Logo weiterlesen.de
Stille meine Sehnsucht

1. KAPITEL

In Elk Tooth geschah eigentlich alles Interessante im Gemeindezentrum.

Das hübsche Holzgebäude am Rand des kleinen Ortes in Montana diente für Partys und Hochzeiten, politische Versammlungen und Clubtreffen.

Tilly Collins lebte jetzt seit über fünfzig Jahren in diesem Ort, aber noch nie hatte sie so viele traurige Gesichter auf einmal gesehen. Verständlich war das allerdings schon, denn drei der begehrtesten jungen Frauen von ganz Montana zogen aus Elk Tooth weg, zusammen mit ihrer beliebten und immer gut gelaunten Großmutter.

“Möchtest du noch ein Glas Punsch, Tilly?”

Mason Kilgore, der Fotograf, der auch Vorsitzender der örtlichen Handelskammer war, reichte ihr einen kleinen Pappbecher. Tilly bedankte sich lächelnd.

Ungläubig schüttelte Mason den Kopf. Er saß auf einem Klappstuhl neben Tilly. “Ich fasse es immer noch nicht, dass du mit den Mädchen wegziehst. Da bin ich mal zwei Wochen nicht in der Stadt, und gleich passiert so etwas.”

“Uns hat es ja auch überrascht”, gab Tilly leise lachend zu. “Wir konnten doch nicht damit rechnen, dass der nichtsnutzige Vater der Drillinge, der die Mutter und die Kinder vor all den Jahren verlassen hat, ihnen etwas vererbt.”

Mason verzog das Gesicht. “Dass ihr eine Ferien-Ranch übernehmen und weiterführen wollt, verstehe ich ja. Aber in Texas?”

“Doch, sogar in Texas.” Tilly nickte bekräftigend. “Es ist das einzig Vernünftige, was Will Keene jemals für seine Mädchen getan hat.”

“Wann geht’s denn los?”

“Morgen früh. Unser Gepäck haben wir schon vorausgeschickt. Die Mädchen und ich fahren mit dem Pferdeanhänger hinterher. Ohne ihr Pferd würde Dani nirgendwo hingehen.”

“Das ist doch klar. Dieser Appaloosa ist sehr viel Geld wert, und Dani ist klug genug, um das zu wissen.”

Tilly sah zu Danielle. Sie war die älteste der fünfundzwanzigjährigen Drillinge, sprachgewandt und ehrgeizig, und galt als die klügste der Schwestern.

Sie stand beim Punschtopf und unterhielt sich mit dem älteren Rancher, für den sie in den vergangenen Jahren gearbeitet hatte. Der Blick ihrer braunen Augen wirkte verständnisvoll, als sie nickte. Sie trug Jeans und Stiefel, und das wellige dunkelbraune Haar fiel ihr bis auf den Rücken. Dani Keene war genauso schön wie klug, und das fiel nicht nur ihrer stolzen Großmutter auf.

“Wie wird Toni denn damit fertig?”, erkundigte Mason sich. “Ich weiß, dass sie mit dem jungen Barnes zusammen ist. Ist das denn etwas Ernstes?”

“Für sie nicht.”

Tilly verschwieg, dass Antonia ohnehin nach einem Weg gesucht hatte, um sich von Tim Barnes zu trennen. Sie galt als der “nette” Drilling, und genau deswegen fiel es ihr auch schwer, Tim die Wahrheit zu sagen, da es ihn bestimmt verletzen würde. Von Anfang an war er für sie nicht der Richtige gewesen, denn Toni träumte insgeheim von einem Cowboy.

Toni stand bei Tim Barnes und strich ihm aufmunternd über den Arm. Ihre dunklen Augen blickten traurig. An Toni bemerkten alle immer zuerst, wie nett sie war. Erst anschließend fiel ihnen die Schönheit ihres lockigen hellbraunen Haars und ihres schlanken Körpers auf.

Tilly blickte zu dem bedrückten Mann neben sich. “Ich schätze, bei Niki fällt es dir am schwersten, sie gehen zu lassen.”

“Jemanden wie sie werden wir niemals wieder hier im Ort sehen”, stellte Mason traurig fest. “Texas kann sich freuen, eine solche Frau zu bekommen.”

Tilly konnte ihn verstehen. Niki hatte fünf Jahre für Mason gearbeitet, sowohl im Fotoatelier als auch in der Handelskammer. Sie galt als die Schöne der Drillinge und hatte drei Jahre in Folge den Schönheitswettbewerb von Elk Tooth gewonnen.

Auch in dieser Menschenmenge war sie leicht auszumachen. Niki war immer von Männern umgeben. Sie war etwas größer als ihre Schwestern, das dichte glatte Haar reichte ihr bis zu den Hüften. Im Gegensatz zu ihren Schwestern hatte sie das schwarze Haar und die blauen Augen von Will Keene geerbt. Von wem sie die langen Beine hatte, konnte allerdings niemand sagen.

Nicole Keene war die attraktivste Frau, die jemals in Elk Tooth gelebt hatte, und dennoch war sie immer bescheiden geblieben.

Mason stand auf, und es knackte in seinen Knien. “Daran kann man wohl nichts ändern”, sagte er. “Ich gehe jetzt nach Hause. Ich wünsche dir alles Gute für die Zukunft, Tilly.”

“Danke. Das wünsche ich dir auch.” Sie sah ihm nach und überlegte, was für Abenteuer ihnen in Texas bevorstehen mochten. Hoffentlich würden ihre Enkelinnen dort ihr Glück finden.

Die Drillinge und ihre Grandma packten die letzten Sachen in den Jeep. Es war ein schöner Märztag, und nachdem sie Danis Wallach in den Anhänger geführt hatten, standen sie alle noch einen Moment vor dem kleinen Haus am Stadtrand. Dieses Haus war ihr Heim gewesen, seit ihre Mutter bei einem Reitunfall ums Leben gekommen war. Die Mädchen waren sieben Jahre alt gewesen und zu ihrer Großmutter gezogen.

Seufzend strich Toni sich das Haar aus dem Gesicht. “Jetzt, wo wir wirklich losfahren …” Ihre Stimme stockte. “Mir kommt es seltsam vor, dieses Haus zu verlassen. Glaubt ihr, die neuen Besitzer werden hier so glücklich sein, wie wir es waren?”

“Auf jeden Fall.” Niki zog ihre Schwester in die Arme. “Es ist nur ein Haus”, sagte sie aufmunternd. “Solange wir zusammen sind, ist es egal, wo wir leben. Außerdem wartet in Texas ein schöneres Zuhause auf uns.”

“Das kann schon sein.” Dennoch glitzerten Tränen in Tonis Augen.

Dani sah ihre Schwestern lächelnd an. “Ich dachte mir schon, dass ihr zwei noch die Fassung verliert. Dagegen kann etwas unternommen werden.” Sie lief ums Haus herum zur Koppel.

Ihre Schwestern sahen die Großmutter an, doch die zuckte nur mit den Schultern.

Mit einem Holzschild kam Dani zurück. “Seht her”, sagte sie stolz und zeigte den anderen, was sie auf das Schild geschrieben hatte: Verzogen nach Texas!

“Ja und?”, fragte Toni.

“Hast du denn im Geschichtsunterricht geschlafen?” Niki schüttelte tadelnd den Kopf. “Solche Schilder haben die ersten Siedler auch überall an ihre Häuser genagelt, wenn sie sich auf den Weg ins gelobte Land machten.”

Jetzt musste Toni lachen. “Ich habe noch nie an Texas als das gelobte Land gedacht.”

“Das ist es aber”, widersprach Dani. “Das Glück wird uns in den Schoß fallen, meine Damen, wir müssen es uns nur noch schnappen. Helft mir mal beim Annageln.”

Unter viel Gekicher nagelten sie zu dritt das Schild an die Haustür und stiegen nach einem letzten Blick auf ihr Haus mit ihrer Großmutter in den Jeep.

“Wir gehen nach Texas!”, rief Dani aus, als sie losfuhr. “Bei den Siedlern hat es geklappt, dann werden wir auch Erfolg haben.”

Tilly, die auf dem Rücksitz saß, hoffte inständig, dass Dani recht hatte.

Im “Sorry Bastard Saloon” in Hard Knox bekam man das beste Barbecue in ganz Texas, und hier trafen sich alle aus dem Ort. Junge Cowboys und auch die übrigen Dorfbewohner waren an diesem Samstagnachmittag im März hier versammelt. Jack Burke war einer von ihnen.

Bis vor kurzem konnte der “Sorry Bastard Saloon” auch mit den schönsten Kellnerinnen von ganz Texas aufwarten, aber die hatten leider geheiratet. Heiraten war allerdings etwas, das für Jack Burke nicht infrage kam.

“Hey!” Einer der Cowboys drängte sich an die Bar und schrie Jack an. “Ich habe gesagt, du sollst mir bitte die scharfe Soße reichen!”

“Oh, tut mir leid.” Jack reichte die kleine Flasche mit dem roten Inhalt weiter und aß den letzten Rest seines mit Grillfleisch belegten Sandwiches. “Ich war in Gedanken.”

“Ja.” Der Cowboy nickte. “Wir alle denken darüber nach, was wohl passiert, wenn die Keenes kommen und die Bar-K-Ranch übernehmen. Wirklich schade, dass dein Vater und dein Großvater die Ranch jetzt nicht aufkaufen können. Ihr standet so kurz vor der Übernahme, und ausgerechnet da gibt der alte Will Keene den Löffel ab.”

Alle ringsum nickten zustimmend. Jeder hatte den alten Will Keene gekannt, gemocht hatte ihn niemand, schon gar nicht die Burkes von der XOX-Ranch. Will war launisch und missmutig gewesen, doch seiner Frau zuliebe hatten die Nachbarn Frieden mit ihm gehalten.

Miss Elsie Knox war von allen verehrt worden, zumal ihre Familie schon seit der Gründerzeit in Hard Knox lebte. Der ganze Ort war nach einem ihrer Vorfahren benannt worden. Lange Jahre hatte sie auf ihren Traumprinzen gewartet. Wieso sie dann den dahergelaufenen Will Keene vor fünf Jahren geheiratet hatte, konnte sich niemand erklären. Doch genau das hatte sie getan, und um sie nicht zu kränken, hatten alle im Ort versucht, sich mit dem Fremdling abzufinden.

Es ging alles ganz gut, bis Miss Elsie starb. Wie die Geier fielen alle über Will her, um ihn, der ständig nur Ärger machte, endlich loszuwerden.

Am liebsten hätte man ihm die Ranch abgekauft. Drei Nachbarn, deren Grundstücke an die Bar-K-Ranch grenzten, machten dem Witwer großzügige Angebote, unter ihnen auch Jacks Vater und Großvater. Aber der alte Keene, der immer wunderlicher wurde, lehnte ab und beschimpfte die Bieter lediglich.

Also konnten alle nur kopfschüttelnd mit ansehen, wie es mit der kleinen Bar-K-Ranch bergab ging.

Jetzt kamen Wills drei Söhne, um die Ferien-Ranch zu übernehmen, und darüber freute sich im Ort auch keiner.

“Die Keenes müssten eigentlich jeden Tag eintreffen”, stellte einer der Cowboys an der Bar fest. “Die werden sich noch wundern, was für Arbeit auf sie zukommt, bevor sie da wieder Gäste unterbringen können.”

“Die werden mit allen Mitteln versuchen, Hilfe zu bekommen”, meinte Joe Bob Muskowitz, der am anderen Ende des Tresens saß. “Ihr Daddy hat hier mit allen im Ort irgendwann einmal Streit angefangen, und wahrscheinlich sind seine Jungs auch nicht besser.”

Ernsthaft stimmten alle zu. Alle außer Jack. Obwohl es ihm missfiel, musste er widersprechen. Es war schlimm, in der Schuld eines Mannes zu stehen, den man nicht mochte. Noch schlimmer war es, wenn dieser Mann starb, bevor man diese Schuld wiedergutmachen konnte.

“Will Keene war nicht so schlecht”, erklärte Jack.

“Was soll das denn jetzt heißen?”

Joe Bob blickte den fragenden Cowboy ungläubig an. “Weißt du denn nicht mehr, was letztes Jahr mit Jacks Grandpa passiert ist? Er ist doch mit seinem Pick-up verunglückt. Und Will hat den alten Austin aus dem Wagen gezogen, bevor der Benzintank explodierte. Er hat ihm das Leben gerettet.”

“Stimmt das, Jack?”, wollte der andere wissen.

“So ungefähr”, erwiderte Jack brummig. Er mochte es nicht, wenn alle über seine Angelegenheiten diskutierten, doch das ließ sich in einem Nest wie Hard Knox kaum vermeiden.

“Trotzdem möchte ich nicht in der Haut von den Keenes stecken”, warf Joe Bob ein. “Wie ich höre, sind es Drillinge, und sie heißen Danny, Nicky und Tony. Süß, oder?”

“Gegen die Vornamen habe ich nichts”, erwiderte der andere Cowboy. “Es ist der Nachname, der mich stört.”

“Stimmt. Man darf keinem Keene trauen, weder den alten, noch den jungen.” Wieder nickten alle zustimmend.

Jack überlegte, ob er Will Keene noch einmal verteidigen sollte. Aber wenn Will seinem Grandpa nicht das Leben gerettet hätte, würde er dieselbe Meinung wie alle anderen vertreten. Und sein Grandpa fuhr auch heute noch genauso schlecht wie damals, als er sich mit dem Wagen überschlagen hatte. Er räusperte sich. “Wir sollten uns die Jungs erst einmal ansehen. Vielleicht sind sie ganz in Ordnung.”

“Wenn sie aus Montana kommen?” Miguel Reyes hob ungläubig die Augenbrauen. “Da ist es eiskalt, und die Leute sind bleich und verschlossen.” Wie zur Bestätigung sah er auf seine gebräunten Hände.

“Ja, und sie reden da auch so komisch”, mischte ein anderer sich ein. “Ich habe gehört, dass sie dort …”

Die Tür flog auf, und Dylan Sawyer, ein junger Cowboy von der XOX-Ranch, streckte den Kopf herein. “Aufgepasst, alle Mann! Die Keenes sind in der Stadt! Gerade habe ich einen staubigen Jeep aus Montana gesehen, der vor dem Café gehalten hat. Kommt, sehen wir uns die Knaben an.”

Blitzartig leerte sich der “Sorry Bastard Saloon”, nur noch Jack saß einen Moment allein bei Rosie Mitchell, der Besitzerin, die hinter dem Tresen stand.

Sie sah ihn an und verdrehte dann die Augen. “Das war’s wohl mit meinem Umsatz für heute. Wenigstens du bist mir treu geblieben.”

“Freu dich nicht zu früh, Rosie.” Jack stand vom Barhocker auf und suchte aus der Hosentasche ein paar Geldscheine heraus, die er auf den Tresen legte. “Die Keenes mag ich genauso wenig wie alle anderen, aber ich zahle immer meine Schulden.”

Und je eher er das konnte, desto besser. Er wollte ein für alle Mal mit den Keenes ins Reine kommen.

Das “Y’all Come Café” war nur anderthalb Blocks vom Saloon entfernt, und als Jack sich dem kleinen Gebäude näherte, sah er gerade die letzten Cowboys darin verschwinden. Die Keene-Brüder taten ihm fast leid.

Gerade wollte auch er hineingehen, als er aus dem Augenwinkel eine Bewegung sah und sich umdrehte. Eine Frau kam vom Parkplatz her um die Ecke und führte den schönsten Wallach an der Leine, den Jack je gesehen hatte.

Die Frau bemerkte ihn auch, und als sie sich in die Augen sahen, hätte Jack nicht einmal mehr sagen können, ob das Pferd ein Schimmel oder ein Rappe war. Sie trug eine fransige Lederjacke, und der Wind fuhr ihr durchs Haar. Sie sah noch atemberaubender als das Pferd aus, und das wollte schon einiges heißen.

Fragend hob sie die schmalen Augenbrauen und wandte sich dann um. Das Pferd folgte ihr. Sie führte das Tier auf und ab, anscheinend wollte sie, dass es sich nach der langen Fahrt die Beine vertrat. Der Frau waren die Bedürfnisse ihres Pferds offenbar wichtiger als ihre eigenen.

Das gefiel Jack. Die Fremde kannte sich mit Pferden aus. Als sie wieder in seine Richtung kam, lächelte er sie an. “Wie geht’s?”, fragte er. “Sind Sie gerade in die Stadt gekommen?”

Leicht spöttisch riss sie die Augen auf. “Nein, wie kommen Sie bloß darauf?”

“Was soll ich sagen?” Er ging auf ihr Spiel ein und zuckte die Schultern. “Sind Sie auf der Durchreise?”

“Stimmt.”

“Darf ich fragen, wo Sie hinwollen?”

“Nein, das dürfen Sie nicht.” Sie drehte sich um und führte das Pferd von Jack weg.

Als sie am Ende des kleinen Parkplatzes ankam, konnte sie nicht anders. Sie musste wieder zurück. Dort wartete Jack schon auf sie.

“Es sollte nicht neugierig klingen”, bemerkte er.

“Tat es aber.” Allerdings wirkte sie etwas besänftigt.

“Ich würde Ihnen gern mit dem Pferd helfen, wenn Sie …”

“Wenn Sie mein Pferd anfassen, sind Sie ein toter Mann.” Wütend blickte sie ihm in die Augen.

“Entschuldigung.” Er hob die Hände und trat einen Schritt zurück. “Ich wollte nur behilflich sein.”

“Tja, das ist nicht nötig.”

Ihrem Blick nach zu urteilen, traute sie ihm durchaus zu, ein Pferdedieb zu sein. Als sie sich dieses Mal umwandte, tat er es auch. Dann gehe ich eben auch ins Café und sehe mir die Keene-Brüder an, dachte er.

Misstrauisch blickte Dani dem großen gut aussehenden Cowboy nach, der das Café betrat. Mit ihren fünfundzwanzig Jahren kannte sie Männer gut genug, um zu wissen, dass kein Fremder sie ohne irgendwelche Hintergedanken ansprach. Normalerweise wollten die Kerle über sie nur irgendwie an ihre Schwestern herankommen, aber dieser hier hatte Toni und Niki noch gar nicht gesehen, also musste er an Sundance, ihrem Pferd, interessiert sein.

Granny sagte immer, Dani sei zu misstrauisch, aber das fand Dani nicht. Immer benutzten die Männer sie, um mit ihren Schwestern anzubändeln, und seit Dani das durchschaut hatte, wehrte sie sich mit ihrer Schlagfertigkeit gegen jeden plumpen Annäherungsversuch.

Seufzend führte sie Sundance um das Gebäude herum zurück in den Anhänger. Ohne jedes Zögern gehorchte das Tier.

“Wir haben’s fast geschafft, mein Guter.” Sie tätschelte den Rumpf des Schecken, bevor sie die Ladeklappe wieder schloss. “Wenn wir wieder halten, bist du auf der Bar-K-Ranch.”

Bei dem Gedanken überkam sie Vorfreude. Schon ihr ganzes Leben lang wünschte sie sich eine eigene Ranch, auf der sie mit ihrer Großmutter und ihren Schwestern glücklich werden konnte. Natürlich würden Toni und Niki irgendwann heiraten, aber das lag hoffentlich noch in weiter Ferne.

Dass sie selbst jemals heiratete, bezweifelte Dani sehr. Nach allem, was ihr Vater ihrer Mutter angetan hatte, konnte sie sich nicht vorstellen, dass überhaupt eine der Drillinge so ein Risiko einging. Toni wirkte zwar so, als habe es ihr niemals etwas ausgemacht, ohne Vater aufgewachsen zu sein, und auch Niki schien sich nur von ihren eigenen Erfahrungen leiten zu lassen, aber Dani blieb skeptisch.

Das bedeutete wohl, dass sie für alle anderen mit aufpassen musste. Andererseits war dieser Cowboy wirklich reizvoll gewesen.

Sie schätzte ihn auf ein Meter neunzig, und auch die breiten Schultern und die geschmeidigen Bewegungen waren ihr aufgefallen. Vom Gesicht hatte sie wegen des breitkrempigen Huts und des Schattens nur das ausgeprägte Kinn deutlich gesehen. Anscheinend war er ein Cowboy, der am Wochenende ein bisschen Spaß haben wollte.

Ob er einen Job braucht?, fragte sie sich unwillkürlich, und dieser Gedanke erschreckte sie. Dieser Mann sollte ihr doch vollkommen gleichgültig sein!

Sie wischte sich die Hände an der Hose ab und betrat das Café durch die Hintertür. Dann blickte sie zu ihrer Familie, und es überraschte sie nicht, dass Toni und Niki im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses standen. Sie saßen mit Granny an einem Tisch und unterhielten sich so angeregt, dass sie gar nicht bemerkten, wie eingehend sie von den vielen Männern im Raum beobachtet wurden.

Dani bemerkte dieses Interesse sehr wohl, und es gefiel ihr überhaupt nicht. Auch der neugierige Cowboy von vorhin saß an der Bar, und er lächelte ihr kaum merklich zu. Mit erhobenem Kopf ging Dani zu dem Tisch und setzte sich auf den letzten freien Stuhl.

Alle lächelten sie an, und Toni fragte: “Wie geht es Sundance?”

“Dem geht’s prima.” Dani griff nach dem Becher Kaffee, der für sie bereitstand. “Habt ihr schon den Anwalt angerufen?”

Ihre Schwestern wirkten leicht schuldbewusst. “Das wollten wir gerade tun”, erklärte Toni.

“Also schön. Wisst ihr schon, in welcher Richtung die Ranch liegt?”

Toni und Niki sahen sich an. “Nicht genau”, wich Toni aus. “Die Kellnerin ist noch neu hier und kennt sich nicht richtig aus. Aber bestimmt kann uns einer der netten Cowboys hier weiterhelfen.”

Genau das wollte Dani nicht. Weshalb wirkten manche Frauen eigentlich so, als würde ihnen der Verstand abhanden kommen, sobald es um Männer ging?

“Ich kann es nicht fassen!”, verkündete Dylan Sawyer. “Die Keene-Brüder sind also Schwestern! Das schlägt doch dem Fass den Boden aus, oder?”

“Allerdings”, stimmte Jack zu und beobachtete die gereizte Frau, die er draußen getroffen hatte. Sie setzte sich gerade zu den anderen Frauen an den Tisch. “Dani, Niki und Toni, drei Frauen. Hast du eine Ahnung, wer welche ist?”

“Tja.” Dylan leckte sich die Lippen. “Die Schöne dort …”

“Schön sind sie alle.” Doch eigentlich fand Jack die Frau, die das Pferd geführt hatte, am schönsten. Und aus ihrem Blick sprach Intelligenz. “Schlau wie ein Fuchs”, so nannte Jacks Großvater es immer.

“Nein, ich meine die mit dem langen schwarzen Haar. Die heißt Niki.”

Jack sah Niki eingehender an, und erst jetzt erkannte er, wie umwerfend sie aussah. Seltsam, dass ihm auf den ersten Blick nichts Außergewöhnliches an ihr aufgefallen war. “Und die anderen?”

“Die mit der roten Jacke heißt Toni, dann muss die, die gerade erst hereingekommen ist, Dani sein”, schloss Dylan. “Die alte Frau nennen sie Granny, ich nehme an, es ist die Großmutter.”

“Und was ist mit dem Pferd?”

Verwundert sah Dylan ihn an. “Mit welchem Pferd?”

“Schon gut.” Irgendjemand muss mich ihnen vorstellen, dachte Jack. Immerhin werden das meine neuen Nachbarn, und da kann man sich doch freundschaftlich verhalten. Besonders Dani gegenüber.

Joe Bob setzte sich auf den freien Hocker neben Jack. “Mann, habt ihr euch die mal genauer angesehen?” Er nickte in Richtung der Frauen.

Dylan nickte, aber dann verdüsterte sich seine Miene. “Trotzdem sind es die Erben vom alten Keene, und damit sind sie tabu.” Sein Tonfall klang warnend. “Wirklich schade, denn die drei sind wirklich niedlich.”

“Ja, traurig”, stimmte Joe Bob zu. “Aber ansehen schadet doch nicht.” Er klopfte Jack freundschaftlich auf die Schulter, sodass dieser beinahe vom Hocker fiel.

Ein Cowboy, dessen Hände so groß waren, dass die Kaffeebecher darin fast verschwanden, bot ihnen noch mehr Kaffee an, und dabei lächelte er strahlend.

Dani beobachtete, wie er Kaffee verschüttete. “Wenn Sie so weitermachen, ertrinken wir gleich alle.”

“Was?” Er hatte anscheinend Schwierigkeiten, den Blick von Niki loszureißen.

“Arbeiten Sie hier?”

“Nein.” Allein bei dem Gedanken musste er lachen. “Ich wollte Sie mir nur etwas aus der Nähe ansehen.” Immer noch lachend trat er einen Schritt zurück.

“Einen Moment noch.”

“Ja, Ma’am?”

Innerlich stöhnte Dani auf. Ihr war klar, dass sie wie ein Sergeant beim Militär klang, dennoch brauchte er sie nicht gleich so förmlich anzureden. “Wissen Sie, wo die Kanzlei eines Anwalts namens John Salazar ist?”

“Ja, Ma’am, das weiß ich.”

“Und? Hätten Sie die Güte, mir auch mitzuteilen, wie ich dort hinkomme?”, erkundigte sie sich entnervt.

“Was? Ja, natürlich.” Er deutete zur Tür. “Dort hinaus, dann nach rechts, und an der Kreuzung links. Es ist ein großes Gebäude, man kann es nicht verfehlen. Es hängt auch ein Schild dran. Soll ich es wiederholen? Also …”

“Schon gut.” Dani stieß die Luft aus. “Vielen Dank”, fügte sie etwas verspätet hinzu. Dann sah sie ihre Schwestern und ihre Großmutter an. “Ich gehe hin, um die Schlüssel zu holen. Wartet hier und lasst euch begutachten. Vielleicht kriegt ihr hier auch etwas zu essen.”

Toni runzelte die Stirn. “Soll eine von uns vielleicht mitkommen?”

Dani schüttelte den Kopf. “Wenn ich euch brauche, hole ich euch.” Sie stand auf. “Lange kann es ja nicht dauern.” Ohne auf eine Antwort zu warten, ging sie hinaus. Sie war die älteste der Drillinge, immerhin sieben Minuten älter als Toni und zwanzig Minuten älter als Niki. Außerdem fiel alles Geschäftliche in ihre Zuständigkeit. Tonis Aufgabe war es, nett zu sein, und Niki musste schön sein.

Dani hoffte nur, dass sie ihrer Aufgabe genauso gewachsen war wie ihre beiden Schwestern.

Sobald Dani das Café verließ, folgte Jack ihr wie der Blitz. Wo immer sie auch hinwollte, er würde ihr folgen, nur für den Fall, dass sie … Also für alle Fälle.

Ich will nur meine Schuld bezahlen, sagte er sich. Sonst nichts.

Dani stand an der Straßenkreuzung und blickte sich interessiert nach allen Seiten um. Lächelnd ging er auf sie zu.

“Suchen Sie etwas?”, fragte er betont freundlich.

“Sind Sie hier der Quizmaster des Orts?”

“Eher der barmherzige Samariter. Vielleicht kann ich Ihnen helfen.”

“Danke, ich brauche keine Hilfe.” Sie wandte sich nach rechts und ging weiter.

Sie hat sich bedankt, das ist doch etwas, dachte er und folgte ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Stille meine Sehnsucht" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen