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Stirb, Schwesterchen, stirb


Du bist bereit,
für deine Zwillingsschwester
zu sterben.

Bist du bereit,
für sie
zu töten?


TO THE ONE HIDING IN THE DARK,

HE KNOWS, HE KNOWS 


What you don’t remember never happened.

Bullshit!

Of course it did.


Menzberg, 17. Juli 1995

Der Stuhl, auf dem das Mädchen sitzt, ist weiß gestrichen. Er steht so dicht an der Wand des Schuppens, dass der nackte linke Arm des Mädchens die Ziegel berührt. Es riecht nach Blumen und Urin.

Der Junge hat seine Zwillingsschwester auf den Tag genau fünf Jahre nicht gesehen, darum kann er sich für einen bestürzend langen Moment nicht mit Sicherheit entscheiden, ob sie es ist, die vor ihm sitzt oder nicht. Sein Blick springt über das Mädchengesicht, ohne sich auf die Nase, die Augen, die Ohren oder den Mund konzentrieren zu können. Dann weiß er, der Biber und die Frau mit Feuer im Gesicht haben ihn zum vierten Mal an den falschen Ort gelockt.

Das tote Mädchen, das vor ihm auf dem Stuhl sitzt, ist nicht seine Zwillingsschwester Kathrin. Ganz bestimmt nicht. Er spürt, wie sich die Erleichterung in seinem Körper ausbreitet wie eine kühle Welle, gleichzeitig muss er die Augen schließen, weil ihm die Gewissheit, dass die Suche nach seiner Schwester damit weitergeht, den Boden unter den Füßen entzieht. Er will sich hinsetzen, bleibt aber stehen und zwingt sich, die Augen zu öffnen: Ich bin stärker, als ihr denkt!

Das Mädchen ist nach vorne gesackt; das Seil, das es auf dem Stuhl hält, ist lose gespannt, läuft x-förmig über ihren Oberkörper und drückt ihre Brüste nach oben. Der Mund des Mädchens sieht ordinär aus, findet er, wie bei einer Prostituierten, da begreift er, man hat ihr einen größeren Mund gemalt. Die Farbe des Lippenstiftes erinnert ihn an die Kirschen, die sie vom Baum im Garten des Nachbarn gestohlen haben. »Sie schmecken besser als alle anderen, weil wir sie geklaut haben«, hat Kathrin behauptet. Wie lange ist das her? Sechs Jahre. Die geschminkten Augen des Mädchens stehen offen, er muss sich beherrschen, um nicht aus dem Schuppen zu laufen und um Hilfe zu schreien, weil er den Gedanken nicht erträgt, dass diese Augen nichts mehr sehen, nie mehr, ihn nicht, nicht die Wiesen und Hügel des Napfgebietes und nicht das Sonnenlicht, das durch das Fenster des Ziegelschuppens fällt und als flirrende Säule im Dämmer steht, als lasse es sich berühren.

Was hat das Mädchen zuletzt gesehen? Den Biber und die Frau mit Feuer im Gesicht? Hat sie das Blut gesehen, ihr Blut, in dem ihre nackten Füße stehen? Wo ist das Mädchen gewesen, bevor man es hierher in diesen Ziegelschuppen auf dem Menzberg gebracht hat, weit entfernt von jedem anderen Wohnhaus und Bauernhof?

Die Zehennägel des Mädchens sind schwarz lackiert, seine Waden mit Schnitten und Kratzern übersät. Gleichzeitig wirken die Füße sauber und rein, als seien sie eben gewaschen worden. Am rechten Fuß, er erschrickt, weil er es erst jetzt sieht, hat man dem Mädchen den kleinen Zeh abgetrennt. Erst glaubt der Junge, der Zeh liege vor dem Stuhl, dann sieht er, es ist ein Hölzchen, das an der Spitze schwarz bemalt ist. Wo ist der Zeh, was stellt man mit einem abgeschnittenen Mädchenzeh an? Er weigert sich, darüber nachzudenken, wie das Mädchen ums Leben gekommen ist.

Wieso riecht es nach Blumen?

Es riecht nach Blumen, weil vor der Toten ein großer Strauß auf dem Boden liegt, gepflückt in der Wiese, an deren Rand der Schuppen steht.

Das Mädchen trägt ein knielanges Kleid mit kurzen Puffärmeln; der weiße, weich fließende Stoff ist über und über mit Sonnen, Sternen und Monden bedeckt. Der Junge denkt daran, das Mädchen zu berühren, er stellt sich vor, es aus dem Seil zu befreien und auf den staubigen Bretterboden zu legen. Aber er bleibt in sicherem Abstand stehen und betrachtet die Monde auf den Kleidern, die Sterne und die Sonnen; es wird mich, redet er sich ein, beruhigen. Beruhigen und mit der Tatsache vertraut machen, dass mein Leben weiterhin ein Ziel hat, ein Ziel und eine Bestimmung. Er ist siebzehn Jahre alt und weiß mehr über Verlust, Schmerz und Angst als die meisten Erwachsenen. Und er weiß, es nützt ihm nichts, gar nichts.

Er bleibt vor dem toten Mädchen stehen, bis es dunkel geworden ist. Später kann er sich nicht daran erinnern, was er in jenen langen Minuten gedacht, was er sich vorgestellt hat; es ist, als sei sein Kopf leer gewesen, blank wie eine unbetretene Eisfläche, eine gefrorene Szene ohne Geräusch, ohne Farbe, Geruch. Dabei weiß er genau, der Mensch denkt immer, auch wenn er es gar nicht will, denkt er, und oft genug das Falsche, das ihn aus der Bahn wirft, das Unruhe in ihn pflanzt, Unruhe, die nur auszuhalten ist, wenn die Ursache dafür aus der Welt geschafft wird.

Er holt tief Luft, ein Taucher, der bereit ist, bis zum Grund zu sinken, in die bodenlose Schwärze. Er dreht sich um und geht aus dem Schuppen.

11. Juli

SHARKATTACK

DUNFANAGHY

Der Wind aus den Hügeln trieb Sandfahnen über den Strand von Marble Hill und sorgte für die Wellen, auf die die Surfer seit Tagen vergeblich gewartet hatten: nicht zu hoch für Anfänger und doch hoch genug für erfahrene Surfer.

Gregor Zimmermann hatte sich daran gewöhnt, dass die Wellen vom Strand aus weniger hoch wirkten, als sie waren, wenn man auf dem Board lag. Er hatte den Blick auf den Horizont gerichtet, während er mit möglichst gleichmäßigen Armbewegungen in die Bucht hinauspaddelte, genau wie es ihnen Colm, der Leiter des eintägigen Surfkurses, beigebracht hatte. Er wusste nicht, wie oft er vom Brett ins kalte, weiß schäumende Wasser gefallen war. Mittlerweile schaffte er es wenigstens, mit Schwimmbewegungen anzufangen, sobald er unterging, um nicht von der Welle auf den Grund des Meeres gedrückt zu werden. Ohne den Neoprenanzug wäre ich längst erfroren, dachte er und suchte den Strand nach seiner Freundin Charlotte ab. Erst war sie lange durch die Dünen gegangen, einen Turnschuh in jeder Hand, als verliere sie sonst das Gleichgewicht, aber seit einer Weile saß sie im Sand, dicht an der Straße, weit weg vom Saum des Meeres. Sie hatte weder die Regenjacke noch ihre Wollmütze ausgezogen. Die Luft war ihr zu kalt, das Meer sowieso, der Strand zu leer, zu wenig mondän. Die französischen Romane, in einer Buchhandlung in der O’Connell-Street in Dublin gekauft, hatte sie in ihrem Eckzimmer im Hotel Arnolds liegen gelassen. »Wer will bei diesem Scheißwind lesen?«, hatte sie ihn angeblafft. Sie hatte bemerkt, dass er ihr zuwinkte, wassertretend an sein Board geklammert, das verrieten ihm ihr durchgedrückter Rücken und das hohle Kreuz, das sie machte; auch diesen steifen Hals bekam Charlotte nur, wenn sie wütend oder beleidigt war und ihn deshalb ignorierte. »Attention, attention, Maman macht ihr französisches Mündchen«, kreischte ihre dreizehnjährige Tochter Cloe dann jeweils und zog theatralisch den Kopf ein, als erwarte sie eine Ohrfeige. »Genau wie Rolf, das hat sie von ihm, diesen arroganten Mund hat sie von ihm!« Cloe erwähnte ihren Vater Rolf nur, um entweder ihre Mutter zu verletzen oder Gregor daran zu erinnern, dass er nicht ihr Vater war. Machte seine eigene Tochter Ronja das auch? Brachte sie seinen Namen auch in gewissen Situationen ins Spiel, um seine Exfrau Edith zu ärgern oder zu verletzen und ihren neuen Partner Günter zu verunsichern und bloßzustellen?

Gregor zog sich auf das Surfbrett, legte sich bäuchlings hin und paddelte weiter in die Bucht hinaus, bis ihm Arme und Schultern weh taten. Er setzte sich rittlings aufs Board und sah sich um. Die anderen Schüler von Sharkattack, Cloe und die Amerikaner, waren auf gleicher Höhe wie er, allerdings etwa dreißig Meter rechts von ihm. Dort kamen die Wellen am schönsten herein, hatte ihnen Colm erklärt, dort war man aber auch gefährlich nahe an den Ufersteinen. Cloe wich nicht von der Seite der zwei Amerikaner mit den kurzen, von der kalifornischen Sonne gebleichten Haaren; die Jungen, drei oder vier Jahre älter als sie, waren der einzige Grund, weshalb sie den Surfkurs überhaupt mitmachte. Noch beim Frühstück hatte sie spöttisch erklärt, Surfen sei etwas für »Loser, die beweisen müssen, dass sie keine Loser sind«. Aber als sich die Kalifornier in Colms Shop Sharkattack nach dem eintägigen Kurs erkundigt hatten, war Cloe plötzlich nicht mehr an den Strandkleidern, Bikinis und Flip-Flops interessiert gewesen und hatte Colm zugerufen, sie sei auch dabei. »Wann geht’s los? Ich kann’s kaum erwarten!« Die Amerikaner hatten zugesehen, wie Cloe sich einen Leih-Wetsuit ausgesucht und in der Kabine neben der Kasse angezogen hatte, ohne den Vorhang zuzuziehen. Gregor war hinter den Schuppen im Hafen von Dunfanaghy verschwunden, in dem sich Sharkattack befand, weil er nicht wollte, dass ihm jemand dabei zusah, wie er sich fluchend damit abmühte, den geliehenen Wetsuit überzuziehen, vor dem er sich ekelte, kalt und feucht, wie er war.

»Gibst du auf?«

Colm lag mit dem Oberkörper auf seinem Board, das nur halb so lang war wie die Schulbretter, die er ihnen gegeben hatte, und kam mit kräftigen Beinbewegungen auf ihn zugeschwommen.

»Die Arme«, sagte Gregor.

»Sind ja auch schon den ganzen Morgen draußen.«

Colm hatte ihm erzählt, er spiele Bass in einer Band und sei erst um vier Uhr in der Früh ins Bett gekommen.

»Deine Frau hat sowieso genug«, sagte er grinsend.

»Sie ist nicht meine Frau«, sagte Gregor.

»Genug hat sie trotzdem.«

Charlotte stand am Ufer und winkte mit beiden Armen; dann hielt sie sich die Hände als Trichter vor den Mund und schrie Gregor etwas zu, das er aber nicht verstand.

»Verstehst du sie?«, fragte Gregor.

Colm schüttelte den Kopf, klatschte mit der flachen Hand aufs Wasser und warf sich bäuchlings auf sein Brett.

»Ich könnte jetzt sagen, dass ich die Frauen auch nicht verstehe, wenn sie nicht hundert Meter entfernt an einem Strand stehen und etwas durch den Wind rufen«, sagte Colm über die Schulter, »aber das muss ja nicht unbedingt sein. Ich würd’ sie jedenfalls nicht zu lange warten lassen. Bis später.«

Colm fing an, auf Cloe und die Kalifornier zuzupaddeln. Gregor blieb einen Augenblick auf dem Brett sitzen, ohne sich zu rühren. Charlotte flatterte jetzt mit beiden Armen, und er spürte, wie sich die Vergangenheit mit ihren schweren Schwingen näherte, um ihn einmal mehr mitzunehmen und zurückzutragen. Er ließ sich ins Meer gleiten, tauchte den Kopf unter und riss die Augen auf, um die Geister zu vertreiben. Dann tauchte er auf, kroch auf das Board und paddelte ans Ufer.

Charlotte kam ihm keinen Meter entgegen und sah ungerührt zu, wie er aus dem Wasser stieg, das schwere Brett hinter sich her schleifend.

»In ihrem Alter findet man wenigstens immer ein paar, die sich für einen interessieren«, sagte Charlotte und deutete mit dem Kinn auf ihre Tochter.

Colm und die beiden Amerikaner saßen rittlings auf ihren Boards und hatten einen Kreis um Cloe gebildet.

»Lass uns gehen«, sagte Charlotte, »mir ist kalt.«

»Der Kurs ist noch nicht zu Ende.«

»Bitte! Meinst du, man bekommt hier irgendwo einen anständigen Kaffee? Ich hab langsam genug von der dünnen Brühe. Schlimmer als in den USA

»Eine halbe Stunde noch.«

»Wir könnten auch ins Zimmer, du weißt schon. Nur wir zwei.«

»Und Cloe?«

»Um die brauchst du dir keine Sorgen zu machen. Die Jungs bringen sie uns ganz bestimmt zurück.«

»Ich sag ihr wenigstens, dass wir zurückfahren. Bin gleich wieder da. Okay?«

»Ça va.«

Er watete einige Meter ins Meer zurück, gab dem Brett mit beiden Händen einen kräftigen Stoß, warf sich darauf und fing an, gemächlich auf die Tochter seiner Freundin zuzupaddeln.

Charlotte kniete vor ihm auf dem Doppelbett, das Gesäß in die Höhe gereckt, den Kopf zurückgeworfen. Gregor packte ihre Backen und spreizte und knetete sie so lange, bis sich ihre Möse öffnete. Vom Saum ihrer Strumpfhose war ein roter Abdruck um ihre Taille zurückgeblieben, der ihn an eine Narbe erinnerte. Als sei sie in der Mitte zusammengenäht worden.

Er hatte die Gardinen nicht ganz geschlossen, Sonnenlicht fiel als Keil über ihren Rücken, die Matratze und den grünen Teppich. Ein Laster fuhr unter ihrem Fenster vorbei, die Scheibe klirrte im Kitt. Er liebte ihren Geruch, ihren Duft, den er, kaum waren sie getrennt, mehr vermisste als ihre Berührungen und ihre Küsse. Er hatte geduscht, roch aber immer noch nach Salz; seine Haut prickelte, spannte. Jemand schob einen Staubsauger durch den Korridor und fuhr immer wieder gegen die Bodenleiste damit, bumm, regelmässig wie eine Uhr, bumm, ein Bauer mit der Sense, bumm. Gregor bemerkte nicht gleich, dass er die zwei Finger, die er in sie gesteckt hatte, bumm, im gleichen Rhythmus hin und her bewegte, bumm. Er zog die Finger so langsam wie möglich aus ihr, bumm, packte sie an den Hüften und drehte sie entschlossen auf den Rücken.

Ihr Gesicht glänzte, und sie sah ihn mit großen erstaunten Augen an, als begreife sie erst jetzt, wer hinter ihr gekniet hatte. Seine Turnschuhe – sie standen umgekippt neben dem Bett – waren voller Sand. Die Sonne teilte Charlottes Gesicht in eine helle und eine dunkle Hälfte. Er wollte ihr mit dem Zeigefinger über die Lippen streichen, aber sie schlug seine Hand weg.

»Mach’s mir«, befahl sie und schloss die Augen.

BRANDUNG

BLACK ROCK

Ausgangs Falcarragh verließen sie die N56, bogen rechts ab und fuhren Richtung Meer. Eben hatte der Wind den Regen noch fast waagrecht über die Landschaft getrieben, und die Tropfen waren über das Dach des Mietwagens geprasselt, als werfe jemand mit Reiskörnern nach ihnen, nun riss der Himmel auf. Sonnenlicht traf ihre Frontscheibe und blendete sekundenlang alles aus, Meer, Himmel, Straße.

»Mist«, sagte Karl, »gib mir deine Sonnenbrille.«

Ruth öffnete ihre Handtasche, nahm das Brillenetui heraus und öffnete es.

»Mach schon, Mensch! Sonst fahr ich uns hier in den Graben.«

Sie klappte die Bügel der Brille auf und schob sie ihm über die Nase. Die Straße war schmal und von Hecken begrenzt, als fahre man durch einen hellgrünen Tunnel, an dessen Ende der Atlantik wartete.

»Schon ist sie wieder weg«, sagte Karl und nahm die Brille ab.

Das Meer hatte die Farbe von Taubenfedern und war fein geriffelt. Die Bergklötze hinter ihnen lagen wie brütende Tiere in der Sonne, majestätische Gottheiten, deren Größe gewissen Menschen ganz bestimmt Angst einjagte.

»Links oder rechts?«, fragte Karl spöttisch und hielt an, weil sich die Straße gabelte.

»Links«, antwortete Ruth unsicher, »glaube ich.«

»Glaubst du! Na toll«, sagte Karl lächelnd und bog in die Straße, die sich linker Hand durch Hügel wand, »aber du hast recht.«

Manus hatte ihnen den Anfahrtsplan per Post zugestellt, Karl hatte sich die Route eingeprägt und das Papier dann verbrannt. Black Rock, was für ein Name für eine Ortschaft! Die Landschaft, durch die sie fuhren, war ernüchternd leer und still, ein Reservat der Verlorenheit. Einige Schlaglöcher waren so tief, dass es ihm das Steuer manchmal fast aus den Händen schlug; Ruth fluchte, sie war größer als er und knallte immer wieder mit dem Kopf gegen das Wagendach. Sie hörten die Brandung, ein stetes, leicht zögerliches Zischen, als wisse das Wasser nicht genau, wohin es wolle.

Der Hof lag am Ende der Straße in einer Senke, abgeschirmt vor neugierigen Blicken von einem Wald, der bis an den Anbau des Hauses reichte, sowie von Hecken, die das Grundstück begrenzten. Das Farmhaus war in schlechtem Zustand: Dachziegel saßen schief, der Verputz blätterte von den Wänden, auf beiden Kaminen blühte Schimmel. Hinter dem Zaun, der den Vorplatz umschloss, lag das Rostskelett eines Tores im hüfthohen Dickicht, auf der Wasserlache vor der Eingangstür trieb ein Ölfilm. Am Rand des Vorplatzes stand ein leerer Pferdetransporter; der Wind wehte Strohhalme von der heruntergeklappten Luke.

»Reitet Manus?«, fragte Ruth und sah Karl an.

»Reiten wir nicht alle?«, antwortete er, schaltete den Motor aus, zog den Schlüssel ab und stieß die Tür auf, blieb aber sitzen.

»Diesmal sind wir übrigens nicht alleine«, sagte er.

»Wie bitte? Warum sagst du das erst jetzt?«

»Immer mit der Ruhe.«

»Wer?«

»Irgendein Belgier.«

»Kennen wir ihn?«

Karl schüttelte den Kopf und stieg aus. Es roch scharf nach Dung, der Wind war erstaunlich warm. Ruth stieg nun ebenfalls aus, sie drückte die Tür zu und sah ihn fragend über das Autodach hinweg an. Sie war blass, sie zog es vor, selber am Steuer zu sitzen.

»Manus kennt ihn«, sagte er und zwinkerte ihr zu. »Beruhig dich. Wir werden eine Menge Spaß haben. Vertrau mir! Auch mit dem Belgier. Er ist in unserem Alter.«

»Manus ist ein Idiot!«

»Der Knochen kennt den Belgier auch«, sagte Karl.

»Na dann!«

Sie klopfte mit der Hand aufs Dach des Autos und sah ihn wütend an. Das Meer in der Bucht hinter ihr, ein flirrender Silberfaden, sah aus wie ein Trugbild. Was wurde man wohl für ein Mensch, wenn es Tag für Tag ausgebreitet vor einem lag? Wurde man ausgeglichener und ruhiger? Nahm man es überhaupt noch wahr? Besänftigte einen das Geräusch der Brandung? Oder sorgte es für Unruhe, ein Fernweh, dem man irgendwann nachgab?

»Sie ist zwölf«, sagte Karl ruhig, »und nicht blond.«

»Sondern?«

»Ein Rotschopf. Noch fast keine Brüste.«

»Na dann«, sagte Ruth und streckte die Hand nach ihm aus.

Er zögerte, ergriff die Hand dann aber doch und drückte zu, bis ihr zuckendes Augenlid verriet, er hatte ihr weh getan.

»Hörst du die Brandung?«, fragte Karl nach einer Weile.

Ruth nickte, da wurde die Haustür geöffnet; Manus trat auf den Vorplatz hinaus und kam auf sie zu. Hinter ihm stand ein Mann in der Tür, hochaufgeschossen und schmal, mit nacktem Oberkörper, trotz des Windes. Seine Nase stach wie ein Vogelschnabel aus dem Gesicht. Manus blieb einen Schritt vor ihnen stehen. Sie kannten sich seit zwölf Jahren und hatten sich noch nie die Hand gereicht. Manus schwitzte, sein Blick sprang unruhig zwischen ihnen hin und her.

»Jean hat ihr schon ein bisschen gezeigt, was sie erwartet. Er hat noch weniger Geduld als ich«, sagte Manus.

»Das ist schlecht«, sagte Ruth, »Geduld ist wichtig.«

»Ich weiß«, gab Manus zurück, ohne sie anzusehen.

»Ist sie aus der Gegend?«, fragte Karl, die Arme vor der Brust verschränkt.

»Seit wann stellen wir solche Fragen?«

Manus lächelte und breitete die Arme aus wie ein Priester, der seine Schäfchen beruhigen will; sein Atem roch nach Bier.

»Ist sie aus der Gegend?«, wiederholte Karl.

»Aus dem Norden.«

»Nordirland?«

Manus nickte. Der Belgier stand immer noch unter der Tür, hatte sich aber eine Zigarette angesteckt.

»Seit wann hast du sie?«, fragte Ruth.

»Hab ich sie?«, gab Manus spöttisch zurück.

»Seit wann!«, fragte Karl laut.

»Ihre Eltern haben aufgehört, nach ihr zu suchen.«

»So lange schon«, sagte Karl und schnalzte mit der Zunge.

»So lange schon, das arme Kind«, sagte Ruth.

DIE UNTERSEITEN DER FLÜGEL

DUNFANAGHY

Die Bar im Hotel Arnolds war zwar neu, aber trotzdem gemütlich; das Feuer, das im Kamin brannte, verbreitete leichten Torfgeruch und warf einen flackernden Schimmer an die Decke. Cloe schnappte sich die Getränkekarte, noch bevor sie sich an das Tischchen in der Nähe des Tresens gesetzt hatten. Charlotte legte Gregor die Hand auf den Unterarm, sah ihn aber nicht an.

Sie hatten im Hotel auf der anderen Straßenseite gegessen, weil Charlotte der Küche im Arnolds nicht traute. Das war, wie sie bei der Vorspeise zugab, ein Fehler gewesen. Während des Essens im Speisesaal, dessen Fensterfront nicht etwa aufs Meer hinausging, sondern auf die Straße, hatte Charlotte ihre Tochter nach den Amerikanern und Colm ausgefragt. Cloe war ausgewichen, wie gewöhnlich, wenn sie ihr persönliche Fragen stellte. Die beiden lebten in Santa Barbara und studierten irgendwas mit Marketing. Der eine hieß Chad und war »ein loser«, der andere Joshua und war »süß, megasüß«. Mehr erfuhren sie nicht. Zu Colm hatte Cloe einen Satz zu sagen: »Er ist ein alter Mann, wie du, Gregor.«

»Wenn ich noch einmal eine Kartoffel essen muss, krieg ich einen Anfall«, sagte Charlotte und nahm Cloe die Getränkekarte aus der Hand.

»Ich liebe Chips«, sagte Cloe, »die sind doch aus Kartoffeln?«

»Crisps, in Irland heißen sie Crisps«, sagte Gregor, »Chips sind Pommes.«

»Hier in Irland heißen Pommes also Chips«, machte Cloe.

»In England auch«, sagte Gregor.

»In Schottland und in Wales nicht?«

»Lass es, Cloe«, sagte Charlotte wütend.

Gregor hatte einen metallischen Geschmack im Mund, den er zu gern mit einem Bier weggespült hätte. Seine Lust auf Alkohol war so bedrängend, dass er es nicht fertigbrachte, in die Getränkekarte zu schauen.

»Ich nehm eine Cola«, sagte er zu Cloe, »und du?«

»Ohne Whiskey?«

»Nicht, Cloe!«, sagte Charlotte und drückte seinen Unterarm. »Sie nimmt auch eine Cola. Also einen Espresso trink ich hier drin ganz bestimmt nicht, aber einen Irish Coffee werden sie ja vielleicht hinkriegen, oui?«

Gregor nickte. 394 Tage trocken. Die Vorstellung, bald den Geruch des Alkohols in Charlottes Irish Coffee in der Nase zu haben, trieb ihm Schweiß auf die Stirn. Das Kribbeln in seinen Fingern war so stark, dass er die Hände in den Schoß legte und sie ineinander verkrampfte. Die ersten zwei Wochen, nachdem er aufgehört hatte, hatte Charlotte ebenfalls auf Alkohol verzichtet. Seither war sie der Meinung, falls er es wirklich schaffen wolle, schaffe er es auch, wenn sie in seiner Gesellschaft eine Flasche Wein trinke. Gregor stand auf und versuchte die Aufmerksamkeit des Barkeepers zu erwecken, der am Spülbecken hinter dem Tresen stand, seinen Blick erwiderte und nickte, sich aber nicht von der Stelle rührte.

»Für alles sind sie zu faul«, zischte Charlotte, »diese Scheißiren!«

»Wir sind hier in einer Bar«, sagte Gregor so ruhig er konnte.

»Selbstbedienung, maman!«

»Das ist in Frankreich doch ganz genauso«, sagte Gregor und drückte ihr einen Kuss auf den Handrücken.

»Pas de tout!«, sagte Charlotte und tat, als wolle sie aufstehen.

Gregor und Cloe warfen sich einen verschwörerischen Blick zu, und er ging rasch zum Tresen hinüber. Der Barkeeper legte sich das Geschirrtuch über die Schulter und fing an, die Gläser in ein Regal zu räumen, ohne sich um ihn zu kümmern. Die zwei alten Männer, die am Tresen saßen, trugen speckig glänzende, dunkle Anzüge und weiße Hemden; der eine hatte eine Krawatte umgebunden, breit wie ein Geschirrtuch, viel zu kurz, der zweite trug eine Hornbrille, wie sie wieder in Mode waren. Sie sahen Gregor an und lächelten.

»Your first time here?«, fragte der mit der Brille.

»In this Hotel?«, antwortete Gregor.

»In this country«, sagte der mit der Krawatte.

»Germany?«, wollte der mit Brille wissen.

»Switzerland.«

»Was wollen sie?«, fragte Charlotte.

»Wissen, ob wir das erste Mal hier sind«, sagte Cloe schnippisch.

Charlotte hob die Hand und winkte den Alten zu. Ihre goldenen Armreifen klimperten.

»Oui, oui«, sagte sie betont freundlich, »first time. Das erste und das letzte Mal, so viel steht fest.«

»There are three things a woman should never admit she knows how to do«, sagte der mit der Brille.

»Was?«

Charlottes Stimme hatte jetzt einen hysterischen Ton, und Gregor wäre am liebsten weggegangen.

»Er sagt, es gibt drei Dinge, von der eine Frau nie behaupten soll, sie könne sie«, übersetzte er.

»Sagt er«, sagte Charlotte, »und was sind das für drei Dinge?«

»Das hat er nicht verraten«, sagte Cloe.

Die beiden Alten lächelten geheimnisvoll, hoben gleichzeitig ihre Biergläser an die Lippen, drückten die Augen zu, tranken, atmeten genussvoll aus und setzten gleichzeitig die Gläser auf den Tresen.

»Make coffee, clean fish, and start a lawnmower«, sagte der mit der Krawatte.

»Was heißt lawnmower?«, fragte Charlotte verkrampft lächelnd.

»Rasenmäher«, sagte Cloe.

»Oui, oui«, sagte Charlotte und winkte den Alten noch einmal zu.

»Wir haben gar keinen Rasen«, sagte Cloe.

»Genau! Sag ihnen das, Gregor, los! Übersetz das!«

»We don’t have a meadow«, sagte Gregor.

»Lawn«, sagte Cloe, »Rasen heißt lawn. Darum lawnmower. Und nicht meadowmower.«

»Kein Rasen, kein Rasenmäher«, sagte Charlotte, »und Fisch kann ich besser ausnehmen als jeder Mann.«

Der alte Mann nahm seine Hornbrille ab, legte sie vor sich auf den Tresen und ließ sich vom Barhocker gleiten.

»Remember«, sagte er ernst, »it’s not what happens, it’s what you do with what happens.«

»Was sagt er?«, fragte Charlotte schrill.

»Es ist nicht wichtig, was passiert«, übersetzte Cloe, »sondern was du damit anfängst.«

»Bestellst du jetzt oder was«, sagte Charlotte.

In der Reception lag ein Hund vor der Tür zum Flur, der zu den Zimmern führte; er bewegte die Pfoten im Schlaf, als trete er Wasser. Als sie über ihn wegstiegen, schmatzte er, hob den Schädel, blickte sie einen Moment vorwurfsvoll an und legte sich wieder hin. Auf dem Flur roch es nach Desinfektionsmittel, feuchtem Teppich und Erbrochenem.

»Ich hab doch gesagt«, sagte Charlotte, »dass es in deinem blöden Irland immer kalt ist.«

»Kalt«, sagte Gregor, »ist doch gar nicht kalt hier.«

»Und nach Kotze stinkt es auch nicht!«

Cloe, die einen halben Schritt vor ihnen her ging, blieb plötzlich stehen und beugte sich den Bauch haltend vornüber.

»Cloe?«, fragte Charlotte.

»Mir ist schlecht.«

»Na, bei dem tollen Essen«, sagte Charlotte und streichelte ihr den Rücken.

»Ich bin schwanger, maman«, sagte Cloe leise.

»Schwanger!«

Charlotte wedelte mit den Händen durch die Luft, als wolle sie einen lästigen Geruch vertreiben, und sah Gregor erschrocken an. Dann tätschelte sie ihrer Tochter die Schulter. Dein Kind ist doch kein Haustier, dachte Gregor und sah den Hund in der Reception vor sich, seine großen sanften Augen, die schwarzen Flecken auf den rosafarbenen Lefzen.

»Schwanger! Hast du denn überhaupt schon mal …«

»Ob ich schon mal gefickt hab? Lass mich nachdenken, maman! Doch! Hab ich!«

Charlotte nahm die Hand von der Schulter ihrer Tochter und sah sie entsetzt an.

»Willst du wissen mit wem?«, sagte Cloe.

»Sie ist schwanger?«

Charlottes Stimme kippte. Sie hielt sich an Gregor fest, und er nahm sie in den Arm; hinter einer der Zimmertüren lachte ein Mann.

»Das war ein Witz«, sagte Cloe und ging weiter.

»Was war ein Witz?«, sagte Charlotte leise und machte sich von Gregor los.

»Das mit dem Ficken nicht, falls es dich beruhigt.«

»Haha«, sagte Gregor, »ich lach mich tot.«

»Und dass ich bei Sharkattack zwei Tops von Abercrombie & Finch geklaut hab, ist auch nicht wahr«, erklärte Cloe schnippisch. »Gibst du mir bitte den Schlüssel, Gregor?«

Er machte ihr nicht die Freude, auf ihre Provokation einzugehen, und reichte ihr den Schlüssel mit dem schweren, birnenförmigen Metallanhänger.

»Du hast was?«, fragte Charlotte.

»Geklaut, maman, ja, ich hab geklaut. Auch nicht zum ersten Mal.«

»Das glaub ich dir nicht«, sagte Charlotte.

»Das ist natürlich auch eine Lösung!«

»Es reicht! Vielleicht ist es besser, du ziehst eine Weile zu deinem Vater!«

»Soll ich zu Joshua ins B&B, damit ihr eure Ruhe habt und, na ja, ihr wisst schon, Liebe machen könnt?«

»Halt einfach den Mund, ja?«, sagte Gregor.

Cloe sah ihn grinsend an, öffnete die Zimmertür und warf sich im Dunkeln auf ihr Bett in der Ecke. Charlotte verschwand im Bad, drückte wortlos die Tür hinter sich zu. Wasser rauschte, etwas fiel klirrend ins Waschbecken.

»Schon ist Madame wieder beleidigt«, sagte Cloe, nahm ihren iPod vom Nachttischchen und steckte sich die Kopfhörer in die Ohren.

»Blöde Zicke«, sagte Gregor, weil er wusste, sie hörte ihn nicht.

Er trat ans Fenster. Über dem Meer war der Himmel heller als im Landesinnern. Scheinwerfer vorbeifahrender Autos strichen über die Steinmauer, die den Parkplatz vom Hafenbecken abgrenzte; er hörte den Wind in der Regenrinne über dem Fenster. Die Musik aus Cloes iPod, ein rhythmisches Schleifen, passte zu den Möwen, die über den Hausdächern kreisten und die helleren Unterseiten ihrer Flügel zeigten.

Gregor stützte sich mit beiden Händen auf dem Fenstersims ab; er spürte, wie er sich entspannte und damit endlich zuließ, an seine Zwillingsschwester zu denken. Wo bist du?

12. Juli

KLEIDERBÜGEL AUS DRAHT

BLACK ROCK

Das Meer, dunkel wie nasser Zement, sah aus wie ein Abgrund, ein Loch, wie Ruth feststellte. Sie stand am Fenster des ausgebauten Dachstockes, um sich einen Moment auszuruhen. Das Fensterglas war schmutzig, genau wie der Dachboden und das ganze Haus, schmutzig und heruntergekommen.

Sie hätte gerne geraucht, hielt sich aber zurück. Sie würde sich die erste Zigarette des Tages erst anstecken, wenn sie in die kühle Nacht hinaustraten. Das Mädchen hatte aufgehört zu schreien, sie wimmerte und jammerte auch nicht mehr. Sie hatte aufgegeben, das war üblicherweise der Zeitpunkt, an dem Ruth anfing, sich zu langweilen. Sobald sich die Kinder ergaben, weder kämpften noch bettelten, ja nicht einmal mehr beteten, erlahmte ihr Interesse, war ihr Hunger gesättigt. Danach dennoch weiterzumachen, war nicht einfach, verlangte Disziplin. Karls Grunzen brachte sie zum Schmunzeln; wenn er mit dem Mädchen fertig war, würde er sich die Faust mit aufgerissenen Augen vor den Mund halten und kichern wie ein ertappter Sünder, das würde heute nicht anders sein. Der Belgier roch viel zu stark nach Eau de Cologne, er war am ganzen Körper behaart. Ein Schimpanse in blauen Socken. Er ging Blickkontakt konsequent aus dem Weg, schwenkte seine Erektion stolz durch die Luft und trug sie vor sich her wie ein Geschenk.

Manus hatte Seile gespannt und mit Decken und Plachen einen abgetrennten Raum geschaffen, den die Lichter für die Kamera grell ausleuchteten. Die Matratze war zu weich, dafür hatte er zwei Sporttaschen mit Utensilien bereitgestellt. Ein Kleiderbügel aus Draht war voller Blut gewesen, als Karl ihn aus der Tasche gezogen hatte, am Griff eines Schraubenziehers klebte ein Haarbüschel. Sie hatten nicht genau abgesprochen, wie weit sie heute gehen, wo sie heute die Grenze ziehen würden. Diese Unsicherheit lag als Spannung in der Luft, sie bot Raum für Spekulationen; vielleicht wechselten sie sich darum schneller ab als üblich, vielleicht gaben sie sich deshalb Kommandos.

»Ruth«, rief Manus, »du bist dran!«

Ein Wolkenschiff glitt über die Bucht. Ruth hob ihr Gesicht, als treffe die Abendsonne die Hausfassade einzig, um sie zu wärmen, dann drehte sie sich um, beide Hände zu Fäusten geballt.

Karls Kinn war blutbesudelt, sein Mund zuckte. Manus kauerte vor der Matratze und klatschte dem Mädchen die flache Hand ins Gesicht, wieder und immer wieder, während er den Kopf schüttelte, als sei er von ihr enttäuscht. In der anderen Hand hielt er einen goldenen Stöckelschuh mit zerrissenen Riemchen. Der andere Schuh hing am linken Fuß des Mädchens, sie war fast herausgeschlüpft. Der Oberkörper des Mädchens war voller Blut, ihre rechte Brust, klein wie ein Apfel, lag abgebissen neben ihr.

»Warst du das?«, fragte Ruth.

Karl zeigte mit dem Kinn auf Jean, den Belgier, der schwer atmend in der Ecke stand, seine blutbeschmierten Zähne fletschte und leise knurrte.

»Was für ein Idiot!«, sagte Ruth mit beherrschter Stimme. »Das geht doch viel zu schnell. Wir sind doch noch längst nicht fertig mit dem armen Ding, was, Karl?«

DER JUNGE, DEN ES NICHT GIBT

GUT WALDAU IM SCHWARZWALD

Man kann für alles eine Erklärung finden, ein Motiv, nur, wem ist damit geholfen? Wem hilft das Wissen, dass der Junge, der die Katze quält, Bettnässer ist, von seinem Vater verprügelt und von seinem Großvater missbraucht wird? Der Katze hilft es nicht, sie stirbt ja ohnehin. Hilft es ihrem Besitzer? Nein. Helfen könnte es allenfalls dem Jungen selbst, so er sich überhaupt helfen lassen will.

Auch mir sollte als Kind geholfen werden, eine lange Reihe ausgewiesener Gutachter, Psychologen und Psychiater hat sich an mir versucht, hat sich an mir und meinem Fall abgearbeitet. In jener Zeit habe ich gelernt zu lügen, mich zu verbergen und ein Bild von mir in die Köpfe der Fachleute zu projizieren, das ihnen genehm war, weil es zu ihrem Befund passte. Damals begriff ich, die Menschen sehen das, was sie sehen wollen, hören das, was sie hören wollen, begreifen das, was sie begreifen wollen. Der Mensch glaubt, was er glauben will. Die Wahrheit interessiert ihn nur, wenn sie ihm passt.

Wenn ich nicht gesehen werden will, wie ich wirklich bin, dann werde ich nicht gesehen, wie ich wirklich bin. Ich bin der Einzige, der wirklich weiß, was ich tief in meinem Innersten will. Also bin ich der Einzige, der mir helfen kann. Wie? Indem ich mir meine Bedürfnisse und Wünsche erfülle. Indem ich zulasse, der zu sein, der ich wirklich bin.

Ich bin 74 Jahre alt.

Ich habe – das darf ich von mir behaupten – alle meine Bedürfnisse und Wünsche erfüllt. Ich habe keine Rücksicht genommen, nicht auf andere, nicht auf mich, nicht auf Konventionen, Regeln, Gesetze und Abmachungen, die eine Gesellschaft getroffen hat, zu der ich mich nicht mehr zähle. Für Feiglinge, die vor eigenen Bedürfnissen und Wünschen Angst haben, klingt das bestimmt wie eine Ausrede. Aber es ist keine Ausrede, sondern eine Erkenntnis. Ich bin mit mir im Reinen. Ich genieße, was ich mache.

Ich genieße, was wir machen.

Unsere Gier kennt keine Grenzen.

Wir geben uns die Freiheit, uns nicht an das Gesetz zu halten.

Wir sind das Gesetz. Wir machen die Regeln.

Können wir vergeben?

Ja, das können wir.

Aber können wir uns selbst vergeben?

Ich kann es. Ich habe mir vergeben. Könnte ich es nicht, ich würde an mir verzweifeln, würde mich nicht ertragen.

Ich ertrage mich.

Ich liebe mich.

WARMES WASSER

DUNFANAGHY

Das Licht war grau, die Luft stickig. Gregor setzte sich vorsichtig auf, um Charlotte nicht zu wecken. Sie hatte sich letzte Nacht so lange mit Cloe gestritten, ob das Fenster offen bleibe oder nicht, bis er aufgestanden war und es ohne ein Wort zugemacht hatte. Cloe hatte behauptet, das Geräusch der Brandung, das gar nicht zu hören war, störe sie beim Einschlafen, Charlotte befürchtete, »zu ersticken in diesem Scheißirland, in dem es nur nachts warm ist«.

Es roch nach Kaffee und gebratenem Speck. Charlotte lag auf der Seite; wenn sie ausatmete, klang es, als zerreiße jemand Papier. Cloes Bett war leer, die Tür zum Bad geschlossen. Es war ein Fehler gewesen, dass er durchgesetzt hatte, zu dritt nach Irland zu reisen und nicht wie im letzten Sommer nach Südfrankreich. Das Display von Charlottes iPhone leuchtete auf und erlosch wieder. Ihr Exmann Rolf schickte ihr jeden Morgen eine SMS, um ihr einen schönen Tag zu wünschen, obwohl Charlotte nie zurückschrieb, wie sie behauptete. Doch das war gelogen, wie er seit dem Tag wusste, an dem er ihr Handy kontrolliert hatte. Sie schrieb ihm nicht jeden Tag zurück, aber sie schrieb ihm zurück; der einfühlsame, vielleicht gar zärtliche Tonfall ihrer Nachrichten an ihren Exmann verletzte ihn mehr als die Tatsache, dass sie log. Auch wenn sie ihn belog, um ihn zu schonen, wie sie bestimmt behaupten würde, wenn er sie zur Rede gestellt hätte.

Er stand mit geschlossenen Augen auf, als mache ihn das unsichtbar. Charlotte schnappte nach Luft, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. Gregor trat ans Fenster und sah auf die Straße hinunter. Ein Mann in weißer Schürze trug ein Tablett mit Toastbroten ins Arnolds; die Beifahrertür seines Lieferwagens stand offen. Der Junge, der gelangweilt im Sessel hing, rauchte, blickte zu ihm hoch, nickte und zog die Autotür zu. Der Himmel war hellblau, allerdings schob sich eine Wolkenwand auf Dunfanaghy zu. Auf dem offenen Meer regnete es bereits; das Wasser in der Bucht war dunkel und aufgewühlt. Touristen in Regenjacken standen vor der Hafenmauer und berieten wahrscheinlich, ob es nicht klüger war, umzudrehen, statt an den Strand hinunterzugehen.

»Da steht er, unser Gregor, und beobachtet die Menschen!«, sagte Cloe leise.

Gregor fuhr zusammen und drehte sich um. Er hatte nicht gehört, dass sie aus dem Bad gekommen war. Sie trug ein grünes T-Shirt mit weitem Schnürausschnitt, das er nicht kannte, und die offenen Sandalen mit Absatz, die Charlotte nicht ausstehen konnte, weil ihre Tochter damit größer war als sie selbst.

»Neu?«, fragte er und deutete auf das T-Shirt.

»Fast. Hat sie mal wieder ein Tablettchen genommen?«

Er nickte, setzte sich aufs Bett und legte die Hand auf Charlottes Schulter. Cloe sah ihm mit unbewegtem Gesicht zu. Wann hatte er aufgehört, sich zu fragen, was sie von ihm hielt? Zur gleichen Zeit, als ich aufgehört habe, mich dafür zu interessieren, was sich hinter der Fassade des schnippischen Teenagers für ein Mensch verbirgt. Charlotte rührte sich, streckte die Beine und gähnte.

»Regnet es?«, fragte sie.

»Nein«, sagte er und streichelte ihren Oberarm.

»Noch nicht, maman. Dafür ist es heute mindestens so warm wie in Narbonne im Dezember.«

Charlotte drehte sich auf den Rücken und sah ihn an. Ihre Haut war blass, ihr rechtes Augenlid leicht geschwollen, wie immer, wenn sie ein Schlafmittel genommen hatte.

»Hungrig?«, fragte er und küsste sie auf die Stirn.

»Ich würde töten für ein richtiges französisches Croissant!«

»Brauchst du nicht. Croissants gibt’s überall.«

»Sogar in Irland«, meinte Cloe und verschwand schnell im Bad, um ihrer Mutter zuvorzukommen.

»Ich kann nicht noch einen Tag lang frieren, chérie. Gibt es hier vielleicht irgendwo ein Hallenbad mit schön warmem Wasser?«

»In einem Hotel in der Nähe gibt es ein Spa mit Sauna. Soll ziemlich gut sein.«

»Und wo finden wir dieses Hotel?«

Sie setzte sich auf und ließ ihren Kopf gegen seine Brust sinken; ihr Haar roch nach Salz, dabei war sie nicht einmal in die Nähe des Meeres gekommen.

»In der Bucht, in der wir gestern waren.«

»Wo du dauernd vom Brett gefallen bist?«

»Ha, ha!«

»Der hässliche weiße Kasten am Hang?«

»Der hässliche weiße Kasten hat ein Spa.«

»Mit Sauna?«

»Mit allem.«

»Cloe«, rief Charlotte und löste sich von ihm, »mach vorwärts! Deine Mutter muss pinkeln. Und zwar dringend!«

EIN FRIEDHOF IM WALD

PORT-NA-BLAGH

Karl stand vor dem großen Fenster ihres Zimmers, von dem man Sheephaven Bay überblickte, und machte Kniebeugen. Er trug die weinroten Boxershorts, die Ruth ihm in Portugal gekauft hatte. Wie hieß der kräftige Junge, dem sie in Setubal gezeigt hatten, wer sie wirklich waren? Carlos? Cristiano? Oder war sein Name wirklich Jesus gewesen, wie Gastgeber Ramon behauptet hatte? Ramon mit dem Haarteil und den Cowboystiefeln. Es war dem Jungen jedenfalls gelungen, sich aus den Seilen zu befreien, mit dem sie ihn an die Werkbank gefesselt hatten. Er hatte ihr um ein Haar die Nase gebrochen, so kraftvoll und entschlossen hatte er zugeschlagen. Später hatte sie ihm ein Stück seines linken Ohres abgebissen und durch den Keller gespuckt, in dem es penetrant nach Schnaps roch. Der Junge hatte sie erstaunt angesehen, bevor er das Bewusstsein verlor, er hatte wieder und wieder geblinzelt, als könne er sie ausblenden, zum Verschwinden bringen, sie alle, Karl, Ruth, Carla und Bruno, die Italiener, und Ramon, den Gastgeber.

In Portugal hatten sie in einem ehemaligen Kloster gewohnt, das in ein Luxushotel umgewandelt worden war; hier in Irland hatte Manus ihnen im Shandon in der Nähe von Dunfanaghy für zwei Nächte eine Junior-Suite gebucht. Als sie letzte Nacht nach zwei Uhr ins Hotel zurückgekehrt waren, hatten sie beschlossen, einen weiteren Tag hierzubleiben, um sich zu entspannen. Danach würden sie mit dem Mietwagen nach Belfast fahren, mit der Fähre nach England übersetzen und entweder von Manchester, Leeds oder Liverpool in die Schweiz zurückfliegen. Sie buchten ihre Rückflüge nie im Voraus, »um beweglich zu bleiben«, wie Karl sich ausdrückte, »auf Unvorhergesehenes reagieren zu können und Spuren zu verwischen«. Sie waren in all den Jahren noch kein einziges Mal auf derselben Route aus einem Land ausgereist, wie sie es erreicht hatten.

Mittlerweile machte Karl Liegestütze; die Anstrengung war ihm nur anzusehen, wenn man ihn genau kannte. Die Rückenkratzer von den Fingernägeln des Mädchens hatten angefangen zu bluten; die Kratzer waren der Grund gewesen, weshalb Karl die Beherrschung verloren hatte. Er hatte laut geflucht, den Kopf des Mädchens mit beiden Händen gepackt und ihr dann mit einem Ruck das Genick gebrochen.

»Der belgische Trottel hat sich ganz schön blöd aufgeführt, was?«, sagte Karl, als könne er ihre Gedanken lesen.

»Du hast ihm den Spaß verdorben.«

»Na und? Hat er mir auch. Mit seiner kindischen Beißerei.«

»Hast du dir den Hotelprospekt angesehen?«, fragte sie, schwang die Beine aus dem Bett und stellte die Füße auf den Teppich.

Karl schüttelte den Kopf, ohne mit den Liegestützen aufzuhören. Der Blick aus dem Zimmer war atemberaubend, der Atlantik grau und doch verheißungsvoll wie eine Aufforderung zu einer langen, spontanen Reise.

»Es gibt eine Kräutersauna«, sagte Ruth, »einen Eisbrunnen und eine Salzgrotte.«

»Bin ich ein alter Mann?«

Sie hatten das tote Mädchen mit einem von Manus’ Wagen von der Küste ins Landesinnere gefahren, auf der N56 in einen verlassenen Talkessel und ein Stück auf der R251 in östlicher Richtung. In einem Ort namens Money Beg waren sie auf ein Sträßchen abgebogen, das zwischen zwei Seen hindurch in die Berge hinaufführte.

»Massagen bieten sie auch an.«

»Mich hat noch nie jemand massiert«, sagte Karl, sprang auf die Beine und fing an, Rumpfbeugen zu machen.

»Doch. Ich.«

»Du schon.«

Sie hatten den Wagen am Ende einer Forststraße abgestellt, das Mädchen fast eine Stunde durch Tannenwald getragen und in steilem Gelände über dem größeren See begraben. »Keine Ahnung, wie viele schon hier in dem Wald liegen«, hatte Manus behauptet, »ist ja nicht nur mein Friedhof.« Der See, der zwischen den Bäumen aufblitzte, hatte Ruth an eine große Münze erinnert, die zwischen den Bergen lag. Eine Münze, die nur darauf wartete, aufgehoben, eingesteckt und weggetragen zu werden. Der Belgier hatte sich geweigert, eine der Schaufeln in die Hand zu nehmen und beim Graben zu helfen.

»Wir hätten den Trottel gleich neben ihr beerdigen sollen«, sagte Ruth. Sie stand auf und streckte sich.

»Dann hätten wir ja ein noch größeres Loch graben müssen!«

»Wir müssen den Knochen anrufen, Karl.«

»Das weiß ich selber.«

»Und? Machst du’s?«

»Später.«

»Es wird ihn ärgern, dass du das Mädchen getötet hast.«

»Wer weiß«, sagte Karl und trat ans Fenster, »mal sehn.«

»Gefällt es dir hier eigentlich?«, fragte Ruth.

»Mir gefällt es überall, wo ich spüre, dass ich am Leben bin.«

»Duschst du vor oder nach dem Frühstück?«

»Ich dusche gar nicht. Zieh dich an, ich bin hungrig.«

Nach dem Frühstück legten sie sich noch einmal für eine Stunde hin. Dann standen sie auf, zogen die Badehosen an und schlüpften in die Bademäntel und Frotteeschlappen, die im Schrank bereitlagen. Ein braun-weiß gefleckter Hund lief über die Wiese, die vor dem Hotel zum Meer hin abfiel, die Schnauze dicht über dem Gras. Er bellte, zwängte sich in eine Hecke und verschwand. Die Wolken hatten sich beinahe bis aufs Wasser abgesenkt, trotzdem war der Himmel von grenzenloser Weite. Wellen bewegten sich unermüdlich auf den Strand zu, weiße, sanft gebogene Linien, die irgendwann in sich zusammenfielen und sich aufgelöst hatten, bis sich die nächste Linie aufbaute und in die Bucht drängte.

»So viel hab ich morgens schon lange nicht mehr gegessen«, sagte Karl und tätschelte seinen Bauch.

»Kein Wunder, sind die so dick.«

»Die?«

»Die Irinnen und Iren.«

»Die Dicken beim Frühstück waren Engländer«, sagte Karl.

»Blutwurst!«

»Ich dachte, du magst Blutwurst?«

»Zum Frühstück?«

»Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich komm mir immer krank vor, sobald ich diese Badelatschen an den Füßen habe.«

»Du bist krank, Karl«, sagte Ruth, »sehr krank. Und zwar hier oben.«

Sie tippte sich mit dem Zeigefinger gegen die Stirn, öffnete die Zimmertür und trat auf den Flur hinaus,

»Massieren lass ich mich trotzdem nicht«, rief Karl und folgte ihr.

ASCHE IM MUND

PORT-NA-BLAGH

Gregor ließ das heiße Wasser mit geschlossenen Augen auf Kopf, Nacken und Rücken prasseln. In der Kabine gegenüber schimpfte ein Vater mit seinem Sohn, der sich kreischend dagegen wehrte, zu duschen. In welchem Alter fängt man an, gern zu duschen oder zu baden, fragte sich Gregor? Er hatte es als Kind gehasst, samstags in die Wanne gesteckt zu werden, im Gegenteil zu seiner Schwester. Er hatte geschrien und getobt, geflucht und gebettelt, um dem Wasser zu entgehen, der Seife und dem Shampoo, das in den Augen weh tat, obwohl die Mutter hoch und heilig versprach, Acht zu geben. Seine Schwester dagegen hatte Mutter kaum aus der Wanne gebracht; sie hatte Stunden im Bad verbracht.

Gregor drehte das Wasser erst ab, als seine Haut brannte und ihm schwindlig war von der Hitze. Er trat aus der Dampfwolke der Duschkabine auf den Flur, der zum Schwimmbecken führte. Das Klatschen seiner nassen Füße auf den Fliesen gefiel ihm; er ging so, als trage er Schwimmflossen, erst als er sah, dass ihm ein Mann zusah, hörte er damit auf.

Charlotte lag in einem Liegestuhl am Beckenrand und bemerkte ihn nicht. Sie blickte entrückt lächelnd durch die Scheiben auf die Bucht hinunter, über der eben ein Regenschauer niederging. Das Wetter in Irland ist ein Schauspiel, hatte sie am ersten Ferientag gesagt. Cloe saß neben ihr auf dem Sims der Fensterfront, die Kopfhörer des iPods in den Ohren. Das Geräusch des Gebläses, das warme Luft in das Bad blies, erinnerte ihn an das Rauschen in Flugzeugkabinen; er stellte sich vor, im Gang eines Fliegers zu stehen, weit draußen über dem Atlantik.

Plötzlich veränderte sich die Atmosphäre im Hallenbad. Ihm wurde kurz schwarz vor den Augen, er streckte die Arme aus, als suche er nach Halt. Das Kreischen der badenden Kinder klang mit einem Mal gedämpft, die Farben schienen fahl, ausgewaschen, die Stimmen der Erwachsenen waren reduziert zu einem Murmeln. Wie im Winter, nachdem der erste Schnee gefallen ist.

Die Sekunde, in der man aus einem Alptraum erwacht.

Hinter ihm stand etwas, aus dem Nichts aufgetaucht, eben war da noch nichts gewesen, niemand, jetzt war da eine dunkle Präsenz, das war der Begriff, der ihm einfiel, dunkle Präsenz. Gregor rührte sich nicht von der Stelle. Das Böse. Seine Hände verkrampften sich zu Greifzangen, er hielt den Atem an. Charlotte waren die Augen zugefallen. War sie eingenickt? Cloe bewegte rhythmisch den Kopf und starrte knapp an ihm vorbei ins Leere.

Etwas ist anders, als es eben noch war.

Jetzt geht ein Riss durchs Bild.

Als habe sich die Welt um einen Millimeter verschoben.

Als habe sie für einen Herzschlag lang die Luft angehalten.

Aber warum?

Es war, als würde eine schwere Decke über Gregor geworfen, eine Decke, die ihn blind machte, die ihm die Luft abschnürte. Die ihn erstickte. Gregor fühlte, wie sich seine Nackenhaare aufrichteten. Das gibt es doch gar nicht im wirklichen Leben! Nackenhaare, die sich aufrichten, gibt es nur in Horrorfilmen! Aber er spürte tatsächlich, dass er Nackenhaare hatte. Und dass sie sich aufgestellt hatten. Jetzt hab ich einen Pelz! Wie damals! Die Erkenntnis, sich schon einmal in seinem Leben so gefühlt zu haben, war wie ein Schlag ins Gesicht. Auch der Geschmack, den er auf einmal im Mund hatte, war genau wie damals: Asche. Gänsehaut kroch seine Beine hoch und breitete sich wie ein Schauer über den ganzen Körper aus. Ich habe den Geschmack nach Asche im Mund wie damals. Er fröstelte, den Kopf zwischen den Schultern. Wieso drücke ich die Augen zu?

Er brauchte sich nicht umzudrehen.

Er wusste, wer sich hinter ihm befand.

Er spürte es ganz genau.

Ich bin angekommen.

Jetzt geht es endlich einen Schritt weiter.

Es gibt keinen Zufall, alles ist vorbestimmt.

Wie oft hatte ihn seine Zwillingsschwester damit aufgezogen? »Es gibt keinen Zufall, alles ist vorbestimmt. Darum sind wir Zwillinge.« Vorbestimmt von wem?, hatte er immer wieder lachend gefragt, denn der Dialog war längst zu einem Spiel zwischen ihnen geworden, einem Ritual, wie es nur Ehepaare kennen oder eben Geschwister. »Von wem, ja-ha, das ist die große Frage, Brüderchen, das ist exakt die ganz große Frage!«

Gregor hörte Badeschlappen auf Fliesen klatschen, zwei Paar, eine Frau und ein Mann? Sie bewegten sich hinter seinem Rücken nach rechts. Dort führte ein Korridor zum Steamroom, zur Sauna und zu den Massageräumen. Er musste sich umdrehen, um Gewissheit zu erlangen. Dreh dich um! Wie oft hatte er in den ersten Jahren nach Kathrins Verschwinden geglaubt, die beiden irgendwo erkannt zu haben? Sie waren überall gewesen. In Straßenbahnen und Zügen, in Kinos, Geschäften und Restaurants, in Menschenmengen und auf einsamen Waldwegen. Ihre Gesichter und Stimmen hatten ihn bis in den Schlaf verfolgt. Erst nach langer Zeit hatte er sie seltener gesehen, aber sie waren weiterhin aufgetaucht, um ihn zu quälen, weil er ahnte, ja wusste, sie sind irgendwo, irgendwo in meiner Nähe, und doch sehe ich sie nicht! Erst nach Jahren hatte er aufgehört zu glauben, sie in irgendwelchen fremden Männern und Frauen erkannt zu haben, und sie waren langsam verschwunden, verblasst wie Figuren auf Fotos, die zu lange an der Sonne gelegen haben. Selbst aus seinen Träumen hatte er sie seither verdrängt. Zugleich hatte er aber immer mit absoluter Gewissheit gewusst, sie sofort zu erkennen, wenn er ihnen begegnen sollte. Jetzt ist es so weit! Jetzt begegne ich ihnen wieder!

Gregor gab sich einen Ruck und drehte sich um.

Der Mann und die Frau standen mit dem Rücken zu ihm. Die Hand der Frau lag auf der Schulter des Mannes, der lachte, dass es seinen Oberkörper schüttelte.

Sie sind es! Sind sie es wirklich?

Die Oberarme und Beine des Mannes waren kräftig, seine Haare schlohweiß. Er hatte Speck auf den Hüften, einen kleinen Bauch, wie Gregor sah, als sich der Mann bückte. Die Frau stand etwas gebeugt, als schäme sie sich ihrer Größe. Sie trug die roten Haare hochgesteckt, die Dellen der Orangenhaut auf ihren Oberschenkeln sahen aus wie Narben. Wie blass sie waren, und wie gewöhnlich sie aussahen, wie langweilig! Ein unscheinbares älteres Paar, das sich leise unterhält, weil es auf gar keinen Fall stören will, ein Paar, das großzügig Trinkgelder verteilt, für jeden ein Lächeln übrig hat und beschämt lächelnd zur Seite tritt, um für Jüngere Platz zu machen. Sie sahen aus, als wollten sie keinem zur Last fallen.

Sie waren auf dem Weg in die Sauna. Als sie aus den Bademänteln schlüpften und sie an die Haken neben dem Eingang hängten, wandte sich der Mann um, hob den Kopf und blickte Gregor direkt in die Augen. Das Nagetier, ein alter Mann. Der Biber!

Er ist es tatsächlich.

Jetzt drehte sich auch die Frau um und sah ihn an. Sie hatte ein Feuermal im Gesicht, das ihre rechte Wange bedeckte. Die Frau mit Feuer im Gesicht!

Sie ist es tatsächlich.

Sie sind es. Ganz bestimmt.

Der Mann lächelte geistesabwesend, schloss für einen Moment die Augen und strich mit dem Zeigefinger über seine Lippen, bevor er die Frau am Arm nahm und in den Korridor zur Sauna führte. Hatte er die Zähne gefletscht? Oder bildete Gregor sich das nur ein?

Es ist soweit.

Ich habe euch gesehen. Gesehen und erkannt.

Ich bin bereit. Bereit, über die Grenze zu gehen.

Gregor ließ einige Sekunden verstreichen, dann ging er schnell zu Charlotte hinüber und packte sie an der Schulter. Wie lange dauert ein Saunagang?, fragte er sich. Charlotte öffnete die Augen und sah ihn schläfrig an. Der Lack ihrer Zehennägel glänzte im Licht der Deckenleuchten, sie zog das rechte Bein an und rieb mit dem Zeigefinger über den Abdruck, den der Gummizug ihres Nylonsöckchens hinterlassen hatte. Gregor roch ihre Bodylotion und wünschte sich, sich einfach neben sie legen zu können und den Morgen dösend hier in der Wärme zu verbringen, hoch über dem Atlantik.

»Ich will, dass ihr sofort geht«, sagte er und versuchte sie vom Liegestuhl zu ziehen.

»Was? Du tust mir weh!«

»Jetzt sofort! Du musst machen, was ich dir sage! Bitte!«

»Was? Warum denn?«

»Und wenn es das Einzige ist, um das ich dich bitte, Charlotte! Ihr müsst gehen! Jetzt! Mach einfach, was ich dir sage! Bitte!«

Vielleicht ist ihr Zimmerschlüssel in einem der Bademäntel? Wieviel Zeit habe ich? Nach einem Saunagang zieht man sich nicht den Bademantel über, man steigt ins kalte Wasser. Dann trocknet man sich ab. Und dann, erst dann zieht man sich den Bademantel an.

»Charlotte! Es ist lebenswichtig! Ich flehe dich an. Bitte geht!«

Sie funkelte ihn vorwurfsvoll an, stand aber auf und warf sich das Badetuch, auf dem sie gelegen hatte, über die Schulter.

»Und du?«, fragte sie.

»Ich komme nach.«

»Zu Fuß oder was?«

»Ich komme nach! Wartet im Zimmer im Arnolds auf mich.«

»Du machst mir Angst, Gregor.«

»Wenn ihr jetzt sofort geht, brauchst du keine Angst zu haben. Glaub mir, Charlotte.«

Und wenn sie ihren Zimmerschlüssel abgegeben haben? Dann setze ich mich in die Sauna zu ihnen. Ich habe sie gefunden! Sie sind es.

Er drückte Charlotte an sich, küsste sie auf den Mund und schob sie auf Cloe zu, die ihn teilnahmslos anstarrte wie einen Fremden, dem sie zum ersten Mal begegnete. Er sah seine Freundin und ihre Tochter mit einer Wehmut an, die ihn erstaunte, die ihn schmerzte. Er wollte sich eigentlich erst in Bewegung setzen, wenn Charlotte und Cloe das Bad verlassen hatten, aber er verlor die Geduld und eilte zum Eingang der Sauna hinüber. Er nahm die Bademäntel vom Haken, ohne sich umzusehen, und lief durch den Flur zur Garderobe für die Gäste des Hallenbades, die nicht im Shandon wohnten. Ein Mantel war schwerer als der andere, er schüttelte ihn und hörte das Klirren eines Schlüssels.

Er holte seine Kleider aus dem abschließbaren Garderobenspind, schloss sich in eine Kabine ein und klaubte den Schlüssel aus der Tasche des Bademantels. Jetzt hab ich euch!

Luzern, 17. Juli 1991

Die Hütte mit dem eingefallenen Dach steht keine zwanzig Meter vom Spazierweg entfernt, der durch den Wald mit den Bärlauchfeldern rund um den Rotsee führt. Die Zwillinge haben die Hütte mit dem angebauten Bretterverschlag an einem schulfreien Nachmittag vor den Sommerferien entdeckt; sie können nicht verstehen, wie sie das Gehütt im Unterholz bisher übersehen konnten. Die Holztür lässt sich nur öffnen, wenn man kräftig dagegentritt, die Scheiben des einzigen Fensters sind rußgeschwärzt, aber nicht zerbrochen. In der Ecke der Hütte liegt eine Matratze, davor sind unterschiedlich abgebrannte Kerzenstummel und Zigarettenkippen auf dem Boden verstreut. Unter dem Fenster, das zum See zeigt, steht ein verbeulter Kochtopf ohne Deckel, über der Matratze ist eine Ansichtskarte an die Bretter gepinnt, ein Strand mit schneeweißem Sand. »Ein Landstreicher hat hier übernachtet«, sagt das Mädchen und schiebt die Kerzenstummel und Kippen mit dem Fuß in die Ecke. »Und wo ist er jetzt?«, fragt der Junge. »Weitergezogen«, sagt sie, »ans Meer.« Das Mehrfamilienhaus, in dem sie mit ihren Eltern wohnen, steht fünfhundert Meter von der Hütte entfernt am Rand der Stadt; aus ihrem Wohnzimmer sieht man auf den kleinen See hinunter, auf dem Ruderregatten stattfinden, die so berühmt sind, dass sie früher im Fernsehen übertragen worden sind. Die Hütte ist größer als das Kinderzimmer, das sie sich teilen. »Wir könnten umziehen«, sagt das Mädchen, »nur wir zwei, hier im Wald.« Er hat sich daran gewöhnt, dass sie ausspricht, was er denkt. Umgekehrt ist es genauso, hat sie ihm erklärt. »Zwillinge gehören zusammen! Du bist die andere Hälfte von mir, und ich bin die andere Hälfte von dir. Nur zusammen ergeben wir das Ganze.«

Es riecht nach Holz und Dachpappe, aufgeheizt von der Sonne. Das Mädchen hat im Sumpfstreifen entlang des Baches eine Blindschleiche gefangen, ein Gebiet, das er nicht gern durchquert; er mag die Tiere nicht, die dort leben. Und der faulige, modrige Geruch, der ihn an etwas erinnert, das er nicht benennen könnte, ist ihm genauso zuwider wie das Schmatzen ihrer nackten Füße, wenn sie sich durch den Schmadder kämpfen. Das Mädchen liebt den Sumpf, sie bringt es immer wieder fertig, dass sie dort spielen. Die Tiere, vor denen sich andere fürchten oder ekeln, sind ihr die liebsten. Sie hat die Blindschleiche in die Tasche ihres Kleides gesteckt; sie wird sie freilassen, bevor sie nach Hause laufen, genau wie die Frösche, Kröten und Ringelnattern, die sie sonst fängt.

Sie schließen die Tür der Hütte und legen sich auf die Matratze, als seien sie bereits aus der Elternwohnung ausgezogen. Das Sonnenlicht, gefiltert durch Äste und Blätter, fällt durch die Scheibe und wirft ein Fleckenmuster auf die Bretterwand über ihnen. »Wir sind nämlich am Amazonas«, sagt das Mädchen irgendwann, der Junge ist beinahe eingenickt, »später holst du uns ein paar Fische aus dem Fluss, und ich kümmere mich ums Feuer.« Es fehlt ihm nicht an Phantasie, aber an den Wörtern, um sie zu benennen, darum hat er nie das Gefühl, von ihr manipuliert oder gar herumkommandiert zu werden. Er nickt und sieht sich am Ufer eines Stromes stehen, eine Angelrute in der Hand. Es ist drückend heiß, der grüne Fluss zieht träge an ihnen vorbei. Er sieht Affen, die sich durch Bäume mit armdicken Ästen hangeln, ohne ihn zu beachten. Der Himmel ist rot, bald geht die Sonne unter, dann trägt er den Fisch in ihre Hütte. »Was reden wir eigentlich für eine Sprache?« Seine Zwillingsschwester sieht ihn einen Moment lang verwundert an, bevor sie grinst und die Augen schließt. »Spanisch natürlich«, sagt sie, »oder nein, Portugiesisch!«

Auf dem Pausenplatz der Schule wird der Junge gehänselt, weil er den Fehler gemacht hat, ehrlich zu sein und zu erzählen, seine Zwillingsschwester sei seine beste Freundin. »Er ist in seine Schwester verliebt! Er ist in seine Schwester verliebt!« Manchmal hört er den Ruf noch nachts, wenn er im unteren Kajütenbett liegt und ihren ruhigen Atemzügen über ihm lauscht. Warum, fragt er sich dann verwundert, ärgert mich das dumme Geschrei der anderen eigentlich? Es stimmt ja, was sie mir nachrufen. Ich bin in meine Schwester verliebt. Und sie in mich! Nur zusammen ergeben wir das Ganze.

»Wir schlafen aber nicht in unserer Hütte«, sagt seine Schwester und reißt ihn aus dem Dämmerschlaf, »weil wir eine Hängematte in die Bäume gehängt haben.«

»Die Riesenbäume«, korrigiert er sie.

»Baobab«, sagt sie schläfrig, »die Riesenbäume heißen Baobab. Du legst dich immer vor mir in die Hängematte.«

S

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