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Stille meine Sehnsucht, Geliebter!

1. KAPITEL

„Sehr geehrte Fluggäste, willkommen auf Sizilien. Bitte bleiben Sie so lange angeschnallt sitzen, bis das Flugzeug seine endgültige Parkposition erreicht hat.“

Laurel starrte weiterhin wie hypnotisiert auf das aufgeschlagene Buch in ihrem Schoß. Alles in ihr sträubte sich dagegen, einen Blick aus dem Fenster zu werfen. Sie verband zu viele schmerzliche Erinnerungen mit diesem Ort – Erinnerungen, die sie in den vergangenen zwei Jahren versucht hatte zu vergessen.

Obwohl das Kleinkind, das hinter Laurel saß, schrie, quengelte und seine Füße mit solcher Wucht gegen die Rückenlehne ihres Sitzes rammte, dass sie leicht nach vorne gestoßen wurde, nahm sie nichts wahr außer das unwohle Gefühl in der Magengrube. Normalerweise entspannte sie die Lektüre eines guten Romans, doch diesmal wollten die Buchstaben vor ihren Augen einfach keinen Sinn ergeben.

„Sie können die Armlehnen jetzt loslassen. Wir sind sicher gelandet.“ Laurels Sitznachbarin berührte verständnisvoll ihre Hand. „Meine Schwester leidet auch unter Flugangst.“

Es dauerte einige Sekunden, bis Laurel die sanfte Stimme zuordnen konnte und langsam den Kopf zur Seite drehte. „Flugangst?“, brachte sie verdattert über die Lippen.

„Es gibt keinen Grund, sich dafür zu schämen“, sagte die Frau aufmunternd. „Meine Schwester hatte einmal während eines Flugs nach Chicago sogar eine richtige Panikattacke, und die Stewardess musste ihr Beruhigungsmittel geben. Ich habe gleich zu meinem Ehemann gesagt: ‚Bill, der jungen Dame hier neben uns geht es gar nicht gut. Sieh nur, sie hat noch kein einziges Mal die Seite ihres Buches umgeblättert.‘ Und Sie haben sich an den Armlehnen festgeklammert, seit das Flugzeug in London abgehoben hat. Aber jetzt können Sie sich entspannen. Wir stehen auf sicherem Boden.“ Die Frau lächelte Laurel mütterlich besorgt an.

Mütterlich?

Laurel wunderte sich, dass sie überhaupt in der Lage war, diesen Wesenszug zu erkennen, schließlich war sie selbst nie in den Genuss mütterlicher Fürsorge gekommen. Zwar konnte sie sich glücklicherweise nicht daran erinnern, wie sie als Neugeborenes von ihrer Mutter in einer Einkaufstasche in einem kalten Park ausgesetzt worden war, aber ihre Kindheit in einem Heim war unauslöschlich in ihrem Gedächtnis eingebrannt.

„Sehen Sie nur, der blaue Himmel und die strahlende Sonne!“, riss die Frau sie aus ihren trüben Gedanken. Sie lehnte sich halb über Laurel, um aus dem Fenster zu schauen. „Ich besuche Sizilien das erste Mal. Und Sie?“

Small Talk. Die Kunst der beiläufigen Konversation, in der Gefühle bewusst außen vor gelassen wurden.

Darin war sie gut. „Nein, ich war schon einmal hier.“ Und weil Laurel sich für die Freundlichkeit ihrer Sitznachbarin erkenntlich zeigen wollte, rang sie sich sogar ein Lächeln ab. „Vor ein paar Jahren auf einer Geschäftsreise.“ Fehler Nummer eins, dachte Laurel, kaum hatte sie die Worte ausgesprochen.

„Und was verschlägt Sie diesmal hierher?“, fragte die Frau auch schon neugierig nach.

„Meine beste Freundin heiratet“, antwortete Laurel wie ferngesteuert.

„Eine echte sizilianische Hochzeit? Wie romantisch. Ich habe noch genau die Hochzeitsszene aus dem Film Der Pate vor Augen – das rauschende Fest mit Hunderten von Freunden und Familienangehörigen. Und die Musik und die Tänze. Einfach fantastisch. Die Italiener wissen, wie man feiert. Und wie man mit Kindern umgeht“, fügte sie hinzu und warf einen missbilligenden Blick auf die Passagierin hinter ihnen, die in aller Seelenruhe las, während ihr Kind weiterhin zappelte und schrie. „Familie steht für sie nämlich an oberster Stelle.“

Laurel konnte es plötzlich kaum erwarten, von der Frau wegzukommen. Sie stopfte das Buch in ihre Handtasche und löste den Gurt. „Vielen Dank für Ihre Sorge um mein Wohlbefinden. Ich hoffe, Ihnen gefällt Sizilien“, sagte sie und machte Anstalten aufzustehen.

„Ich glaube, Sie müssen sich noch ein bisschen gedulden, meine Liebe. Haben Sie die Durchsage nicht gehört? Es ist ein Prominenter an Bord, der es offenbar besonders eilig hat. Wir müssen warten, bis er ausgestiegen ist.“ Die Frau spähte an Laurel vorbei aus dem Fenster. „Oh, schauen Sie sich das an. Drei Autos mit schwarz getönten Scheiben sind gerade vorgefahren. Und die Männer, die jetzt aussteigen, sehen wie Leibwächter aus. Wow … das müssen Sie sehen, meine Liebe. Wie aus einem Film. Sie tragen tatsächlich Pistolen. Und was für ein Bild von einem Mann nun das Rollfeld betritt – ein Meter neunzig pure Muskeln und Schönheit.“

Ein attraktiver Mann?

Laurel starrte unbeirrt auf den Vordersitz. Nein, sie erwartete keinen Mann, sie erwartete niemanden. Um ein unerwünschtes Empfangskomitee zu vermeiden, hatte sie geheim gehalten, welchen Flug sie nehmen würde.

Plötzlich überfiel sie ein beengendes Gefühl im Brustkorb. Warum hatte sie das Asthma-Spray bloß in ihrem Koffer, der im Gepäckfach lag, verstaut und nicht in der Handtasche?

Wie ferngesteuert warf sie einen flüchtigen Blick aus dem Fenster.

Er stand lässig am Rande der Landebahn und beobachtete das Flugzeug, das langsam auf seine Parkposition rollte. Seine Augen waren von einer klassischen Ray-Ban-Sonnenbrille verdeckt. Die Tatsache, dass er die außerordentliche Erlaubnis für den Zutritt der Piste erhalten hatte, war ein mehr als deutliches Zeichen für seinen Einfluss. Einem normalen Bürger wäre solch ein Privileg nie zugestanden worden. Aber er war auch kein normaler Bürger. Er war ein Ferrara. Ein Angehöriger einer der ältesten und einflussreichsten Familien der sizilianischen Aristokratie.

Typisch, dachte Laurel. Wenn man ihn braucht, ist er nirgends zu finden. Und wenn man ihn lieber nicht sehen würde …

Ihre Sitznachbarin reckte neugierig den Hals Richtung Fenster, um zu sehen, was draußen vor sich ging. „Was meinen Sie, wer er wohl sein mag?“, fragte sie. „In Italien gibt es keine königliche Familie, oder? Auf jeden Fall handelt es sich um eine wichtige Persönlichkeit“, plapperte die Dame aufgeregt weiter. „Sonst hätte man ihm nicht erlaubt, die Sicherheitsbestimmungen zu umgehen und einfach so auf den Flugplatz zu fahren. Und was für ein Mann braucht gleich drei Leibwächter? Ich frage mich, auf wen er wohl wartet.“

„Auf mich.“ Laurel stand mit einem Gesicht auf, als müsse sie zum Galgen schreiten. „Sein Name ist Cristiano Domenico Ferrara, und er ist mein Ehemann.“ Fehler Nummer zwei, dachte sie wie benommen. Der sich glücklicherweise beheben ließ. Schließlich würde sie bald seine Exfrau sein. Eine Hochzeit und eine Scheidung auf derselben Reise. Das nannte man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen.

„Ich wünsche Ihnen einen schönen Urlaub“, sagte Laurel hastig. „Probieren Sie auf jeden Fall die sizilianische granita. Unglaublich lecker und sehr erfrischend.“ Ohne weiter auf den verblüfften Gesichtsausdruck der Sitznachbarin zu achten, schob sie sich an ihr und ihrem Ehemann vorbei, nahm den Koffer aus dem Gepäckfach und ging eilig den Korridor entlang zum vorderen Ausgang des Flugzeugs. Sie war froh, dass sie ihre hochhackigen Sandaletten trug. Irgendwie gaben ihr die hohen Absätze in heiklen Situationen ein Gefühl von Selbstvertrauen. Und das hier war ohne Frage eine heikle Situation. Laurel nahm nur entfernt die Blicke und das Getuschel der Passagiere wahr. Zu sehr beschäftigte sie der Gedanke, wie sie die nächsten Tage überstehen sollte. Sie hatte die ungute Vorahnung, dass es mehr als eines Paars hochhackiger Schuhe bedurfte, um die bevorstehenden Herausforderungen zu meistern.

Dickköpfig, arrogant, herrschsüchtig – wieso holte er sie ab?

Der Pilot erwartete sie am oberen Ende der fahrbaren Außentreppe. „Signora Ferrara, ich wusste nicht, dass wir die Ehre hatten, Sie an Bord zu haben …“, murmelte er sichtlich verlegen und warf einen nervösen Blick auf das imposante Empfangskomitee auf dem Rollfeld. Auf seiner Stirn standen leichte Schweißperlen. „Sie hätten mir sagen sollen, wer Sie sind.“

„Ich wollte lieber unerkannt bleiben.“

Die unterwürfige Art des Piloten war Laurel unangenehm. „Ich hoffe, Sie haben den Flug genossen“, sagte er mit einem unsicheren Lächeln.

Die Reise hätte nicht schmerzvoller sein können – selbst wenn man sie an einen Karren gebunden nach Sizilien geschleift hätte.

Wie hatte sie nur so dumm sein können zu denken, dass sie unerkannt nach Sizilien reisen konnte? Cristiano verfügte über genügend Kontakte und Einfluss, um an alle für ihn relevanten Informationen heranzukommen. Es dürfte wahrscheinlich kein großes Problem für ihn gewesen sein, sich Einblick in die Passagierlisten der Flüge aus London zu verschaffen.

Als sie noch ein Paar waren, hatte sie oftmals staunend das Ausmaß seiner Macht beobachtet. Zwar war Laurel den Umgang mit Berühmtheiten und Superreichen aus ihrem beruflichen Umfeld gewohnt, aber die Welt der Ferraras hatte noch einmal eine ganz andere Dimension.

Für eine kurze Zeit hatte sie dieses privilegierte Leben mit ihm geteilt. Ein märchenhaftes Leben in unermesslichem Reichtum und Luxus. Es war ihr so vorgekommen, als sei sie nach einem Leben voller Entbehrungen und Mühen, in dem sie auf einer harten Pritsche geschlafen hatte, versehentlich in den Genuss eines weichen Daunenbetts gekommen.

Ihn jetzt plötzlich am unteren Ende der Außenbordtreppe zu sehen, ließ sie fast das Gleichgewicht verlieren. Sie hatte ihn seit jenem Tag nicht mehr gesehen. Jenem schicksalsträchtigen Tag, bei dessen Erinnerung sich ihr noch heute der Magen zusammenkrampfte.

Als Daniela sie gebeten hatte, ihre Trauzeugin zu sein, hätte sie dem ersten Impuls folgen und Nein sagen sollen. Laurel hatte immer gedacht, dass man im Namen der Freundschaft bereit sein müsse, alles zu tun. Aber in diesem Moment wurde ihr klar, dass es für alles eine Grenze gab. Leider kam diese Einsicht etwas zu spät.

Laurel kramte ihre Sonnenbrille aus der Handtasche hervor und setzte sie auf. Wenn er sein Spielchen mit ihr treiben wollte, dann würde sie es ihm gleichtun.

Ohne sich weiter um den Piloten und die tuschelnden Passagiere zu kümmern, hob sie ihr Kinn und trat durch die offene Tür.

Die plötzliche Hitze traf sie wie ein Schlag nach dem kühlen Londoner Nebel. Das grelle Sonnenlicht brannte erbarmungslos auf sie nieder, als wolle es das Zögern in ihren Schritten hervorheben. Die Absätze hallten laut auf den metallischen Stufen. Es kam Laurel so vor, als würde sie in die Hölle hinabsteigen und der Teufel höchstpersönlich unten an der Treppe auf sie warten – groß, bedrohlich und unnatürlich starr stand er da, flankiert von seinen Leibwächtern in dunklen Anzügen, die respektvoll hinter ihm Abstand hielten.

Wie anders diesmal alles war. Bei ihrer ersten Ankunft in Sizilien war sie voller Aufregung und Vorfreude gewesen. Sie hatte sich sofort in die Insel und die Menschen hier verliebt.

Besonders in einen Mann.

In diesen.

Laurel konnte seine Augen hinter der dunklen Sonnenbrille zwar nicht sehen. Aber das brauchte sie auch nicht. Sie konnte die Spannung zwischen ihnen förmlich spüren – und wusste, dass auch er sich für einen Moment in die Vergangenheit zurückversetzt fühlte.

„Cristiano.“ Im letzten Moment besann sie sich darauf, wenigstens ihre Stimme gleichgültig klingen zu lassen. „Ich habe eigentlich nicht damit gerechnet, dass du die Willkommens-fahnen für mich hisst.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem gezwungenen Lächeln. „Wie hätte ich meine liebe süße Ehefrau nicht vom Flughafen abholen können?“

Es war ein Schock, ihm nach zwei Jahren von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen. Aber ein noch größerer Schock war es, in jeder Faser ihres Körpers ein wildes Verlangen zu spüren. Ein Begehren, von dem sie gedacht hatte, es sei – wie ihre Ehe auch – schon vor langer Zeit gestorben.

Sie wollte nichts dergleichen empfinden.

Cristiano Ferrara war ein kalter herzloser Mistkerl, der es nicht länger verdiente, einen Platz in ihrem Leben einzunehmen.

Nein, kalt traf es nicht, korrigierte Laurel sich in Gedanken. In der Tat wäre einiges einfacher gewesen, wenn er sich ihr gegenüber kalt verhalten hätte. Auf jemanden wie sie, die mit Gefühlen sehr zurückhaltend umging, hatte Cristianos explosives sizilianisches Temperament eine unglaubliche Faszination ausgeübt. Mit seinem sprühenden Charisma war es ihm gelungen, sie aus der Reserve zu locken.

Es hatte sie damals ihren ganzen Mut gekostet, Cristiano zu vertrauen. Umso härter hatte sie dann auch sein herzloses Verhalten getroffen.

Mit einer lässigen Geste winkte er einen der drei Wagen heran. „Steig ein, Laurel.“ Der eisige Ton seiner Stimme ließ sie erstarren.

Cristiano erwartete von ihr, dass sie, ohne Umstände zu machen, in das Auto kletterte. Dass sie seiner Aufforderung widerstandslos folgte, wie er es von allen gewohnt war. In der Welt, in der er lebte, hatte er allein das Sagen. Er entschied, was wann gemacht werden musste.

Fehler Nummer drei ist es gewesen, zurückzukommen, dachte Laurel. Die Wut, die sie für zwei Jahre erfolgreich unterdrückt hatte, brannte jetzt in ihr wie Feuer.

„Ich bin noch etwas angeschlagen von der Reise“, sagte sie trocken. „Ich glaube, ich möchte erst einmal ein bisschen in Palermo spazieren gehen, bevor ich mich zu meinem Hotel begebe.“ Sie hatte extra ein Zimmer in einer kleinen unscheinbaren Pension gebucht, um dem Ferrara-Clan zu entkommen. Ein Ort, an dem sie sich von den emotionalen Anforderungen, die die Hochzeit an sie stellen würde, erholen konnte.

Cristiano stieß zischend den Atem durch die Zähne. „Steig sofort in das Auto, oder ich befördere dich höchstpersönlich hinein, so wahr mir Gott helfe. Wage es noch einmal, mich in der Öffentlichkeit bloßzustellen, und du wirst es bitter bereuen.“

Noch einmal. Ja, denn genau das hatte sie damals getan. Sie hatte seinen männlichen Stolz verletzt, und das würde er ihr nie verzeihen.

Was Laurel aber nicht im Geringsten etwas ausmachte, denn auch sie würde ihm niemals verzeihen können.

Sie würde ihm nie verzeihen, dass er sie im Stich gelassen hatte, als sie ihn am meisten brauchte.

Aber das spielte nun keine Rolle mehr, denn schließlich hatte sie nicht vor, die Beziehung zu kitten. Was zwischen ihnen gewesen war, gehörte der Vergangenheit an. In dieser Woche würde es nicht um sie beide gehen, sondern um seine Schwester.

Ihre beste Freundin.

Mit diesem einzigen tröstenden Gedanken im Hinterkopf wandte sie sich von ihm ab und stieg in den Wagen. Sie war dankbar dafür, dass die verdunkelten Scheiben sie vor den schaulustigen Blicken der Passagiere schützten, die sich vor Neugier an den Fenstern des Flugzeugs fast die Nasen platt drückten. Cristiano schob sich neben sie auf die Rückbank, und die Autotür wurde wie von Zauberhand sanft hinter ihm zugeschlagen. Er lehnte sich vor und gab dem Fahrer auf Italienisch Anweisungen. Der melodische Klang dieser schönen Sprache glitt wie weiche Seide über sie. Als internationaler Geschäftsmann zog Cristiano das Italienische dem gutturalen sizilianischen Dialekt vor, den die meisten Inselbewohner im Alltag benutzten. Er hatte sich damals immer wohlwollend darüber lustig gemacht, dass sie so versessen darauf gewesen war, ihn Italienisch sprechen zu hören.

Der Fahrer setzte das Auto fast lautlos in Bewegung. „Woher hast du gewusst, mit welchem Flug ich komme?“, fragte sie, um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen.

„Ist das eine ernsthafte Frage?“

Nein. Natürlich nicht. Wenn es irgendetwas gab, was die Familie Ferrara nicht wusste, dann nur, weil es von keinem Interesse für sie war.

„Ich habe einfach nicht damit gerechnet, dass du mich abholst“, entgegnete sie betont lapidar. „Ich hätte genauso gut mit einem Taxi in die Stadt fahren können.“

„Und wieso?“ Sein langes muskulöses Bein war gefährlich nah an ihrem, sodass Laurel sich wortwörtlich in die Ecke gedrängt fühlte. „Wolltest du herausfinden, ob ich das Lösegeld bezahlen würde, wenn du entführt wirst?“, fragte er sarkastisch.

Sie warf ihm einen flüchtigen Seitenblick zu. Die Autorität und Macht, die er ausstrahlte, zogen sie regelrecht in seinen Bann. Sie konnte kaum klar denken.

Laurel rutschte unauffällig von ihm weg, um eine gewisse Distanz zwischen sie zu bringen. „Bald werden wir ja geschieden sein“, erklärte sie trocken. „Wahrscheinlich hättest du die Entführer sogar dafür bezahlt, dass sie deine ungehorsame Exfrau von dir fernhalten.“

Die Atmosphäre im Auto war so angespannt, dass man sie mit einem Messer hätte schneiden können. „Solange deine Unterschrift noch auf der Heiratsurkunde steht, bist und bleibst du eine Ferrara. Also verhalte dich auch wie eine.“

Laurel ließ erschöpft den Kopf gegen die Rückenlehne fallen.

Laurel Ferrara. Ihr – noch – offizieller Name war eine mahnende Erinnerung daran, welch riesigen Fehler sie begangen hatte. Ein Name, der besser klang, als die Wirklichkeit war.

Die große mächtige Familie Ferrara blickte auf eine jahrhundertelange Historie zurück. Der Name stand für Erfolg, Verpflichtung und Tradition. Sogar Cristianos Schwester Daniela, die in England studiert hatte und einen sehr rebellischen Charakter besaß, war letztendlich in ihre Heimat zurückgekehrt und heiratete jetzt einen Sizilianer aus gutem Hause. Ihre Zukunft war damit praktisch vorprogrammiert. Gesichert. Spätestens in einem Jahr würde sie ein Baby bekommen. Und dann ein zweites. So war es für die Frauen der Familie Ferrara üblich. Sie gebaren Ferraras, um die Dynastie zu erhalten.

Es gab so viele Dinge, die sie am liebsten für immer aus ihrem Gedächtnis verbannt hätte. So viele Ecken in dem Haus der Erinnerungen, die sie geflissentlich mied.

In den vergangenen zwei Jahren hatte sie sich selbst streng verboten, Fotos aus ihren Zeiten mit Cristiano anzuschauen oder im Internet nach Nachrichten aus der Boulevardpresse über ihn zu suchen. Weil sie wusste, dass dies der einzige Weg war, um über ihn hinwegzukommen und ein neues Leben zu beginnen.

Einfacher gesagt als getan. Cristiano war so unglaublich gut aussehend, dass, wo immer er auch hinkam, die Frauen sich nach ihm umdrehten. Es hatte sie damals ganz verrückt gemacht. Aber sie konnte ihm dafür keinen Vorwurf machen, denn er tat nichts, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Seine alleinige Anwesenheit reichte schon.

Laurel ertappte sich dabei, wie sie ihm einen erneuten Seitenblick zuwarf.

Selbst in seinem lässigen Outfit – ein Paar schwarze Jeans und ein schlichtes Poloshirt – sah er atemberaubend aus, und sie spürte, wie ihr Körper auf seine pure Männlichkeit reagierte. Eine Männlichkeit, die in seinen Genen verankert zu sein schien. So wie sein Stolz. Und sie hatte diesem Stolz einen empfindlichen Schlag versetzt.

„Wieso ist Dani nicht mit zum Flughafen gekommen?“, fragte sie.

„Meine Schwester glaubt an Happy Ends.“

Was sollte das jetzt wieder bedeuten? Dachte Daniela etwa, sie und Cristiano würden sich in die Arme fallen, wenn sie alleine wären?

Mit einem innerlichen Schmunzeln musste Laurel an die vielen unbeholfenen Verkupplungsversuche denken, die Dani während ihrer gemeinsamen Unizeit gemacht hatte. Sie wollte für alle ihre Freundinnen den Traummann finden. „Dani ist eine unverbesserliche Romantikerin“, stellte sie sachlich fest. „Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum sie heiratet, obwohl …“ Laurel stockte und biss sich auf die Lippe.

„… obwohl sie aus nächster Nähe Zeuge unseres Ehedebakels gewesen ist?“, vollendete Cristiano den Satz. „Angesichts deiner laxen Haltung gegenüber der Ehe wundert mich eigentlich viel mehr, dass du eingewilligt hast, ihre Trauzeugin zu sein. Eine Entscheidung, die ans Heuchlerische grenzt, findest du nicht?“

Er schiebt tatsächlich mir die Schuld am Scheitern unserer Ehe zu, dachte Laurel erbost. Aber sie hatte keine Lust zu diskutieren, denn sie wusste, dass es zu nichts führen würde. Wenn er sie hasste – in Ordnung.

Und was ihre Entscheidung betraf, Danis Trauzeugin zu sein …

Natürlich hatte es eine Million guter Gründe gegeben, Nein zu sagen. Doch wider alle Vernunft hatte sie es nicht übers Herz gebracht, Dani zu enttäuschen. Fehler Nummer vier, dachte sie. Wie war es bloß möglich, dass sie in so kurzer Zeit so viele Fehler gemacht hatte? „Ich bin eben eine loyale Freundin“, erwiderte sie knapp.

„Loyal?“ Er nahm demonstrativ die Sonnenbrille ab und musterte sie spöttisch. „Du wagst es, von Loyalität zu sprechen? Vielleicht ist es ein Sprachenproblem, denn offensichtlich hat für uns dasselbe Wort eine unterschiedliche Bedeutung.“ Im Gegensatz zu ihr machte er keinen Hehl aus seinen Gefühlen. Er warf sie ihr förmlich an den Kopf. Und je mehr er sich auf die emotionale Ebene begab, desto mehr zog sie sich zurück. Sie hatte schon Mühe, mit ihren eigenen Gefühlen umzugehen. Jetzt auch noch mit seinen konfrontiert zu werden, war definitiv zu viel für sie.

Laurel kam es plötzlich so vor, als ob es im Auto an Luft mangelte. Ein leichtes Zittern überlief sie, und ihre Fingerspitzen wurden eiskalt. Sie zwang sich, tief einzuatmen, um sich zu beruhigen.

„Wenn sich bei dir gerade ein vulkanähnlicher Wutausbruch anbahnt, dann warte wenigstens, bis wir alleine sind“, presste sie leise hervor. „Es handelt sich schließlich nur um eine Hochzeit. Wir sollten in der Lage sein, diese wenigen Tage zu überstehen, ohne uns an die Gurgel zu gehen.“

Nur eine Hochzeit? So, so. Für dich sind Hochzeiten also nur eine belanglose Angelegenheit, Laurel?“

„Lassen wir es, Cristiano“, seufzte sie resigniert. Er war unfähig einzusehen, dass möglicherweise auch er Schuld am Scheitern der Ehe haben könnte. Unfähig, sich zu entschuldigen. Sie wusste, dass das Wort Entschuldigung in seinem Vokabular nicht vorkam. Und das hatte nichts mit einem Sprachenproblem zu tun – sondern einzig und allein mit seinem Ego.

„Wieso?“, hakte er unnachgiebig nach. „Weil du Angst vor Gefühlen hast? Angst vor dem, was du für mich empfindest? So war es ja schon damals.“

„Cristiano, bitte …“

„Es zerfrisst dich innerlich, nicht wahr?“ Seine Stimme klang gefährlich leise. „Du hast solche Angst davor, dass du dich eiskalt gibst. Das ist auch der Grund, warum du gegangen bist.“

„Du denkst allen Ernstes, ich habe dich verlassen, weil ich Angst vor meinen Gefühlen hatte?“ Laurel konnte ihre Empörung nicht länger verbergen. „Du bist so unglaublich arrogant, dass du eine ganze Insel brauchst, um Platz für dein Ego zu finden. Bist du sicher, dass Sizilien groß genug ist? Vielleicht solltest du dir Sardinien noch dazukaufen.“

„Ich arbeite daran“, entgegnete er ohne einen Anflug von Ironie.

Laurel konnte seinen forschenden Blick auf sich spüren, doch sie drehte bewusst den Kopf weg und starrte durch die getönte Scheibe der Limousine auf die vorbeirauschende Umgebung.

„Du siehst sehr gut aus“, hörte sie zu ihrem Erstaunen Cristiano nach einiger Zeit sagen. „Bekämpfst du deinen emotionalen Stress mit Sport?“, fügte er spöttisch hinzu.

„Du weißt genau, dass ich als Fitnesslehrerin mein Geld verdiene“, antwortete sie trocken. „Und um deinen Spekulationen ein Ende zu setzen – ich bin nur wegen deiner Schwester hier und nicht wegen un… wegen dir und mir.“

„Du bist nicht in der Lage, dieses Wort über die Lippen zu bringen, nicht wahr? Uns, tesoro. Aber die Vorstellung, Teil eines Wir zu sein, hat dich ja schon immer überfordert.“ Cristiano lehnte sich selbstgefällig in seinem Sitz zurück. „Es ist wohl besser, wenn du das Wort loyal in Bezug auf dich selbst in meiner Gegenwart nicht benutzt. Es bring mich nämlich ziemlich auf die Palme. Ich denke, das kannst du verstehen.“

Laurel fühlte sich wie ein Matador, der mit einem sehr wütenden Stier in einer engen Arena eingesperrt war. Und sie hatte nur ihre eigene Wut, um sich zu verteidigen.

Er will es einfach nicht einsehen, dachte sie zornentbrannt. Er sah einfach nicht, was er falsch gemacht hatte.

Und diese Tatsache machte alles tausendmal schlimmer.

Laurel atmete tief durch und besann sich darauf, dass sie nicht über die Vergangenheit diskutieren wollte. „Wie geht es Dani?“, fragte sie in dem Versuch, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken.

„Sie kann es kaum erwarten, offiziell ein Wir zu werden.“

„Wenn du vorhast, die ganze Zeit auf mir rumzuhacken, sollte ich vielleicht lieber gleich den nächsten Rückflug nach London nehmen.“

„Das hättest du wohl gern.

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