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Straße der Verlorenen (Ben Corrigan - die Endzeit-Saga)

Alfred Wallon, Marten Munsonius

Straße der Verlorenen (Ben Corrigan - die Endzeit-Saga)

Cassiopeiapress SF





BookRix GmbH & Co. KG
80331 München

BEN CORRIGAN, die Endzeit-Serie

Band 3

Straße der Verlorenen

von Alfred Wallon mit Marten Munsonius

ALTE RECHTSCHREIBUNG

Created by Alfred Wallon & Marten Munsonius

Exposé Marten Munsonius

© by Authors

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

...es war eine zerstörte und völlig veränderte Welt, als Ben Corrigan aus seinem künstlichen Schlaf erwachte und unter vielen Gefahren den Weg über verzweigte Höhlensysteme den Weg ins WEITDRAUSSEN fand. Er entdeckte zu seinem Entsetzen ein Land, das fast nichts mehr mit seiner einstigen Heimat gemeinsam hatte. Das Territorium der Vereinigten Staaten von Amerika wurde längst von neuen Machthabern beherrscht - sie waren aus dem Osten gekommen und hatten im letzten vernichtenden Krieg, den einige machtgierige Politiker gegeneinander geführt hatten, die USA erobert. Das Banner des roten Halbmondes wehte über Amerika, und die neuen Herren regierten mit harter Hand über den einstigen Erzfeind.

Corrigan wußte nicht viel über sich selbst, denn der lange Schlaf hatte ihn große Teile seiner Erinnerung vergessen lassen - er war jetzt nicht nur in diesem Land ein Fremder geworden. Zusammen mit dem Mutanten Kaar-Toom, den man auch den Träumer nannte, machte er sich auf den Weg, um mehr herauszufinden. Es wurde ein Weg ins Ungewisse...

Kapitel 1

Grauer Dunst soweit das Auge reichte.

In der Fahrerkabine war es schwül heiß und die Luft war stickig. Doch wenn Corrigan das Fenster runterkurbelte, spürten sie nur einen unangenehm feuchten Wind, der den Männern den Schweiß aus den Poren trieb.

"Verdammter Mist!" fluchte Corrigan, als er bemerkte, daß der alte Armytruck nun schon zum wiederholten Male zu stottern begann und ein rotes Lämpchen auf dem Armaturenbrett aufleuchtete. "Diese Kiste wird doch wohl hoffentlich nicht schlapp machen?"

Sein Gefährte, der neben ihm auf dem verschlissenen Sitz hockte, erwiderte zuerst nichts darauf. Es war ihm ohnehin ein Rätsel, daß diese gewaltige Maschine überhaupt funktionierte und Corrigan sogar noch wußte, wie sie zu steuern war. Kaar-Toom verstand nichts von Antriebstechnik und Motoren - für ihn existierten nur das schrecklich laute Motorengeräusch, eine unbequeme Kabine und vier Räder, die auf geheimnisvolle Weise Corrigans Befehlen zu gehorchen schienen.

Der Motor stotterte erneut, und Corrigan handelte in diesen Sekunden instinktiv. Er trat das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Ein lautes Heulen erklang, während der Truck mit einem heftigen Ruck nach vorn schoß. Seine Kiefer begannen vor unbewuster Anstrengung zu mahlen. Das Fahrzeug schaukelte bedrohlich. Die Vorderräder griffen endlich wieder auf festem Untergrund.

Das geschah so schnell, daß Kaar-Toom förmlich in den Sitz gepreßt wurde. Den Blick, den der vierarmige Mutant dann seinem Gefährten zuwarf, war alles andere als freundlich.

"Es scheint geholfen zu haben", murmelte Corrigan, als er sah, daß das rote Aufblinken wieder verschwunden war und der Motor wieder ruhiger lief. "Tut mir leid, Kaar-Toom..."

"Ich traue dieser Maschine nicht", erwiderte Kaar-Toom mit seiner dunklen Stimme. "Nicht einen einzigen Augenblick. Wir hätten besser zu Fuß gehen sollen."

"Dann brauchen wir Wochen, bis wir an unser Ziel gelangen", hielt ihm Corrigan entgegen und steuerte den Truck im letzten Moment an einem Schlagloch vorbei, das er jetzt erst gesehen hatte. "Ich denke nicht, daß wir soviel Zeit haben." Der Vierarmige drückte sich fest in den Sitz und starrte nachdenklich durch die Seitenscheibe.

"Was bedeutet schon Zeit in diesem verrückten WEITDRAUSSEN?" stellte Kaar-Toom achselzuckend die Gegenfrage, und Corrigan ahnte, was seinem Gefährten jetzt durch den Kopf ging. Kaar-Toom war ein Deformierter, der sein ganzes bisheriges Leben in den Tunneln und Schächten weit unter der Erdoberfläche verbracht hatte. Die Carra und Zoh´n hatten bisher sein Leben bestimmt, das voller Entbehrungen gewesen war. Aber da waren diese Träume gewesen, die ihn eine andere Welt hatten sehen lassen - und genau diese Welt hatte er nun zusammen mit Corrigan vor einigen Wochen betreten. Seitdem war nichts mehr so wie bisher...

"Es gab mal eine Zeit, da kam man auf diesen Straßen bedeutend schneller voran...", murmelte Corrigan, der erneut einem Schlagloch ausweichen mußte. Die Asphaltdecke - oder besser gesagt, das was davon noch übrig war - hatte große Risse und Unebenheiten. Grasbüschel wuchsen heraus und dokumentierten auf diese Weise, daß die Natur auf dem besten Wege war, dieses verlorene Territorium endlich wieder zurück zu gewinnen.

Es war ein rauhes und ödes Land, an dessen Horizont sich graue Wolken zusammengeballt hatten. Die Sonne hatte sich den ganzen Tag nicht blicken lassen, und es sah so aus, als wenn es gleich ein Gewitter geben würde. Dieses trübe Wetter spiegelte sich auch in Corrigans Stimmungslage wider, denn im Grunde genommen hatte er nicht die geringste Ahnung, was ihn und Kaar-Toom auf dem Weg nach Starfox-City so alles erwartete. Sie kannten nur die vage Richtung, die sie einschlagen mußten - aber das wäre zu früheren Zeiten gar kein Problem gewesen. Denn da existierten noch gut ausgebaute Highways mit Hinweisschildern. Aber das war in einem anderen Leben gewesen, wie Corrigan mittlerweile wußte...

"Was ist das?" wollte Kaar-Toom wissen, als seine wachsamen Augen etwas registrierten, dessen Sinn er sich nicht erklären konnte. "Das sieht aus wie... große Tafeln. Was steht darauf geschrieben?"

"Sowas nennt man Werbung", lächelte Corrigan bitter und bemerkte, daß Kaar-Toom nichts begriff. Er sah die verrosteten und in sich zusammengestürzten Leuchtreklamen, um die sich niemand mehr kümmerte. "Vergiß es - das hat ohnehin keine Bedeutung mehr."

Er wollte nicht zu sehr an die Welt denken, in der er aufgewachsen war - sonst hätte er vermutlich weitere Depressionen bekommen. Weil die Erinnerung an seine eigene Vergangenheit nur noch bruchstückhaft vorhanden war. Ich weiß, was eine Cola-Dose ist, schoß es ihm durch den Kopf. Aber wer diese Frau ist, die ich in meinen Träumen sehe und die mich geradezu verzweifelt anschaut - die kenne ich nicht. Obwohl ich sie eigentlich kennen müßte!

"Denkst du wieder an deine...alte Welt?" wollte Kaar-Toom wissen. Auch wenn er äußerlich sehr grobschlächtig wirkte, so besaß er fein ausgeprägte Sinne, die sofort spürten, wenn etwas nicht in Ordnung war. Natürlich hatte er bemerkt, daß Corrigans Gedanken abgedriftet waren.

"Ja", erwiderte dieser knapp. "Aber es nützt nichts, an das Gestern zu denken. Wir leben im Heute, Kaar-Toom."

Er wollte nicht weiter darüber sprechen, und Kaar-Toom akzeptierte das. Die nächsten Meilen verliefen schweigend für die beiden Freunde. Irgendwo am fernen Horizont weit hinter ihnen waren die brennenden Ölfelder zurückgeblieben, wo sie sich einen heftigen Kampf mit den Soldaten der Heimstatt der Konföderierten geliefert hatten. Je länger Corrigan darüber nachdachte, umso bewußter wurde ihm, wie knapp sie eigentlich dem Tod entronnen waren.

Ausgerechnet Jack war das Zünglein an der Waage gewesen. Jack, der schon einmal Corrigans Weg in den Tunneln und Schächten gekreuzt hatte, ohne daß Corrigan wußte, was das alles zu bedeuten hatte. Jack haßte ihn - aber warum? Im Chaos der brennenden Ölquellen hatte Jack eingegriffen - aber eigenartigerweise in einer anderen Gestalt. All dies erschien Corrigan jetzt so unwirklich, daß er sich fragte, ob er sich nicht doch getäuscht hatte. Aber die letzten Worte des sterbenden Wesens, dessen verhaßte und blutige Züge ihn angestarrt hatten, blieben in Corrigans Hirn verankert.

...wir werden uns wiedersehen...Bruder...

"Paß doch auf!" riß ihn Kaar-Tooms besorgte Stimme in die Wirklichkeit zurück.

Gerade noch rechtzeitig entdeckte Corrigan einen breiten Riß in der gesprungenen Asphaltdecke, die dem Truck unweigerlich zum Verhängnis geworden wäre. In letzter Sekunde riß er das Steuer nach rechts, bremste scharf ab und lenkte den Truck dann an dem Riß vorbei. Daß er dabei recht unsanft über einige Geröllbrocken fahren mußte, nahm er in Kauf. Es blieb ihm keine andere Chance.

"Das war knapp", murmelte Corrigan, nachdem er gut zwanzig Yards weiter wieder auf die Straße fuhr, die einstmals den großspurigen Namen Highway getragen hatte.

Kaar-Toom erwiderte nichts darauf. Seine Blicke sprachen aber Bände. Er fühlte sich zusehends unwohl in diesem - für ihn völlig fremden - Gefährt. Aber es gab im Augenblick keine andere Alternative, und das wußte der Mutant auch. Manchmal mußte man eben mit den Wölfen heulen, um ans Ziel zu kommen...

Corrigan nahm den Fuß vom Gas, als er bemerkte, daß sich die Landschaft zu beiden Seiten der alten Straße abrupt zu verändern begann. Eben noch hatten breite und verwitterte Felsmassive den Highway umgeben - aber nun öffnete sich vor den Augen der beiden Gefährten eine weite Ebene, die von Geröll und Felsbrocken übersät war. Der Erdboden war trocken und staubig - nur hin und wieder wuchsen vereinzelte Grasbüschel aus dem Boden, die aber schon verdorrt waren. Eine öde und trostlose Gegend.

Aber Corrigans eigentliches Interesse galt der Silhouette am Horizont. Im trüben Licht des Nachmittags - zumindest nahm Corrigan an, daß es Nachmittag war - sahen er und Kaar-Toom die Umrisse einiger Gebäude, die sich vor dem wolkenverhangenen Himmel abhoben. Und gut hundert Yards entfernt entdeckten sie die Reste eines Zauns, der irgendwann einmal hier eine Art Grenze markiert haben mußte.

"Was ist?" fragte Kaar-Toom etwas nervös, als er sah, wie Corrigan den Truck an den rechten Straßenrand fuhr und dann erst einmal zum Stehen brachte. "Hast du was entdeckt?"

"Warte hier", sagte Corrigan knapp und griff nach der Laserwaffe hinter seinem Sitz. Er fühlte sich besser, als er den kalten Stahl zwischen den Fingern hielt und dann erst die Wagentür öffnete.

"Du gehst nicht allein!" rief ihm Kaar-Toom nach und war ebenfalls ausgestiegen, bevor ihn Corrigan daran hindern konnte. In seinem unteren Armpaar hielt der Mutant ebenfalls eine Schußwaffe, mit der er in verhältnismäßig kurzer Zeit gelernt hatte, damit umgehen zu können. Mit schnellen Schritten trat er an Corrigans Seite und ließ seine Blicke in die Runde schweifen.

Nur das ( zum Glück ) gleichmäßige Brummen des Truckmotors war zu hören. Weit und breit wies nichts darauf hin, daß sich Menschen in der Nähe aufhielten. Jenseits des Zauns, wo sich die ersten Gebäude vor den Blicken der beiden Gefährten erstreckten, tat sich überhaupt nichts.

"Sieht verlassen aus", meinte Kaar-Toom.

"Ich kann mir auch denken, warum", erwiderte Corrigan und entdeckte auf einmal ein verwittertes Schild unweit des brüchigen Zauns, dessen Schrift kaum noch zu erkennen war. Das einzige, was er noch halbwegs klar lesen konnte - waren die drei Worte DANGER - NO TRESPASSING. Und dann sah er am unteren Rand des Schildes ein Zeichen, das irgendwie eine seltsame Unruhe in ihm auslöste. Ein schwarzer Punkt, von dem aus drei schwarze kegelähnliche Zeichen sternförmig ausgingen.

"Was bedeutet das?" fragte Kaar-Toom, der natürlich auch schon längst bemerkt hatte, was Corrigan anschaute.

"Das ist ein geschlossenes Areal", klärte Corrigan seinen Gefährten auf. "Es muß völlig abgeriegelt und gut bewacht worden sein."

"Aber die Straße führt doch direkt daran vorbei", gab Kaar-Toom zu bedenken. "Was für einen Sinn hätte das?"

"Vielleicht gab es schon vorher eine Absperrung, die jetzt nicht mehr existiert", meinte Corrigan schulterzuckend. "Die Straße hier ist nicht mehr so holprig wie vorhin. Ein Zeichen dafür, daß man all dies hier bis zuletzt in Schuß zu halten versuchte."

"Und was geschah hier?"

"Wenn ich es wüßte, würde ich es dir sagen", bekam Kaar-Toom dann zu hören. "Auf jeden Fall sollten wir uns die ganze Sache mal gründlich ansehen. Was meinst du?"

"Es ist immer besser, die Gefahren zu kennen", antwortete Kaar-Toom. "Was ist mit dem...?" Er hatte immer noch Schwierigkeiten, die Höllenmaschine als normales Gefährt zu akzeptieren.

"Wir fahren damit bis zu den Gebäuden", entschied Corrigan. "Dann sehen wir uns in aller Ruhe um. OK?"

"Einverstanden", nickte nun auch Kaar-Toom. Beide gingen rasch zurück zum Truck und nahmen im Führerhaus Platz. Anschließend lenkte Corrigan den wuchtigen Wagen von der Straße und steuerte ihn über eine Geröllpiste direkt auf den Gebäudekomplex zu.

Je näher sie kamen, umso mehr Einzelheiten konnte man erkennen. Wie das gesamte Areal einst ausgesehen haben mußte, darüber konnte man nur noch vage Vermutungen anstellen. Von dem alles umgebenden Zaun existierten nur noch Reste, und die meisten der langgezogenen Gebäude waren nur noch Ruinen. Sie sahen nicht aus wie Wohnhäuser - eher wie Lager- und Fabrikationshallen. Erst in einiger Entfernung entdeckten sie weitere Ruinen, die Corrigan für Wohnhäuser hielt. Zwanzig an der Zahl, zum Teil mehrstöckig - aber vom Zahn der Zeit dann doch zerstört.

Oder von den Waffen des ROTEN MONDES sinnierte Corrigan, dem in Momenten wie diesem wieder einmal bewußt wurde, wie sehr sich seine einstige Heimat verändert hatte. Aber es nutzte nichts, über die Vergangenheit und deren fatale Entwicklung noch den Kopf zu zerbrechen. Er mußte sich mit dieser neuen Situation eben zurecht finden - und das so schnell wie möglich.

Unweit der zerstörten Lagerhallen brachte Corrigan den Truck zum Stehen und stellte den Motor ab. Das brummende Geräusch erstarb, und als die beiden Gefährten ausstiegen, wurde ihnen die eigenartige Stille, die dieses Areal umgab, erst so richtig bewußt. Nur ein leichter Wind kam auf, der einen seltsam-intensiven Geruch mit sich trug. Einen schlechten Geruch!


*


"Da stimmt was nicht...", murmelte Kaar-Toom und rümpfte die Nase, als der Wind etwas zu ihm und Corrigan herüber trug, das ihn alarmierte. "Wir sollten besser nachsehen - jetzt gleich..." Mit seinem oberen rechten Arm wies er hinüber zu den Gebäuden, die den einstigen Bewohnern dieses eigenartigen Areals als Unterkunft gedient hatten.

Corrigan erwiderte nichts darauf - er hatte sowieso schon längst bemerkt, daß eine seltsame Spannung unsichtbar über dem gesamten Bereich lastete. Und je länger er darüber nachdachte, umso mehr festigte sich der Gedanke in seinem Kopf, daß es wahrscheinlich am besten war, wenn sie beide wieder in den Truck stiegen und dieses Gelände so schnell wie möglich verließen. Sofort!

Aber Corrigan wußte auch, daß er das nicht konnte. Er mußte herausfinden, was das alles zu bedeuten hatte - denn nur wenn er dieses Rätsel ( oder vielleicht einen Teil davon ) löste, dann hatte er eine Chance, vielleicht einen weiteren Hinweis auf seine eigene Vergangenheit zu finden, die größtenteils noch im Dunkeln lag.

"Sehen wir nach", nickte nun auch er und marschierte hinüber zu den Gebäuden. Kaar-Tooom folgte ihm mit schweren Schritten - aber immer wachsam nach allen Seiten schauend und die Waffe schußbereit in seinem unteren Armpaar.

Der Gestank wurde jetzt intensiver, je näher sie den Wohnruinen kamen. Eine Mischung aus verdorbener Süße und Tod, die der Wind jetzt zu ihnen herüber trug und sie flacher atmen ließ. Gut hundert Yards weiter - unweit der Gebäude - entdeckten sie dann die Ursache für diesen pestilenzähnlichen Gestank. Corrigans Miene wurde blaß, als er mehr als ein Dutzend Leichen entdeckte, deren blutige Körper aufeinandergetürmt lagen. Der Wind trug das Summen von großen Insekten zu ihren herüber, die sich auf den schrecklich zugerichteten Körpern der Toten niedergelassen hatten.

"Das ist doch...", entfuhr es Kaar-Toom, der ebenfalls Mühe hatte, diese schrecklichen Bilder zu verarbeiten. Er hatte eigentlich noch mehr sagen wollen, aber ihm fehlten buchstäblich die Worte, als er seine Blicke einfach nicht abwenden konnte.

"Auch Frauen und Kinder", sagte Corrigan, und seine Stimme zitterte vor Zorn, als er das kleine Mädchen sah, das neben einer toten Frau lag. Beide berührten sich fast mit den Händen - wahrscheinlich waren es Mutter und Tochter gewesen, die im Angesicht des nahen Todes noch einmal zueinander hatten finden wollen. Aber es war ihnen nicht gelungen, denn die Kugeln aus den Gewehren ihrer Mörder waren schneller gewesen.

Corrigan mußte sich zwingen, genauer hinzusehen, auch wenn ihm das nicht leicht fiel. Die Körper der Toten waren von Kugeln förmlich durchsiebt und hatten große Wunden gerissen. Der Gestank war jetzt so intensiv, daß ihm übel wurde. Rasch trat er ein paar Schritte zurück und wagte erst dann etwas tiefer zu atmen. Feine Schweißperlen hatten sich auf seiner Stirn gebildet, und er wischte sie mit einer fahrigen Bewegung weg. Das änderte aber auch nichts an den bitteren Gefühlen, die jetzt von ihm Besitz ergriffen hatten.

"All die Jahre über!" stieß er zornig hervor. "Es hat sich nichts geändert. Die Leidtragenden eines Krieges sind immer die Alten, Frauen und Kinder. Was müssen das nur für Dreckskerle sein, die nicht davor zurückschrecken, Kinder umzubringen?"

Er schüttelte fassungslos den Kopf angesichts dieser grauenhaften Bilder, mit denen er und Kaar-Toom so plötzlich konfrontiert worden waren. Kaar-Tooms Miene dagegen blieb verschlossen, aber auch hinter seiner Stirn arbeitete es.

"Es wäre gut, wenn wir das wüßten", meinte er schließlich. "Damit uns nicht das gleiche passiert."

Während er das sagte, erfaßten seine Augen plötzlich eine huschende Bewegung weiter oben zwischen den Ruinen. Auch Corrigan hatte etwas bemerkt. Die beiden Freunde reagierten sofort und trennten sich. Sie waren ein eingespieltes Team, und in Situationen wie dieser wußten sie beide, was zu tun war.

Hastiges Tappen von Schritten war zu hören. Jemand schien sie beobachtet zu haben und versuchte jetzt, sich so rasch wie möglich zu entfernen. Allerdings war Kaar-Toom schneller. Er mochte von seiner äußeren Gestalt her vielleicht plump und träge wirken - aber das täuschte. Wenn es darauf ankam, reagierte er schnell und gewissenhaft - und deshalb hatte er auch schon längst erkannt, wohin sich der noch unbekannte Beobachter begab.

"Weiter links!" rief er Corrigan zu. Dieser nickte und hastete weiter. Wenige Minuten später war es ihm gelungen, dem Flüchtenden den Weg abzuschneiden, der nun von Kaar-Toom unerbittlich verfolgt wurde. Corrigan sah eine hagere Gestalt zwischen den Ruinen rennen - genau auf ihn zu. Das war der Moment, wo er sich dem Flüchtenden entgegen stellte und seine Waffe auf ihn richtete.

"Bleib stehen!" rief er so laut, daß es der andere hören mußte. "Rühr dich nicht von der Stelle, sonst..."

Der andere hielt abrupt in seiner Flucht inne. Er blickte sich nach seinem Verfolger um und sah diesen ebenfalls näherkommen. Die verängstigten Blicke huschten zwischen Corrigan und Kaar-Toom hin und her, und in dem bärtigen sonnenverbrannten Gesicht spiegelte sich grenzenlose Furcht wider. Furcht vor den beiden Waffen, die die Fremden auf ihn gerichtet hatten.

"Nicht...", krächzte der bärtige Mann und hob abwehrend beide Hände. "Ich...ich..."

Er brach zusammen, schlug die faltigen Hände vors Gesicht und schluchzte hilflos wie ein kleines Kind. Wahrscheinlich rechnete er damit, gleich niedergeschossen zu werden. Kaar-Toom, der jetzt ebenfalls herbei geeilt kam und kopfschüttelnd auf den bärtigen Mann blickte, hatte seine Waffe längst sinken lassen. Weil er genau wie Corrigan wußte, daß ihnen von diesem armen Teufel keine Gefahr drohte.

"Wir werden dich nicht töten", sprach ihn Corrigan an. "Reiß dich zusammen!"

Der Bärtige wimmerte immer noch und begriff erst einige Sekunden später, was Corrigan gerade zu ihm gesagt hatte. Jetzt hob er sein Gesicht und wischte sich die Tränen aus den Augenwinkeln. Er blinzelte und sah abwechselnd zu Corrigan und Kaar-Troom, als wenn er nicht fassen konnte, was er da gehört hatte.

"Erschießt mich nicht", flüsterte er so eingeschüchtert, wie es Corrigan selten erlebt hatte. "Ich schwöre, daß ich nichts verraten werde. Der alte Simms kann blind und taub sein, wenn man es von ihm verlangt. Das müßt ihr mir glauben. Ich tue alles, wenn..."

Er machte Anstalten, sich vor Corrigans Füße zu werfen und ihm dadurch seine Ergebenheit zu zeigen. Aber das ließ der Mann mit der ebenholzfarbenen Haut nicht zu.

"Ich habe dir doch gesagt, daß wir dir nichts tun", versuchte er ihn zu beruhigen. "Erzähl uns lieber, was hier geschehen ist und wer das da..." - er wies mit dem Lauf der Waffe hinüber zu der Stelle, wo die Toten lagen - "verbrochen hat!"

Trotzdem vergingen noch einige Augenblicke, bis der Bärtige namens Simms begriffen hatte, daß ihm von diesen beiden Männern keine Gefahr drohte. Er schaute zwar noch etwas mißtrauisch zu dem vierarmigen Giganten hinüber, schien sich dann ...

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