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Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten Nordamerikas

Friedrich Gerstäcker

Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten Nordamerikas





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

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1837, mit Anfang 20, reist Gerstäcker das erste Mal nach Amerika und führt bis 1843 das abenteuerliche Leben eines Jägers im Urwald. Aus seinen Tagebuchaufzeichnungen, die er seiner Mutter nach Deutschland schickte, entsteht 1844 dieses Buch.

In neuer deutscher Rechtschreibung und Korrektur gelesen.

1. Kapitel: Die Seereise

»Um neun Uhr geht der Kahn ab. Gewiss?«

»Ja, kommen Sie ja nicht später!«

Das war die Warnung, die ich empfing, als ich im Frühjahr 1837 mit dem Ewerführer sprach, der mich und mein Gepäck nach dem Schiffe »Konstitution« bringen sollte. Die »Konstitution« war nach New York bestimmt und lag auf der Reede vor Bremerhaven, ungefähr neun Meilen von Bremen, wo sie nur noch auf die beiden Lichter, oder, wie sie in Bremen genannt werden, Kähne wartete, um ihre Deckpassagiere und deren Güter einzunehmen.

Um neun Uhr war ich an Ort und Stelle, fand aber bald, dass ich mich nicht so hätte zu übereilen brauchen, denn noch wurde keine Anstalt zum Abfahren gemacht. Ich nahm mir daher Zeit, alle meine kleinen Habseligkeiten durchzusehen, um mich zu überzeugen, ob auch alles Notwendige da sei, wo nicht, das Fehlende noch nachzuholen.

In eine große Kiste, aber so, dass ich sie leicht öffnen und schließen konnte, hatte ich roten Wein in Flaschen, ein Fässchen Sardellen, ein Fässchen Heringe, einen westfälischen Schinken – o, dass es sechs gewesen wären! –, eine bedeutende Menge Zitronen, etwas Rum, Pfeffer, Zucker und mehrere zinnerne Gefäße, teils zum Tischgebrauch, teils zum Aufbewahren von essbaren Gegenständen bestimmt, sowie Löffel, Gabel und Messer eingepackt.

Ich fand alles, schlenderte noch recht behaglich an der Weser umher, den Abgang des Kahnes nicht zu verfehlen, und wunderte mich sehr über die immer zahlreicher ankommenden Reisegefährten.

Als ich aber die Unmasse von Menschen sah, die alle in dem erbärmlich kleinen Fahrzeuge transportiert werden sollten, schien es mir im Anfange ganz unmöglich, dass es die Leute sämtlich aufnehmen könne – doch was leistet nicht ein Bremer Kahnführer in dieser Hinsicht!

Als ich so, an eine Kiste gelehnt, dastand und dem allen zusah, kam plötzlich ein junger Mann mit einem blauen Mantel, einer etwas militärischen Mütze und einer Brille, eine lange Pfeife in der einen Hand, einen Tornister in der andern, auf mich zu, betrachtete mich einen Augenblick und begrüßte mich dann mit dem vertraulichen Du.

Sein Gesicht war mir bekannt, doch erst, als er sich nannte, erinnerte ich mich seiner. Es war H., ein früherer Schulkamerad von mir, der mit mir auf demselben Schiffe die Reise nach dem Orte meiner Sehnsucht machen wollte.

Sein Anblick brachte zum ersten Mal, seit ich von allem, was mir lieb und teuer war, Abschied genommen hatte, ein Gefühl in meine Brust zurück, als ob ich doch noch nicht so ganz verlassen in der weiten Welt sei. Ich begrüßte ihn auf das Herzlichste, und dass wir beide von nun an unzertrennlich waren, versteht sich wohl von selbst.

Wir wanderten jetzt noch eine Weile in der Stadt umher und erfuhren, als wir zum Kahne zurückkehrten, mit Bestimmtheit, dass er erst am Morgen des nächsten Tages abgehen würde.

Die meisten der Passagiere gingen den Abend noch einmal an Land zurück, ich blieb mit H. an Bord bei unseren Sachen, und am nächsten Morgen, am ersten Pfingstfeiertage, lichteten wir den Anker, das heißt banden den Kahn vom Ufer los und gingen mit der Ebbe und einem nicht besonders guten Winde unter Segel, sobald wie möglich unser Schiff zu erreichen.

Aber nur der, welcher eine solche Reise, auf einem solchen Fahrzeuge, mit einer solchen Anzahl von Passagieren gemacht hat, kann sich das Leben und Treiben vorstellen, das wir an Bord unseres Kahnes führten.

Nötig möchte es hier sein, eine kurze Beschreibung desselben zu geben, da diese Kähne noch immer gebräuchlich sind und wohl noch Tausende von Auswanderern in solchen Trauerbüchsen aus der Heimat fortgeschafft werden.

Es sind einmastige Fahrzeuge mit einem großen Schonersegel, das am Hauptmast durch große hölzerne Ringe befestigt ist, und ein lateinisches, ebenso eingerichtetes Segel am Bugspriet trägt. Die ganze Länge des Fahrzeugs beträgt ungefähr fünfzehn Schritt, seine Breite vielleicht fünf bis sechs Schritt; im Hinterteil ist es mit einer Art Kajüte versehen, wenn man überhaupt ein kleines viereckiges Loch mit zwei Schlafstellen an der einen Seite und einem kleinen Schranke an der andern, etwa sechs Fuß ins Gevierte, so nennen darf.

Man denke sich nun in diesem Kahne – die Kajüte stand bloß zur Verfügung des Kahnführers oder Kapitäns, wie er sich gern nennen hörte – sechzig Passagiere, sage sechzig lebendige Passagiere, mit ihren Koffern, Kisten, Hutschachteln, Tüchern voll Proviant, Mänteln, Decken, Matratzen usw. sitzend, gelagert, stehend, und zwar nicht allein junge Männer, nein, alte und junge Frauen, Greise und Knaben, junge hübsche Mädchen und alte Jungfern, alles wild und bunt durcheinandergeworfen, in dem engen, dunkeln, dunstigen Räume, und man hat immer nur ein schwaches Bild von dem, was die Wirklichkeit bot.

Als sich alles gelagert und weggepackt hatte und ich fest überzeugt war, dass es nicht möglich gewesen wäre, auch nur noch einen einzigen Menschen unterzubringen, wir hätten ihn denn unter das Deck gehangen, kamen noch ein Paar Beine durch die Luken, ihnen folgte eine blaue Jacke und dann das dicke, rote Gesicht unseres fidelen Kapitäns.

Nachdem er eine Weile mit den Füßen nach einem harten Punkte zum Feststehen gefühlt hatte, ließ er die Hände los und landete glücklich auf den Hühneraugen eines langen Schneiders, der sich zwischen zwei Kisten hineingeklemmt hatte und dort stehend eingeschlafen war. Dieser zog die langen Beine vor Schmerz in die Höhe, war aber so verdutzt – der arme Teufel war noch halb im Schlafe, dass er den guten Kapitän oder Teerjack, wie wir ihn nannten, höflich um Verzeihung bat.

Was aber wollte um Gottes willen der gute Mensch da unten? Nichts, als die hübschen Mädchen, die wir unter unseren Passagieren zählten, in Augenschein nehmen. Deshalb stieg und kletterte er sehr freundlich von einer zur andern und versuchte sein Bestes, sich angenehm zu machen.

Wind und Wetter aber, Ort und Zeit, alles war gegen ihn, und er bekam nur schnöde Worte von dem einen und ein Hohnlächeln vom andern Teil der Passagiere zum Lohne.

Als er sah, dass das schöne Geschlecht nichts von ihm wissen wollte, machte er sich an das andere und fing an mit verschiedenen Schnapsflaschen zu liebäugeln. Diese zeigten sich ihm denn auch bedeutend günstiger als die jungen Damen, denn hier und da wurde eine derselben von unserem Kahnführer entstöpselt und genau untersucht.

Als es zu dunkeln anfing, mussten wir Anker werfen, denn wir hatten die aufkommende Flut jetzt gegen uns. Der kleine Anker flog über Bord, die Segel fielen nieder, und für die Nacht wenigstens waren wir in Ruhestand versetzt.

Ruhestand, ja; ich saß die ganze Nacht hindurch auf der Ecke eines Koffers mit dem Kopfe an eine große Kiste lehnend, mit deren Vorhängeschloss ich mir die Schläfe wundscheuerte.

Welch ein Anblick am nächsten Morgen, als die aufgehende Sonne die schlafenden und schlaftrunkenen Gruppen des engen Zwischendecks beleuchtete! Es war wirklich, um seekrank zu werden, trotz des ruhigen Wassers.

Das Wetter besserte sich übrigens, und unser Kahn zog langsam den Strom hinunter. Es mochte acht Uhr sein, als uns ein kleines Fischerboot, ein Schellfischfänger, begegnete. Ich kaufte für wenige Grote einige herrliche Schellfische, die uns unser Kapitano von seinem dienstbaren Geiste zum Feuer setzen ließ. Natürlich aß er, als sie zubereitet waren, auch mit.

Mit eintretender Flut ankerten wir von Neuem, und H. und ich fuhren mit dem einzigen Matrosen, den wir hatten, an Land, wieder einige Lebensmittel einzunehmen.

Unsere Wasserfahrt drohte etwas langwierig zu werden. Nachmittags lichteten wir mit der Ebbe den Anker und kamen bis an ein kleines Städtchen, ich glaube, es heißt Brake, von wo uns fröhliche Tanzmusik entgegenschallte.

Unser Teerjack wäre aber da nicht vorbeigefahren, und wenn die ganze Bremer Admiralität daneben Schildwacht gestanden hätte. Trotz des günstigen Windes und der Ebbe wurde geankert, und der kleine Handkahn, den er, hinten angebunden, immer mit sich führt, brachte wenigstens den jüngeren Teil der Passagiere, einige ganz junge Schreihälse ausgenommen, ans Ufer.

Dort drehten sich viele Stunden lang, vielleicht zum letzten Mal, die jungen Leute auf vaterländischem Boden lustig nach dem Takt der Violinen und Klarinette.

Mir aber war freilich nicht wie Tanzen zumute, und in eine Ecke gedrückt, sah ich dem wilden Schwarme der Ausgelassenen zu.

Mancher von ihnen hätte sich auch vielleicht lieber in irgendeinem stillen Winkel recht herzlich ausgeweint, als hier die Beine im Takt herumzuwerfen, aber die Musik betäubte, was ihnen im Herzen brannte, und einmal in den Strudel hineingerissen, gaben sie sich ihm nun so viel williger hin.

Die einbrechende Nacht rüttelte da endlich das sonst eben nicht sehr zarte Kahnführergewissen unseres »Kapitäns« empor. Der Wind war zur Ausfahrt günstig, und er wusste, dass das Schiff auf der Reede seiner wartete. Er trommelte daher seine Ladung zusammen, und bald ließen wir die sich in der Ferne recht gut ausnehmenden Klänge der Tanzmusik weit zurück.

Einen Spaß hatten wir übrigens, wenn auch auf Unkosten anderer, der uns die Zeit wenigstens etwas verkürzte. In Vegesack, einem kleinen Städtchen an der Weser, hatten wir noch drei Passagiere eingenommen, die ebenfalls mit unserem Schiffe fahren wollten, einen älteren Mann, vielleicht 45 bis 50, seine Ehehälfte, vielleicht 38 bis 39, und ihren hoffnungsvollen Sohn, ungefähr 18 Jahre alt.

Da in dem Zwischendeck unseres Kahnes aber keine drei Personen mehr untergebracht werden konnten, so hatte ihnen Teerjack, natürlich gegen eine verhältnismäßige Vergütung, seine »Kajüte« abgetreten.

Mit nicht geringer Schwierigkeit war es dabei gelungen, die beiden alten, etwas unbeholfenen Leute hinunter zu schaffen, während Wilhelm, der hoffnungsvolle Sohn, mit desto größerer Schnelle unten anlangte.

Als er sich nämlich überzeugen wollte, ob seine Eltern glücklich unten wären, rutschten ihm die Füße aus, und wie ein Blitz aus heiterem Himmel fuhr er zwischen den zum Tode Erschrockenen nieder, im Vorbeigehen noch seiner Mutter, die bald in Ohnmacht gefallen wäre, den Hut abreißend.

Als es schon fast Abend geworden war, fiel es unserem Führer noch ein, dass er Teer brauche. Derselbe stand in eben dieser Kajüte, und zwar unter dem Fußboden, in den ein viereckiges Loch mit hineingepasstem Deckel eingeschnitten war.

Der Matrose, der, beiläufig gesagt, in Brake zu viel geladen und dabei die Grundregel bei dem Befrachten eines Schiffes vergessen hatte, die schwersten Sachen nie in den oberen Raum zu stauen, taumelte in die enge Öffnung hinein und machte dem Kleeblatt da unten begreiflich, dass er das viereckige Loch in der Mitte aufmachen müsse und sie sich daher, so gut es ginge, an die Wand drücken möchten.

Gesagt, getan. Die Aufforderung, sich an die Wand zu drücken, war übrigens leichter ausgesprochen, als in Ausführung gebracht, da schmale Bänke an den niederen Wänden hinliefen.

Der Verschlag wurde jedoch geöffnet, der eiserne Topf hervorgezogen und mit dem einen scharfen Fuße gerade auf Wilhelms Zehe niedergesetzt, der den Fuß zurückzog und die Ferse hinten gegen die Wand schlug.

Aber sein Leidenskelch war noch nicht vorüber. Mit himmlischer Geduld erwartete er den Abzug des Matrosen, der den Topf mit beiden Händen in die Höhe hob, ihn dem obenstehenden, schon die Hände danach ausstreckenden Kahnführer zuzureichen.

So glücklich sollte die Sache aber nicht abgehen; der ziemlich schwere Topf mit dem flüssigen Teer drehte sich in des Taumelnden Hand, Wilhelm bekam den Teer und der Kapitän den Topf, und während dieser oben wie ein Heide oder, viel besser, wie ein christlicher Seemann wetterte und fluchte, stand Wilhelm unten wie Butter an der Sonne, mochte sich nicht einmal anfassen und schnitt ein höchst unglückseliges Gesicht.

Auch noch Spott musste er dabei erdulden, denn ein langer Schneider, der mit an Bord war, meinte unter dem Hohnlachen der gefühllosen Mitpassagiere, dass Wilhelm eine sehr glückliche Reise haben müsse, wenn nur irgend Wahrheit in dem alten Sprichwort läge: »Wer gut schmeert, der gut fährt.«

Noch eine ganze Nacht mussten wir in dem erschrecklichen Kasten zubringen, und es würde Bogen füllen, alle die komischen und ernsthaften Geschichten zu erzählen, die da vorfielen. So etwas aber muss wirklich miterlebt sein, es lässt sich nicht mit Worten beschreiben und würde zuletzt gar ermüden.

Am nächsten Morgen sahen wir das erste Ziel unserer Bestimmung, die Barke »Konstitution« mit aufgehisster Signalflagge vor Anker liegen. Wir liefen an sie hinan, warfen unsere Taue hinüber und sprangen an Bord.

Es ist unmöglich, auch nur eine Idee der Unordnung und Verwirrung wiederzugeben, die bei unserer Ankunft an Bord entstand. Einer der Kähne war schon vor zwei Tagen mit der Hälfte der Passagiere angelangt.

Diese hatten den dadurch erlangten Vorteil benutzt, sich die besten Kojen oder Schlafstellen auszusuchen und alle ihre Sachen in Ordnung zu bringen, was in dem engen Raume gewiss keine Kleinigkeit war.

Man denke sich einen von Balken und Brettern begrenzten Raum, achtzehn Schritt lang, neun Schritt breit und acht Fuß hoch, in der Mitte mit hölzernen Balken versehen, die das Verdeck stützen und zugleich dazu dienen, das Gepäck zu halten.

In diesem Raume nun denke man sich ferner an jeder Seite eine doppelte Reihe von Schlafstellen, das heißt eine über der andern, jede ungefähr sechs Fuß lang und sechs Fuß breit, für fünf Mann eine jede eingerichtet, oder vielmehr nicht eingerichtet.

Rechnet man also von einer Breite von neun Schritt oder achtzehn Fuß die an beiden Seiten befindlichen Schlafstellen, jede zu sechs Fuß, ab, so bleiben sechs Fuß Zwischenraum.

Da in diesem Raume nun wieder die Kisten und Kästen mit Wäsche und Lebensmitteln von allen Passagieren aufgehäuft und mit Seilen und Stricken an die Balken in der Mitte befestigt waren, um das Umherrutschen derselben bei unruhigem Wetter zu verhindern, so blieb kein größerer Raum übrig als zwölf bis vierzehn Zoll an jeder Seite in einer Länge von sechsunddreißig Fuß für 118, sage einhundertachtzehn Passagiere!

Als ich den düstern, dunstigen Raum, die dann herumkriechenden und kletternden Gestalten zuerst vom Deck aus mit einer leicht verzeihlichen Scheu betrachtete, kamen mir so sonderbare Ahnungen von dem Wälzen und Schaukeln des Schiffes, von dem Losgehen der Seile, welche die Kisten und Koffer hielten, von dem Umherfliegen des Gepäcks, von Seekrankheit und Erbrechen, auf das die in einer wahren Unzahl vorhandenen zinnernen Geschirre noch dazu gar wehmütig zu deuten schienen, vor die Seele, dass ich mich im Anfang gar nicht hinabgetraute.

Ich musste auch wirklich nur nach und nach lernen, in dem furchtbar dunstigen Raum auszuhalten; doch der Mensch ist ein Gewohnheitstier und findet sich nach und nach in alle Verhältnisse.

Die »Konstitution« war eine Barke, das heißt ein dreimastiges Schiff, nur mit dem Unterschiede, dass die Querrahen am hintersten oder Besanmaste fehlten und dieser ein großes Besansegel und Besantopsegel hatte; die Seeleute nennen solche Fahrzeuge Zweieinhalb-Master.

Fast war das Verdeck ziemlich geräumig, wenn es durch das viele Gepäck auch noch wild und unordentlich genug aussah. Obgleich wir nun noch vor Anker lagen, schwankte das Schiff doch ziemlich stark, wie es mir wenigstens im Anfange vorkam, da ich das Schaukeln noch nicht recht gewohnt war.

Endlich wurde es dunkel, und ich kroch in das Zwischendeck hinunter, mir noch vor einbrechender Finsternis meinen Schlafplatz ein wenig zu beschauen.

Wir waren unserer fünf, die das Schicksal und unser eigener Wille vermocht hatte, in einen sechs Fuß breiten und sechs Fuß langen Raum hineinzukriechen, und zwar mit der kühnen Idee, dort dem Schlummergotte zusammen in die Arme zu sinken.

Einzeln hätte er uns, beiläufig gesagt, auch gar nicht in die Arme nehmen können; denn wir lagen so dicht beisammen, dass er entweder nur alle fünf in Bausch und Bogen oder gar keinen in Schlaf wiegen konnte.

Unsere Matratzen – jeder hatte eine Matratze und eine Decke – wurden unten hineingelegt, und wir krochen, einer neben den andern, darauf.

Als vier darin lagen – zwei von unseren Schlafkameraden wogen je 230 Pfund, – war der Raum ausgefüllt, und nun entstand die Frage: »Wohin soll der fünfte?« Quer über? Dagegen protestierte die Unterlage. Unter die Köpfe? Das wäre für H., den fünften Mann, nicht sehr angenehm gewesen, und dann war dieser auch so eckig und knochig, dass ich nicht weiß, ob sich unsere Schädel gut dabei befunden hätten.

Wir legten uns endlich sämtlich auf die Seite, und H. schob sich noch ein. Er passte gerade in die Lücke; an ein Umdrehen war aber nun nicht mehr zu denken, und so verbrachten wir die erste Nacht auf dem so lang ersehnten Schiffe.

Als ich wenigstens auf der linken Seite, denn die rechte war und blieb fest eingeschlafen, am nächsten Morgen aufwachte, schienen mir alle Glieder wie zerschlagen und zerstoßen. Es fehlte nicht viel, so hätte ich das Heimweh bekommen.

Ein Eimer voll Weserwasser, das hier schon halb salzig ist, diente mir an dem Morgen, wie später auf der ganzen Reise, zum Waschbecken.

Der Wind pfiff recht kalt und unfreundlich durch das Tauwerk, und die ganze Sache wollte mir eigentlich gar nicht so besonders gefallen. Das war der Anfang der Prosa, wo ich mir gleich vom Anfang an nur Poesie geträumt hatte.

Ich schämte mich übrigens, irgendeinem andern ein Wort davon zu sagen, wenn mir auch später eingefallen ist, dass den anderen vielleicht an dem Morgen ebenso zumute war, und verbiss meine Gedanken mit einem so viel wie möglich gleichgültigen Gesicht.

Jetzt fing es auch unten an lebendig zu werden, und als ich durch die enge Öffnung in das Zwischendeck hinunterschaute, fiel mir Schillers Taucher recht lebhaft ein, »wie's von Salamandern und Molchen und Drachen sich regt in dem furchtbaren Höllenrachen«. Lachen, Singen, Toben, Kinderschreien, Weinen, Beten, Fluchen – alles, alles tönte von da unten herauf, und bald kletterte ein verschlafenes Gesicht nach dem andern die steile Leiter herauf und blinzelte mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen der hier und da durch dünne, graue Wolken blinkenden Morgensonne entgegen.

Als das eine Stunde gedauert hatte, in der die Leute oben versuchten, sich den Schlaf aus den Augen zu waschen, rief plötzlich eine kräftige Stimme im Vorderteil des Schiffes: »Schaffen!« – und gleich darauf kam Leben in den Teil unserer Schiffsmannschaft, welcher schon einige Tage an Bord war und das geheimnisvolle Wort verstand.

Aber auch uns sollte es bald erklärt werden, denn es erwies sich als eins der wichtigsten Worte für die ganze Reise, es hieß nämlich »Frühstück, Mittagessen, Abendbrot«, gewissermaßen eine Schiffshieroglyphe. Wir bekamen Kaffee, Schiffszwieback und Schwarzbrot, alles ziemlich gut; jeder musste aber mit seinem Kaffeetopfe oder Kessel, oder was er sonst hatte, hingehen und es sich selber holen.

Jetzt hatte ich erst Zeit, mir meine Reisegefährten ein wenig genauer zu betrachten. Außer H. waren es ein Tischler Mlhr., ein Doktor Tsmr. und ein Apotheker Bgl., die beiden Letzten ein paar kolossale Gestalten, die füglich eine Koje für sich allein hätten haben sollen.

Alles übrigens, was sich von den Leuten nach dem ersten Eindruck beurteilen ließ, schien mir angenehme Gesellschaft zu versprechen.

Die Unordnung, die jetzt noch auf dem Schiffe herrschte, war wirklich grenzenlos; keiner wusste, wo er hingehörte, und ein jeder fragte nach seinen Sachen, nach dem und dem Koffer, nach der und der Kiste.

Die Frauen und Mädchen insbesondere, und wir zählten deren ungefähr 20 bis 25 an Bord, schienen zu gar keinem Ergebnis zu kommen, und wenigstens sprachen immer acht auf einmal.

Leid taten mir in dem Gewirr und Lärm einige Damen, die, wahrscheinlich durch Vermögensumstände gezwungen, die billigere Überfahrt im Zwischendeck der sehr teuren in der Kajüte vorgezogen hatten und nun, alle die kleinen Bequemlichkeiten, an die sie von Kindheit auf gewöhnt waren, entbehrend, sich höchst unglücklich zu fühlen schienen.

Für einen einzelnen Mann geht es schon, sich im Deck durchzuschlagen, ja es ist sogar höchst interessant, all dies Leben und Treiben einmal mitzumachen. Ich selber möchte um alles in der Welt nicht in der Kajüte gereist sein; für eine Frau jedoch ist das eine ganz andere Sache, denn was dem Manne zum Spaß und zur Unterhaltung dient, kann die Frau oft verletzen und zurückschrecken.

Nicht so ängstlich dachten übrigens einige Oldenburger Mädchen über das Leben im Zwischendeck. Diese schienen ganz in ihrem Fahrwasser zu sein, und je toller, je wilder, je lärmender es zuging, desto mehr lachten und tobten sie selber mit.

Auch Israels Stamm hatte einige sechzig Repräsentanten und Repräsentantinnen im Zwischendeck der »Konstitution«.

Schon ein paar Tage hatte dies wilde Leben so gedauert, als endlich der Lotse an Bord kam und die Anker gelichtet wurden.

Jetzt ward Leben im Schiffe, alles drängte froh und jubelnd durcheinander, niemand wollte unten im Raume bleiben, und das Verdeck wimmelte.

Mit ziemlich gutem Winde segelten wir aus und erreichten in kurzer Zeit die Nordsee. Der Landstreifen, den wir noch sahen, wurde schmäler und schmäler, der Lotse stieg in seinen kleinen Kutter und verließ uns.

Auch dies Fahrzeug wurde kleiner und kleiner. Jetzt schaute nur noch ein dünner, blauer Streifen mit einem schwarzen Punkte darauf hervor: Es war der Kirchturm von Wangeroog, und auch dieser wurde endlich immer unbestimmter.

Dort schwand die Heimat – das verlassene Vaterland. In der blauen Ferne, dort hinter jenen dünnen Wolken, die sich auf dem Wasser lagerten, lebte alles, was mir auf dieser Welt lieb und teuer war, alles – und ich hatte nicht einmal eine Träne, als das Letzte vom heimischen Strande im Nebel zerfloss. Es war, als ob der Quell versiegt sei, und mit trockenen Augen starrte ich noch lange, lange nach der teuern Himmelsgegend.

Es dunkelte, und ich ging früh zu Bett. Ich sehnte mich heute danach, ruhig und ungestört meinen Gedanken nachhängen zu können. Auch im übrigen Zwischendeck war es heut weit stiller als die früheren Tage. Der Abschied von der Heimat mochte doch auch manchem ans Herz gerückt sein, und die weite, öde Wasserwüste, die uns umgab, hatte überhaupt etwas Bewältigendes, geheimnisvoll Großartiges, das den leichten Scherz und Spott eben nicht aufkommen ließ.

Das Schiff fing jetzt an, von günstigem Winde geschaukelt, ziemlich unruhig zu gehen, und ein unerträgliches Gefühl weckte mich in der Nacht. Ich erwachte und fühlte, dass ich mit dem Kopf viel niedriger als mit den Füßen lag. Wir lagen nämlich auf der Steuerbordseite des Schiffes, mit dem Kopfe, der frischeren Luft wegen, dem offenen Gangwege zu; der Wind aber kam jetzt aus Nordost, und das Schiff lag ziemlich schräg auf die Backbord- oder linke Seite hinüber, wodurch unsere Beine natürlich in die Höhe kamen.

Unter Lachen und Fluchen und nicht ohne bedeutende Schwierigkeiten veränderten wir unsere Lage und befanden uns dann etwas behaglicher – wenn man das eben behaglich nennen kann, dass wir jetzt mit den Köpfen in dem engen, dunstigen Raum an der Schiffswand lagen und kaum atmen konnten.

Die nächste Morgensonne beschien manches leichenblasse, ellenlange Gesicht. Die See ging hoch, das Schiff schwankte und schaukelte furchtbar und hatte die unangenehmste Bewegung, die es haben kann, indem es von den Wellen vorn hoch emporgehoben wurde und dann wieder tief in sie hineinschlug, und zwar so reißend schnell, dass einem der Atem bei manchen Sprüngen verging.

Diese Bewegung blieb nicht ohne Folgen. Der Magen der meisten unserer lieben Unglücksgefährten, zwar an eine anständige Bewegung, aber keineswegs an dieses Herumwerfen und Auf- und Abschütteln gewöhnt, revoltierte, und fürchterlich war das Ergebnis.

Wie ich schon erwähnt habe, hatten wir eine sehr große Menge Juden, mit wenigen Ausnahmen aus der niedrigsten Klasse, an Bord. Diesen Leuten war nun von ihrem Rabbiner das Speckessen während der Reise erlaubt, wie sie behaupteten, und den meisten hatte der schöne, süße Speck, den wir bekamen, so gut gemundet, dass sie sich die Magen, wenn nicht überladen, doch wenigstens vollgefüllt hatten.

Die Strafe folgte auf dem Fuße; da war kein Winkel auf dem ganzen Schiffe, in dem nicht ein Seekranker mit seinem zinnernen Eimerchen saß oder sich verzweifelnd über Bord lehnte und kläglich der See sein Opfer brachte.

Glücklicherweise blieb ich selber, mit H. und dem Doktor, vollkommen von der Seekrankheit frei und gewöhnte mich auch sogar bald daran, das Elend um mich her ruhig und ungerührt mit ansehen zu können.

Auf Mitleid darf überhaupt kein Seekranker Anspruch machen; man weiß, dass die Krankheit nicht lebensgefährlich ist und bald wieder vorübergeht, und eher gewinnt bei den Gesunden eine gewisse Schadenfreude die Oberhand.

Angenehm war die Lage der Gesunden an Bord übrigens auch nicht, wenn auch immer noch beneidenswert gegenüber der Kranken. Der Regen kam nämlich in Strömen nieder, und so fatal die Nässe sein mochte, war es doch in dem untern Raume mit all den Kranken gar nicht auszuhalten.

Ein paar Tage vergingen so in wirklich trauriger Art, und nur der rege Wellentanz draußen in See entschädigte mich etwas für das verzweifelte Leben an Bord. Die See fing auch nach und nach an sich wieder etwas zu beruhigen, und am Sonntagnachmittag fanden sich zuerst wieder einige Gruppen hier und da zusammen. Die Leute fühlten, dass sie verzweifeln müssten, wenn sie nicht gesellig würden, dennoch störte ein plötzlicher Ausbruch der Seekrankheit gar oft ganz fröhlich begonnene Unterhaltungen.

Die Herzhafteren wagten nun auch schon, wieder ein wenig aufs Verdeck zu gehen, mussten aber manchmal ihre Kühnheit teuer büßen, wenn eine etwas außergewöhnlich große Welle, vom Schiff gebrochen, über das Deck fegte und alle in ihrem Bereich Befindlichen bis auf die Haut durchnässte.

Gegen Abend heiterte es sich etwas auf, und ich mischte mich vorn unter die Matrosen, ihren Erzählungen, Liedern und See-Anekdoten lauschend.

Den nächsten Tag war es wieder dasselbe Spiel, die See rauer und wilder denn je, und die Seekrankheit auf dem höchsten Punkte. Die Sache begann mich anzuekeln, und ich kletterte in die Marsen (Mastkorb) hinauf, um wenigstens außer dem Bereiche der Kranken zu sein.

Ich kam auch nicht eher wieder aufs Verdeck, bis das »Schaffen« des Kochs etwas Warmes für den innern Menschen verkündete, das übrigens diesen Mittag nur von dem kleinsten Teile der Passagiere beachtet wurde.

Hier wäre es nun wohl am Platze, auch etwas über die Kocherei und Art der Bewirtung auf den Schiffen, die sich auf den meisten gleich ist, zu sagen. Die Küche selber ist ein kleines Bretterhaus, auf dem Verdeck aufgerichtet und mit Klammern und Tauen so befestigt, dass ihm die über das Schiff schlagenden Wellen nichts anhaben können. Der Verschlag besteht aus zwei Teilen; in dem einen ist ein großer Kochofen für die Kajüte, in dem andern ein gemauerter Herd mit einigen ungeheuren Kesseln für die Zwischendeck-Passagiere.

Morgens gibt es Kaffee, der reichlich und dünn ausgeteilt wird; man muss aber zu viel Wasser trinken, um eine Tasse Kaffee zu bekommen, und die einzige Rettung war, ihn so heiß wie möglich zu verschlucken. Es gehört dann wirklich ein Feinschmecker dazu, starken von schwachem zu unterscheiden.

Zu diesem Gebräu verarbeiteten wir eine braune bimssteinartige Masse, die »Schiffszwieback« genannt, aber erst, in heißem Kaffee aufgeweicht und mit Butter gestrichen, genießbarer wird, als sie auf den ersten Anblick verspricht.

Butter wird übrigens alle Sonnabende, nach dem Schiffsausdruck »gefasst«, und es war daher nötig, ein Gefäß mit Deckel dafür zu haben, wie auch eine eigene Kaffeekanne.

Die Butter, die wir bekamen, war gut und auch reichlich, dass man, wenn man nicht gar zu dick aufstrich, wohl eine Woche damit auskommen konnte; doch wird sie nicht jedem Manne einzeln, sondern immer für fünf gegeben, wobei es wieder ein Glück war, dass wir uns unsere Gesellschaft vorher ausgesucht hatten und jetzt nicht verpflichtet waren, mit Krethi und Plethi Haus zu halten.

Sehr gut kam es uns auch zustatten, dass wir Zucker mitgenommen hatten, denn außer etwas Sirup zum Pudding, der Sonntags ausgeteilt wird, gibt es weiter nichts Süßes.

Der Zerbrechlichkeit der Kaffeetassen wegen hatten wir uns mit Zinnbechern versehen, die auch den Dienst sehr gut verrichten; doch schmeckt der Kaffee und Tee schlecht aus diesen blechernen Gefäßen.

Am Mittag hatten wir gelbe Erbsen und Speck, das gewöhnliche Montagsessen, Dienstags Bohnen und Pökelfleisch, Mittwochs graue Erbsen und Speck, Donnerstags Erbsen und Pökelfleisch, Freitags Sauerkraut und Speck, Sonnabends Pflaumen und Reis mit Fleisch, und Sonntags Pudding und Pökelfleisch.

Der Speck und das Pökelfleisch, da beide sehr gesalzen sind, werden den Abend vorher in Seewasser gelegt, das, obgleich selbst salzig, doch den größten Teil des im Fleische enthaltenen Salzes herauszieht, worauf sie, mit den Hülsenfrüchten zusammengekocht, ein ganz schmackhaftes Essen liefern – besonders wenn man hungrig ist. Den Pudding aber, den wir uns selber zurechtmachen mussten, will ich etwas näher beschreiben.

Der Steuermann gab uns schon am Sonnabend den Wink, uns einen Sack zu nähen, in welchem wir unsern Pudding kochen könnten; wir möchten ihn aber nicht zu klein machen, damit für fünf Mann hineinginge.

Der Engländer sagt: A wink is as good as a nod to a blind horse, und wir ließen uns das nicht zweimal sagen, sodass, als wir am nächsten Morgen mit unserem Sack ankamen, der Steuermann laut auflachte und meinte, da ginge für fünfundzwanzig Mann hinein.

Wir bekamen übrigens reichlich Mehl und Pflaumen. Eine große Schwierigkeit war, jetzt eine Art Trog zu bekommen, in dem wir die Masse ankneten konnten; aber auch das wurde zuletzt ermöglicht.

Mlhr. und Vgl. streiften sich die Ärmel in die Höhe und fingen an, die Masse aus Leibeskräften mit Wasser und Butter zusammenzukneten; zu der ganzen Mischung gossen wir noch etwas von unserem Rum, taten dann das Ganze in den Sack, der eine zwölf bis vierzehn Zoll lange und sechs bis sieben Zoll im Durchmesser haltende Wurst bildete, banden ihn oben recht fest zu und übergaben alles nun seinem Schicksal und dem Koch, welcher es in einen ungeheuren Kessel zu den anderen Würsten hineinwarf.

Um ihn später wieder zu erkennen, mussten wir übrigens ein Zeichen daran machen, das in einem darangehängten Stückchen Holz mit der Kojennummer bestand. Auf ähnliche Weise wurde auch unser Fleisch gezeichnet.

Als wir am ersten Sonntag Mittag unser Gebäck auseinander schnitten, wozu wir für die Doppelkoje, das heißt auf zehn Mann, eine Flasche Sirup bekamen, war das Innere noch ein weißer Brei; das verschlug uns aber nicht das Geringste.

Die nicht gare Masse wurde mit einem Löffel herausgenommen, wieder in den Sack getan, zugebunden und dann noch einmal dem kochenden Wasser übergeben, und mit der größten Behaglichkeit wurde dann dieses »erste Kind unserer Laune« verzehrt.

Am Abend gab's Tee und Schiffszwieback, und den Tee ebenfalls dünn genug. Doch genug jetzt über Essen und Trinken; ich habe dies auch nur hier angeführt, um wenigstens ein kleines Bild von der Haushaltung auf einem mit Auswanderern beladenen Schiffe zu geben.

Wir waren jetzt der französischen Küste nahe, die, erst als blauer Streifen auftauchend, immer größer und deutlicher wurde.

Noch vor Dunkelwerden liefen wir nahe genug an Calais vorbei, die Türme und Häuser zu erkennen, und nach England hinüberschneidend, bekamen wir auch Albions Küste vor Nacht zu sehen.

Deutlich erkennen ließ sich aber nichts mehr, nur glänzten hellstrahlend Dovers beide Leuchttürme nach kurzer Zeit durch die Nacht, während auch noch die französischen Leuchtfeuer sichtbar waren.

Am nächsten Tage jedoch kamen wir ziemlich nahe am englischen Ufer vorbei, und majestätisch dehnten sich die weißen Kreidefelsen zu unserer Rechten hin, von der glühenden Morgensonne mit rosenfarbenem Schimmer übergossen.

Gegen Abend fuhren wir an der Insel Wight vorbei. Leider drehte sich der Wind, sodass wir nur durch Lavieren höchst langsam vorwärts kamen.

Überhaupt ist der Kanal bei ungünstigem Winde eines der fatalsten und sogar gefährlichsten Gewässer. Das Fahrwasser ist sehr schmal und gestattet nur wenig Raum zum Kreuzen, während die südlich gelegenen Ufer von Frankreich und Holland meist seicht sind, und selbst an der englischen Küste, nahe der Themsemündung die Goodwinsands liegen, an denen schon unzählige Schiffe strandeten.

Bis zum 27. Mai trieben wir uns im Kanal herum und ließen dann erst die Insel Scilly, das letzte englische Land, zurück, somit der alten Welt ein ernstfreundliches Lebewohl bietend.

Fahr denn wohl, du neblige Küste,

Fahr denn wohl, du nördlich Land!

2. Kapitel: Der Atlantische Ozean

Wir segelten nun im Weltmeere, das uns mit seinem gewaltigen Wasserzirkel umzog. Einen lieblichen Anblick bot die ungeheure Anzahl von Fischerbooten, die sich auf dem keineswegs ruhigen Wasser schaukelten und sich mit ihren bald gelben, bald weißen, bald roten, bald ganz schwarzen Segeln gar malerisch ausnahmen.

Das Wasser war übrigens hier noch grün, und diese seegrüne Farbe ist besonders vom am Bugspriet oder hinten am Steuerruder wirklich wundervoll.

Noch lebendiger wurde das Gemälde durch eine Masse von Braun- und Schweinefischen, die sich in Scharen in den Wellen herumjagten.

Auch schwammen viele fremdartige, sonderbar aussehende Dinge im Meer herum, die ich aber nicht näher betrachten konnte, da es mir an einem Netze fehlte, sie herauf zu ziehen. Ich beschloss daher, mir ehester Tage eins zu machen.

Einige Tage ging die Sache so recht gut; das Wetter wurde besser, und alle Seekranken, selbst die Frauen, erholten sich und zeigten sich wieder auf dem Verdeck.

Ich hatte mir ein kleines Netz gestrickt, das ich an eine lange Stange befestigte und stets in Bereitschaft hielt, wenn etwas Merkwürdiges am Schiffe vorbeischwimmen sollte.

Und in der Tat war für mich alles, was im Wasser schwamm, merkwürdig oder doch wenigstens untersuchungswert. So fing ich denn eine Masse gallertartiger, lebender Wesen, Quallen, die, wie es schien, willenlos im Wasser trieben, aber doch sinken und steigen und, wie ich fast glaube, sich auch willkürlich bewegen konnten.

Eine Art derselben war mir besonders merkwürdig; sie waren einzeln ungefähr fünf bis sechs Zoll lang und eineinhalb bis zwei Zoll dick und inwendig hohl und schienen nur eine Art Magen zu haben, der, der einzige feste Körper im ganzen Tiere, einen dunkeln Fleck bildete. Alles andere war ein gallertartiger Stoff, der, wenn man ihn aus dem Wasser zog und ein paar Stunden auf einem trockenen Brette liegen ließ, sich in Seewasser auflöste und nur den Magen, eine schleimige, undurchsichtige Masse und eine sehr dünne, äußerst feine Haut zurückließ.

So häufig ich nun auch diese Tierchen einzeln herumschwimmen sah, so waren sie doch auch in Unmassen aneinander gereiht zu sehen, und zwar immer mit der breiten Seite zusammengeklebt, dass die dunkeln Flecke des Körpers alle regelmäßig an einer Seite saßen. Solcherart bildeten sie, aus Hunderten von einzelnen Tieren bestehend, schlangenartige Körper, die sich ringelten und fortbewegten und ganz hübsch in dem kristallhellen Seewasser aussahen.

Auch fing ich einige Schnecken, die vollkommen unseren Landschnecken glichen. In ihren Häusern enthielten sie aber einen tief indigoblauen Saft, der eine herrliche Farbe geben muss, denn ich schrieb mir einige Zeilen mit diesem Safte auf, um zu sehen, wie er die Farbe halten würde, und er veränderte sich auch nicht im Mindesten.

Außerdem schwamm noch eine große Anzahl solcher gallertartiger Wesen in allen möglichen Formen und Gestalten herum, manche atmenden Geldbeuteln ähnlich.

Das Schönste aber von allen diesen Geschöpfen ist unstreitig eine Blasenqualle, fälschlich der Nautilus und von den Engländern »das portugiesische Kriegsschiff« genannt.

Von dem Umfange einer großen Karpfenblase, in blauen, grünen und roten Farben spielend, ragt er ungefähr dreieinhalb Zoll über das Wasser hervor, kann nach Gefallen seinen Kurs steuern und taucht bei Sturmwind unter. Zahlreiche zwei, drei und vier Fuß lange Fühlfäden gehen von dem Hauptkörper aus, hängen gerade hinunter ins Wasser und müssen wohl die besondere Eigenschaft besitzen, dem Tiere seine Nahrung zu erhaschen.

Ich fing ein solches mit dem Netze und brachte diese polypenartigen Fasern zufällig auf den obern Teil meiner Hand, wo sie einen Schmerz verursachten, der dem von Brennnesseln hervorgebrachten gleichkommt. Bei Nacht glühen diese Tiere wie Phosphor.

Wir flogen nun mit günstigem Winde der neuen Heimat zu, und der Anblick der See und des Himmels war wahrhaft wundervoll. Der Ozean hatte jetzt seine eigentümliche Farbe, ein so wunderbar schönes Blau, angenommen, dass mich ordentlich eine Sehnsucht erfasste, hineinzuspringen und mich von diesem klaren, azurnen Wasser tragen zu lassen.

Derartigen Wünschen machte aber rasch die obere Flosse eines Haifisches ein Ende, der, als er das Schiff sah, ruhig hielt und es an sich vorbeistreichen ließ. Der Gedanke, zwischen die sechs Reihen Zähne einer solchen Bestie zu kommen, hatte doch etwas gar zu Unpoetisches.

Meine Aufmerksamkeit wurde jedoch bald auf etwas anderes gelenkt. Es war ein schwarzer Punkt auf dem Wasser, dem wir näher und näher kamen; erst glaubte ich, dass es eine Klippe sei, und fragte den Steuermann danach; doch meinte dieser, dass keine Klippe dort herum sein könne, sondern dass es etwas Schwimmendes sein müsse.

Und so war es. Es kam näher, und als wir an ihm vorbei segelten, erkannten wir es als die zerrissenen Überreste eines Schiffes.

Nun gibt es auf der ganzen Welt nichts Geeigneteres, die gute Laune einer in sich selbst vergnügten Schiffsgesellschaft zu stören, als solch ein kleines memento mori, das sich der fröhlichen Menschenseele so ganz wie aus dem Himmel herabgefallen zeigt. Oft sehr zur rechten Zeit mag es uns an jene lange Reise erinnern, die uns allen ja bevorsteht, und wo dann so ein Wrack den Posthof, von dem wir ausfuhren, und der eben gesehene Haifisch recht gut die erste Station vorstellen könnten.

Am 20. Mai war der Wind wieder ungünstig, und die See ging hohl. Die meisten Passagiere wurden auch richtig wieder seekrank, die Zahl der »Tapferen« hatte sich aber doch auch verstärkt, und wir hielten wacker aus.

Eine andere Freude stand uns aber trotzdem bevor. Eines schönen Morgens kam unser Doktor mit einem sehr blassen und bedenklichen Gesichte zu uns und erzählte, dass die Blattern an Bord ausgebrochen wären. Eins der Mädchen hatte sie, wie sich bald nachher zeigte, sehr heftig und bösartig.

Der Zimmermann musste nun vor allen Dingen einen Verschlag vorn im Schiffe, wo bis jetzt Taue und Stricke aufbewahrt worden waren, zur Krankenstube einrichten, damit, wenn es irgend möglich wäre, keiner der anderen Passagiere angesteckt würde. Dahin wurde die Kranke geschafft, und die Gemüter beruhigten sich wieder etwas.

Als wir noch ruhig auf dem Verdeck standen, gab es auf einmal einen Mordspektakel im Zwischendeck; Flüche von Männern, Kreischen von Frauen und Schreien von Kinderstimmen schallte in einem ohrzerreißenden Chor von unten herauf.

Rasch war ich unten, und hier bot sich meinen Blicken ein allerdings höchst komisches Schauspiel. Alles, was nur klettern konnte, hatte sich in die obersten Kojen, auf Kisten, und Koffer oder auf sonst irgendeinen hohen Gegenstand geflüchtet, um nur vom Boden entfernt zu sein, den ein kleiner, weißer Spitz ganz allein einnahm.

Dieser knurrte dabei und biss um sich, dass ihm der Schaum vor dem Maule stand, und alles schrie, als ich die Leiter hinuntersprang: »Ein toller Hund, ein toller Hund!«

Das Tier biss indes nach den ihm zunächst liegenden Sachen, taumelte auf Deck herum und geriet endlich zwischen zwei kleine Kisten, wo ich es, ehe es sich daraus wieder befreien konnte, hinten im Genick erwischte und aufhob.

Machtlos schnappte und zappelte es dabei, aber nie werde ich den Schrei vergessen, den die Frauen in der Koje gerade über mir ausstießen, als ich den Hund emporhob und ihnen denselben dadurch etwas näher brachte. Ich ließ das arme Geschöpf jedoch nicht los, trug es die Leiter hinauf und warf es über Bord.

Es war der einzige Hund, den wir auf dem Schiffe hatten, und er gehörte dem guten Wilhelm, der in Bremerhafen mit Teer begossen wurde. Er schien die Sache aber sehr kühl zu nehmen und meinte, es wäre recht gut, dass das Tier fort sei, es wäre ihm doch immer nur mit den Pfoten ins Essen gefahren.

Sein Vater und er blieben noch lange auf dem Verdeck, und als sie zuletzt wieder hinuntergingen, bekamen sie einen nicht eben freundlichen Empfang von der alten Frau, die seekrank im Bette lag.

»Wilhelm – du – und – dein – Vater – ihr – seid – recht – dumme – Jungen, – lasst – mich – arme – alte – kranke – Frau – hier – unten – allein – liegen – und – lauft – auf – dem – Verdeck – herum.«

Wilhelm, der größte Tollpatsch, der mir in meinem ganzen Leben vorgekommen, führte seine Verteidigungsrede mit vielem Eifer auf Plattdeutsch und setzte sich dabei auf die Hutschachtel seiner Mutter, die, ehe es jene bemerkte, zusammenbrach und den ganz verdutzten Jungen in ihrem Schoß aufnahm. Wilhelm bekam darauf verschiedene Ohrfeigen.

Bis zum 4. Juni hatte sich der Wind ganz gelegt und die See glich einem Spiegel, der nur durch die stete Bewegung und das Wogen der ungeheuren Wasserfläche hier und da gestört, aber nicht unterbrochen wurde. Das Schiff stand ganz ruhig, und wieder packte mich eine unwiderstehliche Lust zum Baden.

Der Kapitän hatte das freilich der vielen Haifische wegen streng verboten; H. und ich aber sprangen früh am Morgen, als jener noch schlief, über Bord und wälzten uns, von dem lauen Salzwasser leicht getragen, mit unbeschreiblicher Wonne in dem klaren Elemente herum.

Eine ungeheure Müdigkeit, wie ich sie nie nach einem Flussbade gespürt habe, erfasste mich jedoch nach dieser Seewasserpartie, bei der ich auch wohl ein wenig zu viel von dem salzigen Elemente geschluckt hatte.

Ich verschlief den Mittag, und als ich um zwei Uhr wieder aufs Verdeck kam, wurde flott getanzt.

Das Schiff lag aber keineswegs ganz ruhig, denn wenn es auch nicht durch das Wasser zog, machte doch das fortwährende Wogen der See, dass es oft gar bedeutend von einer Seite zur anderen schwankt.

Da war denn nichts possierlicher anzusehen, als wenn sich ein Teil der Tänzer, vielleicht fünf oder sechs Paare, auf der einen Seite schwenkte und das Schiff sich plötzlich schwerfällig auf die andere wälzte. Die Walzenden suchten dann wohl mit übergebeugtem Körper einen Augenblick das Gleichgewicht zu halten, rollten aber doch bald, den Gesetzen der Schwerkraft nachgebend, in einem Knäuel auf die andere Seite.

Als es dunkel wurde, hörte das Tanzen auf, aber desto schöner und wunderbarer wurde die See, da sich eine kleine Brise gerade mit Sonnenuntergang erhoben hatte, welche die ruhige Oberfläche kräuselte und uns leise vor sich her trieb.

Die dunkle See schien dabei wie mit Myriaden Funken und Sternen besät, und besonders da, wo das Schiff die Wogen durchschnitt und den weißen Schaum zurückwarf, glühte alles, als ob die Wellen in Feuer ständen. Jede Woge, die am Bug des Schiffes emporspritzte, leuchtete so, dass ich die Buchstaben in einem Buche genau erkennen konnte; auch hinten am Steuerruder war der Anblick herrlich.

Obgleich es Deckpassagieren nicht erlaubt ist, die Grenzen des Zwischendecks zu überschreiten, war doch Kapitän Volkmann, der sich überhaupt höchst liebenswürdig und freundlich gegen die Passagiere benahm, nicht sehr streng in der Überwachung dieser Regel, und oft habe ich stundenlang dem Funkeln und Strahlen am Steuerruder zugesehen.

Als ich noch so dastand, die einzelnen auftauchenden und versinkenden Sterne betrachtend, hörte ich ein Brausen und Schnauben, ich sah auf, und ein ungeheurer Braunfisch von achtzehn bis zwanzig Fuß Länge schnitt mit seinem dunklen Körper durch das von ihm aufgeregte blitzende und leuchtende Wasser, sodass er im Feuer zu schwimmen schien. Dicht unter mir, nahe am Steuerruder, verschwand er.

Am nächsten Tage begegneten wir einem Schiffe und fuhren keine fünfzig Schritt weit an ihm vorüber. Die Kapitäne riefen sich die Längen- und Breitengrade zu, unter denen sie sich befanden, ihre eigenen Berechnungen damit zu vergleichen; ebenso den Ort ihrer Bestimmung und ihrer Abfahrt. Von unserem Schiffe stieg dabei die Bremer Flagge, von dem anderen die der Vereinigten Staaten von Nordamerika empor. Der Amerikaner war nach Oporto in Portugal bestimmt.

Ein eigenes Gefühl ist es, auf dem ungeheuren Ozean ein anderes Schiff, gewissermaßen eine andere kleine Welt, herankommen zu sehen, es anzurufen und bald darauf das gewaltige Gebäude zu beobachten, bis es, nur noch ein kleiner, weißer Punkt, am fernen Horizonte verschwindet. Nur noch einsamer kommt dann dem armen Auswanderer die Wasserwüste vor.

Am 7. Juni liefen wir elf deutsche Meilen die Wache (vier Stunden); das Schiff flog durch die Wellen, und dabei ging die See gar nicht so hoch, sodass nur sehr wenige von uns sich unwohl befanden. Die meisten hatten sich auf dem Verdeck gesammelt, wo sie in malerischen Gruppen umhergelagert waren. Hier lagen einige auf den Planken und spielten Karten, dort hatte sich eine fromme alte Frau mit einem Gebetbuch in die Ecke gesetzt; ein paar Mädchen strickten und lasen.

Gar häufig konnte man auch, abgesondert von den Übrigen, hier und da eine Gestalt sehen, welche, die Stirne kraus gezogen und mit dem Munde allerlei sonderbare Laute nachahmend, emsig beschäftigt war, sich aus einem kleinen Buche englische Redensarten einzuprägen.

Diese ruhigen, angenehmen Tage haben wir untereinander Frikadellentage genannt, und zwar aus folgender Ursache. Das viele salzige Fleisch und den Speck, den wir bekamen, konnten wir nicht ganz verzehren, taten es also an ruhigen, freundlichen Tagen zusammen (versteht sich, nur wir fünf) und hackten es mit Messern, Beilen und Hirschfängern so klein, wie nur irgend möglich, rührten es dann mit ein paar Eiern an, formten Frikandellen daraus, wobei nicht vergessen ward, noch etwas kleingestoßenen Schiffszwieback unter die Masse zu tun, und buken das Ganze mit Butter.

Häufig zeigten sich jetzt auch die Schweinefische, die wohl ihren Namen von ihrer spitzen, rüsselförmigen Schnauze bekommen haben. In Herden spielten sie vorn um das Schiff herum und sprangen einander jagend, oft mit dem ganzen, wohl fünf bis acht Fuß langen Körper aus dem Wasser, was einen wunderhübschen Anblick gewährte.

Schon fing ich an, des fortwährend ruhigen Wetters wegen besorgt zu werden, dass wir gar keinen Sturm bekommen und auf diese Art den wahren Reiz der Seereise verlieren würden; solche Angst war aber nutzlos gewesen.

Am 16. fing der Wind schon gewaltig an zu blasen, die Wellen wurden höher und höher, die Gesichter länger und länger, und um Mitternacht hatte Boreas alle Säcke offen. Das Schiff fuhr, ganz auf einer Seite liegend, bloß unter dem Sturm, doppelt gerefften großen und Vorstengenstag-Segel pfeilschnell durch die wie mit Sternen und Leuchtkugeln durchflochtenen Wogen, und der Schaum zischte kochend vorbei. Dabei pfiff der Wind durch das Takelwerk wie durch einen entblätterten Wald, und melancholisch klappten die Taue an die Masten.

Mir war wohl in diesem Aufruhr der Elemente, und über Bord gelehnt, sah ich dem Toben und Stürmen der rastlosen Wogen mehrere Stunden lang zu. Erst gegen Morgen ging ich wieder auf meine Matratze, die ich mir aus der Koje gezogen hatte, da es eine reine Unmöglichkeit war, zu fünfen darin zu schlafen, um wenigstens noch ein oder zwei Stunden zu ruhen.

Der nächste Tag beleuchtete ein wildes, herrliches Schauspiel. Hochauf bäumten und wälzten sich die ungeheuren dunkelblauen Wellen, mit durchsichtig grünem Kamm und weißem Silberschaume gekrönt, hoben sich einen Augenblick in ihrer vergänglichen Herrlichkeit, und schienen dann in sich selber zu versinken, einer andern, noch gewaltigeren Woge Platz zu machen.

Mitten in diesen himmelanspritzenden und züngelnden Wellen kam jetzt eine Schar ungeheurer schwarzer Braunfische geschwommen, die sich mit toller Lust in dem brausenden kochenden Ozean herumtummelten.

In die höchsten Wellen stürzten sie sich, diese fünfzehn bis zwanzig Fuß langen Kolosse, ließen sich von ihnen auf den höchsten Gipfel heben und stürzten sich dann, ihnen voraus, spielend und schnaubend in den blauen Abgrund. Es war ein großartiger Anblick.

Die Seeleute wollen auch aus dem Zuge, den diese Tiere nehmen, die kommende Richtung des Windes prophezeien, sind aber noch nicht ganz einig darüber, indem einige behaupten, der Wind werde daher kommen, wohin sie ziehen, andere hingegen, dass der Wind ihnen folge; also bloß eine kleine Meinungsverschiedenheit über Hin und Her.

Der Sturm wurde jetzt so heftig, dass das Steuerruder festgebunden werden musste und das Schiff, ein Spiel der Wellen und Winde, auf den Wogen einhertanzte.

Als diese eben am tollsten sprangen, sahen wir ein Fahrzeug, das mit nur wenigen Segeln pfeilgeschwind vor dem Sturme daherjagte; wir selber aber wurden von den Wassern so umhergeworfen, dass wir nur dann und wann das andere Segel erblicken konnten, welches in diesem Augenblick, auf den höchsten Gipfel einer Riesenwelle gehoben, auf einem Berge zu stehen schien, während im nächsten Augenblicke nicht einmal mehr die höchsten Mastspitzen desselben sichtbar waren. Es schoss schnell an uns vorbei und war in kurzer Zeit verschwunden.

Sich an Deck aufzuhalten, wurde jetzt eine höchst missliche Sache, denn die Wellen schlugen mit Macht vorn und an der Seite über Bord, und wer ihnen trotzen wollte, konnte wenigstens darauf rechnen, bis auf die Haut durchnässt zu werden.

Am 19. Juni morgens ließ der Sturm etwas nach, fing aber gegen Abend wieder mit verdoppelter Kraft an.

In unserem Zwischendeck sah es jetzt gräulich aus; die Seekrankheit hatte ihren Gipfel erreicht, und mit wenigen Ausnahmen war alles krank.

Hauptspaß machten mir einige junge Leute, die unten im Deck mit leichenblassen Gesichtern, das zinnerne Töpfchen zwischen den Knien haltend, dasaßen und, das Näherkommen der Krankheit fühlend, mit ruhiger Ergebung den Ausgang abwarteten.

H. und ich legten ein Stück recht fetten Speck in eine Schüssel, deckten sie zu, gingen hinunter zu den Leidenden und fragten sie mitleidig, wie es ihnen ginge.

Sie schüttelten statt aller Antwort traurig mit dem Kopfe.

»Wollen Sie nicht etwas zu sich nehmen?«, fragte H. mit der liebevollsten, sanftesten Stimme.

Schon der Gedanke an etwas Essbares verursachte ihnen Ekel, und mit den sauersten Gesichtern von der Welt winkten sie uns, nicht davon zu reden; aber wir waren hiermit noch nicht befriedigt.

Ich nahm den Deckel ab, und H. fragte wieder, indem er die fette Speckscheibe in die Höhe hob, liebreich und außerordentlich teilnehmend:

»Vielleicht ein bisschen Speck essen?«

Als ob dies das Stichwort gewesen wäre, auf das die Seekrankheit gewartet hätte, so wirkte wie mit einem wunderbaren Zauber diese einzige Frage, und wir beide zogen uns, fast erschrocken über das so plötzliche Gelingen unseres Planes, wieder aufs Verdeck zurück.

Zu Mittag bekamen wir Erbsensuppe. Ich hatte mir eben einen Teller voll hinuntergenommen, wozu nicht wenig Geschicklichkeit gehörte, dieselbe auch schon fast verzehrt, als H. fluchend und schimpfend die Leiter herunterkam, an deren Fuße, gerade unter der Öffnung, er stehen blieb.

Hier erzählte er, wie ihn einer von den Oldenburgern ganz mit Erbsensuppe begossen habe und zeigte uns, noch ganz rot vor Zorn, den begossenen Überrock.

Ich lehnte etwas weiter zurück gegen unsere Koje, als in demselben Augenblicke eine zinnerne Schüssel mit eben solcher Erbsensuppe durch die Öffnung herabflog und sich auf den armen, vom Schicksal verfolgten H. wiederum so vollständig entleerte, dass ihm davon die Augen ganz bedeckt wurden.

Das war aber noch nicht alles, die Suppe war bloß das Vorspiel oder der Anfang der Mahlzeit. Ihr folgte nämlich auf dem Fuße – wer anders als unser unglücklichen Wilhelm, der, mit dem Kopfe voran, seiner Suppe, wie ein echter Ritter in Glück und Unglück, folgte, übrigens auch bei dem gefährlichen Sprunge den Hals brechen konnte, hätte nicht H. sogleich Suppe und Jüngling auf seine Schultern genommen.

Beide stürzten nun zusammen in die Brühe, und vergebens würde es sein, auch nur einen Versuch zu machen, H's. Wut zu beschreiben. Wir mussten hinzuspringen und den armen Wilhelm aus seinen Klauen befreien, er hätte ihn sonst erwürgt.

Bände könnte man überhaupt mit all den Szenen und Anekdoten füllen, die während des Sturms im Zwischendeck und auch wohl in der Kajüte Schlag auf Schlag folgten; leider lassen sich aber eben die besten davon nicht gut erzählen, denn die Natur hilft sich da oft auf wenn auch nicht geheimnisvolle, doch wunderbare Weise.

Am 2. Juli brach sich der Sturm, und obgleich die See noch ungeheuer hoch ging, das Schiff noch bedeutend schwankte und wenig Friede und Ruhe an Bord zu finden war, so löste man doch das Steuerruder wieder, die Reffs wurden aus dem großen Mastsegel genommen, das Focksegel, Vortop-, große Top-, Besansegel und der Klüver gesetzt, und wir fuhren, zwar nicht unsern Kurs, denn wir mussten mit Nordwestwind segeln, fuhren aber doch wieder einmal, und das war ein Trost.

Denselben Nachmittag begegneten wir wieder einem Schiffe unter Bremer Flagge. Die Kapitäne tauschten durch das Sprachrohr ihre Mitteilungen aus und zogen, als sie sich trennten, zum Abschiedsgruß ihre Flaggen dreimal auf und nieder. Wir eilten dem fremden Lande, das andere Schiff mit vollen Segeln der Heimat zu, und mit gar wehmütigen Gefühlen sah ich die schneeichten Segel weiter und weiter fliegen, bis das Auge ihre Spur am fernen Horizont verlor.

Nachgerade fing uns aber denn doch die Zeit an lang zu werden, und immer noch war keine Aussicht, mit solch ungünstigem Winde die ersehnte ferne Küste so bald zu erreichen. Wir näherten uns jetzt der Bank von Neufundland, über deren Südspitze wir weggingen, und dichter Nebel fing an, die See zu bedecken.

Da gegen Abend wieder ein Schiff gesehen wurde und gleich darauf der Nebel dicker und dicker wurde, so musste ein Mann fortwährend vorn auf dem Verdeck die Glocke läuten oder in ein langes, blechernes Horn stoßen, das weit auf dem Wasser hinschallte, ein Zusammenrennen mit einem andern Fahrzeuge zu verhindern.

Auch schien unser Kapitän bedeutende Angst vor Eisbergen zu hegen, von denen ihm das andere Schiff gesagt hatte. Häufig wurde das Thermometer in die See hinabgelassen, die Temperatur des Seewassers zu erfahren, da dasselbe beim Herannahen von Eisbergen sogleich bedeutend fällt.

Der Nebel lag feucht und dick auf dem Wasser, und die Luft war recht kühl, sodass uns unsere Mäntel sehr zustatten kamen; der Wind aber wehte immer noch aus Nordwest.

Die Blattern schienen uns auch noch nicht verlassen zu wollen: Ein Matrose hatte sie bekommen und war ebenfalls in das Krankenzimmer gebracht worden.

Am 28. Juni war die Kälte so stark, wie bei uns im Dezember, und wenn drei Vierteile der Passagiere nicht mit Gewalt und Schwefelräucherungen auf das Verdeck in die freie Luft getrieben worden wären, so hätte sich keiner von ihnen aus seiner Dunsthöhle hinausgewagt. Es wundert mich nur heute noch, dass wir nicht mehr Kranke an Bord hatten, denn reine Luft ist doch die Hauptstütze der Gesundheit, und diese fehlte im Zwischendeck gänzlich.

In dieser Nacht drehte sich der Wind zu unseren Gunsten, wobei es ziemlich stark zu regnen anfing, und da ich mit meiner Matratze gerade unter der Öffnung lag, wurde ich durch und durch nass, ehe ich aufwachte.

Der 4. Juli, das Freiheitsfest der Amerikaner, rückte jetzt heran, und der Kapitän sagte uns, dass er das Fest feiern und allen Passagieren einen Punsch geben wolle, und auch wir beschlossen jetzt, etwas dazu vorzubereiten.

Ein junger Mann namens Zllr., der schon einmal in Amerika gewesen war, entwarf den Plan. Erstlich wurde ein Transparent mit dem amerikanischen Wappen gemalt, den Streifen und Sternen mit dem aufsteigenden Adler, und den Namen der vier Revolutionshelden: Washington, Lafayette, Franklin und Kosciuszko als Unterschrift.

Dann traf es sich, dass einer der Passagiere zufällig Schwärmer und anderes Feuerwerk bei sich führte, die er bei dieser Gelegenheit zum besten gab.

Um zwölf Uhr in der Nacht vom 3. auf den 4. Juli begann die Feierlichkeit. Das Transparent wurde zuerst angezündet und dabei ein für dieses Fest eigens verfertigtes Lied zur Melodie God save the king abgesungen, dann das Feuerwerk abgebrannt und die Schwärmer aus unseren Flinten geschossen. Die Nacht war ruhig, und herrlich nahmen sich die dahinsausenden Feuerstrahlen im Widerschein der dunklen Wasserfläche aus.

Der Kapitän rief jetzt unsere Koje mit noch einigen anderen der Zwischendeck-Passagiere in die Kajüte, wo Punsch herumgereicht wurde, und unterdessen teilte der Steuermann den anderen Passagieren und Matrosen ihren Punsch auf dem Verdecke aus und nötigte besonders den weiblichen Teil der Auswanderer fortwährend zum Trinken. Die Folgen hiervon blieben nicht aus.

Wir hatten ungefähr anderthalb Stunden ruhig in der Kajüte gesessen, getrunken und gelacht. Ich brauchte indes dabei die Vorsicht, nicht mehr als ein Glas zu trinken, da mir der Punsch ungeheuer stark vorkam und überhaupt für meinen Geschmack zu süß war, als ich zu meiner Verwunderung bemerkte, dass besonders der Doktor und noch einige andere recht sonderbar glänzende Augen bekamen und äußerst lustig wurden. Ich stand auf, die anderen folgten, und wir traten hinaus aufs Verdeck, dem Spektakel ein wenig zuzusehen, der da oben mit jedem Augenblicke toller und tobender wurde.

Allmächtiger, wie sah es da aus! Die Matrosen waren auf den Mast und die Rahen hinausgestiegen und ließen von dort Schwärmer in die dunkle Nacht hinauszischen, die Schiffsglocke vorn wurde geläutet wie zu Feuerlärm, und aus allen nur irgend brauchbaren Flinten wurden Schwärmer und blinde Ladungen geschossen, Zllr's. Doppelflinte sprang bei dieser Gelegenheit, ohne jedoch jemand zu beschädigen. Auf dem Mittelpunkte des Schiffes, gerade hinter dem großen Maste, war der Haupttummelplatz, und der Anblick wahrhaft wunderbar.

Herr Ol., ein ausgezeichneter Violinspieler, hatte sich im Anfange freundlich dazu hergegeben, dem Volke ein wenig aufzuspielen; als es aber zu toll wurde, zog er sich zurück, und ein anderer, vor Eifer brennend, seine Kunstfertigkeit zu zeigen, setzte sich auf die Winde und fing nun an, so jämmerlich auf seiner Violine herumzukratzen, dass nur der furchtbare Spektakel, der fast alles übertäubte, diesen schlimmeren Lärm erträglich sein ließ. Nichtsdestoweniger drehte sich alles wie toll um ihn im Kreise, und jubelnd und jauchzend kehrte sich keiner an das Schwanken und Schaukeln des Schiffes, das oft ganze Reihen der Tänzer auf einmal wie mit einem Zauberschlage nach einem Bord zu kehrte.

Der Mann auf der Winde spielte indessen wie von einem bösen Geist besessen unausgesetzt fort und behauptete dabei durch eine mir unbegreifliche Geschicklichkeit seinen Sitz, das Gesicht zugleich dem Steuerruder zugekehrt. Nur wenn die Tänzer durch das Umlegen des Schiffs auf eine Seite gewälzt wurden und dort eine Weile wie Kraut und Rüben untereinander lagen, drehte er sich mit dem ganzen Leibe dem am Boden liegenden Knäuel zu und spielte, ohne jedoch eine Miene zu verziehen, ruhig weiter.

Als ich heraufkam, fiel mir Wilhelms Mutter, eine Frau, die sonst nur immer kränklich und mürrisch an Deck herumschlich und des langen Schneiders Behauptung nach »wie sieben Meilen schlechter Weg« aussah, um den Hals und bat mich um Gottes willen, ich möchte mit ihr tanzen.

Dicht neben ihr stand ein alter Seiler, der, so lange wir auf dem Schiffe waren, Leibschmerzen gehabt hatte, auf einem Beine und drehte sich, während er selbst dazu pfiff, hopsend um seine eigene Achse.

Nur der arme Schneider lag, Arme und Beine wie ein Telegraf ausgestreckt, auf dem Boden und musste durch doppelten Vorspann vom Schauplatze gezogen werden.

Kurz, von den hundertachtzehn Passagieren waren nicht sechs mehr nüchtern. Ein einzelnes betrunkenes Frauenzimmer zu sehen, ist ekelhaft, hier waren es aber einige dreißig, und das wurde interessant.

Das ganze Leben und Treiben also aus sicherer Entfernung betrachtend – ich kletterte in das vor dem Mast liegende kleine Boot – lag ich wohl eine Stunde lang da oben und weiß mich in der Tat der Zeit nicht zu erinnern, dass ich so viel gelacht hätte.

Müde zuletzt ging ich zur Koje und erfuhr nun später, dass es der Steuermann wirklich darauf angelegt hatte, alle betrunken zu machen, indem er fast gar kein Wasser unter den Punsch getan. Der Rum war nur heiß gemacht und tüchtig gesüßt worden.

Am nächsten Morgen war ich schon mit Tagesanbruch wieder auf und half noch manches von den gefallenen Opfern zu Bett bringen; dann herrschte mehrere Stunden Totenstille an Deck. Außer Vgl. und H. ließ sich lange keiner von den Passagieren sehen, und als sie endlich kamen, was für Gesichter trugen sie zur Schau! Bleich und überwacht, die Augen hohl und stier, die Backen eingefallen, alle über Kopfschmerz und Übelkeit klagend, schlichen sie an Deck umher und dürften jetzt natürlich nicht für Hohn und Spott sorgen.

Wilhelm besonders ging sehr betrübt herum; er hatte sich im Rausche in eine Wanne mit Wasser gesetzt, in welcher der Koch das Fleisch liegen hatte, um das Salz herauszuziehen, und war bis zum Tageslicht in dem nassen Elemente sitzen geblieben, was mir allen Appetit zum Fleischessen verdarb.

Gegen Abend wetterleuchtete es, und um elf Uhr brach das furchtbarste Gewitter, das ich je erlebt habe, über uns herein. Die Bramsegel wurden gelöst und sollten eingerefft werden. Ich selber hatte mir indessen viel Mühe gegeben, die Handgriffe an Bord so viel wie möglich zu erlernen, und war besonders viel mit nach oben gegangen, das Einnehmen und Lösen der Segel wegzubekommen. Ich sprang daher auch jetzt mit den Matrosen hinauf, das Manöver auszuführen; nie aber werde ich das Gewitter und den Anblick vergessen, der sich mir dort bot.

Wir waren oben am Bramsegel unserer drei und versuchten, die losen Falten des Tuches zusammenzunehmen und einzuschnüren, während der Wind noch wie toll mit den gelösten Enden spielte. Blitz auf Blitz, Schlag auf Schlag leuchtete und donnerte unterdessen am weiten, dunklen Himmelsgewölbe hin.

Jetzt erhellte ein greller, blendender Wetterstrahl das Ganze zur Tageshelle – oben der dräuende, finstere Himmel, unten, tief unten, wie ein breiter, dunkler Streifen, das Schiff auf dem leuchtenden, wie mit Myriaden Sternen besäten, wie mit glühendem Schaum bedeckten Ozean dahinschießend; dann plötzlich fürchterliche Dunkelheit, dass es nicht möglich war, die Rahe, die wir hielten, und das Tau, auf dem wir standen, zu sehen. Und hinterher das Schmettern und Donnern des erzürnten Himmels.

Es war großartig, und nicht um vieles möchte ich die Erinnerung an jene Augenblicke dahingehen. Der Sturm hielt indessen nur bis etwa gegen zehn Uhr an.

Bis zum 10. Juli blieb uns der Wind ziemlich günstig, dann ließ er wieder einmal für eine Weile gänzlich nach. Das Schiff lag fast bewegungslos, und da alles wieder, sowohl von der Seekrankheit als auch von den üblen Nachwirkungen des Punschfestes genesen war, so trieb sich der größte Teil der Passagiere in den mannigfaltigsten Gruppen auf dem Verdeck umher.

Gegen Mittag schwamm ein Haifisch, der erste, den wir seit langer Zeit sahen, zum Schiff heran, zog einmal ruhig um dasselbe hin und verschwand dann trotz allem Fleisch, das wir für ihn an dem Haken aufwarfen. Er hatte zwei Lotsenfische bei sich, deren Anhänglichkeit an den Hai wirklich wunderbar ist. Diese Lotsen waren ungefähr zwölf bis vierzehn Zoll lang, mit fingerbreiten weißen und roten Streifen geziert und kreuzten vor dem Raubfisch hin und her. Ich schoss einen, konnte ihn jedoch nicht bekommen. Diese Fische folgen dem Hai öfters zu fünfen und sechsen, nie verschlingt er einen von ihnen, und sicher ist's, dass sie ihm seinen Raub anzeigen.

Obgleich wir den Hai nicht mehr zu sehen bekamen, stand er doch noch unter dem Schiffe, und die Piloten spielten vorn um das Bugspriet herum – das sichere Zeichen, dass der Hai nicht fern war. Auch ein Schwertfisch von zwölf bis dreizehn Fuß Länge kam an diesem Tage zum Schiffe.

Mehrere Seeschwalben, oder, wie sie die Engländer nennen, mother Carey´s chicken, die sogenannten Sturmvögel, waren uns fast auf der ganzen Reise gefolgt, und auch jetzt noch flogen oder schwammen sie neben dem Schiffe, dahinter oder voraus.

Ich schoss einen dieser Vögel und fing ihn dann, als er am Schiff vorbeitrieb, mit dem Netze. Sie sind ungefähr von der Größe unserer Schwalben, fliegen auch ziemlich auf dieselbe Art, tragen aber eine Schwimmhaut zwischen den Zehen und tauchen vorzüglich. Auch ihr Schnabel ist anders eingerichtet, denn sie haben ein großes, hornartiges Luft- oder Nasenloch daran.

Der Wind erhob sich zwar die nächsten Tage wieder etwas, aber so leise, dass das Schiff einzuschlafen schien und ihm nur noch Schlafmütze und Pantoffel fehlten; auch unsere Passagiere wurden mit jedem Tage unleidlicher. Die muntersten, die stets auf dem Verdeck waren, fingen Zank und Streit miteinander an, und die anderen, bei Weitem die unangenehmsten, vegetierten nur noch. Sie blieben Tag und Nacht in ihren Kojen liegen und nahmen sich nicht einmal mehr die Mühe, sich zu waschen; ob sie vielleicht das Wasser nicht vergeuden wollten, da wir in der Nähe von Sandbänken waren?

Doch trieben wir auch wieder viel Unsinn, und zwar auf eine Art, von der man gar nicht glauben sollte, dass vernünftige, erwachsene Menschen darauf kommen könnten. Wir spielten unter anderem einmal Soldaten – Handwerker, Kaufleute, Apotheker, Juden, Christen, Matrosen, alt und jung, alle nahmen daran teil, mit Stangen, Besen, Haken, Harpunen, Hirschfängern, Blasinstrumenten (dem blechernen Alarmhorn), Fahnen usw., wie die kleinen Kinder bewaffnet.

Alles wurde aufgeführt: Rebellion, Dersertion – ein Jude war der Deserteur –, Kriegsgericht, Standrecht, Sturmläuten. Die Sturmglocke war aus einem Hemde gemacht, in welches ein Fassreif gespannt war; als Klöppel diente ein Besenstiel. Das Schönste bei der ganzen Sache war, dass der Doktor die Nase rümpfte und von »Kindereien« sprach; er wurde furchtbar verhöhnt.

Der Landbewohner kann sich aber auch wirklich keine Idee von dem Müßiggang eines solchen Schifflebens machen. Tag nach Tag, Woche nach Woche vergeht, und mit nichts als Himmel und Meer um die Reisenden ist es kein Wunder, dass selbst ganz ernste, gesetzte Menschen einmal über die Stränge schlagen und in fast kindischem Übermut diese Zwischenexistenz der Reise eine Weile zu vergessen und das fatale Gefühl zu betäuben suchen, das in der langen, öden Zeit in ihnen aufzuwuchern beginnt.

Am 18. Juli flog das Schiff lustig durch die Wellen, die Segel von günstigem Winde, unsere Herzen von neuerwachter Hoffnung geschwellt. Heute hatten sich sogar die Oldenburger Bauern auf dem Verdeck versammelt und sangen im Chorus ein sehr schönes Lied, von dem der Kehrreim immer lautete: »In Amerika können die Bauern in den Kutschen fahren«, wobei sie das »s« sehr deutlich von dem »ch« trennten.

Mit den Kutschen möchten sich die guten Leute wohl geirrt haben; »Schiebkarren« könnten da eher am Platze sein; doch geht ja nichts über die Hoffnung, was wären wir ohne sie.

»Morgen kommen wir an Land!« – Wie ein leises Flüstern lief das Wort erst über Deck und drang bis in die untersten, entferntesten Räume.

An Land – das so tausendmal und heißersehnte Land – und wie oft waren wir schon darauf vertröstet worden, wie oft hatten wir uns darauf gefreut.

Land – es liegt ein eigener Zauber in dem Worte, und nur der begreift ihn, der draußen in See der fernen Küste mühsam zustrebt und vor drängender Sehnsucht indessen fast zu vergehen meinte, bis der rastlose, zuckende Fuß den festen, heiligen Boden wieder betreten könne.

Ob wir uns aber auch zehnmal umsonst darauf gefreut, die Sehnsucht danach war deshalb nicht schwächer, eher stärker geworden, und als es leise, ganz leise im Osten anfing zu dämmern, sprang ich aus meiner Hängematte, die ich mir schon seit einiger Zeit selbst gemacht hatte, da ich das Schlafen in dem engen Räume nicht mehr aushalten konnte, und lief hinauf auf die Vorbramrahe.

Ruhig, nur von einem leisen Südostwinde gekräuselt, lag das Meer tief unter mir und schien tanzend und spielend dem gewaltigen Schiffe erst auszuweichen und ihm dann plätschernd zu folgen. Ich kletterte in die oberste Stenge hinauf, umfasste dieselbe mit dem linken Arme und atmete mit Wonne die reine Morgenluft.

Heller und heller wurde der Horizont, klarer, immer klarer die Aussicht, die Nebel schwanden, ein fernes dumpfes, donnerähnliches Brausen schlug an das lauschende Ohr; das war die Brandung. – Dort, dort lag Amerika, und immer deutlicher trat jetzt ein schwacher blauer Streifen über dem dunkeln Wellenhorizonte hervor.

»Land!«, schrie ich hinunter vom Mast, und: »Land, Land!«, tönte es im Zwischendeck von einer Lippe zur andern.

Wie Ameisen aus ihrem bedrohten Bau, so krochen aus dem engen Eingangsloche jetzt die schlaftrunkenen Passagiere eilfertig hervor, stellten sich vorn ans Bugspriet hin, rissen die verschlafenen Augen auf und schrieen: »Land!« Natürlich konnte unten vom Verdeck aus noch niemand etwas erkennen.

Auch der lange Schneider kam, in einer Hand seinen Butterteller, in der andern einen Schiffszwieback, aufs Verdeck gesprungen, als er Land rufen hörte, setzte beides schnell auf einen der Hühnerkästen, die von ihrem gewöhnlichen Stande weggenommen und erst den Tag vorher vor die Winde hingestellt worden waren, und eilte mit den anderen vorn hin, das ersehnte Land zu erspähen.

Wilhelm, der wahrscheinlich dachte, dass er Amerika noch früh genug zu sehen bekommen würde, ließ sich ruhig auf einem der Hühnerkästen nieder, und natürlich nirgends anderswo als gerade in die Butter, welche die Nacht hindurch unten im warmen Zwischendeck weich geworden war. Mit den Fersen dabei gemütlich gegen die Latten klopfend, saß er da, pfiff, die Hände im Schoß gefaltet, und sah träumend ins Blaue.

Der Schneider, nicht unnützerweise um seine Butter besorgt, die er, vertrauend auf allgemeine Redlichkeit, gewissermaßen auf offener Straße hingesetzt hatte, kehrte zurück und blieb starr vor Verwunderung mit offenem Munde stehen, als er dieses Bild unschuldiger Gemütlichkeit und Seelenruhe in seiner Butter sitzen sah.

Wilhelm, nichts Böses ahnend und von dem Erstaunen des Schneiders ergötzt, verzog das Gesicht zu einem breiten Lächeln, wobei er immer noch zu pfeifen versuchte.

Endlich löste sich die Zunge des Erstaunten.

»Nee, der Unglücksmensch«, rief er aus, sprang auf den sich dessen nicht versehenden Wilhelm zu, riss ihn übers Knie, und die Kehrseite desselben mit tiefer Betrübnis den Umstehenden zeigend, rief er aus: »Do hat er se.«

Näher und näher kamen wir jetzt der so lange ersehnten Küste. Schon konnte man das waldige Land, schon grüne Felder erkennen, jetzt die einzeln vorstehenden Bäume, jetzt Häuser, Farmerwohnungen und Leuchttürme; es war ein wundervoller Anblick. Doch nicht lange genossen wir ihn, denn der Kapitän getraute sich nicht, näher zum Ufer zu laufen; wir lavierten daher wieder ab, sodass wir gegen Abend das Land kaum noch vom Wasser unterscheiden konnten.

Am 19. Juli fuhren wir wieder mit vollen Segeln darauf zu. Um elf Uhr ungefähr kam ein kleiner Kutter uns entgegen; die nordamerikanische Flagge flatterte an seiner Segelstange; wir hissten die Bremer Flagge auf. Es war der Lotse.

Jetzt kam neues Leben an Bord. So nahe vor dem Hafen wurde frisches Wasser ausgeteilt, da das Seewasser, mit dem wir uns bis jetzt abgerieben hatten, keine Seife annimmt, und das ganze Schiff glich eher einer Reinigungsanstalt als etwas anderem.

Überall wurde geputzt und blank gemacht. Hier schmückte sich eine junge israelitische Dame vor einem Stückchen Spiegelglas mit falschen Ohrringen, dort wusch sich ein armer Teufel noch in der Geschwindigkeit ein Hemde aus; an jener Seite saßen mehrere Frauen und kämmten und bürsteten die Kinder, und an dieser stiegen ein halbes Dutzend, schon fix und fertig, in ihrem schönsten Sonntagsstaat stolz einher.

Dort, an der Winde, ach ja, da lagst Du, lieber Seiler, auf dem Bauche, Du besaßest nur das eine Paar Beinkleider, Du Armer, und hattest diese auf der langen Überfahrt durchgesessen; aber mit erbarmendem Mitleiden im Blick bog sich der lange Schneider über Dich und setzte Dir einen großen schwarzen Flicken auf den defekten Teil – eine Träne glänzte in seinen großen blauen Augen – es verdunkelte sich, die Nadel stach zu tief, und mit gewaltigem Satze sprangst Du, lieber Seiler, in die Höhe und hieltest die Hand auf den Flicken.

Der Lotse, ein schöner, großer Mann, der, wie alle amerikanischen Lotsen, ganz unähnlich den unseren, die in ihrem groben blauen Pilotenzeuge einhergehen, höchst geschniegelt und modern mit schwarzem Frack und Zylinder angezogen war, brachte uns bald in die Einfahrt des New Yorker Hafens nach Staten Island.

Wo nehme ich jetzt die Feder her, das zu beschreiben, was wir sahen, das zu schildern, was wir fühlten? Der Anblick des im lieblichsten Grün prangenden, mit üppigen Feldern und köstlichen Gebäuden besäten Landes, zwischen denen hier und da wieder der dunkelgrüne herrliche Urwald durchschimmerte, der rechts und links zur Beschützung des Hafens angelegten Forts, des freundlichen, blauen Himmels über uns, der nur leise plätschernden Wogen unter uns, machte mir das Herz aufgehen, und mich trieb es, allein zu sein.

Ich stieg hinauf in den Mastkorb und schaute von dort mit entzückten, warum soll ich's leugnen, mit nassen Augen das wundervolle Land, das uns hier mit liebenden Armen zu umfangen schien, und unwillkürlich drängte sich mir die Frage auf:

»Warum ist das nicht die Heimat, warum musste ich alles, alles verlassen, an dem das Herz hing, um diesen Anblick zu erkaufen?«

Die Matrosen, die wie Katzen die Strickleitern heraufliefen, störten mich in meinen Betrachtungen; die Segel wurden befestigt, und in wenigen Minuten rauschte der schwere Anker in die Tiefe.

Unter gelber Flagge kam jetzt ein kleines Schiff von Staten Island; es brachte einen Arzt an Bord, der die Mannschaft und die Passagiere untersuchen musste, um sich zu überzeugen, ob sie alle gesund seien.

Glücklicherweise waren unsere drei Pockenkranken genesen; die Leutchen sahen alle wohl und frisch aus, sodass der gute Doktor trotz seiner sechseckigen Brille keine Spur vergangener Krankheit finden konnte und mit einem »All well« das Schiff verließ. Gegen Abend sprangen H., unser Doktor und ich wieder über Bord, uns zu baden.

Diese Nacht durften wir das Schiff noch nicht verlassen. Erst am 20. Juli wurden wir mit unserem Gepäck durch einen kleinen Schoner in ein großes viereckiges Blockhaus gebracht, das einige hundert Schritte vom Lande ablag. Dort mussten wir gewissermaßen eine kleine Quarantäne aushalten und nachsehen lassen, ob unsere Koffer entweder etwas Steuerbares oder schmutzige Wäsche enthielten, das Erstere zu versteuern, die Letztere zu waschen.

Mit den steuerbaren Sachen wurde es übrigens nicht streng genommen, und keiner von allen bezahlte etwas.

Strenger wurde die Wäsche nachgesehen, wobei einige wirklich schaudererregende Stücke entdeckt wurden, welche einzelne des liederlichen, faulen Zwischendeck-Gesindels unter ihre reinen Sachen versteckt hatten. Große Kübel wurden jetzt herbeigeschafft, und die guten Leute mussten das Versäumte nachholen.

Wir fünfe hatten nichts Schmutziges, weil wir stets auf dem Schiffe unsere Wäsche gereinigt hatten, das heißt die getragenen Gegenstände, an ein Tau gebunden, etwa vierundzwanzig Stunden lag vom Schiffe hatten nachziehen lassen, was die Wäsche, wenn auch nicht sehr weiß, doch tragbar macht und, wie jeder gestehen muss, sehr bequem ist.

Als wir die »Konstitution«, in der wir nun vierundsechzig Tage in Freud und Leid zugebracht, verließen und von der Mannschaft Abschied nahmen, war es uns, wenigstens mir, fast, als wenn wir alte, liebe Bekannte zurückließen.

Wir brachten ihnen auch, als die Bootsleute abstießen, ein donnerndes Hoch, das lauttönend von den Matrosen mit dem gebräuchlichen englischen »Hip, hip, hip, Hurra!« dreimal zurückgegeben wurde.

So gut es übrigens gemeint war, so fand es bei dem israelitischen Teil unserer Passagiere doch wenig Anklang. Diese, obschon sie tüchtig ihre englischen Gespräche durchstudiert haben mochten, hatten doch dieses »hip, hip, hip« noch nicht in ihrem Wörterbuche gefunden, und einer von ihnen bemerkte ganz treuherzig: »Na, se hätten uns aach nicht gebraucht auszeuzen, ze guter Letzt.«

Obgleich das Blockhaus, wohin man uns brachte, das »Quarantänegebäude« genannt wurde, hielt man es mit der Quarantäne doch nicht sehr streng, und ein großer Teil von uns fuhr noch denselben Abend auf einem Kahne an Land. Zum ersten Mal betraten wir die neue Welt, für uns wahrlich eine wunderschöne, herrliche, aber doch eine neue und deshalb fremde Welt.

Sonderbare Gefühle bestürmten mich, als ich allein unter den fremden Bäumen, an den bleichen Amerikanern vorbei, zwischen fremdartig gebauten Straßen hindurchwandelte und mir ein ruhiges Plätzchen aussuchte, ganz meinen Gedanken nachzuhängen; es waren wehmütige und doch auch wieder hoffende, vertrauende Gefühle.

Erst spät kehrte ich zu den Unsrigen zurück, die ich um Bier, Butterbrot und Käse versammelt fand, und die es sich zum guten Anfang gar wohl in der neuen Heimat sein ließen.

Was halfen auch die trüben Gedanken, wir waren einmal da und mussten jetzt sehen, wie wir durchkamen. So ließ ich mich denn ebenfalls nicht lange nötigen und setzte mich zu den übrigen Schiffsgefährten.

Während wir noch dort zechten und uns die langentbehrten Gottesgaben gut schmecken ließen, kam ein Fremder zu uns in die Stube, redete uns jedoch deutsch an, sodass wir in wenigen Minuten wie alte Bekannte waren. Es war ein Bäcker, der, schon einige dreißig Jahre in Amerika, sich ein bedeutendes Vermögen erworben hatte, und er kam einzig und allein in der löblichen Absicht zu uns, uns einige wohlgemeinte Warnungen zu geben. Der gute Mann hätte sich die Mühe ersparen können, wir wussten, wie alle Neuankommenden, das alles besser.

Er hatte die meiste Zeit seines Aufenthaltes in Pennsylvanien gelebt und redete, wie die dortigen Bürger, alle Leute mit Du an.

»Nehmt Euch vor den Amerikanern in Acht«, sagte er, »sie betrügen Euch, wo sie können; wenn Ihr aber einmal einem vertrauen müsst, so vertraut lieber einem Amerikaner als einem Deutschen. Es ist eine Schande für die Deutschen, es ist aber wahr. Hütet Euch vor ihnen, denn sie sind gegen ihre Landsleute viel schlimmer als gegen alle anderen, weil diese«, setzte er vertraulich hinzu, »immer die dümmsten sind. Wenn Ihr nach New York kommt, so geht nicht in die Kneipen nahe am Wasser – William Tell und wie sie alle heißen, – es sind Mordhöhlen; tut Ihr's dennoch, so ist es Eure eigene Schuld, und Ihr dürft Euch nicht beklagen.«

In dieser Art redete er noch lange fort, und obgleich ich damals keine Ausnahme von der allgemeinen Regel machte, das heißt alles besser wissen und diesen bösen Warnungen nicht glauben wollte, weil sie nicht mit meinen Ideen übereinstimmten, so habe ich doch später gefunden, wie recht der Mann hatte.

Nur in der einen Sache hatte er nicht ganz recht, dass er die Deutschen allein als Betrüger anklagte. Allerdings für ihre Landsleute sind sie die gefährlichsten; die dortigen Landhaie suchen sich aber eben immer und ganz hauptsächlich ihre Landsleute aus, weil sie deren Sprache am besten verstehen, und diese, sobald sie an der fremden Küste die heimischen Laute hören, denen, die sie reden, auch am leichtesten vertrauen. Der Franzose sucht sich den Franzosen, der Deutsche den Deutschen, der Engländer den Engländer, und was er aus ihm herauspressen kann, geschieht mit Vergnügen.

»Sie werden das Geld doch hier in Amerika los«, trösten und entschuldigen sie sich dabei, »und es ist doch besser, dass es ein Landsmann bekommt als einer der verdammten Fremden.«

Wir kehrten nach zehn Uhr wieder in unsere Baracke zurück, wo alle übrigen Deckpassagiere in malerischen Gruppen gelagert waren, und verbrachten ebenfalls dort die Nacht.

Als die Sachen unserer Reisegesellschaft genau durchgesehen wurden, fand sich noch mehr Unrat, als man erwartet hatte, und müde, länger in dieser ekelhaften Umgebung zuzubringen, gingen wir fünf auf ein Dampfboot, das morgens um neun Uhr von Staten Island nach New York abging, welche Strecke von zwei Meilen es in einer halben Stunde zurücklegte.

Zu viel war da von neuen, nie gesehenen Herrlichkeiten zu schauen, als dass das Auge hätte lange auf einer Sache weilen und sich dieselbe einprägen können.

Als ich kaum glaubte, dass wir abgefahren waren, hielt das Dampfboot schon, und vor uns lag das ungeheure Häusermeer New Yorks, von einem Mastenwalde begrenzt.

3. Kapitel: Streifzug durch die Vereinigten Staaten

New York

Kaum landete das Dampfboot, als sich eine Unmasse von Karrenführern zu uns drängte, die alle sehr bereitwillig sich anboten, unsere Sachen an den Ort ihrer Bestimmung zu liefern. Wir wählten zwei von ihnen, die unsere Koffer und Kisten aufluden, wofür wir zusammen einen Dollar bezahlen mussten; doch hatten sie dieselben ein ziemliches Stück Weges zu fahren.

Der Karren, dessen sich diese Leute bedienen, ruht auf zwei Rädern, und zwar so, dass, wenn aufgeladen wird, der hintere Teil auf die Erde hinunterreicht, damit schwere Waren mit größtmöglicher Leichtigkeit hinaufgewälzt oder gerollt werden können.

Zllr., der schon früher einmal in New York gewesen war, empfahl uns das Schwarzische Wirtshaus (boarding house), und wir zogen also dahin. Eine schmutzigere Wirtschaft war mir aber noch nicht vorgekommen, als bei der alten Madame Schwarz; denn noch jetzt erfasst mich ein Ekel, wenn ich an die von Wanzenblut geblümten Betten denke.

Natürlich war ich die ersten Tage nicht viel im Hause, sondern schlenderte durch die breiten, herrlichen Straßen New Yorks und bewunderte mehrere, wirklich prachtvolle Gebäude darin.

Was mich aber am meisten ansprach, war die Unzahl von Schiffen, welche um die ganze Stadt, die bekanntlich auf einer Insel liegt, eins an das andere gereiht waren, sodass das ganze ungeheure New York einen Hafen bildet. Damals lagen ungefähr fünfzehnhundert größere und kleinere Schiffe um die Stadt herum.

Ganz entzückt war ich auch im Anfange von dem Überfluss an Südfrüchten, der hier herrschte. In allen Straßen waren Wagen voll Ananas, Orangen und Kokosnüsse; die schönsten Ananas wurden zu zwei und vier guten Groschen das Stück verkauft.

Ich war ein paar Stunden gelaufen und wollte eben wieder nach unserem Wirtshause zurückkehren, als der sonderbarste Zug, den ich in meinem ganzen Leben gesehen habe, um eine der Straßenecken bog. Es war der Begräbniszug eines armen Irländers.

Das erste im Zuge war ein großer, viereckiger Leichenwagen mit schmutzigem, einst schwarz gewesenem Zeuge behangen. Oben auf dem Vorderteile des Wagens war ein Sitz für den Leichenkutscher angebracht. Auf diesem Sitze befand sich dieser auch, aber in einer nichts weniger als traurigen Haltung.

Den linken Fuß auf das rechte Knie gelegt und den linken Ellbogen auf das linke Knie gestützt, saß er da oben, in einem blauen, abgeschabten Frack, mit herunterhängender Hutkrempe und einst weiß gewesenen Beinkleidern; zu gleicher Zeit kaute er in größter Behaglichkeit an einem Apfel, den er in den linken Hand hielt, während er mit der rechten den Pferden dann und wann einmal einen Hieb versetzte, sie zu stärkerem Schritte anzutreiben. Den Zügel hatte er sich um das linke Knie geschlungen.

Hinterher kamen sechs zweirädrige Karren, sogenannte drays und von derselben Art, wie sie zum Fortschaffen der Frachtgüter gebraucht werden. Auf jedem saßen zehn bis zwölf »Leidtragende«, und zwar so, dass sie, mit dem Rücken gegeneinander gekehrt, die Beine rundherum heraushängen ließen, Männer und Frauen alle durcheinander, in die hellsten und grellsten Farben gekleidet, essend, trinkend und lachend. Es war wirklich, wenig zu sagen, ein originelles Begräbnis.

Überhaupt bot sich mir, wohin ich auch kam, so viel des Neuen und Wunderbaren, dass ich Stunden brauchte, aus einer Straße in die andere zu kommen, und es war spät am Abend, ehe ich mein Kosthaus wieder erreichte. Immer, wenn ich endlich gehen wollte, kam mir dies und jenes dazwischen, und so verging eine Stunde nach der andern.

In meiner Wohnung angekommen, fand ich meine Reisegefährten vor, und es lässt sich denken, dass wir uns sehr viel zu erzählen hatten.

Als wir endlich, es war zwölf Uhr, zu Bette gehen wollten, schallte es »Fire, fire, fire!« durch die stillen Gassen. Ich sprang auf und schaute aus dem Fenster, da bemerkte ich, dass der Himmel gerade über den gegenüberstehenden Häusern glutrot war.

Da ich noch angezogen war und keiner der Übrigen mitgehen wollte, so sprang ich allein die Treppe hinunter und dem hellen Scheine zu. Eine Straße nach der andern eilte ich hinab – immer stand der Schein fast dicht vor mir; endlich, nachdem ich wohl dreiviertel Stunden gelaufen war, kam ich zur Brandstätte. Es war ein kleines hölzernes Gebäude, das ganz in Flammen gestanden hatte, aber noch nicht niedergebrannt und von den herbeigeeilten Spritzen schon gelöscht war. Ich kam eben noch zur rechten Zeit, das letzte Verglimmen des Feuers mit anzusehen.

Es waren mehrere Deutsche unter den zum Brande geeilten Leuten, und ich fragte jetzt einen von ihnen, wie weit ich bis zu meiner Wohnung in Pearlstreet hätte. Zu meinem Schrecken erhielt ich die Antwort, dass ich mehr als zwei englische Meilen von meinem Bette entfernt sei. Der Mann versicherte mir auch, dass, wenn ich nach jedem Feuer in New York laufen wollte, ich sicher die ganze Nacht weiter nichts zu tun hätte, da es selten wäre, dass es weniger als zweimal die Nacht brenne, ein Feuer aber regelmäßig alle vierundzwanzig Stunden sei.

Ich fand auch seine Worte vollkommen bestätigt, denn nach wenigen Stunden brannte es noch einmal; und während der ganzen drei Monate, die ich in New York zubrachte, erinnere ich mich nur weniger Nächte, die ohne Feuerlärm vorübergingen.

Die Löschanstalten sind übrigens hier vorzüglich, und die angesehensten Bürger gehören zu den Feuerwehrleuten; auch die Spritzen sind höchst elegant und geschmackvoll aus Messing und Stahl gearbeitet und werden von den Menschen selber gezogen. Wie unähnlich sind sie unseren alten roten Donnerkästen, bei denen es eine halbe Stunde dauert, ehe nur die Pferde ins Geschirr kommen.

Acht Tage wären mir in New York so rasch vergangen, dass ich glaubte, ich sei kaum zwei dort, und ich hatte viele Deutsche in der kurzen Zeit kennen gelernt. Der Aufenthalt im Wirtshause war mir unerträglich geworden, denn keine Nacht konnte ich schlafen. Ich legte mich im wahren Sinne des Wortes bloß aufs Bett, um die Wanzen zu füttern.

Durch einen Braunschweiger wurde ich mit einer deutschen Familie bekannt, zu der ich zog und für Kost und Logis wöchentlich drei Dollars zahlte. Es war damals ungefähr der gewöhnliche Preis. Die Wäsche, für die ich vier Cents (20 Pfennig.) das Stück gab, musste besonders vergütet werden.

Ich war mit der Absicht nach New York gekommen, mich von dort aus nach Vera Cruz einzuschiffen, hörte aber über die mexikanischen Verhältnisse so viel Ungünstiges, dass ich zuerst unschlüssig wurde und endlich, als mehr und mehr Leute mir den unruhigen, ungewissen Zustand des mexikanischen Reiches schilderten und mich als neuen Ankömmling warnten, dahin zu gehen, mir die Sache ernstlich überlegte und beschloss, mir erst die Vereinigtes Staaten recht ordentlich anzusehen, ehe ich mich nach anderen Ländern wendete.

Besser schienen mir die Aussichten im Lande selbst zu sein. Ein junger Farmer von Illinois, den ich in New York sprach, sagte mir, dass es für einen Landmann leicht sei, dort eine Pachtung zu bekommen, das heißt eine Pachtung im amerikanischen Sinne des Worts, wo der Pächter ein Stück »geklärtes« Land mit den dazu gehörigen Gebäuden erhält, dasselbe bearbeitet, wozu der Eigentümer größtenteils das Handwerkszeug liefert und dafür den dritten Teil der Ernte abgibt; zugleich versicherte er mir noch, dass zwei Mann recht bequem sechzig Acker besorgen könnten.

Freilich verschwieg er, dass dies mit dem amerikanischen Landbau ganz und gar vertraute Leute sein müssten.

Allerlei Pläne gingen mir damals im Kopfe herum; ich konnte mich aber noch immer nicht zu etwas Bestimmtem entschließen, und darüber verging wieder eine gute Zeit.

So viel hatte ich indessen von den deutsch-amerikanischen Kirchen gehört, dass ich endlich beschloss, eine zu besuchen. Ein Bekannter erbot sich, mich am nächsten Sonntag zu einer der besseren hinzuführen. Es war dies die deutsche reformierte Kirche.

Wir kamen etwas spät, und ich war über die Aufregung und Unordnung, die in dem heiligen Gebäude zu herrschen schien, erstaunt.

Ich sollte bald noch mehr staunen. Der Prediger, ein ziemlich starker, robuster Mann, sah gewaltig rot im Gesichte aus und sprach heftig, obgleich er nicht schlecht zu predigen schien; dann und wann jedoch hielt er ein und trank etwas, das er neben sich stehen hatte.

Plötzlich, als alles in völliger Ruhe zu sein schien und der Mann auf der Kanzel den Text erläuterte, stand eine Dame von ihrem Sitze auf und fing an laut zu reden.

Was sie wollte, konnte ich nicht gleich verstehen, doch mit Erstaunen erkannte ich meine Hauswirtin und vernahm die abgebrochenen Worte: »Schändlichkeit – nicht dulden – Frechheit – Männer – Kanzel werfen.«

Als ich noch über den wahrscheinlichen Sinn dieser Worte nachdachte, entstand ein allgemeiner Aufruhr im Gotteshause.

»Runter von der Kanzel mit dem Schreier – werft ihn naus – prügelt ihn durch!« Das waren ungefähr die Ausrufe, die laut wurden, und mit toller Eile machte sich die Menge daran, den Pfarrer von der Kanzel zu holen.

Das war aber nicht so leicht. Die Kanzel, zu der auf beiden Seiten eine schmale Treppe hinaufführte, hatte am Fuße derselben eine kleine Tür, die von innen verschlossen werden konnte.

Die Aufrührer sprangen nach der rechts befindlichen Treppe, aber der Seelenhirt bewies ihnen, dass er im wahren Sinne des Wortes zur streitenden Kirche gehöre; mit ein paar Sätzen war er an der Tür und verteidigte sich ritterlich.

Viele Hunde sind freilich des Hasen Tod; die Besatzung der Festung war zu schwach. Während er einen Teil derselben verteidigte, musste er den andern bloßgeben; die Aufrührer rannten eine Bresche, stürmten die andere Treppe hinauf und griffen die Besatzung von hinten an.

Der gute Herr Pastor wurde in das Innere der Kirche geschleppt, entschlüpfte aber seinen Verfolgern, sprang in eine Ecke und rief, indem er eine kunstgerechte Boxerstellung annahm, seine bisher gespielte Rolle vergessend, und zwar in recht gutem Englisch: »God damn you, come on, all of you!«

Und wirklich waren diese Worte nicht bloße Prahlerei gewesen, denn seit er seinen Rücken gedeckt hatte, hielt er sich den ganzen Schwarm vom Leibe.

Ich hatte mich während des ganzen Vorfalls auf eine Bank gestellt, dem Spektakel zuzusehen, und kann wohl sagen, dass ich mich recht gut amüsierte.

Übrigens fochten sie nicht ritterlich; denn obgleich sich die Vorderen nicht an ihn wagten, schlugen ihn die Hinteren mit Regenschirmen auf den Kopf, und der Übermacht weichend, machte er einen Ausfall und gelangte ins Freie.

Weiter wollte die liebe Gemeinde nichts, und mehrere sprachen davon, den andern Prediger zu holen; doch waren die Gemüter zu aufgeregt, und die Streiter der Kirche (Kreuzritter) gingen auseinander. Zu Hause erfuhr ich von meiner Wirtin die Ursache des Aufruhrs.

Die Gemeinde hatte diesen handfesten Prediger verabschiedet und einen andern erwählt, der an diesem Sonntage das erste Mal predigen sollte, die Rechnung aber dabei ohne den Wirt gemacht. Der Ex-Seelenhirt begab sich nämlich schon mit Tagesanbruch, und zwar mit Hilfe eines andern Schlüssels, in die Kirche und setzte sich in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, ruhig auf die Kanzel.

Als nun die Gemeinde mit dem andern Prediger ankam und den alten Geistlichen schon da oben auf der Kanzel antraf, ging dieser, der ein ruhiger, friedliebender Mann war, gleich wieder zurück, und trotz Drohen und Schimpfen fing der bisherige seine Predigt an. Er hätte auch vielleicht seinen Willen durchgesetzt, wenn nicht jene Amazone den Funken zum Pulverfass getragen.

Wie ich in späteren Jahren gehört habe, sind dieselben Unruhen in dieser Kirche noch mehrere Male vorgefallen; ich hatte übrigens an dem einmaligen Gottesdienst genug. Der Sabbat wird sonst bei den Amerikanern sehr streng gehalten, und nichts darf an diesem Tage vorgenommen werden als Beten und vielleicht Lesen eines religiösen Buches. Natürlich gibt's auch Ausnahmen.

Was mich in New York befremdete, war, dass ich gar keine Soldaten sah, außer manchmal ein paar etwas militärisch aussehende Burschen mit blauen Jacken, eben solchen Beinkleidern und wachstuchenen Mützen; es waren dies »Uncle Sam's« Soldaten, die für acht Dollars den Monat sich für den Staat aufopfern.

Selten ist's, dass sich einmal ein ordentlicher Mann unter sie verliert; gewöhnlich sind es solche, die keine Lust zum Arbeiten haben oder auf keine andere Art ihr Fortkommen finden können. Natürlich stehen sie, die Offiziere ausgenommen, nicht in Achtung.

Sonst gibt es Bürgermilitär, mehrere amerikanische und deutsche Kompanien, die bei Festen oder anderen Gelegenheiten ausrücken und ziemlich geschmackvoll uniformiert sind.

Vor Kurzem hatte sich auch eine Anzahl Schotten vereint und eine Kompanie gebildet, und zwar in altschottischer Hochländertracht, die verschiedenen Verbände in ihren Farben, mit Plaid und Federbarett und blauen Mützen, Schild, Claymore und ihren Standarten; die Häuptlinge mit ihren Adlerfedern geschmückt, und die Sackpfeifer lustig ihre schottischen Nationallieder spielend. So zogen sie durch den größten Teil der Stadt und sahen prachtvoll aus.

Am nächsten Tage aber hielt sich der »Herald« nicht wenig darüber auf, dass Leute, die doch auf Anständigkeit Anspruch machten, sich nicht schämten, »mit bloßen Beinen« durch die Straßen zu ziehen und noch dazu mit Musik, damit ja alle Leute recht aufmerksam darauf werden möchten. – Wenn sie sich mit ihren »bloßen Beinen« heimlich durch die Straßen geschlichen hätten, würde es ihm besser gefallen haben.

Sehr viele Auswanderer kamen noch in diesen Tagen an und füllten alle Wirtshäuser; was mir aber höchst sonderbar vorkam, war, dass sich die Amerikaner nicht so um die Fremden zu drängen schienen, als ich mir bisher eingebildet hatte, und zu meinem größten Leidwesen sah ich, dass ein Irishman (Irländer) und ein Dutchman (Deutscher) nur sehr wenig mehr als die Schwarzen geachtet wurden.

Ehrenvolle Ausnahmen gibt es hiervon, wie sich von selbst versteht, denn der gebildete Amerikaner weiß einen Unterschied zu machen; die Achtung, in der der Deutsche, den vielgelesenen Berichten nach, stehen sollte, hatte ich mir aber doch eigentlich ganz anders gedacht.

Einen höchst unangenehmen Eindruck macht aber auf den eben angekommenen Europäer die Behandlung der armen Schwarzen, die, obgleich New York kein Sklavenstaat ist, doch wenig besser als das Vieh geachtet werden.

Und dennoch genießen sie jetzt eine Menge Rechte, die sie vor zwei Jahren noch nicht hatten, und welche ihnen erst durch General Jacksons Güte zuteil wurden.

Allerdings dürfen sie auch jetzt noch in keinem Omnibus fahren, im Theater nur in der Galerie sitzen; müssen, mit wenigen Ausnahmen, Kirchen für sich allein haben, dürfen nicht vor Gericht gegen einen Weißen schwören usw.

Die amerikanische Unabhängigkeits-Erklärung sagt ausdrücklich: »Alle Menschen sollen gleich sein«, und dennoch besteht in diesem Lande die Sklaverei.

Vor amerikanischen und deutschen Schwindlern war ich indessen reichlich und genug gewarnt worden, hielt mich auch für vollkommen klug genug dazu, nach meinem Geldbeutel ausgeworfenen Schlingen – ich besaß ein kleines Kapital von nicht ganz mehr 200 Dollars – schlau und geschickt ausweichen zu können.

Als ich nun einige Wochen in New York gewesen war, begann mein Hauswirt mir Vorschläge zu machen, mit ihm zusammen ein Zigarrengeschäft zu eröffnen. Er behauptete, die Sache aus dem Grunde zu verstehen, ich hatte ein kleines Kapital, und es war gar nicht dem geringsten Zweifel unterworfen, dass wir in ein paar Jahren unser Kapital verhundertfachen könnten.

Im Anfang hielt mich ein gewisser Instinkt, eine Art Ahnungsvermögen davon zurück; ich hatte auch zu viel, gerade von den Deutschen gehört – aber doch nicht von meinem Hauswirt – das waren ja ganz andere.

Es dauerte auch gar nicht lange, so leuchtete mir die Sache vollkommen ein; ein in das Innere ziehender Deutscher namens Wagner wünschte einen Zigarrenladen zu verkaufen, glücklicher konnte sich gar nichts treffen, da wir gerade einen zu kaufen wünschten, und wir wurden bald handelseinig.

Alles Geld, was ich besaß, steckte ich jetzt in die jenes Lager füllenden, wie sich später herausstellte, meist verfälschten Waren; mein Kompagnon nahm noch andere auf Kredit hinzu – merkwürdigerweise fand er Leute, die ihm borgten – und in kurzer Zeit stand im Broadway, der bedeutendsten Straße New Yorks, ein Zigarren- und Tabaksladen unter unserer Firma, das heißt ich selber als Kompanie mit angeführt (im wahren Sinne des Worts).

Schon so lange in Amerika, fing ich nun auch an mich zu amerikanisieren. Ich staunte zum Beispiel nicht mehr, wenn ich eine dicke, fette Mulattin mit der Pfeife im Munde über die Straße gehen sah oder wenn ich feingeputzte Damen, höchst geschmackvoll angezogen, ohne Strümpfe in den Schuhen bemerkte.

Ebenso wenig fiel es mir auf, einen anständig gekleideten Herrn in schwarzem Frack und schwarzen Beinkleidern, mit goldener Uhrkette usw. mit einem Korbe am Arme zu Markte gehen zu sehen, und ich schaute mich kaum noch um, wenn vielleicht ein Yankee in schlechtem Wetter, vom Markte kommend, gestreckten Galopps mit sehr kurzen Steigbügeln, am linken Arm einen Korb mit Gemüse, in der rechten Hand einen aufgespannten Regenschirm, durch die Straßen sprengte. Der Mensch gewöhnt sich an alles.

In dieser Zeit fiel es mir auch manchmal ein, eine kleine Jagd zu machen, und da mir Zllr. die Ufer des Hudson immer als sehr reizend gepriesen, so gingen wir eines schönen Morgens mit unserem Schießzeug auf eins der unzähligen Dampfboote, die dort lagen, und fuhren den Hudson für den ungemein billigen Preis von ungefähr fünf Goschen für zweiundzwanzig englische Meilen hinauf. Die Fahrt allein war das Hundertfache wert, schon der wundervollen Landschaft wegen.

Der Hudson ist unstreitig der schönste Fluss, den ich je gesehen habe. Der stille, spiegelglatte und doch majestätisch breite Strom mit seinen ungeheuern schroffen Felsufern, oben mit dem herrlichsten Grün bekleidet, die kleinen Wohnungen und Städtchen, die sich, wo es irgend der Raum gestattet, an seine Ufer anschmiegen, die tausend und abertausend Fahrzeuge, die das Ganze beleben, erfüllen das Herz mit Bewunderung und Wonne.

Da das Boot spät abgegangen war, kamen wir erst mit Dunkelwerden an den Ort unserer Bestimmung und übernachteten dort in einem Wirtshause.

Am nächsten Morgen waren wir mit Tagesanbruch gerüstet und fingen an, die Felder und Wälder mit einer wahren Gier nach Beute zu durchsuchen.

Müde und matt vom vielen Fenz- und Zaunklettern und vom Springen über umgestürzte und ganz oder halb verfaulte Bäume, vom Durchwaten der Moräste, vom Übersteigen der Hügel, kamen wir endlich abends, ohne auch nur eine Feder oder sonst etwas gesehen zu haben, zu einem Vetter Zllrs. an, der uns gastfreundlich aufnahm und uns versicherte, dass wir nicht verständen, das Wild in Amerika aufzufinden; er wolle uns am nächsten Morgen selber führen. Neue Hoffnung.

Schon vor Tagesanbruch waren wir alle marschfertig und zogen in die wundervolle, würzige Luft hinaus, einzig mit Mordgedanken beschäftigt und schon berechnend, ob unsere Jagdtaschen alles erlegte Wild fassen würden.

Dieselbe Jagd wie gestern wiederholte sich nun; hier schlichen wir an einem Waldsaume hin, dort an einer Fenz, hier durchstöberten wir einen Busch, dort durchwateten wir Strecken sumpfigen Landes, von Tagesanbruch bis spät nachmittags, und noch war kein Schuss gefallen.

Das kühlte denn doch unsere Jagdbegierde bedeutend ab, und als wir, wieder in der Nähe des Stromes, ein Dampfboot vorbeikommen sahen, winkten wir und ließen uns an Bord nehmen.

Müde und hungrig und ohne auch nur ein einziges Stück amerikanisches Wild gesehen zu haben, kehrten wir solcher Art nach New York zurück.

Die Jagd im Osten der Vereinigten Staaten, besonders aber in der Nähe größerer Städte, ist wahrlich zu unbedeutend, auch nur ein Gewehr deshalb aufzunehmen.

Es gibt allerdings hier und da ein schwaches Volk einer kleinen Rebhühnerart, die die Amerikaner nicht gerade unpassend Wachteln nennen; auch ein einzelnes Kaninchen wird manchmal angetroffen, und eine ziemlich große Art von Lerchen, die wie die Wachteln fliegen und auch ziemlich deren Größe haben, sind nicht gerade selten.

Damit sind wir aber auch fertig, und alles andere Wild ist dort schon längst vertilgt. Es laufen dabei eine Masse Jäger draußen herum, die selbst den kleinsten Singvögeln einen erbarmungslosen Vernichtungskrieg geschworen haben, die neugewonnene Jagdfreiheit auch würdig zu benutzen; aber wer auf wirkliche Jagd Anspruch macht, soll um Gottes willen nicht östlich vom Wabasch die Flinte in die Hand nehmen.

Nur Wassergeflügel gibt es auf dem Hudson, in den nördlichen Seen und Sümpfen des New Yorker Staates in ziemlicher Menge.

Nach diesem Ausfluge trieb es mich nicht so bald wieder aus der Stadt; ich hatte für einige Zeit genug bekommen und besorgte eifrig meine Geschäfte.

Besondere Mühe gab ich mir dabei, die englische Sprache zu erlernen; denn obgleich ich in Deutschland schon etwas darin vorgearbeitet hatte, kam es mir hier im Anfange wie Chaldäisch oder Chinesisch vor. Nur so lange jedoch, bis sich mein Ohr an die Klänge gewöhnt hatte, dann half mir die gewonnene Grundlage ungemein rasch weiter.

Mein Geschäftsleben war indessen höchst trauriger Art. Aus Broadway hatten wir uns schon der teuern Miete wegen, und da sich der Verkauf dort keineswegs so glänzend wie erwartet zeigte, fortgezogen und unseren Laden in demselben Keller in Nassaustreet aufgeschlagen, wo wir wohnten.

An Miete ersparten wir dadurch, aber verloren doch auch viele Kunden, und die einzelnen Jungen, die abends kamen und mit Zimmetöl betupfte Centzigarren kauften, konnten uns dafür nicht entschädigen.

Auch mit meinem Kompagnon glaubte ich Ursache zu haben, nicht besonders zufrieden zu sein – und ich hatte eigentlich zwei, denn seine Frau, die Kirchenamazone, regierte mehr mit, als mir und vielleicht auch ihm lieb war.

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