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Strandräuber

Impressum

ISBN 978-3-8412-0747-0

Aufbau Digital,

veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, März 2014

© Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin

Die Originalausgabe erschien 2014 bei Aufbau Taschenbuch, einer Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG

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unter Verwendung eines Motivs von © getty images und

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Eins

»Siebzehn.«

Frerk Thönnissen kam aus der Hocke in die Höhe. Die Gelenke knackten. Er drückte seine Hand ins Kreuz und stöhnte leise. Noch einmal murmelte er leise »Siebzehn« und ergänzte: »So viele hätte ich nicht für möglich gehalten.« Er war zufrieden, sah sich um, ging ein paar Schritte, bückte sich erneut und wollte gerade »Achtz…« sagen, als er innehielt. »Ach nee«, schloss er die Aktion mit einem Selbstgespräch ab, nachdem er einen Blick auf das Fahrzeug geworfen hatte. Er kannte es. Das Auto gehörte einem Insulaner. Wenn er eine Anzeige gegen ihn schriebe, würde Thönnissen Probleme mit den Einheimischen bekommen. Als Inselpolizist auf Pellworm war er in die soziale Gemeinschaft eingebunden. Hier, auf dem Vorposten der Zivilisation war man seit Jahrhunderten aufeinander angewiesen. Nur so konnte man den Naturgewalten trotzen, gemeinsam im Kampf gegen den Blanken Hans, Sturmfluten und andere Herausforderungen bestehen.

Heute, an diesem milden Sommertag, war es allerdings pure Lebensfreude, hier leben und arbeiten zu dürfen. Mitten im Weltnaturerbe Wattenmeer, das im gleichen Atemzug wie der Grand Canyon oder das Great Barrier Reef genannt werden konnte.

Frerk Thönnissen durfte beides. Er war auf Pellworm geboren. Mittlerweile übte er das Amt des Inselpolizisten aus. Auch wenn er auf dieser Ein-Mann-Dienststelle auf sich allein gestellt war, hätte er diese Aufgabe mit keiner anderen tauschen wollen. Und arbeiten?

»Siebzehn«, murmelte er verschmitzt vor sich hin. Das reichte für heute. Er hatte siebzehn Anzeigen wegen Verstoßes gegen Paragraph 35 Absatz 2 Satz vier der StVZO, der Straßenverkehrszulassungsordnung, geschrieben. Alle Adressaten waren Auswärtige, Urlaubsgäste, deren Reifenprofile die vorgeschriebene Tiefe von mindestens eins Komma sechs Millimeter im mittleren Bereich der Lauffläche unterschritt.

Das reichte für heute. Heute? Es würde wieder zu Diskussionen mit Vermietern, Hoteliers, Gastronomen und Verantwortlichen der Kurverwaltung führen, bei denen sich die erbosten Touristen beschwerten. »Wegelagerei« war ein häufig benutztes Wort.

Aber Thönnissen musste auch seiner vorgesetzten Dienststelle drüben auf dem Festland, in Husum, einen Nachweis seiner Existenzberechtigung erbringen. Und andere Vergehen gab es so gut wie nie auf dem beschaulichen Eiland. Hier war alles friedlich. Und selbst Delikte aus der Kleinkriminalität kamen äußerst selten vor. Handfeste Meinungsverschiedenheiten klärte man untereinander, ohne dass die Polizei eingeschaltet wurde. Wenn Thönnissen davon erfuhr, dann nicht als Polizeibeamter, sondern als »Mitbürger«, weil Annemieke Johannsen, die Ehefrau des Inselarztes, unter dem Siegel der Verschwiegenheit an der Käsetheke des Kaufmanns über die Behandlungen ihres Mannes berichtete, dabei nicht nur Details der erlittenen Verletzungen, sondern auch den vermeintlichen Grund der Auseinandersetzung mit erläuterte.

So lief alles seinen unspektakulären Gang.

Thönnissen schob die Dienstmütze ein wenig in den Nacken und drehte sich Richtung Südwest. Auf einer kleinen Anhöhe stand der Turm, der die Ankommenden am Tiefwasseranleger begrüßte. Um vom Niedrigwasser bei Ebbe unabhängig zu sein, hatte man einen eineinhalb Kilometer langen Damm ins Wattenmeer hinaus gebaut, an dessen Ende der Fähranleger lag. Von hier stellte die Fähre »Pellworm I« die Verbindung zum Rest der Welt her.

Thönnissen schmunzelte. Nachdem man mit dem rumpelnden Ungeheuer, das betagter aussah, als es tatsächlich war, durch das Wattenmeer – mit etwas Glück an bevölkerten Seehundbänken vorbei – getuckert war, landete man in Strucklahnungshörn auf Nordstrand an. Und von dort war es noch verdammt weit bis in die Zentren Deutschlands.

Er blinzelte in die hochstehende Sonne. Es war früher Nachmittag. Ein leichter Wind streichelte seine Haut. Am tiefblauen Himmel zogen die Kondensstreifen der Flugzeuge entlang. Warum musste man in die Ferne schweifen, wenn das Paradies direkt vor der Haustür lag? Thönnissen genoss den Blick über das Wattenmeer. Im Süden lag die von einem einzelnen Ehepaar bewirtschaftete Hallig Südfall. Links davon konnte er die Silhouette der Fähre erkennen, die Richtung Festland unterwegs war.

Er beschloss, für diesen Tag Dienstschluss zu machen. Schließlich lagen noch etliche Kilometer vor ihm, bis er sein kleines Haus direkt hinterm Deich erreichte. Darin war auch die Polizeistation untergebracht. Genau genommen bestand diese aus einem alten Rollladenschrank und einem Schreibtisch in seinem Wohnzimmer.

Thönnissen schwang sich auf sein Dienstfahrrad. Irgendwann hatte man an höherer Stelle beschlossen, für sein Revier würde dieses Fortbewegungsmittel ausreichen. Ein Streifenwagen wäre nicht erforderlich. Hatte man dort eine Vorstellung davon, was es im Ernstfall bedeutete, bei Windstärke acht und peitschendem Regen gegen den Wind zum Einsatzort zu radeln? Da konnten acht Kilometer schon eine Herausforderung sein. Heute traf das nicht zu. Thönnissen würde im Hauptort Pellworms, in Tammensiel, noch eine Rast beim Café einlegen und sich einen Cappuccino schmecken lassen.

Ja, das Leben hatte seine schönen Seiten, auch wenn er nur Polizeiobermeister war. Und das war auch das Ende seiner Karriere. Aufgrund gewisser Vorfälle in der Vergangenheit war ihm jede Hoffnung auf eine Beförderung versagt.

Gemächlich strampelte er den Teerdeich Richtung Insel entlang. Sanft schlugen die Wellen gegen die Befestigung des Damms. Schließlich folgte er dem Rechtsknick. Die Straße führte vor dem Seedeich entlang, schwenkte nach links und führte bergan, um den Deich zu überwinden. Thönnissen schnaufte leicht, als er die Steigung bis zur Deichkrone in Angriff nahm. Dann ließ er das Rad rollen und radelte auf der Binnenseite des Deichs weiter bis zum alten Hafen.

Gleich würde er sein Ziel, das Café, erreicht haben. Hoffentlich fand sich bei diesem schönen Wetter noch ein Sitzplatz auf der Terrasse. Es war Hochsaison, fast alle Quartiere waren ausgebucht, und zahlreiche Urlaubsgäste tummelten sich auf der Insel. Ein Stück weiter hatte sich eine größere Menschengruppe mitten auf der Straße versammelt. Es störte niemanden. Man hatte Muße und nahm aufeinander Rücksicht. Jemand aus der Gruppe schien Thönnissen erkannt zu haben und begann wild mit beiden Armen in der Luft zu rudern. Jetzt drehten sich auch andere um. Gleich mehrere begannen zu winken und forderten ihn auf zu kommen.

Thönnissen seufzte. Er würde seinen Cappuccino um ein paar Minuten verschieben müssen. Er stemmte sich in die Pedale und tat, als würde er sich sputen.

»Mensch, Frerk, wo bleibst du? Das kann doch nicht wahr sein?«, rief ihm aufgeregt ein stämmiger Mittvierziger entgegen. Behrens hatte die Hände in den Taschen seiner Latzhose vergraben. Er war Mitarbeiter in der Tischlerei Ipsen. »Verdammt, du bist doch die Polizei. Warum kommst du nicht?«

»Typisch Beamter«, meldete sich ein älterer Mann in rheinischer Tonlage zu Wort. »So ist das. Wenn man sie braucht, ist die Polizei nicht da.«

»Was ist los?«, fragte Thönnissen, an Behrens gewandt.

»Die Sparkasse …«, mischte sich aufgeregt eine hohe Frauenstimme aus der zweiten Reihe ein.

»Der hat wirklich keine Ahnung«, sagte der Rheinländer.

»Frerk, verdammt, die haben die Sparkasse überfallen. Hast du den Notruf nicht gehört?«

»Der hat das Telefon abgestellt. Das stört ihn beim Schlafen«, lästerte der Rheinländer und erntete heitere Zustimmung aus dem Kreis der Neugierigen.

»Du spinnst«, war Thönnissens spontane Reaktion.

»Nee. Wirklich. Die haben die Sparkasse ausgeräumt.«

Automatisch öffnete sich eine Gasse zur Tür der kleinen Filiale, die im Anbau eines älteren Einfamilienhauses untergebracht war. Über der Automatiktür prangte das rot-weiße Schild mit dem markanten »S«, an dem die Sparkassen im ganzen Land zu erkennen waren.

Thönnissen lehnte sein Dienstrad an die Glaswand neben der Automatiktür, die sich beim Nähern öffnete. Er drehte sich noch einmal um und sah in die Menschenansammlung, die ihm dicht gefolgt war. Dann betrat er den Vorraum mit dem Geldautomaten. Die Tür zum Kassenraum war verschlossen, die Vorhänge der Glasfront geschlossen.

Er klopfte gegen die Scheibe und musste es zwei Mal wiederholen, bis ein Stück Stoff zur Seite gezogen wurde und Melf Bahnsens Gesicht erschien. Der Filialleiter nickte und öffnete die Tür.

»Das wurde aber auch Zeit«, knurrte Bahnsen, dessen sonst sportlich gebräuntes Gesicht bleich wirkte. »Warum kommst du erst jetzt?« Der Bankbedienstete warf einen Blick auf seine Armbanduhr. »Das ist jetzt eine halbe Stunde her.«

»Was?«, fragte Thönnissen und sah sich um. Der Raum sah aus wie immer. Ein kleiner Tresen schirmte die beiden Schreibtische ab, die mit einigen wenigen Schränken im hinteren Teil Büroatmosphäre vermittelten. Die Filiale war eher spartanisch möbliert. Ein Tisch mit einem Stuhl ohne Armlehnen, darauf ein Ständer mit Vordrucken diesseits des Tresens, vervollständigte die Einrichtung. Neben der Nord-Ostsee-Sparkasse und der ebenfalls in Reichweite untergebrachten Volksbank war die Uthlande-Sparkasse das kleinste Geldinstitut auf Pellworm. Thönnissen wunderte sich immer wieder, wie diese Bank, die mit ihren Zweigstellen nur auf den Inseln und Halligen präsent war, im Konzert der anderen überhaupt bestehen konnte.

»Häh? Von welchem Stern kommst du? Wir sind überfallen worden. Frerk, begreifst du das nicht?« Bahnsen schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn.

»Warum habt ihr keinen Alarm ausgelöst?«, fragte Thönnissen und sah zu Lene Kriechbaum hinüber. Die grauhaarige Mitarbeiterin saß an ihrem Schreibtisch und hatte die Hände flach auf die Tischplatte gelegt. Sie war kreideweiß im Gesicht. Thönnissen trat zu ihr und legte behutsam seine Hand auf ihre Schulter.

»Ist alles in Ordnung, Lene?«, fragte er sanft.

Sie nickte kaum wahrnehmbar.

»Und du?« Thönnissen sah den Zweigstellenleiter an.

»Natürlich bin ich erschrocken. Aber hier ist niemand verletzt. Sieh zu, dass du den Gangstern hinterher jagst«, sagte Bahnsen.

»Mit dem Fahrrad? Und wo soll ich suchen? Wer waren die Täter? Wie sahen sie aus?«

»Meinst du, die haben sich vorgestellt? Wie sahen sie aus? Na, eben so, wie Bankräuber aussehen.«

»Prima«, erwiderte Thönnissen in süffisantem Tonfall. »Das sind die besten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Verbrecherjagd.« Er zog sein Handy hervor und betätigte eine Kurzwahl.

»Ja?«, meldete sich eine verschlafen klingende Frauenstimme.

»Frerk, Polizei Pellworm«, sagte Thönnissen in einer Mischung aus vertrautem Umgangston und amtlich klingender Anrede. »Annemieke, sag Fiete, er soll sofort zur Uthlande-Sparkasse kommen.«

Für einen Moment war es still in der Leitung.

»Das geht nicht«, antwortete die Frau des Inselarztes. »Fiete ist nicht da.«

»Erzähl keine Märchen«, sagte Thönnissen barsch. »Weck ihn. Es ist ein Notfall.«

»Was denn?« Annemieke Johannsen war plötzlich hellwach.

»Die Sparkasse ist überfallen worden.«

Ein heiseres Lachen drang aus dem Hörer des Handys.

»Hat dich die Sonne gestochen, Frerk? Ein Bankraub? Hier, bei uns auf Pellworm?«

»Mach schon. Wecke Fiete, spritz ihm eine geballte Ladung Adrenalin in die Vene, flöß ihm Kaffee ein, löse eine Klinikpackung ›Hallo wach‹ darin auf, ertränke deinen Mann in Alka Seltzer … Was auch immer, aber bring ihn dazu, dass er in fünf Minuten hier ist.«

»Puuuh. Ich will es versuchen.«

»Ein Versuch reicht nicht.« Thönnissen ahnte, dass Dr. Friedrich Johannsen, der seit über dreißig Jahren als alleiniger Arzt zuverlässig für die Gesundheit der Insulaner einstand, wieder einmal seinem alten Leiden erlegen war.

»Hat er …?«, ließ Thönnissen seine Frage unvollendet im Raum stehen.

»Fiete kann nichts dafür«, versuchte Annemieke ihren Mann zu verteidigen. »Der alte Kruse war heute in der Sprechstunde. Fiete hat ihm neulich mit Viagra weitergeholfen. Die Therapie war offenbar erfolgreich. Als Dank hat Kruse heute zur Sprechstunde eine Flasche mitgebracht.«

»Sicher kein Himbeersirup«, warf Thönnissen ein.

»Nee. Es war noch eine Flasche von Hinrich Wessels selbstgebranntem Kartoffelschnaps.«

Hört das denn nie auf?, erinnerte sich Thönnissen an den letzten aufregenden Ermittlungsfall auf Pellworm um den alten Wessels, der mit den Produkten seiner Schwarzbrennerei offenbar die ganze Insel versorgt hatte.

»Kruse war der letzte Patient. So haben er und Fiete ganz gemütlich eine Flasche geleert«, erklärte Annemieke Johannsen.

»Fiete soll so schnell wie möglich hier antanzen. Sonst lass ich den Rettungshubschrauber einfliegen. Das sorgt für Aufregung.«

Die Drohung zeigte Wirkung.

»Ich kümmere mich darum«, versprach Annemieke.

Melf Bahnsen wedelte mit dem Zeigefinger vor Thönnissens Gesicht herum.

»Hast du sie noch alle beisammen?«, fragte er aggressiv. »Was soll der betrunkene Doktor hier? Unternimm endlich etwas, um die Bankräuber zu fassen.«

»Davon verstehst du nichts. Zunächst gilt es, für das Menschenwohl zu sorgen.«

»Ich versteh nichts?«, ereiferte sich der Zweigstellenleiter. »Hast du sie noch alle beisammen? Aber du verstehst deinen Job, ja? Was ist nun? Läuft die Fahndung bald an? Oder geht das erst morgen los, weil dein Arbeitstag für heute vorbei ist?«

»Siehst du«, erwiderte Thönnissen in aller Ruhe. »Deshalb habe ich den Doktor informiert, damit du ein Beruhigungsmittel verabreicht bekommst.« Bevor Bahnsen antworten konnte, wählte Thönnissen die Nummer der Reederei an und ließ sich mit dem Geschäftsführer verbinden.

»Die Sparkasse wurde eben überfallen«, erklärte Thönnissen.

»Hab davon gehört. Tolles Ding. Glaubt man nicht.«

»Wir müssen eine Ringfahndung auslösen.«

»Tu das.« Ein schallendes Lachen drang aus dem Hörer. »Das will ich sehn. Du allein und eine Ringfahndung.« Erneut ertönte das Lachen.

»Wenn du fertig bist, hör mir mal zu. Bis auf Weiteres bleibt die Fähre am Anleger. Ihr fahrt nicht rüber ans Festland.«

»Was?« Das Lachen war einem tiefen Erstaunen gewichen. »Ist das dein Ernst?«

»Ja. Die Täter müssen noch auf der Insel sein. Da dürfen wir sie nicht entkommen lassen.«

»Weißt du, was das bedeutet? Damit bringst du alles durcheinander. Wir sind ausgebucht für die Rückfahrt nach Nordstrand. Und drüben ist der Platz an der Fähre voll. Die Leute kommen zum Teil von weit her. Was soll mit denen geschehen?«

»Lass dir etwas einfallen. Wir müssen zunächst die Spuren sichern und sehen, ob wir an die Täter herankommen. Solange die Fähre außer Betrieb ist, sitzen die Bankräuber hier auf Pellworm fest.«

»Frerk!« Es klang wie ein Aufschrei. »Du hast keine Ahnung, welche Lawine du da lostrittst. Die Unterkünfte sind ausgebucht. Wer heute abreisen will, hat sich darauf eingestellt. Die Leute müssen zur Arbeit, auf die Kinder wartet die Schule.«

»Es ist eine polizeiliche Anordnung«, erklärte Thönnissen mit Bestimmtheit.

»Darfst du das überh…?«

Thönnissen hörte sich die Frage nicht bis zu Ende an. Er beendete das Gespräch und rief den Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr an.

»Ich hab schon gehört. Da haben welche Kasse bei Bahnsen gemacht.«

»Genau, Claas. Wir müssen verhindern, dass die Täter die Insel verlassen. Deshalb benötige ich eure Unterstützung. Kannst du jeweils am alten Hafen und an der Hooger Fähre Leute postieren, die aufpassen, dass niemand flüchtet?«

»Wir sind von der Feuerwehr. Wenn die Bankräuber bewaffnet sind, sollen wir sie nassspritzen?«

»Nein. Niemand darf gefährdet werden. Sag deinen Männern, sie sollen sich auf das Beobachten beschränken. Wenn sich jemand davonmacht, egal wer, also auch Einheimische, dann erwarte ich eine Nachricht. Ich werde veranlassen, dass das betreffende Boot draußen auf dem Wasser von der Wasserschutzpolizei gestellt wird. Auf diesem Weg kann niemand entkommen.«

»Mensch, Frerk, du bist ein richtiger Stratege«, sagte Claas. Es klang ehrlich.

Dann rief Thönnissen in Husum an und berichtete vom Überfall. Er schilderte auch die bisher eingeleiteten Maßnahmen.

»Wann hat der Raub stattgefunden?«, wollte der Beamte der vorgesetzten Dienststelle wissen.

»Vor etwa einer Dreiviertelstunde.«

»Was?« Ungläubiges Erstaunen schwang in diesem einen Wort mit. »Und dann melden Sie sich erst jetzt und lösen Alarm aus?«

Scherzkeks, dachte Thönnissen. Was bedeuteten fünfundvierzig Minuten auf einer Insel? Auf Pellworm gehen die Uhren anders. Aber welcher Festlandbewohner versteht das schon? Er wandte sich Bahnsen zu.

»Wie hat sich der Überfall abgespielt?«

Bahnsen seufzte. »Ich dachte schon, das interessiert dich überhaupt nicht.«

»Du hast doch gesehen, dass ich zunächst andere Dinge veranlassen musste.«

»Sollte die Polizei nicht vordringlich hinter den Tätern hinterher sein?«

Thönnissen winkte ab. Wie hätte er dem Zweigstellenleiter erklären sollen, dass man ihm aus Kostengründen den Dienstwagen versagt hatte. Wie lange würde man die Polizeidienststelle auf Pellworm überhaupt noch aufrechterhalten? Vielleicht war es sogar hilfreich, wenn sich hier gelegentlich Straftaten ereigneten, dachte er.

»Also«, begann Bahnsen gedehnt. »Lene und ich saßen hier und arbeiteten.«

»Wir haben uns gerade unterhalten«, mischte sich die Frau ein.

»Ist doch egal.«

»Hattet ihr Kundschaft?«, unterbrach Thönnissen.

»Wir waren gerade allein«, erklärte Bahnsen.

»Wären Kunden da gewesen, hätten wir uns nicht unterhalten können«, ergänzte Lene.

Der Zweigstellenleiter schenkte ihr einen bösen Blick.

»Plötzlich flog die Tür auf.«

»Verstehe ich nicht.« Jetzt unterbrach Thönnissen den Bericht. »Das ist doch eine Automatiktür. Wie kann die auffliegen?«

»Ich meine das doch nur symbolisch.« Bahnsen wirkte gereizt.

»Beschränke dich bitte auf die Fakten. Fantasievoll angereicherte Darstellungen führen uns nicht weiter«, ermahnte Thönnissen den Mitarbeiter des Geldinstituts.

»Verdammt noch mal. Müsst ihr mich ständig unterbrechen?«, schimpfte Bahnsen. »Also! Wir sahen beide auf und bemerkten zwei Leute, die eine Maske trugen.«

»Was für eine Maske?«, wollte Thönnissen wissen.

»So eine schwarze, wie man sie aus dem Fernsehen kennt. Da waren Löcher für die Augen und die Nase hineingeschnitten.«

»Und die Kleidung?«

»Lederjacke. Jeans.«

»Nur der Größere«, sagte Lene Kriechbaum und sah Thönnissen an. »Der Kleinere hatte einen dunkelgrünen Blouson an. Und Jeans. Da hat Melf Bahnsen recht. An den Füßen trug er Turnschuhe.«

»Sportschuhe?«, hakte Thönnissen nach.

»Nein«, beharrte Lene Kriechbaum auf ihrer Aussage. »Turnschuhe. Das kann ich schon unterscheiden.«

Thönnissen deutete auf die Kamera.

»Da wird doch alles aufgezeichnet. Das können wir später rekonstruieren.«

Bahnsen räusperte sich verlegen, dann wechselte er mit seiner Kollegin einen langen Blick. »Also, da gibt es ein kleines Problem. Die Anlage ist defekt. Schon seit mehreren Wochen. Auf Pellworm gibt es niemanden, der das reparieren kann. Das macht eine Fachfirma vom Festland. Du weißt selbst, Frerk, wie schwierig es manchmal ist, bis die Spezialisten zu uns auf die Insel kommen.«

»Wer wusste davon, dass die Kamera derzeit nur eine Attrappe ist?«, fragte Thönnissen.

»Eigentlich keiner«, versuchte Bahnsen abzuwiegeln.

»Das stimmt nicht ganz«, belehrte ihn Lene Kriechbaum. »Jesper Ipsen, der Bestatter, hat es bemerkt, weil das rote Licht nicht funktionierte.«

»Dem ist das aufgefallen?«, fragte Thönnissen erstaunt.

»Jaaa«, gestand Bahnsen ein. »Ipsen hat es bemerkt. Er hat mir auch nicht geglaubt, als ich ihm widersprochen habe.«

»Waren die Täter bewaffnet?«

Lene Kriechbaum stieß einen spitzen Schrei aus und hielt sich die Hand vor den Mund.

»Mit einem MG«, sagte sie und begann bei der Erinnerung daran zu zittern.

Thönnissen sah sie erstaunt an.

»Das war eine Maschinenpistole«, korrigierte Bahnsen, und es gelang ihm, ein wenig zu lächeln.

»Sag ich doch«, beharrte seine Kollegin auf ihrer Aussage.

»Es gibt einen Unterschied zwischen einem Maschinengewehr und einer Maschinenpistole«, erklärte Thönnissen.

»Woher soll ich das wissen?« Lene Kriechbaum klang eine Spur pikiert.

»Wie war der andere Täter bewaffnet?«, fragte Thönnissen.

»Reicht die Maschinenpistole nicht? Das war so ein Ding.« Bahnsen breitete die Arme aus und übertrieb dabei wie ein Angler, der bei der Schilderung seines Fanges maßlos ins Schwärmen geriet.

»Der zweite Täter war also unbewaffnet?« Thönnissen sah Lene Kriechbaum an.

»Ja«, hauchte die Frau.

»Der Große war ohnehin der Brutalere«, fuhr Bahnsen fort und zeigte auf die Decke des Raumes. In einer Ecke war eine Geschossgarbe erkennbar. Bahnsen ahmte nach, wie man aus der Hüfte heraus schoss. Dabei blies er die Wangen auf und machte eine halbe Körperdrehung. »Um ein Haar hätte er uns ermordet. Wir sind haarscharf dem Tod entronnen.«

»Genau«, pflichtete seine Kollegin bei.

Thönnissen verzichtete darauf, dieser – seiner Meinung nach – übertriebenen Behauptung zu widersprechen. Die Täter hatten nur zur Einschüchterung eine Garbe abgefeuert. Immerhin handelte es sich um scharfe Waffen und keine Attrappen. Das machte die Räuber gefährlich.

»Dann habt ihr ihm das Geld ausgehändigt?«

»Ja, sofort ohne …«

»Lene, ich bin der Chef«, fuhr Bahnsen dazwischen. »Darum werde ich auch vom Überfall berichten.« Er musterte seine Kollegin eine Weile. Seine Augen sprühten vor Zorn.

»Wie du meinst.« Beleidigt begann die Angestellte, Büroklammern zu verbiegen.

»Natürlich habe ich die beiden erst einmal angebrüllt.« Bahnsen warf sich in die Brust. »›Verschwindet, sonst geht es euch dreckig‹, habe ich gerufen. Aber, sie hatten die Waffe in der Hand.« Der Zweigstellenleiter legte seinen rechten Zeigefinger auf eine Stelle über der Nasenwurzel. »Hierhin haben die gezielt. Da habe ich mir gedacht, dass es ganz schön blöd wäre, sein eigenes Leben zu riskieren, nur damit die Versicherung am Ende des Jahres ein bisschen mehr Dividende auszahlen kann, weil sie für diesen Raubüberfall nicht aufkommen muss.«

»Und dann?«

»Lene«, dabei zeigte er auf seine Kollegin, »musste das Geld in einen Leinenbeutel stopfen.«

»Nicht nur das«, schimpfte seine Kollegin. »Sie wollten auch das Geld, das wir hinten im Panzerschrank hatten. Ich frage mich, woher die wussten, dass da auch noch etwas lag?«

»Du bist nach hinten gegangen und hast das Geld geholt«, überlegte Thönnissen laut. »Warum hast du dabei keinen Alarm ausgelöst?«

Lene Kriechbaum zeigte mit der Spitze der aufgebogenen Büroklammer auf Bahnsen.

»›Lene, mach keinen Scheiß‹, hat Melf gesagt. Du hättest sehen sollen, wie der gebibbert hat vor Angst.«

»Das stimmt nicht«, verteidigte sich Bahnsen, aber Thönnissen schnitt ihm mit einer Handbewegung das Wort ab.

»Wie hoch ist die Beute?«, wollte der Polizist wissen. Ihm fiel auf, dass die beiden Angestellten einen schnellen Blick wechselten.

»Ungefähr dreißigtausend Euro«, sagte der Zweigstellenleiter.

»Das ist nicht viel«, überlegte Thönnissen laut.

»Bitte? Nicht viel?«

»Es gab schon Banküberfälle, bei denen die Täter mehr erbeuteten.«

»Aber nicht auf Pellworm«, erklärte Lene Kriechbaum. Das traf zu. Hier gab es noch nie einen Bankraub.

»Wie sah der Leinenbeutel aus?«, fragte Thönnissen.

Die beiden Bankangestellten grinsten.

»Es war ein Einkaufsbeutel. ›Entspannt den Urlaub genießen im Ferienparadies Pellworm‹«, erklärte Bahnsen.

Thönnissen fiel in das Lachen ein. Als sie sich wieder beruhigt hatten, setzte er die Befragung fort.

»Sprach einer der Täter Dialekt?«

»Von hier war er nicht – der Große«, schob Bahnsen hinterher. »Der Kleine hat überhaupt keinen Ton von sich gegeben. Mir schien, als hätte er ohnehin nur eine Statistenrolle gespielt.«

»Bei solchen Verbrechen gibt es keine Statisten. Die Gangster wissen, worauf sie sich einlassen«, widersprach Lene Kriechbaum.

»Habt ihr einen der beiden erkannt?«, wollte Thönnissen wissen.

»So dumm sind die auch nicht«, erklärte Bahnsen. »Aber du hast immer noch nicht gesagt, warum du erst eine Stunde nach dem Überfall hier eingetroffen bist.«

»Vorhin waren es noch fünfundvierzig Minuten«, entgegnete Thönnissen, ohne eine Begründung für die Zeitspanne anzugeben. Er war froh, dass sein Handy klingelte.

»Das Festland meldet sich und fragt, wann die Fähre rüberkommt. Auf Nordstrand warten die Polizeieinsatzkräfte und wollen nach Pellworm übergesetzt werden«, erklärte der Geschäftsführer der Fährgesellschaft.

»Warum holt ihr sie nicht?«, fragte Thönnissen.

»Du hast uns untersagt, die Fähre in Betrieb zu setzen«, antwortete der Fährmann. »Was soll nun geschehen? Gilt dein Verbot noch, oder haben die vom Festland recht?«

Thönnissen seufzte. »Sieh zu, dass ihr die Kollegen auf die Insel holt. Aber achtet darauf, dass niemand von hier wegkommt.«

Dann wandte er sich an die beiden Sparkassenmitarbeiter.

»Wir müssen noch ein Protokoll machen und aufnehmen, was ihr mir berichtet habt.«

»So war das doch, oder?« Bahnsens hilfesuchender Bick erreichte seine Kollegin. Lene Kriechbaum kniff die Lippen zusammen.

»Na ja«, relativierte der Zweigstellenleiter seine Darstellung. »Das ging alles so schnell. Außerdem ist das eine nicht alltägliche Situation. Ich will nicht ausschließen, dass es in manchen Punkten ein wenig anders abgelaufen ist. Aber grundsätzlich«, bekräftigte er, »hat es sich so abgespielt.«

»Ich werde mich draußen umhören«, sagte Thönnissen und verließ die Schalterhalle.

Vor der Tür hatten sich in der Zwischenzeit noch mehr Schaulustige angesammelt.

»Was ist da drinnen los?«, fragte ein Tourist und richtete seine Kamera auf Thönnissen. Sofort folgten andere dem Beispiel, und der Inselpolizist sah sich einer Armada von Objektiven gegenüber.

»Hat jemand von Ihnen etwas beobachtet?«, fragte er über die Köpfe der Leute hinweg.

»Erzähl doch erst mal, was die für ein Ding gedreht haben«, forderte ihn ein Einheimischer auf.

»Da bist du bei unserem Bullen fehl am Platz«, fiel aus dem Hintergrund ein weiterer ein. »Was meint ihr, weshalb der hier Dienst schiebt? Den wollten die auf dem Festland nicht haben.«

»Wollen Sie mich beleidigen?« Thönnissen hatte seine Stimme erhoben.

»Geht das?« Der Mann hatte die Blicke auf sich gezogen. Auch ohne seine kritischen Worte war er eine auffällige Erscheinung. Das unrasierte schmale Gesicht, die hohen Wangenknochen und die tief zurückliegenden Augen gaben ihm etwas Unheimliches. Die gelben Zähen waren schief. Das graue Haar hing, zu einem Zopf gebunden, über dem Kragen des offenen Hemdes. Vor der Brust baumelte ein polierter Haifischzahn. Die Hände hatte er tief in den Taschen der Bermudashorts vergraben, die strumpflosen Füße steckten in Flip-Flops. Erhardt Thödter war vor einigen Jahren auf die Insel gezogen. Er hauste in einem der niedrigen Häuser am Nordermitteldeich. Thönnissen wusste nicht, womit der Mann seinen Lebensunterhalt bestritt. Thödter galt als Sonderling und hatte sich auch nie um Kontakt zu den Einheimischen bemüht. Auffällig war er noch nicht geworden. Thönnissen verstand nicht, weshalb Thödter ihn jetzt angriff.

»Haben Sie etwas gesehen? Können Sie eine Aussage machen?«, rief der Inselpolizist.

Thödter hob den Arm und zeigte in nördliche Richtung. »Dorthin sind sie geflüchtet. Gibt es eigentlich eine Belohnung?«

»Kommen Sie nachher zur Polizeidienststellte, damit wir Ihre Aussage protokollieren können.«

»Das sehe ich nicht ein. Mehr kann ich nicht sagen. Ein Motorrad, zwei Männer. Ich habe mich gewundert, dass die Maschine mit laufendem Motor vor der Sparkasse stand.«

»Das fanden Sie nicht verdächtig?«

»Nein. Warum? Hier auf der Insel gelten andere Gesetzmäßigkeiten. Da werden die Autos nicht abgeschlossen.«

»Aber der Motor?«

»Das ist Umweltverschmutzung«, mischte sich ein Mann mit Halbglatze ein. »Richtig«, stimmte eine Frau zu. »Wir sind hierhergekommen, weil die Luft so gut ist. Und dann so etwas. Unerhört.«

»Genau. Da sollte die Polizei mehr drauf achten«, sagte der Mann in ihrer Begleitung.

»Herrschaften. Hier ist eine Straftat verübt worden. Ich fordere Sie auf, mir mit sachlichen Hinweisen behilflich zu sein.«

»Ist ja gut«, erwiderte die Halbglatze. »Das mag ja aufregend sein. Aber schon Kurt Tucholsky hat gesagt, dass kleine Gangster eine Bank überfallen. Große gründen eine. Das kann doch nicht so schwer sein, auf dieser kleinen Insel ein paar Bankräuber zu fangen.« Er schwenkte den Zeigefinger. »Vergessen Sie aber nicht, dass wir eine saubere Umwelt haben wollen. Also: Achten Sie auf solche Leute, die den Motor nicht abstellen.«

Es war aussichtslos. Die Nebensächlichkeit schien die Menschen plötzlich mehr zu beschäftigen als der Banküberfall. Dieser war unspektakulär abgelaufen. Alles andere würde im Laufe der nächsten Zeit beim Kaufmann, am Stammtisch oder mit einem wohligen Schauder, der über den Rücken lief, im Strandkorb besprochen werden.

Ich werde eure Bitte erfüllen, dachte Thönnissen grimmig. Vielleicht sollte er nicht nur auf die Reifenprofiltiefe, sondern auch auf den TÜV-Stempel und die Abgasuntersuchung der Touristenautos achten. Siebzehn Anzeigen an einem Tag … Das ließ sich steigern.

Er hielt Ausschau nach Thödter. Aber der Mann war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.

Thönnissen kehrte in die Schalterhalle zurück. Die beiden Angestellten waren damit beschäftigt, die genaue Höhe des geraubten Geldes zu ermitteln. Es schien fast, als würden sie erschrocken in die Höhe fahren, als er eintrat.

»Wir prüfen«, sagte Bahnsen hastig. »Mit Sicherheit wird jemand von der Hauptstelle kommen. Und die Revision«, fügte er an.

Sie wurden durch die sich öffnende Automatiktür in Thönnissens Rücken abgelenkt.

Die »Halbglatze« erschien in Begleitung seiner Frau.

»Ist die Bank wieder geöffnet? Ich hätte da mal eine Bitte.«

»Nein!«, sagte Thönnissen scharf, und schob den Mann zur Tür hinaus. »Heute bleibt die Sparkasse geschlossen.«

»Das ist ja wie in Zypern«, maulte die Halbglatze. »Da waren die Banken auch geschlossen, als wir auf Zypern Urlaub machten. Und ich dachte, das wäre hier anders.«

»Hier liegt ein anderer Grund vor«, erklärte Thönnissen.

»Ist doch egal, welche Art von Gangstern eine Bank ausnimmt«, stellte der Mann fest und trottete missgelaunt davon.

Bahnsen schloss die Eingangstür ab. Dann führten die beiden Angestellten ihre Arbeit fort.

Es dauerte noch eineinhalb Stunden, bis das Aufgebot der Polizei vom Festland eintraf. Drei Kriminalbeamte und sechs uniformierte Polizisten hielten in ihren Fahrzeugen vor der Bank. Thönnissen blinzelte vorsichtig durch einen Gardinenspalt.

»Scheiße«, fluchte er und drehte sich zu Bahnsen um. »Mach mal auf.«

Kurz darauf betraten zwei der Kriminalpolizisten die Sparkasse.

»Herr Hundt«, schob Thönnissen durch die fast geschlossenen Zähne hindurch. »Sie hier?«

Hauptkommissar Hundt machte keine Anstalten, Thönnissen die Hand zu reichen. »Das ist Obermeister Thönnissen. Er verkörpert die Polizei auf Pellworm. Als Solist. Weil es für einen Chorsänger nicht gereicht hat«, fügte Hundt leise an und unterließ es, den zweiten Beamten vorzustellen.

Thönnissen trug vor, was er bisher ermittelt hatte.

»Ist das alles?« Hundt schüttelte den Kopf. »Haben Sie noch nie davon gehört, dass der erste Angriff immer der wichtigste ist?«

»Doch. Aber haben Sie davon gehört, dass Sitting Bull bei der Schlacht am Little Big Horn allein geritten ist? Da Sie der Häuptling sind, stehe ich zu Ihrer Verfügung.« Thönnissen knallte demonstrativ die Hacken zusammen.

»Ich verspreche Ihnen, dass dieses Ihr letzter Auftritt in Uniform sein wird«, sagte Hundt drohend und erteilte dann Anweisungen an die Polizisten.

»Warum hat man ausgerechnet Hundt hier hergeschickt?«, raunte Thönnissen dem zweiten Kriminalbeamten zu, der sich als Kommissar Lehmritter vorstellte. »Das ist doch die größte Flachpfeife, die die Husumer Dienststelle aufzubieten hat.«

Lehmritter schmunzelte in sich hinein.

»Ähnliches hat mein Schwiegervater von Ihnen behauptet.«

»Ihr … Schwiegervater?«, stammelte Thönnissen.

Der junge Kommissar nickte. »Richtig. Ich bin mit Hauptkommissar Hundts Tochter verheiratet.«

»Ohhh«, war alles, was Thönnissen hervorbrachte.

Der Hauptkommissar hatte die Aufgaben verteilt. Der dritte Kriminalbeamte begann, den Tatort zu fotografieren und zu filmen, bevor er die Spuren sicherte.

Lehmritter verhörte die beiden Bankangestellten, während die uniformierten Polizisten ausschwärmten, um Zeugen zu suchen.

»Ist meine Anwesenheit noch erforderlich?«, fragte Thönnissen.

»Es wäre der Sache dienlich, wenn Sie sich vorerst auf Ihre Dienststelle zurückziehen würden«, sagte Hundt herablassend. »Hier ist Fachwissen gefragt.«

Thönnissen verzichtete auf eine Erwiderung. Hätte er den Hauptkommissar fragen sollen, weshalb man unter diesen Umständen ausgerechnet ihn nach Pellworm geschickt hatte? Er setzte sich auf das Dienstfahrrad und fuhr in Richtung seines Hauses.

Unterwegs hielt er an, wenn ihm ein Insulaner begegnete.

»Moin, Ella«, rief er einer älteren Frau zu, die von ihrem Äußeren her den Werbetexter für die Schokoladenwerbung »Quadratisch. Praktisch. Gut« inspiriert haben mochte. »Hast du heute Nachmittag ein Motorrad gesehen?«

»Nee«, antwortete die Frau, während sie die Wäsche von der Leine nahm. »Wir haben hinten im Garten gesessen. Lisa, Erika, Telse und …«

»Danke, Ella«, unterbrach Thönnissen und winkte ab, bevor er weiterfuhr. Als Nächstes steuerte er die Tankstelle an, die ein Stück weiter am Weg lag.

»Moin, Lutz«, begrüßte er den Mechaniker, der aus der angeschlossenen Werkstatt auftauchte. »Ist hier ein Motorrad vorbeigekommen?«

»Eins?«, grinste Lutz und wischte sich seine ölverschmierten Hände an einem schmutzigen Tuch ab.

»Heute Nachmittag.«

Lutz nickte. »Ja.«

»Hast du es erkannt?«

»Ja.«

»Sei nicht so sparsam mit deinen Worten. Wer war das?«

Lutz zuckte die Schultern. »Weiß nicht. Hat einen Helm getragen.«

»Willst du mich veräppeln? Eben hast du gesagt, du hättest das Motorrad erkannt.«

»Habe ich auch. Aber nicht den Fahrer.«

»Hast du das Kennzeichen?«

Lutz hielt sich die Hand wie ein spähender Indianer über die Augen und blinzelte in die Sonne. »Müsste ich nachgucken.«

»Also. Nun in ganzen Sätzen und als Klartext.«

»Ich kenne die Fahrzeuge, habe aber nicht alle Kennzeichen im Kopf.« Er wies mit dem Daumen über die Schulter. »Steht in den Unterlagen im Büro.«

»Wessen Motorrad willst du erkannt haben?«

»Das war Tores Maschine. Bestimmt. Woran ich einmal geschraubt habe … Das erkenne ich wieder.«

»Tore Ipsen, der Spediteur?«, fragte Thönnissen.

Lutz nickte bedächtig. »Sein Motorrad.«

Der Inselpolizist war enttäuscht. »Das meine ich nicht. Ich suche ein Motorrad mit zwei Personen.«

»Jaaa«, sagte Lutz gedehnt. »Da saßen zwei drauf.«

»Also«, stöhnte Thönnissen. »Du hast Tore Ipsens Motorrad gesehen, auf dem zwei Männer in diese Richtung fuhren.« Mit einer weit ausladenden Bewegung schwenkte der Inselpolizist den Arm und wies Richtung Norden. Dann zeigte er zur entgegengesetzten Seite. »Und sie kamen aus Tammensiel.«

Lutz nickte.

»Und fuhren sehr schnell.«

Erneutes Nicken.

»Mensch, warum sagt du das nicht gleich?«, herrschte Thönnissen den Mechaniker an.

»Habe ich doch. Sag mal, hörst du mir nicht zu?«

Thönnissen öffnete den Mund, unterließ es aber zu antworten. Stattdessen sagte er knapp: »Danke.«

»Immer wieder gern.«

Was soll ich jetzt unternehmen?, überlegte Thönnissen. Wenn er Hundt benachrichtigte, würde der Hauptkommissar seine kleine Armee in Bewegung setzen und Tore Ipsen mit viel Brimborium verhaften. Der Spediteur würde mit aufs Festland genommen und dort verhört werden. Über eine solche Aktion sprach man noch nach Jahren. Wenn Ipsen unschuldig war, würde ihm dieser Makel stets anhaften. Ipsen, der Bankräuber, würde man hinter seinem Rücken lästern. Das Leben auf einer kleinen Insel war anders. Man konnte nicht ausweichen und war auf die Mitbürger angewiesen. Bei jeder Gelegenheit begegnete man einander. Sicher, die Insulaner waren tolerant. Jeder wusste um die kleinen Geheimnisse. Niemand zeigte mit dem Finger auf den Nachbarn, wenn der den Inselkoller mit zu viel Alkohol bekämpfte. Und es war ein offenes Geheimnis, wer bei Dunkelheit über den Gartenzaun stieg, um die Nachbarin zu trösten, weil deren Ehemann anderweitig »unterwegs war«.

Andererseits würde man es Thönnissen nicht nachsehen, wenn er schwieg. Es war nicht auszuschließen, dass Hundt und seine Leute auf Lutz stießen und der Mechaniker den Festlandspolizisten das Gleiche erzählte, das Thönnissen aus ihm herausgequetscht hatte. War das schon Strafvereitelung im Amt? Er war sich nicht sicher. Außerdem trug er eine Hypothek aus den Anfängen seiner Polizeilaufbahn mit sich herum. Ein weiteres Mal würde man keine Nachsicht üben und ihn aus dem Dienst entfernen.

»Willst du Ipsen jetzt verhaften?«, unterbrach Lutz seine Gedanken.

»Warum? Außerdem hast du mir erzählt, es wäre nicht Ipsen gewesen, der auf dem Motorrad saß.«

»So habe ich das …«

»Gut. Dann werde ich zu Ipsen fahren und ihn festnehmen. Es reicht mir als Begründung, dass du ihn beschuldigt hast«, erklärte Thönnissen und war ein wenig dichter an den Mechaniker herangetreten.

»So habe ich das nicht gesagt«, behauptete Lutz und nahm eine Abwehrhaltung ein.

»Also doch nicht Ipsen?«

»Ach, lass mich zufrieden.« Der Mechaniker drehte sich um und verschwand in seiner Werkstatt.

Thönnissen war zufrieden. Es war ihm gelungen, Zweifel zu säen. Außerdem hatte Bahnsen erklärt, der große Täter wäre der Aussprache nach kein Einheimischer. Und die beiden Ipsen-Brüder … Der Polizist schmunzelte. Deren Aussprache war unverkennbar hiesigen Ursprungs. Ohne sich anzustrengen, radelte er nach Hause.

Der Inselpolizist hatte sich soeben die zweite Tasse Kaffee eingeschenkt, als sein Telefon klingelte.

»Holen Sie mich an der Sparkasse ab«, brüllte Hundt ins Telefon.

»Gern«, entgegnete Thönnissen süffisant. »Kommen Sie mir ein Stück entgegen?«

»Sind Sie närrisch?«

»Nein. Ich setze mich jetzt auf mein Dienstfahrrad und fahre in Ihre Richtung, Herr Hauptkommissar. Zurück müssen wir allerdings laufen. Sie wissen, dass das Mitführen von Personen auf dem Gepäckträger untersagt ist. Wenn die Polizei das sieht …«, ließ Thönnissen den Satz unvollendet.

»Sind Sie völlig übergeschnappt? Kommen Sie gefälligst mit dem Streifenwagen hierher. Aber ein bisschen plötzlich.«

Thönnissen legte eine Kunstpause ein, bevor er Hundt erklärte, dass man ihm nur noch ein Dienstfahrrad zugestanden hatte.

»Dann lass ich mich bringen«, sagte der Hauptkommissar mit schnarrender Stimme.

Fünf Minuten später fuhr ein Streifenwagen vor.

Durch die Butzenscheiben seines Hauses beobachtete der Inselpolizist, wie Hundt ausstieg, mit Schwung die Tür zuschlug und stehenblieb, während das Fahrzeug davonfuhr. Sein Blick wanderte zum grün-weißen Golf, der neben dem Haus abgestellt war. Kurz darauf betrat der Hauptkommissar die Diele. Thönnissen empfing ihn im Türrahmen des Wohnzimmers.

»Was soll das bedeuten?«, schnauzte Hundt. »Da steht doch der Streifenwagen.«

»Der ehemalige«, korrigierte Thönnissen. »Ist Ihnen nichtaufgefallen, dass das Blaulicht demontiert ist und die Schriftzüge ›Polizei‹ überlackiert sind?« Mit Genugtuung registrierte er, dass Hundt dies entgangen war. »Ich habe das ausgemusterte Fahrzeug privat erstanden.« Dann zog er die Augenbraue in die Höhe und sah den Hauptkommissar fragend an.

»Müssen wir das im Stehen erledigen?«

Thönnissen trat beiseite und ließ den Kriminalbeamten eintreten. Er bot ihm Platz und einen Kaffee an.

»Haben Sie Milch? Und Zucker?«, meckerte Hundt und verzog das Gesicht, als er einen Schluck des schwarzen Gebräus zu sich nahm.

»Ich bevorzuge den Kaffee auf diese Art und habe beides nicht im Hause. Sie können ein wenig Kandis bekommen. Den brauche ich für den Tee.«

»Was ist das für ein Haushalt, der keinen Zucker hat?«, murrte Hundt.

Zumindest nicht für dich, dachte Thönnissen. Laut sagte er: »Haben Sie den Fall abgeschlossen und die Täter gefunden?«

Hundt warf ihm einen bösen Blick zu. »Das haben Sie verbockt. Bahnsen sagte, Sie wären erst zwei Stunden nach dem Überfall dort aufgekreuzt.«

Die Zeitspanne wurde immer länger, registrierte Thönnissen.

»Das ist unzutreffend«, erklärte er. »Ich war zwanzig Minuten nach dem Alarm in der Sparkasse«, verkürzte er seinerseits den Zeitraum. »Die habe ich mit dem Fahrrad vom Tiefwasseranleger bis nach Tammensiel benötigt. Ich war dienstlich an der Fähre. Es ging um die Kontrolle von Fahrzeugen.«

Hundt blies die Wangen auf und prustete los. »Das ist unfassbar. Da wird eine Bank überfallen, und der Kollege verteilt Knöllchen.«

»Hätten Sie mir zuvor einen Hinweis zukommen lassen, hätte ich mich natürlich beim Geldinstitut postiert und die Täter dort abgefangen«, antwortete Thönnissen und ergänzte schnell, bevor Hundt darauf eingehen konnte: »Wie ist der Sachstand?«

Der Hauptkommissar nippte am Kaffee und zog die Mundwinkel in die Höhe.

»Wir haben alles vor Ort aufgenommen. Die Spuren sind sichergestellt, die Zeugen verhört.« Plötzlich schien ihm etwas einzufallen. »Es ist ein Unding, dass die Überwachungskamera außer Betrieb war. Und überhaupt … Wie rückständig ist man hier! Es gab kein Alarmpäckchen und keine Markierung des gestohlenen Geldes.«

»Die Wahrscheinlichkeit, dass sich hier so etwas ereignet, ist ja auch gering.«

»Vergessen Sie Ihre Mathematik, Thönnissen. Sie sehen selbst, dass nichts unmöglich ist.«

Thönnissen flüsterte den Namen einer japanischen Automarke, die diese Werbeaussage früher verwandt hatte.

»Bitte?«, fragte Hundt nach.

»Ach. Nichts.«

»Die Täter sind nach dem bisherigen Erkenntnisstand mit einem Motorrad in nördlicher Richtung geflüchtet. Es gab eine Handvoll Zeugen, aber deren Aussagen sind widersprüchlich. Die Beschreibung reicht von groß bis klein, dick und dünn, alt und jung. Es könnte jeder gewesen sein. Ich. Sie.«

Thönnissen zuckte zusammen. »Ich?«

»Das ist nur so dahergesagt«, erwiderte Hundt. »Inzwischen sind Mitarbeiter von der Zentrale der Uthlande-Sparkasse auf dem Weg hierher. Es wird noch eine Weile dauern, bis die eintreffen. Die müssen erst von ihrer Insel aufs Festland, dann an der Küste entlangfahren und schließlich ab Nordstrand mit der nächsten Fähre herüberkommen. Wenn Sie diese Umstände jemanden erklären, der nicht von hier ist … Das nimmt Ihnen niemand ab.«

A

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