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Stille Wasser sind tief

PROLOG

Lizbeth Stanton zupfte den Ausschnitt ihres pinkfarbenen schulterfreien Tops zurecht und strich ihren schwarzen Lederminirock glatt. Mit einem tiefen Atemzug stieß sie die Tür zum Nebenraum der Hotellounge auf, in dem ihr Verlobter Dax Traub mit seinem Bruder D.J. und seinen Freunden Poker spielte.

„Hallo Jungs“, rief sie kokett und stemmte eine Hand in die Hüfte.

Alle sechs Männer starrten sie überrascht an. Einen Moment lang herrschte Stille, bis das Scharren von Stuhlbeinen ertönte, als die Cates-Brüder aufstanden.

„Guten Abend, Lizbeth“, begrüßte Marshall Cates sie. Das selbstbewusste Lächeln des gut aussehenden Hotelarztes ließ sie wie immer nicht kalt. Sie war mal mit ihm ausgegangen, doch es hatte sich nie etwas Ernsthaftes daraus entwickelt. Sein jüngerer Bruder Mitchell, der neben ihm stand, sagte nichts. Wenn er öfter lächeln würde, wäre Mitch vielleicht sogar noch attraktiver als Marshall, überlegte Liz. Sie hatte nun mal eine Schwäche für dunkelhaarige Männer mit braunen Augen.

„Macht euch meinetwegen nur keine Umstände“, bemerkte sie ein wenig sarkastisch, als die anderen Männer – einschließlich ihres Verlobten – sitzen blieben.

Daraufhin erhoben sich auch die anderen zögerlich. Russ Chilton und Liz’ Chef Grant Clifton schauten sogar beinahe missbilligend drein. Beim altmodischen Russ war das kein Wunder, aber Grant freute sich normalerweise, sie zu sehen.

Vielleicht hätte sie wirklich nicht kommen sollen: Eigentlich hatte sie Dax nur zeigen wollen, was er verpasste, wenn er den Abend mit den Jungs verbrachte statt mit ihr. Zumal dies ihr letzter freier Abend war, bevor sie in ihrem Job als Barkeeperin in der Hotelbar wieder für eine Woche die Spätschicht übernahm.

„Ich musste was in meinem Dienstplan nachsehen, und da dachte ich, ich schau mal vorbei“, erklärte sie und schenkte jedem der Männer ein verführerisches Lächeln. Grant äußerte sich nicht dazu, obwohl er wie sie genau wusste, dass ihre Schichten im Wochenrhythmus wechselten.

„Wer könnte was dagegen haben, wenn die zweitschönste Frau Montanas uns den Abend versüßt?“, meinte D.J. und warf Dax einen Seitenblick zu. Die beiden Brüder waren lange Zeit nicht gut miteinander ausgekommen und hatten sich noch vor ein paar Wochen heftig geprügelt. Mittlerweile hatten sie das Kriegsbeil offensichtlich begraben – trotz der Tatsache, dass D.J. sich erst vor Kurzem mit Dax’ Exfrau Allaire verlobt hatte.

Wenig später hatte Dax um Liz’ Hand angehalten, schien seitdem allerdings kein großes Interesse mehr an ihrer Beziehung zu haben. Auch jetzt machte er keine Anstalten, D.J. zu widersprechen und einzuwerfen, dass sie die Schönste in ganz Montana sei. Mit vor der Brust verschränkten Armen blieb er sitzen und starrte sie stirnrunzelnd an.

Schließlich machte sich Mitch Cates für sie stark.

„Natürlich ist Allaire sehr hübsch“, sagte er, ohne die Augen von seinen Spielchips abzuwenden, „nur kann man eine Blondine genauso wenig mit einer Rothaarigen vergleichen wie eine zarte Blüte mit einem Feuerwerk: Beides ist schön, aber jedes eben auf eine ganz eigene Art.“

„Oh, das ist süß von dir“, erwiderte sie. „Danke, Mitchell.“

Als er kurz aufschaute, kreuzten sich ihre Blicke, und er wurde tatsächlich rot. Wie konnte ein brillanter und erfolgreicher Geschäftsmann nur so schüchtern sein – noch dazu, wenn er mit alten Freunden von der Highschool zusammensaß? Liz wurde aus dem Mann einfach nicht schlau.

„Dax, da hat gerade jemand dein Mädchen mit einem Knallfrosch verglichen“, sagte Russ gedehnt. „Sollen wir dir gratulieren oder dir unser Beileid aussprechen?“

Seit jeher hatte Russ eine schlechte Meinung von ihr, mit der er auch nie hinter dem Berg hielt. Und das nur, weil sie mit mehreren Männern in Thunder Canyon ausgegangen war, bevor sie Dax’ Antrag angenommen hatte. Aber Russ war in vielerlei Hinsicht ziemlich altmodisch.

„Er wollte nur sagen, dass Dax sich glücklich schätzen kann, eine so feurige Verlobte wie mich zu haben“, entgegnete sie, obwohl Russ gar nicht mit ihr gesprochen hatte. Sie schüttelte den Kopf, damit ihre langen Strassohrringe im Licht funkelten. „Und Dax weiß das auch, nicht wahr, mein Schatz?“

Wenn er sie nicht freiwillig verteidigte, würde sie ihn eben dazu zwingen.

Einen Moment lang starrte er sie grimmig an und warf dann seine Karten auf den Tisch. „Ich steige aus“, erklärte er düster, sammelte seinen kleinen Stapel Chips ein und schob den Stuhl zurück. „Ich bin zum Pokern hergekommen und nicht, um mich über Blumen und Feuerwerk zu unterhalten.“

Keiner sagte ein Wort, als Dax nach seiner Jacke griff und zur Tür marschierte. Liz spürte, wie ihr Hitze in die Wangen schoss, als die anderen sie mitfühlend musterten. Dennoch blieb sie eisern stehen. Auf keinen Fall würde sie dem Kerl nachlaufen.

„Mach dir nichts draus“, tröstete D.J. sie, als Dax die Tür hinter sich zugeschlagen hatte. „Er hat wahrscheinlich nur Panik, weil er bald kein Junggeselle mehr ist.“

Oder er ärgert sich darüber, dass du seine Exfrau heiratest – die Frau, die er immer noch liebt.

Trotz allem lächelte sie tapfer weiter. Ganz offensichtlich war es ein Riesenfehler gewesen, heute Abend herzukommen. Jetzt brauchte sie nur noch einen eleganten Abgang – möglichst, ohne in Tränen auszubrechen.

„Ach, der kriegt sich schon wieder ein.“ Sie wedelte mit der sorgfältig manikürten Hand. „Und wir Knallfrösche mögen schließlich Männer, die selbst mal Funken sprühen.“

Sie zwinkerte in die Runde und wackelte aufreizend mit den Hüften, als sie zustimmendes Gelächter erntete.

Marshall hielt beide Daumen in die Höhe. „Auf jeden Fall hat er mit dir alle Hände voll zu tun, das steht fest“, sagte er und schenkte ihr ein charmantes Lächeln. Kein Wunder, dass seine Verlobte Mia verrückt nach ihm war.

„Du musst es ja wissen“, murmelte Russ gerade laut genug, dass sie es hören konnte.

Grant gab ihm einen Rippenstoß. „Du siehst heute wieder großartig aus“, betonte er freundlich.

„Danke, Boss.“ Sie musste wirklich von hier verschwinden. „Und noch viel Spaß beim Pokern. Möge der Beste gewinnen.“

Während die Männer sie fröhlich verabschiedeten, ging sie auf ihren neuen High Heels langsam zur Tür. Kaum war sie draußen, zog sie ihr Handy aus der Handtasche und rief Dax an. Sie war gespannt, wie er sich für sein unglaubliches Verhalten entschuldigen würde.

1. KAPITEL

„Du bist ohne ihn wirklich besser dran“, behauptete Liz’ Schwester Emily zum wiederholten Mal. „Dax ist ein Idiot, wenn er nicht erkennt, was ihm entgeht. Wein ihm bloß keine Träne nach.“

Obwohl Liz über ihre geplatzte Verlobung noch ganz geschockt war, trösteten Emilys Worte sie ein wenig.

„Du bist voreingenommen“, wandte sie trotzdem ein.

Als sie an diesem Tag nach Hause gekommen war, hatte sie sofort ihre Schwester angerufen, um ihr die unglaubliche Geschichte zu erzählen: Nach dem missglückten Besuch bei der Pokerrunde am Vorabend hatte sie mit Dax telefoniert. Er hatte sie für heute zum Mittagessen ins „Rib Shack“ eingeladen. Das neueste Restaurant seines Bruders befand sich auf dem Resortgelände, doch das war nicht der Grund, warum er gerade diesen Ort gewählt hatte: Offenbar hatte er gehofft, sie würde ihm in einem gut besuchten Lokal keine Szene machen.

Und tatsächlich war sie zuerst völlig sprachlos gewesen, als er ihr erklärt hatte, dass es mit ihnen keinen Sinn habe und er die Verlobung lösen wolle. Tapfer hatte sie gegen die aufsteigenden Tränen gekämpft. Währenddessen hatte Dax ihr einfach gegenübergesessen und es angestrengt vermieden, sie anzusehen.

„Aber warum?“, brachte sie schließlich hervor.

Dax zuckte nur die Schultern. „Es liegt nicht an dir.“ Sein Gesichtsausdruck verriet eher Unbehagen als Bedauern oder Mitgefühl. „Tut mir leid.“

Noch immer unfähig, Worte zu finden, war sie aufgestanden und hatte mit zitternden Knien das Restaurant verlassen. Den ganzen Heimweg über hatte sie geweint und sich immer wieder gefragt: Warum?

Dax galt in der Stadt noch immer als Rebell, weil er früher Motorradrennen gefahren hatte und dafür durch die Staaten getourt war. Mittlerweile hatte er sich in Thunder Canyon niedergelassen. Dass er inzwischen eine Motorradwerkstatt besaß und sesshaft geworden war, änderte nichts daran, wie äußerst attraktiv und sexy er wirkte.

Anscheinend war sie weder hübsch noch angesagt genug, um mit ihm mitzuhalten.

„Er war sowieso nicht der Richtige für dich“, fuhr Emily am Telefon fort. „Wieso hast du dich überhaupt mit ihm verlobt? Ihr kanntet euch noch gar nicht so lange.“

Liz lehnte sich an den Esstresen im kleinen Blockhaus, das ihre Schwester und deren Mann ihr zur Miete überließen. „Nein, offensichtlich habe ich ihn wirklich nicht gut genug gekannt“, räumte sie ein. „Aber er hat einfach nicht lockergelassen. Als er mir den Antrag machte, hat er ein Nein einfach nicht akzeptiert, und ich wollte seine Gefühle nicht verletzen.“

„Ach Liebes, dafür hat er jetzt deine verletzt, der Mistkerl“, seufzte Emily. „Vielleicht solltest du anfangen, einfach nur an dich zu denken. Du musst schließlich nicht unbedingt heiraten, du hast noch jede Menge andere Möglichkeiten.“

Stimmt, dachte Liz.

„Wahrscheinlich ist es vor allem mein verletzter Stolz“, gab sie zu. Mit wie vielen Männern war sie nur deshalb ausgegangen, weil es ihr so schwergefallen war, sie abzuweisen – selbst wenn sie gar kein echtes Interesse an ihnen gehabt hatte?

„Hast du ihn denn geliebt?“, fragte Emily. „Konntest du dir wirklich vorstellen, den Rest deines Lebens mit ihm zu verbringen?“

Sofort hatte Liz ein Bild vor Augen: Mit grauen Haaren, einer Brille mit Gleitsichtgläsern auf der Nase und einer Stola um die Schultern sah sie sich selbst auf einer Harley sitzen.

„Vielleicht war ich eher in die Idee verliebt, endlich zu heiraten“, gestand sie. Immerhin malte sie sich ihre Traumhochzeit bereits in allen Farben aus, seit sie vier war.

Wenigstens hatte sie nicht mit ihm geschlafen. Sie hatte ihm gesagt, dass sie damit bis nach der Hochzeit warten wolle, und er war einverstanden gewesen. Geradezu verdächtig schnell einverstanden.

„Ich glaube, er ist noch nicht über seine Exfrau hinweg“, fuhr sie fort. Diesen Gedanken hatte sie vorher energisch verdrängt. „Es war vermutlich kein Zufall, dass Dax einen Tag, nachdem D.J. sich mit Allaire verlobt hatte, um meine Hand angehalten hat.“

Emily stöhnte auf. „Du Arme. Wenn er dich nur benutzt hat, um …“

„Ach, vergiss es einfach“, sagte Liz mit neuer Entschlossenheit. „Ich werde schon damit fertig. Keine Sorge.“

„Und ob du das wirst.“ Sogleich stieg Emily darauf ein: Statt mitfühlend ließ sie ihre Stimme nun optimistisch und bestärkend klingen.

Obwohl Liz ihre Schwester durchschaute, war sie dankbar für ihre Unterstützung. Sie wusste, dass Emily sie für ein wenig flatterhaft hielt. Ihre Schwester bemängelte ihr fehlendes Stehvermögen, weil sie schon ein paar Mal den Job gewechselt hatte. Aber wie sollte sie sonst herausfinden, was ihr beruflich Spaß machte? Sie musste schließlich ihr Geld selbst verdienen, bis sie endlich dem perfekten Mann begegnete und ihn heiratete.

Träumten davon nicht die meisten Frauen, die wie sie Single und Anfang zwanzig waren? Mit Sicherheit wollten sie doch alle einen tollen Job, einen wunderbaren Ehemann und eine glückliche Familie.

Doch war das ein realistischer Traum? Mit der freien Hand rieb sie sich die Stirn, während Emily ihr Ratschläge gab, wie sie Dax am schnellsten vergessen konnte. Vielleicht sollte sie die ganze Sache mit den Männern noch mal überdenken.

Selbst wenn es schön war, einen Mann im Leben zu haben – eigentlich brauchte sie keinen. Das war wie mit einem Sportwagen oder einem Pelzmantel. Emily hatte völlig recht: Es gab noch viele andere Möglichkeiten. Möglicherweise war dies ihre Chance, eine ganz andere Richtung einzuschlagen – der Anfang eines ganz neuen Lebens.

Sie würde sich neu erfinden.

Die Idee war zu frisch, um sie ihrer Schwester anzuvertrauen. Emily würde sie nur an die früheren anderen Male erinnern, als sie ein neues Leben anfangen wollte. Selbstzweifel konnte sie jetzt nicht gebrauchen.

„Ich muss aufhören“, sagte sie deshalb mit einem Blick zur Uhr. „Ich hab noch ziemlich viel zu erledigen, bevor ich zur Arbeit muss.“

„Kommst du auch wirklich zurecht?“, fragte Emily besorgt. „Ich würde ja vorbeischauen, aber …“

„Schon gut. Das ist lieb von dir, aber mir geht’s gut“, wiederholte sie entschlossen. Sollte Dax ruhig seiner Exfrau nachtrauern! Sie hatte Besseres zu tun, als sich wegen eines Mannes graue Haare wachsen zu lassen.

„Na gut. Ruf mich an, wenn irgendwas ist, ja? Jederzeit.“ Emily klang nicht so überzeugt. Andererseits hatte sie mit ihrer eigenen Familie genug zu tun: Sie konnte nicht alles stehen und liegen lassen, um Liz’ Händchen zu halten.

„Mach ich. Aber es ist wirklich alles okay. Und danke noch mal“, meinte sie und legte auf.

Nach dem Gespräch wünschte Liz sich, sie hätte erst über alles nachgedacht, bevor sie Emily mit den Neuigkeiten überfallen hatte. Natürlich hätte sie ihre geplatzte Verlobung sowieso nicht lange geheim halten können. In einer Kleinstadt wie Thunder Canyon verbreiteten sich solche Dinge wie ein Lauffeuer.

Trotzig schüttelte Liz ihre rotbraune Mähne. Es hatte ihr gutgetan zu hören, dass Dax sie gar nicht verdient hatte. Vielleicht hätte sie es kommen sehen müssen, nachdem er die Pokerrunde so wütend verlassen hatte. Eigentlich hatte sie ihm sein respektloses Verhalten beim Mittagessen im „Rib Shack“ großzügig verzeihen wollen – stattdessen hatte er kaltschnäuzig mit ihr Schluss gemacht.

Sie wollte nicht noch einmal nur deshalb mit einem Mann ausgehen, damit sein empfindliches Ego keinen Schaden nahm. Damit ihr so was nicht erneut passierte, musste sie zunächst herausfinden, was sie selbst wollte und brauchte.

In Zukunft zählte nur noch Lizbeth Stanton!

Entschlossen ging sie ins Schlafzimmer und stellte sich ein heißes Outfit für den Abend hinter der Bar zusammen. Nur weil sie heute ein neues Leben begann, musste sie schließlich nicht in Sack und Asche gehen. Bestimmt würden einige Leute in die Bar kommen, um zu sehen, ob sie am Boden zerstört war. Denen würde sie zeigen, dass der Idiot Dax Traub einer echten Traumfrau den Laufpass gegeben hatte.

Mitchell Cates saß vor einem Bier an einem Ecktisch in der Hotellounge. Es war noch früh, und in der dunkel getäfelten Bar hatten sich erst wenige Gäste eingefunden.

Ziemlich genervt schaute er zu, wie zwei männliche Touristen am Tresen mit Lizbeth Stanton flirteten. Als sie den Kopf in den Nacken legte und über etwas lachte, was einer der beiden gesagt hatte, wünschte Mitch sich, sie auch so zum Lachen bringen zu können. Ihr warmes Lächeln ging ihm durch und durch. Sogar von hier aus konnte er sehen, wie ihre großen dunklen Augen dabei strahlten.

Heute Abend erschien sie ihm besonders umwerfend. Das rotbraune lockige Haar hatte sie in einem wilden Knoten hochgesteckt, und überall glitzerten darin Strassspangen. Sie war wie ein bunter Vogel, exotisch und voller Leben. Was bei anderen Frauen übertrieben gewirkt hätte, sah bei ihr einfach genau richtig aus: ihr enges halterloses Top aus glitzerndem Silberstoff, ihr kurzer schwarzer Rock … Wie konnte eine so zierliche Frau so endlos lange Beine haben?

Jedes Mal, wenn sie hinter der Bar hervorkam, genoss er diesen Anblick ausgiebig. Wenn er Liz traf oder nur an sie dachte, schaltete sich sein Verstand völlig aus, und er fühlte sich wie ein verliebter Teenager.

Deshalb beobachtete er auch missmutig, wie die beiden Touristen an der Bar aufstanden und auf Liz einredeten.

„Ach, komm schon, Süße! Wir werden jede Menge Spaß haben“, sagte der mit der Baseballkappe, während der andere ein paar Scheine auf die Theke legte. „Komm einfach mit. Vertrau uns.“

Kopfschüttelnd deutete sie auf den glatzköpfigen älteren Mann, der am anderen Ende der Theke Gläser polierte. „Meine Schicht ist noch nicht zu Ende. Ich kann den armen Moses nicht allein mit der ganzen Arbeit sitzen lassen.“

Ihr Kollege hob den Kopf und ließ den Blick über die leeren Tische gleiten, wobei er Mitch und die anderen vereinzelten Gäste geflissentlich übersah. „Kein Mensch hier“, murmelte er. „Das kriege ich schon hin.“

Daraufhin belagerten die beiden Touristen Lizbeth weiter, bis endlich ein älteres Ehepaar die Lounge betrat. Der Mann warf Liz einen erwartungsvollen Blick zu.

Kurzerhand verabschiedete sie ihre ungehobelten Bewunderer und trat an den Tisch der Neuankömmlinge, um ihre Bestellung aufzunehmen.

Als sie dadurch genügend abgelenkt war, atmete Mitch tief durch und trug sein Bier zum Tresen. Vor ein paar Stunden hatte er gehört, dass Dax die Verlobung mit Liz gelöst hatte. Seitdem konnte er an nichts anderes mehr denken, als endlich mal mit Liz zu reden. Wieder und wieder war er im Geiste durchgegangen, was er zu ihr sagen würde. Dabei hatte er zu verdrängen versucht, dass sie auch schon mal mit seinem charmanten, witzigen und selbstbewussten Bruder Marshall ausgegangen war. Der hatte immer einen lockeren Spruch auf Lager.

Mitch dagegen war nie im Leben so nervös gewesen wie in diesem Moment, als Liz wieder hinter die Bar kam. „Mitchell Cates“, sagte sie fröhlich, und diesmal strahlten ihre dunklen Augen nur für ihn. „Möchtest du noch ein Bier?“

Sein Magen krampfte sich zusammen, und er umklammerte seine halb volle Flasche. „Nein, ich hab noch, danke.“ Danach wusste er nicht weiter. „Nicht viel los heute“, brachte er schließlich hervor. All die geistreichen Sätze, die er sich vorher zurechtgelegt hatte, waren mit einem Mal weg.

Wenn sie ihn für einen Langweiler hielt, ließ sie es sich zumindest nicht anmerken. „Es ist noch früh“, erwiderte sie freundlich. „Später wird’s voller.“

„Und wann bist du hier fertig?“, fragte er und spürte, dass er sofort knallrot anlief. „Äh, das habe ich nicht so gemeint, wie es vielleicht rüberkam.“ In seiner Aufregung stieß er an die Bierflasche, konnte sie aber auffangen, bevor sie umfiel.

Als sie den Kopf schüttelte, funkelte der Haarschmuck in ihren roten Strähnen. „Keine Sorge, Mitchell.“ Sie griff über den Tresen und tätschelte seine Hand. „Ich habe es nicht falsch verstanden.“

Die kurze Berührung löste ein Kribbeln in ihm aus, und schlagartig erfüllte Hitze seinen ganzen Körper. Womöglich stieg auch sein Blutdruck an – jedenfalls fand er auf einmal die Sprache wieder. Jetzt oder nie.

„Gute Nacht, Mr. Sinclair“, verabschiedete Lizbeth sich von einem Gast hinter ihm und sagte zu Mitchell: „Bin sofort wieder da.“

Bewundernd beobachtete er, wie sie mit elegantem Hüftschwung den Tresen umrundete, das benutzte Glas einsammelte und den Tisch abwischte. Nachdem sie es in die Spüle gestellt hatte, gesellte sie sich wieder zu ihm.

Nervös wischte er sich die feuchten Handflächen an der Jeans ab. „Arbeitest du gern hier?“ Offenbar verstand sie sich mit den Gästen gut. Manchmal beinahe zu gut.

Sie zuckte die Achseln, sodass ihre großen goldenen Ohrringe nur so tanzten. „Es gefällt mir besser als mein letzter Job im Steuerbüro.“ Sie rollte mit den Augen. „Der war sterbenslangweilig.“

Als sie lachte, stimmte Mitch mit ein. Solange es um Jobs und Berufe ging, fühlte er sich sicher. Immerhin war er selbst Geschäftsmann. Aus einer guten Idee war eine clevere Erfindung entstanden: Daraus hatte er eine Marke geschaffen, die Landwirte auf der ganzen Welt kannten und schätzten. Darüber konnte er stundenlang reden. Bei anderen Themen dagegen, beim Small Talk oder gar beim Flirten, war er rettungslos verloren. Besonders, wenn seine Gesprächspartnerin Lizbeth Stanton hieß.

„Hast du mal dran gedacht, was anderes zu machen?“, fragte er. Hoffentlich blieb ihm noch ein wenig Zeit mit ihr, bevor neue Gäste in die Lounge kamen.

Schließlich gab es mehr als eine Art, jemanden kennenzulernen. Auch jemanden wie Lizbeth. Und da ihn ihre Welt so unsicher werden ließ, hatte er vor, sie in seine zu holen.

Als sie überrascht aufblickte, wurde ihm klar, dass sie diese Frage nicht erwartet hatte.

Sie senkte die Stimme. „Daran gedacht schon“, gestand sie mit einem vorsichtigen Seitenblick zu Moses. „Aber ich habe so oft den Job gewechselt … Da ist es wohl besser, wenn ich hier in der Bar bleibe, bis sich was wirklich Gutes auftut.“

Ihre Worte ließen ihn zögern. Andererseits war er zu weit gekommen, um jetzt aufzugeben. Also fuhr er fort: „Dann wärst du an einem neuen Job interessiert?“

Offenbar nahm sie ihn nicht ernst, denn sie klimperte mit den Wimpern. „Was hast du dir denn für mich vorgestellt?“

Nur mit Mühe konnte er sich vom Anblick ihrer graubraunen Augen und der vollen Lippen losreißen. „Es ist ein seriöses Jobangebot“, erwiderte er. „Versprochen.“

Liz betrachtete Mitchell Cates prüfend, um herauszufinden, was er vorhatte. Natürlich wurde sie hinter der Bar ständig angeflirtet. Doch Mitch schien so gar nicht der Typ dafür zu sein. Er wirkte ehrgeizig und intelligent, aber eher zurückhaltend. Dabei sah er mindestens so gut aus wie sein Bruder Marshall – besonders, wenn er so wie jetzt mal lächelte.

Vielleicht steckte ja doch mehr Kalkül dahinter, als sie vermutete: Wer suchte sich seine Angestellten schon in einer Bar?

Neugierig stützte sie die Ellenbogen auf den Tresen. „Anhören kann ich es mir ja mal“, sagte sie gedehnt. Erstaunt bemerkte sie, dass sie fast ein wenig enttäuscht darüber war, dass er möglicherweise genauso tickte wie andere Männer.

Wenigstens war er jemand, mit dem sie reden konnte, solange es in der Lounge so ruhig war. In ein oder zwei Stunden wäre es dort richtig voll, und dann würde sie kaum zum Luftholen kommen.

„Du weißt doch, dass ich eine eigene Firma habe – Cates International?“

„Klar. Du baust Traktoren, oder?“

Häufig war sie an den großen Hallen am Stadtrand vorbeigefahren, hatte sie aber nie weiter beachtet. Doch wenn sie ihrem Leben einen neuen Sinn geben wollte, musste sie jede Gelegenheit nutzen. Gerade wenn diese Gelegenheit mit einem dunkelhaarigen Mann zu tun hatte, der zwar selten, aber dann auf eine umwerfende Weise lächelte.

Verflixt, wieso war es nur so schwer, ihre alten Gewohnheiten abzulegen?

„Traktoren“, wiederholte Mitchell. „Tja, so was in der Richtung. Wir produzieren hydraulische Vorrichtungen, um Rinder anzuheben und sie für eine Weile ruhig zu stellen. Sie heißen Cowtipper, wir nennen sie Kuh-Kipper.“ Er lächelte ein wenig entschuldigend. „Das ist normalerweise die Stelle, an der jeder ein Gähnen unterdrückt.“

Allerdings hatte Liz schon als Teenager gelernt, nach außen interessiert zu wirken – selbst wenn es um solch ein Männerthema ging, das sie todlangweilig fand. Mit gut gespielter Faszination erkundigte sie sich: „Und warum sollte man eine Kuh umkippen wollen?“

„Gute Frage“, erwiderte Mitchell.

Hinter der Bar klingelte ein Telefon. Liz schaute zu Moses hinüber, der jedoch anderweitig beschäftigt war. „Entschuldige mich einen Moment“, bat sie.

Mitch nickte. „Klar.“

Während er einen Schluck von seinem Bier nahm, das mittlerweile bestimmt abgestanden schmeckte, ging sie ans Telefon. Auswendig nannte sie die Öffnungszeiten der Bar.

„Entschuldigung“, sagte sie, als sie zurückkam. „Also, wie war das nun mit den umgekippten Kühen?“

„Eigentlich geht es eher darum, sie anzuheben und für verschiedene Dinge bewegungslos zu halten. Zum Beispiel, um ihnen die Hufe zu schneiden. Aber ich will dich jetzt nicht mit den Verkaufsargumenten langweilen.“

Er machte eine Pause, schob die Bierflasche ein paar Zentimeter nach rechts, dann wieder auf den alten Platz zurück. Schließlich fuhr er fort: „Jedenfalls suche ich eine Büroassistentin. Suzy will aufhören, und deshalb brauche ich jemanden, der ans Telefon geht, meinen Terminkalender führt, die Ablage macht und sich um andere Bürodinge kümmert.“

„Und wie kommst du darauf, dass ich mich mit dem Computer auskenne?“, fragte sie zweifelnd, obwohl sie durchaus interessiert war.

„Gerade hast du gesagt, dass du mal in einem Steuerbüro gearbeitet hast. Also hast du zumindest Grundkenntnisse.

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