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Stop Me – Blutige Botschaft

Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Die Handlung und Figuren dieses Romans sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Brenda Novak

Stop Me – Blutige Botschaft

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Maria Poets

PROLOG

New Orleans

Vier Jahre zuvor

Der Mann sah nicht aus wie ein Mörder. Er hatte Romain Forniers zehnjährige Tochter umgebracht, aber er sah nicht aus wie ein Mörder. Zusammengesunken saß der Angeklagte im Gerichtssaal. Seine Wangen hingen schlaff herunter, er hatte Tränensäcke unter den Augen, und auf dem ansonsten kahlen Kopf spross ein spärlicher Kranz aus mausgrauem Haar.

Es gab Momente, in denen nicht einmal Romain glauben konnte, dass Francis Moreau etwas so Abscheuliches getan hatte. In diesen Momenten ließ er die Tage und Wochen, die seit Adeles Entführung vergangen waren, noch einmal Revue passieren. Dann fühlte er sich, als würde er das Leben eines anderen Mannes leben.

Aber der Albtraum würde noch schlimmer werden.

Der Richter schlug mit dem Hammer auf den Tisch, und der Lärm im Gerichtssaal ebbte schlagartig ab. Es wurde so still, dass Romain hören konnte, wie der Verteidiger mit den Papieren raschelte.

“Das Gesetz ist eindeutig”, verkündete der Richter. “Die Polizeibeamten mögen zwar die mündliche Erlaubnis von vorgesetzter Stelle erhalten haben – aber der Durchsuchungsbefehl ist erst nach der Hausdurchsuchung beim Angeklagten unterschrieben worden. Das bedeutet: Die Beweisstücke, die bei dieser Durchsuchung sichergestellt wurden, werden nicht zugelassen.”

Romain hörte, wie seine Familie nach Luft schnappte. Auf der einen Seite von ihm saßen seine Eltern, auf der anderen seine Schwester. Ohne diese Beweise gibt es keinen Fall. Mehr als einmal hatte der Staatsanwalt das betont.

Romain beugte sich vor und wandte sich flüsternd an Detective Huff, der in der Reihe vor ihm saß. “Ist es so übel, wie es sich anhört?”

“Machen Sie sich keine Sorgen”, flüsterte Huff zurück. Doch seine Stimme klang seltsam, fast erstickt, und seine Miene strahlte keine große Zuversicht aus. Als ein Zeuge der Verteidigung ausgesagt hatte, Huff habe Moreaus Haus ohne die notwendigen Papiere durchsucht, war der Detective dunkelrot angelaufen. Sein Gesicht war immer noch gerötet, und auf der Stirn standen Schweißperlen.

Der Staatsanwalt bat um eine Unterredung. Der Richter winkte ihn und den Anwalt der Verteidigung an den Richtertisch. Sie unterhielten sich mit gedämpften Stimmen, doch aus der Art und Weise, wie der Staatsanwalt gestikulierte, schloss Romain, dass er einen hitzigen Streit ausfocht.

Der Fall konnte jetzt unmöglich platzen! Nicht jetzt, wo sie sicher waren, den richtigen Mann geschnappt zu haben. Aber als der Staatsanwalt zu seinem Tisch zurückkehrte, machte er kein besonders glückliches Gesicht. Ehe er Platz nahm, suchte er die Menge ab, bis sein Blick an Huff hängen blieb. Er bedachte ihn mit so viel Geringschätzung, dass Romain der Atem stockte.

“Sie werden ihn ungeschoren davonkommen lassen”, flüsterte er tonlos. Seine Schwester saß da wie eine Statue. Seine Mutter weinte, und sein Vater versuchte, sie zu trösten. “Er wird davonkommen!”, wiederholte Romain, und dieses Mal packte er Huff an der Schulter, um eine Reaktion zu erzwingen.

Huff wandte sich um und blickte ihm ins Gesicht. In der Ecke brummte ein Ventilator. Die Klimaanlage war seit zwei Tagen defekt, und für Oktober war das Wetter ungewöhnlich warm. “Er hat es getan, Romain”, sagte er und wischte sich die Stirn mit dem Taschentuch ab. “Ich habe das Video gesehen.”

Romain hatte ebenfalls Teile des Films gesehen – so viel, wie er ertragen hatte. Darum konnte er es nicht begreifen. Wie konnte eine Formsache bei der Ausstellung des Durchsuchungsbefehls wichtiger sein als das Leben eines Kindes? Das Leben seines Kindes?

“Sie können ihn nicht gehen lassen”, sagte Romain. Doch der Richter klopfte erneut mit seinem Hammer, verkündete mit knappen Worten, dass der Staatsanwalt die Anklage zurückzog, und verließ den Gerichtssaal.

Romain stand wie gelähmt da, als ihn der Blick aus Moreaus wässrigen Augen traf und seine Lippen sich zu einem Lächeln verzogen. Dieser Anblick ließ ihn alles andere vergessen. Ein paar Sekunden lang gab es nur sie beide. Sie starrten sich durch den Gerichtssaal hindurch an.

“Ist es die Schuld des Detectives?”, fragte seine Mutter. “Warum hat er sich den Durchsuchungsbefehl nicht vorher unterschreiben lassen?”

“Moreau wusste, dass die Polizei einen Tipp bekommen hatte. Wenn Detective Huff gewartet hätte, hätte er die Beweise vernichtet”, sagte sein Vater.

Huff musste sie gehört haben, trotzdem blickte er weiterhin geradeaus. Auch er starrte Moreau an, der wiederum seine Aufmerksamkeit und das Siegerlächeln inzwischen dem Detective zugewandt hatte. Dann schüttelte der Anwalt der Verteidigung Moreau die Hand und gratulierte ihm.

Die Menge drängte zur Tür. Romains Schwester zog an seinem Arm und versuchte ihn dazu zu bewegen, ihr zu folgen. Aber er blieb wie angewurzelt stehen. Der Richter und die Anwälte mussten zurückkehren! Es war noch nicht vorbei! Es konnte nicht vorbei sein! Moreau war ein Mörder! Er hatte ein Kind umgebracht! Sein Kind. Und er würde es wieder tun.

Romain war sich nicht sicher, wie er schließlich aus dem Gerichtssaal gelangt war. Er erinnerte sich nicht daran, den Raum verlassen zu haben und zum Ausgang gegangen oder vor die Tür getreten zu sein. Er wusste nur noch, dass der Detective sein Jackett auszog und es über den Arm legte, während er die Außentreppe hinunterging. Die Waffe in Huffs Holster sprang Romain förmlich ins Auge. Sie gingen Seite an Seite. Sie wurden von der Menschenmenge angerempelt und von den Reportern attackiert, die sich wie ein Rudel hungriger Wölfe auf sie stürzten.

“Mr. Fornier, was haben Sie dazu zu sagen, dass der Mann, der Ihre Tochter getötet haben soll, nun frei ist?”

“Mr. Fornier! Mr. Fornier! Glauben Sie immer noch, dass Francis Moreau Adele umgebracht hat?”

“Werden Sie Zivilklage einreichen?”

Während ein Reporter nach dem anderen ihm ein Mikrofon vor die Nase hielt, entdeckte Romain Moreau, der nur wenige Schritte entfernt in die Kameras lächelte. Und plötzlich sehnte er sich mehr danach, eine Waffe in der Hand zu halten, als nach dem nächsten Atemzug. Er war ein ausgezeichneter Schütze. Auf diese Entfernung würde er ihn schwerlich verfehlen. Einmal den Abzug durchziehen, und schon wäre dieser entsetzliche Fehler behoben.

Das Nächste, woran Romain sich erinnerte, war ein lauter Knall. Moreau stürzte zu Boden. Und Detective Huff drückte ihn aufs raue Pflaster.

1. KAPITEL

Sacramento, Kalifornien

Gegenwart

Als Jasmine Stratford das Päckchen öffnete, stand sie mitten in einem belebten Einkaufszentrum. Doch von einem Moment auf den anderen konnte sie nichts mehr hören. Das Gelächter, die Stimmen, das Klackern der Absätze auf dem farbenfrohen Fußboden, die Weihnachtsmusik im Hintergrund … All das verschwand.

“Was ist los?” Sheridan Kohl berührte sie am Arm und hob besorgt die Augenbrauen.

Für Jasmine hörte es sich an, als käme die Stimme aus weiter Ferne. Sie konnte nicht sprechen. Ihre Lungen arbeiteten verzweifelt, aber ihre Brust fühlte sich so eng an, als könnte sich ihr Zwerchfell nicht ausdehnen. Schweiß lief ihr über den Rücken, bis die frische Baumwollbluse an ihr klebte, während sie auf das silber- und pinkfarbene Armband starrte, das sie gerade aus der kleinen Pappschachtel gezogen hatte.

“Was ist los, Jaz?” Immer noch stirnrunzelnd, nahm ihr die Freundin das Armband aus den eiskalten Fingern. Als sie den Namen las, den die silbernen Buchstaben bildeten, füllten sich ihre Augen mit Tränen. “Oh Gott!”, flüsterte sie und presste eine Hand an ihre Brust.

In Jasmines Kopf drehte sich alles. Sie befürchtete, ohnmächtig zu werden. Sie tastete nach Sheridan, die sie zur Mitte des Einkaufszentrums führte und einen Mann, der auf einem der wenigen Plätze saß, bat, aufzustehen.

Er sammelte seine Einkaufstüten zusammen, die um seine Füße verstreut lagen, und sprang auf, damit Jasmine sich auf den harten Plastiksitz sinken lassen konnte.

“Hey, sie sieht aber gar nicht gut aus, was? Hat sie ‘nen Schock oder so?”, fragte er.

“Sie hat nur einen furchtbaren Schrecken bekommen”, erklärte Sheridan.

Die Worte erreichten Jasmine, als hätte jemand sie in die Luft gemalt. Die Buchstaben flogen an ihr vorbei; sie schienen keine Bedeutung zu haben. Offenbar lief ihr Nervensystem nur noch auf Sparflamme – wegen Überlastung ausgeschaltet. Aufnahme von Informationen zurzeit nicht möglich. Verarbeitung von Nachrichten eingestellt.

“Rühr dich nicht vom Fleck”, sagte Sheridan hektisch und legte das Armband in die Schachtel auf ihrem Schoß zurück. “Ich hole dir etwas zu trinken.”

Selbst wenn sie gewollt hätte, hätte Jasmine sich nicht bewegen können. Ihre Beine fühlten sich an wie Gummi, andernfalls hätte sie das Einkaufszentrum auf der Stelle verlassen. Die Menschen begannen, sie anzustarren.

“Was fehlt ihr?”, flüsterte jemand und blieb neben dem Mexikaner stehen, der sie immer noch neugierig beobachtete.

“Ich weiß nicht, aber sie sieht gar nicht gut aus, was?”, wiederholte er.

Ein Teenager kam näher. “Ist alles in Ordnung mit Ihnen?”

“Vielleicht sollte jemand den Notarzt rufen”, sagte eine Frau.

Schick sie fort. Doch Jasmines Gedanken waren so auf das fixiert, was in ihrem Schoß lag, dass sie nicht einmal den Kopf heben konnte. Dieses Armband hatte sie ihrer kleinen Schwester geschenkt. Sie erinnerte sich an Kimberlys Begeisterung, als sie das Päckchen an ihrem achten Geburtstag ausgepackt hatte. Es war ihr letzter Geburtstag gewesen, bevor der große bärtige Mann ihr Haus in Cleveland an einem sonnigen Nachmittag betreten und sie mitgenommen hatte.

In Jasmines Kopf drehte sich alles, als die Erinnerungen sie übermannten. Bis zu ihrem zwölften Lebensjahr hatte sie ein behütetes und glückliches Leben geführt. Nie hätte sie sich träumen lassen, dass so eine Bedrohung in ihrem eigenen Haus auf sie lauern könnte. Fremde waren die Menschen draußen auf der Straße. Dieser Mann hatte sich benommen wie einer der Arbeiter ihres Vaters, deren Gesichter so häufig wechselten, dass sie mit keinem von ihnen wirklich vertraut wurde. Sie kamen ins Haus, um die Ausrüstung für sein Geschäft für Satelliten-Fernsehen zu holen, um einen Scheck abzuholen oder Papiere abzugeben. Hin und wieder stellte er Tagelöhner ein, damit sie das Lager aufräumten oder einen Zaun errichteten oder auch nur, um den Hof sauberzumachen. Sie hatte immer geglaubt, die Besucher seien nette Menschen.

Sie hatte sogar geglaubt, er sei ein netter Mensch. Und sie hatte zugelassen, dass …

“Soll ich den Notarzt rufen?”, schlug der Mexikaner vor.

Jasmine musste sich den Mund zuhalten, damit die Schreie nicht aus ihrem Inneren entweichen konnten. Tief atmen! Reiß dich zusammen! Nachdem ihre Eltern einander mit ihrer Verbitterung und Trauer fast zerstört hätten, hatten sie alle Hoffnung aufgegeben. Doch Jasmine hatte einen Funken Hoffnung tief in ihrem Inneren bewahrt. Und jetzt das!

Sheridan tauchte auf und drängte sich an den vier, fünf Leuten vorbei, die stehen geblieben waren. “Ich kümmere mich um sie. Alles in Ordnung”, sagte sie zu ihnen, und die Menschen begannen weiterzuschlendern, nicht ohne den einen oder anderen Blick zurückzuwerfen.

“Trink!”, sagte Sheridan.

Die frisch zubereitete Limonade schmeckte beruhigend normal.

Der Mann, der neben Jasmine saß, stand auf und bot Sheridan seinen Platz an. Sie dankte ihm und hockte sich auf die Sitzkante.

Nach ein paar Minuten beruhigten sich Jasmines Atem und Herzschlag. Sie war immer noch schweißgebadet, und als sie versuchte zu sprechen, rannen ihr Tränen über die Wangen.

“Wein ruhig.” Sheridan legte ihren Arm um sie und drückte ihre Schulter. “Lass dir so viel Zeit, wie du brauchst.”

Jasmine wusste das Mitgefühl ihrer Freundin zu schätzen, aber jetzt, als der Schock langsam nachließ, kamen die Fragen. Wer hatte ihr das Armband geschickt? Warum, nach so langer Zeit? Was war mit ihrer Schwester geschehen? Und die wichtigste Frage von allen: Gab es auch nur die geringste Chance, dass Kimberley noch am Leben war?

“Tut mir leid, dass ich das Päckchen mitgebracht habe und du in aller Öffentlichkeit damit konfrontiert wurdest.” Sheridans Miene spiegelte ihre Verlegenheit. “Als ich es auf dem Empfangstresen sah, zusammen mit der anderen Post, dachte ich, du hättest vielleicht schon darauf gewartet. Ich wusste, dass du heute nicht ins Büro kommen würdest, und deshalb …” Sie zuckte hilflos die Achseln. “Ich wollte nur helfen.”

Jasmine wischte sich die Augen aus. “Schon in Ordnung. Natürlich konntest du nicht mit so was rechnen.”

“Wer hat es geschickt?”

“Keine Ahnung.” Sie musterte das Päckchen. Es stand kein Absender darauf. Nicht einmal eine Nachricht war dabei, nur zerknülltes Verpackungsmaterial …

Jasmines Puls beschleunigte sich. Moment mal … Auf einem der zusammengeknüllten Blätter stand etwas.

Vorsichtig, damit sie die Nachricht nicht zerstörte oder ihre Fingerabdrücke überall verteilte, faltete sie das Blatt Papier auseinander – und sah zwei Wörter. Geschrieben in einer Farbe, die aussah wie Blut: Stop me.

Den ganzen Abend schlich Jasmine um das Telefon herum. Sollte sie ihren Eltern von dem Armband erzählen? Sie konnte sich nicht entscheiden. Laut Poststempel war das Päckchen in New Orleans aufgegeben worden, aber sie wusste nicht, ob sie je mehr Informationen als diese preisgeben würde. Sie wollte keine alten Wunden aufreißen – aber andererseits hatten ihre Eltern ein Anrecht darauf, diese Neuigkeit zu erfahren. Aber würden sie es wirklich wissen wollen?

Sie nahm das Headset. Ihr Vater bestimmt. Nachdem der bärtige Mann Kimberley mitgenommen hatte, hatte Peter Stratford sich so sehr der Aufgabe verschrieben, seine jüngste Tochter wiederzufinden, dass er am Ende alles verlor: sein Geschäft, seine Frau, sein Zuhause. Er hatte nach ihr gesucht, bis er darüber fast wahnsinnig geworden war. Gesucht, bis jeder andere in seinem Leben, einschließlich Jasmine, nicht mehr als ein Schatten für ihn geworden war. Und selbst dann hatte er nur aufgegeben, weil ihm keine andere Wahl geblieben war. Es gab keine Stelle mehr, die er hätte aufsuchen, und nichts mehr, was er noch hätte tun können.

Jetzt, wo das Leben für Peter endlich wieder in geordneten Bahnen verlief, ging es ihm besser als seit Jahren. Würde die Nachricht über Kimberleys Armband ihn erneut ins Schleudern bringen?

Jasmine setzte das Telefon wieder ab. Wahrscheinlich war es unklug, dieses Risiko einzugehen.

Und dann war da noch ihre Mutter. Gauri war so erfüllt von Bitterkeit und Scham gegenüber Peter und Jasmine, dass sie Schwierigkeiten hatte, sich mit den beiden in einem Raum aufzuhalten.

Das Telefon klingelte. Nervös fragte sie sich, ob es ihr Vater oder ihre Mutter sein könnte. Was sollte sie ihnen sagen? Sie überprüfte die Nummer des Anrufers und seufzte erleichtert. Es war ihre Freundin und Kollegin Skye Kellerman, nein, Skye Willis; sie hatte letztes Jahr geheiratet.

Sie ließ sich auf einen Küchenstuhl fallen, rieb sich mit dem Finger über die linke Augenbraue. “Hallo?”

“Ich habe gerade deine Nachricht bekommen. Und mehrere von Sheridan.” Skyes Stimme klang lebhaft, aber besorgt. “Es tut mir leid, dass ich mich erst jetzt melde. David und ich waren in Tahoe und hatten keinen Empfang.”

“Ist schon in Ordnung”, sagte Jasmine.

“Nein, es ist nicht in Ordnung. Wie geht es dir?”

Jasmine war sich nicht sicher. In einer Minute lebte die Hoffnung in ihr wieder auf, im nächsten Moment war sie entsetzt, weil sich am Ausgang der Entführung ihrer Schwester nichts geändert haben konnte. “Es geht mir gut”, sagte sie, obwohl sie insgeheim ein kleines nicht mitdachte.

“Das kommt so … unerwartet”, grübelte Skye. “Warum jetzt? Nach so vielen Jahren?”

Diese Frage hatte Jasmine sich bereits ebenfalls gestellt. “Es muss etwas mit der öffentlichen Aufmerksamkeit im Polinaro-Fall zu tun haben.” Vor vier Wochen war sie bei America’s Most Wanted aufgetreten, einer Sendung, in der aktuelle Kriminalfälle vorgestellt wurden. Sie hatte dort das Profil eines Sexualverbrechers erstellt, der neun Jungen belästigt hatte – und der geflohen war, sobald sich Autoritätspersonen genähert hatten. Darüber hinaus hatte Jasmine die Orte beschrieben, an denen der Täter sich aufhalten könnte, und die Dinge, die er möglicherweise tat.

“Natürlich”, stimmte Skye ihr zu. “Die Sendung wurde direkt vor Thanksgiving ausgestrahlt.”

“Wie hätte er mich sonst finden sollen?” Nachdem ihre Mutter wieder geheiratet und Cleveland verlassen hatte, hatte Jasmine die Schule geschmissen und war von zu Hause ausgezogen. Drei Jahre lang war sie immer tiefer in einem Sumpf aus Drogenmissbrauch und Selbstzerstörung versunken. Während dieser Zeit war sie von ihrer Geburtsstadt Cleveland aus von einer Stadt in die andere gezogen, hatte sich mit merkwürdigen Jobs über Wasser gehalten und sogar auf der Straße gebettelt, um das Geld für den nächsten Schuss zusammenzubekommen. Sie bezweifelte, dass irgendjemand ihre Spur hätte verfolgen können. Ihre Eltern hatten die meiste Zeit über keine Ahnung, wo sie steckte oder was sie tat. Erst als Harvey Nolasco, ein Fernfahrer, sie aufgegabelt und darauf bestanden hatte, dass sie sich Hilfe holte, war sie langsam zur Ruhe gekommen. Wie ihre Mutter hatte sie schließlich einen weißen Mann geheiratet. Und so war sie für kurze Zeit Jasmine Nolasco geworden.

“Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie die Adresse der Stiftung eingeblendet haben.”

“Das haben sie.” Wenn Jasmine mit den Medien zu tun hatte, erwähnte sie The Last Stand immer. Sie finanzierten ihre Arbeit ausschließlich über Spendengelder und konnten sich keine Gelegenheit entgehen lassen, die Öffentlichkeit auf die Organisation aufmerksam zu machen und um Unterstützung zu bitten. Bisher waren sie auch ganz gut damit gefahren. Seit die Sendung ausgestrahlt worden war, hatten sie Tausende Dollar an Spenden erhalten – und mehr Hilfsanfragen als je zuvor.

“Das Päckchen kam ins Büro, nicht wahr?”, vergewisserte sich Skye.

“Sher hat es unter der anderen Post gefunden und mitgebracht, als wir uns zum Lunch getroffen haben.”

“Hast du die Nachricht schon von jemandem untersuchen lassen?”

“Wir haben sie direkt zur Polizei gebracht.”

“Und?”

“Sie haben meinen Verdacht bestätigt. Es ist B…Blut.” Sie stolperte über das letzte Wort, als sie die großen eckigen Buchstaben auf dem Papier wieder vor sich zu sehen glaubte. Es lief ihr eiskalt über den Rücken.

“Meinst du, dass es Kimberlys sein könnte?”

“Selbst wenn sie tot ist – er hätte es einfrieren können.”

“Aber was glaubst du? Hast du nichts gefühlt oder gesehen?”

“Nein. Ich bin zu sehr daran beteiligt.” Jasmines Visionen kamen ohnehin zufällig. Obwohl ihre Fähigkeiten in ein paar veröffentlichten Fällen geholfen hatten, wusste sie manchmal selbst nicht, ob sie den kurzen Eingebungen trauen konnte, die sich gelegentlich in ihre normalen Gedanken drängten.

“Aber es ist doch immer noch möglich, ein Profil zu erstellen, oder?”

In den zwei Jahren, in denen sie mit Harvey verheiratet gewesen war, hatte Jasmine ihren Highschool-Abschluss nachgemacht und ein paar Kurse am College belegt. Sie las alles, was sie über abweichendes Verhalten und psychologisches Profiling finden konnte. Mit der Zeit war sie so kompetent geworden, dass das FBI sie gelegentlich als Beraterin hinzuzog. Manche Menschen nahmen an, dass sie aufgrund ihrer übersinnlichen Fähigkeiten so gut war, aber sie wusste, dass ihr vor allem ein instinktives Verständnis der menschlichen Natur weiterhalf, ebenso wie das Wissen, das sie sich angeeignet hatte. Schließlich konnte sie ihre Aufgabe auch dann erfüllen, wenn sie keine erkennbare übersinnliche Reaktion zeigte.

“Ja. Obwohl es ein Schock war.” Jasmine erhob sich halb, damit sie an die Schachtel herankam. Die Nachricht lag auf dem Kühlschrank, und das Armband befand sich in ihrem Schmuckkästchen. Sie konnte seinen Anblick nicht ertragen. “Er wollte mich wissen lassen, dass er Kimberly entführt hat”, sagte sie. Mit den Fingerspitzen ertastete sie die tiefen Einkerbungen, die der Kugelschreiber hinterlassen hatte, als er ihre Adresse aufgeschrieben hatte. “Ohne die Nachricht hätte das Armband möglicherweise auch von jemandem kommen können, der nur am Rande mit der Entführung zu tun hatte. Von jemandem, der den Kidnapper kennt und weiß, was er getan hat … eine Freundin, eine Verwandte oder seine Frau, die das Richtige tun möchte, aber sich aus Angst vor Repressalien nicht zu zeigen traut.” Sie zögerte und versuchte ein Gefühl für die Person zu bekommen, die so etwas tun würde. “Das Blut hingegen dient dazu, mich aufzuregen und mir zu sagen, dass er es ernst meint.”

“Womit?”

“Damit, dass ich ihn aufhalten soll.”

“Hört sich an, als würde er ein Spiel mit dir treiben.”

“Es ist kein Spiel. Es ist eine Herausforderung. Er hat nicht den Mut oder die Willenskraft, sich selbst zu stellen. Aber er weiß, dass man ihn aufhalten muss.” The Last Stand, der Name der Stiftung, war tiefer in den Karton eingekerbt als die anderen Buchstaben. Während ihre Finger darüberglitten, begannen die Visionen – die Visionen, von denen Jasmine geglaubt hatte, sie würden ausbleiben, weil sie dem Opfer zu nahe stand. Aber vielleicht hatte sie sie auch nur unterdrückt … Sie konnte den Mann mit dem Bart erkennen. Dieses Gesicht hatte sie lange Zeit in ihrem Gedächtnis vergraben, nahezu vergessen. Und doch hatte sie immer wieder verzweifelt versucht, es so genau wie möglich zu beschreiben, damit die Polizei den Mann aufspüren konnte. Obwohl er immer noch teilweise im Schatten verborgen war, raubte ihr das Bild den Atem. “Er ist ein Killer.”

“Bist du sicher?”

Sie konnte seine Mordlust spüren. “Absolut.”

“Fühlt er sich schuldig?”

Jasmine war versucht, den hauchdünnen Faden zu zerreißen, über den die fremden Gedanken und Gefühle in ihr Innerstes gelangten. Es war beängstigend. Aber sie wusste, dass sie jetzt nicht aufhören konnte. Dies war möglicherweise ihre einzige Chance, etwas über den Mann herauszufinden, das ihn verraten könnte. “Nicht Schuld. Das würde Mitgefühl voraussetzen.” Sie schloss die Augen und spürte seine Verwirrung und seine Sehnsucht, so zu sein wie alle anderen. “Er ruft nicht um Hilfe, damit das Leid, das er anderen zufügt, aufhört. Er will Hilfe, damit der Schmerz aufhört, den er selbst verspürt. Es geht allein um ihn. Er tötet, damit der Schmerz aufhört.”

“Was hat er davon, wenn er anderen wehtut?”

“Er fühlt sich mächtig. Er sehnt sich nach …” Sie kannte die Antworten, doch sie waren so düster und Furcht einflößend, dass Jasmines Verstand sich ihr verweigerte. Sie zog die Hände fort, und die Bilder verschwanden.

“Aufmerksamkeit?”, beendete Skye den Satz.

“Ja. Und nach Anerkennung.” Jasmine starrte die Schachtel an. Es kam ihr vor, als sei er ihr näher als vor sechzehn Jahren, als er im Wohnzimmer ihrer Eltern gestanden und mit Kimberly geredet hatte. Zu nahe. Sie hatte ein flaues Gefühl im Magen, aber sie fuhr jeden einzelnen Buchstaben nach, den er geschrieben hatte, und zwang ihr Unterbewusstsein, dorthin zu gehen, wohin es nicht wollte. Für Kimberly.

“Glaubst du, dass es noch mehr gibt?”, fragte Skye.

Der zottelige Bart. Die flaschengrünen Augen. Die markante Nase. Die ausgebeulte, schmutzige Kleidung …

“Jasmine?”, drängte Skye, als sie nicht antwortete.

Es hatte keinen Zweck. Die Vision war vorbei, und ihr blieb nicht mehr als die Erinnerung daran. “Was ist?”, fragte sie.

“Glaubst du, dass er noch andere Kinder entführt hat?”

Mit zitternder Hand bedeckte Jasmine die Augen und holte tief Luft. “Glaubst du das?”

“Killer bringen nicht jeden um, den sie treffen. Es könnte sein, dass er Kimberly all die Jahre über gefangen gehalten hat und niemanden sonst entführt hat. Vielleicht hat er sich eine Tochter gewünscht, jemanden, der ihn bedingungslos liebt, und sie hat seine Bedürfnisse erfüllt.”

Auf Jasmines Arm bildete sich eine Gänsehaut. “Es hat nichts mit Liebe zu tun.” Er war nicht zufrieden, konnte vermutlich niemals zufrieden sein. Warum sonst sollte er sie oder sonst jemanden anflehen, ihn aufzuhalten?

“Er könnte sie irgendwann freigelassen haben”, überlegte Skye. “Aber das bedeutet noch lange nicht, dass sie auch gegangen ist.”

“Natürlich nicht. Sie war acht, als es geschah”, sagte Jasmine. “Entführte Kinder beginnen oft, sich zu ihren Kidnappern hingezogen zu fühlen. Sie passen sich an und leben bei ihnen, als hätten sie nie ein anderes Zuhause gehabt.”

“Vielleicht hat er sie bei sich behalten, bis sie erwachsen war, und jetzt ist sie da draußen … irgendwo.”

Eine Version ihres früheren Ichs, aber nicht mehr dieselbe Person, hätte Jasmine beinahe hinzugefügt, aber das konnte sie nicht laut aussprechen. Sie würde darüber nachdenken, wenn sie jemals das Glück haben sollte, ihre Schwester zu finden – falls und wenn es so weit war.

“Wirst du analysieren lassen, ob die Probe Ähnlichkeiten mit deiner DNA aufweist?”, fragte Skye.

“Natürlich. Ich werde es an das private Labor in L.A. schicken. In Wrigleys Fall haben sie ausgezeichnete Arbeit geleistet.” Außerdem würde sie einen Fingerabdruckspezialisten nach verborgenen Fingerabdrücken suchen lassen. Sie bezweifelte, dass sie auf dem Päckchen irgendetwas finden würden. Zu viele Menschen hatten es auf dem Weg zu ihr in den Händen gehabt. Nach drei oder vier Tagen würden alle Abdrücke, die der Absender möglicherweise hinterlassen hatte, von anderen überdeckt sein, sodass sie selbst mit der besten Technik nicht mehr sicherzustellen waren. Das Armband selbst oder die Nachricht waren wesentlich vielversprechender.

“Warum lässt du das nicht die Polizei erledigen? Sie haben doch ihre eigenen Labore. Du hast in Cleveland gewohnt, als Kimberly entführt wurde. Sind die nicht eigentlich dafür zuständig?”

“Ich will es ihnen nicht zeigen.”

“Warum nicht?”

“Weil der Detective, der damals die Ermittlungen geleitet hat, immer noch dabei ist.” Jasmine stand auf und ging zum Fenster, von dem aus sie auf den Parkplatz zwei Stockwerke unter sich blickte. Alte Lastwagen, verbrauchsarme Autos und hin und wieder ein SUV standen in dem hellen Flutlicht, das vom Gebäude abstrahlte. Ihre Eigentumswohnung lag nicht gerade in einem der wohlhabenden Viertel von Sacramento. Skye, Sheridan und sie nahmen nur so viel aus der Stiftung, wie sie zum Überleben brauchten, und damit konnten sie sich keine teure Wohnung leisten. Aber es war auch nicht die schlechteste Nachbarschaft. Sie fühlte sich hier sicher. Zumindest so sicher wie möglich. Immerhin legte sie sich von Berufs wegen mit vielen gefährlichen Menschen an.

“Woher weißt du das?”

“Ich habe es vorhin überprüft.”

“Du meinst, er ist nicht fähig, die Ermittlungen zu leiten?”

“Mein Vater hat den Kerl fast um seinen Job gebracht, weil er die Reifenspur ruiniert hatte.” Jasmine riss ein Papiertuch aus dem Halter und tupfte sich den Schweiß ab, der sich auf ihrer Stirn gesammelt hatte. “Ich glaube nicht, dass er den Fall noch einmal neu aufrollen wollen wird.”

“Vielleicht könntest du mit seinem Vorgesetzten reden, damit jemand anders die Ermittlungen übernimmt.”

“Nein. Captain Jones hat sich letztes Mal schon hinter seinen Detective gestellt. Ich bin sicher, dass er es diesmal genauso halten wird. Aber ich weigere mich, mit Castillo zusammenzuarbeiten.” Jasmine konnte den Gedanken nicht ertragen, ein wichtiges Beweismittel jemandem auszuhändigen, den sie für inkompetent hielt. Es war nicht gerade so, dass die Polizei von Cleveland ihr gegenüber offen und entgegenkommend wäre. Sie kannte den Ruf ihres Vaters und wusste, wie viel Ärger er gemacht hatte. Nachdem sie bei einer ganzen Reihe von Ermittlungen mitgearbeitet hatte, fühlte sie sich dafür gewappnet, ihrer Schwester Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Und sie war stärker motiviert, die Entführung aufzuklären, als ein Außenstehender es je sein könnte.

“Und was ist mit einem Privatdetektiv? Was hältst du davon, Jonathan einzuschalten? Du weiß, wie gut er ist.”

“Ich werde mich selbst darum kümmern.”

“Wie?”

“Ich fahre nach Louisiana.”

Diese Ankündigung rief ein schockiertes Schweigen hervor. Schließlich sagte Skye: “Aber alles, was du hast, ist der Poststempel!”

Nein, sie hatte mehr als das. Sie hatte sein Bild in ihrem Kopf, das wie aus dem Nichts aufgetaucht war, als sie das Päckchen berührt hatte. Sie würde sich mit einem Phantombildzeichner treffen, einen Flyer entwerfen, eine Belohnung aussetzen … Sie würde alles tun, was getan werden musste. Wenn der Schock vorüber war und sie sich wieder stärker fühlte, würde sie vielleicht noch einmal die Furcht einflößende Verbindung wiederherstellen können, die sie so kurz gespürt hatte.

Diese seltsame Vision hatte sie von einer Sache überzeugt: Der Mann mit dem Bart wusste, dass sie ihn aufhalten konnte. Und genau das hatte sie auch vor.

Selbst, wenn es für Kimberly zu spät war.

2. KAPITEL

Jasmine war noch nie in Louisiana gewesen. Nach dem Hurrikan Katrina hatte sie Geld für den Wiederaufbau gespendet. Wie so viele war sie über den entstandenen Schaden entsetzt gewesen, jedoch auf eine sehr unverbindliche Weise. Sie empfand keinerlei persönlichen Verlust wie jemand, der die Gegend vielleicht schon vorher gekannt hatte. Im Moment war es ohnehin zu dunkel, um irgendetwas zu erkennen.

Sie saß auf dem Rücksitz eines Taxis, das sie vom Flughafen zum Hotel bringen sollte, und spielte unruhig mit ihrer Tasche herum. War sie verrückt geworden, einfach hierherzukommen? Sie wusste so gut wie nichts über New Orleans und hatte in diesem Teil des Landes keinerlei Kontakte. Wie sollte sie jemals den Mann finden, nach dem sie suchte?

Ein stetiges Pochen hinter ihren Augen war das erste Anzeichen stärker werdender Kopfschmerzen. Der Flug hatte sie einen ganzen Tag gekostet. Das Flugzeug war eng und überhitzt gewesen und hatte sie spät am Abend am anderen Ende des Landes wieder ausgespuckt. In der Luft hatte sie nur etwas zu trinken und eine kleine Tüte Erdnüsse bekommen. Sie war ausgehungert und erschöpft. Letzte Nacht hatte sie überhaupt nicht geschlafen und die Schachtel, das Armband und die Nachricht sorgfältig verpackt. Auf ihrem Weg nach New Orleans hatte sie einen Zwischenstopp in Los Angeles eingelegt, um die Beweismittel persönlich ins Labor zu bringen. Trotzdem hatte sie auf dem langen Flug nicht schlafen können; dazu war sie viel zu ruhelos gewesen. Stattdessen war sie in Gedanken immer wieder den Tag durchgegangen, an dem Kimberly verschwunden war. Vielleicht, so hoffte sie, würde sie sich an etwas Neues oder Anderes erinnern, das ihr jetzt weiterhelfen könnte.

Als hätte sie das während der vergangenen sechzehn Jahre nicht Millionen Mal getan, spulte sie die wenigen Momente immer wieder ab. Ihr Kopf ruhte an der Rückenlehne des Sitzes.

Jasmine hatte das Klopfen nicht gehört. Sie hatte im Wohnzimmer auf dem Fußboden gelegen, als die leicht kratzige Stimme eines Mannes den Fernseher übertönte. Kimberly sprach mit ihm. Sein ungezwungenes, beinahe vertrauliches Verhalten legte den Schluss nahe, dass er ein Arbeiter oder zumindest einer der zukünftigen Arbeiter ihres Vaters war, sodass Jasmine sich nicht die Mühe machte aufzustehen.

Wo ist dein Daddy?

Bei der Arbeit.

Wann kommt er wieder zurück?

Erst später. Soll ich ihn anrufen?

Nein, ich kann ihn vom Auto aus anrufen.

Die Tatsache, dass er so tat, als würde er ihren Vater kennen, als hätte er Peters Telefonnummer, passte zum Alltag im Haushalt der Stratfords, sodass Jasmine sich nichts dabei dachte. Doch bei den darauffolgenden Ermittlungen hatte es eine wesentliche Rolle gespielt. Ihre Eltern glaubten, dass Peter den Mann schon einmal irgendwo getroffen haben musste, dass er ihn eingeladen und somit erst in ihr Leben hereingeholt hatte. Das war einer der Gründe, warum ihre Mutter ihrem Vater die Schuld gab – zumal Gauri sich immer wieder darüber beschwert hatte, dass zu viele Leute in ihr Haus kämen. Doch Peter hatte sie stets mit ihrer Sorge aufgezogen: Er nannte sie “mein kleines Hasenherz”, wirbelte sie in der Küche herum und rief lachend: “Der Himmel fällt mir auf den Kopf, der Himmel fällt mir auf den Kopf!”

Und dann war der Himmel über ihnen eingestürzt.

Jasmine wollte sich nicht in den unglücklichen Erinnerungen über die Streitereien ihrer Eltern verlieren, die oft genug ziemlich heftig wurden und mit Tränen endeten. Sie lenkte ihre Gedanken zurück zu dem Mann an der Tür, der sich mit Kimberly unterhalten hatte.

Wie alt bist du?

Acht.

Du bist ein hübsches kleines Mädchen.

Augenblicklich rührte sich Eifersucht in Jasmine, als sie das Kompliment hörte. Sie wollte, dass ihr ebenfalls jemand sagte, sie sei hübsch. Ihr Vater war weiß, und ihre Mutter kam aus Indien. Beide Mädchen hatten ihre dichten dunklen Haare und die goldbraune Haut geerbt. Doch Jasmine hatte große mandelförmige Augen, die von so erstaunlichem Blau waren, dass sie normalerweise mehr Aufmerksamkeit auf sich zog als ihre jüngere Schwester. Sie wäre aufgestanden, um sich ihren Anteil an Kimberlys Kompliment zu holen, aber genau in diesem Moment war Kevin Arnold dabei, Winnie zum ersten Mal zu küssen. Und Jasmine konnte sich einfach nicht vom Fernseher und ihrer Lieblingsserie “Wunderbare Jahre” losreißen.

Ich kann ein Rad schlagen. Willst du mal sehen? Die Stimme ihrer Schwester wehte aus der Diele herüber.

“Nicht im Haus”, brüllte Jasmine, und in diesem Moment schaute der Mann um die Ecke, und sie sah sein Gesicht.

Bist du der Babysitter?

Ja.

Kimberly spähte ebenfalls ins Zimmer, aber nur lange genug, um ihr die Zunge rauszustrecken. “Sie will immer nur bestimmen”, sagte sie. Dann bot sie dem Mann an, ihr Rad auf dem Rasen zu schlagen, und sie gingen hinaus. Jasmine freute sich, weil sie dafür gesorgt hatte, dass ihre Schwester keine Lampe umkippte. Rasch war die Unterbrechung vergessen, und sie genoss den Rest der Sendung. Doch als die Episode zu Ende war, stand die Vordertür immer noch offen, und Kimberly war nirgendwo zu sehen. Ebenso wenig wie der Mann.

Niemals, selbst wenn sie hundert Jahre alt werden würde, würde Jasmine vergessen, wie sie ihre Eltern angerufen hatte, um ihnen zu sagen, dass ihre kleine Schwester verschwunden war.

Als sie auf sie aufpassen sollte.

“Ihr Hotel ist in der St. Philip Street?” Der Taxifahrer schien das merkwürdig zu finden.

Jasmine begegnete seinem Blick im Rückspiegel. Seine Augenbrauen sahen aus wie zwei Raupen. “So stand es jedenfalls auf der Website.”

“Und es heißt Maison du Soleil? Im French Quarter?” Er hatte einen französischen Akzent, aber er klang anders als der, den Jasmine aus dem Fernsehen kannte. Das R rollte tief in der Kehle.

“Das stimmt.”

“Sie meinen nicht das Maison Dupuy in der Bourbon Street?”

“Nein.”

Die buschigen Augenbrauen berührten sich fast. “Ich habe noch nie von diesem Hotel gehört, aber ich bin auch noch ziemlich neu in der Stadt. Sind Sie sicher wegen der Adresse, Madame?”

“Absolut.”

Er richtete den Blick wieder auf die Straße. “Mais, dann werden wir es auch finden. Kein Problem. Keine Sorge.”

Kein Problem? War er sich sicher? Jasmine war klar, dass sie nicht gerade ein Luxusappartement gebucht hatte. Sie wusste nicht, wie lange sie in der Stadt bleiben würde, und sie musste ihre Ausgaben in Grenzen halten; ihre Kreditkarten gaben nicht allzu viel her. Doch jetzt befürchtete sie, dass sie in einer Besenkammer landen würde. Im Internet hatte sie keine Bilder von der Fassade des Hotels gefunden, nur von einem der Zimmer. Die Lage im Herzen von New Orleans und der annehmbare Preis hatten sie schließlich davon überzeugt, sich dort einzumieten.

Eine andere Website hatte sie davor gewarnt, im ununterbrochenen Trubel des Vieux Carré unterzukommen. Doch das eigenartige Gefühl, die unheimliche Empfindung, in der Haut desjenigen zu stecken, der die Nachricht geschrieben hatte, hatte sie so sehr verängstigt, dass sie unter Menschen sein wollte. Wenn sie ihr Fenster spät in der Nacht öffnen könnte, Jazzmusik in den Straßen hören und sehen würde, wie die Menschen lachten, redeten, sich amüsierten und die Feiertage genossen, würde sie sich sicherer fühlen.

“Werden Sie über die Weihnachtstage bleiben?”, fragte der Fahrer, diesmal eher im Plauderton.

Bis dahin waren es nur noch vier Tage. Würde sie bis dahin alles erreicht haben, was sie erreichen musste, um nach Kalifornien zurückkehren zu können? Sie bezweifelte es. Aber vielleicht war es auch besser so. Für gewöhnlich verbrachte sie die wichtigsten Feiertage mit Skye. Sheridans Familie lebte in Wyoming, und sie fuhr oft zu Thanksgiving, Ostern und Weihnachten nach Hause. Skyes einzige Angehörigen waren ein Stiefvater und zwei Stiefschwestern, die alle in L.A. lebten und sie normalerweise in Ruhe ließen. Bis zu diesem Jahr. Jetzt war sie verheiratet und hatte eine eigene Familie, und Jasmine wollte sie nicht bei ihrem ersten Weihnachtsfest stören.

Somit wäre sie in Sacramento genauso allein gewesen wie in New Orleans. “Ich werde über Silvester bleiben.”

“Nicht bis Mardi Gras?”

“Wann ist das?”

“Irgendwann im Februar – ich weiß aber nicht genau, am wievielten. Es ist der letzte Tag vor Aschermittwoch. Sie wissen schon: Faschingsdienstag.” Er zog die Vokale ungewohnt in die Länge. “Sechsundvierzig Tage vor Ostern”, fügte er erklärend hinzu.

Jasmine hoffte, dass sie nicht bis Februar in New Orleans würde bleiben müssen. “Wahrscheinlich nicht”, sagte sie.

“Sind Sie peut-être wegen Geschäften hier?”

Im ersten Moment brachte die Frage Jasmine aus dem Konzept. Sie war aus persönlichen Gründen in der Stadt, so persönlich, wie sie nur sein konnten. Doch ihre Ermittlungen würden sich in nichts von denen unterscheiden, die sie durchführte, wenn sie anderen Opfern von Gewaltverbrechen zu helfen versuchte. Vielleicht war es einfacher, wenn sie die Untersuchungen, die vor ihr lagen, aus einem professionellen Blickwinkel betrachtete. Möglicherweise würde das ihr Unbehagen dämpfen, das sie wie Nebel einhüllte.

“Ja”, murmelte sie.

“Sie müssen sehr beschäftigt sein, wenn Sie über Weihnachten eine Geschäftsreise machen.”

“Manche Dinge lassen sich nicht aufschieben.” Dies hier war so eine Sache. Sie hatte vor, so viele Nachforschungen wie möglich anzustellen, solange sie auf die Laborergebnisse wartete. Sie wollte den Fall ganz von vorn aufrollen, so wie sie es bei jedem Fall machen würde.

Als sie in das French Quarter kamen, wurde ihr erneut bewusst, wie fremd New Orleans für sie war. Die Stadt hatte europäisches Flair. Würde sie hier Urlaub machen, hätte ihr das alles sehr gefallen: die engen Gassen, die schmiedeeisernen Balkone und die Hinterhöfe, die eher spanischen als französischen Einflüsse. Doch sie war nicht in den Ferien hier, und sie fühlte sich fehl am Platz. Die Menschenmassen und die ebenso klischeehafte wie berühmte Atmosphäre des Laissez le bon temps rouler – Genießt das Leben! – in den unzähligen Bars, Jazzclubs, Hotels, Restaurants, “Herrenclubs” und Boutiquen standen ein wenig zu heftig im Widerspruch zu ihrer Stimmung und ihrem Ziel.

“Wie lautet noch mal die Adresse Ihres Hotels, Madam?”

Der Fahrer schaltete das Kabinenlicht an, während Jasmine das Blatt Papier aus der Tasche fischte, das sie zu Hause ausgedruckt hatte, und die Adresse herunterbetete.

“Das müsste ici sein”, sagte er und deutete aus dem Fenster.

Beide starrten auf die Frontseite einer Bar namens The Moody Blues. Die Fassade war purpurrot gestrichen, und davor hatte sich ein ganzer Pulk Zecher versammelt. Das Haus war über und über mit Lichterketten geschmückt. Aus der offenen Tür ertönte laute Musik, die eher rockig als jazzig klang.

Der Fahrer parkte den Wagen am Straßenrand, stieg aus und ging hinein, um mit dem Mann hinterm Tresen zu sprechen. Als er zurückkam, trugen ihn seine stämmigen Beine schneller als zuvor. Mit einer ausholenden Handbewegung hielt er ihr die Wagentür auf. “Sie können aussteigen, Madam.” Er deutete eine Verbeugung an. “Da sind wir.”

“Hier?”, fragte sie verwirrt.

“Ja. Das Hotel befindet sich über der Bar.” Auf dem Weg zum Kofferraum blieb er noch einmal stehen und deutete auf den Eingang. “Sobald Sie drinnen sind, werden Sie es sehen. Rechts ist die Treppe.”

Kein Wunder, dass es kein Foto vom Hotel im Internet gab.

Jasmine schluckte einen Seufzer herunter, bezahlte den Fahrer und trat hinaus in die schwüle, etwa zwölf Grad kühle Luft, um ihr Gepäck in Empfang zu nehmen. Der Fahrer zögerte, als wollte er es für sie hineintragen, doch sie merkte, dass er sein Taxi nur ungern aus den Augen lassen würde. “Ich schaffe es schon”, sagte sie.

Ehe er davonfuhr, wünschte er ihr zum Abschied einen angenehmen Aufenthalt in der Stadt. Durch die Menschenmenge, die in der Bar feierte, bahnte sie sich ihren Weg zu der hinter einem Perlenvorhang liegenden Treppe, die, einem glitzernden Schild zufolge, nach oben ins Maison du Soleil führte.

Als Jasmine aufwachte, lag sie vollständig angezogen auf dem zugedeckten schmalen Bett. Die trübe Glühbirne an der Decke war noch eingeschaltet, und die Psychologiezeitschrift, in der sie gelesen hatte, war auf den Boden gefallen. Draußen herrschte noch Dunkelheit, doch die Musik, die bei ihrer Ankunft dröhnend durch die Dielenbretter gedrungen war, war verstummt, und auch den Fernseher aus dem Nachbarzimmer konnte sie nicht mehr hören. Sie hätte gern nachgesehen, was auf der Straße los war, doch das einzige Fenster führte auf die Feuertreppe hinaus. Von dort aus hatte man einen wunderschönen Ausblick auf eine Mauer aus Rotklinker.

So viel zu Jasmines Unterkunft.

Sie blinzelte, um einen klaren Blick zu bekommen, sah auf ihre Uhr und rechnete die zwei Stunden Zeitverschiebung hinzu. Es war halb sechs am Morgen. Sie wusste nicht, was sie aufgeweckt hatte, aber sie erinnerte sich vage an beunruhigende Träume; die Sorte Albträume, die sie als Mädchen nach Kimberlys Verschwinden verfolgt hatten. Es gab viele verschiedene Versionen. Aber meistens ging es darum, dass ihre Schwester weinend nach ihr rief, während sie in einen riesigen dunklen Raum gezerrt wurde. Wenn Jasmine ihr folgte, verwandelte sich der Raum jedes Mal in ein Labyrinth aus Korridoren. Ihre Schwester schien immer direkt hinter der nächsten Ecke zu sein, trotzdem konnte Jasmine sie nie erreichen. Gewöhnlich wachte sie schweißgebadet auf, und dieser Morgen machte da keine Ausnahme – auch wenn sie sich ziemlich sicher war, dass das zum Teil auch an der Heizung lag. Jasmine hatte sie eingeschaltet, ehe sie sich hingelegt hatte. Im Zimmer mussten mindestens sechsundzwanzig Grad herrschen.

Sie fühlte sich zerknittert und erschöpfter als zuvor. Trotzdem stand sie auf, drehte die scheppernde Heizung runter und steuerte auf die Dusche zu. Anschließend würde sie nach unten gehen, um mit dem Manager zu reden. Ehe sie das Zimmer reserviert hatte, hatte sie angerufen, um sich zu vergewissern, dass das Hotel einen Internetzugang hatte. Sie musste schließlich ihre E-Mails empfangen und, je nachdem, was sie in New Orleans herausfand, mit den üblichen Suchmaschinen arbeiten können. Letzte Nacht war es ihr allerdings nicht gelungen, sich ins Internet einzuwählen.

Die Dusche entpuppte sich als eine winzige Kabine, die kaum genug Platz bot, damit Jasmine sich darin umdrehen konnte, aber sie war sauber, und das Wasser schoss in einem kräftigen Strahl heraus, sodass ihre steife Muskulatur an Schultern und Nacken massiert wurde. Vermutlich war es die Qualität der Dusche, die sie dazu bewog, sich nicht auf die Suche nach einem besseren Hotel zu begeben. Das und die Tatsache, dass es müßig war, ihre Zeit damit zu vergeuden. Es gab zu viele andere Dinge, um die sie sich kümmern musste.

Nachdem sie sich angezogen hatte, fühlte sie sich beinahe wieder wie ein menschliches Wesen. Jasmine schnappte sich die Schlüsselkarte und fuhr mit dem ruckelnden Fahrstuhl hinunter in den ersten Stock. Hinter der Rezeption stand eine zierliche junge Frau, die sie nach dem Manager fragte.

“Mr. Cabanis ist der Besitzer des Hotels und der Bar. Er müsste unten sein.” Sie war ganz in Schwarz gekleidet und kaum neunzehn Jahre alt; Jasmine vermutete, dass sie irgendwie mit Cabanis verwandt sein musste. Vielleicht war sie seine Tochter.

“Danke.” Jasmine stieg die letzte Treppe ins Erdgeschoss hinunter, wo ein drahtiger, energischer Mann mit dunklen Haaren die Vorräte an Gläsern für The Moody Blues wieder auffüllte.

“Mr. Cabanis?”

Seine Augen huschten in ihre Richtung, doch er fuhr fort, mit geschmeidigen geübten Bewegungen die Gläser einzuräumen. “Ja?” Mit seinen muskulösen, mit Tattoos bedeckten Unterarmen erinnerte er sie an Popeye.

“Ich bin Gast in Ihrem Hotel. Der Internetzugang in meinem Zimmer scheint nicht zu funktionieren. Ich kann keine Verbindung herstellen.”

“Bisher haben nicht alle Zimmer einen eigenen Zugang.” In dem an der Decke befestigten Fernseher liefen gerade die Nachrichten. Ab und zu schaute er hin, als sei er verärgert, weil Jasmine ihn während seines morgendlichen Rituals störte. “Wir haben das Hotel gerade eröffnet und sind immer noch dabei, es weiter auszubauen. Früher waren das hier Wohnungen”, fügte er hinzu.

Das überraschte sie nicht. “Und wie komme ich ins Internet? Kann ich vielleicht in ein anderes Zimmer umziehen?”

Das Fernsehen zeigte die Höhepunkte des letzten Spiels der New Orleans Hornets. “Die zehn Zimmer, die fertig ausgebaut sind, sind leider bereits alle belegt. Aber Sie können den Internetzugang in der Lobby benutzen.”

“Am Telefon wurde mir aber etwas anderes gesagt.”

Endlich schenkte Mr. Cabanis ihr seine volle Aufmerksamkeit. “Jemand hat Ihnen gesagt, dass wir in allen Zimmern Internetanschluss haben?”

So genau hatte Jasmine nun auch wieder nicht nachgefragt. Ob es im Hotel Internetzugang gäbe, hatte sie wissen wollen, und die Person am anderen Ende hatte gesagt: “Ja.” Das war keine Lüge – andererseits aber hätte die Antwort auch durchaus etwas ausführlicher ausfallen können.

“Nicht direkt”, lenkte Jasmine nun ein. “Wann kann ich den Anschluss in der Lobby benutzen?”

“Jederzeit. Es gibt einen Extraanschluss gegenüber der Rezeption. Stöpseln Sie sich einfach ein, wann immer Sie wollen.”

Sie stellte sich vor, wie sie sich inmitten des Trubels, den sie am vergangenen Abend erlebt hatte, zu konzentrieren versuchte. Der Lärm hallte durchs ganze Gebäude, und sie beschloss, dass sie vor allem am frühen Morgen ins Internet gehen würde. “Danke.” Sie ging bereits auf die Treppe zu, blieb dann jedoch zögernd stehen. “Sehen Sie jeden Morgen die Nachrichten?”, fragte sie und drehte sich noch einmal um.

“Meistens.” Er hatte das erste Regal mit Gläsern aufgefüllt und war mit dem zweiten zur Hälfte fertig.

“Haben Sie in der letzten Zeit Berichte über entführte kleine Mädchen gesehen?”

Das erweckte seine Neugier. “Warum fragen Sie?”

“Meine Schwester wurde vor langer Zeit entführt. Der Entführer könnte eventuell hierhergezogen sein. Womöglich ist er immer noch aktiv.”

Während er nachdachte, schürzte Mr. Cabanis die Lippen. Die meisten Entführungen waren nach vierundzwanzig Stunden vorbei, sodass sie es selten bis in die Nachrichten schafften. Aber es gab auch Fälle, in denen das Opfer nicht ausfindig gemacht werden konnte – oder man nur seine Leiche fand.

“Nichts, woran ich mich erinnern könnte”, sagte er schließlich. “Nicht seit der Aufregung um das Fornier-Mädchen, und das ist … warten Sie … vier Jahre her. Es war ganz sicher vor dem Hurrikan.”

“Das Fornier-Mädchen?”

“Haben Sie nicht davon gehört?”

“Ich komme aus Kalifornien. Auch wenn der Fall es in die landesweiten Nachrichten geschafft hat, kommt er mir nicht bekannt vor.”

“Ein Perverser namens Moreau hat sie gekidnappt, als sie mit dem Fahrrad unterwegs war. Sie war erst zehn.”

Nach Schätzungen des US-Justizministeriums wurden jedes Jahr etwa dreihundertfünfundfünzigtausend Kinder von Familienangehörigen entführt. Fremde versuchten, weitere rund hundertfünfzehntausend Kinder zu kidnappen, waren jedoch nur in dreitausendzweihundert bis viertausendsechshundert Fällen erfolgreich. Von diesen wiederum endeten hundert mit einem Mord. Jasmine hätte die Statistiken im Schlaf herunterbeten können. Die meisten Opfer waren ganz normale Kinder, die ein ganz normales Leben führten. Siebenundsechzig Prozent waren Mädchen, im Durchschnitt etwas mehr als elf Jahre alt. In acht Prozent der Fälle fand der erste Kontakt innerhalb einer Viertelmeile im Umkreis vom Zuhause des Opfers statt, und in der Mehrzahl der Fälle, bei nahezu sechzig Prozent, handelte es sich bei der Entführung um ein Gelegenheitsverbrechen. Aber Jasmine wusste, dass jeder, der nach einer Gelegenheit suchte, am Ende auch eine finden würde.

Auf jeden Fall hörte es sich an, als würde das kleine Mädchen zum Profil passen. “Wurde sie gefunden?”

“Erst, nachdem Moreau sie umgebracht hatte.”

Fast die Hälfte der Opfer, die von einem völlig Fremden entführt wurden, wurden getötet. Von diesen war die allergrößte Mehrheit, nämlich fünfundsiebzig Prozent, innerhalb von drei Stunden tot. Angesichts der Tatsache, dass die meisten Eltern oder Betreuungspersonen mehr als zwei Stunden selbst nach dem Kind suchten, ehe sie die Polizei einschalteten, hatten die Behörden meistens nicht viel Chance, das Kind zu retten. “Wie traurig.”

Er verzog das Gesicht. “Sie wollen bestimmt nicht wissen, was er dem armen Ding angetan hat.”

Nein, das wollte sie tatsächlich nicht. Sie konnte es sich nur zu gut vorstellen. “Bei Kindesentführungen mit anschließendem Mord handelt es sich im Allgemeinen um ein Sexualdelikt.”

“So war es auch bei Adele”, bestätigte Mr. Cabanis. “Wenn ihr Vater nicht gewesen wäre, würde der Typ immer noch unbehelligt rumlaufen und eine Gefahr für andere Kinder darstellen.”

Adele. Mit dem Namen wurde die Nachricht plötzlich zu einer persönlichen Tragödie, und das war zu viel für Jasmine. Sie verdrängte den Namen und versagte es sich, eine emotionale Verbindung zu dem armen Opfer herzustellen. Stattdessen konzentrierte sie sich auf die positiveren Aspekte ihrer Geschichte wie auf den Erfolg des Vaters. Jasmine war unsichtbar geworden, weil ihr eigener Vater vollkommen von Kimberlys Verschwinden in Anspruch genommen worden war. Zumindest in diesem Fall schien Mr. Forniers Einsatz etwas bewirkt zu haben. “Was hat der Vater des Mädchens getan?”

“Er hat geholfen, ihn zu stellen. Meine eigene Tochter war damals vierzehn, deshalb habe ich die Geschichte ziemlich genau verfolgt.”

“Moreau ist also ins Gefängnis gekommen?”

“Nein. Er ist wegen eines Formfehlers freigekommen.” Seufzend schüttelte der Hotelbesitzer den Kopf. “Das war die abscheulichste Sache, von der ich je gehört habe.”

Selbst wenn Jasmine denjenigen finden sollte, der ihr das Armband ihrer Schwester geschickt hatte, würde sie vor einer ähnlichen Herausforderung stehen. Wenn der Staatsanwalt keine vernünftige Anklage auf die Beine stellte; wenn sie auch nur einen einzigen Fehler machte, könnte der Kidnapper gehen, genau wie der von Adele. Es war eine dieser grausamen Realitäten, die oftmals die wohlwollendsten Unterstützer ihrer Arbeit zermürbten. “Was war das für ein Fehler?”

“Der Detective, der die Ermittlungen geleitet hat, hat irgendwas mit den Beweisen durcheinandergebracht … Wie das genau war, habe ich vergessen. Der Fall kam vor Gericht, sah nach einer todsicheren Sache aus. Und dann stürzte alles wie ein Kartenhaus ein.”

Manchmal wirkte alles so sinnlos, und Geschichten wie diese, bei der ein Fall unter Dach und Fach zu sein schien, es dann aber doch nicht war, machten es noch schlimmer. “Wenn er nicht im Gefängnis ist, wo ist er dann?”

Sein Sinn für Gerechtigkeit ließ die Augen des Mannes aufblitzen, und die offensichtliche Schadenfreude kündigte ein gutes Ende an. “Romain hat ihn erschossen.”

Jasmines Kiefer sackte nach unten. “Sie machen Witze. Moreau ist tot?”

“Mausetot. Als er aus dem Gerichtsgebäude kam … Peng.” Cabanis zielte mit dem Zeigefinger in die Luft und zog einen imaginären Abzug.

Es dauerte eine Weile, bis sie die Endgültigkeit von Forniers Tat verdaut hatte, aber schon drängten sich Jasmine verschiedene Fragen auf. “Ist Fornier dafür ins Gefängnis gekommen?”

Cabanis hatte seine Arbeit vergessen und stützte sich mit den Ellenbogen auf den Tresen. “Natürlich. Er leistete nicht einmal Widerstand. Er ließ die Waffe auf der Treppe des Gerichtsgebäudes fallen und wehrte sich nicht gegen seine Festnahme. Ich hab’s im Fernsehen gesehen. Alle Nachrichtensender waren da und haben alles aufgenommen.”

“Wirklich? Zu wie vielen Jahren wurde er verurteilt?”

“Angesichts der Umstände war der Richter milde mit ihm. Er bekam zwei Jahre und hat davon …”, Cabanis Bartstoppeln machten ein schabendes Geräusch, als er sich übers Kinn rieb, “… achtzehn Monate oder so abgesessen. Vor ein paar Jahren hab ich in den Nachrichten gesehen, dass er entlassen worden ist.”

Ob ihr Vater Kimberlys Entführer erschossen hätte, wenn er die Gelegenheit dazu gehabt hätte? Durchaus möglich. Dann versetzte sie sich in Forniers Lage.

Würde sie je das Gesetz in die eigenen Hände nehmen? Gerechtigkeit einfordern, egal um welchen Preis? Was für ein Mensch wäre sie nach solch einer Tat? Sie konnte Selbstjustiz nicht gutheißen. Aber wenn sie sicher wäre – so sicher wie Fornier es offenbar gewesen war –, dass sie den Mann, der ihre Schwester brutal ermordet hatte, freilassen würden …

“Fornier ist kein Durchschnittstyp”, sagte der Hotelbesitzer. “Er war früher beim Sondereinsatzkommando der Armee.”

“Ob er es wohl bedauert, abgedrückt zu haben?” Sie hatte die Frage mehr an sich selbst gerichtet, trotzdem antwortete Cabanis.

“Ich glaube nicht. Das Gefängnis hat ihn noch zäher gemacht, als er ohnehin schon war. Als seine Tochter verschwunden war, wandte er sich mit der Bitte um Hilfe an die Öffentlichkeit, doch als er wieder rauskam, wollte er nichts mehr mit ihr zu tun haben. Ich habe einen Beitrag gesehen, in dem er sein Gesicht abgewandt und jeden Kommentar verweigert hat. Erst, nachdem ein Reporter ihn in die Ecke gedrängt hat, schaute er direkt in die Kamera und sagte: ‘Ich würde es wieder tun.’”

Jasmine rieb sich die Gänsehaut auf ihrem Arm fort. “Wissen Sie, wie Fornier es geschafft hat, Moreaus Spur aufzunehmen?”

“Tut mir leid, mit Einzelheiten kann ich nicht dienen.”

“Danke.” Jasmine lächelte, als sei Forniers Geschichte nur eine weitere schaurige Erzählung, die unbeteiligte Zuhörer faszinierte. Doch was diese Geschichte bei ihr hinterließ, war weit mehr als ein wohliges Gruseln. Früher hatte sie befürchtet, ihr Vater könnte einen ähnlichen Pfad einschlagen; jetzt spürte sie, wie sich in ihr selbst das Verlangen nach Rache regte.

Stop me.

Wie weit würde sie gehen, um diese Bitte zu erfüllen?

3. KAPITEL

In den Gelben Seiten war in der Rubrik “Gerichtliche Berater” eine Zeichnerin aufgeführt, aber Jasmine zögerte. Sollte sie auf das Talent einer Frau vertrauen, die Rayne Gulley hieß? Es musste sich doch um einen Druckfehler oder einen Witz handeln! Wer wollte schon “Gulli” heißen? Als sie jedoch die Nummer wählte und mit Mrs. Gulley sprach, klang diese wider Erwarten kompetent und erfahren.

“Ich zeichne seit fast vierzig Jahren”, sagte sie. “In dieser Zeit habe ich mehr als zweitausend Phantomzeichnungen erstellt, und glauben Sie mir, ich habe jede Menge interessante Menschen dabei kennengelernt.”

“Ich würde einen Mann beschreiben, den ich vor sechzehn Jahren gesehen habe”, bekannte Jasmine.

“Wir reden also von einer Alterssimulation.”

“Ja. Und vermutlich sollte ich Ihnen auch sagen, dass ich erst zwölf war, als er zur Tür hereinkam.”

“Ich bin sicher, dass Sie sich noch gut erinnern können.”

“Ich denke schon.” Was für eine Erleichterung, das einfach nur auszusprechen! Jasmine war zuversichtlich, dass sie endlich die Züge des Bärtigen genau genug beschreiben könnte, um eine Skizze erstellen zu lassen, die ihm ähnlich sah. In den ersten Jahren nach Kimberlys Entführung hatten ihre Eltern und die Polizei sie zu mehreren Zeichnern gebracht. Aber egal, wie viel Mühe sie sich gab: Bei jeder Sitzung kam nur ein weiteres Bild heraus, das ihm nicht im Geringsten ähnelte. Die permanenten Fehlschläge hatten so viel Frustration und Stress erzeugt, dass Jasmine mit Angststörungen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. An diesem Punkt hatte der Arzt ihren Eltern verboten, in ihrer Gegenwart über die Entführung zu sprechen. Er riet ihnen, zu akzeptieren, was geschehen war, das Leben weiterzuleben und sich besser um die Tochter zu kümmern, die ihnen geblieben war. Es war, als hätten sie Jasmine beinahe vergessen. Doch nichts, was er sagte, hatte etwas geändert. Ihre Eltern waren nur noch die Hüllen der Menschen, die sie einst gewesen waren. Ihre Mutter begann, zu beklagen, dass sie außerhalb ihrer Rasse und ihrer Religion geheiratet hatte – und ihr Vater erwiderte mit dem Vorschlag, sie könne ja zurückgehen zu “ihren Leuten”.

Nach ihrem Krankenhausaufenthalt konnte Jasmine sich das Gesicht des Kidnappers nicht mehr vorstellen. Er war zu einer verschwommenen Gestalt mit Bart geworden, das war alles. Und die Drogen, die sie als junge Erwachsene genommen hatte, ließen das Bild nur noch weiter verschwimmen. Sie hatte geglaubt, alle Einzelheiten für immer vergessen zu haben – bis vor drei Tagen.

“Über die Feiertage habe ich Besuch”, sagte Mrs. Gulley, “aber ich würde mich freuen, wenn Sie mich danach besuchen würden.”

Die Feiertage. Jasmine verspürte keinerlei Feststimmung oder Aufregung. Weihnachten war für sie zu einem roten Tuch geworden, ein Hindernis, dass ihr nur die Arbeit erschwerte. “Wann würde es Ihnen passen?”, fragte sie und konnte ihre Enttäuschung nur schwer verbergen.

“Dienstag?”

Bis dahin war es noch eine ganze Woche! “Gibt es irgendjemanden hier in der Gegend, der mir schon früher helfen könnte?”

“Frank West könnte eventuell Zeit haben. Er ist gerade erst hierhergezogen, aber er hat viel für verschiedene Polizeireviere in Tennessee gearbeitet.”

Sie klang höflich, aber Jasmine spürte ihre unterschwellige Verärgerung. Mrs. Gulley hatte das Gefühl, ein Recht auf unbeschwerte Feiertage ohne Unterbrechung zu haben, und das hatte sie auch – aber Jasmine konnte nicht herumsitzen und nichts tun, bis die Welt bereit war, sich weiterzudrehen. “Taugt er was?”

“Ich bin besser. Vor allem, wenn Sie eine Alterssimulation haben möchten. Dazu braucht man ziemlich viel Talent.”

Jasmine wünschte, sie würde Mrs. Gulleys offenherziger Anpreisung ihrer eigenen Fähigkeiten nicht so viel Glauben schenken, aber das selbstbewusste Auftreten der Frau und ihre jahrzehntelange Erfahrung überzeugten sie. Hin- und hergerissen zögerte sie, doch schließlich gab sie nach. “Also gut. Wo soll ich hinkommen?”

“Ich arbeite in Kenner, in der Nähe des Flughafens. Wo sind Sie untergekommen?”

“Im French Quarter.”

“Das sind etwa fünfzehn Meilen bis zu mir. Haben Sie ein Auto?”

“Noch nicht, aber ich kann mir eines besorgen.”

“Wie wäre es mit zwei Uhr?”

Jasmine verkniff sich einen Seufzer. “Das ist gut. Wir sehen uns also nach Weihnachten.”

“Mrs. Stratford?”

“Ja?”

“Lassen Sie sich nicht völlig davon vereinnahmen”, sagte Mrs. Gulley und legte auf.

Jasmine saß auf ihrem kleinen Stuhl an ihrem kleinen Schreibtisch in ihrem kleinen Zimmer und legte langsam den Hörer auf die Gabel. Der Rat kam viel zu spät. Seit sechzehn Jahren nahm die Entführung sie gefangen. Seit ihre Schwester verschwunden war, lebte sie unter dieser erdrückenden Last.

Plötzlich sehnte sie sich nach den Weihnachtsfesten, die sie früher erlebt hatte, bevor Kimberly entführt worden war. Sie griff zum Telefon und wählte die Nummer ihres Vaters. Inzwischen lebte er mit einer Frau und ihren beiden Kindern zusammen. Jasmine hatte sie nur einmal in Mobile, Alabama, getroffen, nicht allzu weit von New Orleans entfernt. Doch als sie sich vorstellte, wie der Anruf ablaufen würde – die steife, förmliche Begrüßung, das hartnäckige unterschwellige Gefühl, dass ihr Vater am liebsten gar nichts von ihr hören würde, nicht einmal zu den Feiertagen –, legte sie wieder auf, bevor es klingelte. Stattdessen ging sie in die Bücherei.

Die öffentliche Bibliothek lag nur eine Meile vom Maison du Soleil entfernt. Es war ruhig hier, zu ruhig. Wie der Anruf bei Rayne Gulley erinnerte die Stille Jasmine daran, dass Weihnachten kurz bevorstand und alle anderen damit beschäftigt waren einzukaufen, Bäume zu schmücken, Plätzchen zu backen und zu feiern. Doch zumindest bedeutete die Einsamkeit, dass niemand sie stören würde.

Sie saß im dritten Stock in der Abteilung für Mikrofilme. Ihre einzige Gesellschaft war der Bibliothekar am Schalter, der über den letzten Ausgaben der Times-Picayune, New Orleans’ größter Tageszeitung, brütete. Jasmine suchte nach Meldungen, die irgendwie hervorstachen oder ihren Erinnerungen über den Mann, der Kimberly entführt hatte, auf die Sprünge helfen könnten. Mr. Cabanis hatte sich zwar nicht daran erinnert, nach dem Fornier-Fall von irgendwelchen Entführungen gehört zu haben – aber das bedeutete nicht, dass es keine gegeben hatte. Der Hurrikan Katrina hatte die Nachrichten so lange beherrscht, dass die Meldung über den Tod eines kleinen Mädchens oder Teenagers leicht untergegangen sein konnte – besonders, wenn es keine Spuren gab oder die Eltern nicht lauthals nach Taten verlangten. Womöglich hatte der bärtige Mann angefangen, nach leichterer Beute Ausschau zu halten, nach Opfern, deren Verschwinden nicht so auffiel. Dann konnte es gut sein, dass er hier war und seinem kranken Verlangen nachging. So, wie seine Nachricht es nahelegte.

Aber Jasmine saß bereits seit sechs Stunden hier und hatte bislang noch nichts auch nur annähernd Brauchbares entdeckt.

Sie lehnte sich zurück und presste die Handflächen vor die Augen, um ihnen eine dringend benötigte Pause zu gönnen. Ihr Rücken schmerzte, und sie war hungrig. Zum Frühstück hatte sie nur einen Muffin gegessen, den sie sich auf dem Weg vom Hotel hierher gekauft hatte. Aber in fünfzig Minuten würde die Bücherei schließen, und sie wollte die restliche Zeit unbedingt noch ausnutzen. Wenn sie sorgfältig arbeitete und etwas Glück hatte, stieß sie vielleicht auf etwas Wichtiges. Etwas, das auf den ersten Blick völlig belanglos schien, das für sie aber sofort einen Sinn ergeben würde.

Nachdem sie sich einmal gestreckt und die Schultern hatte kreisen lassen, wandte sie sich wieder den Mikrofilmen zu. Sie hatte sich bis zum September 2005 zurückgearbeitet. Das war kurz nach dem Hurrikan gewesen. Die Schlagzeilen ließen das Entsetzen des ganzen Landes wieder auferstehen, mit dem es zusah, wie Menschen auf den Dächern ihrer Häuser gestrandet waren oder um ihr Leben schwammen. Jasmine bezweifelte, dass sie irgendetwas finden würde, das für ihre Suche von Belang war – ein Kind, das auf geheimnisvolle Weise verschwand, war keine Nachricht wert, wenn gleichzeitig die Menschen zu Hunderten starben. Sie begann schneller zu blättern, der nächste Tag, der nächste Monat, das nächste Jahr.

Als sie beim Oktober 2004 angelangte, sprang der Name, den sie erst heute Morgen von Mr. Cabanis gehört hatte, ihr förmlich ins Auge: Romain Fornier.

Zu dem Artikel, in dem über Mr. Forniers Verurteilung berichtet wurde, gehörte ein Bild von ihm. Irgendwann mit Anfang dreißig hatte er helle Haare gehabt, die ihm in die Stirn fielen, als hätte er seinen regelmäßigen Friseurtermin verpasst – was vermutlich auch stimmte. Die hohen Wangenknochen hoben die Konturen des Gesichts hervor, und das Kinn hatte ein leichtes Grübchen. Er sah nicht schlecht aus. Im Gegenteil: Er könnte richtig gut aussehen, wenn die tiefe Furche zwischen den Augenbrauen nicht wäre, der entschlossene Zug um den Mund und der wilde Ausdruck in seinen Augen.

Mehrere Sekunden starrte Jasmine das Bild an. Sie sah den Zorn, der sich in jede Falte in diesem Gesicht gegraben hatte.

In derselben Zeitung entdeckte sie ein paar Leserbriefe. Manche verurteilten, was Romain Fornier getan hatte, andere spendeten Beifall. Ein gewisser Lee James schrieb, Moreau habe bekommen, was er verdient habe, und dass jeder Vater dasselbe getan und damit vollkommen richtig gehandelt hätte. Ein “besorgter Bürger” beklagte, dass die Gesellschaft Selbstjustiz nicht unterstützen dürfe, nicht einmal in so herzzerreißenden Fällen.

Was wäre, wenn die Opfer das Gesetz in die eigenen Hände nähmen und dabei den Falschen umbrächten? Wir dürfen so ein Verhalten nicht tolerieren, ungeachtet der Situation. Wir haben Gesetze, und die müssen geachtet werden.

Jasmine wollte über dieses Thema nicht genauer nachdenken. Sie hatte viel zu viel Verständnis für Romain Fornier, obwohl sie die Gefahren sah, sowohl die juristischen als auch die moralischen, die in dem lagen, was er getan hatte.

Sie blätterte weiter und fand einen Artikel, in dem mehr Informationen über die Schießerei steckten. Im Großen und Ganzen deckte sich die Schilderung mit dem, was Mr. Cabanis ihr erzählt hatte: Als er das Gerichtsgebäude verlassen hatte, hatte Fornier sich die Waffe von Detective Alvin Huff neben sich geschnappt. Fornier hatte geschossen und die Waffe anschließend sofort fallen lassen.

Von da an war es leicht, weitere Informationen über Fornier zu finden, denn über die Verhandlung war ausführlich berichtet worden. Am Tag, als der Prozess platzte, war er der Aufmacher auf der ersten Seite. In diesem Artikel war ein anderes Bild abgedruckt, diesmal in Farbe.

Ein muskulöser, verwegen aussehender Mann im Jeanshemd, mit goldbraunem Teint und strähnigem blondem Haar. Obwohl der dazugehörige Artikel einige Informationen missen ließ, die Jasmine interessierten, wurde Alvin Huff als der Detective erwähnt, der die Ermittlung im Fall von Forniers Tochter geleitet hatte. Auch die Gründe, warum der Prozess schließlich platzte, wurden aufgeführt. Offensichtlich hatte eine Informantin spätabends Detective Huff angerufen, um ihm zu sagen, dass sie Moreau gesehen habe. Moreau zählte bereits zu den Verdächtigen; er war vor Adeles Schule gesehen worden. Die Anruferin gab an, Moreau habe an dem Abend, an dem Adele entführt worden war, etwas in eine Decke Gewickeltes in sein Haus getragen. Verständlicherweise versuchte Huff, so schnell wie möglich einen Durchsuchungsbefehl zu bekommen. Er rief den Richter an und erhielt die mündliche Zusage, doch er hätte noch bis zum nächsten Morgen warten müssen – so lange, bis die Anordnung zur Hausdurchsuchung unterschrieben war. Und das hatte er nicht getan.

Aus Angst, der Verdächtige könnte Beweise vernichten, hatte Huff die Durchsuchung sofort durchgeführt. Entsprechend konnte er, wie er es eigentlich hätte tun müssen, den richterlichen Beschluss nicht hinterlassen; er brachte ihn erst am folgenden Tag vorbei. Dass mit dem verspäteten Empfang etwas nicht stimmte, blieb unbeachtet, bis Moreaus Mutter im Prozess erwähnte, dass Huff noch einmal im Haus gewesen sei. Erst danach verlangte die Verteidigung, dass die Beweise, die bei der unrechtmäßigen Hausdurchsuchung entdeckt worden waren, vom Gericht nicht anerkannt wurden. Ohne diese Beweise hatte die Staatsanwaltschaft jedoch nichts mehr in der Hand. Und der Richter war gezwungen gewesen, das Verfahren einzustellen.

Es gab noch einen weiteren Artikel, der am Tag nach der Entdeckung von Adeles Leiche erschienen war. Vier Wochen nach ihrem Verschwinden hatte ein Spaziergänger das Kind entdeckt. Im Vorfeld dieses Artikels gab es weitere, die über die Suche informierten. Aus dem ersten Bericht, in dem Fornier erwähnt wurde, erfuhr Jasmine, dass der Mann aus einer Stadt namens Mamou stammte. Sie nahm an, dass sie in Louisiana lag, weil der Journalist keinen anderen Staat erwähnte. Sie erfuhr außerdem, dass er zum Aufklärungskorps der Marineinfanterie, kurz der Marines, gehört hatte und dass er nach seiner Entlassung aus der Armee nach New Orleans gezogen war. Er hatte eine Motorradwerkstatt aufgemacht, in der er eigenhändig erstklassige Maschinen zusammenschraubte. Als sei seine Geschichte nicht schon traurig genug, war er auch noch Witwer. Nur zwei Jahre, bevor seine Tochter verschwand, hatte er seine Frau Pamela verloren. Sie starb an Brustkrebs.

In Anbetracht von Forniers umfangreicher militärischer Ausbildung war es äußerst dumm von Moreau gewesen, ihn zu provozieren. Doch vermutlich hatte er gar nicht begriffen, mit was für einer Sorte Mann er es zu tun hatte. Sexualstraftäter dachten selten an etwas, das jenseits ihres eigenen Verlangens lag. Gut möglich, dass Moreau Adele gesehen hatte und an nichts anderes mehr gedacht hatte als daran, wie er sein Verlangen stillen konnte. Jasmine wusste, dass die meisten Kinder, die Opfer eines Kidnappers wurden, vorher Kontakt mit dem Entführer hatten. Gewöhnlich handelte es sich um einen kurzen Blickkontakt zu einem Zeitpunkt, als sich der spätere Täter aus ganz anderen Gründen in der Nähe des Kindes aufhielt.

In Kimberlys Fall hatte höchstwahrscheinlich ihr eigener Vater die Adresse auf seine Visitenkarte gekritzelt und sie dem Bärtigen gegeben. Er könne ja mal vorbeischauen, wenn er Arbeit suche, hatte er dann sicher gesagt. Peter hatte das ab und an getan. Ihr Vater konnte sich damals nicht vorstellen, dass das gefährlich sein könnte. Stattdessen war er immer großzügig und offenherzig gewesen.

Doch dann wurde dieses Herz gebrochen, und jetzt war es erfüllt von Schuldgefühlen, Bitterkeit und Gewissensbissen.

Die gedämpfte Stimme des Bibliothekars direkt hinter ihr ließ Jasmine zusammenfahren. “Wir schließen in zehn Minuten.”

Sie drehte sich um und blickte zu ihm auf. Aus ihren Gedanken über den Tod und die Bösartigkeit der Menschen aufgeschreckt, erinnerten sie seine schmalen Schultern und das bleiche Gesicht an den vampirischen Bibliothekar aus Der Historiker, einem Roman, den sie gelesen hatte. Kein besonders beruhigender Gedanke.

Nachdem sie einmal tief Luft geholt hatte, gelang ihr ein zustimmendes Nicken. “Ich bin gleich fertig.” Hier war ohnehin nichts für sie zu finden, bis auf die traurige Geschichte eines Mannes, der wie sie selbst das meiste von dem verloren hatte, was das Leben lebenswert machte.

Ehe sie aufstand, warf sie jedoch einen letzten Blick auf die Filme, die sie gerade durchgesehen hatte.

Und da sah sie sie.

Die Schlagzeile, die sie übersehen hatte, während sie nach Informationen über Romain Fornier gesucht hatte: Mann schreibt Namen des Opfers mit Blut.

Hastig las sie den Artikel.

Die meisten Menschen kennen den Namen Adele Fornier. Wir haben ihr Bild im Fernsehen gesehen. Haben nach ihr gesucht und sie geliebt, selbst als Fremde. Und jetzt trauern wir um sie. Als sie vor mehr als drei Wochen aus ihrer Straße entführt wurde und spurlos verschwand, hatten wir gehofft, sie würde eines Tages wohlbehalten zu ihrem Vater zurückkehren. Doch stattdessen wurde am 2. März ihre Leiche in einem Toilettenhäuschen im Park gefunden.

Da stand noch mehr, aber das war eine kurze Zusammenfassung dessen, was sie bereits gelesen hatte. Jasmine überflog den Text, bis sie zum letzten Absatz kam.

Bei diesem Verbrechen gibt es vieles, von dem wir nichts wissen. Die Polizei hält sich äußerst bedeckt, um die Chance, den Mörder zu ergreifen, nicht zu gefährden. Auch der Vater hat uns um Diskretion gebeten. Doch laut Aussage des Mannes, der sie gefunden hat, gibt es ein entsetzliches Detail, das er niemals vergessen wird: An der Wand über der Leiche stand ihr Name geschrieben – in ihrem eigenen Blut.

Jasmines Nackenhaare richteten sich auf, als sie auf den letzten Satz starrte, doch ihr Verstand weigerte sich, das Gelesene aufzunehmen. Mit Blut zu schreiben war das, was forensische Psychologen eine “Handschrift” nannten: eine unnötige oder zusätzliche Ausschmückung eines Verbrechens. Sie war ebenso unverwechselbar für den Täter wie die Auswahl seines Opfers oder die Art und Weise, wie er sie umbrachte. War es möglich, dass Kimberlys Kidnapper und dieser Mann, dieser Francis Moreau, dieselbe Handschrift hatten?

Es musste möglich sein. Francis Moreau war durch Forniers Hand gestorben. Aber der Mann, der ihr das Päckchen geschickt hatte, hatte vor vier oder fünf Tagen noch gelebt …

“Ma’am, wir schließen jetzt. Sie müssen morgen wiederkommen.”

Es war wieder der vampirartige Bibliothekar, und dieses Mal klang er ungeduldig.

Jasmine stand auf und sah zu, dass sie fortkam. In ihrer derzeitigen Verfassung hatte sie keine Lust, einen Fremden zu nahe an sich herankommen zu lassen. Sie wusste, dass die Fantasie mit ihr durchging. Er wollte nur, dass sie die Bibliothek verließ, damit er nach Hause konnte. Ihm schien nicht klar zu sein, dass sich bei manchen Kindern in diesem Jahr zu Weihnachten nicht alles um den Weihnachtsmann drehen würde.

Je länger Jasmine darüber nachdachte, desto dringender wollte sie mit Fornier sprechen.

Nachdem sie von der Bücherei zurückgekommen war, verbrachte sie drei Stunden in der Lobby des Hotels, bis es in der Bar unten zu voll wurde. Im Internet suchte sie nach Informationen über ihn, fand jedoch nichts Neues. Sie stieß auf ein paar alte Artikel aus der Times-Picayune, die sie bereits kannte. Es gab noch andere Romain Forniers: einen Jazzmusiker, einen Jet-Skifahrer und einen französischen Maler, der ziemlich bekannt zu sein schien. Aber das war es dann auch schon. Selbst LexisNexis, eine ausführliche Datenbank, für die sie ein Abo hatte, lieferte keine Ergebnisse über Romains derzeitigen Aufenthaltsort.

Sie bezweifelte allerdings, dass er das südliche Louisiana verlassen hatte. Er war hier geboren und aufgewachsen, hatte hier geheiratet und war nach seinem Militärdienst hierher zurückgekehrt.

Sie versuchte es bei der Telefonauskunft von Mamou, aber dort waren keine Forniers registriert. Das hatte allerdings nicht notwendigerweise etwas zu bedeuten. Nachdem er wegen der Prozesse so im Rampenlicht gestanden hatte, konnte es gut sein, dass er eine Geheimnummer hatte. Oder vielleicht lebte er mit jemandem zusammen. Wenn er nicht mehr in der Gegend wohnte, hatte er vielleicht noch Familie, die ihr weiterhelfen konnte.

Als sie die Stadt googelte, fand sie heraus, dass Mamou im Sommer 2004 dreitausendvierhundert Einwohner gehabt hatte.

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