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Stürmisch verliebt auf Mallorca

1. KAPITEL

Das Blütenmeer war ein Traum in Weiß und Rosarot und reichte fast bis zum Horizont. Darüber spannte sich erhaben der azurblaue Himmel, und die Sonne sandte ein so mildes und klares Licht über die Landschaft, als wollte sie damit unterstreichen, dass das Leben auf diesem Flecken Erde schöner war als anderswo.

Nun, besseres Wetter herrschte hier in jedem Fall. Es hätte nicht gegensätzlicher zu London sein können, wo die neblige Kälte die Menschen seit Wochen mit verschlossenen Gesichtern durch die Straßen trieb.

Dass Lilian sich plötzlich in dieser zauberhaften Frühlingslandschaft befand, nachdem das Flugzeug vor nur wenigen Stunden im Morgengrauen abgehoben hatte, vermochte sie immer noch nicht ganz zu glauben. Schließlich hatte sie Großbritannien niemals zuvor verlassen.

Und jetzt war sie auf Mallorca! Lilian hatte schon viel von dem überaus beliebten Urlaubsziel gehört und sich immer gewünscht, einmal selbst den Fuß auf die Insel zu setzen. Nun war es so weit. Je weiter sie sich von der Hauptstadt Palma de Mallorca entfernten und in den Südwesten fuhren, desto öfter breiteten sich die großen, zart blühenden Mandelhaine zu beiden Seiten der Straße vor ihren Augen aus. Auch die Dichte der Bebauung nahm ab, sodass die Schönheit des blühenden Eilands immer mehr zum Vorschein kam.

Lilian sah wie gebannt durch die Fensterscheibe des Busses, der ihre Reisegruppe vom Flughafen zur Ferienanlage bringen sollte. Draußen flitzte ein weißes Cabriolet vorbei, und sie blickte dem Wagen wehmütig hinterher. Sie seufzte leise. Wie es wohl war, hier, auf der Sonnenseite des Lebens, zu wohnen?

Aber in den nächsten Tagen würde sie auch einmal in den Genuss kommen. Schade nur, dass die anderen Teilnehmer überwiegend Rentner waren. Typisch Sophie! Niemand außer ihrer besten Freundin konnte auf die Idee kommen, an einem Preisausschreiben in einer Seniorenzeitschrift teilzunehmen, um dann auch noch diesen zehntägigen Aufenthalt zu gewinnen. Damit war es allerdings nicht genug: In letzter Sekunde war Sophie krank geworden und hatte Lilian überredet, an ihrer Stelle zu reisen.

„Lily, du fährst!“, hatte sie in ihrer bestimmenden Art gesagt. „Du hast dringend eine Abwechslung nötig und wolltest doch schon immer mal nach Spanien. Wer weiß, vielleicht befindet sich unter den anderen Gewinnern ja wider Erwarten ein interessanter Mann.“

Lilian musste unwillkürlich lächeln. Kaum jemand in diesem Bus schien unter sechzig Jahre alt zu sein. Da würde sie wohl besser die Insel auf eigene Faust erforschen und so ihre Sprachkenntnisse vertiefen. Sie konnte schon recht gut Spanisch und Italienisch und hatte fleißig entsprechende Kurse besucht. Neben ihrer anstrengenden Arbeit als Verkäuferin war das in den vergangenen Jahren ihr einziger Luxus gewesen, in den sie viel Zeit investiert hatte.

Doch für ihren Traum, dem eintönigen und leider oft auch entbehrungsreichen Alltag zu entkommen und irgendwann einmal im Süden zu leben, wollte sie alles tun. Immerhin hatte sie jetzt den Sprung nach London geschafft und ihre Heimat, ein Städtchen im nicht gerade mit Wohlstand gesegneten Landstrich Lincolnshire verlassen. Diesem Schritt war allerdings eine so schlimme Geschichte vorausgegangen, dass ihre Heimat für sie vorerst gestorben war.

„Sind Sie das erste Mal auf Mallorca?“, riss die neben ihr sitzende Dame sie plötzlich aus ihren Grübeleien.

Lilian strich die rotblonden Locken zurück und wandte sich ihr zu. „Ja. Und Sie?“, fragte sie interessiert.

Die ältere Frau lächelte. „Ich komme öfter zur Mandelblüte, denn die ist einfach zu schön. Diesmal sollen wir ja mit dem Wetter ganz besonderes Glück haben. Die Sonne scheint so warm, als wäre es schon April! Bestimmt wird es eine wundervolle Zeit werden“, meinte die Dame auskunftsfreudig und streckte ihr die Hand hin: „Ich bin übrigens Mrs Porter.“

„Und ich heiße Lilian … Lilian Connelly. Sie können auch Lily zu mir sagen“, stellte Lily sich vor und erwiderte das Lächeln.

„Sie scheinen die jüngste Mitreisende zu sein“, bemerkte Mrs Porter freundlich. „Hoffentlich langweilen Sie sich nicht.“

„Das glaube ich kaum“, erwiderte Lilian. „Denn ich bin auch hier, um die Sprache noch besser zu erlernen.“ Und während sie mit Mrs Porter weiter plauderte, breitete sich in ihr das angenehme Gefühl aus, dass hier und heute tatsächlich ein neuer, glücklicherer Lebensabschnitt begonnen hatte. War die unverhoffte Reise nach Mallorca nicht ideal für sie, um die dunkle und schmerzliche Zeit endlich hinter sich zu lassen?

Unwillkürlich tastete sie nach dem schmalen, silbernen Ring, dem einzigen Schmuckstück, das sie trug und das sie an ihre Herkunft erinnerte.

„Er soll dein Glücksbringer sein und dich auf einen guten Weg bringen“, hatte ihre Mutter gesagt und sich eine Träne weggewischt. Dabei hatte sie jedoch mit keinem Wort versucht, ihre einzige Tochter Lilian davon abzuhalten, Hals über Kopf die Heimatstadt zu verlassen. Erst in diesem Moment hatte Lilian begriffen, dass nicht einmal ihre Mum daran glaubte, dass sie wirklich unschuldig war.

Ramiro trommelte ungeduldig mit den Fingern aufs Lenkrad. Schon seit einer Ewigkeit fuhr er im Schneckentempo hinter dem blauen Reisebus her, aber die Streckenführung hatte bisher keine Möglichkeit zum Überholen geboten. Da endlich tat sich eine Lücke auf, und er trat aufs Gas.

Nach den ruhigen Wintermonaten hatte der Tourismus und der damit verbundene Verkehr jetzt wieder erheblich zugenommen. Aber schließlich lebte er ja von den Besuchern, die Mallorca jedes Jahr zur Mandelblüte in Scharen heimsuchten.

Wenig später bog er mit seinem im Sonnenlicht glänzenden Cabriolet auf die Zufahrtsstraße zu seiner Ferienanlage ein. „El Paraíso Verde“, das grüne Paradies, lag im Südwesten der Insel, keine Stunde von der Hauptstadt Palma entfernt. Das Meer war hier tiefblau, und kleine Pinien- und Kiefernwäldchen säumten die Küste mit ihren feinsandigen Stränden.

Da sich die Anlage deutlich von den anderen touristischen Hochburgen mit ihren Betonklötzen abhob, galt der Aufenthalt im „Paraíso Verde“ längst nicht mehr nur als Geheimtipp. Mit viel Erfolg und Enthusiasmus betrieb Ramiro auch sein zweites Resort, „El Cielo Verde“, den grünen Himmel, im Südosten der Insel, wo dem allgemeinen Bauboom durch strenge Auflagen zum Glück von Beginn an Einhalt geboten worden war.

Dort zeigte sich die Umwelt noch ursprünglich, und die Fischerdörfer hatten ihren alten Charme bewahrt. Mit dem Konzept des grünen und umweltfreundlichen Tourismus rannte er offene Türen ein. Er lag damit voll im Trend. Doch nicht zuletzt ermöglichten ihm die Ferienanlagen auch ein ziemlich komfortables Leben.

Nun fuhr er langsamer und ließ den Blick durch die blühende Natur schweifen. Da tauchten auch schon die ersten weiß getünchten Gebäude seines Ferienparadieses auf. Harmonisch fügten sie sich in die Landschaft ein, und in dem großen Garten, der fast bis hinunter an die goldgelbe Küste reichte, wuchsen neben einer Vielzahl von Palmen die außergewöhnlichsten Pflanzen der Insel. Wie gern er hierherkam!

Doch was war das? Wer verteilte denn vor den Toren schon wieder diese verflixten Werbezettel, die dann später überall in der Gegend herumflogen? Waren es die Betreiber eines neuen Restaurants oder die einer Diskothek, die auf diese Weise Gäste anzulocken gedachten?

Ramiro hielt den Wagen an und ließ die Scheibe hinunter. Ein junger Kerl grinste ihn an und hielt ihm unverblümt einen Flyer entgegen – mit Werbung von der Konkurrenz!

„… jetzt auch mit einem Café, das durch selbst erzeugten Solarstrom klimatisiert wird und einer Auswahl an biologisch angebauten Produkten …“, las Ramiro das Gedruckte auf dem Hochglanzpapier. Genauso lautete auch der Text in der Broschüre, mit der er seine eigenen Ferienanlagen bewarb. So eine Frechheit, nicht nur sein Konzept, sondern sogar den Wortlaut zu kopieren!

Natürlich war es wünschenswert, dass ökologisches Bewusstsein endlich auch bei anderen Anbietern der Tourismusbranche Einzug hielt. Doch hier steckte hundertprozentig der Díaz-Clan dahinter, und die offensive Art, wie dieser ihm die Gäste abspenstig machen wollte, missfiel ihm. Die Familie Díaz – finanzstark und einflussreich – empfand er schon lange als Gefahr für die Natur der Insel, aber auch für sein Geschäft.

Die Stirn gerunzelt, stellte er fest, dass die auf dem Handzettel aufgelisteten Zimmerpreise deutlich unter seinen lagen. Das war auch kein Kunststück, wenn man die Bettenburgen betrachtete, die die Küste rund um den Flughafen nicht gerade verschönerten. Und nun schmückten seine Konkurrenten sich plötzlich mit Umweltbewusstsein?

Ramiro ließ den Motor wieder an. So leicht würde er sich nicht in die Enge treiben lassen! Er lenkte seinen Wagen bis vor das Eingangsportal. Normalerweise parkte er hier nicht, doch er musste sofort mit Sancho sprechen.

Als er die Lobby betrat, kam ihm dieser schon entgegen. Der Mexikaner war so etwas wie seine rechte Hand und leistete ihm stets wertvolle Hilfe.

Buenos días, Ramiro!“, begrüßte Sancho ihn herzlich. „Ist etwas passiert? Warum hast du es denn so eilig?“

„Guten Morgen“, erwiderte Ramiro gefasst. „Hast du nicht die Typen da vorn am Eingang gesehen?“

„Nein …“ Sancho blickte ihn fragend an, und Ramiro nahm zum ersten Mal wahr, dass der dichte Schnauzbart seines Angestellten langsam grau wurde. Wie lange arbeitete Sancho eigentlich schon für seine Familie? Jedenfalls war er längst unentbehrlich geworden.

„Hör zu“, sagte er, „ich möchte, dass du die Konkurrenz vom Platz verweist. Sie versuchen, direkt vor der Tür unsere Gäste abzuwerben und das mit einem fragwürdigen Angebot. Könntest du da bitte sofort etwas unternehmen?“

„Natürlich, Ramiro, kein Problem.“

„Gut … liegt heute sonst noch etwas Wichtiges an?“

„Du musst gleich die neue Reisegruppe begrüßen“, erwiderte Sancho, „hast du das schon vergessen?“

Ramiro stöhnte insgeheim. Natürlich! Es kam ja wieder ein ganzer Schwung von Gästen, diesmal aus England. Heute würden es überwiegend Rentner sein. Er hatte vor Kurzem eine neue Aktion gestartet, um andere Zielgruppen für sein grünes Konzept zu begeistern. Klappern gehörte eben genauso zum Handwerk wie der leidige Kampf in der Branche, sich zu behaupten.

All dies bereitete ihm aber neuerdings weniger Sorgen als die Tatsache, dass im Sommer sein viel beschworener 35. Geburtstag vor der Tür stand – und immer noch war er Single. Stets war er davon ausgegangen, dass ihm die richtige Frau einfach über den Weg laufen würde, doch so war es bisher nicht gewesen. Keine der Bekanntschaften aus den letzten Jahren hatte ihn wirklich gefesselt. Gut, bisher hatte auch immer sein Beruf an erster Stelle gestanden, und er hatte kaum Zeit in amouröse Beziehungen investiert. Wenn er allerdings noch lange so weitermachte, würde auch dieses Jahr ungenutzt verstreichen. Und das durfte auf keinen Fall passieren.

„Da kommen sie schon!“, rief Sancho und zeigte zur Einfahrt.

Ramiro drehte sich um. Es war der blaue Reisebus, hinter dem er vorhin eine halbe Ewigkeit hergeschlichen war. Plötzlich durchpulste ihn eine Welle von Energie, und in seiner Brust wurde es warm. Eine Sekunde lang schien seine Umgebung in helleres Licht getaucht, dann war der ganze Spuk vorbei.

Ramiro stutzte. Wie lange schon hatte er so etwas nicht mehr erlebt! Er kannte solche Empfindungen, sie traten auf, wenn sich Geschehnisse anbahnten, die großen Einfluss auf sein Leben haben sollten. Er hatte merkwürdigerweise eine ungewöhnliche Intuition geerbt, die sich oft in einer gesteigerten Wahrnehmung äußerte.

Doch von dieser Gabe, die in seiner Familie nichts Ungewöhnliches und auf die er früher so stolz gewesen war, wollte er eigentlich nicht mehr viel wissen. Sie hatte ihn nicht nur im wichtigsten Moment seines bisherigen Lebens im Stich gelassen, sondern ihm auch eine fast untilgbare Schuld aufgebürdet.

Die Erinnerung daran war so schmerzlich, dass er jetzt unwillkürlich in sich zusammensank. Dann jedoch straffte er sich. Was war denn heute mit ihm los? Und wieso hatte er das Gefühl, dass die Ankunft eines Reisebusses voller Rentner irgendein großartiges Ereignis darstellte? Irgendwie war er wohl nicht so gut in Form.

Ich sollte wohl besser noch schnell in der Lobby einen Kaffee trinken und dann zur Tagesordnung übergehen, dachte er.

Doch während er rasch nach draußen lief, um den Wagen zu seinem Privatparkplatz zu fahren, wuchs sein Unbehagen, und plötzlich hatte er das Gefühl, dass diese Saison mehr als nur eine große Herausforderung werden würde. Das aber hatte anscheinend nicht nur mit seinem Beruf zu tun.

Sie hatten den mit Palmen gesäumten Zufahrtsweg erreicht, und der Bus fuhr durch eine weitläufige Gartenanlage. Lilian konnte es nicht glauben. Hier also durfte sie nun zehn unbeschwerte Tage verbringen? Sie hatte erwartet, in einem der großen Paläste untergebracht zu werden, deren Abbildungen so oft die gängigen Prospekte zierten, und selbst das wäre ihr wie ein unerhörter Luxus vorgekommen. Schließlich hatte sie noch nie im Süden – ganz zu schweigen in einem Vier-Sterne-Hotel – Urlaub gemacht.

Doch das hier übertraf all ihre Erwartungen. In einen Park eingebettet, der sehr ursprünglich wirkte, lagen strahlend weiße und hübsch mit Ornamenten verzierte Häuserkomplexe. In einem schönen Springbrunnen auf einer Wiese plätscherte Wasser, und hinter einem Hain mit blühenden Mandelbäumen schimmerte das intensive Blau eines Swimmingpools. Alles erweckte den Eindruck, als hätte es nie einen Winter gegeben.

Instinktiv umfasste Lilian den feinen, silbernen Ring, den sie von ihrer Mutter bekommen hatte. Wenn du das sehen könntest! dachte sie. Schließlich war auch ihre Mum noch nie in den Genuss einer solchen Reise gekommen. Lilian war in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, und ihren Vater hatte sie nie kennengelernt. Ihre Mum hatte sie stets bleich und abgearbeitet in Erinnerung, als eine Frau ohne Träume und Ziele.

Doch Lilian war anders. Schon immer hatte sie ihrem engen Leben entkommen wollen, und mit viel Fleiß und Einsatz hätte sie es auch fast geschafft: Es war nur wenige Monate her, dass sie von einer einfachen Verkäuferin zur Verkaufsstellenleiterin in einem Shopping-Center befördert worden war, und es hatte so ausgesehen, als würde es noch besser kommen. Die Sterne waren zum Greifen nah gewesen, als sie George kennengelernt hatte …

Stopp! sagte sie sich entschlossen. Es hat doch keinen Sinn, die demütigende alte Geschichte immer wieder hervorzuholen. War es nicht besser, nach vorn zu schauen und die Zukunft einfach neu zu erfinden?

Nun endlich hielt der Bus in der Nähe eines größeren Gebäudes, dessen Dach vollständig mit Sonnenkollektoren bedeckt war. Lilian sah sich interessiert um. Offensichtlich machte man sich hier mehr Gedanken um die Umwelt als anderswo. Das beeindruckte sie ebenso wie die zauberhafte Atmosphäre.

Schließlich entdeckte sie noch etwas, das sie augenblicklich in den Bann zog. Aus dem Gebäude trat ein großer, dunkelhaariger Mann, dessen aufrechter Gang Stolz und Gelassenheit ausdrückte. Er war schlank und athletisch gebaut, was in dem legeren, hellen Anzug eindrucksvoll zur Geltung kam. Sein dunkler Teint verlieh seinen ebenmäßigen Gesichtszügen etwas Verwegenes und verriet gleichzeitig, dass er Südländer war.

Im nächsten Augenblick ertappte Lilian sich bei dem Wunsch, dass er zu ihr herüberschauen sollte, doch offensichtlich hatte es der Unbekannte ziemlich eilig, denn schon war er in das bereitstehende Cabriolet eingestiegen, setzte es zurück und fuhr los. Lilian war verblüfft. Hatte sie diesen weißen Wagen nicht vor Kurzem schon einmal gesehen?

In diesem Moment öffneten sich die Türen des Busses, und die ersten Mitreisenden verließen ihre Plätze.

Lilian jedoch brauchte noch einige Sekunden, um sich zu sammeln, denn der Anblick des attraktiven und bestimmt auch wohlhabenden Mannes hatte sie verwirrt. Fast war sie enttäuscht, dass er einfach so verschwunden war. Ihr Herzschlag hatte sich beschleunigt, doch im gleichen Atemzug ärgerte sie sich. Sollte nun jeder gut aussehende Mann, der ein schickes Auto fuhr, sie an ihre schlimmen Erlebnisse erinnern?

George war Vergangenheit, und er hatte es nicht verdient, dass sie noch so oft an ihn dachte. Ja, um Männer seines Schlages werde ich künftig einen großen Bogen machen! überlegte sie. Ich sollte besser aufhören, davon zu träumen, dass ein reicher Prinz erscheint und mich in eine aufregende Welt entführt. Wahrscheinlich hatten ihre Mutter und Sophie sogar recht, wenn sie sie stets von Neuem ermahnten: „Greif nicht nach den Sternen!“ oder: „Das Leben ist eben kein Märchen!“

Nachdenklich verließ sie den Bus, streckte sich und atmete tief ein. Die Luft war mild und durchdrungen von feinem Blütenduft. Wie herrlich! Dann betrat sie das Gebäude, wo sich ihre Mitreisenden bereits vor der Rezeption versammelt hatten.

Lilian jedoch ging zunächst zu der kleinen Bar, die sie in einer Ecke entdeckt hatte, um sich schnell mit einem Kaffee zu stärken. Denn auch wenn sie es nicht wollte, der Unbekannte in dem Cabriolet hatte dafür gesorgt, dass sie sich plötzlich ziemlich schwach fühlte.

Ramiro betrat die Lobby, lächelte in die Runde und gab Sancho ein Zeichen, dass er noch kurz an die Bar gehen wolle. Der Mexikaner folgte ihm.

„Also, was wirst du ihnen Schönes erzählen?“, fragte der Angestellte, der genau wusste, dass Ramiro die Begrüßung der Gäste schnell hinter sich bringen wollte.

„Warum übernimmst du das heute nicht mal?“, entgegnete Ramiro.

„Oh nein, nein“, wehrte Sancho ab. „Du weißt, es ist Teil des Konzepts, dass der Chef persönlich die Reisegruppen willkommen heißt. Das sind dir deine Gäste doch wert, oder nicht?“

Ramiro trank einen Schluck des bereitstehenden Kaffees und antwortete nicht. Sancho hatte ja recht. Er hatte das Management der beiden Resorts von seinem Vater übernommen, und er sollte dessen Tradition konsequent fortführen. Es war wohl besser, das Thema mit einem Schuss Selbstironie zu beenden.

„Trotzdem wäre es mir manchmal lieber, eine Reisegruppe schöner junger Frauen begrüßen zu dürfen als eine Ansammlung grauhaariger Senioren.“

Lilian hielt den Atem an. Eben noch hatte sie andächtig die luftige Lobby bewundert, ein architektonisches Kunstwerk aus Glas und Stein, in der die exotischsten Pflanzen ihren Platz hatten und sogar Vogelgezwitscher zu hören war, doch nun lauschte sie gefangen der tiefen, angenehmen Stimme dicht neben ihr.

Sie stand im Schutz einer buschigen Zwergpalme an der Bar und verfolgte interessiert das Gespräch zweier Männer, das einige Meter entfernt von ihr stattfand. Den Worten der beiden konnte sie entnehmen, dass sie über die Ankunft der Reisegruppe aus London nicht gerade erfreut waren.

Neugierig beugte sie sich ein Stück vor und hätte sich am liebsten sofort wieder zurückgezogen, wenn der überraschte Blick des einen Mannes sie nicht auf der Stelle festgenagelt hätte. Er war es! Und er hatte sie bemerkt. Der attraktive Typ von vorhin! Einen Moment stand sie wie erstarrt. Was hatte er in der Ferienanlage zu suchen? Und warum sah er sie so durchdringend an?

Ramiro war einen Augenblick irritiert. Da hatte er also, ohne es zu ahnen, eine Zuhörerin gehabt. Wie unachtsam von ihm, in aller Öffentlichkeit über interne Dinge zu sprechen! Aber vielleicht hatte sie das Ganze ja gar nicht mitbekommen.

Nun, da sie ihn mit ihren ungewöhnlich großen Augen so offen ansah, konnte er sie nicht länger ignorieren. Bestimmt war sie ein Gast, der gerade erst angekommen war, denn sonst wäre sie ihm sicher schon aufgefallen. Was für volle, sinnliche Lippen sie hatte! Jetzt deutete sie ein Lächeln an, und es wäre wohl mehr als unhöflich gewesen, sich einfach abzuwenden. Schließlich gehörte die Konversation mit Gästen zu seinem Job, und außerdem war sie ausgesprochen hübsch. Mit den rotblonden Locken und der hellen Haut konnte sie gut eine Engländerin sein.

Lilian erschauerte leicht, als der Fremde plötzlich so dicht neben ihr auftauchte. Sie wusste überhaupt nicht, wie ihr geschah, als er sie – als wäre es das Normalste der Welt – fragte: „Sind Sie ein Gast unseres Hauses? Darf ich fragen, woher Sie kommen?“

Schnell fasste sie sich. „Aus London“, antwortete sie auf Spanisch.“ Nun, da er so nah vor ihr stand, beeindruckte er sie noch mehr. Das Faszinierendste an ihm waren seine Augen. Obwohl sie schwarz wirkten wie die Nacht, schienen sie von innen heraus zu leuchten. Ob er hier auf der Insel lebte?

„Sie sprechen aber vorzüglich Spanisch“, stellte er freundlich fest. „Ich bin übrigens Ramiro Cantellano, der Manager des Hauses.“ Er streckte ihr seine Hand entgegen, die sich warm und kräftig anfühlte.

„Oh!“ Mehr wusste Lilian zunächst nicht zu erwidern. Dieser Ramiro war also kein Gast, sondern möglicherweise der Chef des Ganzen! Und er hatte, wie sie eben gehört hatte, keine große Lust, ihre Reisegruppe zu begrüßen.

„Lilith … Lilith … Carpenter“, erwiderte sie zu ihrer Überraschung. Erst jetzt entzog sie ihm ihre Hand, denn er sah sie so forschend an, als spürte er, dass sie nicht die Wahrheit sagte. Warum hatte sie das überhaupt getan? War sie verrückt geworden?

Lilith Carpenter war doch das kleine Mädchen, in das sie sich früher in ihrer kindlichen Fantasie verwandelt hatte! Es war ein Mädchen, dem es besser erging als der kleinen, einsamen Lilian Connelly, ein Mädchen, das fürsorgliche Eltern hatte, eins, das in einem hübschen Haus mit Garten wohnte und im Sommer in die Ferien fuhr und mit dem sie nächtelang Zwiegespräche geführt hatte.

„Sind Sie etwa eben mit dem Bus gekommen?“, fragte Ramiro weiter.

„Nein“, erwiderte Lilian da einfach, „nein. Ich bin heute allein angereist … sozusagen zu Studienzwecken.“

Ramiro betrachte sie nun leicht amüsiert. „Was wollen Sie denn hier erforschen? Die Menschen auf der Insel?“

Lilian überlief es heiß. War das ein Verhör? Doch sollte es eins sein, so war es keineswegs unangenehm. Nur sehr verwirrend, denn sie sagte Dinge, die überhaupt nicht stimmten! Nun aber hatte sie damit angefangen und musste es zu Ende bringen.

„Ich studiere Sprachen“, erklärte sie, was schließlich nicht ganz an den Haaren herbeigezogen war. „Vor allem Spanisch, aber auch Italienisch.“

Ramiro konnte nicht anders, als immer wieder auf den sinnlichen Mund der Engländerin zu schauen. Sie hatte feine Gesichtszüge, zart wie eine Blüte.

„Deswegen sprechen Sie unsere Sprache so gut!“, stellte er anerkennend fest.

Sie lachte auf, und es klang silberhell und unbeschwert. „Obwohl wir erst ein paar Sätze gewechselt haben, haben Sie mich schon zweimal gelobt.“

„Dann haben Sie das wohl verdient.“

Der Small Talk mit der rotblonden Schönheit bereitete ihm ein unerklärliches Vergnügen. Doch ein tiefes Räuspern neben ihm machte Ramiro klar, dass jetzt dafür nicht der richtige Zeitpunkt war. Sancho war neben ihn getreten und sah ihn mahnend an.

„Ramiro, ich glaube, es wird Zeit für die Begrüßung“, sagte er und deutete auf die in der Lobby versammelte Gruppe.

„Natürlich“, sagte Ramiro, der über den kleinen Flirt fast seine Pflichten vergessen hatte. „Lilith …“, begann er noch einmal, doch Sancho nahm ihn schnell beim Arm.

„Lily“, verbesserte Lilian ihn hastig, als sie merkte, dass Ramiro gehen wollte. „Sagen Sie doch Lily zu mir.“ Denn sie hatte das Gefühl, ihre kleine Lüge bezüglich ihrer Person wieder korrigieren zu müssen.

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