen Zimmer mit ihr zu sein, ohne sie anzuschauen. „Wie steht es mit Ihnen, Kyla MacNeil? Sind Sie ängstlich? Sind Sie bereit, etwas zu riskieren?“ Er spielte mit dem Feuer. Stellte sie auf die Probe. Und ihr Blick verriet ihm, dass sie sich dessen durchaus bewusst war.

„Das Leben will in vollen Zügen gelebt werden. Ich bin auf der Insel geboren, das Leben hier hat mich geprägt. Ich fürchte mich vor nichts und niemandem – nicht vor Stürmen, und nicht vor der Einsamkeit.“ Und auch nicht vor Ihnen, schien ihr Blick zu sagen, und Ethan wurde fast neidisch.

Wie es wohl ist, so selbstsicher zu sein?, fragte er sich. Wie mochte es sein, an einem Ort zu leben, wo man sich heimisch fühlte?

Der Brief befand sich noch in seiner Sakkotasche. Plötzlich verspürte er den Wunsch, ihn noch einmal zu lesen, um alles besser zu verstehen.

„Ich sollte jetzt meine Sachen auspacken und duschen gehen.“ Sein Tonfall war abweisender als beabsichtigt, und Ethan fing Kylas verstörten Blick auf. Am liebsten hätte er sie beruhigend am Arm gefasst und sich entschuldigt. Dieser Impuls überraschte ihn zutiefst. Schließlich war er nicht gerade berühmt für seine Feinfühligkeit.

Du bist herzlos, Ethan.

Er wandte sich ab. Was hätte er Kyla denn sagen sollen?

Ich brauche Zeit, dachte er.

Es gab einige Dinge, die er herausfinden musste.

Kyla zog die Haustür hinter sich zu und sprang über die niedrige Hecke zwischen den beiden Cottages.

In ihrem eigenen Haus, das sie mithilfe ihres Bruders und einiger Freunde ausgebaut hatte, dachte sie über die unwiderstehliche Anziehungskraft zwischen Ethan und ihr nach. Eingebildet hatte sie sich das nicht. Es hatte heftig zwischen ihnen geknistert. Aber Ethan war nicht besonders angetan davon.

Er wollte diese Gefühle nicht.

Kyla runzelte die Stirn und schaltete den Wasserkocher ein. Und was war mit ihr? Was wollte sie?

Sie war es gewohnt, ein eigenständiges Leben zu führen, und hatte sich bisher keine Gedanken darüber gemacht, dass ich das einmal ändern könnte.

Er bleibt ja nicht lange, ermahnte sie sich energisch, machte sich einen Becher Tee und ging hinaus auf die Veranda, um den Blick über den Strand und das Meer zu genießen. Sollten sie wirklich etwas miteinander anfangen, dann wäre es nur von kurzer Dauer, denn sie würde niemals die Insel verlassen.

„Schwester MacNeil! Kyla!“

Sie konzentrierte sich, als sie ihren Namen vom Strand her hörte. Vielleicht sollte sie der Insel doch den Rücken kehren. Seufzend begab sie sich ans andere Ende des Gartens. Den Becher hielt sie noch immer in der Hand. In einer Großstadt wie London würde sie wenigstens ihren Tee in Ruhe trinken können. „Fraser Price! Was tust du hier am Strand? Wieso bist du nicht in der Schule?“

Wahrscheinlich schwänzt er, dachte sie. Das hatte sie auch von Zeit zu Zeit getan.

„Bitte sagen Sie Mrs. Carne nichts“, bat der Junge außer Atem, als er sich barfuß durch den weichen Sand vorarbeitete. „Sie denkt, ich sei krank.“

„Aber das bist du gar nicht, oder?“ Kyla erinnerte sich an ihre Rolle als Erwachsene und musterte ihn streng. „Du solltest in der Schule sein. Du musst doch was lernen. Es ist keine gute Idee, krank zu spielen, Fraser.“ Fast musste sie sich selbst auslachen. Wie oft hatte sie die Schule geschwänzt, weil sie lieber am Strand spielen wollte?

„Was Besseres ist mir nicht eingefallen. Ich musste doch zu Hause bleiben.“

„Warum musstest du zu Hause bleiben?“

„Weil ich mich um Mum kümmern muss.“ Plötzlich wirkte er unsicher. „Sie war heute Morgen so komisch, und da wollte ich lieber bei ihr bleiben. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl.“

„Wieso denn?“ Plötzlich schrillten bei Kyla die Alarmglocken. „Hat es etwas mit ihrer Diabeteserkrankung zu tun? Was meinst du mit ‚komisch‘? Was ist denn mit deiner Mum?“

„Weiß nich. Irgendwie war sie … anders.“ Ratlos zuckte er die Schultern. „Es gibt bestimmt ein Donnerwetter, wenn sie erfährt, dass ich hier war. Als ich letzte Woche abgehauen bin, um mit dem Boot hinauszufahren, hat sie richtig geschimpft. Bitte sagen Sie ihr nichts. Könnten Sie nicht so tun, als würden Sie zufällig bei ihr vorbeikommen?“

„Ich schaue doch nicht zufällig bei jemandem vorbei.“ Als sie jedoch seine verängstigte Miene bemerkte, überlegte sie es sich anders. „Also gut, du hast gewonnen. Ich komm nachher zu euch – rein zufällig.“

„Wirklich?“ Der Kleine strahlte erleichtert. „Das ist prima. Könnten Sie bitte gleich kommen?“

Aus dem Mittagessen würde heute nichts werden. Kyla nickte ergeben. „Ich muss nur eben die Tür abschließen und mich ins Auto setzen. Wir sehen uns dann bei dir zu Hause. Du kannst mir die Tür aufmachen. Sag mal, Fraser, wie hat deine Mum ausgesehen? Anders als sonst?“

„Sie sah anders aus im Gesicht, und ihre Hände haben gezittert, als sie mir Frühstück gemacht hat. Bitte sagen Sie nicht, dass Sie das von mir haben. Ich habe gesagt, mir sei übel und ich müsste mal frische Luft schnappen.“

„Mach dir keine Sorgen, ich verrate nichts, Fraser.“ Sie lächelte ihm beruhigend zu. „So, nun lauf! Ich bin in fünf Minuten da.“

„Und was wollen Sie sagen?“

„Das weiß ich noch nicht, aber mir wird schon etwas einfallen.“ Kyla gab ihm einen kleinen Schubs in die richtige Richtung und kehrte zum Haus zurück. Als sie Ethan im Nachbargarten stehen sah, fiel ihr etwas ein. „Dr. Walker?“

Er wandte sich um, und sie lächelte entschuldigend. „Können Dusche und Rasur noch etwas warten? Wenn Sie nicht zu erschöpft sind, würde ich gern Ihre Hilfe in Anspruch nehmen. Ich glaube, ich könnte einen Arzt gebrauchen.“

4. KAPITEL

„Aisla Price ist alleinerziehend.“ Kyla legte den Sicherheitsgurt an und gab Gas. „Sie ist auf die Insel gezogen, als Fraser noch ein Baby war, weil sie der Meinung war, es wäre ein guter Ort, ein Kind großzuziehen. Sie betreibt eine kleine Strickmodenfirma und verkauft die Modelle übers Internet. Es scheint ein ziemlich einträgliches Geschäft zu sein. Sie strickt wirklich hübsche Pullover und verziert sie mit Spitze und Perlen. Sie und Fraser wohnen in einem Haus direkt am Wasser.“

Ethan sah sie von der Seite an. „Und sie hat Diabetes?“

„Ja, aber sie ist gut eingestellt. Eigentlich dürfte sie damit kein Problem haben.“ Kyla runzelte nachdenklich die Stirn, schaltete zurück und setzte den Blinker. „Aber Fraser ist offensichtlich beunruhigt. Also sehen wir lieber selbst mal nach ihr. Vielleicht ist ja auch alles ganz harmlos.“

„Sie hat also nicht um einen Hausbesuch gebeten? Sie fahren von sich aus zu ihr?“ Ethan versuchte vergeblich, sich dieses Szenario in London vorzustellen. In London würde allerdings auch kein Kind über den Strand laufen, um an die Haustür der Gemeindeschwester zu hämmern.

„Sie haben es erfasst.“ Kyla hielt vor einer Reihe weiß gestrichener Cottages und zog die Handbremse an. „Wir sind da.“

Ethan sah sie ungläubig an. „Was wollen Sie denn sagen? Dass ihr kleiner Junge fand, sie hätte beim Frühstück etwas blass ausgesehen?“

„Nein, da kommen Sie ins Spiel.“ Lächelnd griff Kyla nach ihrer Tasche. „Sie sind der neue Doktor, und ich stelle Sie vor. Schließlich ist sie Ihre Patientin. Da ist es doch angebracht, einander kennenzulernen.“

Ethan schüttelte nur fassungslos den Kopf und fragte sich, was er hier eigentlich tat. Eigentlich hatte er vorgehabt zu duschen. Verärgert warf er die Beifahrertür zu und folgte Kyla zum Haus.

Die Haustür wurde aufgerissen. Fraser sah den beiden Besuchern entgegen – Panik spiegelte sich in seinem Blick.

„Bitte kommen Sie schnell! Sie liegt auf dem Küchenfußboden.“ Eilig zog er Kyla ins Haus. „Ich kriege sie nicht wach. Sie stöhnt nur und versucht, mich wegzustoßen.“

Ethan sprintete an ihnen vorbei und überließ es Kyla, den Jungen zu beruhigen.

Die Frau lag zusammengesackt auf dem Boden, der Inhalt einer Tasse Kaffee hatte sich auf den Steinfliesen verteilt. Ethan fluchte unterdrückt, ging neben Aisla in die Hocke und fühlte den Puls.

„Ist sie tot?“, fragte der Kleine leise hinter ihm.

Ethan wandte sich schnell um. „Nein, Fraser“, antwortete er beruhigend. „Könntest du mir bitte meine Tasche aus dem Wagen holen? Sie steht auf dem Rücksitz.“

Der Kleine nickte und rannte aus der Küche. Kyla kniete sich neben die Patientin. „Aisla? Hörst du mich?“

Die Frau stöhnte leise und versuchte, die Augen aufzumachen. Es gelang ihr nicht. Sie flüsterte etwas Unverständliches.

„Zucker!“, befahl Ethan und sah sich suchend um. „Wissen Sie, wo welcher ist?“

„Keine Ahnung.“ Kyla sprang auf und durchsuchte die Schränke. „Komm zu dir, Aisla! Wo bewahrst du den Zucker auf?“ Sie setzte die Suche fort. „Sojasauce, Nudeln, Kurkuma, Honig, Harissa-Würzpaste. Was, um alles in der Welt, ist denn Harissa-Paste? Was die Leute alles essen! Kein Wunder, dass mich das Kochen überfordert.“

„Beeilen Sie sich, Kyla!“ Ethan wurde langsam ungeduldig, und Kyla durchsuchte weitere Schränke.

„Hier ist eine Flasche Lucozade. Damit versuchen wir’s.“ Sie nahm die Flasche aus dem Schrank, als Fraser mit Ethans Tasche zurückkehrte. „Meinen Sie, wir können sie dazu bringen, etwas zu trinken? Oder ist sie bewusstlos?“

„Nein, das wird schon gehen.“ Ethan richtete Aisla auf und Kyla hielt ihr das Glas, das sie eingeschenkt hatte, an den Mund.

„Aisla“, sagte sie energisch, „du musst das jetzt trinken.“

Die Frau murmelte etwas Unverständliches und versuchte, das Glas wegzustoßen. Doch Kyla hielt es ihr weiterhin an die Lippen. Schließlich trank Aisla einige Schlucke.

„Trink mehr“, drängte Kyla. „Gut gemacht, Aisla. Nur noch einen Schluck.“

Sie gehorchte, und Kyla sah auf. Fraser stand wie erstarrt neben ihr und betrachtete entsetzt das Geschehen. „Ihr geht es gleich wieder besser, Fraser. Sag mal, habt ihr Kekse im Haus?“

Fraser sah sie erstaunt an. Er wirkte nicht mehr ganz so starr. „Klar.“ Er rang sich ein Lächeln ab. „Schokoladenkekse. Die schmecken echt lecker. Aber ich darf sie nur zu besonderen Anlässen naschen.“

„Dies ist ein besonderer Anlass“, versicherte Kyla ihm schnell. „Bring bitte auch ein Glas Milch mit.“

„Können Sie sich einen Moment um sie kümmern?“, fragte Ethan. „Ich will ihren Blutzucker messen.“

„Sie scheint zu sich zu kommen“, sagte Kyla leise. „Wieso war sie plötzlich unterzuckert? Sag mal, Fraser, was hat deine Mum heute Morgen gemacht? Irgendwas, was sie sonst nicht tut?“

„Sie hat verschlafen.“ Fraser war auf einen Stuhl geklettert, um an die Keksdose zu kommen. „Ich musste sie wachrütteln. Warum pieksen Sie sie in den Finger?“

„Wir wollen ihren Blutzuckerwert messen“, erklärte Ethan. Kurz darauf nickte er. „Das ist der Übeltäter. Unter drei. Vielleicht hat sie zu viel Insulin gespritzt. Hat deine Mum heute Morgen Sport gemacht, Fraser?“

Fraser reichte Kyla die Keksdose und schüttelte den Kopf. „Nein, aber gestern Abend war sie am Strand joggen. Ich war mit und habe ein Buch gelesen. Benimmt sie sich deshalb so komisch?“

„Ich weiß es nicht, aber das werde ich schon herausfinden. Ich werde ihr Blut abnehmen“, fügte Ethan an Kyla gewandt hinzu. „Wir schicken die Probe ins Labor. Ich benötige den genauen Blutzuckerwert.“

In der Zwischenzeit hatte Kyla begonnen, Aisla mit Schokoladenkeksen zu füttern. Die Patientin kam schnell wieder zu Kräften.

„Wie konnte ich das nur zulassen“, stöhnte sie schließlich und stand mit Ethans Hilfe auf. „Es war so ein wunderbarer sonniger Abend gestern, da konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, am Strand entlangzujoggen. Ich hatte mir fest vorgenommen, gleich anschließend etwas zu essen, aber dann rief Frasers Onkel an, und da habe ich es vergessen und bin ins Bett gegangen. Es tut mir schrecklich leid. Wie haben Sie mich denn gefunden?“

Ethan wollte antworten, doch Kyla kam ihm zuvor. „Wir waren gerade in der Nähe, und da dachte ich, ich könnte Ihnen doch gleich unseren neuen Arzt vorstellen. Das ist Dr. Walker.“

„Ich hätte mir gewünscht, Sie unter erfreulicheren Umständen kennenzulernen“, sagte Aisla verlegen. „Jedenfalls vielen Dank. Ich stehe tief in Ihrer Schuld. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Sie nicht vorbeigekommen wären.“

Ethan bemerkte, wie Kyla Fraser aufmunternd und lobend zulächelte.

Auch Aisla war der Blick nicht entgangen. „Fraser?“, fragte sie sanft. „Geht es dir gut? War dir vorhin nicht übel?“

„Mir geht es schon viel besser“, antwortete er mit fester Stimme. „Seit ich am Strand frische Luft geschnappt habe.“

„Frische Luft kann manchmal Wunder wirken“, behauptete Kyla unbekümmert, und Fraser atmete erleichtert auf.

„Und das ist wirklich ein ganz normaler Arbeitstag?“, fragte Ethan, als sie wieder im Auto saßen. „Bekommt man auch mal frei wegen guter Führung?“, fügte er scherzhaft hinzu.

Kyla lächelte. „Auf Glenmore sind wir ständig in Rufbereitschaft. Aber so schlimm wie heute ist es normalerweise nicht. So, und jetzt haben Sie sich wirklich etwas Zeit zum Ausruhen verdient. Ich setze Sie auf dem Weg zur Praxis ab. Vielleicht haben Sie ja nachher Lust, mit Logan und mir zu Abend zu essen. Das ist das Mindeste, was wir für Sie tun können, nachdem wir Sie gleich ins kalte Wasser geworfen haben.“ Sie sah, wie seine Miene sich veränderte. Überraschung spiegelte sich in den Tiefen dieser dunklen, gefährlich funkelnden Augen.

„Sie essen mit Ihrem Bruder zu Abend?“

„Natürlich. Wir sind ja schließlich eine Familie.“

„Aber nicht alle Familien essen gemeinsam und treffen sich in ihrer Freizeit.“

„Wir schon. Mehrmals die Woche. Finden Sie das so ungewöhnlich?“ Kyla musterte ihn erstaunt und fragte sich, was ihm so merkwürdig daran vorkam, wenn sie mit ihrem Bruder zu Abend aß. Für sie war das völlig normal. „Ich freue mich darauf, meine Nichte zu sehen. Normalerweise findet sich auch eine meiner Tanten oder Cousinen ein. Wahrscheinlich wird es ein ziemlich ausgelassener Abend, aber es wäre eine gute Gelegenheit für Sie, einige Inselbewohner kennenzulernen. Einer meiner Tanten gehört das Café am Hafen, eine andere hat eine Boutique für Strickwaren im Dorf. Zwei meiner Vettern sind Fischer. Gleichzeitig bilden sie die Mannschaft des Rettungsboots, falls es zum Einsatz kommt.“

„Und was ist mit Ihren Eltern?“

„Sie sind vor zwei Monaten zu meiner anderen Tante aufs Festland gezogen. Ihr Mann ist kürzlich gestorben, und sie braucht Hilfe auf dem Bauernhof. Meine Eltern haben nicht lange gefackelt und kümmern sich jetzt um den Hof. Aber wir treffen uns ziemlich oft.“

„Sie stehen einander ja wirklich sehr nahe in Ihrer Familie.“

„Finden Sie?“ Kyla überlegte. „Ich würde sagen, wir sind eine ganz normale Familie. Wir streiten uns, vertragen uns, sind ausgelassen und nehmen Anteil am Leben unserer Verwandten. Und wir freuen uns, wenn wir alle zusammen sind. Wieso auch nicht? Haben Sie auch eine große Familie? Brüder? Schwestern?“ Sein Blick wurde sofort wachsam und abweisend.

„Ich bin allein“, antwortete er kühl und wich ihrem Blick aus. „Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich acht Jahre alt war, und die zweite Ehe meines Vaters hat auch nicht sehr lange gehalten.“

„Oh.“ Kyla versuchte vergeblich, sich ein Leben ohne ihre Familie vorzustellen. Ob Ethan so reserviert und zurückhaltend war, weil er auf sich allein gestellt war? „Das muss ziemlich hart gewesen sein für Sie.“

„Im Gegenteil. Ich war erleichtert, als die endlosen Streitereien vorüber waren. Außerdem hat es mich zur Selbstständigkeit erzogen.“ Er schien jetzt erst richtig darüber nachzudenken. „Als Kind konnte ich tun und lassen, was ich wollte, weil alle um mich herum zu sehr mit sich selbst beschäftigt waren. Ich fand das gut.“

Gut? Kyla wunderte sich. „Aber das Schöne an der Kindheit ist doch, dass jemand sich um einen kümmert, dass man geliebt wird und die Liebe erwidert.“ Als sie ihn ansah, bemerkte sie seinen leicht spöttischen Blick.

„Das hängt sicher von der Einstellung der jeweiligen Person ab. Sie brauchen mich nicht zu bemitleiden, Kyla“, fügte er leise hinzu. „Ich bin nicht der Typ, der ständig umarmt und getröstet werden will.“

„Jeder muss mal in den Arm genommen werden und braucht menschliche Nähe.“ Selbst so ein unnahbarer selbstständiger Mann wie Ethan Walker.

„Ich löse meine Probleme lieber selbst – wenn ich allein bin.“

Kyla lachte. „Das würde ich manchmal auch gern tun. Aber auf Glenmore ist das so gut wie unmöglich. Die Leute kennen die Probleme ihrer Mitmenschen und bieten auch gleich Lösungsvorschläge an. Am liebsten in der Kneipe, wenn man gerade versucht, in Ruhe ein Glas zu trinken. Bitte kommen Sie nachher zum Abendessen. Dann werden Sie sanft an das Zusammenleben auf der Insel herangeführt. Ich würde es als eine Art keimfreie Neugier bezeichnen.“

Ihre humorvolle Beschreibung rang ihm ein Lächeln ab. „Ich dachte, Sie mögen nicht kochen.“

„Stimmt, aber zum Glück haben wir ja Evanna. Sie ist eine leidenschaftliche Köchin. Heute Abend gibt es Meeresfrüchte. Sie sollten wirklich kommen, es wird bestimmt lustig. Wenn das Wetter sich hält, essen wir bei Logan im Garten. Meine Nichte wird sicher wieder ein Chaos anrichten.“ Kyla versuchte, möglichst unbeschwert zu wirken und ihn nicht fasziniert anzustarren. Sein Haar war verwuselt, ein blauschwarzer Schatten am Kinn verriet, dass die letzte Rasur schon einige Stunden her war, aber das machte diesen Mann womöglich noch anziehender.

„Ach, das Baby ist auch dabei?“

Kyla, die unauffällig seinen sinnlichen Mund betrachtet hatte, sah auf und begegnete Ethans fragendem Blick. „Ja. Allerdings ist sie kein Baby mehr, sondern ein Krabbelkind. Sie ist unglaublich schnell, man muss ständig auf der Hut sein.“ Sie bemerkte eine leichte Abwehrreaktion. „Würde Sie das stören?“

„Warum sollte mich das stören?“

„Keine Ahnung.“ Sie hätte schwören können, dass er … „Sie schienen plötzlich so …“ Sein Blick war so einschüchternd, dass sie ihre Beobachtung lieber für sich behielt und nur leicht die Schultern zuckte. Wahrscheinlich war er den Umgang mit Kleinkindern nicht gewohnt. „Ach, nichts. Jedenfalls sind Sie herzlich willkommen. Ich kann Sie in meinem Wagen mitnehmen.“ Ihr Herz pochte aufgeregt. Merkwürdig, was für eine starke Anziehungskraft er auf sie ausübte!

„Ich fürchte, meine Beziehung zu Ihrem Auto ist beendet.“ Ethan zog vielsagend eine Augenbraue hoch. „Mein eigener Wagen trifft heute Nachmittag ein. Sie können bei mir mitfahren.“

„Dann kommen Sie also?“

Sein Zögern war kaum merklich. „Ja, wenn Sie sicher sind, dass es Ihrem Bruder nichts ausmacht.“

„Er freut sich über jeden, der kommt.“ Auch Kyla konnte ihre Freude kaum verbergen und ärgerte sich über ihre Reaktion. Warum war es ihr nicht gleichgültig, ob er zum Abendessen kam oder nicht? Erneut musste sie sich ermahnen, dass er nichts für sie war. Das Wenige, das er über sich selbst preisgegeben hatte, deutete auf eine sehr schwierige Kindheit hin. Und überhaupt: Was sollte sie mit einem Mann anfangen, dem nichts daran lag, in den Arm genommen zu werden? „Könnten Sie mich dann um sechs Uhr abholen? Wir essen früh, weil Logan Kirsty gegen sieben Uhr ins Bett bringt, und ich würde gern etwas Zeit mit ihr verbringen.“

Regungslos sah er vor sich hin. „Wie kommt er denn zurecht?“

„Mit der Kleinen? Sehr gut. Logan ist ein wunderbarer Vater – lustig, liebevoll und überaus präsent, wenn man bedenkt, was er beruflich um die Ohren hat. Natürlich geht das nicht ohne Unterstützung. Meine Tanten haben so eine Art Schichtplan ausgeklügelt, und ich springe auch ab und zu ein. Meine Cousinen packen mit an, und Logan hat einige Mädchen aus dem Dorf engagiert, doch das hat nicht richtig funktioniert.“

„Warum nicht? Waren sie inkompetent?“

„Im Gegenteil. Aber sie waren alle hinter meinem Bruder her“, erklärte Kyla trocken. „Offensichtlich gibt es für eine Frau nichts Anziehenderes als einen sexy Arzt mit Baby. Im Moment hilft Amy Foster aus. Wir haben schon Wetten abgeschlossen, wann sie einen Annäherungsversuch macht.“

„Und was ist mit Evanna? Sie hilft doch auch aus.“

Kyla lächelte. „Sie ist ganz verrückt nach der Kleinen.“

„Und es ist unwahrscheinlich, dass sie sich in Ihren Bruder verliebt, nehme ich an.“

Sie lachte über die Naivität der Männer. „Evanna ist schon ihr ganzes Leben lang in meinen Bruder verliebt. Hoffentlich bemerkt er es eines Tages. Sonst werde ich wohl doch nachhelfen müssen.“ Sie hielt vor den Cottages an und sah, wie Ethan ausdruckslos aufs Meer hinausblickte. „Es ist ziemlich schwierig, Sie zu durchschauen, Ethan.“

Er sah sie an. „Warum wollen Sie mich unbedingt durchschauen?“

„Es ist einfacher, mit Menschen umzugehen, in die man sich hineinversetzen kann.“

Ein Lächeln umspielte seinen Mund. „Mir liegt aber nichts daran, dass man sich in mich hineinversetzt.“

„Ist es Ihnen hier zu einsam? Hassen Sie die Insel?“ Als er keine Antwort gab, überlegte sie, ob er die Frage überhaupt gehört hatte. Doch dann wandte er sich ab und betrachtete erneut das Meer.

„Nein, ich hasse die Insel nicht.“

Was war denn das für eine Antwort? Aus ihm war aber auch gar nichts herauszubekommen. Frustriert schaltete sie den Motor aus. „Danke, dass Sie bei Aisla mitgeholfen haben. Dann bis nachher, Dr. Walker. Viel Spaß beim Duschen.“

Ethan betrat sein Cottage, zog sich Joggingkleidung an und verließ das Haus durch die Hintertür. Eigentlich wäre es sinnvoll gewesen, zu duschen, sich zu rasieren und sich etwas auszuruhen. Doch dazu hatte er keine Lust. Warum sollte er tun, was sinnvoll war?

Er wollte laufen, und zwar schnell.

Die Unterhaltung mit Kyla hatte ihn aufgewühlt, aber der Grund dafür blieb ihm verborgen.

Er wusste nur, dass er durch hartes Training alle Gedanken verscheuchen würde.

Zwar strahlte die Sonne vom Himmel, doch es wehte auch eine steife Brise. Von all dem bemerkte Ethan nichts. In seiner Miene spiegelte sich äußerste Konzentration aufs Laufen, als er durch den Garten hinunter zum Strand joggte.

Schnell und rhythmisch lief er am Ufer entlang, mit langen Schritten und kraftvollen Armbewegungen. Selbst als sein Atem immer schneller ging und ihm vor Anstrengung Schweißperlen über den Rücken liefen, ließ er nicht nach, sondern forderte seinem Körper alles ab.

Schließlich kam er am Ufer nicht weiter. Es gab nur noch den Weg hinauf zu den Klippen. Entschlossen lief Ethan in unvermindertem Tempo nach oben, wobei er die schmerzenden Lungen und Muskeln einfach ignorierte.

Arme und Beine brannten, das Herz pochte immer heftiger. Er war beseelt von dem Wunsch, seinen Gedanken davonzulaufen. Wenn er nur schnell genug liefe, würde ihm nichts und niemand mehr wehtun.

Kyla stand am Schlafzimmerfenster und sah zu.

Ethan lief wie ein Leistungssportler.

Oder als wäre der Teufel hinter seiner Seele her.

Selbst aus der Entfernung spürte sie Ethans Entschlossenheit, nicht nachzulassen. Sie meinte die unglaubliche Kraft seines Körpers wahrzunehmen, als er es mit den Elementen aufnahm. Das Tempo war fast übermenschlich.

Wie gebannt beobachtete Kyla diese unerwartete Demonstration männlicher Stärke.

Sie war nur kurz ins Haus gegangen, um etwas für die Nachmittagssprechstunde zu holen, dabei hatte sie zufällig aus dem Fenster geblickt. Zuerst war sie besorgt gewesen, die sportliche Aktivität könnte zu einer Verletzung führen, doch dann hatte sie den Blick von diesem – offensichtlich durchtrainierten – Sportler nicht abwenden können.

Sie beobachtete einen Mann auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit. Er war ganz sicher kein verweichlichter Städter, den das schlechte Gewissen zu einer Runde Jogging trieb. Dieser Mann verlangte seinem Körper regelmäßig das Äußerste ab. Auch der neuen athletischen Herausforderung schien er gewachsen zu sein.

Sein Laufstil war rhythmisch und erstaunlich elegant.

Das Gesicht konnte Kyla nicht erkennen, aber sie ahnte, dass sich in seiner Miene unnachgiebige Entschlossenheit widerspiegeln würde.

Offenbar war der Mann nicht nur von dem Wunsch beseelt, seinen Körper zu stählen. Sie wandte sich ab. Ethan sollte nicht merken, dass sie ihn beobachtete. Seine Privatsphäre war ihm offensichtlich sehr wichtig.

Kylas Neugier war geweckt. Schmetterlinge flatterten in ihrem flachen Bauch. Wer war dieser Mann?

Seine Unnahbarkeit war ihr völlig fremd. Was für ein Mensch verbarg sich hinter dem abweisenden Äußeren? Und warum fühlte sie sich so stark zu ihm hingezogen?

Wahrscheinlich lebte sie einfach schon zu lange allein – inmitten von Inselbewohnern, die sie in- und auswendig kannte.

Ethan Walker war ein Fremder. Vermutlich machte gerade das ihn so interessant.

Mehr steckte gar nicht dahinter.

Kyla schüttelte über sich selbst den Kopf. Wo war sie nur mit ihren Gedanken? Wenn sie nicht in zehn Minuten in der Praxis auftauchte, bekam sie es mit Logan zu tun!

Hinter Logans Haus, das an den Praxiskomplex angrenzte, befand sich ein riesiger Garten mit altem Apfelbaumbestand.

Frisch geduscht, nach einem hektischen Nachmittag in der Praxis, öffnete Kyla die Gartenpforte und betrat das Haus durch die Küchentür, ohne anzuklopfen.

„Hallo!“ Evanna stand am Herd und rührte in einem Schmortopf. Das dunkle Haar hatte sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihre Wangen waren rosig, und sie trug ein weites weißes Sommerkleid. „Du bist ja früh dran. Könntest du mir bitte den Koriander reichen?“

„Koriander?“ Kyla sah sich unsicher um. „Ist das etwa dieses grüne Zeug, das aussieht wie Unkraut?“ Sie griff nach dem Bund, roch daran und reichte Evanna das Kraut. „Ethans Auto ist schuld daran, dass wir zu früh hier sind. Du solltest es dir mal ansehen: schwarz und mit wer weiß wie viel PS. Ein typisches Männerauto.“ Sie riskierte einen Blick über Evannas Schulter in den Schmortopf. „Ist das unser Abendessen? Sieht gut aus, aber ich dachte, es gäbe gegrillte Meeresfrüchte. Hast du das Rezept verloren?“

„Das ist Hühnersuppe für Kirsty. Sie schläft noch. Logan hält sich einfach nicht an ihre Zeiten. Ständig weckt er sie zwischendurch auf, um mit ihr zu schmusen.“ Geschickt hackte Evanna den Koriander, streute ihn auf die Suppe und bedachte Kyla mit einem neugierigen Blick. „Du nennst den neuen Kollegen also schon Ethan. Hast du dich mit ihm angefreundet?“

Kyla lächelte verlegen. „Nein, noch nicht. Aber ich glaube, ich würde mich nicht lange bitten lassen. Du hättest ihn vorhin beim Joggen am Strand sehen sollen. Mir ist fast das Herz stehen geblieben. Was für ein Körper! Aber für so was hast du ja keinen Blick.“

„Du tust ja gerade so, als wäre ich blind, Kyla.“ Evanna konzentrierte sich wieder auf die Suppe, die weiter gerührt werden musste. „Ein attraktiver Mann fällt mir schon auf, wenn ich ihn sehe. Und Ethan ist wirklich sehr attraktiv.“

„Aber?“ Kyla beugte sich vor, nahm sich einen Löffel Suppe, pustete darauf und probierte vorsichtig. „He, die schmeckt köstlich. Darf ich mir einen Teller fürs Mittagessen morgen mitnehmen?“

„Bei einem Mann kommt es nicht nur aufs Aussehen an, Kyla.“ Evanna schlug ihr spielerisch auf die Hand. „Lass die Finger von der Suppe! Die ist für Kirsty.“

„Ich bin die offizielle Vorkosterin. Und Ethan sieht übrigens nicht nur gut aus.“

Evanna runzelte die Stirn. „Genau das beunruhigt mich. Über ihm schwebt eine dunkle Wolke. Er erscheint mir irgendwie geheimnisumwittert.“

„Nun werd mal nicht gleich hochdramatisch.“ Lachend wandte Kyla sich um und ließ den Löffel ins Spülbecken fallen. Evanna sollte nicht merken, wie sehr ihre Worte sie getroffen hatten. „Du liest zu viele keltische Sagen. Deine Fantasie geht mit dir durch. Wahrscheinlich siehst du auch hinter jeder Straßenecke Feuer speiende Drachen.“

Evanna fand das gar nicht komisch. „Lach du nur, aber du wirst noch an meine Worte denken. Ich sage dir, Kyla, der Mann hat Geheimnisse.“

Kyla lief ein eisiger Schauder über den Rücken. „Was denn für Geheimnisse?“

„Wenn ich das wüsste, wären es keine Geheimnisse mehr, oder? Aber geheuer ist mir die Sache nicht.“ Evanna hörte auf zu rühren. Besorgt wandte sie sich um. „Irgendwas stimmt nicht mit ihm“, sagte sie leise. „Spürst du es nicht auch? Er ist so hart und unnahbar, fast ein wenig Furcht einflößend. Ach, ich weiß es auch nicht. In seinem Leben muss etwas Gravierendes vorgefallen sein. Und damit scheint er nicht zurechtzukommen.“

„Wir haben alle unser Päckchen zu tragen“, gab Kyla zu bedenken. „Kein Mensch ist ganz ohne Probleme, Evanna.“ Sie hatte keine Lust, sich durch Evannas Unkerei den schönen Abend verderben zu lassen.

„Du hast recht. Sei aber trotzdem vorsichtig, Kyla. Ich möchte nicht, dass ein Mann dir wehtut.“

„Es wäre ja nicht das erste Mal.“

Ihre Freundin betrachtete sie mitfühlend. „Seit dieser Mistkerl Mike Robinson die Insel verlassen hat, hast du dich nicht wieder verliebt. Es wird langsam Zeit für eine neue Beziehung. Ich weiß nur nicht, ob Ethan der geeignete Kandidat dafür ist. Läuft da was zwischen euch beiden, oder wünschst du dir das nur?“

„Es knistert ganz schön zwischen uns. Das bilde ich mir nicht nur ein. Jedes Mal, wenn wir uns ansehen, habe ich das Gefühl, der Boden unter mir schwankt.“ Kyla biss sich auf die Lippe. „Allerdings habe ich den Eindruck, Ethan ist nicht sehr erfreut darüber. Er kämpft gegen seine Gefühle an.“

„Wahrscheinlich weil er genau weiß, dass er nur einen Sommer lang auf Glenmore bleibt“, erklärte Evanna. „Wenigstens ist einer von euch vernünftig.“

„Das bin aber nicht ich“, sagte Kyla unbekümmert. „Du weißt ja, dass ich mir immer die falschen Männer aussuche. Und was ist mit dir? Da wir gerade von Problemen sprechen: Wieso trägst du ein weißes Kleid, wo du doch gleich meine Nichte fütterst? Wirklich eine merkwürdige Wahl, wenn man bedenkt, wie gut Kirsty zielen kann. Dieses Kleid ist die längste Zeit einfarbig gewesen.“

Verlegen wandte Evanna den Blick ab. „Es gefällt mir eben.“

„Das sollte es auch. Es steht dir nämlich sehr gut und ist mal eine Abwechslung zu Jeans.“ Kyla zog eine Schublade auf und holte sich noch einen Löffel heraus, um die Suppe ein weiteres Mal zu probieren. „Meinem Bruder wird es wahrscheinlich auch gefallen. Deshalb hast du es wohl auch angezogen.“

Evanna lächelte verlegen. „Dein Bruder würde nicht einmal Notiz von mir nehmen, wenn ich nackt vor ihm Tango tanzen würde.“

Kyla kostete die Suppe. „Ich bin zu der traurigen Erkenntnis gekommen, dass mein Bruder dumm ist. Eines Tages werde ich ihm das auch sagen. Aber erst, wenn ich die gegrillten Meeresfrüchte gegessen habe. Mit leerem Magen streitet es sich nicht gut.“

„Versprich mir, dich nicht einzumischen.“ Evanna sah sie ernst an. „Außerdem ist er überhaupt nicht dumm, ganz im Gegenteil, und das weißt du genau. Er ist eben einfach noch nicht über Catherine hinweg. Das ist ganz normal.“ Sie schüttete die Suppe in den Mixer und ließ den Deckel einrasten. „Sie war seine Frau. Er hat sie geliebt.“

Kyla wartete, bis Evanna das laute Gerät ausgeschaltet hatte. „Ja, ich weiß. Das heißt aber nicht, dass er sich nicht wieder verlieben kann.“

Evanna begegnete ihrem Blick. „Trotzdem mache ich mir keine Hoffnungen. Lass uns das Thema wechseln.“

Kyla beugte sich vor und nahm ihre Freundin in den Arm.

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