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Stolz und Verlangen

1. KAPITEL

Leandro Carrera Marquez, Herzog von Sandoval, schlug die Augen auf, als sein Leibdiener die Vorhänge an den Fenstern beiseitezog und seinem Herrn einen guten Morgen wünschte. Leandro bezweifelte, dass der vor ihm liegende neue Tag auch nur einen Deut anders verlaufen würde als die vergangenen. Frische Handtücher lagen im Bad für ihn bereit, ein maßgeschneiderter Anzug, ein Seidenhemd mit eingesticktem Monogramm und die passende Krawatte wurden diensteifrig hervorgeholt, damit er sich nach der Dusche ankleiden konnte.

Elegant und perfekt zurechtgemacht wie immer, stieg Leandro schließlich die breite Treppe des castillo, des Familienschlosses, hinunter, mit der von Generation zu Generation weitergegebenen Selbstsicherheit und Würde. Er wusste, er war gelangweilt, und er verabscheute dieses Gefühl. Er war gesegnet mit Gesundheit, Reichtum und Erfolg. An den Wänden, an denen er vorbeiging, hingen die Porträts seiner Ahnen, die Ursprünge der kastilischen Aristokratie, begonnen beim ersten Herzog, einem Zeitgenosse Christopher Columbus’, bis hin zu Leandros Vater, einem distinguierten Bankier, der starb, als Leandro fünf Jahre alt gewesen war.

„Euer Hoheit.“

Von Basilio, dem Majordomus, und zwei Hausmädchen am Fuße der Treppe mit mehr Pomp und Unterwürfigkeit begrüßt, als man dem ersten Herzog im fünfzehnten Jahrhundert entgegengebracht hätte, wurde Leandro in das Frühstückszimmer geleitet, wo die Tages- und Finanzzeitungen bereitlagen. Er brauchte um nichts zu bitten, jeder seiner Wünsche war in sorgsamer Voraussicht von seinem Personal erfüllt worden. Stille herrschte im Frühstückszimmer, denn des Herzogs Vorliebe für Ruhe und Frieden am Morgen war allgemein bekannt.

Man brachte ihm das Telefon. Seine Mutter, Doña Maria, lud ihn für heute zum Lunch in ihrem Stadthaus in Sevilla ein. Es passte ihm überhaupt nicht, er würde mehrere geschäftliche Termine ändern müssen. Doch Leandro, sich bewusst, dass er viel zu wenig Zeit für seine Familie übrig hatte, sagte dennoch, wenn auch zögernd, zu.

Während er seinen Kaffee trank, hafteten seine dunklen Augen auf dem Porträt seiner verstorbenen Frau Aloise an der gegenüberliegenden Wand des Raumes. Er fragte sich, ob irgendjemandem in der Familie bewusst war, dass sich in achtundvierzig Stunden Aloises Todestag jährte. Aloise, seine Freundin aus Kindheitstagen, deren Verlust ein riesiges Loch in sein wohlgeordnetes Leben gerissen hatte. Er fragte sich ebenso, ob er je das Schuldgefühl wegen ihres tragischen Todes verlieren würde, und entschied, dass es wohl klüger sei, diesen Tag in London mit Arbeit zu verbringen. Sentimentalität gehörte nicht zu seinen Charaktereigenschaften.

Leandro verbrachte den Vormittag in der Carrera-Bank, einer Institution, die seit Generationen das Vermögen ausgewählter Stammkunden verwaltete und wo Leandros Expertise als einer der erfolgreichsten Investmentbanker der Welt oft verlangt und immer geschätzt wurde. Schon in jungen Jahren hatte er sich den Ruf eines Genies erarbeitet, wenn es darum ging, die internationalen Finanzmärkte zu analysieren. Es machte ihm Spaß, mit Zahlen und Summen zu jonglieren. Zahlen waren seiner Meinung nach wesentlich einfacher zu verstehen als zum Beispiel Menschen.

Als er schließlich zum Lunch bei seiner Mutter eintraf, stellte er erstaunt fest, dass Isabella, die Schwester seiner Mutter, wie auch seine beiden Schwestern Estefania und Julieta anwesend waren.

„Ich halte es für an der Zeit, mit dir zu reden“, hob Doña Maria über der Vorspeise mit einem vielsagenden Blick auf ihren einzigen Sohn an.

Leandro hob eine Augenbraue. „Und worüber?“

„Du bist jetzt seit einem Jahr Witwer.“ Estefania antwortete auf seine Frage.

„Worauf zielt die Erwähnung dieser Tatsache ab?“

„Du hast die Trauerzeit eingehalten und den Konventionen entsprochen“, fuhr seine Mutter fort. „Es wird Zeit, wieder an eine Heirat zu denken.“

Mit regungsloser Miene sah Leandro sie an. „Dem kann ich nicht zustimmen.“

Julieta, die Jüngste, meldete sich. „Keine wird Aloise ersetzen können, das wissen wir alle und erwarten es auch nicht.“

„Aber es geht hier vor allem darum, die Linie der Familie zu erhalten“, führte Doña Maria ernst an. „Bisher gibt es keinen Erben, weder für den Titel noch für den Besitz. Du bist dreiunddreißig Jahre alt. Letztes Jahr, als Aloise starb, wurde uns wohl allen bewusst, wie zerbrechlich und unberechenbar das Leben sein kann. Was, wenn dir Ähnliches passiert? Du musst heiraten und einen Sohn zeugen.“

Leandro presste die Lippen zusammen. Die meisten anderen hätten angesichts seiner Miene das Thema fallen lassen. Er brauchte keine solchen Ermahnungen, wenn ihm Tag für Tag vor Augen stand, welche Verantwortung er trug. In seinem ganzen Leben hatte er nicht eine Stunde echter Freiheit gehabt, immer ging es nur darum, die Erwartungen seines privilegierten Status zu erfüllen. Er war in der Tradition seiner Vorfahren erzogen worden, Ehre, Pflichten und der Familienname hatten immer an erster Stelle gestanden. Doch zum ersten Mal meldete sich so etwas wie ein rebellischer Geist in ihm.

„Ich bin mir dessen bewusst, doch bin ich nicht bereit, mir eine andere Frau zu nehmen“, erwiderte er knapp.

„Ich dachte mir, es könnte hilfreich sein, wenn wir eine Liste der als Bräute infrage kommenden Damen aufstellen“, fuhr Doña Maria mit einem Lächeln fort, als hätte Leandro nichts gesagt.

„Nein, das halte ich durchaus nicht für hilfreich. Um genau zu sein, es ist eine lächerliche Idee. Ich allein entscheide, ob, wann und wen ich heirate.“

Tante Isabella ließ sich dadurch nicht entmutigen. Sie nannte den Namen einer Tochter aus reicher Familie. Leandros vernichtender Blick spornte nur seine Mutter an, eine weitere Kandidatin vorzuschlagen – eine junge Witwe mit Sohn. Immerhin habe diese Frau schon den Beweis für ihre Fruchtbarkeit erbracht. Leandro verzog angewidert die Lippen, er wusste, wo diese geschmacklose Bemerkung ihren Ursprung hatte. Estefania wollte nicht zurückstehen und erwähnte die Tochter einer ihrer Freundinnen als potenzielles Ehefrauenmaterial. Fast hätte Leandro aufgelacht. Das Mädchen war noch ein Teenager!

„Wir geben eine Gesellschaft und laden einige passende Damen ein“, verkündete Doña Maria. Sie beharrte stur auf dem Thema, ganz eine Frau, die entschlossen war, ihren Willen durchzusetzen. „Aber nicht den Teenager, Estefania. Eine so junge Frau wäre wahrlich unangebracht. Die Braut eines Herzogs muss nicht nur die entsprechende Abstammung nachweisen können, sie muss auch reif genug sein, versiert in Etikette, bestens ausgebildet und sicher im gesellschaftlichen Umgang.“

„Ich werde nicht zu einer solchen Gesellschaft erscheinen“, erklärte Leandro entschieden. „Ich habe nicht die geringste Absicht, mich in nächster Zukunft zu verheiraten.“

Julieta schaute um Verständnis heischend zu ihm hin. „Aber wenn du auf eine solche Party gehst, verliebst du dich ja vielleicht.“

„Leandro ist der Herzog von Sandoval. Zum Glück weiß er das, sein Kopf ist nicht voll mit solch romantischen Flausen“, kam es streng von Doña Maria.

„Es wird keine Party geben“, entschied Leandro endgültig. Ihm war nicht anzusehen, mit welcher Anstrengung er seine Wut über diese Kommentare kontrollierte. Er konnte kaum glauben, wie seine Familie sich gerade verhielt. Allerdings musste er zugeben, dass sie kein besonders herzliches Verhältnis verband. Formalität und distanzierte Höflichkeit beherrschten den Umgang miteinander.

„Wir denken nur an dich und daran, was das Beste für dich ist“, sagte Doña Maria betont liebenswürdig.

Leandro musterte die Frau, die ihn im Alter von sechs Jahren in ein Internat nach England geschickt und auf keinen seiner flehentlichen, tränenverschmierten Briefe, ihn wieder nach Hause zu holen, reagiert hatte. „Ich weiß selbst, was am besten für mich ist, Mama. In einer so persönlichen Angelegenheit sollte ein Mann selbst entscheiden.“

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Molly! Na, was hältst du davon?“ Jez Andrews trat beiseite und gab den Blick auf den Wagen frei.

Mit großen Augen starrte Molly auf ihr altes Auto. Jez hatte es neu lackiert, in dem leuchtenden Kirschrot, das sie auf Anhieb so begeistert hatte. Molly ging um den Wagen herum – Rost, Beulen und Kratzer waren verschwunden. „Es ist toll! Du hast ein wahres Wunder vollbracht, Jez!“

„Wofür hat man Freunde, nicht wahr? Hoffentlich kommt er gut durch den TÜV. Ich habe ziemlich viele Teile ausgetauscht. Dein Auto wieder fahrtüchtig zu machen war das beste Geburtstagsgeschenk, das mir für dich einfiel“, strahlte Jez, Mollys Freund und Vermieter.

Impulsiv schlang Molly die Arme um den massig gebauten Mann, der mehr als einen Kopf größer war als die grazile Molly mit der dunklen Lockenmähne und den unglaublich grünen Augen. Jede ihrer Bewegungen strahlte die Energie einer lebenslustigen und quirligen Persönlichkeit aus. „Ich weiß nicht, wie ich dir dafür danken soll.“

Jez zuckte verlegen mit den Schultern. „Keine Ursache“, brummte er.

Doch Molly wusste zu schätzen, dass er seine freie Zeit geopfert hatte, um ihr zerbeultes Auto wieder zu richten. Aber Jez war schließlich auch ihr bester Freund, und er wusste, dass sie ein zuverlässiges Auto brauchte, um zu den Kunstläden und den Wochenendmärkten zu fahren, wo sie ihre Waren verkaufte. Molly und Jez waren als Pflegekinder zusammen aufgewachsen, zwischen ihnen existierte ein starkes Band.

„Vergiss nicht, dass ich heute bei Ida bleibe“, sagte Jez jetzt. „Wir sehen uns dann morgen.“

„Wie geht es Ida?“

Bei dem Gedanken an die alte kranke Frau seufzte Jez traurig. „Den Umständen entsprechend. Es ist ja nicht so, als würde es noch besser werden.“

„Hast du schon was von dem Hospiz gehört, wann sie sie aufnehmen können?“

„Nein, aber sie steht ganz oben auf deren Liste.“

Das war typisch für Jez – sich um die Frau zu kümmern, die ihn während seiner Teenagerjahre versorgt hatte. Mit dem Gedanken ging Molly zurück ins Haus. Es wurde Zeit für sie, zur Arbeit zu gehen. Jez hatte das Haus mit Garten in Hackney von einem Onkel geerbt, der selbst kinderlos geblieben war. Dieser Glücksfall hatte es Jez ermöglicht, hier eine kleine Autowerkstatt zu eröffnen, die ihm einen sicheren Lebensunterhalt garantierte. Und er hatte Molly sofort ein Zimmer in seinem Heim angeboten, zusammen mit dem Häuschen im Garten, wo sie ihre Töpferwaren herstellen konnte.

Der Erfolg hatte sich bei Molly jedoch noch nicht eingestellt. Sie hatte die Kunstakademie mit so großen Hoffungen verlassen. Auch wenn sie so oft wie nur möglich für den Catering-Service arbeitete, so musste sie doch jeden Penny umdrehen, um die Miete und ihre Rechnungen bezahlen zu können. Sie hatte immer davon geträumt, vom Erlös ihrer Töpferwaren leben zu können, und so fühlte sie sich recht häufig als Versager, was die Kunst anbelangte, denn bisher war sie ihrem Ziel keinen Schritt näher gekommen.

Wie Jez kannte auch Molly Einsamkeit, zerbrochene Beziehungen und Verlustängste. Ihre Mutter starb, da war Molly neun gewesen. Die Großmutter hatte das Mädchen zur Adoption gegeben, während sie Ophelia, die ältere Schwester im Teenageralter, bei sich behalten hatte. Molly hatte sich nie wirklich davon erholt, dass eine Blutsverwandte sie der Obhut des Jugendamts übergeben hatte, aus dem schlichten Grund, weil sie unehelich geboren worden war. Sie war der peinliche Beweis, dass ihre Mutter eine Affäre mit einem verheirateten Mann gehabt hatte. Schock und Schmerz über diese grausame Zurückweisung waren der Grund, weshalb Molly nie wieder versucht hatte, Kontakt mit ihrer Familie aufzunehmen. Selbst jetzt, mit zweiundzwanzig, schalt sie sich, wenn sich von Zeit zu Zeit Erinnerungen einschleichen wollten. Die unerwünschte Sehnsucht nach etwas, das sie verloren hatte, versuchte sie dann sofort zu verdrängen. Molly bezeichnete sich als Überlebenskünstler. Aber auch wenn sie stolz auf ihre Zähigkeit war, so besaß sie doch ein Herz so weich wie Butter.

Heute Abend hatte der Catering-Service die Ausrichtung einer Hochzeitsparty in einer großen Villa in St. John Wood übernommen. Ein neuer Kunde, ein extrem reicher dazu, und Brian, der Manager, wollte unbedingt, dass alles perfekt ablief.

Die Brautmutter, Krystal Forfar, eine affektierte Blondine in einem blassrosa Kleid, gab Brian mit schriller Stimme Anweisungen.

Brian rief Molly heran. „Molly, meine Chef-Kellnerin“, stellte er sie vor. „Hör zu, da kommt nachher ein Typ …“

„Mr. Leandro Carrera Marquez“, korrigierte die Brautmutter überheblich in einem Ton, den die meisten Leute nur für den Adel benutzten. „Ein spanischer Bankier, und als Arbeitgeber meines Mannes unser wichtigster Gast. Stellen Sie sicher, dass Sie ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen. Ich werde Ihnen ein Zeichen geben, sobald er ankommt.“

„Natürlich.“ Molly nickte und eilte in die Küche zurück, wo die Vorbereitungen in vollem Gange waren.

„Was war los?“, fragte Vanessa, Mollys Kollegin. „Noch so ein Knilch mit mehr Geld als Verstand“, lautete ihr Urteil, nachdem Molly ihr erzählt hatte, worum es ging.

„Wenn er Bankier ist, sollte man hoffen, dass er beides hat.“

Wenig später wurde Molly unauffällig herbeigewinkt, damit sie den angekommenen spanischen Bankier in Augenschein nehmen konnte. Der große dunkelhaarige Mann, der da mit den Brauteltern zusammenstand, war atemberaubend attraktiv. Mollys Herz begann wild zu klopfen, während sie ihn sich genau ansah. Er war einfach umwerfend, angefangen von dem dichten schwarzen Haar, das, kurz geschnitten, seine klassischen Gesichtzüge betonte, über die breiten Schultern bis hin zu den schmalen Hüften und muskulösen Schenkeln – kurzum, er hatte die Statur eines Gottes.

„Geh und biete unserem Ehrengast einen Drink an“, drängte Brian.

Molly atmete tief durch. Es sah ihr überhaupt nicht ähnlich, dass sie sich von einem Mann derart beeindrucken ließ. Die flüchtigen Affären ihrer Mutter hatten Narben bei ihr hinterlassen. Schon als Kind hatte sie gewusst, dass sie für sich etwas anderes wollte. Mehr als bedeutungslosen Sex ohne echte Bindung. Und mit Ausnahme von Jez hatten die Männer, die sie selbst in späteren Jahren kennenlernte, diesen Entschluss und ihr Misstrauen gegenüber dem anderen Geschlecht nur gefestigt. Sicher hatte sie Freunde gehabt, aber es war niemand Besonderes darunter gewesen, vor allem niemand, mit dem sie hätte schlafen wollen. Deshalb kam es wie ein kleiner Schock, dass allein der Anblick eines Mannes ihr den Atem rauben und den Verstand vernebeln sollte.

Je näher Molly mit dem Getränketablett diesem Spanier kam, desto größer schien er zu werden. Neugierig musterte sie ihn. Er trug seinen Maßanzug mit solcher Eleganz, er wirkte unendlich reich auf sie, so als würde er eher eine Bank besitzen denn für eine arbeiten.

„Sir?“, machte sie sich bemerkbar und hielt ihm das Tablett hin. Er wandte ihr den Kopf zu, und jetzt konnte sie sehen, dass er die längsten und dichtesten Wimpern hatte, die sie je bei einem Mann gesehen hatte. Seine Augen waren braun, nein, golden, wie dunkler Honig. Als ihre Blicke sich kurz trafen, wurde ihr schwindlig, so als würde sie aus einer großen Höhe fallen.

„Danke.“ Leandro griff nach einem Glas und trank mit großen Schlucken. Er wäre heute Abend liebend gern zu Hause geblieben, eine Erkältung und die Antibiotika, die er dagegen einnahm, machten ihm zu schaffen. Doch die Forfars waren Freunde seiner Mutter, und ihn plagte ein schlechtes Gewissen, weil er schon die Trauung am Nachmittag verpasst hatte. Da er eigentlich nur seine Ruhe haben wollte, hatte er sowohl seinem Chauffeur wie auch seinen Leibwächtern heute Abend freigegeben und war selbst mit dem Wagen hergekommen.

Er blickte zum Brautpaar, das sich ganz offensichtlich stritt. Sie machte ein Gesicht, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, und er sah aus, als würde er gern überall sein, nur nicht hier. Leandro kannte das Gefühl. Er verabscheute Hochzeiten und das gezwungen zur Schau gestellte Glück ebenfalls. Er konnte sich nicht vorstellen, dass er seine Freiheit aufgeben und nochmals heiraten würde.

Auf dem Weg zurück durch die Menge erschauerte Molly, als sie den Blick des dunklen Spaniers auf sich liegen spürte. Sie lief rot an, konnte aber nicht widerstehen, ihn anzulächeln, um ihn etwas aufzuheitern.

Das sonnige Lächeln der kleinen Kellnerin gefiel Leandro. Seine düstere Laune hellte sich ein wenig auf, als er sie sah. Mandelförmige grüne Augen funkelten über einer leichten Stupsnase, und Grübchen zeigten sich auf ihren Wangen, als ihre vollen rosigen Lippen sich lächelnd verzogen. Sobald er merkte, dass er sie anstarrte, lenkte er den Blick zurück auf das Glas in seiner Hand. Seltsamerweise sah er aber nur diese grünen Katzenaugen vor sich und den rosigen Mund. Er war über sich selbst erstaunt – und aufgewühlt über das eindeutige Ziehen in seinen Lenden. Seit Aloises Tod war er mit keiner Frau mehr zusammen gewesen. Das Schuldgefühl hatte seine Libido getötet, so wie der Tod seine Ehefrau geholt hatte.

„Hierher, Schätzchen!“, rief jemand.

Molly eilte mit dem Tablett zu der Gruppe junger Männer. Der große Salon füllte sich immer mehr, Molly hatte alle Hände voll zu tun, um die Drinks zu servieren. Das Trio hatte offensichtlich schon mehr getrunken, die jungen Männer gaben anzügliche Kommentare über ihre Figur und ihr Aussehen ab, als sie bei ihnen ankam. Sie servierte die Drinks mit zusammengebissenen Zähnen und machte, dass sie so schnell wie möglich wieder davonkam.

„Das Glas unseres Ehrengastes ist leer“, raunte Brian ihr zu, als sie an die Bar zurückkam, um ihr Tablett neu zu beladen.

Sie wollte ihn nicht anschauen, als sie dieses Mal zu ihm ging, doch die Versuchung war einfach zu groß. Er sah aber auch zu gut aus! Ihr Mund wurde trocken, Verlangen schoss durch sie hindurch wie ein Speer.

Die Intensität dessen, was sie fühlte, schockierte sie. Er war ein Fremder, sie wusste überhaupt nichts von ihm. Es war nur körperliche Anziehungskraft, mehr nicht, und doch praktisch unwiderstehlich. Und zum ersten Mal fragte sie sich, ob es das gewesen war, was ihre Mutter zu ihrem Vater hingezogen hatte, der mit einer anderen verheiratet gewesen war, und ob sie, Molly, nicht zu streng und engstirnig geurteilt hatte.

Leandro lächelte träge. Wie zierlich sie war! Eine Puppenhausvenus, mit zierlichen Füßen und einer Taille, die er wahrscheinlich mit einer Hand umspannen konnte. Sie schien sich im Takt der Musik zu bewegen … Dios mio! Was war los mit ihm?! Sie war eine Kellnerin und er nicht der Mann, der etwas mit Bediensteten anfing. Dennoch konnte er den Blick nicht abwenden. Seine Augen hafteten weiterhin stur auf ihren erstaunlich weiblichen Kurven, auf ihrer Bluse, unter der sich hohe feste Brüste abzeichneten, auf dem Rock, der sich mit jedem ihrer Schritte um ihre Beine schmiegte. Sie hob die Lider, ihre grünen Augen trafen frontal auf seinen Blick. Er spürte den elektrischen Stromstoß, der in seinen Körper fuhr und eine Kettenreaktion auslöste. Er setzte sein leeres Glas auf dem Tablett ab, das sie ihm hinhielt, und nahm sich ein neues. Der Gedanke schoss ihm durch den Kopf, dass es vielleicht klüger wäre, seinen Durst mit Mineralwasser statt mit Alkohol zu löschen, doch dann wurde er durch eine kleine Szene abgelenkt.

Molly war von dem lärmenden Trio gerufen worden, ihr blieb nichts anderes, als zu den Männern hinüberzugehen. Einer der drei legte ihr den Arm um die Taille und zog sie an seine Seite.

„Lassen Sie mich sofort los!“, verlangte sie eisig. „Ich bin hier, um die Gäste mit Drinks zu versorgen, mehr nicht.“

„Das wäre doch eine schreckliche Verschwendung, Süße.“ Ungerührt von ihrem ärgerlichen Kommentar, warf er einen Geldschein auf das Tablett. „Warum kommst du nachher nicht mit zu mir, hm? Glaub mir, ich garantiere dir einen großartigen Abend.“

„Nein danke. Und nehmen Sie endlich Ihre Hände von mir!“

„Weißt du überhaupt, wie viel ich dieses Jahr verdient habe?“

„Es interessiert mich nicht, und Ihr Trinkgeld können Sie auch behalten.“ Molly drückte ihm den Geldschein in die Hand und nahm die Gelegenheit wahr, sich aus seinem Griff freizumachen. Wie konnte er es wagen, mit ihr zu reden, als wäre sie käuflich?! Unter einer männlichen Lachsalve marschierte sie empört zu Brian zurück, der die Szene argwöhnisch mitverfolgt hatte. Sie würde ihm sagen, dass er die drei im Auge behalten musste, bevor die ganze Sache aus dem Ruder lief.

„Ich werde nicht dafür bezahlt, dass ich mich antatschen lasse oder dass man so mit mir redet. Ich habe das Recht, mich offiziell zu beschweren, wenn so etwas passiert“, sagte sie wütend.

Brian schaute sie überrascht an. „Die Jungs wollen doch nur ein bisschen mit dir flirten. Du bist ein hübsches Ding, davon gibt es hier nicht viele. Und außerdem haben sie nur ein bisschen zu viel getrunken. Ich bin sicher, sie wollten dich nicht beleidigen.“

„Da bin ich anderer Meinung. Die wissen genau, was sie tun, und ich fand sie sogar sehr beleidigend“, widersprach Molly. Sie stapfte zur Bar, wütend, dass ihre Beschwerde nicht ernst genommen wurde. Natürlich wollte Brian es sich mit den neuen Kunden nicht verderben, aber zum ersten Mal im Leben ärgerte es Molly, dass sie auf der Rangleiter so weit unten stand und ihre Belange nicht ernst genommen wurden.

Leandro stieß unauffällig die Luft aus. Er hatte die ganze Szene beobachtet und war schon bereit gewesen, ihr bei den Betrunkenen zur Hilfe zu kommen. Eigentlich wäre das die Aufgabe ihres Chefs gewesen. Molly hieß sie also. Ob das eine Koseform von Mary war? Aber was sollte ihn das interessieren? Es gefiel ihm nicht, so aus dem Gleichgewicht zu sein. So ließ er sich von der Gastgeberin herumführen und den anderen Gästen vorstellen.

Lysander Metaxis war ohne seine Frau gekommen, da sie, wie er jedem freudestrahlend erklärte, kurz vor der Niederkunft mit dem dritten Kind stand. Sollte er auf Glückwünsche von Leandro warten, so wartete er umsonst. Sobald die Unterhaltung auf Kinder zu sprechen kam, hatte Leandro nichts zu sagen und noch weniger Interesse. Allerdings gestand er sich ein, dass es unfair war, dem griechischen Tycoon zu unterstellen, er wolle nur mit seiner Manneskraft prahlen.

Es gab nichts, was Leandro davon hätte ablenken können, Molly zu beobachten, wie sie erneut auf das betrunkene Trio zusteuerte, die nach den nächsten Drinks verlangten. Man sah ihr an, wie ungern sie es tat. Prompt schlang der massiv gebaute blonde Mann den Arm um ihre Taille, ließ seine Hand zu ihrem Po hinuntergleiten und griff deftig zu. Als ein empörter Aufschrei über Mollys Lippen kam, setzte Leandro sich in Bewegung.

„Nehmen Sie die Hände von ihr!“

Der Betrunkene ließ Molly los, um sofort zu einem Kinnhaken für Leandro anzusetzen. Verdattert, dass der Spanier zu ihrer Rettung geeilt war, erkannte Molly aber auch die Gefahr, dass die drei Männer ihn böse zurichten könnten, weil er es gewagt hatte, sich einzumischen. Sie hastete vor und stellte sich zwischen die Männer, um den Schlag abzulenken. Trotzdem landete die Faust des blonden Mannes an Leandros Schläfe und schickte ihn zu Boden. Er schlug hart mit dem Kopf auf dem Boden auf, ihm wurde schwarz vor Augen. Als er die Lider wieder hob, starrte er geradewegs in die besorgten grünen Augen der Kellnerin, die über ihm kniete. Sie war nah genug, dass ihm der frische Duft ihres Haares in die Nase stieg und eine erstaunlich sexuelle Reaktion in ihm auslöste.

Als Mollys Blick auf die bernsteinfarbenen Augen traf, war es, als würde die Welt plötzlich still stehen. Eine Hitzewelle durchlief ...

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