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Stürmische Flitterwochen an der Adria

Yvonne Lindsay

Stürmische Flitterwochen an der Adria

PROLOG

Isla Sagrado, drei Monate zuvor …

„Unser Großvater verliert noch völlig den Verstand. Heute hat er wieder von dem Fluch geredet.“

Alexander del Castillo lehnte sich in dem bequemen dunklen Ledersessel zurück und bedachte seinen Bruder Reynard mit einem strafenden Blick.

„Abuelo ist nicht verrückt, er wird nur älter“, erklärte er, wobei er, wie in ihrer Familie üblich, den spanischen Kosenamen für ihren Großvater verwendete. „Er macht sich eben Sorgen – um uns alle.“ Alex sah zu seinem jüngsten Bruder Benedict hinüber. „Dagegen müssen wir etwas unternehmen – und zwar bald. Die schlechte Presse wegen des Fluchs hat nicht nur Auswirkungen auf Großvater, sondern auch auf das Geschäft.“

„Das stimmt. Die Umsätze im Weingeschäft sind in diesem Quartal zurückgegangen – mehr als erwartet“, stimmte Benedict zu und griff nach seinem Weinglas, in dem sich ein erlesener Tropfen aus dem familieneigenen Weingut befand. „Und das liegt ganz bestimmt nicht an der Qualität des Weins, wenn ich das so sagen darf.“

„Könntet ihr euch bitte auf das Problem konzentrieren?“, erwiderte Alex ungehalten. „Das ist eine ernste Angelegenheit. Reynard, du bist für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Was können wir deiner Meinung nach für den Ruf unserer Familie tun, damit dieses Gerede über den Fluch ein für alle Mal ein Ende hat?“

Reynard warf ihm einen ungläubigen Blick zu. „Nimmst du die Sache mit dem Fluch etwa wirklich ernst?“

„Wenn wir dadurch die Wogen wieder glätten können, ja. Das schulden wir Abuelo – und auch uns selbst. Wenn wir uns mehr an die Traditionen gehalten hätten, wäre das Problem vermutlich nie aufgetaucht.“

„Die del Castillos sind noch nie dafür bekannt gewesen, es mit den Traditionen zu halten, Bruderherz“, tadelte Reynard ihn lächelnd.

„Ja, und wohin hat uns das gebracht?“, erwiderte Alex. „Selbst nach dreihundert Jahren scheint der Fluch der Gouvernante immer noch auf uns zu lasten. Ob ihr es glaubt oder nicht, aber der Legende nach sind wir die letzte Generation unserer Familie. Wenn wir die Sache nicht in Ordnung bringen, könnte es das Ende der del Castillos bedeuten. Das glaubt nicht nur unser Großvater, sondern das ganze Land. Wollt ihr etwa wirklich dafür verantwortlich sein?“ Alex warf Reynard einen vernichtenden Blick zu, bevor er sich an Benedict wandte. „Wollt ihr das?“

Bedächtig schüttelte Reynard den Kopf. Er schien erstaunt darüber zu sein, dass sein ältester Bruder auf einmal wie ihr Großvater daran glaubte, dass an dieser uralten Legende tatsächlich etwas Wahres dran sein und Einfluss auf das Schicksal der del Castillos nehmen könnte.

Alex verstand Reynards Zweifel. Aber was für eine Wahl blieb ihnen schon? Solange die Bürger von Isla Sagrado an den Fluch glaubten, würde die schlechte Presse einen verheerenden Einfluss auf die Geschäfte der del Castillos haben. Und selbst Abuelo, der sie großgezogen hatte, war davon überzeugt, dass das Schicksal der Familie in den Händen von Alex und seinen Brüdern lag.

„Nein, Alex“, entgegnete Reynard seufzend. „Ich möchte genauso wenig wie du für den Niedergang unserer Familie verantwortlich sein.“

„Was können wir also tun?“ Benedict lachte humorlos auf. „Es ist ja nicht so, als könnten wir liebende Bräute aus dem Hut zaubern, die wir heiraten und mit denen wir glücklich bis ans Ende unserer Tage leben.“

„Das ist es!“, rief Reynard lachend aus und sprang vom Sessel auf. „Das ist es, was wir brauchen. Das wird eine Werbekampagne, wie sie Isla Sagrado noch nie gesehen hat.“

„Und du behauptest, Abuelo würde den Verstand verlieren?“, fragte Benedict und trank einen weiteren Schluck Wein.

„Nein“, erwiderte Alex aufgeregt. „Er hat recht. Das ist genau das, was wir tun müssen. Denkt an den Fluch. Wenn die neunte Generation nicht nach dem Familienleitbild von Ehre, Wahrheit und Liebe lebt, stirbt der Name der del Castillos für immer aus. Wenn wir alle heiraten und eine Familie gründen, beweisen wir, dass an dem Fluch nichts dran ist. Die Menschen haben dann wieder Vertrauen in unseren Namen und lassen sich nicht von Furcht und Aberglauben leiten.“

Reynard sank zurück in den Sessel. „Du meinst das wirklich ernst“, meinte er leise.

„Mir ist es nie ernster gewesen“, entgegnete Alex.

Obwohl Reynard vermutlich nur einen Scherz gemacht hatte, hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie würden nicht nur ihren besorgten Großvater beruhigen, sondern auch großartige Werbung für den Namen del Castillo machen können. Das hätte nachhaltige Wirkung auf das Volk von Isla Sagrado, was wiederum positive Auswirkungen auf den Wohlstand des gesamten Inselstaates haben würde. Seit langer Zeit hatte die Familie del Castillo großen Einfluss auf die wirtschaftlichen und politischen Entscheidungen des kleinen Inselstaates im Mittelmeer. Und mit dem wachsenden Reichtum der Familie war auch der Wohlstand der Bürger von Isla Sagrado gestiegen. Unglücklicherweise traf auch das Gegenteil zu.

„Du glaubst also, dass alles von heute auf morgen wieder in Ordnung kommt, wenn jeder von uns die richtige Frau heiratet und eine Familie gründet?“ Reynard klang ganz und gar nicht überzeugt.

„Genau. Das sollte ja nicht so schwer sein.“ Alex erhob sich und klopfte seinem Bruder auf die Schulter. „Du bist ein gut aussehender Typ. Sicher gibt es eine Menge hoffnungsvoller junger Damen.“

„Wohl kaum von der Sorte, die er nach Hause zu Großvater bringen würde, schätze ich“, stieß Benedict verächtlich hervor.

„Das musst gerade du sagen“, erwiderte Reynard. „Du bist ja viel zu sehr damit beschäftigt, mit deinem neuen Aston Martin die Küstenstraße entlangzurasen, als dass irgendeine Frau auch nur die Gelegenheit dazu bekommt, dich einzufangen.“

Fest entschlossen, alles zu tun, was notwendig war, damit er und seine Brüder nicht die letzten del Castillos sein würden, ging Alex zu dem Kamin mit der massiven Steinverkleidung, der sich schon seit Generationen im Besitz der Familie befand.

„Spaß beiseite: Wollt ihr es wenigstens versuchen?“, fragte er und sah von einem Bruder zum anderen. Wenn er Benedict mit dem schwarzen Haar und den schwarzbraunen Augen betrachtete, hatte er manchmal das Gefühl, in einen Spiegel zu sehen. Reynard hingegen kam eher nach ihrer Mutter, die Französin gewesen war. Er hatte feinere Gesichtszüge, die wegen seines gebräunten Teints umso stärker auffielen. Es war ihnen allen seit frühester Jugend nie schwergefallen, Frauen für sich zu interessieren, und die drei del Castillos waren bisher allesamt begeisterte Junggesellen gewesen, die ihr Leben in vollen Zügen genossen. Doch gerade dieser Lebensstil war nicht ganz unschuldig an der vertrackten Lage, in der sie sich jetzt befanden. Zwischen ihnen herrschte ein Altersunterschied von jeweils einem Jahr, und sie alle waren mittlerweile über dreißig – doch ihr Ruf hing ihnen immer noch nach.

„Für dich ist es ja kein Problem, du bist schließlich schon mit deiner Jugendliebe verlobt“, neckte Benedict Alex schmunzelnd.

„Sie ist wohl kaum meine Jugendliebe. Sie war noch ein Baby, als wir miteinander verlobt worden sind.“

Vor fünfundzwanzig Jahren hatte ihr Vater seinen besten Freund Francois Dubois vor dem Ertrinken gerettet. Francois hatte mit ihrem Vater gewettet, den gefährlichsten Strand von Isla Sagrado entlangschwimmen zu können. Aus Dankbarkeit hatte Dubois Raphael del Castillos ältestem Sohn die Hand seiner Tochter versprochen. In der darauffolgenden Zeit hatte natürlich außer den beiden Männern niemand mehr an dieses Versprechen gedacht – Dubois und del Castillo hingegen hatten die Sache sehr ernst genommen.

Selbst Alex hatte der Geschichte kaum Bedeutung beigemessen, auch wenn Loren ihm wie ein vertrauensseliges Hündchen überallhin gefolgt war, seitdem sie laufen konnte. Alex war zutiefst dankbar gewesen, als ihre Eltern sich hatten scheiden lassen, woraufhin die ehemalige Mrs Dubois die damals fünfzehnjährige Loren mit sich auf die andere Seite der Erde nach Neuseeland genommen hatte. Damals war Alex dreiundzwanzig und alles andere als erfreut darüber gewesen, dass ein schlaksiger Teenager Alex’ Freundinnen erzählte, sie sei seine Verlobte.

Seitdem war die Verlobung eine bequeme Ausrede gewesen, um nicht heiraten zu müssen. Bis eben hatte er eine Ehe noch nicht einmal in Betracht gezogen und ganz bestimmt nicht an Francois Dubois’ Versprechen gedacht, das er Raphael del Castillo gegeben hatte. Doch was eignete sich besser dafür, die Familienehre und ihr Ansehen auf der Insel zu retten, als sich an die mündliche Absprache zweier guter Freunde zu halten? Er hatte die Schlagzeilen bereits vor Augen. Die Aufmerksamkeit, welche die Medien der Sache zweifellos schenken würden, würde sich nicht nur vorteilhaft auf das Geschäftsimperium der del Castillos, sondern auch auf den Wohlstand des gesamten Inselstaates auswirken.

Alex dachte an den heißen Flirt, den er mit seiner persönlichen Assistentin begonnen hatte. Normalerweise trennte er Geschäftliches von Privatem, besonders im unmittelbaren Umfeld seiner Arbeit. Doch Giselles unermüdliche Versuche, ihn zu verführen, waren sehr unterhaltsam und – als er ihnen nachgegeben hatte – auch äußerst zufriedenstellend gewesen.

Die kurvenreiche Blondine Giselle liebte es, zu den angesagtesten Treffpunkten der High Society von Isla Sagrado ausgeführt zu werden. Zweifellos war sie wunderschön und talentiert – auf mehr als nur einem Gebiet –, aber war sie auch eine potenzielle Ehefrau? Nein, beschied Alex. Sie hatten beide gewusst, dass ihre Beziehung nichts Langfristiges sein würde. Giselle würde es sicher verstehen, dass ihr vertraulicher Umgang miteinander umgehend ein Ende haben musste, damit Alex sich auf den Tag konzentrieren konnte, an dem er seine zukünftige Braut Loren zurück auf die Insel brachte.

In Gedanken machte Alex sich eine Notiz, ein besonders schönes Schmuckstück zu besorgen, um Giselle zu beschwichtigen, bevor er seine Überlegungen wieder auf Loren Dubois lenkte. Sie entstammte einer der ältesten Familien von Isla Sagrado und war schon immer sehr stolz auf ihre Herkunft gewesen. Obwohl sie jetzt bereits seit zehn Jahren fort war, vermutete Alex, dass sie sich Isla Sagrado immer noch durch und durch zugehörig fühlte. Außerdem trug sie auch nach dem Tod ihres geliebten Vaters dessen Ansehen hoch und würde nicht zögern, das Versprechen einzulösen, das vor so vielen Jahren gegeben worden war. Vor allem verstand sie, was es bedeutete, die Braut eines del Castillo zu sein – und welche Verantwortung damit einherging. Zudem war sie mittlerweile im richtigen Alter, um zu heiraten und ihren Beitrag dazu zu leisten, den Fluch der Gouvernante ein für alle Mal zu brechen.

Alex schmunzelte. „So, ich bin also versorgt. Und was ist mit euch beiden?“, fragte er.

„Du scherzt doch, oder?“ Misstrauisch beäugte Benedict seinen Bruder, als ob der gerade angekündigt hätte, einem Männerkloster beitreten zu wollen. „Die magere kleine Loren Dubois?“

„Vielleicht hat sie sich ja verändert“, meinte Alex achselzuckend. Es tat eigentlich nichts zur Sache, wie sie aussah. Es war seine Pflicht, sie zu heiraten – und seine Wünsche spielten dabei keine Rolle. Mit ein bisschen Glück würde sie im ersten Jahr ihrer Ehe schwanger werden und danach zu sehr mit dem Kind beschäftigt sein, um besondere Ansprüche an Alex zu stellen.

„Aber warum willst du ausgerechnet sie, wenn du jede andere Frau haben könntest?“, gab Reynard zu bedenken.

„Warum nicht?“, erwiderte Alex seufzend. „Damit wären mehrere Probleme gelöst. Wir halten nicht nur die Vereinbarung ein, die zwischen unserem verstorbenen Vater und seinem Freund getroffen wurde, sondern können auch Abuelos Sorgen zerstreuen. Von der positiven Wirkung auf unser Ansehen in der Öffentlichkeit mal ganz zu schweigen. Seien wir ehrlich. Die Medien werden sich darum reißen, besonders dann, wenn wir sie mit der rührenden Geschichte locken, die hinter der Verlobung steckt. Sie werden es wie ein modernes Märchen aussehen lassen.“

„Und was ist mit Großvaters Sorge um die nächste Generation?“, wollte Reynard wissen und zog eine Augenbraue hoch. „Meinst du denn, deine Braut wartet nur darauf, unseren Fortbestand zu sichern? Vielleicht ist sie ja auch schon verheiratet.“

„Das ist sie nicht.“

„Und woher willst du das wissen?“

„Ein Detektiv hat sie in Großvaters Auftrag im Auge behalten. Seit Abuelos’ Schlaganfall im vergangenen Jahr erstattet er mir regelmäßig Bericht.“

„Also ist es dein Ernst. Du willst diese Verlobung wirklich durchziehen und dich auf eine Frau einlassen, die du gar nicht richtig kennst.“

„Das muss ich, es sei denn, du hast einen besseren Vorschlag, Rey?“

Reynard schüttelte den Kopf und brachte damit die Enttäuschung zum Ausdruck, die sie angesichts ihrer Lage alle drei fühlten.

„Und du, Ben? Hast du eine Idee, wie wir unsere Familie und unser Vermögen retten und Großvater auf seine letzten Jahre glücklich machen können?“

„Du weißt doch selbst, dass es keine andere Lösung gibt“, entgegnete Benedict resigniert.

„Dann, meine Brüder, möchte ich einen Toast aussprechen – auf jeden von uns und die zukünftigen Bräute der del Castillos.“

1. KAPITEL

Neuseeland, Gegenwart …

„Ich bin gekommen, um mit dir über die Bedingungen der Vereinbarung zu sprechen, die unsere Väter getroffen haben. Es wird Zeit, dass wir heiraten.“

Von der Sekunde an, in der sein Helikopter auf dem Hubschrauberlandeplatz in der Nähe des Farmhauses aufgesetzt hatte, hatte Loren Dubois sich gefragt, was Alexander del Castillo zu ihr geführt hatte. Jetzt wusste sie es. Und konnte es kaum glauben.

Neugierig musterte Loren den großen, ihr nahezu fremden Mann, dessen Erscheinung das Wohnzimmer ihrer Mutter beherrschte. Alex war ganz in Schwarz gekleidet und hatte das dunkle Haar aus der Stirn nach hinten gekämmt. Mit seinen braunschwarzen Augen sah er sie, Loren, unbeirrt an. Eigentlich hätte er einschüchternd wirken müssen, aber stattdessen fragte sie sich, ob ihr Traum auf wundersame Weise wahr werden würde.

Heiraten? Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Jahre zuvor wäre sie vor Freude über diese Aussicht in die Luft gesprungen, aber jetzt? Mit dem Alter war sie vorsichtiger geworden. Sie war nicht länger ein verliebter Teenager. Aus nächster Nähe hatte sie erfahren müssen, was eine unglückliche Verbindung zwei Menschen antun konnte – die stürmische Ehe ihrer Eltern war ein Beweis dafür gewesen. Sie und Alexander del Castillo kannten sich nicht mehr. Doch aus irgendeinem Grunde bekam sie weiche Knie, als er ihr auf die typisch selbstherrliche Art der del Castillos einen Heiratsantrag machte.

Kopfschüttelnd brachte Loren sich auf den Boden der Tatsachen zurück. Wem wollte sie eigentlich etwas vormachen? Er hatte ihr keinen Antrag gemacht. Er war geradewegs davon ausgegangen, dass sie gar nicht anders konnte, als ihn zu heiraten. Es war auch nicht besonders hilfreich, dass sie sich das tatsächlich aus ganzem Herzen wünschte. Warte, ermahnte sie sich. Immer mit der Ruhe.

Es war schon zehn Jahre her, dass sie und Alex sich das letzte Mal gesehen hatten. Vor zehn Jahren hatte es ihr fast das Herz gebrochen, als sie als Fünfzehnjährige gegen ihren Willen von ihrer Mutter mit nach Neuseeland genommen worden war. Seitdem hatte sie nichts mehr von Alex gehört – noch nicht einmal eine Karte zu Weihnachten oder ihrem Geburtstag hatte er ihr geschickt. Das hatte sie enttäuscht, zumal er der Mann gewesen war, dem sie seit ihrer Geburt versprochen gewesen war.

Trotzdem war sein Vorschlag verlockend, und Loren atmete tief ein. Obwohl ihr ihre Verlobung stets wie ein Märchen vorgekommen war, von dem sie träumen konnte, war sie fest entschlossen, die Realität nicht aus dem Blick zu verlieren. „Heiraten?“, erwiderte sie und hob entschlossen das Kinn. „Du platzt hier einfach so unangemeldet herein – seitdem ich Isla Sagrado verlassen habe, hast du dich nicht mehr bei mir gemeldet –, und als Erstes erzählst du mir, dass wir beide heiraten müssen? Das wirkt doch ein bisschen überstürzt, findest du nicht?“

„Unsere Verlobung besteht seit einem Vierteljahrhundert. Damit ist unsere Hochzeit längst überfällig.“

Da war er – dieser wunderbare spanische Akzent, wenn er sprach, der so typisch war für die Bewohner von Isla Sagrado, ihrer alten Heimat. Während ihres Aufenthaltes in Neuseeland hatte sich Lorens Akzent nahezu verflüchtigt, doch wenn Alexander so sprach, dann kam es ihr vor, als würden seine Worte wie Samt ihre Haut streicheln. Obwohl sie das aufsteigende Verlangen niederkämpfen wollte, reagierte ihr Körper auf Alex’ Stimme. Hatte sie ihn wirklich so sehr vermisst?

Natürlich hatte sie das. Doch jetzt war sie erwachsen. Eine Frau, kein Kind und kein einfältiger Teenager mehr. Loren versuchte, entschlossen zu klingen. „Eine Verlobung, von der niemand ernsthaft erwartet hat, dass sie jemals zu einer Ehe führt.“

Irgendwie würde sie ihm klarmachen müssen, dass sie nicht so einfach umzustimmen war. Seine Gleichgültigkeit nach ihrem Fortgang hatte ihr sehr wehgetan.

„Willst du damit etwa andeuten, dass dein Vater es nicht ernst gemeint hat, als er mir deine Hand versprochen hat?“

Obwohl Loren lachte, war sie alles andere als fröhlich. Ihr Vater war bereits seit sieben Jahren tot, doch sie vermisste ihn immer noch furchtbar. Mit ihm war ihre letzte Verbindung zu Isla Sagrado und, wie sie geglaubt hatte, auch zu Alex abgebrochen. Doch jetzt war Alex hier, und sie hatte keine Ahnung, wie sie darauf reagieren sollte. Bleib ruhig, ermahnte sie sich. Auf jeden Fall musst du stark und entschlossen bleiben. Das ist der einzige Weg, um sich den Respekt eines del Castillo zu verdienen. „Ich bin noch nicht einmal drei Monate alt gewesen, als mein Vater mich dir versprochen hat – und du warst ein achtjähriger Junge“, stellte sie klar.

Alex machte einen Schritt auf sie zu und wirkte kein bisschen eingeschüchtert. Loren hatte zwar keinerlei Erfahrungen mit Männern von Alex’ Schlag, aber sie reagierte ganz instinktiv auf ihn. Schon immer hatte er eine magische Anziehungskraft auf sie ausgeübt, doch in den vergangenen zehn Jahren waren seine Schultern noch breiter geworden, und sein Kinn wirkte noch männlicher als zuvor. Er sah älter aus als dreiunddreißig – älter und entschlossener. Keineswegs wie ein Mann, der ein Nein als Antwort akzeptieren würde.

„Ich bin nicht mehr acht. Und du …“ Er machte eine Pause, um sie von Kopf bis Fuß zu mustern. „Und du bist ganz bestimmt auch kein Kind mehr.“

Loren spürte, wie ihre Haut unter seinem Blick förmlich zu glühen begann, beinahe so, als hätte er sie nicht nur angesehen, sondern mit seinen starken Fingern ihr Gesicht, ihren Hals und ihre Brüste gestreichelt. Ihre Brustwarzen wurden hart und rieben an dem Baumwollstoff ihres BHs, wodurch ihr Verlangen immer drängender wurde.

„Alex“, stieß sie atemlos hervor. „Du weißt nicht mehr, wer ich bin. Und ich kenne dich nicht mehr. Zu viel Zeit ist vergangen. Ich könnte bereits verheiratet sein.“

„Ich weiß, dass du es nicht bist.“

Das wusste er? Sie fragte sich, was er sonst noch über sie in Erfahrung gebracht hatte. Hatte er sie etwa die ganze Zeit über im Auge behalten?

„Es wäre leichtsinnig von uns, einfach so zu heiraten. Wir wissen ja noch nicht einmal, ob wir zueinander passen.“

„Wir haben noch den Rest unseres Lebens, um herauszufinden, wie wir einander Vergnügen bereiten können“, murmelte Alex und sah auf ihre Lippen.

Vergnügen bereiten? Was hat er wohl damit gemeint, überlegte sie, und widerstand dem Drang, ihre trockenen Lippen mit der Zunge zu befeuchten. Das Verlangen in ihr wurde stärker und drängender. Mühsam unterdrückte Loren ein Aufstöhnen, das sie beinahe instinktiv als Antwort auf seinen begierigen Blick ausgestoßen hätte.

Ihr Mangel an Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht hatte ihr bis jetzt keine Probleme bereitet. Ihr Umgang mit den männlichen Gästen und Angestellten auf der Rinder- und Schaffarm ihrer Mutter war rein platonisch gewesen – was ihr so am liebsten war. Es war schon schwierig genug gewesen, sich an die Abgeschiedenheit der Farm zu gewöhnen, ohne mit jemandem liiert zu sein, der dort arbeitete. Außerdem hätte sich alles andere für sie wie Betrug angefühlt – an dem Versprechen ihres Vaters und den Gefühlen, die sie immer noch für Alex hegte.

Jetzt sah es allerdings so aus, als würde sich ihr Mangel an Erfahrungen an ihr rächen. Ein Mann wie Alexander del Castillo erwartete sicher mehr, als sie ihm bieten konnte. Als sie jünger gewesen war, hatte sie Alex verehrt, wie Kinder es eben mit älteren, attraktiven Menschen tun. Und, oh ja, sie hatte ihn attraktiv gefunden – vom ersten Augenblick an. Sie hatte geglaubt, dass ihre Bewunderung allmählich zu Liebe geworden war – eine Liebe, die auch nicht dadurch geschmälert werden konnte, dass Alex ihre Gegenwart ganz offensichtlich nur recht widerwillig geduldet hatte, wenn sie ihm wie ein Schatten durch das Schloss gefolgt war, das sich seit Jahrhunderten im Besitz seiner Familie befand.

Seit sie denken konnte, hatte sie ihren Vater dazu gedrängt, ihr immer wieder die Geschichte zu erzählen, wie Raphael del Castillo ihn vor dem Ertrinken gerettet hatte, nachdem die beiden Freunde eine leichtsinnige Wette abgeschlossen hatten. Loren hatte förmlich an den Lippen ihres Vaters gehangen, wenn er davon erzählt hatte, wie er aus tiefster Dankbarkeit seine neugeborene Tochter Raphaels ältestem Sohn zur Frau versprochen hatte.

Aber ihre kindlichen Träume von einem glücklichen Leben mit ihrem Märchenprinzen unterschieden sich sehr von der Realität, die der selbstbewusste und überaus maskuline Alex verkörperte. Loren war sich bewusst, dass er über sexuelle Erfahrungen verfügte, die sie sich noch nicht einmal in ihren kühnsten Träumen vorzustellen vermochte – geschweige denn zu erfüllen vermochte. Sie war gleichermaßen eingeschüchtert und erregt.

„Außerdem“, sagte Alex leise, „ist es jetzt an der Zeit, dass ich heirate. Und wer wäre besser dafür geeignet als die Frau, mit der ich schon so lange verlobt bin?“

In Alex’ dunkelbraunen Augen erkannte sie die Herausforderung und überraschenderweise noch etwas anderes. Er hatte so stark und selbstsicher gewirkt, als er mit dem Helikopter gelandet und auf das schiefergedeckte Haus zugekommen war, das am Fuße der Neuseeländischen Alpen lag. Doch jetzt entdeckte sie die Spur von Unsicherheit in seinem Blick. Beinahe so, als erwartete er, dass Loren sich weigern könnte, die Vereinbarung einzuhalten, die vor so langer Zeit zwischen ihren Vätern geschlossen worden war.

Der Duft seines Aftershaves kam ihr wie ein unwiderstehlicher Zauber vor, der ihre Sinne in einen dichten Nebel hüllte. Als Alex einen weiteren Schritt auf sie zumachte, erst ihr Kinn und dann ihren Nacken umfasste, sodass sie ihm ins Gesicht sehen musste, schien ihr Verstand komplett auszusetzen.

Seine Finger fühlten sich so zart auf ihrer Haut an, dass ihr beinahe der Atem stockte. Er neigte den Kopf und berührte ihre Lippen – seine fühlten sich warm, weich und überaus zärtlich an.

In Lorens Kopf schien sich alles zu drehen, als sie den Mund öffnete und die neugierige Berührung durch seine Zunge spürte, als er sanft die Innenseite ihrer Unterlippe erkundete. Unwillkürlich stöhnte sie auf und fand sich plötzlich in seinen Armen wieder, den Körper fest an seine starke Brust und seine Hüfte gepresst. Sie streichelte ihn, ließ ihre Hände unter sein edles Wollsakko und über den Seidenstoff seines Hemds gleiten.

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