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Stürmische Nächte in Florenz

1. KAPITEL

„Siehst du die Blondine, die da gerade in den Ballsaal kommt? Das ist Tamsin Stewart. Und da ist mein Dad, der natürlich sofort zu ihr rennen muss. Wie kann er sich nur derart lächerlich machen? Er könnte ihr Vater sein!“

Plötzlich klang Annabel Graingers Stimme so bitter, dass Bruno Di Cesare den Kopf drehte und die blonde junge Frau, die soeben den Ballsaal betreten hatte, mit aufmerksamen Blicken verfolgte. Merkwürdig, irgendwie hatte er sie sich ganz anders vorgestellt!

Seit Annabel, die jüngste Tochter seines langjährigen Freundes und Geschäftspartners James Grainger, Earl of Ditton, ihn angerufen und zwischen unzähligen Schluchzern von der „schrecklichen Tussi“ erzählt hatte, die unverschämterweise mit ihrem Vater angebandelt hatte, war in seiner Vorstellung das Bild von einer Wasserstoffblondine mit Solariumsbräune und viel zu kurzem Kleid entstanden. Tamsin Stewart hatte zwar blondes Haar, sonst aber wirkte sie ganz anders, als er gedacht hatte.

Ein langes dunkelblaues Seidenkleid umschmeichelte die verführerischen Kurven ihres schlanken Körpers, und Bruno konnte nur erahnen, welche Perfektion sich darunter verbarg. Sie hatte große, ausdrucksstarke Augen, deren Farbe er aus der Entfernung allerdings nicht ausmachen konnte, volle, sinnliche Lippen und ein zartes, schmales Gesicht. Die elegante Hochsteckfrisur brachte ihren langen, schlanken Hals besonders gut zur Geltung, und das Diamantcollier, das sie trug, erregte beinah ebenso viel Aufsehen wie sie selbst.

Eine richtige Schönheit, stellte Bruno fest und ärgerte sich im Stillen, dass er ihrer Austrahlung offenbar ebenso wenig entgegenzusetzen hatte wie sein Freund James. Dieses plötzlich in ihm aufsteigende Verlangen war nun wirklich das Letzte, was er jetzt gebrauchen konnte! Zumal er doch jeden Grund hatte, diese Frau zu verachten. Schließlich hatte sie es ganz offensichtlich nur darauf abgesehen, sich einen reichen Earl zu angeln.

Verärgert nahm Annabel ein Champagnerglas von der Bartheke. „Schau sie dir nur an! Wie sie sich ihm an den Hals wirft!“, sagte sie angewidert und leerte das Glas in einem Zug.

Auch wenn Annabel mittlerweile achtzehn Jahre alt war und Alkohol trinken durfte, runzelte Bruno missbilligend die Stirn. Für ihn war sie so etwas wie eine kleine Schwester, und er verabscheute es, wenn etwas sie bedrückte.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Ballsaals klopfte Tamsin Stewart seinem anscheinend völlig verzückten Freund gerade ein verirrtes Konfettistück vom Jackett und lächelte dabei so warm, als wäre er gerade aus dem Krieg heimgekehrt, eine Geste, die Bände sprach. Missbilligend schüttelte Bruno den Kopf. Bis eben hatte er noch geglaubt, Annabel sähe Gespenster. Ausgerechnet der kluge und vernünftige James sollte sich Hals über Kopf in eine so junge Frau, kaum halb so alt wie er, verliebt haben? Bis vor Kurzem war es doch für ihn noch absolut unvorstellbar gewesen, überhaupt eine neue Beziehung anzufangen – und nun stürzte er sich blind in ein solches Abenteuer? In seinem ganzen bisherigen Leben hatte Bruno nicht einen einzigen Geschäftsmann getroffen, der es mit James Graingers Scharfsinnigkeit hätte aufnehmen können. Doch in den anderthalb Jahren, in denen er um seine geliebte, viel zu früh verstorbene Frau trauerte, hatte er sich verändert.

Aus Sorge um seinen Freund hatte Bruno einige Nachforschungen bezüglich Tamsin Stewart in Auftrag gegeben. Über Kontakte verfügte er schließlich reichlich, und was er über sie erfahren hatte, beunruhigte ihn dermaßen, dass er kurz entschlossen nach England geflogen war, um bei der Hochzeit von James’ ältester Tochter Lady Davina dabei zu sein.

Ihre Trauung mit Baron Hugo Havistock hatte am Vormittag in der kleinen Privatkapelle auf dem Anwesen der Graingers stattgefunden. Nach dem Mittagessen im engsten Familien-und Freundeskreis waren nun Hunderte von Gästen in das nahe gelegene Luxushotel geladen, um mit dem glücklichen jungen Paar zu feiern. Unter ihnen auch Tamsin Stewart.

Missmutig beobachtete Annabel, wie ihr Vater die hübsche Blondine auf die Tanzfläche führte. „Siehst du“, flüsterte sie Bruno aufgebracht zu, „ich bilde mir das nicht nur ein! Sie scheint meinen Vater völlig verhext zu haben.“

„Dann müssen wir eben einen Weg finden, ihn zu entzaubern, piccola“, erwiderte er tröstend.

„Und wie willst du das anstellen?“ Annabels Stimme klang bitter. „Mir hat er jedenfalls kein Diamantcollier gegeben.“

„Was soll das heißen?“

„Daddy hat jeder Brautjungfer eine Kette geschenkt“, erklärte sie und zeigte frustriert auf die schimmernden Perlen an ihrem Hals. „Als ich beim Aufräumen zufällig auf das Diamantcollier stieß, dachte ich, es sei für mich. Immerhin bin ich seine Tochter. Aber falsch gedacht! Tamsin hat es bekommen. Angeblich als Dank für die Umgestaltung von Davinas Apartment.“ Annabel stieß einen verächtlichen Laut aus. „Wenn er doch nur keine Innenarchitektin eingestellt hätte! Dann müssten wir uns jetzt nicht mit dieser Tussi herumschlagen! Davina glaubt zwar, dass Daddy sich nur ein bisschen einsam fühlt und es deshalb so genießt, sich mit Tamsin zu unterhalten. Meine Schwester hatte jedoch in letzter Zeit so viel mit den Hochzeitsvorbereitungen zu tun, dass sie gar nicht mitkriegen konnte, welche Macht diese schreckliche Frau über ihn hat.“

Hastig leerte Annabel ein weiteres Glas Champagner und hielt es wortlos dem Barkeeper hin, der es sofort wieder füllte. „Ich weiß wirklich nicht, was ich tun soll“, seufzte sie theatralisch. „Am Ende wird sie noch die neue Lady Ditton! Seit dem Tod meiner Mutter ist Dad so schrecklich unglücklich. Ich könnte es einfach nicht ertragen, wenn diese Person ihn ausnutzt!“

„Das wird sie nicht, piccola! Ich lasse es nicht zu“, versprach Bruno bestimmt. Niemand nutzte seine Freunde aus! Schon gar nicht die Graingers, die für ihn seit vielen Jahren wie eine zweite Familie waren. Abschätzend betrachtete er Tamsin Stewart, die noch immer in James’ Armen über die Tanzfläche schwebte, und wiederholte in Gedanken, was er von ihr wusste: fünfundzwanzig Jahre alt, vor zwei Jahren geschieden und seitdem anscheinend Single. Nach dem Studium hatte sie in London für eine der besten Designfirmen der Welt gearbeitet, wo sie sich mit der Zeit einen hervorragenden Ruf als außergewöhnlich kreative Innenarchitektin erwarb. Vor Kurzem hatte sie jedoch zu Spectrum Design, dem kleinen Unternehmen ihres Bruders, gewechselt.

Bruno kniff die Augen leicht zusammen. Mit Sicherheit hatte dies eine heftige Gehaltseinbuße bedeutet. Wie, um alles in der Welt, hatte diese Frau es sich danach leisten können, ein schickes neues Auto zu kaufen und dann zwei Wochen Luxusurlaub auf Mauritius zu machen? Von ihrer Vorliebe für teure Designerkleidung einmal ganz abgesehen. Das Ballkleid, das sie heute Abend trug, stammte zwar nicht von ihm, aber es verriet die Handschrift eines ebenso exklusiven Modemachers. Unerschwinglich für eine kleine Innenarchitektin! Jemand musste es ihr geschenkt haben, und er hatte schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wer es gewesen sein könnte.

Schließlich wusste er ja aus sicherer Quelle, dass James Grainger jede Woche nach London fuhr, um Tamsin zu sehen. Bestimmt hatte sie ihn bei einer solchen Gelegenheit geschickt in die Boutiquen gelockt und ihn dazu gebracht, ihr den teuren Schmuck und das Kleid zu kaufen. Allerdings waren diese Shoppingtouren nichts im Vergleich zu der riesigen Summe, die sein Freund in das Unternehmen von Tamsins Bruder investiert hatte. Vor ungefähr einem Monat wäre Spectrum Design beinah pleitegegangen, wenn James der Firma nicht mit seinem eigenen Vermögen aus der Klemme geholfen hätte. Und das, obwohl seine Steuerberater strikt dagegen gewesen waren.

Dass aber auch der Verstand bei den vernünftigsten Männern aussetzte, wenn eine schöne Frau ihnen den Kopf verdrehte! Sein eigener Vater, Stefano Di Cesare, war dafür das beste Beispiel. Blind vor Liebe – oder Lust – hatte er eine zwanzig Jahre jüngere Schauspielerin geheiratet, die ihn geschäftlich und gesellschaftlich in den Ruin getrieben, vor allem aber den Familienfrieden für immer zerstört hatte.

Anfang zwanzig war er damals gewesen. Alt genug, um zu verstehen, was sein Vater in den Armen dieser Frau gesucht hatte, jedoch noch lange nicht tolerant genug, um ihm zu vergeben, dass er diese raffgierige Person geheiratet hatte. Und das kaum ein Jahr nach dem Tod seiner Ehefrau. Dio, wie sehr hatte er versucht, seinen Vater vor Miranda zu warnen, doch der hatte einfach nicht auf ihn hören wollen. Sein Bauchgefühl trog Bruno nie, und Tamsin Stewart gehörte danach ganz klar zu den Frauen, die sich die Gefühle eines verletzlichen älteren Mannes zunutze machten!

Auf der anderen Seite des Saales lachten James und Tamsin fröhlich miteinander. Fast schien es, als hätten sie die vielen Menschen um sie herum völlig vergessen.

„Sie war übrigens mit dem Bruder einer meiner Freundinnen verheiratet“, meldete Annabel sich wieder zu Wort, die das Treiben auf der Tanzfläche eine Weile schweigend beobachtet hatte. „Caroline hat mir erzählt, dass Tamsin sich sofort an Neil herangemacht hat, sobald sie wusste, dass er ein steinreicher Banker ist. Leider merkte er erst nach der Hochzeit, welchen Fehler er gemacht hatte. Denn sie beschwerte sich pausenlos darüber, dass er zu viel arbeiten würde. Allerdings hat sie sich nie darüber beklagt, währenddessen sein Geld mit vollen Händen ausgeben zu können. Als er sich schließlich von ihr trennen wollte, hat sie ihm eröffnet, sie erwarte ein Baby. Wahrscheinlich um ihn unter Druck zu setzen, bei ihr zu bleiben.“

„Also hat sie ein Kind?“, fragte Bruno überrascht.

„Aber nein. Keine Ahnung, ob es überhaupt je eine Schwangerschaft gegeben hat. Caroline glaubt, dass alles erlogen war. Neil hat sich jedenfalls trotzdem scheiden lassen. Und Caro ist heilfroh darüber.“

Einen Augenblick herrschte Schweigen. Dann fuhr sie mürrisch fort: „Kennst du eigentlich schon Daddys neueste Schnapsidee? Jetzt will er Ditton Hall von Grund auf renovieren und umgestalten lassen. Dabei hat Mommy es so geliebt, wie es jetzt ist. Und natürlich hat er wieder Tamsin als Innenarchitektin eingestellt. Daddy sagt, wir müssten akzeptieren, dass Mommy nicht mehr bei uns ist, und ein neues Leben beginnen. Wenn diese Tamsin sich in Ditton Hall breitmacht, ziehe ich aus. Und wenn ich auf der Straße leben muss!“

Bruno verkniff sich nur mühsam ein Lächeln. Die verwöhnte Annabel und auf der Straße leben! Verständlicherweise war sie außer sich über die Affäre ihres Vaters mit seiner jungen Innenarchitektin.

Grimmig presste er die Lippen zusammen, packte Annabel am Handgelenk und zog sie hinter sich her auf die Tanzfläche. „Dein Vater würde bestimmt nie etwas tun, das dich verletzt, und schon gar nichts, das dich aus dem Haus treibt“, meinte er. „Doch jetzt wird es wirklich höchste Zeit, dass du mir diese wunderbare Miss Stewart einmal persönlich vorstellst!“

Tamsin betrachtete besorgt James Graingers aschfahle Gesichtszüge und runzelte die Stirn. Wie müde und erschöpft er aussah! „Nach diesem Tanz solltest du dich wirklich setzen und ein wenig ausruhen. Wie ich dich kenne, bist du wieder den ganzen Tag auf den Beinen gewesen. Du weißt doch, was der Arzt gesagt hat. Du musst dich mehr schonen“, beschwor sie ihn.

„Jawohl, Schwester Tamsin“, antwortete er amüsiert. Dann wurde er unvermittelt ernst und fügte wehmütig hinzu: „Wenn du so mit mir sprichst, klingst du fast so energisch wie meine Frau – und das will was heißen! Lorna wäre heute richtig in ihrem Element gewesen. Wie gern hätte sie Davinas Hochzeit ausgerichtet!“

„Ich weiß“, erwiderte Tamsin leise. „Du hast sie jedoch würdig vertreten. Davina sieht jedenfalls sehr glücklich aus. Und ich glaube wirklich, keines der Mädchen ahnt etwas.“ Erschrocken biss sie sich auf die Lippe. Mist! Darüber hatte sie jetzt eigentlich gar nicht reden wollen. Aber nun war es zu spät. „James, ich finde, du solltest es deinen Töchtern endlich sagen. Spätestens wenn Davina und Hugo aus den Flitterwochen zurückkehren.“

„Nein, auf keinen Fall! Es ist gerade einmal achtzehn Monate her, dass sie ihre Mutter durch Krebs verloren haben. Da kann ich ihnen doch unmöglich eröffnen, dass man mir dieselbe Diagnose gestellt hat! Jedenfalls jetzt noch nicht“, fügte er etwas weniger heftig hinzu. „Erst will ich noch einmal mit dem Spezialisten reden und hören, wie meine Überlebenschance ist. Ich möchte sie nicht unnötig erschrecken. Annabel ist gerade erst achtzehn Jahre alt und viel zu jung, um noch mehr Leid zu ertragen. Versprich mir, dass du den Mädchen nichts verrätst. Und auch sonst niemandem“, bat er nachdrücklich.

Widerwillig gab Tamsin ihm das Versprechen. „Selbstverständlich sage ich nichts, wenn dir so viel daran liegt. Ich werde dich jedoch am Freitag ins Krankenhaus begleiten. Letztes Mal ging es dir nach der Chemotherapie einfach zu schlecht.“ Nach einer kurzen Pause setzte sie unsicher hinzu: „Vielleicht irre ich mich ja, aber ich habe das ungute Gefühl, dass unsere Freundschaft Annabel ein Dorn im Auge ist. Besonders seit die Arbeiten an Davinas Apartment beendet sind. Wenn sie wüsste, dass du nicht meinetwegen jede Woche nach London fährst, sondern weil du ins Krankenhaus musst …“

„Nein“, wehrte James ab. „Sie würde sich zu Tode ängstigen. Außerdem habe ich ihr erzählt, dass du jetzt Ditton Hall umgestalten wirst.“

„Das erklärt ihren feindseligen Gesichtsausdruck.“ Was für eine schwierige Situation!

Kennengelernt hatte sie James Grainger, als sie den Auftrag bekam, Davinas und Hugos Apartment neu einzurichten. Dabei hatte sie sofort bemerkt, dass dieser nach außen hin so charmante Mann todunglücklich und einsam war, und es dauerte nicht lange, bis sich zwischen ihnen eine tiefe Freundschaft entwickelte. Ihr hatte er sich anvertraut. Sie allein teilte sein Geheimnis, dass er an Prostatakrebs litt, und bisher hatte sie ihn trotz etlicher Versuche nicht dazu bewegen können, seinen Kindern die Wahrheit über seinen Zustand mitzuteilen. Wenn wenigstens Annabel sie nicht immer so hasserfüllt ansehen würde!

Seufzend tastete sie nach dem schweren Diamantcollier an ihrem Hals.

„Ich habe beinah das Gefühl, es ist eine Belastung für dich“, stellte James, dem ihre Handbewegung nicht entgangen war, belustigt fest.

„Ich bin ständig in Sorge, es zu verlieren“, gestand sie. „Außerdem sollte ich es dir besser zurückgeben, es ist viel zu kostbar.“

„Wie oft soll ich es noch sagen? Ich nehme es nicht zurück! Es ist ein Geschenk!“

„Und wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich es nicht annehmen kann?“, erwiderte sie heftig. „Das Collier muss ein Vermögen wert sein. Es zu behalten wäre einfach … unangemessen.“

„Das finde ich überhaupt nicht, denn damit möchte ich mich bei dir für deine Hilfe und Unterstützung in den letzten Monaten bedanken. Du verdienst dieses besondere Geburtstagsgeschenk, Tamsin. Ich weiß wirklich nicht, was ich ohne dich getan hätte, und ich bin sicher, Lorna hätte dich auch sehr gerngehabt“, fügte er leise hinzu.

Sein trauriger Blick berührte sie zutiefst. Impulsiv legte sie die Arme um ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Ich unterstütze dich, weil Freunde das nun einmal tun. Nicht weil ich im Gegenzug teuren Schmuck erwarte.“ Seufzend schüttelte sie den Kopf. Sie befand sich in einer wirklich verzwickten Lage! Wenn sie darauf bestand, die Diamantkette zurückzugeben, würde sie James bestimmt verletzen. Deshalb sagte sie schließlich: „Trotzdem: vielen, vielen Dank. Es ist ein wunderschönes Schmuckstück, und ich werde es immer in Ehren halten.“

„Daddy, du hast den ganzen Abend nicht ein einziges Mal mit mir getanzt“, ertönte in diesem Augenblick eine vorwurfsvolle Stimme hinter ihnen. Als Tamsin sich umsah, fing sie Annabels eiskalten Blick auf. Schnell rückte sie von James weg. Sie hatte ihn in der Tat schon zu lang in Anspruch genommen. Immerhin war dies ein Familienfest. Hastig wollte sie in der Menge verschwinden, um im nächsten Moment gegen eine muskulöse Brust zu prallen. Erschrocken blickte sie auf und direkt in die dunklen Augen von Annabels Begleiter.

Was für ein Mann! Sekundenlang war sie wie gelähmt, so atemberaubend gut sah er aus. Er hatte eine sonnengebräunte Haut, ein markantes Kinn, das Entschlossenheit verriet, und schien es gewohnt zu sein, seinen Willen durchzusetzen. Und seine sinnlichen Lippen verhießen Dinge, die ihr einen heißen Schauer über den Rücken jagten. Die Hitze stieg ihr ins Gesicht, und sein Lächeln sagte ihr, dass er genau wusste, was in ihr vorging. Oh nein!

Warum musste er auch so groß, schlank und breitschultrig sein? Der dunkelgraue Maßanzug betonte seinen muskulösen Körper perfekt. Völlig verwirrt wich sie einen Schritt zurück und stieß eine Entschuldigung hervor.

„Tut mir leid, Kleines. Ich dachte, du hättest Spaß mit deinen Freunden“, hörte sie, wie James sich rechtfertigte. „Hast du dich gut um mein kleines Mädchen gekümmert, Bruno?“

„Selbstverständlich“, erwiderte der Fremde, ohne den Blick von Tamsin abzuwenden. „Aber ich glaube, jetzt, da die große Schwester verheiratet ist und Ditton Hall verlässt, wird Annabel ihren Papà mehr denn je brauchen.“

Sprach er mit italienischem Akzent? Dass seine tiefe, warme Stimme vorwurfsvoll geklungen hatte, daran bestand kein Zweifel.

Auch James schien das bemerkt zu haben, denn er sagte fröhlich: „Dann komm, Kleines! Tanz mit mir!“ Und zu Tamsin gewandt fügte er hinzu: „Du hast doch nichts gegen einen Partnertausch? Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Bruno ein exzellenter Tänzer ist.“

Eine unangenehme Pause entstand, und Tamsin wusste nicht, was sie erwidern sollte. Schon die Nähe dieses Mannes hatte eine überwältigende Wirkung auf ihren Körper. „Ich glaube, ich mache lieber mal eine kleine Pause“, murmelte sie, den Blick auf James gerichtet.

Der schüttelte missbilligend den Kopf. „Du liebe Güte, wo sind eigentlich meine Manieren geblieben? Ich habe euch einander ja noch nicht einmal vorgestellt. Tamsin, das ist Bruno Di Cesare – der Besitzer des Di-Cesare-Modeimperiums und einer meiner besten Freunde. Bruno, das ist Tamsin Stewart. Sie ist eine unglaublich begabte Innenarchitektin.“

Ungeduldig zog in diesem Moment Annabel ihren Vater am Arm. „Komm schon, Daddy, lass uns gehen“, rief sie laut, doch Tamsin nahm es kaum wahr. Sie nahm auch nicht mehr wahr, wie James mit seiner Tochter zur Bar ging. Die Musik, die anderen Gäste, die Tanzfläche – alles verschwand wie in einem Nebel. Sie sah nur noch Bruno Di Cesare.

„Miss Stewart.“

Seine merklich kühler gewordene Stimme holte sie schlagartig zurück in die Wirklichkeit. Ein kalter Schauder jagte ihr über den Rücken. Vielleicht lag es an der Größe des Mannes, dass er derart einschüchternd auf sie wirkte, oder an diesem leicht zynischen Ausdruck, der offenbar immer dann seine Lippen umspielte, wenn er sie anblickte. Plötzlich nahm er ihre Hand, und sie zuckte erschrocken zusammen.

„Oder darf ich Sie Tamsin nennen?“

Wie er ihren Namen aussprach! Als würde er einen edlen Wein verkosten. Dann hob er ihre Hand an seine Lippen und hauchte einen zarten Kuss darauf. Die sanfte Berührung ließ Tamsin erröten und am ganzen Körper erbeben. Das amüsierte Lächeln des Fremden verriet, dass er nur zu gut wusste, welche Wirkung er auf sie hatte.

„Wie ist es mit einem Tanz?“, raunte er ihr mit diesem verboten sinnlichen Akzent ins Ohr. „Ich hoffe doch sehr, dass ich Sie dazu überreden kann, oder?“

Tamsin hatte das Gefühl, als könnte er sie zu weitaus mehr verführen, zumal sein Lächeln sie ungeheuer verwirrte. Himmel, warum musste er auch so gut aussehen? Nie zuvor hatte die Nähe eines Mannes ein solches Verlangen in ihr ausgelöst. Nicht einmal die ihres Exmannes!

Natürlich hatte sie sich von Neil angezogen gefühlt. Und irgendwann hatte sie sich auch in ihn verliebt. Doch eine derartige Anziehungskraft war von ihm nie ausgegangen.

Bisher hatte sie sich immer eingeredet, sie sei dafür nicht empfänglich, denn schon in der Schule hatte sie sich lieber mit Büchern beschäftigt, statt wie die meisten anderen Mädchen ihren Alters für irgendwelche Popstars zu schwärmen. Schon früh hatte sie eine klare Vorstellung davon gehabt, wie ihr Lebensweg verlaufen sollte: Studium, Karriere, heiraten und eine Familie gründen. Dann hatte Neils Untreue diesen Traum zerstört, und eine Zeit lang hatte sie nicht mehr gewusst, was sie sich wünschen sollte. Bis jetzt. Jetzt wollte sie sich nur noch in die Arme dieses gut aussehenden Unbekannten werfen! Auch wenn es völlig verrückt war.

Oh nein! Wie lange mochte sie ihn jetzt schon angestarrt haben? Reiß dich zusammen, rief sie sich zur Ordnung. Du führst dich ja auf wie ein Teenager beim ersten Date! Sie rang sich ein Lächeln ab und sagte so gelassen, wie es ihr in dieser Situation möglich war: „Ja, warum nicht.“

Langsam folgte sie ihm auf die Tanzfläche. Als er ihr seinen starken Arm um die Taille legte und sie an seine breite Brust zog, erbebte sie leicht. Sein Duft betörte ihre Sinne. Nur gut, dass er sie so festhielt. Denn wie lange ihre weichen Knie sie noch tragen würden, konnte sie beim besten Willen nicht sagen.

Erstaunt blickte Bruno in Tamsins gerötetes Gesicht. Die Reaktion ihres Körpers auf seine Berührung war ihm nicht entgangen. Noch vor wenigen Minuten hatte sie ihn kühl und abweisend angeblickt. Seitdem James ihn ihr jedoch als Besitzer einer weltweit bekannten Modefirma vorgestellt hatte, wirkte sie plötzlich sehr viel weniger distanziert! Im Gegenteil sogar!

Geld ist eben ein zuverlässiges Aphrodisiakum, dachte er spöttisch. Er wusste, dass er gut aussah. Doch sein Reichtum allein genügte schon, um die meisten Ladys schwachzumachen. Bisher hatte er noch um keine Frau kämpfen, geschweige denn sich ernsthaft bemühen müssen. Manchmal fragte er sich, ob er dadurch vielleicht etwas verpasst hatte.

Und wenn schon! Rasch verdrängte er den Gedanken. Im Augenblick interessierte ihn nur Tamsin Stewart und die Tatsache, dass sie wie auf Bestellung errötete. Wie sie das wohl anstellte?

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